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Letzte Chance für Mia

GeschichteSchmerz/Trost / P16 Slash
OC (Own Character) Sophie Koch
19.11.2020
29.11.2020
7
13.685
3
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.11.2020 1.738
 
Wow, Leute!

Vier Favoriteneinträge nach drei Kapiteln? Ihr macht mich wirklich happy. Es ist schön zu sehen, dass die Story so gut ankommt.
Ich war Heute in einem kleinen Schreibrausch, deshalb folgt hier auch schon das nächste Kapitel. Ich hoffe, ihr habt weiterhin Spaß mit der Story und bleibt am Ball!

Liebe Grüße,

Paulchen.


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Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und klappte meinen Laptop auf. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis dieser hochgefahren war und ich trommelte unterdessen nervös mit den Fingern auf dem Tisch herum. Endlich! Ich loggte mich in meinen E-Mail Account ein und begann, das Archiv zu durchforsten. Es dauerte einige Minuten, doch letztendlich fand ich, wonach ich gesucht hatte. Ich klickte die Mail Adresse an und wählte die Option „Neue Nachricht verfassen“. Ein leeres Fenster öffnete sich und wartete nur darauf, von mir mit Worten gefüllt zu werden. Plötzlich hielt ich inne. Was tat ich hier? Wollte ich das wirklich? Und vor Allem: Was erhoffte ich mir davon?
Ich ließ mich in meinem Bürostuhl nach hinten fallen. Die Entschlossenheit, die ich zuvor noch verspürt hatte, war wie weggeblasen. Eigentlich brauchte ich doch gar keine Hilfe. Ich meine; natürlich, die Situation war beschissen und im Moment ging es mir auch nicht wirklich gut, aber eine solche Phase durchlebt doch jeder mal, oder? Ich war nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der eine schwierige Zeit durchstehen musste. Und wäre es da nicht egoistisch gewesen, sich so dermaßen in den Mittelpunkt zu drängen? Mal davon abgesehen hatte ich noch nie gerne im Mittelpunkt gestanden. In Gedanken versunken strich ich über meinen Unterarm. Als ich das Pflaster berührte, stockte ich. Ich sah nach unten und schüttelte den Kopf. Das war nicht ich, so wollte ich nicht sein.
Ich beugte mich wieder nach vorne und ließ meine Finger über die Tastatur fliegen. Noch nie war es mir so schwer gefallen, einen Text zu verfassen und noch nie hatte ich so lange für so wenige Zeilen gebraucht. Immer wieder löschte ich das, was ich bereits geschrieben hatte und begann von vorne. Normalerweise konnte ich gut mit Worten umgehen, es fiel mir leicht, doch Alles was ich in diesem Moment schrieb, hörte sich irgendwie falsch an. Es dauerte fast eine Stunde, bis ich ein halbwegs passables Resultat vor mir hatte. Immer wieder meldete sich die Unsicherheit und ich war kurz davor, den Laptop einfach wieder beiseite zu legen und es dabei zu belassen, doch dann dachte ich wieder an Gestern, dachte an meine Mama und an Luca. Sie hätten mit Sicherheit nicht gewollt, dass es mir so ging. Und ich war mir eigentlich sicher, dass ich es alleine nicht schaffen würde. Mein Blick richtete sich wieder auf den Bildschirm und ich las die Mail ein letztes Mal durch, bevor ich sie wegschickte. Ich war einigermaßen zufrieden.
Es war nicht viel, aber es war Alles, was ich zu diesem Zeitpunkt zu sagen fähig war. Ich wusste nicht einmal, ob die Mailadresse noch aktuell war, aber ich hoffte es inständig. Ein zweites Mal würde ich den Mut, um Hilfe zu bitten, wahrscheinlich nicht aufbringen können.

Absenden.

