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Aller Anfang ist schwer

GeschichteRomance, Familie / P12 / MaleSlash
22.11.2020
31.12.2020
10
14.574
5
Alle Kapitel
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22.11.2020 1.450
 
„Was willst du tun? Mich dazu bringen, dich zu hassen?“
Wahrscheinlich wäre die normale Reaktion darauf, dass einen jemand, den man seit gerade mal drei Minuten kannte, mit jedem Satz beleidigte, demjenigen seinen Drink ins Gesicht zu kippen. Aber ich entschied mich dazu, ihm diese Frage zu stellen und zu grinsen. Es waren sicherlich nicht die Beleidigungen, die mein Interesse geweckt hatten. Es war die Art gewesen, wie der namenlose Fremde sie gesagt hatte – so, dass ich sie nicht ganz glauben konnte. Auf mich wirkte es eher so, als würde er versuchen, mich verbal möglichst weit von sich wegzustoßen. Allerdings ergab das überhaupt keinen Sinn bei jemandem, dem man gerade erst begegnet war. Das und sein Verhalten davor machten mich neugieriger, als ich sein sollte oder gut für mich war – zumindest würde das meine Freundin Yennefer sagen.
Der andere Mann blinzelte mich jedenfalls erneut sehr verwirrt an, weil er wohl nicht mit so einer Reaktion gerechnet hatte bzw. nicht daran gewöhnt war, durchschaut zu werden. Mein Grinsen wurde eventuell eine Spur breiter. Während ich auf seine Erwiderung wartete, hatte ich Zeit, den bisherigen Abend nochmal vor meinem inneren Auge Revue passieren zu lassen:

Nach über einem Jahr College-Partys war ich diese immer noch nicht leid. Dabei hatte ich natürlich eine große Schwäche für solche, auf denen ich mein Musiktalent zur Schau stellen konnte – egal ob bei Karaoke oder einem richtigen Auftritt. Letzteres war heute Abend der Fall und ich hatte meiner Meinung nach eine super Performance hingelegt. Unglücklicherweise hatte keiner meiner Freunde Zeit gehabt, um mich zu unterstützen, weshalb das Publikum etwas verhalten gewesen war. Immerhin bekam ich einen vernünftigen Endapplaus und hatte einen Restabend inklusive Snack und drei Freigetränke vor mir.
Zudem hatte ich auf der Bühne jemanden ins Auge gefasst, der das große Glück hatte, heute Abend mein Freund zu werden – oder vielleicht sogar mehr. Ich hatte ihn mit seinen auffälligen, weißen Haaren kaum übersehen können. Nachdem ich ihn einmal entdeckt hatte, bekam ich ihn nicht mehr aus dem Kopf und ich musste immer wieder zu ihm gucken. Dabei hatte er sich während meines gesamten Auftritts genau ein einziges Mal zur Bühne gewandt – um einen Typen finster anzublicken, der ihn von hinten angerempelt hatte. Die restliche Zeit hatte er mit dem Rücken zu mir an der Bar gehockt und etwas verspannt gewirkt. Dennoch war ich mir sicher, dass er seinen Kopf immer mal wieder leicht gedreht oder schief gelegt hatte, damit er mir besser zuhören konnte.
Jedenfalls machte ich mich noch mit meiner umgeschnallten Gitarre auf dem Weg zu meinem Fremden – direkt von der Bühne quer durch den Raum. Währenddessen schnappte ich mir eine Cola vom Tablett einer Kellnerin, in der Hoffnung, dass das in dem Getümmel unterging und nicht auf meine Freigetränke angerechnet werden würde. Um das abzusichern, warf ich der Frau ein charmantes Lächeln zu, welches sie nicht wirklich erwiderte.
Eigentlich brauchte es schon etwas mehr, um an meinem Selbstbewusstsein zu kratzen. Trotzdem war mein Lächeln nicht mehr so strahlend, wie ich es gern gehabt hätte, als ich endlich bei ihm ankam. Ehe ich zu viel nachdenken konnte, tippte ich ihm einfach auf die Schulter, worauf er nicht reagierte. Also tippte ich natürlich nochmal, nur mit mehr Nachdruck. Ganz gemächlich setzte sich sein massiver Körper in Bewegung. In dem Moment, in dem sich unsere Blicke trafen, rutschte mir das Herz in die Hose – aber auf die gute Art und Weise. Er war noch attraktiver, als ich ihn mir vorgestellt hatte und das musste ich erstmal verarbeiten, was wahrscheinlich sehr merkwürdig aussah.
„Was?“, blaffte er mich letztendlich an.
Selbst danach brauchte ich noch einige Sekunden, um mich einzukriegen und antworten zu können: „Hey!“
Er machte Anstalten, sich wieder abzuwenden, was ich um jeden Preis vermeiden wollte.
„Nein, warte!“, ich fasste ihn an die Schulter, sodass sich seine Muskeln bedrohlich anspannten.
Schnell zog ich meine Hand zurück, die ich gerne möglichst unverletzt behalten wollte. Trotz allem sagte mir sein Blick, dass ich weiter reden sollte.
„I-Ich hab gerade gespielt“, ungewohnt unbeholfen gestikulierte ich über meine Schulter Richtung Bühne, „ nach einem Gig frage ich das Publikum gerne persönlich nach seiner Meinung.“
„Mhm“, war die einzige Reaktion, die ich bekam.
„Ich bin auch ehrlich absolut kritikfähig. Also wenn es dir nicht gefallen hat, dann kannst du es einfach sagen. Ich halt das schon aus.“
Ohne ein weiteres Geräusch zu machen, starrte er mich weiter düster an. Während ich mich bemühte, seinem Blick Stand zu halten, stellte der Barkeeper einen riesigen Haufen Knoblauchbrot vor mir ab. Tatsächlich hatte ich mir meinen Snack schon vor dem Auftritt aussuchen müssen und verfluchte gerade Vergangenheits-Jaskier dafür, dass er keine Pommes genommen hatte. Aber es sah schon ganz gut aus und roch verführerisch.
„Komm schon. Du willst doch keinen Mann mit so viel Brot hängen lassen.“
Mein Versuch, witzig zu sein, veränderte nichts an seiner steinernen Miene. Wortlos schob ich den Teller so hin, dass er perfekt zwischen uns stand. Danach nahm ich mir das erste Stück, an dem ich halbherzig rumnagte, während ich überlegte, wie ich ihn zum Sprechen bringen konnte. Schlussendlich übermannte mich die Ungeduld: „Herr Gott, irgendeine Meinung musst du doch zu meiner Musik haben.“
Ich war selbst überrascht, aber ganz kurz funkelte sowas wie Verunsicherung und/oder Belustigung auf – ehrlich gesagt, konnte ich es nicht wirklich verorten. Jedenfalls war ich so übermannt von meinem Erfolg, dass ich das Beste beinahe verpasste: Er sprach.
„Hab schon Besseres gehört.“
Nach allem, was ich bisher gesehen hatte, nahm ich das jetzt erstmal als Kompliment auf. Natürlich gab es bessere Künstler als mich – das konnte ich mir schweren Herzens eingestehen.
„Danke schön.“
Ehe ich meinen unwiderstehlichen Charme weiter hochfahren konnte, um ihn doch noch um den Finger zu wickeln, öffnete er unglücklicherweise wieder seinen Mund: „Katzengejaule, zum Beispiel.“
Danach musste ich einige Male perplex blinzeln, obwohl mich seine harschen Worte nicht so hart trafen, wie sie sollten. Tatsächlich fühlte sich seine Beleidigung irgendwie gekünstelt an, so als käme sie nicht von Herzen. Diesen Fakt konnte ich geradeso verarbeiten, bevor mir heraus rutschte: „Was Besseres hast du nicht drauf?“
Nun wirkte er etwas aus dem Tritt. Dementsprechend lasch klang sein nächster Versuch: „Dein Gesang klingt wie ein Kuchen ohne Füllung.“
Daraufhin musste ich sogar etwas lachen. Ich hätte nicht gedacht, dass ein so riesiger Mann so putzig sein konnte. Mein Grinsen schien ihn noch mehr zu verwirren.
„Es war einfach total bescheuert und hat sich schlimm angehört. Ich bin einfach froh, dass es vorbei ist, verstanden?“, blaffte der Unbekannt nun.
Ich legte meinen Kopf schief und erwiderte ruhig: „Was willst du tun? Mich dazu bringen, dich zu hassen?“


