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Zwei Teleporter unter sich

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Fletcher Renn
21.11.2020
29.11.2020
5
6.670
 
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Kapitel 1 Ein klitzekleiner Gefallen


Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er war aufgeregt. So aufgeregt und nervös. Ja, nervös. Weil er sich mit Skulduggery Pleasant in einer Bar traf. Es war eine beliebte Bar in einem der neuen Viertel von Roarhaven. Vor allem junge Zauberer kamen abends hier her, um den Tag mit ihren Freunden ausklingen zu lassen. Natürlich nicht so jung, wie seine Schüler an der Corrival-Schule. Die Leute hatten eher sein Alter. Oder sie sahen jeden Falls so aus, als seien sie in seinem Alter. Genau genommen hatte er noch nie jemanden in dieser Bar nach seinem Alter gefragt.

Das Skelett im Anzug war dennoch ein deutlicher Kontrast zu den anderen Besuchern. Ihre Unterhaltungen, das Lachen und das Klirren von Gläsern waren ein gleichmäßiger Geräuschpegel, als Fletcher in den Schankraum trat, sodass er gleich von der gemütlichen und ausgelassenen Atmosphäre umhüllt wurde. Nach seiner Haltung zu urteilen, beeinflusste das Ganze Skulduggery nicht im Entferntesten. Er saß am dunklen, rustikalen Holztresen auf einem Barhocker. Seinen Hut hatte er abgenommen und vor ihm stand eine kleine Schale mit Nüssen. Sie schienen unangetastet, denn er redete lieber mit der jungen Barkeeperin.

Fletcher atmete einmal tief durch und sammelte all seinen Mut zusammen. Er schaffte das schon! Es war doch bloß Skulduggery! Sie hatten schon hunderte Male miteinander geredet. Sie waren vielleicht keine Freunde geworden, während Walküre weggewesen war, aber der Detektiv hatte angefangen, mehr als den nervtötenden Teenager in ihm zu sehen. Oder zumindest nahm der Blondhaarige das an. Schließlich war es Skulduggery gewesen, der ihn gebeten hatte, Lehrer für Teleportation zu werden. Aber wenn er recht überlegte, wen hätten sie denn auch sonst fragen sollen? Er war ja nun der einzige Teleporter gewesen. Und das brachte ihn zurück zu seiner eigentlichen Mission. Entschlossenen durchquerte er den Raum und setzte sich neben das berühmte und berüchtigte Skelett.

„Hey“, sagte er lahm, als sowohl Skulduggery als auch die Barkeeperin ihn ansahen. „Cool, dass du gekommen bist.“

Die beiden warfen sich einen Blick zu, dann grinste die junge Frau, bevor sie sich den anderen Gästen am Tresen zu wandte und mit einer kleinen Bewegung aus dem Handgelenk drei Gläser mit lila Flüssigkeit über die hölzerne Oberfläche gleiten ließ.

„Ich habe mich mit der Lady unterhalten, Fletcher, und wir sind beide derselben Meinung. Wir verstehen nicht, wieso du einen Toten, der weder essen noch trinken kann oder muss, in eine Bar einlädst.“

„Ich ähm“, begann der Blonde, doch Skulduggery fuhr schon fort.

„Abgesehen davon – und versteh mich jetzt bitte nicht falsch, ich fühle mich ja geschmeichelt – mache ich so etwas hier nicht.“ Er deutete mit einem behandschuhten Finger zwischen ihnen beiden hin und her. „Du und ich, das würde sowieso nicht funktionieren.“

Fletcher spürte, wie ihm warm im Gesicht wurde. Er versuchte sich an einem Lachen, doch das klang viel zu nervös. „Deswegen habe ich dich nicht hier her gebeten“, sagte er und schluckte dann. Die Situation wäre ihm mit Sicherheit noch peinlicher gewesen, wenn seine Gedanken nicht um diese eine Sache kreisen würde. „Kein Date. Definitiv. Ich meine, das hier ist definitiv kein Date.“

Skulduggery schwieg daraufhin. Fletcher wünschte, er hätte eine Fassade aufgesetzt, dann könnte er wenigstens etwas im Gesicht des anderen lesen. Der andere konnte gerade misstrauisch die Augen zusammenkneifen oder die Augenbrauen heben. Vielleicht rollte er auch mit den Augen oder war wütend darüber, dass er seine Zeit irgendwie verschwendete.

„Ich- ich wollte dich um einen Gefallen bitten“, erklärte Fletcher schließlich, als Skulduggery einfach nichts weiter dazu sagte. „Ich ähm also.“

„Hat es mit Walküre zu tun? Es hat etwas mit Walküre zu tun. Ich werde mich nicht einmischen, wenn es etwas mit Walküre zu tun hat.“

„Es hat nichts mit Walküre zu tun.“

„Ich wollte es nur klargestellt haben.“

„Ist klar.“

„Gut.“

Einen Moment herrschte Stille. Fletcher war aus dem Takt. Er hatte vergessen, wo er stehen geblieben war. Fieberhaft rasten seine Gedanken.

