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Der Esel nennt sich selbst zuerst

von NanaLean
GeschichteLiebesgeschichte / P18 Slash
21.11.2020
19.01.2021
17
60.468
60
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13.01.2021 3.094
 
Kapitel 16: Alt und schrumpelig

„Wow, hier riecht es fantastisch“, seufze ich genießerisch, als ich die Küche betrete.

„Du kannst helfen“, entgegnet Marius, ohne zu mir aufzuschauen. Er ist gerade dabei, mit irgendwas Kartoffeligem herum zu matschen.

Ich ziehe die Mundwinkel runter. Helfen war jetzt nicht unbedingt mein Plan. Für heute hab ich schließlich schon genug gearbeitet. Lieber tue ich so, als hätte ich ihn nicht gehört, gucke in den Ofen und inhaliere den herrlichen Duft, der dort heraus strömt. „Ist das echt ein Gänsebraten?“

„Sieht ganz danach aus, oder?“ Sein genervtes Seufzen. Hab es fast schon vermisst die letzten beiden Tage.

„Coole Sache“, meine ich lässig, aber grinse vor mich hin wie ein kleines Kind an Weihnachten. Na ja, immerhin Weihnachten stimmt ja auch. „Hatte ich noch nie. Und warum matschst du mit deinen Fingern in dem Kartoffelbrei herum?“

„Das werden Klöße“, klärt er mich auf. „Du kannst mir gleich helfen, sie zu formen.“

„Sicher, dass du meine Patscherchen da drin haben willst?“, frage ich und halte ihm meine Hände vors Gesicht.

Er verdreht die Augen und begutachtet dann meine Finger. Ob er dabei auch so schmutzige Gedanken bekommt wie ich, wenn ich seine beobachte? Möglich, dass ich erst gestern Abend an sie gedacht habe. Der Gedanke daran – und vermutlich auch die Tatsache, dass ich viel zu dicht vor ihm stehe – sorgt für Kribbeln im Bauch.

„Sehen sauberer aus, als ich erwartet hätte“, meint er und guckt mich immer noch kritisch an. „Aber wasch sie bitte trotzdem. Gründlich.“

Mist. Da versuche ich ein Mal seine komischen Ticks zu meinen Gunsten zu nutzen und dann reagiert der einfach so locker. Trotzdem tue ich, wie mir geheißen. Seife mir brav die Hände ein und lasse mir Zeit, weil ich sich meine Lust auf Helfen nach wie vor in Grenzen hält. Sehr viel Zeit.

„Noch länger und deine Hände werden schrumpelig“, warnt er mich. Vermutlich hat er meine Taktik durchschaut. Immerhin klingt er ein bisschen belustigt.

„Kann ja sein, dass du drauf stehst“, entgegne ich grinsend und trockne mir die Hände ab. „Meine straffe, jugendliche Haut stört dich ja angeblich.“

„Die Haut ist nicht das Problem“, erwidert er deutlich leiser als ich. „Nur der Jugendliche der drinsteckt.“

Da hat wohl einer Angst, unsere Eltern könnten uns belauschen. Aber das bezweifle ich. Hier in der Küche ist es durch den Dunstabzug und die Geschirrspülmaschine schon ziemlich laut. Außerdem hat meine Ma im Wohnzimmer Weihnachtsmusik angemacht. Und selbst wenn sie etwas hören sollten, würden die doch im Leben nicht drauf kommen, worüber wir hier reden.

Marius nimmt seine Hände aus dem Kartoffelteig und kommt zu mir ans Waschbecken, um sie zu waschen. „Und jetzt hör auf zu quatschen und form die Klöße.“

„Zeigst du mir, wie?“, frage ich und lächle unschuldig.

„Teig auf den Tisch, Rolle formen, in gleich große Stücke schneiden, zu Klößen formen. Fertig. Kriegst du schon hin.“

Hm. Ich hatte zwar von vornherein keine Lust auf Helfen, aber in meinem Kopf hat es sich trotzdem immerhin etwas netter gestaltet. Dass er dicht neben mir stehen oder nach meinen Händen greifen würde, um mir zu zeigen, wie ich es machen muss. So Zeug eben.

