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Ehrlichkeit

OneshotLiebesgeschichte / P12
Dr. Marc Lindner Dr. Theresa Koshka
21.11.2020
21.11.2020
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Marc saß mit einem Glas Rotwein auf dem Sessel, hatte die Beine hochgelegt und blickte durch das bodentiefe Wohnzimmerfenster auf den Erfurter Domplatz hinaus. Draußen war ein Gewitter aufgezogen, es schüttete wie aus Kübeln und ein Blitz jagte den nächsten. Marc hatte Musik aufgelegt, ein Versuch, nach diesem anstrengenden Tag etwas herunterzufahren und auf andere Gedanken zu kommen. Er verspürte eine bleierne Müdigkeit, die letzten Nächte hatte er nicht viel geschlafen und zu viel gegrübelt. Und der vergangene Tag, die Auseinandersetzungen mit Malte Wenzel und die anstrengende OP hatten ihr Übriges dazu getan.

Es klingelte. Marc fuhr hoch. Hatte es wirklich geklingelt oder hatte er das geträumt? Er ging zuerst zu seinem Plattenspieler und drehte die Lautstärke herunter. Dann linste er durch den Spion an seiner Wohnungstür. Er traute seinen Augen kaum, denn draußen stand Theresa. Pitschnass und mit seinem Umschlag in den Händen, seinen Therapieprotokollen.
Marc spürte sofort, wie sein Herz bis zum Hals schlug. Theresa. Was wollte sie hier? Warum war sie gekommen? Wollte sie etwa… Er brauchte einen kurzen Moment, um sich zu sammeln, dann öffnete er entschlossen die Tür.
Sagen konnte er nichts, sein Mund war wie ausgetrocknet. Er starrte sie nur an, wie sie da stand und nervös etwas aus ihrer Tasche fischte. Einen roten Kugelschreiber.
„Hast du vergessen“, erklärte sie. Ein schüchternes Lächeln umspielte dabei ihre Lippen. Auch Marc musste schmunzeln. Sofort hatte er Bilder im Kopf, Bilder von ihrer letzten gemeinsamen Nacht, die genau so begonnen hatte, nur hatte er da mit dem Kuli als Vorwand vor ihrer Tür gestanden.
Theresa steckte den Kugelschreiber an den braunen Umschlag und trat einen Schritt vor, um beides auf die kleine Kommode in Marcs Flur zu legen. Dann sah sie ihm in die Augen.
„Willst du mich nicht reinlassen?“, fragte sie. Leichte Unsicherheit schwang in ihrer Stimme mit.
„Willst du denn?“ Marc sah sie ebenfalls fragend an.
Theresa zögerte nur einen ganz kurzen Moment, bevor sie mit fester Stimme antwortete: „Ja, ich will.“
Marc spürte eine Gänsehaut, die ihm über den Rücken lief. Theresa blickte ihm immernoch tief in die Augen und er hatte das Gefühl, in ihren Augen zu versinken. Er trat einen Schritt zurück. Ungläubig und gleichzeitig zutiefst gerührt sah er ihr dabei zu, wie sie langsam seine Wohnung betrat.
„Gib mir…“ Er musste schlucken und nochmal ansetzen, seine Stimme gehorchte ihm nicht. „Gib mir deinen Mantel, der ist ja ganz nass. Ich hole dir ein Handtuch!“
Theresa nickte dankbar und zog ihren Mantel aus. Marc hängte ihn im Bad über die Wanne und brachte ihr ein Handtuch mit, mit dem sie sich notdürftig abtrocknete.

„Du hast sie nicht gelesen?“, fragte Marc und deutete mit seinem Blick auf den noch verschlossenen Umschlag. Theresa schüttelte den Kopf, setzte sich an den kleinen Esstisch und sah ihn direkt an.
„Erzähl mir von dir, Marc“, sagte sie leise, aber geradeheraus. „Erzähl mir von deinem Leben! Ich möchte dich kennenlernen.“
Marc sah sie stumm an und sortierte seine Gedanken. Er wusste, jetzt gab es keinen Ausweg mehr, jetzt mussten alle Karten auf den Tisch. Theresa war zu ihm gekommen. Es war seine letzte Chance.
