Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Fuchs und Pfeil

GeschichteRomance, Fantasy / P12
21.11.2020
24.11.2020
3
3.709
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
21.11.2020 1.168
 
Ein Tropfen frisches Blut tropft von meiner Hand. Das gerade erst getötete Kaninchen, in dem immer noch mein Pfeil steckt, halte ich mit meiner rechten Hand und strecke sie siegessicher in die Höhe. Ich drehe mich herum. Hinter mir steht Keyn. Wir befinden uns auf einer Waldlichtung, auf der der Sonnenschein immer tiefer strahlt. Es muss schon später Nachmittag sein, als wir endlich genug gejagt haben.
„Hab ich es doch gesagt. Ich fange 5 Kaninchen schneller als du.“, triumphiere ich.
„Tja, Fox.“ Im selben Moment hören wir ein Knacks im Unterholz, als Keyn sein Bogen zieht und innerhalb weniger Sekunden ein weiteres Kaninchen erlegt hat. Unglaublich. Er ist extrem schnell und geschickt mit dem Bogen, so wie ich es nie könnte. Ich habe einen und kann auch damit umgehen. Ich könnte wahrscheinlich auch ziemlich gut jagen, aber er ist ein Naturtalent. Meine Begabung liegt in dem Bau und der Anwendung einer Armbrust. Sie zu verwenden ist sehr simpel, aber ich bin vor allem geschickt darin sie zu bauen und sie weiterzuentwickeln. Zudem habe ich ein spezielles Talent im Messer-Werfen. Allerdings sind Messer oft zu wertvoll, weshalb ich meistens auch geschärfte Ton- oder Steinscheiben werfe.

Ich senke meine Hände, in der Rechte das Kaninchen und in meiner Linken die Armbrust, um beides in meine Tasche am Rand der Lichtung einzupacken. „Wie wäre es, wenn wir sagen würden Gleichstand?“ Er lächelt mich an. Nach diesem Lächeln und meinem kleinen Sieg bin ich nun vollkommen wieder aufgebaut. Schon am Morgen hatte ich keine gute Laune gehabt. Ein schlimmer Tag kommt auf uns zu und Keyn weiß das. Dennoch versuchte er mich aufzuheitern und erzählte mir Geschichten von früher, wie die, als wir uns kennenlernten.