Okay, dass das nicht passieren würde, war mir schon klar. Trotzdem ist die Realität sehr enttäuschend. Er steht nämlich nicht mal neben mir, sondern hantiert mit Töpfen herum. So viel zu ‚helfen, die Klöße zu formen‘. Ich darf es alleine machen.

Wahrscheinlich war genau das sein Plan. Mich beschäftigen, damit ich ihm nicht auf die Nerven gehen kann. Aber so gut sollte er mich inzwischen doch eigentlich kennen, um zu wissen, dass mein Mundwerk nicht aufzuhalten ist.

„Eher dick oder lang?“, frage ich also, während ich den Teig auf dem Tisch zu einer Wurst verarbeite.

Sehr zufrieden mit mir selbst beobachte ich, wie Marius’ Kopf seufzend nach vorne sackt. „Ungefähr vier Zentimeter Durchmesser“, antwortet er dann, ohne zu mir zu sehen.

Abschätzend halte ich vier Finger neben meine Wurst. Also, die auf dem Tisch. Könnte hinkommen. „Der Herr hat aber Ansprüche“, stelle ich fest.

Was ich in der Hose hab, ist definitiv weniger. Allerdings bin ich mir auch nicht sicher, ob meine Teigrolle hier wirklich nur vier Zentimeter sind. Bin nicht gut im Schätzen und hab nicht wirklich einen Vergleich. Von meinem besten Stück kenne ich nur die Länge und den Umfang, nicht den Durchmesser.

„Du bist doch Mathelehrer -“

„Beende diesen Satz lieber nicht“, unterbricht er mich. „Ich höre deine Gedanken förmlich und wenn du das nicht selber ausrechnen kannst, dann wird das mit deinem Realschulabschluss ganz sicher nichts.“

„Hey, ich hab Ferien“, rechtfertige ich mich. „Als ob ich da irgendwelche Formeln im Kopf hab. Außerdem kriegen wir bei der Prüfung ’ne Formelsammlung.“

„Umfang ist 2πr. Radius zu Durchmesser weißt du hoffentlich“, antwortet meine menschliche Formelsammlung. Er hat meine Gedanken wohl wirklich sehr exakt erraten. „Rechnen darfst du selber.“

„Aber mit Pi kann ich nicht im Kopf rechnen.“

„Dann rechne mit drei.“

Na gut, dann strenge ich eben meine grauen Zellen an. Mit einem Blatt und einem Stift wäre das einfacher. Oder einem Taschenrechner. Nein, ich kriege das auch so hin. Zweimal Radius ist der Durchmesser … hab’s gleich.

„Hä“, mache ich nach etwa einer Minute des Schweigens leicht irritiert. „Dann muss ich ja einfach nur durch drei teilen.“

„Geht doch“, kommentiert er und hört sich ziemlich amüsiert an. Leider guckt er immer noch nicht mich an, sondern inzwischen in den Ofen.

„Gut, dass wir drüber geredet haben“, sage ich schließlich und mache die Teigrolle etwas dünner. „Sonst wären die Klöße zu groß geworden. Hätte gedacht, vier Zentimeter wären mehr.“

Marius gibt ein Schnauben von sich, das irgendwo zwischen genervt und Lachen liegt. Vielleicht einen klitzekleinen Ticken mehr genervt. Aber ist mir egal. Ich hab meinen Spaß.

„Passt das so?“, frage ich, nachdem ich die ersten zwei Klöße geformt und sie hübsch neben dem Rest der Teigrolle drapiert habe.

Tatsächlich dreht Marius sich zu mir um. Nichtsahnend. Als würde er wirklich nachsehen wollen, ob ich alles richtig mache.

