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Novembersonne

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
22.11.2020
28.11.2020
2
7.406
 
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Dieses Kapitel
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22.11.2020 4.021
 
Hallihallo,  
tja, da bin ich mal wieder mit etwas Neuem. Keine Angst, auch bei Whirlwind geht es weiter. Ich komme nur so selten zum Schreiben, dass ich dachte, ich poste mal eine Geschichte, bei der ich ein bisschen was auf Vorrat habe. Nein, eigentlich bin ich nur ungeduldig und gespannt auf eure Reaktion. :D
Bei Whirlwind kommt übrigens hoffenrlich die Tage was. Das neue Kapitel ist nahezu fertig.
Aber nun zu dieser Geschichte. Sie ist, zumindest was den Anfang angeht, schon einige Jahre alt. Deshalb kann es auch hier gut sein, dass sich mein Schreibstil im Laufe der Story ein wenig verändert. Des weiteren ist sie mal wieder, wie man es von mir nicht anders kennt, ziemlich kitschig aber auch dramatisch. Eigentlich ist sie Whirlwind nicht unähnlich, vermutlich, weil ich sie ungefähr zur selben Zeit begonnen habe.
Ich bin so gespannt, was ihr von Aaron, Milo und noch ein paar weiteren Charaktern haltet! O.o
Die Story der beiden Hauptcharaktere beginnt eigentlich sofort, "in medias res" sozusagen. :D Es gibt auch weniger Nebenhandlung und sie wird ziemlich sicher kürzer werden als Whirlwind.
Eine Sache möchte ich noch ansprechen, bevor ich euch auf das erste Kapitel loslasse: Es werden hier Dinge wie übermäßiger Alkoholkonsum und Rauchen angesprochen. Ich will das hier nicht irgendwie verherrlichen. Lasst es, das ist ungesund bzw. gefährlich und kann so viel kaputt machen. Das wollte ich nur einmal gesagt haben, weil ich auf keine Fall möchte, dass es irgendwie so wirkt, als wollte ich diese Dinge positiv darstellen.
So und jetzt viel Spaß!


Disclaimer: Der gesamte Inhalt dieser Geschichte ist meiner Fantasie entsprungen. Eventuelle Ähnlichkeiten mit Personen oder anderen Geschichten waren nicht meine Absicht und sind rein zufällig entstanden. Die Geschichte ist mein Eigentum und darf nicht ohne mein Einverständnis verwendet werden.
Rating: P16slash
Pairing: MxM
Warning: Thematisierung von Mobbing/Homophobie
Genres: Romanze, Freundschaft, Familie, Drama, Schmerz/Trost



Novembersonne


Kapitel 1: Atmen

Sie drückt mir einen Zettel in die Hand und lehnt sich zu mir. „Ruf mich an“, haucht sie mir ins Ohr. Ein ekelhaft starker, süßlicher Parfümgeruch steigt mir in die Nase. Hat die da drin gebadet? Ich spüre ihren Atem, als sie spricht und das jagt mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken. Dann zieht sie sich zurück und wendet sich ab, geht ein paar Schritte, bevor sie sich noch einmal umdreht und mir zuzwinkert. Anschließend stolziert sie, dabei unnatürlich stark mit dem Hintern wackelnd, davon.
Ich folge ihr mit dem Blick. Erst als sie am Ende des Ganges um die Ecke verschwunden ist, drehe ich mich, die Augen rollend, zu den anderen um. Die Jungs johlen und pfeifen leise, Carlos klopft mir auf die Schulter. Doch ich schüttele nur den Kopf. Das kann die sich ja mal total abschminken. Niemals würde ich etwas von ihr wollen! Und wo wir gerade bei abschminken sind: Das sollte sie mit ihrem Gesicht auch einmal tun. Dann sähe sie vielleicht nicht mehr aus wie Waschbär mit ihren dicken Make Up-Flecken im Gesicht.
Langsam gehen wir alle zusammen in Richtung unseres Klassenraumes.