Als ich 9 wurde, wurden wir zu Jägern ausgebildet. Da niemand in unserem Distrikt einen solchen Beruf haben wollte, da er ebenfalls gefährlich sein konnte, war er sehr gefragt und gut bezahlt. Jeder, der eine einjährige Ausbildung antrat, wurde von einem Mentor ausgebildet. Genau unsere Mentoren waren ein Paar gewesen, woraufhin wir gemeinsam Unterricht hatten und so Freunde wurden. Natürlich, wie das Schicksal es so wollte, trafen wir uns bereits vorher. Bereits vorher waren wir jagen gegangen, allerdings illegal, da wir weder ausgebildet waren, noch im vorgegebenen Bereich jagten.
So kam es, dass ich eines Tages in eine seine Falle getappt war. Ich hing also mit meinem Bein in einer Schlinge. Zum Glück kam er wieder nachdem ich dort schon seit circa 20 Minuten hing und mein ganzes Blut meine Beine verlassen hatte und dann in meinem Kopf zirkulierte.
„Oh das gibt heute aber fette Beute.“, hatte er mit hochgehobenen Augenbrauen gesagt.
„Sehr witzig!“, rief ich ihm von oben hinunter.
„Du weißt schon, dass du hier nicht sein darfst, kleines Mädchen?“  Er war schon immer größer und älter als ich, aber als ein kleines Mädchen bezeichnet zu werden beleidigte mich.
„Ich war jagen, oder ist das verboten?“ Natürlich war es verboten, aber er hatte kein höheres Recht dort zu sein als ich.
„DU jagst?“ fragte er skeptisch.
„Natürlich. Soll ich verhungern?“ hatte ich bissig gesagt. Sein Gesicht war ernst geworden. Wie es immer wurde, wenn über eine Ungerechtigkeit gesprochen wird. Ich liebte es wenn er das tat. Sein Gesicht wirkte zwar immer so düster und älter, aber er wirkte gleichzeitig stark und undurchdringbar. Unbesiegbar eben. Ich bin froh, dass ich ihn traf. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich schon dutzende Male gestorben und außerdem gibt er mir Hoffnung. Letztendlich hatte er mich doch vom Strick runter gelassen. Wir hatten uns über Techniken und gute Plätze ausgetauscht und dafür verlangte er, dass wir ab diesem Zeitpunkt an zusammen jagen. Er meinte, wir könnten mehr Beute gemeinsam erjagen, anstatt alleine, doch ich weiß, dass seine Absichten eigentlich waren, dass er sichergehen wollte, das ich nicht verhungerte. Er hat noch einen kleine Schwester und einen kranken Vater zu versorgen und ich zu diesem Zeitpunkt noch meine Mutter. Meine richtige Mutter. Ich seufze und lasse mir das ganze Geschehen seid dem noch einmal im Kopf durchspielen, als mich etwas am Arm berührt. Ich schaue auf und es ist Keyn. „Was?!“ ich schrecke auf. „Geht es dir gut?“ sein Blick ist besorgt. Seine Fürsorge für mich lässt mich lächeln. Oft wenn ich gestresst bin und etwas schlimmes bevorsteht, drifte ich ab. Ich denke über anderes nach, um mich abzulenken.
Ich erinnere mich an das, was Keyn zuletzt sagte:„Es gibt sicherlich kein Gleichstand. Verloren ist Verloren, aber wie wäre es morgen mit einer Revanche?“
Ohne Vorwarnung schließen sich seine starken Arme um mich. Ich vergrabe mein Gesicht in seiner Schulter und streife dabei seine kurze braunen Haare. „Hör zu.“, flüstert er mir in mein Ohr, „Du machst dir unnötig Sorgen. Ich weiß dein Name ist oft in der Lostrommel, aber die Wahrscheinlichkeit dass ich gezogen werde ist höher und ich muss damit leben. Und selbst wenn du oder ich gezogen werden, es gibt immer diese Wahnsinnigen, die sich freiwillig melden. Oder?“
Er hat recht. Meine Atem, der zwischendurch sehr schnell ging, beruhigt sich. „Ich hab nicht nur Angst um mich, sondern auch um dich.“, sage ich und wir lösen uns. Ich schaue tief in seine braunen Augen. Sie strahlen Mut, Stärke und Wärme aus. „Noch eine Woche...“, flüstere ich kaum vernehmbar.
„Wir müssen gehen. Die Sonne geht bald unter und die wilden Hunde werden kommen.“ Er greift nach meiner Hand und drückt sie. Noch immer stehe ich da, bis er mich an meiner Hand mit sich zieht. Vielleicht hat er Recht.

Gerade bei uns gibt es diese vielen Leute, die sich freiwillig melden. Aus meiner Sicht Abschaum, aber es ist für viele extrem arme Menschen doch noch verlockend. Aber dann gibt es noch diese Menschen, die ihr ganzes Leben dafür trainieren. Sie haben genug, doch sie brauchen ES. Was auch immer ES ist. Ruhm, Aufmerksamkeit, noch mehr Geld oder, was ich mir nicht vorstellen will, die Genugtuung es überlebt zu haben und andere Menschen dafür auf dem Gewissen zu haben. Es schaudert mir. Deshalb meide ich ihn auch, den Wohnblock der Sieger unseres Distriktes. Alle von ihnen haben mindestens schon einen Menschen getötet, ob sie wollten oder nicht. Es ist dennoch gruselig. Je nachdem. Die, die es wollten, sind blutrünstige unbarmherzige Wesen. Was soll ich sonst von ihnen denken? Die anderen sind Opfer und tragen psychische, wenn nicht physische, Verletzungen ihr ganzes Leben mit sich herum. Egal was mit ihnen geschieht, sie alle sind auf ihre Weise wahnsinnig. Ich hasse es dort, ich verabscheue es, ich bekomme Alpträume von dieser Vorstellung.

Ohne, dass ich etwas bemerkt habe, sind wir am Zaun angekommen mit dem wir Distrikt 2 verlassen hatten. Ich atme auf, als wir endlich wieder auf sicherem Gebiet sind. Keyn umarmt mich ein letztes Mal zur Verabschiedung und ich mache mich auf dem Weg nach hause. Noch immer zupfe ich an meiner Lippe, was ich immer tue wenn ich nachdenke.
Das Armenviertel unseres Distriktes ist sehr klein. Seitdem es viele Sieger bei uns gibt ist gleichzeitig der Distrikt ziemlich reich geworden. Dennoch gibt es immer noch die arme Unterschicht...
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast