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Auf unbekannten Pfaden (Geschichte Nr.4)

von Atheris
GeschichteFantasy / P16
OC (Own Character)
23.11.2020
23.11.2020
11
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23.11.2020 2.352
 
Blaue Blitze bildeten sich um den Portalkreis und durchzuckten den Innenhof im alten Teil von Kaer Iwhaell. Die Szenerie vor seinen Augen schien zu verschwimmen, und einen Augenblick später umhüllte ihn absolute Dunkelheit. Ein inneres Gefühl der Zerrissenheit überkam ihn. Sein Körper fing an zu kribbeln und zu stechen, als wenn er in einem Ameisenhaufen liegen würde. Der Zustand hielt eine gefühlte Ewigkeit an. Atheris traute sich weder zu atmen noch sich in irgendeiner Form zu bewegen, sofern er dies überhaupt hätte tun können. Wie lange der Portalsprung dauerte, konnte er nicht sagen, denn er hatte jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren. Erst als der Portalkreis erneut anfing blaue Blitze zu erzeugen, und sich das Ganze zu einem wahren Lichtinferno entwickelte, endete der Spuk in einer grellen Lichtexplosion, die dem Nilfgaarder alle Sinne raubte.

Nachdem sich das bunte Nachbild vor dem inneren Auge des Hexers verflüchtigt hatte, umhüllte ihn erneut die absolute Finsternis. Sein Puls raste, der Atem war flach und schnell, seine sonst so ruhigen Hände zitterten wie Espenlaub. Atheris versuchte sich zu sammeln, als ihn ein würgendes Geräusch, sowie der darauffolgende Gestank von Gallenflüssigkeit und Erbrochenen aus seiner Starre riss. „Damit wäre der Beweis erbracht, dass wir offensichtlich nicht tot sind!“ merkte Atheris trocken und erntete zustimmendes Gemurmel. „Heskor! Alles gut?“ fragte er weiter. Es war nur eine Vermutung von Atheris gewesen, aber der alte Assassine war derjenige unter ihnen, der mit gewirkter Magie nicht zurechtkam. „Hier hinten ist alles gut! Ich hoffe ich habe niemanden getroffen!“ erwiderte Heskor. „Wie wäre es mit ein wenig Licht?“ fragte Atheris in die Runde seiner Begleiter. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis der Nilfgaarder hörte wie ein Stück Stoff zerrissen wurde, dann wie geschickte Hände etwas bastelten und letztendlich das Tropfen einer Flüssigkeit. Mit einem leisen „Igni!“ entzündete Viktor seine improvisierte Fackel und die Dunkelheit verflog.

Mit seinen katzenhaften Augen reichte Atheris das wenige Licht, um sich einen guten Überblick zu verschaffen.  Zunächst war er erleichtert zu sehen, dass alle Greifen den Sprung durch das Portal geschafft hatten. Auch konnte er zumindest auf den ersten Blick keine schweren Verletzungen bei seinen Freunden erkennen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass bei der Gruppe alles in Ordnung war, konzentrierte er sich auf den Raum in dem sie sich befanden. Er war fensterlos, das Gewölbe etwa zehn Schritt hoch und die Wände bestanden aus hellen Sandsteinquadern. Zwei dicke Säulen hielten das große Gewölbe in der Mitte, sie waren mit Früchten verziert und auf ihnen standen Worte, die Atheris nicht lesen konnte. Nur ein Tor schien aus diesem dunklen Raum zu führen und es war durch eine schwere Tür verschlossen. Direkt neben ihm befanden sich drei bronzene Feuerschalen, die in einem Dreieck um das Portal herum angeordnet standen. Apropos Portal, Atheris fiel auf, dass die vorher lose auf dem Boden ausgelegten Portalsteine nun auf in den Boden eingelassenen Sockeln ruhten … „seltsam!“ entfuhr es dem Hexer, als er die Konstellation betrachtete, und er zog die rechte Augenbraue leicht nach oben. Dies tat er meistens, wenn er sich etwas nicht erklären konnte. Er bemerkte Logan, wie er seinen Dolch durch die Luft schneiden sah. Dieser bemerkte den Blick des Nilfgaarders. „Ich denke wir können aus dem Portalkreis gefahrlos heraustreten!“ stellte der Blondschopf mit ernster Miene fest. Kein Wunder, so lag doch zu Logans Füßen der abgetrennte Kopf eines Fanatikers, der noch vor wenigen Augenblicken genau in dem Moment zum Angriff auf sie angesetzt hatte, als sich das Portal aktivierte. Wie durch eine unsichtbare, scharfe Klinge hatte sich der Körper von dem Kopf getrennt. Mit der Gewissheit, den Kreis sicher verlassen zu können, machten sich Atheris und seine Begleiter daran, den Raum weiter zu erkunden. Zunächst kümmerte sich sein Freund Raaga um die Feuerschalen, indem er zunächst daran roch und anschließend die zähe Flüssigkeit zwischen Daumen und Zeigefinger etwas verrieb. Zufrieden gab er Viktor und Atheris mit einem kurzen Nicken zu verstehen, dass er keine Bedenken hatte, die Flüssigkeit zu entzünden. Die drei Hexer entzündeten das Feuer in einer fast perfekten Synchronisation  mit dem Hexerzeichen ‚Igni‘. Das warme Licht des Feuers auf dem hellen Stein wirkte friedlich. Bei genauerer Betrachtung, konnte Atheris erkennen, dass die Steine der Wände in einem schlechten Zustand waren, überall taten sich feine Risse auf und die dicke Staubschicht auf dem Boden gab ihm deutlich zu verstehen, dass sie hier die ersten Besucher seit einer sehr langen Zeit waren.

Erst jetzt bemerkte Atheris, wie etwas Warmes von seiner linken Hand auf den Boden tropfte, es war Blut, sein Blut! Wie die anderen Hexer war auch der Nilfgaarder nicht ohne Blessuren aus dem Gefecht um Kaer Iwhaell davongekommen. Die Wunde befand sich am Übergang zwischen seiner Schulterplatte und der Ellenbogenkachel. Das war die Quittung dafür, dass er für eine höhere Beweglichkeit auf die schwerere Panzerung verzichtet hatte. Zumindest war es ein sauberer Schnitt von einer scharfen Waffe gewesen und würde nur eine kleine Narbe hinterlassen. Ansonsten hatte er Glück gehabt, die alten Teile seiner schwarzen Rüstung hatten ihn vor den schlimmsten Verletzungen geschützt. Raaga hatte es deutlich übler erwischt, eine Speerspitze musste ihren Weg durch seine Deckung gefunden haben und hatte sich in seine rechte Seite gebohrt. Im Fackelschein war ihm diese Wunde bei seinem Zunftbruder nicht aufgefallen, aber inzwischen hatte das Blut die Tunika dunkelgefärbt und somit die Verwundung offenbart.

Atheris ging von Logan gefolgt zum Tor und betrachtete die alte, massive Tür genauer. „Verschlossen!“ stellte er fest, als er an der Tür rüttelte. Er schaute zurück zu Heskor. Der Mann für solche Fälle hatte die Folgen des Portalsprunges noch nicht überwunden, er saß neben Nella auf dem Boden und ließ sich seine letzte Mahlzeit erneut durch den Kopf gehen. „Also schön Logan, dann eben auf die nicht feine Art!“ schmunzelte er, ging einen halben Schritt zurück … suchte sich einen festen Stand und trat mit aller Kraft gegen das alte Holz. Ein lautes Knacken war zu hören und einige Risse wurden sichtbar. Logan stellte sich neben den großen Nilfgaarder und sie wiederholten es gemeinsam. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, die beiden hatten einige Bretter lose getreten und nach einem dritten Kraftakt war es ihnen möglich, drei Bretter aus der unteren Hälfte der Tür zu entfernen, so dass Logan hindurch schlüpfen konnte. Mit einem rostigen Klacken öffnete sich der Schließmechanismus und der Weg war frei. Zufrieden ging Atheris zurück zum Portalkreis und kniete sich neben Nella, die auf ihrem roten Mantel gebettet neben Heskor lag. Ihr Atem ging ruhig und das Herz schlug zwar langsam aber dafür kräftig. Er hatte gesehen, wie sie bei der Schlacht um Kaer Iwhaell mehrere Feuerbälle auf die Angreifer losgelassen hatte … blind vor Wut, weil die Fanatiker ihren geliebten Valerian auf einem Scheiterhaufen verbrennen wollten. Er hatte nicht viel Ahnung von Magie, aber vermutlich litt sie an einer Art magischer Erschöpfung … falls es sowas überhaupt gab. Atheris erhob sich langsam, zumindest war sie für den Moment nicht Gefahr und transportfähig. Als letztes ging er zu seinem treuen Streitross Ker’zaer, der schwarze Hengst stand ruhig am Rande des Portals und kaute an einem Stück Schwarzbrot, das er aus einer der kaputten Proviantkisten gezogen hatte. „Sheyss!“ fluchte er, als er realisierte, dass einige der Ausrüstungskisten und Taschen kaputt waren. Ob sie durch den Portalsprung oder während der Schlacht in Mitleidenschaft gezogen worden waren, konnte er nicht sagen … vermutlich beides. Schlecht gelaunt strich Atheris seinem Pferd beruhigend durch die dichte schwarze Mähne und klopfte ihm dann zum Schluss auf den muskulösen Hals. Nachdem die anderen sich auch wieder zusammengefunden hatten und es in diesem Raum nichts weiteres Aufregendes zu entdecken gab, setzte sich Atheris auf eine größere Tasche. Seine Gedanken wanderten für einen Moment zu Meister Valerian, sie hatten ihn vor der Burgmauer mitten im Schlachtgetümmel auf dem Rücken eines Trolles zurücklassen müssen. Ob er entkommen war?