„Maaaan, Aaron“, schimpft Pierre und sieht mich vorwurfsvoll an. „Was hast du eigentlich immer? Die is' verdammt heiß!“
Ich sehe ihn nicht an und schnaube nur kurz. Muss er mich damit immer nerven?
„Hast du die dir mal angeguckt? Die sieht aus wie 'n Waschbär und die Lippen auch so dick geschminkt, da will ich mir küssen gar nicht erst vorstellen.“ Angewidert würge ich kurz.
„Deine Probleme möchte ich auch mal haben...“, gibt er zurück und grinst. „Das kann sie mit anderen Qualitäten wieder ausgleichen, da wett' ich drauf.“ Er grinst noch breiter und wackelt mit den Augenbrauen. Ich schüttele den Kopf und grinse ebenfalls. „Was?“, fragt Pierre. „Also ich würde sie sofort nehmen.“ Ich boxe ihm gegen den Oberarm.
„Du bist einfach unverbesserlich...“, werfe ich ihm vor. Und das stimmt wirklich. Er hält es seit einer gefühlten Ewigkeit so. Alles was nicht bei drei auf den Bäumen ist, das ist auch nicht sicher vor ihm.

„Wenn du sie nicht willst“, ignoriert er meinen Einwurf und reibt sich nur nebenbei über seinen Oberarm. „Du kannst mir ja ihre Nummer...“
Ich weiß was er sagen will. Kann er gerne haben! Er hat noch nicht ganz ausgesprochen, da drücke ich ihm schon den Zettel in die Hand. „Da! Werde glücklich mit ihr!“ Und ich bin glücklich, den Zettel losgeworden zu sein. Dauernd bekomme ich die Nummern von irgendwelchen Mädchen zugesteckt, die mich nicht einmal ansatzweise interessieren. Sie wegzuwerfen, bringe ich nicht übers Herz, aber anrufen will ich auch keine und das führt mir ständig vor Augen, dass die Richtige noch nicht dabei ist. Und das ist es, wonach ich suche. Ich habe zwar nichts gegen ein Vergnügen für eine Nacht, wenn sich die Gelegenheit bietet, aber auch nur, wenn ich sicher sein kann, dass mir danach nicht wochenlang ein Mädchen hinterherrennt und Probleme macht. Das kann ich wirklich überhaupt nicht gebrauchen.
Wir schlendern weiter durch die Gänge, die wie leergefegt sind, da es schon lange zur Stunde geklingelt hat. Aber ich habe es nicht eilig und Carlos, Pierre und Dennis sicher auch nicht, so wie ich sie kenne. Die drei philosophieren gerade aufs ausführlichste über das reizende Wesen des weiblichen Geschlechtes, das mir eben einen so netten Besuch abgestattet hat und sie hören sich nicht an, als wollten sie so schnell damit aufhören. Ich höre ihnen nur mit halbem Ohr zu und schüttele innerlich den Kopf über die drei. Ein Grinsen erscheint auf meinem Gesicht. Wie gut, dass niemand diese Unterhaltung mitbekommen kann. Das ist ja furchtbar!

Wir biegen um die Ecke und ich bin in Gedanken noch ganz dabei, mich über die Jungs zu amüsieren, als ich bemerke, dass am Ende des Ganges jemand am Boden sitzt.
Ich ziehe verwirrt die Stirn kraus und bleibe stehen. Dennis rennt geradewegs in mich hinein.
„Au verdammt!“, flucht er und sieht mich verärgert an. „Was soll...?“ Doch ich unterbreche ihn und deute ans Ende des Ganges. Da sitzt wirklich jemand. Derjenige hat sich noch immer nicht gerührt. Das sieht nicht gut aus. Ohne auf eine Reaktion der anderen zu warten, stürze ich den Gang entlang. Er scheint mich gar nicht zu bemerken. Heftig ringt er nach Luft. Ich kenne ihn nicht, also muss er sonst ziemlich unauffällig sein. Ich kenne eigentlich so ziemlich jeden hier. Er scheint etwa ein Jahr jünger zu sein als ich.
Und es scheint ihm nicht gut zu gehen, überhaupt nicht gut. Ich hocke mich sofort neben den Jungen und berühre ihn vorsichtig.
„Hey! Hallo? Hörst du mich?“, frage ich ihn eindringlich, erhalte aber keine Reaktion. Erst als ich sanft an seiner Schulter rüttele blickt er mich plötzlich an. Noch immer ringt er verzweifelt nach Luft und ich kann Panik in seinen Augen lesen.
Und was mache ich jetzt? Ich drehe mich zu den anderen um, die immer noch wie angewurzelt in einiger Entfernung stehen und mich groß ansehen.
„Jetzt steht da nicht so 'rum! Ruft mal 'nen Krankenwagen!“, brülle ich ihnen beinahe zu. Da kommt Bewegung in Dennis. Er zieht sofort sein Handy hervor. Die anderen beiden eilen davon, bestimmt um einen Lehrer zu holen.

