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Herzüber in die Kissen

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
20.11.2020
29.11.2020
6
10.770
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22.11.2020 1.310
 
Umhüllt von Tüll stakse ich die Kiesauffahrt von Eden Gaellens Villa nach oben und suche nach meinen unerschrockenen Charakterzügen, die mich in den letzten beiden Wochen dazu gebracht haben, auf die Bühne des Studententheaters zu steigen. Das letzte Mal, als ich meiner Großmutter Eden gegenüberstand, war ich sechs Jahre alt und hatte eine Heidenangst. Meine Mutter und sie haben sich angeschrien. Einander beschimpft. Türen wurden zugeknallt, Gläser zerbrochen und am Ende hat meine Mutter Eden geschworen, dass sie uns nie wiedersehen würde. Weder meine Mutter noch mich, und dass Eden und ihr Sohn sich zum Teufel scheren sollten. Jetzt hier zu stehen ist also mehr als seltsam. Ich wusste immer, wo Eden wohnt. Die große steinerne Villa, deren Grundstück wahrscheinlich mehr wert ist als alles Geld, das ich jemals verdienen werde und die von den Zedern halb verdeckt wird, war einst mein Spielplatz. Ebenso wie der weitläufige Garten, der bis hinunter zum See reicht. Doch nun fühlt sich hier alles fremd an. Siebzehn Jahre ist es her, seit Mum und ich diesen Ort verlassen und zwanzig Meilen auswärts von Chicago neu angefangen haben. Ich grabe meine Zähne in meine Unterlippe und versuche abzuwägen, wie groß die Gefahr ist, dass Rockgott Jason Gaellen heute Abend seine Mutter besucht. Wahrscheinlich nicht sehr hoch. Immerhin behauptete die letzte Klatschzeitschrift, die ich in den Händen gehalten habe, dass er eine neue Modelfreundin hat und gerade auf Tour ist. Trotzdem dreht sich mir beinahe der Magen um beim Gedanken daran, er könne mir plötzlich gegenüberstehen. Ich klingele, bevor ich es mir anders überlegen kann und warte.
Es ist elf Uhr an einem Dienstagabend. Wahrscheinlich ist Eden längst im Bett und wird mein Läuten gar nicht erst gehört haben.
Ich reibe mir über meine klammen Arme. Sicherlich hat ihr der Arzt Ruhe verordnet, schießt es mir durch den Kopf, während ich die Holzmaserung der großen Haustür studiere. Ich hätte bis morgen warten sollen.
Drinnen springt Licht an und ich trete nervös einen Schritt zurück, um demjenigen hinter dem Massivholz die Möglichkeit zu geben, mich durch den Türspion zu erkennen.
Für eine endlos lange Zeit passiert gar nichts und ich glaube schon, dass die Türe verschlossen bleiben wird, als ich ein Schloss klicken hören kann.
„Großer Gott!“ Eden Gaellens graue Augen sind vor Entsetzen weit aufgerissen.
„Ich bin nicht aus der Geschlossenen ausgebrochen. Ich habe in Peter Pan mitgespielt“, entkommt es mir unter ihrer Musterung, bei der ihre Miene soeben irgendwo zwischen Unglauben und Entgeisterung angekommen ist.
„Emma?“ Ihre Stimme ist nur ein heiseres Flüstern.
„Ja.  Ich habe von deinem Zusammenbruch gehört“, beantworte ich ihre unausgesprochene Frage.
„Woher …“
„Billie hat es mir gerade gesagt.“
Meine Großmutter und ich sehen uns an. Siebzehn Jahre habe ich sie nicht gesehen. Sie ist alt geworden. Die grauen Augen, die wir miteinander teilen, sind von Krähenfüßen umrahmt, die sie unter einer Schicht professionellem Make-up versucht zu verstecken. Aber sie wirkt gesund auf mich und ich entspanne mich ein wenig.
„Du siehst gut aus“, bemerkt sie. „Trotz des Aufzugs.“
„Du auch.“
Es ist die Wahrheit. Edens mittlerweile vierundsechzig Jahre haben nichts an der Tatsache geändert, dass sie schon immer ein heißer Feger war, wie mein Grandpa immer sagte. Grandpa ist leider schon beinahe so lange tot, wie das Schweigen zwischen uns gedauert hat. Siebzehn lange Jahre, doch meine Grandma hat noch immer nichts von ihrem untrüglichen Stilgefühl verloren, auch wenn ihre Kurven hager geworden sind und sie nun ihr blond gefärbtes Haar in einem kurzen Bob trägt. „Du bist also ganz plötzlich hier, weil du erfahren hast, dass ich im Krankenhaus war? Ich kann dich trösten, es war nur eine Petitesse. Meine Medikamente zur Blutverdünnung und meine Tabletten gegen meine Rückenschmerzen haben sich nicht vertragen. Nichts Dramatisches.“
„Das hat Mum auch gesagt. Und ein halbes Jahr später war sie tot.“
Eden Gaellen blinzelt. „Was sagst du da, Kind?“
„Mum ist gestorben. Letztes Jahr“, erwidere ich kurz angebunden und kann sehen, wie sie mit sich ringt, die Worte „Es tut mir leid“ über die Lippen zu bringen.