Langsam schien er sich wieder einzukriegen, weshalb ich es nochmals mit einem charmanten Lächeln versuchte.
„Bevor ich dich hasse, solltest du mir vielleicht deinen Namen verraten, findest du nicht?“
„Geralt“, war die sehr kurze und immer noch leicht angepisste Antwort. Aber damit konnte ich definitiv umgehen  - man bekam keine Auftritte in drittklassigen Bars, wenn man nicht etwas Unfreundlichkeit aushielt. Außerdem sagte mir meine Intuition, dass Geralt es wert war, sich sein Vertrauen zu verdienen. Dennoch war mir schon in diesen ersten Minuten klar, dass das keine leichte Aufgabe werden würde.
„Ich bin Jaskier“, erwiderte ich immer noch lächelnd, „ich bin mir sicher, dass wir gute Freunde werden.“
Oder vielleicht mehr, ließ ich diesmal in Gedanken weg, was mich selbst etwas überraschte. Allerdings wollte ich den anderen tatsächlich einfach erstmal kennenlernen. Dafür ging ich sogar soweit, ihm nochmal was von meinem Brot anzubieten, was er unter einer Art Knurren annahm, und ihm eines meiner Freigetränke zu überlassen.
Letztendlich konnte ich ihn davon überzeugen, mich noch zum Bus zu eskortieren. Eventuell gefielen mir einige der eifersüchtigen Blicke sehr gut, als wir gemeinsam die Bar verließen. Umhüllt von der kühlen Nachtluft und dank des Bieres entlockte ich Geralt ein Schmunzeln, das mein Herz höher schlagen ließ. Zur Verabschiedung kam ihm mehr als ein Wort über die Lippen, was sich fast wie ein Ritterschlag anfühlte. Beschwipst von diesem Erfolg ließ ich mich im Bus auf einen freien Platz fallen. Dann entfuhr mir jedoch ein Fluch. Ich hatte ihm weder meine Nummer zugesteckt, noch nach der seinen  gefragt. Beinahe wäre ich wieder aus dem Fahrzeug rausgestolpert, aber dieses fuhr unglücklicherweise genau in diesem Augenblick los.

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Heyho ihr da draußen,
Hoffentlich konnte ich euch mit meinem ersten Versuch in diesem Fandom neugierig auf mehr machen.
Basieren tut das Ganze auf diesem Projekt: 10 erste Sätze Nr. 2
Dementsprechend wird es insgesamt zehn Kapitel geben, in denen ihr herausfinden könnt, wie sich die Beziehung der beiden weiterentwickelt.
Über Reviews würde ich mich freuen ♥
Bis zum nächsten Mal,
Lea
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