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Weiße Weihnachten

GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P18 Slash
Jakob Lundt Thomas Schmitt
23.11.2020
26.01.2021
24
60.733
25
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23.11.2020 1.026
 
“Ich wünsche dir schöne Weihnachtsferien!”
Jakob stand lächelnd vor ihm im grellen Büroflur und hatte vielleicht ein, zwei Glühwein zu viel gehabt, weshalb sein Blick leicht glasig wirkte. “Ach ja, und du hattest Recht, eine Live-Aufzeichnung am 23.12. ist echt ‘ne selten dämliche Idee gewesen.” Etwas verlegen schob er wie so oft die Hände in die Hosentasche und schaute kurz zu Boden.
“Ach, ich glaube, es ist trotzdem ganz witzig geworden”, wiegelte Thomas ab und merkte, wie er leicht schwankte, weshalb er sich an der Wand abstützte.
“Ja?”, fragte Jakob hoffnungsvoll und schaute ihn doch wieder an.
“Ja”, bestätigte Thomas und lächelte. “Also…”, ach er wusste einfach nicht was er sagen sollte.
Aber Jakob unterbrach ihn: “Noch mal: Schöne Feiertage Schmitti. Komm gut an, in der alten Heimat.” Er hatte die Hände wieder aus den Taschen gezogen und tätschelte ihm den Oberarm.
Thomas nickte und lächelte noch immer, allerdings jetzt etwas angestrengter. “Und dir auch schöne Feiertage mit deinen Eltern und Geschwistern. Du fährst schon morgen Vormittag zu deiner Schwester nach Brandenburg, oder?” Er wollte noch nicht gehen, also hielt er das Gespräch krampfhaft aufrecht, Gott wie unangenehm.
“Genau. Morgen Mittag, damit wir das Krippenspiel nicht verpassen. Mein Schwager ist ja erzkatholisch.”
“Kommt mir bekannt vor”, zwinkerte Thomas. Jakob grinste.
“Bis Silvester?”
“Ja.” Und eigentlich hatten sie jetzt wirklich alles gesagt, aber noch immer rührte sich keiner von ihnen. So standen sie nur einfach auf diesem kargen Flur und sahen sich an.
“Ach komm her!”, Jakob öffnete seine Arme und zog Thomas zu sich. Thomas seufzte leise. Wieso schlossen sich seine Augen nur so von alleine? Warum musste sein Körper ihn immer wieder verraten?
Eine Woche würde er ihn nun nicht sehen. Das erste mal überhaupt in diesem Jahr. Den Sommerurlaub hatten sie dieses Jahr mit ihren Freunden gemeinsam verbracht: Zwei Wochen Mallorca. Und Pfingsten waren sie für 5 Tage zusammen nach London geflogen. Einfach so. Hatten ein Konzert besucht und die Studios der BBC. Und an den anderen langen Wochenenden hatten sie immer etwas gemeinsam unternomme; hatten mal Ausflüge gemacht, waren noch mal weggefahren oder hatten einfach nur ein neues Spiel durchgezockt, als es Fronleichnam durchgeschüttet hatte.
Er überlegte, ob sie dieses Jahr überhaupt ein einziges mal mehr als 48 Stunden getrennt voneinander verbracht hatten. Selbst Ostern war er hier geblieben, weil seine Eltern mit seinem Bruder und dessen Kindern im Urlaub gewesen waren.
Und gerade Weihnachten sollten sie sich jetzt nicht mehr sehen? Das tat mehr weh, als es sollte.
“Tschüß mein Lieber”, flüsterte Jakob.
“Bis dann”, antwortete er mit belegter Stimme.
Er wollte nicht gehen.
Er wollte einfach nur hier bei Jakob bleiben. Und daher ließ er nicht los - und Jakob auch nicht. Stattdessen vergrub er sein Gesicht in Jakobs Halsbeuge und genoss die streichelnde Bewegung auf seinem Rücken. Arm in Arm standen sie gemeinsam im Flur ihrer Firma und sahen keinen Sinn darin sich loszulassen. Also blieben sie hier. Genauso, wie sie waren. Und ganz ehrlich, warum auch nicht, dachte er trotzig.