Ich atmete tief durch. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit. Vielleicht war es doch falsch gewesen. Das war es mit Sicherheit, sogar mehr als das, es war lächerlich! Ich war zwanzig Jahre alt, ich war erwachsen. Und das Beste was mir einfiel war, mich an eine Schulsozialarbeiterin zu wenden? Großartig Mia! Sophie hatte mit Sicherheit genug um die Ohren, außerdem war es gar nicht ihre Zuständigkeit. Korrekt wäre es gewesen, mich an die offiziellen Stellen zu wenden, so wie es jeder andere Mensch auch tat. Wieder schossen mir Tränen in die Augen, ich schämte mich für die Mail.
Ein paar Minuten später hatte ich mich wieder beruhigt und meine Sorgen von vorher kamen mir bescheuert vor. Ich hatte das Richtige getan. Jetzt wo die Panik abgeflaut war, wurde mir das bewusst. Ich musste jetzt einfach nur Ruhe bewahren, mir blieb nichts Anderes übrig, als abzuwarten.
So ging es noch ein paar mal hin und her, meine Gefühlswelt war das reinste Chaos, kein Wunder. Ich konnte nicht sagen, ob ich mit meiner Entscheidung wirklich glücklich war, aber die Mail war verschickt, also musste ich jetzt damit leben.
Circa zwei Stunden später saß ich auf meiner Couch und las in einem Buch. Draußen war es schon lange dunkel, das hasste ich am Herbst. Die Dunkelheit bedrückte mich immer zusätzlich und gerade jetzt konnte ich das wirklich gar nicht gebrauchen. Plötzlich hörte ich aus meinem Arbeitszimmer ein wohl bekanntes Geräusch; mein Laptop signalisierte mit einem ‚Plopp‘ den Eingang einer neuen Mail. Sofort legte ich das Buch auf Seite und wäre fast über das Tischbein gestolpert, als ich ins Arbeitszimmer hastete. Die Mail war von Sophie. Ich packte den Laptop und nahm ihn mit ins Wohnzimmer. Ich weiß, es klingt lächerlich, aber ich wollte bequem sitzen, wenn ich sie las. Ich ließ mich also auf die Couch fallen und hüllte mich wieder in die Wolldecke, den Laptop stellte ich auf meinen Beinen ab. Meine Hand zitterte, als ich über das Mousepad fuhr. Eine Zeit lang schwebte ich über der Option „Öffnen“. Ich atmete noch einmal tief durch und drückte schließlich den Knopf.


*Sophie*

Heute war ich erst spät von der Arbeit nach Hause gekommen, es war schon weit nach 18 Uhr gewesen, als ich erschöpft auf meine Couch fiel. Am Vormittag hatten Sören und ich einen Workshop zum Thema Mobbing an einer Gemeinschaftsschule koordiniert. Am Nachmittag hatte dann noch ein Haufen Büroarbeit auf mich gewartet. Ich war wirklich froh, als ich endlich zu Hause war. Ich machte mir noch schnell das Essen vom Vortag warm und wollte danach eigentlich nur noch ein wenig Fernsehen schauen und früh ins Bett gehen. Bevor ich den Fernseher einschaltete, nahm ich noch einmal mein Handy zur Hand und checkte meine Mails. Ich hatte mir angewöhnt, das jeden Abend zu machen und überflüssige Mails direkt zu löschen. Zu oft hatte das Chaos in meinem Posteingang schon Überhand genommen. In dieser Hinsicht war ich einfach furchtbar.
Es waren die üblichen Werbemails, die ich in den Papierkorb verschob, als ich plötzlich innehielt. Ich beugte mich etwas nach vorne und sah genauer hin. Da war noch eine Mail, allerdings keine Werbung oder das Verspreche auf irgendeinen abstrusen Gewinn. Die Mail war von Mia, Mia Alberts! Neugierig klickte ich die Nachricht an und las den relativ kurzen Text:

Hallo Sophie,
hier ist Mia Alberts vom Heinrich-Heine-Gymnasium. Es ist schon eine ganze Weile her, aber ich denke mal, du erinnerst dich noch an mich. Es tut mir leid, dass ich dich so spät noch störe, aber ich brauche dringend deine Hilfe, ich weiß nicht mehr weiter. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich dich kontaktiere, immerhin bin ich keine Schülerin mehr. Aber ich weiß einfach nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Kannst du dich Morgen um 16:00 Uhr mit mir im Café am Stadtpark treffen?
Liebe Grüße,
Mia