Er setzte sich zu Theresa an den Tisch. „Ich… naja… also…“ Er wusste nicht, wie er anfangen sollte.
„Wie bist du aufgewachsen?“, fragte Theresa, um ihm etwas Starthilfe zu geben.
„Ich bin in Schwerin groß geworden. Aber ich kenne meine Eltern nicht“, begann er. „Meine Mutter war völlig überfordert und hat mich mit zwei Jahren weggegeben. Was mit meinem Vater war, weiß ich nicht… Danach wurde ich von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht, nirgends durfte ich länger als ein/zwei Jahre bleiben. Ich kann mich natürlich nicht mehr an meine komplette Kindheit erinnern. Aber ein paar Pflegefamilien habe ich nie vergessen.“ Marc spielte nachdenklich mit einem Zettel, der auf dem Tisch lag.
„Jochen, Gisela und Silke zum Beispiel. Bei ihnen war ich…“ Er überlegte kurz. „Da muss ich so 8… 9 Jahre alt gewesen sein. Jochen und Gisela waren tolle Pflegeeltern. Sie haben mich behandelt wie ihr eigenes Kind und Silke war wie eine Schwester für mich. Ich habe mich dort so wohl gefühlt.“ Er verstummte.
„Was ist dann passiert? Warum konntest du dort nicht bleiben?“, fragte Theresa nach.
„Gisela wurde schwer krank. Ich wusste damals nur, dass sie etwas Schlimmes im Kopf hat, vermutlich war es ein Glioblastom. Inzwischen verstehe ich auch, dass Jochen das einfach nicht schaffen konnte. Eine sterbenskranke Ehefrau und zwei Kinder… Aber damals ist für mich eine Welt zusammen gebrochen. Ich wollte einfach nicht akzeptieren, dass ich wieder ins Heim musste. Die Zeiten dort waren die Hölle. Ich war ein typisches Mobbing-Opfer. Pummelig, schüchtern, ängstlich. Wenn die Betreuer es nicht mitbekamen, gingen die anderen auf mich los. Schlugen mir ins Gesicht, einfach so. Klauten mir Handtuch und Kleidung, während ich unter der Dusche stand. Stellten sich beim Duschen neben mich und… fassten mich an. Verhöhnten mich.“ Marc nahm einen Schluck von seinem Wein. Theresa saß wie versteinert auf ihrem Stuhl und starrte ihn an. Sie versuchte, die Tränen wegzublinzeln, die ihr hinter den Augenlidern brannten. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Marc bereits als Kind sexuell missbraucht worden war.
„Je älter ich wurde, desto weniger Familien wollten mich bei sich haben“, sprach Marc weiter. „Ich war in mich gekehrt, unnahbar, habe niemanden emotional an mich heran gelassen. Ich war lange im Heim, bis ich dann mit 15 zu Familie Winterer kam. Das waren erfahrene Pflegeeltern, die schon mehrere Jugendliche betreut hatten. Es ging mir dort gut, das Problem war nur, dass ich mich zu dem Zeitpunkt schon in Kreisen bewegt habe, um die ich besser einen großen Bogen gemacht hätte. Ich konnte das vor meinen Pflegeeltern ganz gut verheimlichen, aber von Alkohol über Drogen und kleinere kriminelle Aktionen war alles dabei. Mit diesen vermeintlichen Freunden trieb ich mich bis zum Abitur herum. Was dann passiert ist, weißt du…“ Theresa nickte. Der Unfall mit Todesfolge. Die Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung. Die Haft.
„Möchtest du auch ein Glas Wein?“, fragte Marc in Theresas Gedanken hinein. „Oder soll ich uns einen Tee kochen?“
„Gerne Wein, danke.“ Theresa lächelte leicht, Marc stand auf und ging in die Küche, um die Weinflasche und noch ein Glas zu holen.