Ich wende mich wieder dem blonden Jungen zu. Ich weiß nicht wieso, ich kenne ihn ja nicht einmal, aber ich mache mir große Sorgen um den Jungen zu meinen Füßen. Verkrampft versuche ich, mich an den letzten Erste-Hilfe-Kurs in der Schule zu erinnern. Verdammt, wieso habe ich da nicht besser aufgepasst? Dabei lasse ich meinen Blick über den Körper des Jungen schweifen. Er ist blass, sehr blass. Auch sonst sieht nicht gesund aus. Er hat dunkle Ringe unter den Augen und sein Haar wirkt stumpf. Er ist dünn, zu dünn. Das wird sogar durch die Kleidung deutlich.
In meinem Kopf rast alles durcheinander und ich überlege fieberhaft, was ich tun soll. Was ist, wenn er hier gerade erstickt? Was soll ich nur mit ihm machen? Ich muss ihm ja irgendwie helfen. Kurz entschlossen knie ich mich zu ihm auf den Boden. Sein Blick irrt ziellos umher und seine Hände scheinen nach etwas zu suchen, woran sie sich festhalten können. Er atmet flach und bekommt offensichtlich noch immer schlecht Luft. Es versetzt mir beinahe einen Stich, ihn so zu sehen. So etwas sollte niemand durchmachen müssen, schon gar nicht so allein. Vermisst ihn denn keiner? Eigentlich müsste sein Fehlen ja irgendwem aufgefallen sein, seinen Freunden oder den Lehrern oder so. Aber es ist niemand hier. Und ich kann die Panik in den Augen des Jungen kaum noch ertragen.

„Hey, es ist alles gut“, sage ich leise. „Mein Name ist Aaron. Es wird alles wieder gut. Dennis hat schon einen Krankenwagen gerufen. Dir wird gleich geholfen.“ Ich sehe, wie sein Blick mich fixiert. Er hat blaue Augen, mit ein wenig grau darin. Es sind schöne Augen. Aber es steht noch immer Panik darin. Also rede ich weiter. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, gleich wird dir geholfen...“ Immer wieder sage ich diese Worte, aber er scheint sich trotzdem kaum zu beruhigen. Gut, mit meinen Tattoos, die ich überall trage, und dem muskulösen Körperbau sehe ich vermutlich auch nicht gerade beruhigend aus. Verzweifelt suche ich nach einer Lösung. Schließlich greife ich einfach nach seiner Hand und halte sie fest. Sofort krallt er sich beinahe schmerzhaft an mir fest, als wäre ich sein Rettungsring. Er ringt immer noch angestrengt nach Luft. Hoffentlich bekommt er überhaupt genug. Wo bleibt nur der blöde Krankenwagen? Ich sehe zu Dennis herüber der inzwischen etwas näher gekommen ist. Er scheint meine Frage zu erraten, aber keine Antwort zu wissen, denn er zuckt nur hilflos mit den Schultern.