Ich musste die Mail mehrmals lesen. Das klang irgendwie besorgniserregend.
Ich kannte Mia vom Heinrich-Heine-Gymnasium. Mittlerweile müsste sie so um die 20 sein. Sie war gerade in der Mittelstufe gewesen, als wir an die Schule gerufen wurden, um dort ein Vertrauensschüler Pilotprojekt ins Leben zu rufen. Man wollte unter den Schülern ein Pendant zum Vertrauenslehrer schaffen, weil es den Jugendlichen manchmal einfacher fällt, sich Gleichaltrigen anzuvertrauen. Mia wurde uns von ihren Lehrern als passende Kandidatin vorgeschlagen. Sie war ein sehr ruhiges und besonnenes Mädchen und schien für ihr Alter bereits relativ reif. Sie war sehr freundlich und konnte oftmals das Vertrauen von Anderen schneller gewinnen, als die Erwachsenen. Nach einigem Zweifeln nahm sie damals die Einladung zum Projekt an. Sie und fünf weitere Schülerinnen und Schüler aus Mittel- und Oberstufe wurden von uns gecoacht und absolvierten einige Seminare. Das Projekt war ein voller Erfolg.
Bei der Zusammenarbeit lernten wir Mia natürlich auch ziemlich gut kennen. Sie hatte selbst Probleme zu Hause, ihr Vater war Alkoholiker und ihre Eltern hatten sich schließlich getrennt. Ich redete einige Male mit ihr über die Situation und sie schien damit ganz gut klar zu kommen. Es ging ihr natürlich nah, aber ich denke, wir konnten sie gut unterstützen. Jedenfalls hatte sie nie ihre Lebensfreude verloren und war immer für die Anderen da gewesen, auch wenn es ihr selbst gerade mal nicht so gut ging. Nach Mias Abi war der Kontakt sehr schnell abgeflaut, aber ich hatte sie immer in positiver Erinnerung behalten. Gerade deswegen bereitete mir diese Mail so große Sorgen. Das klang gar nicht nach der Mia, die ich von früher kannte, sie wirkte wirklich verzweifelt. Sofort machte ich mich daran, meine Antwort zu tippen.

*Mia*

Liebe Mia,
natürlich erinnere ich mich noch an dich. Und natürlich ist es in Ordnung, dass du mir schreibst. Es freut mich sehr, von dir zu hören, auch wenn deine Mail sich wirklich ernst anhört.
Natürlich können wir uns Morgen treffen, ich werde da sein.
Bis Morgen und liebe Grüße,
Sophie

Erleichtert atmete ich auf. Die Mail war zwar sehr kurz, aber als ich die paar Zeilen las, breitete sich sofort eine Wärme in mir aus, die ich noch von früher in Erinnerung hatte. Sophie hatte schon damals eine ganz besondere Art gehabt, mit Menschen umzugehen. Als das mit meinem Vater so schlimm war und meine Eltern sich trennten, hatte sie mir sehr geholfen, darüber hinweg zu kommen. Ich weiß gar nicht, ob ihr das so genau bewusst gewesen war, aber die Gespräche mit ihr und das Vertrauen, dass sie mir mit meiner Aufgabe in diesem Projekt entgegengebracht hatte, hatten mich glaube ich vor Schlimmerem bewahrt.
Sie würde sich also Morgen mit mir treffen. Ein Kribbeln breitete sich in meiner Magengegend aus. Ich hatte mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht, wie dieses Treffen ablaufen sollte. Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte, geschweige denn wie. Ich wusste gar nicht, ob ich schon darüber reden konnte, ich hatte es ja bis jetzt noch nicht versucht. Und dann war da noch die Sache mit meinem Arm und meiner Hand. Die Spuren meines Zusammenbruchs würden innerhalb der nächsten 24 Stunden sicherlich nicht verschwinden und alleine der Gedanke daran, das zuzugeben, bereitete mir Unbehagen.
Den ganzen Abend spielte ich also im Kopf mögliche Szenarios durch und machte mir Gedanken darüber, wie Sophie reagieren könnte. Zu einem Ergebnis kam ich aber nicht. Es war weit nach Mitternacht, als ich endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.
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