„Ich wüsste nicht, wieso ich dir einen Gefallen tun sollte“, unterbracht Skulduggery das Wirrwarr in seinem Kopf.
Empört holte der Teleporter Luft. „Du weißt doch gar nicht, worum es geht.“

„Was würde für mich dabei herausspringen?“

„Ich habe dir jawohl schon oft genug das Leben gerettet, damit ich dich um einen klitzekleinen Gefallen bitten kann.“

„Ich kann mich nicht daran erinnern.“

„Du willst mich doch verarschen! Darf ich dich daran erinnern, dass-“

„Komm zum Punkt, Fletcher.“

Fletcher grummelte kurz vor sich hin. Skulduggery schaffte es wirklich immer wieder, dass er sich fühlte, wie dieser idiotische, kleine Junge, der er gewesen war, als sie sich kennengelernt hatten. Erneut holte er tief Luft und ordnete seine Gedanken. „Du weißt bestimmt, dass die Heiler des Obersten Sanktuariums versuchen, Nero zu helfen. Seine Magie bringt ihn um, dabei hat er die Bauchverletzung gerade so überstanden. Sie hat nicht gerade dazu beigetragen, dass er seine Kräfte unter Kontrolle bekommt.“

„Er ist Neoteriker. Sie werden eine Weile brauchen, einen Weg zu finden, ihm zu helfen. Aber so lange er in einer unserer Zellen sitzt, ist mir herzlich egal, was mit ihm passiert.“

Fletcher setzte sich gerader auf den Stuhl und presste die Lippen fest aufeinander. Er konnte nicht verhindern, dass seine Miene kalt und distanziert wurde. Seine Stirn kräuselte sich, als er dieses Mal doch in Skulduggery lesen konnte. Irgendetwas an der Haltung des Skeletts verriet ihm, dass er aufhorchte; neugierig geworden war.

„Aber wieso interessiert es dich?“, fragte er langsam und mit Bedacht. Er versuchte, die Situation neu einzuschätzen. Dann gab er ein verstehendes „Aah!“, von sich.

„Was?“ Irritiert fuhr Fletcher sich durch die Haare.

„Du gibst dir die Schuld daran. Du hast gesagt, du hast seinen Willen gebrochen, als Abyssinia das Oberste Sanktuarium angegriffen hat.“

Fletchers Gesichtszüge gerieten etwas aus den Fugen.

„Wie genau soll denn dieser Gefallen aussehen?“

„Ich- Na ja, ich denke, ich kann ihm helfen. Ich wollte dich bitten, mit China zu sprechen. Wenn ich sie frage, wird sie es mir nicht erlauben. Und ich muss erst mal bis zu ihr kommen. Du bekommst schneller einen Termin bei ihr und sie wird ernsthaft darüber nachdenken, wenn du es ihr vorschlägst.“

Wieder blickte Skulduggery ihn einen Augenblick lang einfach nur an. Fletcher konnte es wieder nicht einordnen. Er hätte sich gerne auf den Fingernägeln herumgekaut oder an ihnen herum gepult, aber er ließ die Hände still auf dem Tresen liegen.

„Hast du vergessen, dass er dir ein Messer in den Bauch gerammt hat und du daran fast gestorben wärst?“

Damit hatte Fletcher allerdings gerechnet. „Ich habe es nicht vergessen. Und du hast bestimmt auch nicht die unzähligen Male vergessen, bei denen China dich hintergangen hat oder dass dir viele Leute für das vergeben haben, was du ihnen als Lord Vile angetan hast. Was ich sagen will, wir haben alle eine zweite Chance verdient. Und es ist ja nicht so, dass ich will, dass wir ihn freilassen. Für das, was er getan hat, gehört er in ein Gefängnis. Aber er ist krank und er wird daran sterben, wenn ihm keiner hilft.“

„Wie hast du seinen Willen gebrochen?“

Blinzelnd versuchte Fletcher die Frage zu verstehen, dann sagte er etwas peinlich berührt: „Das hab ich nur so dahin gesagt. Ich weiß nicht, wie das tatsächlich passiert ist. Ich denke, ich habe ihn durcheinandergebracht.“

„Und du glaubst trotzdem, dass du ihm besser helfen kannst, als die Heiler und die Sensitiven, die sich um ihn kümmern?“, fragte Skulduggery. Doch es klang nicht spöttisch oder sarkastisch, aber ungläubig.

„Ja“, antwortete Fletcher und er legte so viel Überzeugung in dieses eine Wort, wie er nur konnte.
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