Also wende ich meinen Blick wieder dem Jungen zu. Ich setze mich einfach hinter ihn und ziehe ihn kurzerhand in meine Arme.
„Atme ganz ruhig, so wie ich, okay?“, sage ich zu ihm und lege meine Arme um seinen schlanken Oberkörper. Verwundert merke ich, wie gut es sich anfühlt, den anderen im Arm zu halten. Aber ich schiebe das Gefühl beiseite, konzentriere mich nur auf den Jungen, denn er braucht jetzt meine Hilfe.
Ich atme betont ruhig und rede immer wieder zwischendurch mit ihm. Quälende Minuten vergehen. Ich weiß nicht ob ich es mir einbilde, aber ich habe das Gefühl, dass er langsam ruhiger wird. Es dauert noch eine gefühlte Ewigkeit, dann sehe ich endlich die Sanitäter den Gang entlang auf uns zueilen. Ich atme auf, aber als mir der eine Sanitäter bedeutet, den Jungen loszulassen, steigt ein Gefühl in mir auf, das man beinahe mit Enttäuschung beschreiben könnte. Ich hätte gerne noch länger dort mit ihm gesessen. Ich weiß ja nicht einmal seinen Namen.
Doch ich löse mich trotzdem vorsichtig von ihm und übergebe ihn den Sanitätern. Ich will gerade aufstehen und zu Dennis gehen, als der Blonde panisch nach Luft schnappt und mich flehend ansieht. Er versucht sich aufzurichten und streckt seine Hand nach mir aus. Die Sanitäter geben ihr bestes, um den Jungen zu beruhigen, doch er scheint immer panischer zu werden. Ich stehe einfach nur hilflos daneben. Er ringt nach Luft, die Augen weit aufgerissen. Plötzlich dreht sich einer der Sanitäter um.

„Haben Sie vielleicht noch etwas Zeit?“, fragt er zögernd.
Ich nicke einfach nur und trete wieder näher an den Blonden heran. Langsam lasse ich mich neben ihm nieder. Sofort greift er nach meiner Hand und sieht mich an. Seine Augen fixieren mich und lassen mich nicht mehr los. Wieder fällt mir das ungewöhnliche Blau seiner Iriden auf. Unsere Blicke verflechten sich miteinander und ich bemerke kaum mehr, wie die Sanitäter um uns herum arbeiten. Ich konzentriere mich nur darauf, den Jungen vor mir zu beruhigen, ihm irgendwie das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.
Ich weiß nicht, wie lange ich da so gesessen habe. Irgendwann legt mir einer der Sanitäter eine Hand auf die Schulter. Ich zucke erschrocken zusammen und blicke hoch.
„Wir würden den Jungen jetzt gern abtransportieren“, sagt er und sieht mich mitleidig an. Wahrscheinlich denkt er, wir wären Freunde.
„Natürlich“, gebe ich verlegen zurück und stehe auf. Der Blonde sieht mich noch immer an. Da liegt ein Ausdruck in seinen Augen, den ich nicht deuten kann.
Schweigend sehe ich zu, wie die Sanitäter den Jungen auf die Trage heben und an mir vorbei schieben. Ich folge ihnen gemeinsam mit Dennis. Einer der Sanitäter spricht noch mit einem Lehrer. Carlos und Pierre gesellen sich zu mir und Dennis.
Schließlich stehen wir mit etwas Abstand neben dem Krankenwagen und beobachten, wie sie den Jungen einladen. Plötzlich fällt mir etwas ein. Einer Eingebung folgend gehe ich auf einen der Sanitäter zu.

„Entschuldigung... Könnten Sie mir vielleicht sagen, wo Sie ihn hinbringen?“, frage ich, von mir selbst überrascht. Aber irgendwie mochte ich den Kleinen, auch wenn ich nicht wirklich die Chance hatte mit ihm zu sprechen.
Der Sanitäter nickt freundlich und nennt mir den Namen der Klinik. Erleichtert atme ich auf und bedanke mich.
Ich begegne noch einmal diesen unglaublich blauen Augen. Ich werfe dem Jungen ein aufmunterndes Lächeln zu. Und ich bekomme ein vorsichtiges zurück. Mein Herz gerät ein wenig aus dem Takt. Dann schließen sich die Türen des Krankenwagens. Ich schüttele nur kurz den Kopf über mich selbst.
Schließlich wende ich mich ab und schlendere langsam zurück zu den Jungs. Hinter mir höre ich wie der Krankenwagen abfährt, aber ich widerstehe der Versuchung mich umzudrehen.
Carlos und Pierre sehen mich ein wenig irritiert an. Dennis zieht eine Augenbraue hoch und grinst mich breit an.
„Was?“, frage ich und gebe mich unwissend.
„Nichts“, gibt Dennis zurück, hört aber nicht auf zu grinsen. Ich verdrehe nur leicht schmunzelnd die Augen und gehe an ihnen vorbei zurück ins Schulgebäude. Sie folgen mir und jetzt müssen wir wohl wirklich den Unterricht über uns ergehen lassen.



