Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Protokolle und Ehrlichkeit

von Myrtille
OneshotRomance / P16 Slash
Dr. Marc Lindner Dr. Theresa Koshka
22.11.2020
22.11.2020
1
1.257
12
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
22.11.2020 1.257
 
Auch ich habe mich mal im "auf Wolken tippen" (Danke Tequila, für diese fantastische Beschreibung) zur Folge 237 versucht. Warum hat Theresa den Umschlag nicht geöffnet? Was passiert, wenn Marc die Tür hinter ihnen schließt?
Lest selbst. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir einen Kommentar da lassen würdet.
Was denkt ihr, ist das Geheimnis der beiden in der nächsten Folge?

LG
Myrtille

.......................................................................................................................................................


Klatschnass, mit verschmierter Mascara und vom Wind zersausten Haaren stand sie nun vor seiner Tür. Wie er damals bei ihr. Und dann zog sie auch noch den roten Kuli aus der Tasche.

„Hast du vergessen.“

Jetzt wusste er überhaupt nicht mehr, was er denken sollte. Sie hatte die ungeöffnete Therapieakte dabei. Er wappnete sich innerlich schon gegen eine erneute Abfuhr. Aber dieser Stift… Sie wussten beide, was damals danach geschah. Ihre erste gemeinsame Nacht nach seiner Therapie. Und trotzdem war sie nicht geblieben. Sein Puls raste, er spürte seinen Herzschlag überall im Körper. Als würde er unter Strom stehen.

Theresa legte ihm die Akte aufs Sideboard. Ohne ein Wort. War das jetzt seine Quittung? War alles umsonst? War das jetzt der berühmte Schlussstrich?

„Willst du mich nicht reinlassen?“

Damit hatte er nicht gerechnet. Sie wollte nicht gleich wieder gehen? Sie war nicht nur da, um seine Akte abzugeben? Bestand doch noch Hoffnung?

„Willst du denn?“

Sie schauten sich tief in die Augen. Und dann war sie da… die klare und bestimmte Antwort, auf die er so lange gewartet hatte. „Ja, ich will.“

Bevor er überhaupt verarbeitet hatte, was sie da gerade gesagt hatte, war sie schon an ihm vorbei in die Wohnung getreten und stand nun etwas unschlüssig in seinem Flur. Er schloss die Tür, lehnte sich dann von innen dagegen. Er konnte einfach noch nicht glauben, dass diese wunderbare Frau ihm vielleicht doch noch eine zweite Chance geben würde. Er durfte sich nicht erneut falsche Hoffnungen machen. Das würde er nicht nocheinmal verkraften.

„Theresa…“

„Marc, es tut mir leid.“

Was kam jetzt? Er wusste nichts mehr. Sein Kopf war wie leer gefegt.

„Was ich dir da im Medikamentenlager an den Kopf geworfen habe… Das war nicht so gemeint. Es tut mir leid. Ich war feige. Sowas wie für dich habe ich noch nie gefühlt. Ich hatte Angst vor meinen Gefühlen. Nicht vor dir. Hatte ich nie.“, sie redete sich all die angestauten Gefühle von der Seele.

Marc war beeindruckt. So kannte er sie überhaupt nicht. Und jetzt entschuldigte sie sich auch noch bei ihm? Sie bei ihm? Wofür? Er stieß sich leicht von der Tür ab und überbrückte die kurze Distanz zwischen ihnen. Langsam berührte er ihre Hand und verschränkte ihre Finger miteinander. Dabei unterbrach er nicht ein einziges Mal den Augenkontakt zu ihr. Es gab nur noch sie und ihn. Hier in seiner Wohnung.

„Marc, ich liebe dich.“

„Ich liebe dich auch, Theresa.“

Endlich hatten sie es sich beide gesagt. Nicht mehr zwischen Tür und Angel. Nicht mehr mit der Angst der Zurückweisung zwischen ihnen. Nicht im Traum und nicht im Streit. Sondern von Angesicht zu Angesicht.

Jetzt war der Funke zwischen ihnen zu einem riesigen Feuerwerk explodiert. Theresa schlang beide Arme um ihn und zog ihn zu sich. Er legte seine Hände an ihre Taille und hielt sie fest. Dann trafen sich ihre Lippen zu einem sanften Kuss. Ganz langsam. Als müssten sie beide erst wieder lernen, wer der andere ist. Sie legte eine Hand an seine Wange und vertiefte den Kuss. Sie wollte ihn. Richtig. Nur zu gerne kam er ihrem Wunsch nach und öffnete seine Lippen für ihre Zunge. Der Kuss wurde leidenschaftlicher und alle versteckten und angestauten Gefühle der letzten Monate brachen zu Tage und entfachten ein Feuer zwischen ihnen. Langsam manövrierte Marc sie ins Schlafzimmer. An der Bettkante löste er den Kuss und sah ihr in die Augen. Er musste wissen, ob sie es diesesmal wirklich ernst meinte.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, antwortete sie seinem Blick mit einem entschlossenen „Ich will dich.“, so wie er es ihr damals gestanden hatten. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Vor Glück. Diese wunderbare Frau wollte ihn. Endlich waren sie da angekommen, wo sie schon immer hätten sein sollen.

Sie nahmen den Kuss wieder auf und ließen der Leidenschaft freien Lauf als sie ihn langsam auf das Bett zog und sie sich ihrer Liebe hingaben. Als Paar. In dieser Nacht würde keiner von ihnen die Flucht ergreifen. Sie hatten alle Gefühle preisgegeben, es stand nichts mehr zwischen ihnen.

……………………………………………………………………………………………………………

Später lag Theresa in seinen Armen und genoss den Augenblick. Sie war endlich angekommen. Hier wollte sie sein. Hier sollte sie sein. Schon seit Monaten, sehnte sie sich nach diesem Moment und nun war er tatsächlich da. Sie war nie zuvor in ihrem Leben so glücklich wie jetzt.

„Warum hast du den Umschlag nicht geöffnet?“, fragte Marc irgendwann. Er musste es einfach wissen. Erst wollte sie alles von ihm wissen und in ihn hineinschauen und dann ließ sie den Umschlag ungeöffnet.

Theresa richtete sich etwas auf, um ihm in die Augen sehen zu können.

„Ich will das nicht lesen. Nicht so, Marc.“

„Es ist definitiv nicht besonders schön, was da steht, aber ich habe kein Problem damit, wenn du es liest.“

„Darum geht es nicht, dass weiß ich, aber…. Marc, ich möchte das nicht lesen, als wäre es eine Patientenakte in die ich mich einarbeiten soll. Ich möchte das, wenn überhaupt mit dir zusammen lesen. Als Freundin. Als Partnerin. Und nicht als Ärztin. Du sollst mir davon erzählen wollen. Ich möchte keine Diagnose stellen oder überprüfen. Dafür ist diese Akte zu wichtig. Du bist mir zu wichtig.“

Jetzt war er vollkommen überwältigt. Sie wollte seine Geschichte von ihm hören. All diese unschönen Dinge wollte sie hören. Sie wollte seine Freundin und Partnerin sein. So etwas hatte noch nie jemand zu ihm gesagt.

„Ich weiß nicht, ob ich das nochmal kann. So detailiert darüber sprechen.“, gab er ehrlich zu. Er selbst hatte es teilweise nichtmal geschafft, die Protokolle einiger Sitzungen zu lesen. Er hatte das alles zwar verarbeitet, aber das war ein langer Prozess.

„Ich kann mir vorstellen, dass es ziemlich hart für dich ist, darüber zu sprechen. Aber ich möchte dich umarmen können oder festhalten, für dich da sein… Ich kann das nicht alleine lesen. Dazu fehlt mir der Mut.“

Sie hatte also doch Angst vor dem Inhalt. Er hatte es geahnt. Das kann niemand einfach so wegstecken. Immerhin hatte er im Gefängnis gesessen. Er war immer noch ein verurteilter Straftäter. Egal wie man es dreht und wendet. Diese Tatsache blieb.

Unwillkürlich versteifte er sich etwas. Brachte Distanz zwischen sie. Theresa spürte das. Und sie ahnte, was ihm gerade durch den Kopf ging.

„Marc, hey,… sieh mich an.“, bat sie ihn sanft. „Egal was in dieser Akte steht, es ändert nichts an meinen Gefühlen für dich. Ich werde dich nicht für deine Vergangenheit verurteilen. Du hast deine Strafe abgesessen. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen. Ich möchte dich nur besser kennenlernen, dich verstehen.… Mit dir zusammen sein. Eine gemeinsame Zukunft haben.“

„Theresa… Ich… Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll.“ Gestand er und auch im Dunkel des Zimmers konnte sie seine Augen verdächtig schimmern sehen. Sie küsste ihn zärtlich, um seine dunklen Gedanken zu vertreiben. Sie wollte nicht die Vergangenheit mit ihm. Sie wollte die Zukunft. Ihre Zukunft.

Und diese besiegelten sie in dieser Nacht. Gaben sich und ihrer Beziehung endlich eine echte Chance. Ohne Geheimnisse. Ohne Wegrennen. Ohne Versteckspiel. Marc und Theresa. Theresa und Marc. Das war es, was zählte. Sie beide. Alles andere würden sie auf sich zukommen lassen. Aber dieses Mal gemeinsam.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast