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Ein Sonntagsspaziergang der besonderen Art

von five-nine
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P6
22.11.2020
22.11.2020
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Sonntagsspaziergang?! – kleine Anekdote

Schon seit gestern Abend schmerzt mein Kopf, vom Nacken aus zieht es über die Schädeldecke und drückt zu, wie eine übergroße Hand.

Ich beschließe trotz Kälte raus zu gehen, die Sonne und der blaue Himmel rufen. Vielleicht hilft mir die Bewegung und die frische Luft?

Ich schreibe meiner Freundin, ob sie mitkommt und werfe noch einen Blick in die Ausbildungsplattform, bei der ich Anfang August angefangen habe, überfliege die Feeds, wo sich andere zeigen, mit dem was sie beschäftigt, was sie erkannt, entschieden oder gefunden haben… Ich habe mich schon länger nicht mehr getraut…

Noch keine Antwort. Ich schaue mir dort noch ein Video dieser Woche an- mein inneres Mantra - und das Workbook dazu. In den vergangenen Monaten war es meist: „Ich bin mit allem verbunden, ich habe/bekomme alles was ich brauche.“ Passt das noch? Ich werde beim Spaziergang darüber nachdenken oder reden und gehe nun einfach los, bei der Freundin vorbei – ihr geht es nicht gut. Sie geht also nicht mit.

Ich laufe allein, spüre bei den Schritten meine Bewegungen, meine eingerostete Hüfte, genieße die Sonne im Gesicht, die Wärme durch die Jacke hindurch und die kühle Luft in meinen Lungen. Es ist Sonntag Mittag, nichts los, kein Mensch unterwegs, kein Auto, keine Flugzeuge am Himmel. Meine Schritte, das Rascheln der Kleidung das einzige Geräusch in der friedlichen Stille. Wie wunderbar.

Wäre da nicht diese innere Unruhe und Getriebenheit, die ich in den letzten Wochen immer wieder spüre und mein Kopf, voll von Gedanken, die anfangen zu analysieren mal hier hin mal dort hin unstrukturiert, sich im Kreis drehend, wie ein Computer, der sich aufhängt und dabei heiß läuft. Nicht hier und nicht dort, irgendwo schwebend mitten drin.

Ich mag nicht mehr… ich mag nicht …mehr…es ist genug. Sei doch still.. .einfach mal nur da.

Ich konzentriere mich auf meinen Körper, meine Füße, die Beine, das Atmen… und schon lässt der Druck am Kopf nach. Aber da war ja noch die Sache mit dem Mantra…

Ich bin verbunden, bekomme alles was ich brauche… Ich bin mit allem verbunden… Ich bin genug… ich bin ganz hier…Ich bin … Es fühlt sich nicht ganz stimmig an. Ich bin… vollkommen  Ploppt plötzlich in mir auf. Ganz kurz keimt eine Sehnsucht doch sofort ist da eine vehemente Stimme: Wie anmaßend! Das ist doch total arrogant…

Halt stopp. Was stand da noch? Mit welchen Gefühlen verbinde ich das? Also was wäre wenn ich es zuließe? Wie würde sich das anfühlen… vollkommen zu sein? Ich lasse mich darauf ein. Frieden schwillt in mir an, Ruhe, in mir ankommen, ohne Selbstoptimierungsdrang, einfach so sein dürfen, mit allem verbunden, am richtigen Ort zur richtigen Zeit, Dankbarkeit erfüllt mich und weitet schon fast schmerzhaft mein Herz, Liebe kommt dazu und treibt mir die Tränen in die Augen.

Eine zweite Stimme meldet sich: Ist das nicht eigentlich genau das, was du versuchst deinen Kindern zu sagen? Du bist ein Teil von Gottes Schöpfung, genauso wie er dich wollte und v.a. macht er keine Fehler! Du bist ein Wunder - genau so richtig wie und wo du bist, du trägst alles in dir – ist das nicht Vollkommenheit?

Für den Moment kann ich es erst mal so stehen lassen. Im Wald angekommen mache ich eine Sequenz Qi-Gong. Geerdet, verbunden, fließende Bewegungen, tiefer Atem, die Sonne im Gesicht …fühlt sich richtig gut an. Ich gehe weiter.

Ob ich das später in der online- Community teile? Traue ich mich das? Da kommt doch bestimmt die selbe Reaktion: wie arrogant! Ich spüre eine Angst … es wäre auf jeden Fall eine Herausforderung. Ein Schritt aus der Komfortzone.

Sollte es nicht egal sein, was andere von dir denken? Die Coaching-Ausbildung wirkt: Warum ist das Wort für mich so negativ belastet? Was verbinde ich eigentlich mit Arroganz? Es steht für Abgrenzung, Trennung, Bewertung von oben herab, besser und schlechter, ein Nicht-dazu-gehören, von etwas ausgeschlossen werden, von Geborgenheit, Anerkennung, Zuwendung und Liebe abgeschnitten werden…

Wow…krass… warum eigentlich? Woher kenne ich das? Ich lasse die Angst zu… fühle hinein ins abgelehnt werden…lasse sie ausbreiten und plötzlich durchfährt mich ein Schmerz mitten ins Herz, alles zieht sich zusammen… ich atme, lasse fließen… die Tränen strömen, ich fühle… ich habe mich als Baby vor Augen. Ich bin da, ich sehe dich, ich fühle für dich… mir scheint es das Herz zu zerreißen und urplötzlich schnürt mir die Angst die Kehle zu, der Atem stockt, es ist keiner da, ich bin völlig allein, hilflos, ausgeliefert… ich muss falsch sein, ich bin nicht richtig wie ich bin… ich könnte sterben… ich muss anders, besser werden… ich bin vielleicht 1-2 Jahre… ich bin hier, ich atme, laufe Schritt für Schritt, atme, fühle und gehe meinen Weg mit Tränen verschwommenem Blick. Der Druck lässt langsam nach, die Angst fließt ab, nein ich sterbe nicht… mein Herz läuft über vor Mitgefühl und Liebe für meine inneren Kinder… ich lasse das Gefühl golden leuchtend zu ihnen strömen, sie davon ausfüllen und umhüllen, drücke sie an mich und nehme sie in mein Herz.

Da ist eine Bank, ich setze mich, spüre nach… wie unerwartet mich das überrollt hat… die Todesangst. Dabei wollte ich doch nur ein Mantra… Mein Herz klopft noch, die Augen brennen von den vergossenen Tränen, die freigewordene Energie pulsiert durch meinen Körper. Was ist der nächste Schritt in der Coaching-Methode? Die Entscheidung - was will ich denn nun für die Zukunft?

Sein wie ich bin. Authentisch fest in mir verankert und trotzdem dem anderen zugewandt in Verbundenheit und Wertschätzung, Unabhängig von Bewertung, in mir angekommen, zufrieden… vollkommen… Da steht dieses unschuldige Wort wieder, wie eine unerschütterliche Tatsache…

Ich sage ja. Ich kann es fühlen, genau jetzt im hier… lasse ich mich davon erfüllen und gebe es mit einem vor Dankbarkeit überquellenden Herzen und einem „so Gott will“ ins Universum, voll Vertrauen, dass alles genau so ist und kommen wird, wie es sein soll.

Was für ein  Sonntagsspaziergang… und die Kopfschmerzen sind weg.
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