Eigentlich freute er sich doch so sehr auf seine Eltern, seinen Bruder, seine Schwägerin, seine Neffen und Nichten, selbst auf seine verschrobene Tante. Er freute sich darauf Louis Drohne aufzubauen und mit ihm auf dem Feld das Fliegen zu üben. Er freute sich auf Mamas Rollbraten, mit Lilly Duplo zu bauen und mit Max die Murmelbahn auszuprobieren. Aber er wollte nicht gehen.
Ihn nicht zurücklassen.
Er wollte mit Jakob zusammen Weihnachten feiern und vor allem wollte er sich unter keinen Umständen für eine Woche von ihm trennen.
Hier in diesem Moment durchdrang ihn eine tiefe Gewissheit, auch wenn er es eigentlich schon so lange gewusst hatte: Er hatte sich über beide Ohren in Jakob verliebt - und das sicher schon seit langer, langer Zeit: Wochen, Monate oder gar Jahre.
Fuck...
Die Erkenntnis traf ihn hart und die damit einhergehende Panik vertrieb jegliche Weihnachtsromantik. Langsam löste er sich aus der Umarmung und gleichzeitig verspürte er den widersprüchlichen, aber extrem starken Drang Jakob zwei, drei Schritte rückwärts gegen die Wand zu drängen und ihm die Zunge in den Hals zu stecken.
Fuck. Fuck. Fuck.
Schmitti, du hast ein Problem. Ein riesiges, bärtiges, brilletragendes, Cappuccino trinkendes Problem.
Er verharrte noch immer viel zu nah vor dem freundlichen Gesicht und konnte und wollte sich nicht völlig lösen: Schaute in die Augen, sah die auffordernd zuckende Augenbrauen, sah den lächelnden Mund und spürte noch immer die Hände, die sich auf seine Hüften gelegt hatten.
Und wer weiß, was passiert wäre, hätte nicht in diesem Moment Klaas vom anderen Ende des langen Ganges "Fröhliche Weihnacht, Schmittimaus!" gebrüllt. Fast panisch zuckten sie zusammen.

Fuck!!!

"Tschüß Schmitti", murmelte Jakob, und ließ ihn los. Er wirkte etwas resigniert.

Jakob drehte sich einfach ab und winkte ein letztes Mal, bevor er etwas hektisch und irgendwie ohne Sinn in Jokos Büro abbog.
Thomas drehte sich um und trat durch die Eingangstür, zog sich die Kapuze über den Kopf, steckte sich eine Zigarette an und schlurfte durch den ersten zarten Neuschnee, der leise vom Himmel fiel und die Welt puderte.
Irgendwie wollte das so gar nicht aufeinander passen, dieses tiefe Gefühl, der Schnee und die latente Verzweiflung ob seines Zustands. Er verfluchte sein rasendes Herz, seinen pochenden Schwanz, Jakob Lundt sowieso und erst Recht Klaas Heufer-Umlauf, der sie unterbrochen hatte.

Was ein beschissen, verwirrender Start in die Weihnachtsferien.

Zwanzig Minuten später lag er im Bett: “Gute Nacht mein Schatz. Wir freuen uns alle schon so auf dich!”, hatte seine Mutter ihm noch vor einigen Stunden geschrieben. Und ja, doch. Natürlich freute er sich auch auf sie. Wirklich. Sicherlich würden die Feiertage Ablenkung bringen. Ablenkung von Jakob Lundt und dem Herzrasen, das er seit einigen Monaten bei ihm auslöste. Sicherlich. Hoffentlich. Vielleicht zumindest ein kleines Bisschen.
Er seufzte.
Nein.
Nicht ein kleines Stück.


***

Ich wünsche euch einen schönen Start in diese besondere und vielleicht für manche*n etwas einsame Weihnachtszeit. Hoffentlich kann ich euch etwas in Stimmung bringen. In den anderen FFs geht es bald weiter. Diese hier hatte ich allerdings im Sommer bereits vorgeschrieben. In der anderen hänge gerade etwas. Aber auch dort warten weitere Kapitel.
Ich hoffe euch gefällt die Idee.
Liebe Grüße,
Leo
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