Mein Penis förmiges Meisterwerk auf dem Tisch lässt ihn jedoch mit den Augen rollen. „Du warst schonmal subtiler“, meint er und wendet sich mit einem leichten Zucken seiner Mundwinkel ab. „Aber ja, passt so.“

„Die Klöße oder -“

„Du schaffst es echt nicht, fünf Minuten lang deine Klappe zu halten, oder?“, quatscht er mir rein. Im nächsten Moment landet ein Geschirrtuch mit Schwung auf meinem Hinterteil.

„Au!“, quietsche ich erschrocken und fahre zu ihm herum. Ziemlich ungläubig starre ich ihn an und reibe über meinen Hintern.

Er guckt zurück und spannt dabei das Geschirrtuch zwischen seinen Händen. „Oh, entschuldige, ich hatte dich neulich unterbrochen, als du mir sagen wolltest, was ich tun soll, wenn du unartig bist. Hat mein Kopf deinen Satz falsch vervollständigt?“

Sein Blick ist der Wahnsinn. Mir wird heiß und kalt und ich bringe kein Wort mehr heraus. Der leichte Schlag ist von meinem Arsch geradewegs in meinen Schwanz gefahren. Und seine Worte tragen nur noch mehr dazu bei, dass mein Körper völlig verrückt spielt. Mehr als ein Kopfschütteln auf seine Frage bringe ich nicht zustande.

„Hm, also nur eine große Klappe und nichts dahinter?“, hakt er nach und grinst mich fies an.

Ich will mich beschweren, aber in dem Moment hebt Marius den Blick und setzt wieder sein gleichgültiges Gesicht auf.

„Flori, mein Engel, ist alles okay?“, höre ich da auch schon die aufgebrachte Stimme meiner Ma.

Ihr Blick huscht durch die Küche, ist erst besorgt, dann eher kritisch. Sie schaut zu mir, zu Marius und dann auf den Tisch vor mir.

Upsi. „Hab mich, ähm, nur gestoßen!“, behaupte ich, um abzulenken. So schnell ich kann, nehme ich die beiden Klöße in die Hände und lege sie woanders hin. Leider hat meine Ma das Kunstwerk schon längst gesehen.

„Flori … wie alt bist du nochmal?“, fragt sie seufzend, aber ist sichtbar erleichtert, dass mir nichts passiert ist. Wahrscheinlich hat sie mich hier in der Küche schon verbluten sehen oder ähnliches.

„Total erwachsen“, antwortet Marius für mich. Seine Stimme trieft geradezu vor Sarkasmus.

Ich mache einfach mit den Klößen weiter, um Mamas Blick auszuweichen. Meine Wangen fühlen sich ein bisschen erhitzt an, aber das ignoriere ich. Sie hat mich schonmal bei Ähnlichem erwischt. Dass Tim mir die männlichen Geschlechtsteile ins Schulheft gekritzelt hat, hat sie mir jedenfalls nicht so richtig abgekauft. Das hab ich also schon durch. Eigentlich kein Grund mehr, peinlich berührt zu sein. Allerdings kann ich darauf verzichten, dass dieses Thema vor Marius weiter ausgeführt wird.

Eventuell sollte ich mich wirklich erwachsener verhalten, wenn ich ihn rumkriegen will. So gebe ich ihm ja nur neue Ausreden für seine Liste. Aber ich hab genau gesehen, dass er es auch lustig gefunden hat! … Zumindest ein bisschen.

„Wenn er dir zu anstrengend wird, schick ihn ins Wohnzimmer“, sagt meine Ma nun an Marius gerichtet. „Dann kann er mir beim Schmücken helfen.“

„Werde ich“, verspricht er, als wäre ich gar nicht anwesend. „Aber erstmal soll er zusehen, dass er hier fertig wird.“

Im nächsten Moment landet ein Schmatzer auf meiner Wange und lässt mich das Gesicht verziehen. „Boah, Mama!“, beschwere ich mich, aber da flüchtet sie auch schon kichernd aus der Küche.

