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Das letzte Gefecht um Kaer Iwhaell (Geschichte Nr. 3)

von Atheris
GeschichteFantasy / P16
OC (Own Character)
23.11.2020
23.11.2020
4
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23.11.2020 2.260
 
Greifenburg Kaer Iwhaell, Solonia, Winter 1279

Der Großmeister der Greifenhexer Valerian „Draugr“ von Novigrad stand in seinem grauen Morgenmantel mit einer Tasse heißen Kräutertee auf dem Balkon vor seinem Gemach und schaute hinunter zum verschneiten Innenhof der alten Burg Kaer Iwhaell. Vier seiner verbliebenen fünf Schüler waren gerade dabei, ihre morgendlichen Übungen im Innenhof zu absolvieren. Der ehemalige nilfgaarder Soldat Atheris lieferte sich gerade einen erbitterten Schwertkampf mit Viktor. Die Fähigkeiten der beiden hatte sich in den letzten Monaten erneut deutlich verbessert. Valerian nickte zufrieden und er wendete seine Aufmerksamkeit auf seine beiden jüngsten Schüler. Logan und Egon mussten härter als seine anderen Schüler an ihrer Physis arbeiten, um den Nachteil der fehlenden Kräuterprobe zumindest ein wenig ausgleichen zu können. Das Wissen um die Kräuterprobe, welche die Mutationen bei den Hexern erzeugte, war verloren gegangen. Valerian war strickt dagegen einen seiner Schüler ohne die verbesserten Fähigkeiten auf Monsterjagd zu entsenden, er musste einen Weg finden, das Wissen zurück zu erlangen. Er blickte zu seinem Gepäck, das vor seiner Kleidertruhe für die anstehende Expedition bereitstand. Auf dieser würde er auf die Suche nach dem verlorenen Wissen gehen. Außer den Hexern waren inzwischen viele Bewohner aus dem naheliegenden Dorf ‚Treuhall‘ damit beschäftigt, verschiedenste Kisten, Fässer und Truhen auf Ochsenkarren zu verladen. Gerade erst verließ ein vollbepackter Wagen die Tore in Richtung Hafen an der Elfenküste, um einen Teil der Bibliothek vor dem kommenden Untergang zu bewahren – zumindest was von der Bibliothek nach deren Diebstahl und der langsamen Restaurierung des Bücherbestandes übrig war. Valerians Blick richtete sich zum Himmel. Obwohl die Sonne bereits aufgegangen war, konnte er die Ursache der sich anbahnenden Katastrophe deutlich sehen: Der Mond am Firmament war vor vier Monaten in drei Teile zerbrochen, hatte seine Bahn verlassen und stürzte nun unaufhaltsam auf sie zu. Einige Gelehrte, die Valerian gut kannte, hatten geschätzt, dass im Winter nächsten Jahres der Himmelskörper einschlagen würde, wobei schon deutlich früher Umweltkatastrophen eintreten würden. Valerian hatte daraufhin die Evakuierung von Kaer Iwhaell befohlen und dafür die wenigen Goldreserven verwendet, die er auf die Schnelle zur Verfügung hatte. Sein Ziel war es, soviel Ausrüstung wie möglich zu retten. Die ‚Funkenflug‘, eine alte Handelskogge, die den Greifenhexern gehörte, lag an der Elfenküste vor Anker und wartete auf ihre wertvolle Ladung. Mit dem Schiff würden alle durch die geheime Nebelbank, die vor dem Kontinent Solonia lag und eine Art permanentes Portal bildete, dessen Ursprung Valerian nicht kannte, in die ‚alte Welt‘ gelangen. Einige Minuten verharrte der alte Mann in seiner Beobachterrolle und rief dann laut in den Hof hinunter: „Versammlung in fünfzehn Augenblicken!“ Er drehte sich um und schritt in das Innere der Räumlichkeiten. Viele von seinen persönlichen Sachen waren bereits verladen worden, wodurch der Raum kalt und ungemütlich wirkte. Erneut musste er also ein ihm lieb gewonnenes Heim aufgeben. In seinem, mit vielen Fellen ausgestatteten Bett, lag noch eine blonde Elfe, die ihn halb verschlafen zulächelte, während er sich anzog. Nella würde ihn auf der anstehenden Reise nicht begleiten und dieser Umstand machte ihn, obwohl er doch ein vermeintlich gefühlsloser Hexer war, sehr traurig. Valerian verließ sein Quartier, lief den langen Gang des Wohntraktes entlang, blickte in die leer geräumten Zimmer und gelangte über eine lange gewundene Treppe hinunter. Wenig später waren alle Bewohner von Kaer Iwhaell in der gemütlichen Halle des Marstalls versammelt. Neben den Greifenhexern waren noch die blonde Elfenmagierin Nella, der Händler und Dienstleister Heskor, sowie der Wolfshexer Volmar von Brugge mit seiner Begleiterin Charlotte anwesend. Valerian war ein Führer wider Willen und mochte keine großen Reden halten, deswegen fasste er sich wie immer kurz und knapp: „Die Vorbereitungen zur Evakuierung laufen seit Wochen und sind fast beendet. Die wichtigsten bürokratischen Angelegenheiten hier sind ebenfalls geklärt. Volmar, Charlotte und ich werden heute Mittag bereits abreisen. Ich habe Volmar versprochen, ihn auf der Suche in Kaer Morhen nach essenziellem Wissen für die Zukunft unserer Schule zu unterstützen. Hoffentlich gelingt es mir, das benötigte Wissen bezüglich der Kräuterprobe zu erlangen, an der Saleha und Eiwa so emsig mit uns forschen… wir werden sehen.“ Valerian machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr „Atheris, ich bitte dich die Evakuierung von Kaer Iwhaell wie besprochen zu Ende zu führen. Wir sehen uns dann im Frühjahr in der Leuenmark, bei der Fischzuchtanlage von Alastriona wieder. Noch Fragen?“ Valerian blickte in die Runde und Atheris zeigte ihm mit einem Nicken, dass er verstanden hatte. Der Großmeister der Greifenhexer wartete bis alle den Raum verlassen hatten, um ihren Aufgaben wieder nachzugehen und rief dann nochmal seinen ältesten Schüler zurück. „Atheris, noch eine Sache! Eigentlich war geplant, das Artefakt nun in Bruenors Koschbasalttruhe zu lagern… ich hab mich umentschieden. Du hast bisher gute Arbeit geleistet und die Maske stets in sicherer Bewegung gehalten. Hier – nimm sie erneut an dich“ er drückte dem großen Hexer eine versiegelte, kompakte Truhe in die Hand und fuhr fort, „ich vertraue dir das Artefakt an, erneut. Du kennst die Gefahr und die Macht, die damit verbunden ist, also bleibe nach der Abreise immer in Bewegung, halte dich von Ärger fern und wir treffen uns in einigen Wochen am verabredeten Treffpunkt wieder!“, Valerian packte seinen Schüler noch einmal kräftig an dessen breiten Schultern, schaute ihm tief in die katzenhaften Augen und wendete sich dann ab. Er schritt aus dem Marstall, und traf im Flur den wartenden Volmar – der ihm verstehend zunickte: Sie gingen zusammen in Valerians Studierzimmer: es gab noch einiges vor der Reise mit dem Wolfshexer unter vier Augen zu besprechen.

Am späten Nachmittag war der Moment des Abschiedes gekommen. Während Volmar und Charlotte bereits auf ihren Pferden saßen, befestigte Valerian noch seinen Schlafsack hinten am Sattel. Die restlichen Bewohner der Schule hatten sich am Tor versammelt und unterhielten sich angeregt miteinander. Nachdem der alte Hexer auch seine Schwerter verstaut hatte, schwang er sich auf seine Schimmelstute ‚Brunhild‘, nickte nochmal allen zu und gab dann seinem Tier die Sporen. Die drei Gefährten ritten durch das offene Tor, folgten der geraden, bergab verlaufenden Straße durch das Dorf und erreichten nach einigen hundert Metern das offene Feld.

Atheris stand noch einige Zeit mit Logan auf der Burgmauer und beobachtete die Abreise seines Meisters. Als die drei Reiter am Horizont verschwunden waren, drehte er sich zu seinem Freund um und sagte mit einem Lächeln im Gesicht: „Scheint als ob wir die Ehre haben, als letzte die Lichter auszumachen. Komm, es gibt noch einiges zu erledigen, bevor wir uns ebenfalls zum Hafen aufmachen!“ Der jüngere Hexer schüttelte seinen blonden Schopf und folgte seinem Freund in den Hof, in dem die anderen Schüler bereits warteten.

Die Wintersonne war hinter der alten Burg untergegangen, die letzten Dorfbewohner stellten ihre Arbeit für den Tag ein und die verbliebenen Bewohner von Kaer Iwhaell hatten sich im umgebauten Marstall versammelt. Diese Halle war in den letzten Jahren maßgeblich das Zentrum der Burg gewesen. Vorlesungen, Festmahle, Trainingshalle und so manch einen feuchtfröhlichen Abend hatten die Hexer in den letzten Jahren hier erlebt. Nun wirkte die Halle kahl, die Einrichtung war bereits auf die Ochsenkarren verladen worden und nur der letzte Eichentisch mit zwei langen Bänken stand noch an seinem angestammten Platz. Die Tischplatte war alt und erzählte durch ihre Flecken und Gravuren so manch eine unterhaltsame Geschichte. Da waren zum einen eine fast schon künstlerische Gravur, welches die Wappen der größeren nördlichen Königreiche in einem Quadrat darstellte, welches von der großen flammenden Sonne Nilfgaards umgeben wurde. Böse Zungen behaupteten es sei der nilfgaardische Hexer Atheris gewesen, der dieses Meisterwerk in den Stammtisch geschnitzt hatte, doch dieser widersprach selbst nach dem siebten Schnaps noch und leugnete, dass er für dieses Werk verantwortlich war. Logan hatte eine seiner Eroberungen künstlerisch auf der Platte verewigt und zuletzt gab es noch einen großen roten Fleck, der tief in die Poren des Holzes eingedrungen war und trotz mehrmaligen Schrubbens nicht mehr zu entfernen ging. Diesen legendären Fleck hatte Großmeister Valerian persönlich verursacht und wurde nur liebevoll von seinen Schülern als ‚Pax Valerian‘ bezeichnet. An ihrem letzten Abend, saßen nun die verbliebenen Greifen an ihrem Lieblingstisch und feierten ein letztes Mal. Atheris hatte den Abschied von Kaer Iwhaell als Anlass genommen, seine letzte Flasche ‚Est Est‘ zu öffnen und jedem seiner Freunde einen Schluck des besten und erlesensten Weines aus seiner Heimat Toussaint zu spendieren. Nach dem alle Kelche gefüllt waren, erhob sich Atheris und begann zu sprechen: „Meine Freunde, wenn ich mich in unserer erlauchten Runde umschaue, stelle ich fest, dass wir alle verschiedene Vaterländer haben. Der Begriff Vaterland fühlt sich männlich an. Vaterland kann blutrünstig sein. Vaterland ist gerade in Redanien und Temerien –aber nicht nur dort – auch ein missbrauchter Begriff. Für das Vaterland wurden schreckliche Kriege begonnen. Ich selber habe drei dieser Kriege jahrelang erlebt und bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich mir wünsche, dass es in jedem Staat Männer geben möge, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinwegsehen könnten, und genau wüssten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört. Vor nunmehr fünf Jahren begegnete ich bei einem Sommerfeldzug per Zufall unseren Großmeister Valerian und auch, wenn es noch einige Zeit dauerte, fand ich hier bei den Greifen eine neue Familie, eine neue Heimat.“ Atheris machte eine rhetorische Pause und blickte seinen Freunden einzeln in die Gesichter bevor er fortfuhr. „Heimat! Heimat fühlt sich weiblich an. Heimat bietet Schutz, wie der Schoß einer Mutter. Heimat ist ein Ort der Geborgenheit, der freien Entfaltung, ein Ort der Liebe. Heimat kommt von ‚Heim‘, von Haus. In diesen Tagen starren die Bewohner Solonias genauso wie wir aus unseren Häusern gen Himmel und betrachten den Mond, wie dieser unsere Welt zu zerstören droht. Wir haben die Wahl, erneut gegen die unbesiegbar erscheinenden Lichtelfen ein letztes Mal ins Gefecht zu ziehen oder die Flucht. Pest oder Cholera. So oder so, wir verlieren alle unsere Heimat Kaer Iwhaell. Aber ich frage euch, was macht Kaer Iwhaell aus? Die alten Mauern? Diese Halle hier? Der Tisch an dem wir sitzen? Nein! Meister Valerian hat es bereits vor zwei Jahren bei der Belagerung durch die Redanier richtig erkannt: Wir sind Kaer Iwhaell, wir sind die Greifen und unsere Heimat ist da, wo wir sind! Also lasst uns an diesem letzten Abend kein Trübsal blasen, denn wir schlagen Morgen ein neues Kapitel in der Geschichte der Greifenschule auf! Deswegen lasst uns nicht auf unsere Vaterländer anstoßen, sondern auf unsere Heimat! Auf uns!