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Ein Ozean und ein Boot

von fangirl9
GeschichteSchmerz/Trost / P12
21.11.2020
21.11.2020
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„Wieso schreibst du nicht mehr?“

Es war still, so still wie zuvor. Als hätte nie jemand etwas gesagt. Und doch waren die Worte geäußert wurden.
Dabei waren sie doch schon so lange erfolgreich unausgesprochen geblieben.

Die Stille, die jetzt über ihnen lag war ohrenbetäubend.

Wie konnte diese Frage nur gestellt werden? Sie waren sich doch schweigend einig, nie darüber zu reden. Wieso kam dieses Thema gerade jetzt wieder auf?

„W-was soll die Frage jetzt?“, kam langsam stotternd die Gegenfrage nach einigen langen Momenten des erschrockenen Schweigens.

„Ich weis wir reden nie darüber, doch will ich schon der ganzen Zeit eine Antwort darauf haben. Du hast es immer geliebt zu schreiben und plötzlich hörst du von Heute auf Morgen damit auf. Wieso?“

Wieso? Ja, das war eine gute Frage, war ihr selbst der Grund nicht ganz schlüssig. Es war einfach so und sie wollte einfach nicht darüber nachdenken.
Und dennoch tat sie es immer wieder.

(Nur wollte sie nichts von alle dem wirklich wahr haben.)

„I-ich... Es ist einfach so.“, antwortete sie schließlich: „ Finde dich damit ab, es ist schließlich nicht deine Entscheidung, was ich mit meiner Zeit anstelle.“

Stille.
Das... war ein wenig harscher, als beabsichtigt. Und es tat ihr auch sofort danach leid, die sie ihr Gegenüber so angefahren hatte. Das hatte die Person nicht verdient.
Einige lange Sekunden vergingen, in denen sie sich einfach nur schweigend ansahen, bis sie schließlich ihren Blick senkte. „Entschuldige.“, wisperte sie.

Ein Seufzen war ihre Antwort, „Lass uns einen Deal machen.“, wurde ihr dann vorgeschlagen: „Du erklärst mir jetzt, warum du nicht mehr schreibst und danach werde ich dich nie wieder darauf ansprechen. Okay?“

Sie wollte aber nicht darüber sprechen. Weder jetzt, noch irgendwann. Am liebsten würde sie nie wieder darüber nachdenken. Doch war es wahrscheinlich schlauer auf das Angebot einzugehen. Es war besser, das ganze nur einmal über sich ergehen zu lassen, als dass das Thema ständig wieder hoch kam, denn jetzt wo es einmal angesprochen wurde, würde ihr Gegenüber nie wieder locker lassen. So viel war sicher.

Und dennoch wollte sie nicht darüber sprechen.

„Wieso interessiert es dich eigentlich so sehr? Ich habe dir noch nie etwas von mir zu lesen gegeben, also macht es doch für dich gar keinen Unterschied, ob ich jetzt schreibe oder eben nicht.“, stellte sie eine Gegenfrage. Einerseits interessierte sie die Antwort auch, doch war es wohl eher um Zeit zu schinden.

Dies schien auch die andere Person zu wissen, denn ein schmales, wissendes Lächeln zierte das Gesicht. Es wirkte fast traurig.
„Ich weiß was du versuchst.“, wurde sogleich ihre Annahme bestätigt: „Doch wenn ich von dir Ehrlichkeit verlange, sollte ich sie dir auch entgegen bringen. Immer erzählst du mir von den Ideen, die du hast. Sie sind so vielzählig und vielfältig. Ständig hast du neue und bist von jeder mehr begeistert, als von der vorherigen. Es ist faszinierend. So lebhaft bist du nur so selten. Leider. Und weißt du noch, was du wir gesagt hast, als ich dich mal gefragt habe, warum du eigentlich schreibst?“

Sie starrte nur schweigend zurück. Natürlich wusste sie es noch. Wie sollte sie das denn vergessen? Doch konnte sie nicht antworten, diese Worte erneut auszusprechen war zu schmerzhaft.

„Du sagtest mir, dass da so viele Geschichten in deinem Kopf wären, so viele verschiedene Leben.“, fuhr die andere Person schließlich fort, als ihr klar wurde, dass keine Antwort mehr kommen würde: „Du müsstest sie einfach aufschreiben, sonst würdest du sie vergessen und sie wären für immer verloren. Und das könntest du nicht ertragen.“

Erneut machte ihr Gegenüber eine Pause, ließ die Worte richtig einsinken.

Und sie schwieg einfach nur weiter. Es waren ihre Worte, was sollte sie denn schon darauf erwidern?

„Das Schreiben ist deine zweite Natur. Also wieso hast du damit aufgehört?“

Eine gute Frage. Wieso nur?

„Stell dir, … stell dir vor, die Realität ist ein Ozean.“, fing sie nach langem Überlegen schließlich doch an sich zu erklären: „Es gibt Tage, an denen ist alles ruhig, manchmal wochenlang, monatelang. Doch dann plötzlich ziehen Unwetter auf, von allen Seiten kommen sie mit ihren stürmischen Winden, welche die Wellen meterhoch auftürmen. Und diese Wasserberge brechen über dir zusammen, all das tonnenschwere Wasser schlägt auf dich ein und drückt dich  unter die Wasseroberfläche.“

Sie konnte es genau sehen, vor ihrem inneren Auge.

„Und die Fiktion ist ein Boot. Sie bringt dich überall hin. Wohin du willst. Du musst es dir nur vorstellen können und schon bist du da. So segelt das Boot ungebremst über den ruhigen Ozean und im Unwetter bietet es dir Schutz und hält dich länger über Wasser.

„Doch manchmal sind die Stürme so stark, dass jedes Boot untergehen würde. Dann wird aus dem Boot ein U-Boot. Es beschützt vor den Wassermassen, die von allen Seiten drücken. Du bist vollkommen abgeschlossen vom Wasser, in der Sicherheit deiner eigenen kleinen Welt.

„Und so bemerkst du nicht, wie sich immer mehr Wasser über dir auftürmt und du immer weiter nach unten sinkst. Das Problem ist bloß, dass irgendwann selbst das stärkste Material dem Wasserdruck nicht mehr standhalten wird. Und ganz plötzlich wird dein Schutz zu einer Todesfalle. Selbst wenn du es schaffen solltest, das irgendwie halbwegs unbeschadet zu überstehen, ist das U-Boot komplett zerstört. Dir wird es nie wieder gelingen, es zu reparieren, nicht mal es zu rekonstruieren oder ein ganz neues zu bauen. Allein weil dann in deinem Kopf die Angst ist, dass sich das alles wiederholen könnte.“

Sie wurde ruhig, starrte gedankenverloren vor sich auf den Tisch.

Ja, so war das wohl. Sie hatte einfach nur Angst.

„In dem Moment, in dem man das Wasser aussperrt, ist man schon zum Untergehen verdammt. Also verlässt man das Boot einfach ganz, damit das nie wieder geschieht.“, schloss sie ihre Erklärung ab.

„Schreib das auf.“

Verwirrt schaute sie auf, sah ihrem Gegenüber geschockt in die Augen. Hatte die andere Person ihr denn gar nicht zugehört? Sie konnte nicht mehr schreiben. Sie hatte Angst davor.

Nein.

Sie hatte die Fähigkeit verloren zu schreiben.

„Was du mir gerade erzählt hast, hatte etwas Schönes. Natürlich auch etwas Tragisches, aber ebenso etwas Schönes. Es ist ein interessanter Vergleich und es wäre schade, wenn er einfach so verloren gehen würde. Also schreib ihn auf.“, fuhr die andere Person fort. Doch sie schwieg weiterhin. Was sollte sie denn schon erwidern?

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass da keine Geschichten mehr in dir sind. All die Ideen kommen dir doch immer noch Tag für Tag. Nur schreibst du sie nicht mehr auf. Du hast angst, dass du dich in den Geschichten verlierst. Doch hast du davor mehr Angst, als all diese Welten zu verlieren, diese Figuren mit ihren einzigartigen Leben?“

Nein.

Natürlich nicht.
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