Ich wische mir mit der Hand über die feuchte Wange und bemerke erst zu spät, dass da noch Kartoffelteig dranhängt. Marius hat sich schon vorher das Lachen verkneifen müssen. Jetzt gibt er es einfach auf und lacht mich aus.

Gerne wäre ich deshalb beleidigt, aber dafür mag ich sein Lachen zu sehr. Also gehe ich einfach schweigend ans Waschbecken, wasche mir wieder die Hände und dann meine Wange. Der werte Herr Küchenchef ist so freundlich und drückt mir sein Geschirrtuch in die Hand. Er grinst dabei sogar immer noch ein bisschen.

„Und du nennst mich kindisch“, maule ich und bekomme leider keinen ernsten Tonfall zustande. „Du bist selber kindisch.“

Ich will mit dem Tuch nach ihm hauen, wie er es vorhin bei mir gemacht hat. Aber seine Reflexe sind irgendwie schneller als meine. Er fängt meinen Schlag einfach ab und klaut sich das Geschirrtuch zurück.

Das Grinsen auf seinem Gesicht wird wieder deutlicher. Er versucht nicht einmal, es zu unterdrücken, was mich irgendwie aus der Bahn wirft. Dass er dabei seine Hand hebt und mir näher kommt, macht es nicht wirklich besser. Oder sehr viel besser. Jenachdem, ob man das nun als etwas Gutes oder Schlechtes sieht.

„Du hast da noch was“, murmelt er und im nächsten Moment spüre ich den Stoff des Geschirrtuchs auf meiner Haut.

Keine Ahnung, ob ich mir nur einbilde, dass er mir dabei noch näher kommt oder ob er das wirklich tut. Ich bin überfordert, aber das fühlt sich fantastisch an.

Die kurze Unterbrechung durch meine Ma hat der Schwellung in meiner Hose sowieso kaum einen Abbruch getan. Noch ein paar Zentimeter näher und ich könnte es ihn spüren lassen.

Leider entfernt Marius sich wieder von mir, bevor ich diesen Gedanken in die Tat umsetzen konnte. Das Schmunzeln auf seinen Lippen bleibt jedoch.

Okay, Flo, reiß dich zusammen. Um seine Nähe zu sehr zu genießen, ist jetzt der falsche Zeitpunkt. Meine Mutter hat schließlich gerade ganz grandios bewiesen, dass wir leider nicht allein hier im Haus sind.

Es ist eine Sache, wenn es zwischen Marius und mir irgendwann schräg wird. Um das komplett zu vermeiden, ist es inzwischen eh schon zu spät. Also können wir es – wenn es nach mir geht – auch durchziehen. Spaß haben. Erfahrungen sammeln. Na ja, ich jedenfalls.

Und wenn es irgendwann keinen Spaß mehr machen sollte, vergessen wir diese Geschichte einfach und tun wir eben so, als wäre es nie passiert. Würde die Situation wohl auch nicht merkwürdiger machen, als sie jetzt schon ist. Aber wenn unsere Eltern Wind davon kriegen sollten, würde ‚Vergessen‘ wohl ein Ding der Unmöglichkeit werden.

Aber ich will ihn verdammt. Ihn an mich ziehen, ihn küssen, ihn nach oben in mein Zimmer zerren und ihm seinen dunkelgrünen Rollkragenpullover vom Leib reißen. Und so, wie sein Blick meinen Körper gerade zum Glühen bringt, will er das mit Sicherheit auch. Nur während ich den Umstand, dass das gerade nicht drin ist, verfluche, ist er wahrscheinlich froh drum. Fühlt sich überlegen, weil ihm wohl klar geworden ist, dass mir klar geworden ist, dass mir die Hände gebunden sind. Er scheint es richtig zu genießen, dass ich endlich mal die Klappe halte.

Aber daran kann ich ja etwas ändern. Und so sehr er sich gerade auch in Sicherheit wiegen mag, weil er im Augenblick nichts von mir zu befürchten hat – ewig kann er mir nicht aus dem Weg gehen.

„Hat -“, beginne ich, doch das Beben in meiner Stimme lässt mich innehalten und noch einmal durchatmen. „Hat Konrad dir schon erzählt, dass er und meine Ma nach Silvester eine Flitterwoche machen?“

Er verengt kurz die Augen, verzieht ein bisschen die Mundwinkel. Ganz verschwindet sein Schmunzeln jedoch nicht. „Wurde mir schon mitgeteilt, ja.“

Freude sieht zwar auch anders aus, aber irgendwie hätte ich mehr Widerwillen erwartet. Vielleicht glaubt er ja, ich würde bis dahin noch das Interesse verlieren. Oder er kann sich selbst besser davon überzeugen, mir widerstehen zu können, als mich. Ich kaufe ihm das nämlich spätestens seit Samstagmorgen nicht mehr ab.

Es ist nur eine Frage der Zeit. Und die Tage, die unsere Eltern weg sind, sollten mehr als genug Zeit sein. Aber wenn er sich besser fühlt, wenn er sich etwas anderes einredet, dann soll er das ruhig machen.



„Ich platze gleich“, stöhne ich und lasse mich auf die Couch fallen.

„Kannst du dann wieder selber wegputzen“, entgegnet Marius und setzt sich auf seinen Sessel.

Von meiner Mutter bekommt er einen irritierten Blick und von mir einen mahnenden. Schließlich weiß sie nichts von meinem Gereier nach meiner Geburtstagsparty. Wäre auch besser, wenn das so bleibt. Aber Marius ignoriert unsere Blicke sowieso. Inspiziert stattdessen den Weihnachtsbaum.

„Wann gibt’s Geschenke?“, will ich wissen und gucke ebenfalls den Baum an. Sieht hübsch aus. Es ist sogar eine Krippe davor aufgebaut. Die letzten Jahre hatten Mama und ich immer nur ein kleines Plastikbäumchen bei uns in der Bude stehen. Oder wir waren an Weihnachten gar nicht Zuhause.

„Du hattest gerade erst Geburtstag“, sagt Marius trocken.

Mein Blick schnellt vom Baum zu ihm. Ist ja wohl bitte nicht sein Ernst!

„Na und? Du hattest dieses Jahr mit Sicherheit auch irgendwann mal Geburtstag. Und da hast du sicher auch Geschenke bekommen und bekommst heute trotzdem welche!“

„Du hast ein Geschenk für mich?“, fragt er skeptisch und sieht mit hochgezogener Augenbraue zu mir.

„Hab ich“, sage ich fröhlich und beobachte Marius’ überraschtes Gesicht.

Damit hat er wohl nicht gerechnet. Er guckt noch ein bisschen ungläubig, aber dann heben sich seine Mundwinkel. Jedoch versucht er mal wieder, sie runterzuziehen. Na ja, vielleicht sollte er sich tatsächlich nicht zu früh freuen.

Vor meinem Geburtstag war ich noch mit meiner Ma Geschenke shoppen. Sie findet mein Geschenk für meinen zukünftigen Stiefbruder immerhin sehr hübsch. Ich weiß auch, was sie für ihn hat. Ein Kochbuch mit gesunden Rezepten. Darüber wird er sich wahrscheinlich sogar freuen. Weil ich mich so gar nicht darüber freuen werde, dass er das kriegt. Dieser schadenfrohe Penner.

„Mit dem Nachtisch müssen wir sowieso noch ein bisschen warten, wenn sogar Florian schon fast platzt“, kommt es schließlich von Marius. „Also können wir auch jetzt schon Bescherung machen.“

Da ist wohl jemand neugierig. Mama neben mir amüsiert sich mit mir darüber und holt schnell unsere Geschenke, die noch im Auto sind, um sie unter den Baum zu legen. Ein paar lagen da auch schon vorher und ich hoffe einfach mal, dass Marius nur fies sein wollte und irgendwas davon auch für mich ist.