Die knurrige Stimme von Raaga riss ihn zurück ins hier und jetzt. „Atheris, ich denke es ist Zeit zu gehen! … Lass uns rausfinden, was uns außerhalb dieser Wände erwartet!“ Der Nilfgaarder blickte zu dem bärtigen Skelliger auf, der mit seiner geschulterten Axt bereit für den Aufbruch schien. „Raaga … ich weiß du bist hart im Nehmen, aber du solltest dich zuerst um deine Wunde kümmern. Du bist inzwischen verdammt bleich, selbst für einen Skelliger, der die Sonne nur aus Erzählungen kennt!“ antwortete Atheris. Raaga schien zum ersten Mal Kenntnis von seiner Verletzung zu nehmen und brummte zustimmend. Er kniete sich ohne weitere Worte auf den Boden, zog aus einer unscheinbaren Tasche an seinem Gürtel eine Nadel, einen stabilen Faden aus Tierdarm und ein sauberes Stück Stoff. Während sich Raaga daranmachte, die Wunde mehr oder weniger schön zu nähen, tastete Atheris nach einem kleinen Fläschchen, das er für gewöhnlich an seinem linken Beinholster befestigt hatte. Seine Hand fand geübt das gesuchte Objekt, und er warf dem Skelliger den roten Trank mit der Aufschrift ‚Schwalbe‘ zu. „Geh kein Risiko ein Raaga, die Wunde scheint tief zu sein und womöglich hast du auch innere Verletzungen!“ erläuterte Atheris. Mit den Zähnen zog der Skelliger den Korken aus der Flasche und entleerte die Flüssigkeit in einem Zug. Sofort begann der Hexertrank seine Wirkung zu entfalten, mit der Folge, dass sein Gesicht noch bleicher wurde und seine Adern pulsierend hervortraten. Jeden ‚normalen‘ Menschen würde die Einnahme dieses Trankes das Leben kosten. Einzig der veränderte Metabolismus der Hexer ermöglichte ihnen, sich auf diese Art zu heilen. „Logan!“ rief Atheris und der blonde Jüngling, der gerade dabei war mit Egon die Portalsteine aus den Sockeln zu entfernen und in eine Kiste zu verstauen, blickte zu ihm auf. „Logan, lass uns schauen, was hinter der Tür auf uns wartet!“ fuhr der Nilfgaarder fort.

Eine etwa drei Schritt breite, verstaubte Rampe führte die beiden nach oben. Tiefe Spuren im Boden zeugten davon, dass hier schwere Wägen auf und abgefahren sein mussten. Ob die Bewohner den Portalraum für den Gütertransfer genutzt hatten, fragte sich Atheris. Zumindest würden sie keine Probleme damit haben, ihre Ausrüstung und Ker’zaer hier hoch zu bekommen. Der Weg nach oben endete vor einer weiteren massiven Flügeltür. „Wieder verschlossen!“ fluchte Atheris, als er die schweren Riegel bewegen wollte. Auch mehrmalige Tritte der beiden Hexer blieben wirkungslos. „Tritt mal beiseite, Logan!“ sagte Atheris und ging ebenfalls drei Schritt zurück und fing sich an zu konzentrieren. Nachdem er genügend Energie gesammelt hatte, wirkte er das Zeichen ‚Aard!“ und ließ die Druckwelle gegen die Tür peitschen … die gewünschte Wirkung blieb allerdings aus. „Warte kurz auf mich, Atheris!“ rief Logan, der sich bereits auf den Rückweg zum Lager befand. Kurze Zeit später kam er mit einer Flasche wieder. „Hey, hast du etwa den guten Wein darin weggekippt?“ beschwerte sich der Nilfgaarder, als er eine seiner Weinflaschen erkannte. Logan zog nur entschuldigend die Schultern hoch und hielt ihm die Flasche hin, aus der oben ein Stück Stoff rausragte. „Könntest du bitte?“ fragte der junge Hexer und Atheris entzündete mit einem kleinen ‚Igni‘ die provisorische Lunte. Aus sicherer Entfernung warf er dann die Flasche gegen die Tür. Mit einer Explosion zerbrach die Flasche in tausend Scherben und die nun brennende Flüssigkeit verteilte sich über die Tür. Die Hitze war so hoch, dass es nicht lange dauerte, bis das Holz der Tür zu glühen anfing. Der Rauch brannte Atheris unangenehm in den Augen und das Atmen wurde schwerer. Die Nase in der Ellenbeuge versteckt beobachteten die beiden Hexer, wie das verkohlte Holz endlich nachgab. „Stronthe!“ entfuhr es Atheris, als er sah, wie eine Sandlawine sich ihren Weg durch die Öffnung bahnte. Schnell wichen die beiden zurück und nach etwa zwanzig Schritt kam die Lawine zum Stehen. Vorsichtig traten die beiden durch die verkohlten Überreste der Tür, die nur noch lose in den Angeln hing.

Augenblicklich brannte den beiden die heiße Sonne mitten ins Gesicht. Atheris musste sich erneut die empfindlichen Augen reiben und es dauerte einen Moment, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Sie befanden sich am Rande eines Innenhofes, der von einer alten dicken Mauer umgeben war. Die einstmals kunstvollen Verzierungen des Säulenganges, der den Hof umschloss, waren verwittert und die Männerstatue, die im Hof stand, hatte ihren Kopf und die Gliedmaßen verloren. Vermutlich würde man diese im Sand wiederfinden, der die Figur bereits bis zu den Knien verschlungen hatte. „Verdammt lange war hier niemand mehr!“ stellte Atheris nüchtern fest. „Das Leben großer Menschen erinnert uns daran, dass wir unser Leben erhaben leben und beim Abschied unseren Fußabdruck im Sand der Zeit hinterlassen können!“ zitierte Atheris einen alten Spruch, den er im Kastell Graupian in seiner Heimat gelernt hatte. Ein Fußabdruck im Sand der Zeit … der Sand der Zeit hatte dies alles hier in Vergessenheit geraten lassen. Atheris löste sich von seinen Gedanken und prüfte mit wachem Auge weiter die Umgebung. Der Keller, aus dem sie soeben geschritten waren, gehörte zu einem großen fünfstöckigen Palais, dessen Dach eine zerborstene Kuppel bildete. „Von da oben sollten wir eine gute Aussicht haben, Logan!“ Atheris zeigte auf einen Balkon im vierten Stock, der zumindest von unten noch stabil aussah. Mit aller gebotenen Vorsicht arbeiteten sich die beiden Hexer durch die Räumlichkeiten nach oben. Vorbei an vom groben Sand geschliffenen Säulen und Mosaiken … vorbei an zersplitterten Vasen und Skulpturen … über mit Sand bedeckte Treppenstufen und Hallen … der Sand … wie ein riesiges Leichentuch hatte er das einstige Leben hier bedeckt. Es dauerte länger als gedacht bis zum Ziel vorzustoßen, immer wieder mussten sie Umwege in Kauf nehmen, da Wände eingestürzt oder Treppen ihre Last nicht mehr tragen konnten. Endlich setzte Atheris seinen Fuß auf den Balkon … er hielt.  „A d’yaebl aép arse!“ fluchte Atheris und Logans Gesichtsausdruck verdeutlichte, dass der Blondschopf es nicht anders beurteilte. Zu ihren Füßen lag eine ganze Stadt, die zu ihrer Blütezeit gut und gerne fünftausend Seelen beheimatet haben durfte. Die großen und kleinen Gebäude mussten in einem noch schlechteren Zustand sein als der Palais, durch den sie sich soeben gekämpft hatten … und über allem lag Sand. Die Stadt wurde umschlossen von einer breiten Stadtmauer, die im Verhältnis zu den anderen Objekten, relativ gut erhalten war. Was hinter der Stadtmauer zu sehen war, ließ den beiden Hexern das Herz in die Hose rutschen. Nichts … absolut nichts … Sand! „In was für eine verdammte Scheiße sind wir hier geraten?“ fragte Logan und starrte zum Horizont.
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