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Fuchs und Pfeil

GeschichteRomance, Fantasy / P12
21.11.2020
07.12.2020
4
5.908
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21.11.2020 1.407
 
[Am nächsten Tag]

Ich durchquere den Wald, der ab hier nun nicht mehr illegal ist. Allerdings, wenn man hier jagt, muss man ausgebildet sein und darf nur bestimmte Tiere fangen. Nur das Exquisite für das Kapitol. Alles was gefangen wird, muss abgegeben werden. Andere Tiere, die man fängt, obwohl sie nicht auf der Liste stehen, wie Eichhörnchen, Spätze und Fledermäuse, darf man mitgehen lassen. Natürlich ist das offiziell verboten, aber unsere Friedenswächter nehmen das immer ziemlich locker. Trotzdem sollte man sie nicht so offensichtlich man nur kann präsentieren. Obwohl ich jetzt im genehmigten Waldbereich bin, muss ich aufpassen. Oft kommen wilde Hunde durch den Zaun aus dem sogenannten „Wilden Wald“ in den „Jagdwald“. Obwohl ich achtsam sein müsste, laufe ich ohne wirklich zu wissen, wo ich lang gehe. Meine Gedanken nehmen mich voll in Beschlag. Ich komme zur Absperrung am Ende des gesamten Waldgebietes hin zum Zivilbereich. Sie ist stärker als die Absperrung zwischen dem Jagdwald und demWilden Wald, da die Bevölkerung nicht der Gefahr ausgesetzt werden soll. Die Bevölkerung erbaute sie vor Jahrzehnten gemeinschaftlich. Wenn es nach dem Kapitol ginge, würde es genau andersrum sein, aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob es weiß, dass man hier so einfach in den Wilden Wald entschlüpfen kann. Hoffentlich finden sie es nur niemals heraus.

Ich bewege mich zum Tor hinaus in die Zivilisation. Ich klopfe einmal lang, zwei mal kurz gegen das Holztor und ein Schlitz öffnet sich, aus dem zwei weibliche Augen herausgucken. „Wo ist Arrow?“, fragt die freundliche, zu den Augen gehörende Stimme. Diese grünen Augen strahlen mich an.
„Wieso so glücklich heute?“, frage ich mit erhobenen Augenbrauen.
„Wulf hat für mich etwas besonderes vorbereitet.“, sagte Dove.
„Freut mich für dich“, sage ich lächelnd zu meiner ehemaligen Mentorin. Sie öffnet die Tür und schließt gleichzeitig den Schlitz. Sie lässt mich hindurch und stößt die Tür schnellstmöglich wieder zu. Gemeinsam gehen wir zu einer nahegelegenen heruntergekommenen Holzhütte.
„Also, wo ist Arrow?“ Arrow ist Keyns Spitzname. Jeder Jäger hat einen, sogar viele Bürger. Sie sind gleichwertig mit echten Namen. Sie entstehen aus Eigenschaften der Personen, spontanen Gegebenheiten  oder bestimmten Situationen. Mir sind diese Namen perplex. Wenn man Jäger wird, bekommt man quasi einen ganz neuen Namen. Ich nenne alle bei ihrem Spitznamen, als eine Art Respekt, aber Keyn wird für mich immer Keyn bleiben. Nicht,dass ich ihm kein Respekt zolle. Das tue ich ihm mehr, als jedem anderen, aber für mich ist es fast wie eine Verleugnung seines Wahren Ichs.
Er war schon immer Jäger, aber ich sehe in ihm mehr als nur ein Jäger. Ob er das weiß, weiß ich nicht. Wahrscheinlich denkt er nur, dass ich mich an seinen Spiznamen nicht gewöhnen kann, wogegen mein Name Fox, für mich alltäglich geworden ist. Schon bevor ich offiziell so hieß nannte mich jeder so. Keyn heißt Arrow. Seine Fähigkeit mit Pfeil und Bogen sind nun einmal einzigartig. Ich bin Fox wegen allem. Der Name passt so gut zu mir, dass wir ihn beibehielten. Meine hellblonden Haare schimmern im Sonnenlicht orange-rot, wie Feuer, meinen alle anderen. Zudem meinen sie, dass auch jage und so schlau bin wie ein Fuchs.
Wulf, Keyn´s ehemaliger Mentor und Dove’s Partner, heißt so, weil er eine Bestie ist, wenn es darum geht Tiere zu erlegen. Selbst den Größten tritt er ohne Furcht entgegen und bekämpft sie oft im Nahkampf. Er ist groß und kräftig und hätte meiner Meinung nach Bear heißen sollen.
Und dann gibt es noch meine alte Mentorin Dove. Sie klettert durch die Bäume, wie ein Vogel und ist immer ziemlich gutgläubig, kommt mit jedem aus und ist sehr intelligent.
Außerdem gibt es noch andere: Bat, Snake, Scar, Fish, Shimmer und weitere. Wir sind aber nicht viele. Unser Distrikt ist groß, doch unser Dorf ist klein. Und dieser offizielle Wald zum jagen ist etwas einzigartiges... wie eine Ausnahme. In den ferneren Distrikten kann ich mir das aber nicht vorstellen.

Ich kaue auf meiner Lippe herum:„Keyn hat das östliche Tor benutzt. Er will noch zu Thea Backleston. Ihr etwas andrehen.“, meine Miene verrät meine Missbilligung. Thea Backleston war etwa in unserem Alter und kaufte Keyn regelmäßig etwas ab. Doch dabei flirtete sie ständig mit ihm. Die wenigen Male, bei denen ich mitkam konnte ich es kaum ertragen. Dauernd musste ich die Augen verdrehen. Keyn spielt gerne bei solchen Spielchen mit. Sein Charme war nicht zu übersehen und da muss ich ehrlich zugeben, so unattraktiv ist er ja auch nicht. Aber diese Thea hat einen schlechten Ruf und ich mag sie nicht.
„Ist da etwa jemand eifersüchtig?“, stupste mich Dove an.
„Ja klar, das wünschst du dir doch.“, Dove versucht uns schon seit einiger Zeit zu verkuppeln. Sie arrangierte ein paar für mich sehr unangenehme Momente, was ich ihr manchmal immer noch vorwerfe.
„Ihr seid ein Traumpaar, das solltet ihr akzeptieren. Auch ohne meine Hilfe werdet ihr darauf noch kommen. Das wäre ja so traumhaft. Ich und Wulf und unsere Schüler Fox und Arrow vereint. Wie Märchenhaft.“, sehnsüchtig seufzt sie.
„Du weißt genau, dass wir nicht in einem Märchen sind.“, unterbreche ich ihr Schwärmen. Anscheinend holte ich sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, denn ihr Gesichtsausdruck wird ernst.
„Ich weiß, dass du Angst hast.“
„Ich habe keine Angst.“, versichere ich ihr, obwohl mir direkt wieder mulmig im Bauch wird.
Als nächstes folgen beruhigende Worte, Zusicherungen und Ermunterungen. Es war dasselbe, was Keyn auch gesagt hatte. Sie haben aber Recht. Ich lenke mich unnötig ab. Wir verabschieden uns, nachdem wir meine heutige Beute in der Hütte abluden und Dove wieder auf ihren Posten ging.

Ich gehe schnurstracks nach Hause in eine kleine Hütte, die ich allein bewohne. Ich habe ja niemanden mehr. Das macht die Versorgung aber auch leichter. Ich brauche alleine nie viel zum Leben. Ich lege meine Sachen ab und beobachte durch das schmutzige Fenster, wie die Sonne langsam untergeht. Ich habe keinen sonderlich großen Hunger, worauf ich ein Kaninchen, dass ich für mich übrig gelassen habe, häute und es es kochfertig mache. Kochen ist eine meiner heimlichen Leidenschaften. Ich probiere ständig neue Kräuter, Pflanzen, Tiere und Kombinationen aus und hole, wie es die anderen immer sagen, immer das Beste aus jedem Gericht heraus. Hätte ich mehr Möglichkeiten mit Zutaten und Gelegenheiten, wäre ich ausgezeichnet. Manche Tage koche ich gemeinsam mit Keyn. Er schaut mir oft zu, während ich ihn dabei beobachtete, wie er schreibt. Nicht viele Menschen aus unserem Armenviertel können lesen oder schreiben, aber er ist ein Künstler. Seine Schrift sieht aus wie ein Kunstwerk. Papier und Tinte sind sehr teuer, was heißt, dass er sparsam umgehen muss. Er malte auch und schrieb Geschichten. Sie sind unglaublich. Sie ziehen mich immer mit in eine andere Welt, in der ich lieber sein will. Wir beide sind oft zusammen. Er ist einer der wenigen sozialen Kontakte, die ich halte. Viele andere Freunde habe ich nicht. Außer meinen Jagdgefährten vertraue ich nicht vielen Menschen.

Das Kaninchen ist durchgekocht und schwimmt nun in einem kleinen Topf inmitten einer lecker riechenden Suppe. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Seit gestern hatte ich nichts mehr gegessen. Ich habe noch eine Scheibe Brot übrig, die ich mir mit etwas Käse genehmige. Den nächsten Käse werde ich mir wohl mitsamt Brot in frühestens einem Monat wieder leisten können. Es ist sehr teuer, aber heute genehmige ich mir doch etwas. Ich brauche das, die Kraft und einfach etwas mehr als sonst.
Nach dem Essen genehmige ich mir noch einen Schluck Schnaps. Illegal erworben, aber besser als legaler. Auch mit dem gehe ich sparsam um. Anders als in anderen Haushalten, trinke ich schon in meinem Alter. Nicht viel und nur wenn ich es brauche. Ein Schluck ist ok.  Anderen Siebzehnjährigen wird es von den Eltern verboten, aber da habe ich ja keine Schwierigkeiten.  Mein Essen ist oft sehr einsam, wenn Keyn nicht da ist, aber genau in diesem Moment kommt die schwarze Straßenkatze durch das geöffnete Fenster zu Besuch.
„Hallo Kätzchen.“
Sie schnurrt und miaut und schmiegt sich an mich. Ich streichel sie und gebe ihr meine Essensreste. Ich entledige mich von meiner Kleidung und gehe mit Unterwäsche ins Bett, nachdem ich die Kerzen löschte. Ich muss heute früher ins Bett, mich ausruhen. Ich liege in der Dunkelheit da und höre das Schmatzen der essenden Katze. Ich höre Zirpen und die nächtlichen Geräusche des naheliegenden Waldes, das Geschrei eines Uhus. Geraschel der Bäume und des Windes umfließen meine Gedanken. Ich konzentriere mich allein darauf, bis ich endlich einschlafe.
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