„Ja, ich weiß. Ich habe nicht angerufen. Aber sie hätte nicht gewollt, dass ihr auftaucht.“
„An was ist Marille …“
„Krebs.“ „Und nun bin ich hier. Weil wir noch nicht fertig sind.“ Ich kann und will jetzt nicht über Mum sprechen, denn dann werde ich anfangen zu heulen.  
Eden reckt das spitze Kinn nach oben und funkelt mich an. Sie ist einen halben Kopf kleiner als ich. Kaum zu glauben, früher erschien sie mir überlebensgroß. „Du willst wieder Kontakt?“
„Ja.“ In meinem Kleid ist mir sterbenskalt, doch ich versuche es zu ignorieren, denn Diskussionen mit Eden Gaellen erfordern Konzentration. „Ich will in mein altes Zimmer ziehen und so tun, als seien wir wieder eine Familie, bis wir es tatsächlich wieder sind.“
Eden schluckt hart und ich bin bereit, mir notfalls die halbe Nacht hier draußen um die Ohren zu schlagen, um sie dazu zu bekommen mich einzulassen.
„Komm rein.“ Sie nimmt mir den Wind aus den Segeln, als sie einfach zur Seite tritt. Ich bin sprachlos. Dass Eden einfach nachgeben würde, habe ich nicht erwartet.
„Ich bin alt, aber nicht dumm, Emma. Ich weiß, was es dich gekostet haben muss herzukommen. Also komm.“ Sie streckt den Arm nach mir aus und ich wische mir fahrig über die Wange, ehe ich ihrer Einladung folge.
In Edens Schatten die Treppe nach oben zu meinem alten Kinderzimmer zu steigen erinnert mich daran, wie ich das letzte Mal von meiner Mutter hier heruntergezerrt wurde. Ich habe das Klappern des Koffers noch im Ohr und das Geräusch der berstenden Blumenvase, die Mum in ihrem Zorn über das Geländer geworfen hat.
Die wenigen ausgesuchten Bilder an den Wänden und der singende Holzfußboden sind ebenfalls gleich geblieben. Meine Sicht verschwimmt. Es ist, als würde ich durch ein Museum wandern, das meine Kindheit konserviert hat und ich zögere kurz, bevor ich Eden in mein altes Reich folge, in dem noch immer Kuscheltiere und Puppen regieren und dessen Wände noch immer in dem schrecklichen Pinkton erstrahlen, auf den ich einst bestanden hatte.
„Dein Zimmer ist noch so, wie du es verlassen hast.“ Edens Hand findet meinen Arm und ich kann nicht mehr atmen. Sie hat es so gelassen. Alles. So, als wäre sie der festen Überzeugung gewesen, dass ich irgendwann wiederkomme. Mein Kinn bebt.
Ich höre Eden neben mir aufschluchzen. Und dann liegen wir uns plötzlich in den Armen, so fest aneinandergepresst wie zwei Ertrinkende.
„Es tut mir so leid.“ Ich weiß nicht, ob Eden mich versteht, denn meine Zähne schlagen so heftig aufeinander, dass jede Artikulation schwierig ist.
Ich klammere mich an sie. All die Briefe von ihr, die ich verbrannt habe, all die Einladungen, die ich mit Rücksicht auf Mum und aus Angst, mein Vater könnte bei ihr herumlungern, ausgeschlagen habe, all das bahnt sich seinen Weg über meine Lippen. „Schon gut“, kann ich sie murmeln hören. „Ist schon gut.“
Eden riecht nach Vanille und Sommerregen und ich kralle meine Finger in ihr korallrotes Kostüm, weil ich nicht glauben kann, dass sie tatsächlich hier ist. Das ich wieder hier bin. Das Gefühl absoluter Einsamkeit an letztem Weihnachten. Mein erstes Weihnachten ohne Mum. Das aufgewärmte Essen vom Chinesen, das schlechte Fernsehprogramm und die endlose Leere der Wohnung, all das drückt nun nach oben und schnürt mir die Kehle zu. Ich hätte schon vor einem Jahr hier sein können, aber das war ich nicht.
Ein Jahr lang habe ich mich gefühlt, als hätte mich die Welt vergessen. So oft war ich kurz davor Eden anzurufen, aber mein Stolz war zu groß. Eher wäre ich an meiner Trauer erstickt, als zum Hörer zu greifen. Bis heute Abend.
Meine Großmutter mustert mein Gesicht, ehe ihre schlanken, von den ersten Altersflecken bedeckten Finger über meine Wangen fahren. „Du bist wirklich zuhause. Ich kann nicht fassen, dass du zuhause bist.“
„Sag es nur nicht Jason“, wispere ich. „Das ist meine einzige Bedingung.“
Eden nickt langsam. „Okay.“
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