“ Atheris erhob den Kelch und die anderen Greifen standen von ihren Plätzen auf und erwiderten die letzten Worte unisono. Es sah so aus, als ob es ein feuchtfröhlicher Abend werden würde. Während sich die Hexer eine interessante Geschichte von Logan über eine seiner Eroberungen anhörten, bemerkte Heskor, dass die Elfenmagierin Nella gedankenversunken auf Valerians freien Platz starrte. Der alte Haudegen nahm seinen Kelch und setzte sich zu ihr „Alles in Ordnung meine Liebe?“ fragte er. Sie blickte Heskor an und antwortete mit einem Lächeln: „Ich musste gerade an die letzten Jahre hier auf Kaer Iwhaell denken. Die Zeiten hier waren nie einfach gewesen, aber wir haben viele Freunde kennen gelernt und auch Gutes bewirkt. Nun geht unsere Zeit hier zu Ende, wir haben unser Heim so gut wie geräumt und viele Gefährten der letzten Jahre haben uns inzwischen verlassen, um eigene neue Wege zu gehen. Valerian ist zu seiner Expedition aufgebrochen, Raaga wird irgendwo in Skellige unterwegs sein und auch wir machen uns demnächst auf den Weg in die Leuenmark. Das ist wirklich das Ende eines Kapitels!“ Heskor trank einen Schluck und betrachtete den Honigwein in seinem Kelch, bevor er ebenfalls anfing zu philosophieren „und gleichzeitig der Anfang einer neuen Geschichte. Ich sehe es wie Valerian und Atheris: Wir sind eine Familie und egal an welchem Ort wir uns befinden, die Wege führen uns wieder zusammen. Diese alte Burg hat ihren Zweck als Heimat und Schule erfüllt und ich für meinen Teil freue mich auf die Leuenmark. Wir haben viele sehr gute Freund dort und ich bin überzeugt davon, dass wir dort die Schule wiederaufbauen werden!“ „Ja, ich freue mich auch auf das Neue, aber es fühlt sich schon so an, als wenn wir die Menschen hier in Solonia im Stich lassen…“ fuhr die Elfe fort. Der Unternehmer Heskor hob die Schultern und erwiderte pragmatisch wie er war: „Fast göttliche Wesen, die den Mond zerbrechen lassen können… Zeitblasen und deren Explosionen, von denen ich nichts verstehe und vieles mehr…“ er schwieg einen Moment „Nein, ich sehe wirklich nicht, wie wir hier noch von Hilfe sein können! Das Unheil zu verhindern haben wir die letzten drei Jahre versucht, und die Situation ist nach jedem unternommenen Schachzug schlimmer geworden. Dass wir alle noch am Leben sind, grenzt an ein Wunder!“ Nella war mit ihren magischen Fähigkeiten eine der Wenigen gewesen, die beim letzten Feldzug noch etwas bewirken konnte, aber auch sie gestand sich ein, dass sie hier und jetzt nicht mehr viel ausrichten konnte. Gerade als die Magierin wieder ihr Wort erheben wollte, wurde die Tür zur großen Halle aufgerissen und ein völlig entkräfteter Raaga stürzte hindurch. Geistesgegenwärtig sprangen Viktor und Atheris von der Bank auf und stürmten die zehn Meter bis zur Tür und schafften es gerade noch ihn aufzufangen, bevor er den Boden unfreiwillig küsste. Während die beiden älteren Hexer ihren Freund stützend zum Tisch führten, hatte Egon einen frischen Humpen Met besorgt, den der Skelliger dankend in einem einzigen großen Zug leerte. Nella war inzwischen hinter den erschöpften Hexer getreten und begann leise einen magischen Spruch zu skandieren, woraufhin ihre Handflächen ein leicht rötliches Licht abstrahlten. Sie legte die Hände an Raagas Schläfen und der Neuankömmling seufzte angenehm auf. Nachdem Nella mit ihrem Wirken geendet hatte, schien der Patient wieder soweit bei Kräften zu sein, dass er anfing zu berichten „Freunde, wir haben ein ernsthaftes Problem.“
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