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Herbstgefühle

von KiraCat
OneshotAllgemein / P12 / MaleSlash
Diluc Ragnvindr Kaeya Alberich
22.11.2020
22.11.2020
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Es war Herbst, stellte Diluc einmal mehr fest, als er mit Kaeya das Schulgebäude verließ und sich auf den Heimweg machte. Diluc wusste nicht, was er vom Herbst halten sollte.

Auf der einen Seite war der Herbst eine prachtvolle Jahreszeit. Es war die Zeit, in der die Baumkronen feuerrot und glühend gelb leuchteten, die Sonne ein letztes Mal alles in goldenes Licht tauchte, und man inmitten der fallenden Blätter und immer kürzer werdenden Tage mit einer Spur von Melancholie realisierte, dass die Natur just in diesem Moment ein bisschen starb.

Auf der anderen Seite war es einfach nur arschkalt. Aber so richtig. Kälte, Regen, noch mehr Kälte und noch mehr Regen standen auf dem Programm. Ach, und dieser teuflische Wind war natürlich auch noch mit von der Partie. Diluc verabscheute alles drei. Ohne Schal, Winterjacke und gegebenenfalls Regenschirm lief deshalb gar nichts mehr bei ihm.

Kaeya war da ganz anders. Der spazierte nämlich selbst bei gefühlten Minusgraden seelenruhig in seinem Kapuzenpullover herum als wäre es das Normalste der Welt.

„Irgendwann wirst du krank, wenn du weiterhin so leicht bekleidet durch die Gegend rennst“, meinte Diluc und musterte Kaeyas Pullover kritisch.

„Ohh, macht sich da jemand Sorgen um mich?“, entgegnete Kaeya neckisch.

Diluc vergrub sein Gesicht ein bisschen tiefer im Schal. „Ich mach mir höchstens Sorgen um unser Referat. Wenn du krank bist, muss ich die ganze Arbeit alleine machen. Darauf kann ich echt verzichten.“

„Du bist so kaltherzig. Und dann schimpfst du über die Temperaturen“, beschwerte Kaeya sich und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Immer denkst du nur an Schule und Noten.“

„Davon solltest du dir eigentlich eine Scheibe abschneiden.“

„Ja, aber doch nicht heute. Es ist Freitag. Du musst das Leben auch mal lockerer nehmen! Entspannter! Bisschen Spaß haben! Weißt du überhaupt noch, was das ist?“

Diluc seufzte. „Reiß dich zusammen, Kaeya. Wir sind keine Kinder mehr.“

„Das wäre aber schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Mhm... “ Kaeya überlegte kurz. „Wir sollten mal wieder Kastanien sammeln gehen. So wie früher“, schlug er vor.

Für diese Idee hatte Diluc nichts als ein verächtliches Schnauben übrig. An so einen bescheuerten Vorschlag würde er keine Worte verschwenden. Kastanien sammeln. Wie kam man nur auf so etwas Dämliches?

„Du lachst“, sagte Kaeya, „aber du warst doch damals immer derjenige, der einen Wettbewerb daraus gemacht hat, wer die meisten Kastanien sammeln konnte.“ Ein wenig leiser fügte er hinzu: „Du hast es geliebt. Du hast immer gewonnen.“

Diluc wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er wusste nur, dass Kaeya zwar Recht hatte, er das aber nicht direkt vor dem Blauhaarigen zugeben würde. „... Ich bin nicht mehr das Kind von früher“, entgegnete Diluc schließlich und versteckte seine Hände in den Jackentaschen. Sie froren. Und sie waren zu Fäusten geballt. Kaeya musste das nicht sehen.

„Das dachte ich mir“, seufzte Kaeya. „Dann eben keine Kasta...“ Er stockte. „Warte kurz“, bat er und lief ein Stück zurück.

Diluc wartete nicht. Ihm war immer noch kalt und er wollte immer noch heim. Einige Momente später hörte er, wie Kaeya mit lauten, im Laub raschelnden Schritten wieder zum ihm aufholte.

„Mach mal deine Hand auf, Diluc“, forderte er.

„Nein“, lehnte Diluc ab.

„Komm schon.“

„Meine Hände frieren. Ich will die nicht aus der Tasche raus.“

„Jetzt hab dich nicht so. Musst ja nur eine Hand raustun, die andere kann drinnen in der Tasche bleiben.“

„Deine Logik macht keinen Sinn“, grummelte Diluc, gab sich aber geschlagen und streckte die Hand aus. Ohne zu zögern legte Kaeya ihm etwas Kleines, Rotbraunes auf die Handfläche.

Es war eine Kastanie.
​​​​​Eine gottverdammte Kastanie.

Diluc blieb einfach stehen, so perplex war er. Er schaute die Kastanie an, dann Kaeya.

​​​„Ernsthaft? Und was soll ich jetzt damit?“, fragte er trocken.

Kaeya zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Kannst sie ja wegwerfen, wenn du sie nicht brauchst“, antwortete er, mit dem vagen Anflug eines Lächelns auf den Lippen, welches sich nicht so recht deuten ließ.

Neugierig? Erwartungsvoll? Oder eher hoffnungsvoll?

Diluc ließ seinen Blick zurück zur Kastanie schweifen, die kalt und klein in seiner Hand lag. Er brauchte sie nicht. Es wäre ein Leichtes, sie einfach wegzuwerfen. Am besten gegen Kaeyas Kopf.

Wortlos steckte Diluc seine Hand mitsamt der Kastanie zurück in seine Jackentasche und setze sich wieder in Bewegung. Kaeya folgte ihm, leise lachend.

„Was ist so lustig?“, grummelte Diluc und bedachte den Blauhaarigen mit bösem Blick.

„Nichts“, erwiderte Kaeya lächelnd.

Und es war nicht dieses selbstsichere, überhebliche Grinsen, das er oft aufsetzte, sondern ein ehrliches, aufrichtig glückliches Lächeln, von dem Diluc kaum die Augen abwenden mochte, denn solange er es ansah, fühlte er sich ganz warm und kribbelig und --

Ruckartig riss Diluc den Kopf herum und heftete seinen Blick wieder auf den Weg vor ihm.

Verdammte Frühlingsgefühle, die ihrem Namen nicht gerecht werden wollten und mitten im Herbst aufblühten.
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