„Ich hab keine Weingläser, sorry“, entschuldigte er sich mit einem schiefen Grinsen.
„Was war dann mit deinen Freunden? Und deiner Pflegefamilie?“, fragte Theresa, als er ihr wieder gegenüber saß.
„Pfff“, schnaubte Marc. „Die waren schneller weg, als ich gucken konnte. Meine sogenannten „Freunde“ waren heilfroh, dass sie unbeschadet aus der Sache heraus gekommen waren. Und meine Pflegeeltern… anfangs haben sie mich noch besucht, doch nach einigen Monaten kamen sie nicht mehr.“ Eine Weile schwiegen beide und hingen ihren Gedanken nach. Theresa merkte deutlich, wie schwer es immernoch für Marc war, über seine Vergangenheit zu sprechen. Aber er konnte inzwischen völlig ruhig davon erzählen. Das wertete sie als großen Fortschritt.
„Fingen dann die Alpträume an? Im Gefängnis?“, fragte Theresa vorsichtig nach.
Marc schüttelte den Kopf. „Die hatte ich schon vorher, eigentlich seit meiner Zeit im Heim. Aber durch die Erlebnisse im Gefängnis wurde alles wieder an die Oberfläche gespült. So vieles erinnerte mich an die Zeit im Heim. Als dann die Mitgefangenen in meine Zelle kamen und einer versuchte, mich…“ Er schluckte, setzte neu an: „…versuchte, mich zu begrapschen, da ging es völlig mit mir durch. Ich wusste nur noch, dass ich sowas nicht noch einmal mit mir machen lassen würde. Und dann hab ich zugeschlagen. Immer und immer wieder.“
„Hast du ihn ernsthaft verletzt?“, wollte Theresa wissen.
Marc nickte. „Er war wochenlang im Haftkrankenhaus. Und ich kam in Einzelhaft. Ab da hat mich niemand mehr angefasst. Aber es hat auch niemand mehr mit mir geredet. Bis auf einen.“
„Dr. Hammerstein?“ Theresa erinnerte sich noch gut an den Gefängnisarzt, der als Patient im JTK gewesen war.
Marc nickte wieder. „Er war der einzige, der mir Hoffnung gemacht hat. Hoffnung auf ein normales Leben, wenn ich wieder draußen bin. Wegen ihm wollte ich Arzt werden.“
„Mit 21 wurdest du dann entlassen?“, fragte Theresa weiter.
„Genau. Ich war jung, unerfahren, hatte keine Ausbildung, hatte niemanden. Hatte massive Selbstzweifel, Alpträume und obendrein eine Impulskontrollstörung. Aber Paul Hammerstein, der hat an mich geglaubt. Hat mir einen Studienplatz besorgt und ein kleines Zimmer. „Junge, du gehst deinen Weg“, hat er gesagt…“
„Er hatte recht!“ Theresa lächelte Marc vorsichtig an. „Wie erging es dir im Studium? In der Zeit hast du Claudia kennengelernt, oder?“
„Ja. Ich habe mich erst einige Jahre alleine durchgeschlagen. Hatte mal hier, mal da eine kurze Affäre. Habe aber niemanden zu nah an mich heran gelassen. Ich hatte Angst, dass ich mit meiner Geschichte alle vergraulen würde. Als Assistenzarzt dann habe ich Claudia kennengelernt. Wir waren vier Jahre ein Paar… sie hatte sich mit meinen Macken arrangiert. Aber es ging einfach nicht. Ich konnte mich nicht auf sie einlassen. Ich habe keine Nacht neben ihr verbracht, zu groß waren die Ängste.“
„Wusste sie alles über dich?“, fragte Theresa.
„Nein. Du bist…“ Er hob den Blick und sah Theresa in die Augen. „Du bist der erste Mensch, dem ich das alles erzähle“, sagte er leise. „Abgesehen von meiner Therapeutin.“
Eine Weile schwiegen beide und hielten den Blick des anderen fest.
„Warum… warum hast du sie ausgerechnet dann verlassen, als sie die Krebsdiagnose bekommen hat?“ Theresas Frage kam leise, sie wusste, dass sie ein schwieriges Thema ansprach.
Marc schüttelte hilflos den Kopf. „Ich konnte es nicht, Theresa… ich kam damit einfach nicht klar. Ich war hilflos, ohnmächtig. Ich kam nicht an gegen den Drang, einfach abzuhauen.“ Marcs Blick sprang nervös von einer Seite zur anderen. Theresa merkte deutlich, wie groß seine Schuldgefühle immernoch waren.
„Es ist gut, dass du dich mit Claudia aussprechen konntest…“, sagte sie daher leise. „Sie hat dir verziehen.“
Während Theresa einen Schluck von ihrem Wein probierte, erzählte Marc weiter.
„Ich bin dann ins Ausland gegangen. Habe in verschiedenen Ländern in Krankenstationen gearbeitet, für „Ärzte ohne Grenzen“.“
„Wo warst du überall?“
„Burkina Faso, Algerien, Uganda, Armenien, Libanon…“, zählte Marc auf. „Es war schwer, aber eine tolle Zeit. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, einfach nur helfen zu können. Die Arbeit dort hat mich ausgefüllt und hat mir keine Zeit mehr gelassen, darüber nachzudenken, was ich noch so in meinem Leben habe. Da gab es ansonsten nämlich nichts…“
„Kenn ich“, sagte Theresa leise.
„Nach einigen Jahren wollte ich zwischendurch mal wieder zurück nach Deutschland und habe mich auf eine Vertretungsstelle an einer Klinik in Weimar beworben. Dort habe ich dann auch Prof. Patzelt im Rahmen ihrer Krebsbehandlung kennengelernt. Und wie es dann weiterging, weißt du ja.“
„Dann bist du nach Erfurt gekommen“, sprach Theresa die logische Schlussfolgerung aus.
Marc nickte. „Und da warst du“, fügte er hinzu.  
„Ich hasse Spielchen“, sagte Theresa mit einem vorsichtigen Lächeln. Der erste Satz, den sie je zu ihm gesagt hatte. Nie würde sie den vergessen. Ob Marc sich auch erinnern würde?
Auch Marc musste lächeln. „Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie du den Apfel, den ich dir zugeworfen habe, einfach hast fallen lassen.“
„Du dachtest bestimmt, was ist das für eine Zicke“, vermutete Theresa.
Marc lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Ich fand dich toll“, sagte er nur. „Vom ersten Moment an.“
„Wirklich?“ Theresa sah ihn ungläubig an.
Marc nickte. „Glaubst du mir nicht?“
„Doch“, antwortete Theresa und lächelte. „Mir ging’s genauso. Ich hab nur lange gebraucht, bis ich mir das eingestehen konnte.“
„Was hat dich denn dazu gebracht, heute Abend zu mir zu kommen?“, fragte er dann. „Und die Protokolle nicht zu lesen?“
Theresa zuckte mit den Schultern. Sie wusste nicht so recht, wie sie es erklären sollte, es war mehr ein Gefühl gewesen. Es hatte sich auf einmal richtig angefühlt.
„Heute Mittag im Klinikum, im Glasgang… es hat mir unheimlich viel bedeutet, dass du mich nicht weggeschickt hast. Du hast mich mit einbezogen, du hast mir gezeigt, wie aufgewühlt du warst. Hast mich in dich hinein schauen lassen. Das habe ich mir die ganze Zeit gewünscht, all die Jahre“, gab sie zu. „Da konnte ich nicht anders. Ich musste herkommen.“  
„Es ist schön, dass du gekommen bist“, antwortete Marc und schenkte ihr ein liebevolles Lächeln.

Beide hingen eine Weile ihren Gedanken nach. Irgendwann stand Marc auf, ging zum Fenster und sah in die Nacht hinaus. „Es ist so viel passiert…“, sagte er nach draußen gerichtet. Er dachte daran, wie er Theresa gewürgt hatte. Und wie sie danach alle Gesprächsversuche abgeblockt hatte.
