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2020 11 22: Der Wald [by NoirAngel]

Kurzbeschreibung
OneshotHorror / P16 / Gen
22.11.2020
22.11.2020
1
1.580
2
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2 Reviews
Dieses Kapitel
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22.11.2020 1.580
 
Tag der Veröffentlichung: 22. November
Zitat: "Huch?! Was willst du denn hier...? Solltest du nicht eigentlich tot sein?" (Black Butler)
Titel der Geschichte: Der Wald
Autor: NoirAngel
Hauptcharaktere: 2 Personen, unbenannt
Kommentar des Autors: Dieses Zitat ist mir tatsächlich sehr flüssig von der Hand gegangen. Eigentlich ist die Geschichte aus einem Impuls heraus entstanden und gar nicht für dieses Zitat gedacht, aber irgendwann hab ich dann gemerkt, dass es hier wunderbar herein passt. Es ist, glaube ich, ein bisschen undurchsichtig, aber ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen^^ Vielen Dank an gentiancrown fürs Betalesen:)



Er kann nicht mehr. Seine Beine schmerzen, jeder Atemzug brennt in den Lungen. Der Schmerz des gebrochenen Arms geht schon fast unter. Doch er muss weiterrennen. Er kann es hinter sich hören. Seine Beine tragen ihn weiter über die Wurzeln und Äste, über totes Laub und Moos. Er duckt sich unter einem tiefhängenden Ast einer Tanne hindurch. Es verlangsamt ihn etwas, doch er nimmt sein Tempo wieder auf. Er keucht. Sein ganzer Körper schmerzt. Er darf nicht stehenbleiben, auf keinen Fall.

Es geht ein Stück bergab. Er strauchelt, kann sich an einem Baum festhalten, stößt sich ab und rennt weiter. Er springt über einen Ast hinweg, wobei er allerdings an einem der herausragenden Äste hängenbleibt. Wieder verliert er kurz das Gleichgewicht. Wieder fängt er sich. Wieder rennt er weiter. Seine Waden brennen. Er riskiert einen Blick zu seinen Füßen. Er ist sich bewusst, dass er das nicht tun sollte, er könnte gegen einen Baum laufen, an einem Ast hängen bleiben oder einfach nur stolpern. An seinem Bein ist Blut. Es läuft von einer Strieme herunter und färbt seine weiße Socke am oberen Ende rot.

Er richtet den Blick wieder nach vorne. Eine Verletzung hin oder her, es macht eh keinen Unterschied mehr. Solange er noch laufen kann, ist alles egal. Er rennt weiter. Es ist immer noch hinter ihm. Und es kommt näher.

Der Wald scheint endlos. Überall nur Bäume. Nichts als Bäume. Er kann nicht entkommen. Warum versucht er es überhaupt? Er kann nicht stehenbleiben. Er ist so weit gekommen, er darf jetzt nicht stehenbleiben. Es ist trotzdem aussichtslos. Er will aber nicht ohne Kampf untergehen. Und so rennt er weiter. Trotz allem, was passiert ist. Trotz der Verletzung. Trotz der schwindenden Hoffnung.

~

„Du musst nicht mit.“
„Ich will aber mit.“
„Wirklich? Das ist lieb von dir.“
„Wo genau liegt dieses Dorf?“
„Ziemlich abgeschieden. Ich weiß, Horror-Film-Klischee, aber keine Kulte oder Rituale oder so. Alles normal dort. Ich will sie aber noch ein letztes Mal sehen, bevor … du weißt schon ...“
„Schon gut. Wir kriegen das schon hin. Was brauchen wir alles?“
„Feste Schuhe und Proviant. Wir sind nur so zwei Stunden unterwegs.“
„Das ist nicht lange.“
„Nein, ist es nicht.“
~

Vor ihm geht es eine kleine Böschung hinauf. Er schaut nach rechts und links, aber er muss da hoch. Es ist immer noch hinter ihm, er kann sich keine Umwege leisten. Er hastet hinauf. Es ist steiler als auf den ersten Blick gedacht. Er taumelt nach vorne, rutscht nach hinten ab. Er muss sich abstützen.