Zumindest von Konrad bekomme ich schonmal ein Buch, während Marius sein Kochbuch auspackt. Ist eins, das ich mir gewünscht habe. Hab Mama extra eine Liste gemacht, falls jemand aus der Verwandtschaft Geschenke für mich sucht. Also keine große Überraschung, aber ich freue mich trotzdem und bedanke mich bei Mamas Zukünftigem. Von ihm hab ich die letzten Wochen ja auch wirklich genug Zeug bekommen, was für Geburtstag und Weihnachten zusammen reicht.

Während Konrad und Mama sich gegenseitig beschenken, drücke ich Marius sein Geschenk in die Hand, hocke mich vor seinem Sessel auf den Boden und beobachte ihn gespannt. Beim Entfernen des Geschenkpapiers ist er sehr vorsichtig. Macht keinen einzigen Riss rein. Und ich werde beim Zugucken schon ungeduldig. Als er es schließlich geschafft hat, wandern seine Augenbrauen nach oben. Wirklich begeistert sieht er nicht aus, als er den Pulli vor sich ausstreckt und ansieht. Aber letztendlich zucken seine Mundwinkel.

„Er ist nicht braun und nicht beige!“, kommentiere ich. Hab ich mir gemerkt, dass er das nicht mag. Dass er seine Pullover gerne einfarbig hat, hab ich mir auch gemerkt, aber darauf konnte und wollte ich keine Rücksicht nehmen. Ist ja auch fast einfarbig. In einem schönen weihnachtlichen Rot. Mit einem weißen Tannenbaum- und Schneeflockenmuster über der Brust. Und selbstverständlich hat der Pullover einen Rollkragen.

„Erst das mit der Schilddrüse und jetzt das. Du mutierst immer mehr zu meiner Oma“, kommt es von Marius, der immer noch eher belustigt als beleidigt aussieht. Finde ich gut. Wobei ich beleidigt auch lustig gefunden hätte.

„Hast du gerade einen Witz über meine Krankheit gemacht?“, frage ich und will eigentlich schockiert tun, aber muss selbst grinsen. „Vergiss die Oma-Hände nicht.“

Bis ich das eklige Gefühl von Kartoffelstärke von meinen Händen geschrubbt habe, waren die nämlich wirklich schrumpelig. Eventuell war diese Aktion auch der Tatsache geschuldet, dass er mich, sobald ich das erledigt hatte, wirklich aus der Küche schmeißen wollte.

Marius schüttelt noch einmal schmunzelnd den Kopf und geht kurz zum Baum, um ein Geschenk zu holen und es mir in die Hand zu drücken. „Frohe Weihnachten.“

Ich bin ein bisschen überrascht, als ich es ihm abnehme, weil es recht schwer ist. Da ich nicht so geduldig wie mein werdender Stiefbruder bin, reiße ich das Geschenkpapier einfach ab. Marius guckt deshalb ein bisschen grantig, aber davon lasse ich mich nicht im geringsten stören.

Dann gucke ich allerdings ein bisschen grantig, als ich fertig ausgepackt habe. Eine Schreibtischlampe. Hm. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine versteckte Botschaft sein soll. Vielleicht will er mir mitteilen, dass ich öfter Hausaufgaben machen soll. Oder er hat meine Ma gefragt, was ich noch für mein Zimmer bräuchte. Die hat da nämlich leider andere Ansichten als ich. Ein DVD-Player wäre zum Beispiel toll gewesen.

Aber so eine Lampe hat bestimmt auch irgendwelche Vorteile.
„Ist das ein Angebot, dass du im Dunkeln mit mir Hausaufgaben machen willst?“, frage ich und versuche den Satz unnötig zweideutig klingen zu lassen. „Bestimmt kannst du mir eine Menge beibringen.“

Er schenkt mir einen Blick, der wahrscheinlich genervt sein soll. Allerdings sehe ich ganz genau das leichte Heben seiner Mundwinkel.
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