Theresa wartete noch einen Moment ab, ob er weitersprechen würde. „Lass uns ganz neu anfangen“, sagte sie dann. „Alles hinter uns lassen!“
Marc reagierte nicht, er starrte nur weiter aus dem Fenster.
„Was ist los, Marc?“, fragte Theresa.
„Ich schulde dir noch eine Erklärung. Immernoch. Du hast mich gefragt, was es an „Ich kann das nicht“ noch zu erklären gibt. Damals wolltest du meine Erklärung nicht hören, aber jetzt… Vielleicht verstehst du es inzwischen schon ein bisschen besser… ich stand damals vor einem Scherbenhaufen. Vor dem Scherbenhaufen meines Lebens, den ich wieder einmal verursacht hatte. Ich hatte dich mit meinen eigenen Händen verletzt, dich, die einzige Person, die ich nach so langer Zeit wieder in mein Leben gelassen hatte.“ Marcs Stimme brach bei diesen Worten.
Theresa machte ein paar Schritte auf ihn zu und stellte sich hinter ihn. Sanft berührte sie mit ihrer Hand seine rechte Schulter. „Ich bin da“, wollte sie ihm damit zeigen.
„Mit dir hatte ich das Gefühl, lebendig zu sein. Einen Sinn im Leben zu haben. Überhaupt ein Leben zu haben. Und all das, dieses wunderbare Geschenk, das du für mich warst, habe ich mit meinen eigenen Händen zerstört. Ich konnte das nicht ertragen, Theresa, und noch weniger konnte ich den Gedanken daran ertragen, dass das nochmal passieren könnte. Die einzige Lösung für mich war, das mit uns sofort zu beenden.“
„Warum hast du dir nicht schon damals Hilfe geholt?“, fragte Theresa leise. „Das hätte alles geändert!“
„Ich war damals noch nicht so weit. Ich war der Überzeugung, dass es sowieso nichts bringen würde. Ich war nach außen hin der ruhige, freundliche Arzt, innerlich aber war ich eine gefährliche, tickende Zeitbombe. Ein Monster, wenn die Bombe hoch ging. Zu diesem Zeitpunkt war ich überzeugt davon, dass ich schon mein ganzes Leben so gewesen bin und dass das auch der Grund dafür war, dass mich niemand lieben konnte. Auch du nicht.“
Theresa schluckte schwer bei den harten Worten, mit denen Marc sein Innerstes beschrieb. Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, kannte sie. Aber sie hatte im Unterschied zu Marc ihre Großmutter gehabt, die sie bedingungslos geliebt hatte.  
„Ich musste offenbar erst meiner Ex-Freundin wieder begegnen, um mir von ihr die Augen öffnen zu lassen. Claudia hat mir klar gemacht, dass zwar ein weiter Weg vor mir lag, den zu gehen sich aber lohnen würde.“
„Kluge Worte...“, warf Theresa nachdenklich ein.
„Ich bin so froh, dass ich die Therapie gemacht habe. Für mich, aber vor allem für dich. Für uns. Und dann stehst du vor mir im Medikamentenlager und sagst mir, dass du Angst vor mir hast. Dass du mir nicht mehr traust.“ Marcs Stimme war mit Emotionen beladen, seine Hände zu Fäusten geballt. Theresa nahm von hinten seine rechte Hand und löste die Faust, schloss seine Hand in ihre. Dann drehte sie ihn vorsichtig zu sich um.
„Schau mich an, bitte“, flüsterte sie.
Als Marc endlich seinen Kopf hob, sah Theresa, dass er weinte. Stumme Tränen liefen über seine Wangen. Nach dem kräftezehrenden Arbeitstag, der riesigen Erleichterung über Theresas überraschendes Auftauchen und den Erinnerungen an sein verkorkstes Leben hatte der tief sitzende Schmerz über Theresas harte Worte nun das Fass zum Überlaufen gebracht. All diese unterschiedlichen Emotionen vermischten sich in seinen Tränen.