Schmerz zieht sich durch seinen ganzen Körper. Von der rechten Hand angefangen. Er schreit auf, lässt fast los, greift mit der linken Hand nach etwas Moos, zieht sich hoch. Der Schmerz ist unerträglich, doch er zieht sich weiter hoch. Er nutzt jetzt nur noch die linke Hand, um weiterzukommen, nicht mehr die rechte. Ein schneller Blick nach unten auf seine Hand verrät ihm, dass der Knochen seines Unterarmes nun weiter herausragt als noch vor dem Absturz. Blut läuft seinen Arm entlang und tropft auf den Boden. Als wäre der gebrochene Knochen nicht vorher schon schlimm gewesen. Er schaut wieder nach vorne, er befindet sich wieder auf ebenen Boden, weicht einem Baumstamm aus. Versucht zu beschleunigen, doch seine Beine gehorchen nicht. Er keucht. Der Schmerz in seinen Lungen überdeckt nun wieder den Schmerz von seinem Arm. Er ringt nach Luft. Seine Beine schmerzen. Schmerzt irgendwas an seinem Körper eigentlich nicht?

Alles schmerzt. Die Frage ist nur: Was tut gerade am meisten weh und übertönt somit die anderen Schmerzen?

~

„Wir sind fast da. Komm, da vorne ist das Dorf.“
„Der Wald ist wirklich beeindruckend. Es liegt wirklich sehr abgeschieden.“
„Ich weiß. Aber keine Sorge. Man hat hier sogar noch Empfang.“
„Ich habe keine Angst. Ich finde es nur beeindruckend.“
„Das ist es wirklich. Schau, wir sind da.“
~

Keuchend kämpft er sich vorwärts. Ein Ast taucht vor ihm auf, er weicht aus, läuft direkt in den nächsten hinein. Er schlägt ihn weg. Rennt weiter. Ein Stück der Rinde klebt an seinen Wimpern, er wischt sie weg.

Den Baumstumpf sieht er zu spät. Sein Fuß stößt dagegen, er strauchelt. Mit rechts rammt er einen Baum, was eine neue Schmerzwelle durch seinen Körper schießen lässt, ihn aber am Hinfallen hindert. Er ist langsamer geworden, nimmt sein Tempo wieder auf. Nicht ganz, er ist ein bisschen langsamer geworden. Der Schmerz seines Armes lässt ihn schummrig vor den Augen werden. Der Wald und die Bäume verschwimmen für einen kurzen Moment vor ihm. Er sieht nur noch grün und dazwischen etwas braun. Er blinzelt, sieht wieder klar.

Gerade rechtzeitig, um nicht in einen Baum zu laufen. Wieder schrammt er ihn, dieses Mal mit links. Die Rinde hinterlässt kleine Verletzungen auf seiner Haut, aber nicht so schlimm. Er blutet nicht.

Hinter ihm immer noch sein Verfolger. Unablässig jagt es ihn. Ohne Mühe folgt es ihm durch den Wald. Es scheint keine Probleme zu haben. Es ist auch nicht verwundet. Und es spielt mit ihm, dass weiß er sicher. Es könnte ihn schon längst eingeholt haben. Es lässt sich sicher Zeit, schaut, wie weit er kommt, wie lange er kämpft, wie lange er rennen kann. Warum lässt es sich Zeit? Will es ihn leiden sehen? Will es sehen, wie lange er noch durchhält?

Er kann nicht mehr lange, das steht fest, doch jetzt schon aufgeben will er nicht. Er muss weiter. Weiter, weiter, weiter, …
~

„Wohnt sie ganz alleine in dieser Hütte?“
„Ja.“
„Sagtest du nicht, es gäbe ein Dorf?“
„Ja.“
„Wo sind dann die anderen Häuser?“
„Sie sind noch tiefer im Wald.“
„Was ist das denn für ein Dorf?“
„Es ist keines ...“
„Wie bitte?“
„Ach nichts.“
„Was holst du aus deiner Tasche? Wir können doch drinnen etwas trinken. Wenn wir bei ihr sind.“
„Nein, es muss jetzt sein.“
„Ist das dein Ernst? Wir sind doch … was machst du da?“
~

Er kann nicht mehr. Das Seitenstechen hat erheblich zugenommen. Jeder Atemzug fühlt sich an, als würden seine Lungen in Flammen stehen. Seine Beine sind zittrig. Er sieht immer öfter verschwommen. Mal vor ihm die Bäume, die Äste, der Baumstumpf, dann eine grüne Masse mit braunen Flecken und Schlieren. Dazwischen immer wieder schwarze Punkte. Kommt der Sauerstoff überhaupt noch irgendwo an? Atmet er überhaupt noch? Seine Lungen brennen in regelmäßigen Abständen mal mehr mal weniger, also atmet er. Aber es bringt nichts mehr.

Alles verschwimmt wieder, er kracht gegen einen Baum, taumelt, bleibt fast stehen. Hinter ihm Schritte. Er setzt sich wieder in Bewegung. Seine Beine schmerzen. Alles schmerzt.

Sein Tritt geht in eine Leere, trifft auf schrägen Boden. Rutschigen Boden. Er rutscht und stürzt. Er rutscht den Abhang ein Stück herunter, bleibt liegen. Er keucht. Er muss sich aufrappeln. Er dreht sich nach rechts, sein Arm schickt Schmerzen durch seinen ganzen Körper. Er dreht sich nach links und zieht sich an einem Baumstumpf nach oben. Er muss seine Beine dazu bekommen weiterzulaufen. Er schafft es. Erst wankend, dann schneller. Er kann bei weitem sein Höchsttempo nicht mehr erreichen, aber er läuft wieder. Es ist noch hinter ihm.

Will es wissen, wie lange er kämpft? Was ist gerade der stechende Schmerz, der alles andere übertönt? Ist es nicht sinnlos weiterzulaufen?

~

„Ja, er ist tot! Er hat sich umgebracht!“
„...“
„Was soll ich denn wissen? Nein, ich weiß die Koordinaten nicht!“
„...“
„Ich soll was? Kann ich seine Leiche wirklich hier lassen?“
„...“
„Ich weiß nicht recht. Aber okay, ich komme, ich komme zurück. Ich laufe jetzt zurück. Das mache ich jetzt, auch wenn … naja, es irgendwie falsch ist ihn hier zu lassen. Alleine.“
„...“
„Ja, ich bin auf dem Weg. Ich verlasse jetzt gerade die Lichtung.“
„...“
„Ich laufe erst seit circa 10 Minuten. Ich brauche so zwei Stunden. Ich finde es immer noch falsch ihn da oben … Huch!“
„...“
„Was machst du denn hier? Solltest du nicht eigentlich tot sein? Du hast dich umgebracht! Was machst du da? Oh Gott!“
~

Wieder verschwimmen die Bäume. Wieder strauchelt er. Wieder fängt er sich. Doch der Schwindel geht nicht weg. Alles ein grüner Matsch. Er hastet weiter.

Etwas greift ihn von hinten an der Schulter, hält ihn fest. Er fällt. Es ist alles schwarz und voller Schmerz. Als er die Augen öffnet, sieht er über sich das Blau des Himmels. Die Sonne wirft Schatten auf sein Gesicht. Alles verschwimmt wieder. Ein Mix aus blau und grün und ein paar Tupfer braun. Er keucht nur noch.

Es ist vorbei. Er kann nicht mehr fliehen. Es hat keinen Sinn mehr. Es hat anscheinend genug davon ihn zu jagen. Jetzt passiert das, was von Anfang an geplant war.

Das einzige, was er fühlt, ist der Schmerz, der seinen ganzen Körper befallen hat.

Immer mehr schwarze Punkte verdecken sein Sichtfeld bis es vollkommen schwarz wird.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Eine sehr spannende Geschichte und eine interessante Umsetzung des Zitates.

Eure lula-chan
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