Den Rest des Tages sitze ich zwar im Unterricht, bin aber nur körperlich anwesend. Meine Gedanken kreisen um den blonden Jungen. Ich weiß ja nicht einmal seinen Namen... Wie es ihm wohl geht? Und was er überhaupt hat? Ich grübele die ganze über diesen Fragen und male nebenbei die Karos auf meinem Block nach.
Irgendwann stößt Dennis mich mit dem Ellenbogen an.
„Was?“, frage ich ein wenig genervt, aber leise.
Er deutet nur wortlos auf meine Hand, die schon beinahe das halbe Blatt nachgezeichnet hat und zieht eine Augenbraue hoch.
Ich seufze nur und zucke ebenso wortlos mit den Schultern.
„Weißt du, wie er heißt?“, frage ich schließlich leise.
„Wer?“, gibt sich Dennis ahnungslos und grinst mich breit an.
Ich sehe ihn einfach nur abwartend an. Einige Zeit versuchen wir uns gegenseitig mit Blicken niederzuringen, bis Dennis aufgibt. Ein Blickduell gegen ihn habe ich noch immer gewonnen. „Also?“
„Ja“, nickt er. „Willst du es wissen?“ Er grinst noch breiter.
Ich stöhne genervt auf. „Sonst hätte ich nicht gefragt...“
„Ist ja schon gut“, beschwichtigt Dennis und setzt eine neutrale Miene auf. „Aber warum ist dir das so wichtig?“
„Ich interessiere mich eben dafür, wem ich heute geholfen habe...“

„Du magst ihn“, behauptet er und wieder taucht ein Grinsen in seinem Gesicht auf.
Ich halte den Atem an und zähle innerlich bis zehn. Warum ist der nochmal mein bester Freund? „Ich kenne ihn nicht.“
„Du magst ihn trotzdem“, sagt Dennis bestimmt.
„Selbst wenn, ist ja nicht verboten. Verrätst du mir jetzt seinen Namen oder muss ich raten?“, frage ich betont ruhig.
„Raten wäre sicherlich unterhaltsamer, aber ich will mal gnädig sein...“, meint er gespielt großzügig.
„Sein Name ist Milo“, gibt er nun endlich die gewünschte Auskunft.
„Milo“, wiederhole ich leise und lasse mir den Namen auf der Zunge zergehen. Ich stelle fest, dass er mir gefällt. Und, dass er zu dem Blonden, Blauäugigen passt.
„Woher kennst du ihn?“, frage ich, als mir einfällt, dass es ziemlich verwunderlich ist, dass Dennis den Kleinen kennt.
„Er ist in dem Jahrgang meines Bruders“, gibt er zurück.
„Aaron, Dennis, würden Sie ihr Gespräch netterweise auf nach der Stunde verschieben? Ich wäre Ihnen sehr verbunden“, unterbricht uns die Stimme der Lehrerin.
Ich drehe mich nach vorne, werfe ihr ein Grinsen zu und nicke.
„Aber für Sie doch immer, schöne Frau.“ Dafür fange ich mir noch einen bösen Blick der Lehrerin ein, doch das stört mich nicht. Ich beachte sie nicht weiter und fahre mit meiner Karo-nachmal-Tätigkeit fort.



Mein klopft mir bis zum Hals, als ich den Blinker setze und auf den Parkplatz des Krankenhauses abbiege.
Nachdem ich die ganze Nacht wach gelegen habe und mich nur die Frage beschäftigt hat, wie es Milo geht, wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen. Es ist Samstag morgen und ich bin in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, weil ich es einfach nicht mehr ertragen konnte, mich schlaflos von einer Seite auf die andere zu wälzen. Nach einem Blick in den Spiegel und einem Kaffee zum Vertreiben der gröbsten Müdigkeit bin ich ins Auto gestiegen und habe mich auf den Weg zur Klinik gemacht. Warum beschäftigt mich das Schicksal des Jungen so? Das frage ich mich die ganze Zeit über, aber eine Antwort habe ich nicht gefunden. Und die weitere Suche danach muss ich wohl auch verschieben.
Langsam steige ich aus dem Auto aus. Hoffentlich sind Besuche um diese Uhrzeit überhaupt schon erlaubt... Um ein wenig Zeit zu gewinnen, lehne ich mich gegen mein Auto und zünde mir eine Zigarette an. Nachdenklich puste ich den Rauch in die Luft. Es ist noch ziemlich kalt und ich friere ein wenig. Noch nicht einmal richtig hell ist es. Das Nikotin beruhigt meine Nerven leider nur unwesentlich und ich habe es nicht besonders eilig. Erst als es beinahe unvermeidbar ist, gehe ich langsam auf das Gebäude zu. Ich atme einmal tief durch und spreche dann die Dame an der Rezeption an. Sie gibt mir kommentarlos eine Antwort, als ich sie frage auf welcher Station und welchem Zimmer Milo liegt, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Mir ist im Moment wirklich nicht nach reden.
Auch auf dem Weg zu dem Zimmer, in dem Milo liegen soll, trödele ich noch ein wenig herum. Ich sehe mir sogar die hässlichen Bilder in den Gängen, die wohl die miese Stimmung hier vertreiben sollen, ihre Funktion aber mehr schlecht als recht erfüllen, intensiv an. Ich bekomme noch einige irritierte Blicke zugeworfen, doch ich beachte die Leute um mich herum gar nicht.

Schließlich stehe ich doch vor der Tür. Zimmer 13 steht in orangeroten Lettern und Ziffern daran geschrieben. 13? Ist das nicht eine Unglückszahl? Egal. Ich atme noch einmal tief durch, dann klopfe ich vorsichtig an.
„Ja?“, kommt es ziemlich leise zurück und ich drücke die Klinke herunter. Schnell trete ich ein und schließe die Tür. Erst dann sehe ich hoch. Und stocke in der Bewegung.
Milo sieht mich mit aufgerissenen Augen an. Sie sind blauer denn je. Seine blonden Haare stehen in alle Richtungen ab. Überraschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Lange sehe ich ihn einfach nur an und ringe nach Worten. Er ist allein auf diesem Zimmer. Und das erleichtert mich und macht mich nervös zugleich.
„Hey“, sage ich dann leise und komme langsam näher.
„Hey...“, gibt er noch leiser zurück und senkt verlegen den Blick.
„Ich...weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst...“, beginne ich, werde aber unterbrochen.
„Ja“, nickt Milo schnell und sieht mich von unten herauf an. Ich ziehe mir einen Stuhl neben sein Bett und setze mich zu ihm.
„Gut. Wie geht es dir?“, frage ich schließlich.
„Gut... mir geht es gut“, murmelt er und blickt auf die Bettdecke.
Ich schweige einen Moment und betrachte ihn. Er sieht nicht wirklich so aus, als würde es ihm gut gehen. Er ist blass und die Augenringe unter seinen Augen sind tief. Und er ist dünn, das ist durch das Krankenhaushemd, das er trägt noch deutlicher zu sehen als gestern. Und irgendwie versetzt es mir einen schmerzhaften Stich, ihn so zu sehen. Er bekommt ein Medikament durch eine Infusionsnadel in seiner Hand. Diese Tatsache bringt mich wieder zu dem eigentlichen Grund, warum ich hier bin.

„Warum hattest du diesen Zusammenbruch am Freitag? Haben die Ärzte schon etwas gesagt?“, frage ich ihn vorsichtig.
Milo sieht aus dem Fenster. Es herrscht Schweigen. Vielleicht will er es mir nicht sagen, vielleicht weiß er es auch nicht. In jedem Fall habe ich das Gefühl, dass er sich in meiner Anwesenheit nicht besonders wohl fühlt.
„Ist schon okay...“, gebe ich zurück und bittere Enttäuschung wallt in mir auf. „Ich verstehe schon“, füge ich nickend hinzu und stehe auf. „Gute Besserung noch“, wünsche ich und kann nicht verhindern, dass sich eine gewisse Kälte ich meine Stimme schleicht.
„Warte“, höre ich dann so leise, dass ich mir Mühe geben muss, das Wort zu verstehen. Und doch setzt mein Herz einen Schlag lang aus. Ich drehe mich langsam wieder zu Milo um. Er sieht mich an und seine blauen Augen glitzern verdächtig. Es spricht eine solche Traurigkeit aus seinem Blick, dass es mir beinahe das Herz bricht. Mit wenigen Schritten bin ich wieder an seinem Bett, diesmal setze ich mich aber neben ihn auf die Matratze. Unsere Knie berühren sich leicht und ich spüre, wie er zusammenzuckt und scharf durch die Nase einatmet.
„Danke Aaron...“, sagt er schließlich leise und diesmal bin ich derjenige, der zusammenzuckt. Seine Stimme klingt rau und ein wenig erstickt, aber es fühlt sich irgendwie gut an, meinen Namen aus seinem Mund zu hören.
Krampfhaft suche ich nach einer Antwort, aber es findet sich einfach keine passende. So schweigen wir eine ganze Weile.
Irgendwann beginnt Milo dann leise zu reden. „Das am Freitag war wohl einfach nur eine Panikattacke. Die Ärzte haben bisher nichts Körperliches gefunden.“ Nervös bearbeiten seine Hände die Bettdecke, falten sie in diese und jene Richtung. Seinen Blick hält er die ganze Zeit gesenkt. Nur seine Schultern beben leicht. Was hat er wohl mitmachen müssen, dass es ihn so sehr belastet?

Ich sitze einfach nur daneben und habe keine Ahnung, was ich tun oder sagen soll. Ich bin doch nicht gut in so etwas. Doch da spricht er schon weiter.
„Danke Aaron“, wiederholt er. „Danke, dass du gestern für mich da warst.“ Er hebt den Kopf. Seine Wangen sind feucht von seinen Tränen und auch seine Augen glänzen noch. Er sieht mich an und sein Blick verhakt sich in meinen. Mein Herz stolpert kurz und ich halte den Atem an. Sie sind so blau, ich habe noch nie so blaue Augen gesehen. Irgendetwas liegt darin, was meine Gedanken durcheinanderwirbeln lässt.
Langsam strecke ich meine Hand nach seiner Wange aus. Ich sehe wie er die Luft anhält und will sie schon zurückziehen, doch er weicht nicht vor mir zurück. Also wische ich vorsichtig die Tränen fort. Seine Haut ist so weich, ich will meine Hand gar nicht wieder wegnehmen. Ich beginne, seine Wangen zu streicheln. Meinen Kopf habe ich kurzzeitig ausgeschaltet, meine ganze Konzentration liegt auf Milo.
Er sieht mich mit großen Augen an. Überraschung spricht aus seinem Gesicht, doch er wirkt nicht abweisend. Die ganze Zeit über sieht er mich an und ich kann meinen Blick ebenfalls nicht von ihm lösen. Meine Hände wandern noch immer über sein Gesicht, über seine Haare und herunter zu seinen Armen. Ich fahre sie mit meinen Fingern entlang, bis ich an seinen Händen angekommen bin. Vorsichtig nehme ich sie und umschließe sie fest mit meinen.
„Das habe ich gerne für dich getan, Milo“, lächele ich. Ein wenig verschwindet die Trauer aus seinem Blick. Ein winziges Lächeln erscheint auf seinen Lippen. Kaum wahrzunehmen, aber trotzdem lässt es mein Herz höher schlagen.
Dass er diese Wirkung auf mich hat, verwirrt mich. Normalerweise bringt mich niemand so schnell aus der Ruhe. Und dass gerade er das schafft, was niemandem sonst gelingt, macht mich irgendwie ziemlich nervös. Plötzlich wird mir bewusst, was ich hier eigentlich mache. Ich ziehe meine Hände zurück und wende den Blick ab.
„Ich muss dann auch mal wieder“, sage ich und stehe auf. Dass das jetzt irgendwie nach Flucht aussieht, ist mir gerade ziemlich egal. Ich muss jetzt einfach raus hier, muss meine Gedanken ordnen.

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So, das wäre dann das erste Kapitel. Dramatischer Einstieg, was? :D Kam irgebdwie so, keine Ahnung wie genau das passieren konnte...
Ich würde mich sehr über Kommentare freuen und wünsche allen ein schönes Restwochenende. Man liest sich! (Vermutlich bald, weil ich es nicht aushalte, lange zu warten, bis ich euch das nächste Kapitel präsentiere. :D)
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