Theresa, die immernoch Marcs Hand in ihrer hielt, führte seine Hand zu ihrer Brust und legte sie an die Stelle, an der ihr Herz wie verrückt pochte. Genau wie damals, als er ihr seine Liebe gestanden hatte.
Theresa hielt seine Hand dort fest und legte ihre beiden Hände darüber. „Meine Oma hat mir mal ein Gedicht gegeben.“ Sie pausierte kurz und nahm sich Zeit, jede Regung in Marcs Augen genau wahrzunehmen. Dann begann sie leise zu sprechen.
„Mein Herz schlägt schneller und lauter, wenn ich dich sehe - ist das Liebe?
Ich wünsche, ich gehöre zu dir und du gehörst zu mir - ist das Liebe?
Ich träume, die Zeit wäre endlos und hoffe im Kuss, die Zeit bliebe stehen!
Ich denke, das ist Liebe.
Du gibst mir Flügel, gibst mir Raum, lässt mich sein. Jetzt weiß ich, es ist Liebe.“

Als sie am Ende des Gedichts angelangt war, liefen auch Theresa Tränen über die Wangen. Tränen der Erleichterung, Tränen der Rührung, weil sie endlich ehrlich zueinander sein konnten. Endlich.
Vorsichtig machte sie einen kleinen Schritt auf Marc zu. Er tat es ihr gleich, sie näherten sich ganz langsam und sahen einander dabei fest in die Augen. Als sich ihre Gesichter fast berührten, hielten sie nochmal kurz inne.
„Es tut mir leid, was ich im Keller gesagt habe“, flüsterte Theresa. „Das war nicht die Wahrheit. Ich habe keine Angst vor dir. Ich vertraue dir und daran hat sich nie etwas geändert.“
Marc brachte wieder etwas mehr Abstand zwischen sie. „Warum hast du es dann gesagt?“, fragte er. In seinen Augen schimmerten immernoch Tränen. „Das war… das war das schlimmste, was du zu mir sagen konntest.“
Theresa senkte die Lider. „Es tut mir leid.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Jetzt bin ich wohl an der Reihe, alles auszupacken…“
Marc sah sie fragend an. Theresa, die immernoch seine Hand festhielt, führte ihn zurück zum Tisch und setzte sich wieder.
„Du weißt zwar schon deutlich mehr über mich, als ich bis eben über dich wusste, aber… ich habe dir nie gesagt, wovor ich wirklich Angst habe.“
Marc schüttelte den Kopf und sah sie erwartungsvoll an.
„Ich habe schreckliche Angst, dich wieder zu verlieren“, flüsterte Theresa kaum hörbar. „Deshalb konnte ich mich nicht auf dich einlassen. Ich kann nicht noch einmal den wichtigsten Menschen in meinem Leben verlieren!“ Marc wusste, dass sie damit auf ihre verstorbene Großmutter anspielte.  
„Jede Nacht, in der du einfach verschwunden bist… jede schwierige Situation, in der du mich ausgeschlossen und dich tagelang nicht gemeldet hast… als du damals nach Spanien gehen wolltest… dein „Ich kann das nicht“… in all diesen Situationen hat mir die Angst alles zugeschnürt, fast den Atem genommen.“
Marc beobachtete, wie Theresas Atem auch jetzt immer schneller ging und sie sich die Hand auf den Brustkorb legte, um sich zu beruhigen. Er strich mit seinen Fingern leicht über ihre andere Hand, die noch auf dem Tisch lag.
„Das schlimmste waren für mich nicht die Angriffe, Marc“, sprach Theresa weiter. „Das allerschlimmste war der Satz „Ich kann das nicht“. Du hast mich ausgeschlossen, du hast mich nicht in deinen Kopf, nicht in dein Herz gelassen und das hat mir so weh getan. Ich wollte diesen Schmerz nicht noch einmal und dachte deshalb, es sei besser, wenn wir es einfach lassen.“
„Hast du deshalb auch was mit Mattes angefangen?“, fragte Marc nach.
Theresa nickte. „Ich wollte mir beweisen, dass ich eine normale Beziehung führen kann. Mit einem Mann, der nachts bei mir geblieben ist. Der mir alles geben konnte. Mit dem es einfach unkompliziert war. In Berlin lief das gut, aber hier… hier warst du. Ich mochte Mattes und es war eine nette Zeit mit ihm. Aber geliebt habe ich die ganze Zeit nur dich.“
Marc sah ihr fest in die Augen. Ihn überkam eine Welle von Zuneigung für diese Frau, die es nun genau wie er endlich geschafft hatte, sich völlig zu öffnen.
„Theresa…“ Marc nahm nun Theresas Hand fest in seine. „Ich kann dir nichts garantieren, das habe ich schonmal gesagt und niemand weiß, was in unserem Leben passieren wird. Aber ich möchte mein Leben mit dir verbringen, Theresa. Mit dir leben, alles mit dir teilen, mit dir alt werden. Wenn du das auch willst.“ Der letzte Satz war mehr eine Frage, als eine Feststellung.
Theresa nickte heftig. „Ich wünsche mir nichts mehr als das.“

Ohne ihren Blick loszulassen stand Marc auf, zog Theresa mit hoch und näher zu sich heran. Er legte beide Arme um sie und drückte sie fest an sich. Theresa erwiderte die Umarmung, legte ihren Kopf auf seine Schulter und genoss einfach nur seine Nähe, die sie so sehr vermisst hatte. Langsam hob sie ihren Kopf und fing Marcs Blick wieder ein. Ihre Lippen näherten sich einander und trafen sich schließlich zu einem zärtlichen Kuss. Sie versanken in ihrem Kuss, es gab nur noch sie beide. Langsam und vorsichtig strich Theresa über Marcs Hinterkopf, seine Schultern, seinen Rücken. Sie wollte jeden Millimeter seines Körpers genau spüren und in sich aufnehmen. Auch Marcs Hände begaben sich auf Wanderschaft und bald schon machte er sich an den Knöpfen von Theresas Bluse zu schaffen. Theresa seufzte leise, als seine warmen Hände ihre nackte Haut berührten. Wie hatte sie ihn vermisst. Die Küsse wurden immer intensiver und leidenschaftlicher und mit sanftem Druck gegen ihre Hüfte bewegte Marc Theresa langsam in Richtung des Schlafzimmers…

Später lagen sie eng umschlungen in Marcs Bett. Theresa hatte ihren Kopf auf seine Brust gelegt und Marc hielt sie fest im Arm.
„Ich bin so froh, dass du da bist“, flüsterte er.
„Ich auch“, flüsterte Theresa zurück.
„Darf ich dir noch eine Frage stellen?“, wollte Marc nach einer Weile wissen.
Theresa hob den Kopf und sah ihn an. „Klar!“
„Hast du dich von Mattes getrennt oder er sich von dir?“, fragte Marc.
Theresa rollte sich auf die Seite, sodass sie nun neben ihm lag und ihn richtig ansehen konnte. „Ernsthaft, du willst jetzt, hier im Bett, über Mattes reden?“
Marc zuckte nur entschuldigend mit den Schultern. Die Frage spukte seit Wochen in seinem Kopf herum.
„Ich habe Schluss gemacht. Ich… ich habe von dir geträumt und habe dann beim Aufwachen, noch im Halbschlaf, die drei Worte zu Mattes gesagt. Erst als er geantwortet hat, wurde mir klar, dass nicht du neben mir lagst, sondern er… Das war schrecklich.“ Sie verzog das Gesicht. „Ich wusste, ich muss das mit ihm so schnell wie möglich beenden. Egal, was dann mit dir und mir werden würde.“
„Sagst du mir die drei Worte nochmal?“, bat Marc und lächelte sie an.
Theresa rutschte ein bisschen näher zu ihm, sodass ihre Nasen sich fast berührten und ihre Augen nur Zentimeter voneinander entfernt waren, und sagte dann mit klarer, deutlicher Stimme: „Ich liebe dich, Marc.“
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