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Was wirklich passiert ist

von Jayge
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
18.11.2020
22.11.2020
5
5.150
 
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21.11.2020 1.914
 
Im Herbst begannen Aaron und ich an unserer Wohnung zu arbeiten. Unser zukünftiger Vermieter war noch am Renovieren, doch es zog und zog sich und Aaron und ich wollten endlich zusammenziehen. Wir bekamen einen Mietnachlass dafür, dass wir beim Renovieren halfen. Wir strichen die Holzdecken, die Wände und alle Türen weiß, wir verputzten alle Löcher und suchten uns eine wunderschöne Küche aus. Leon (Name geändert) war einer von Aarons besten Freunden. Er kam oft vorbei und leistete uns Gesellschaft. Ich hatte Leon bereits vorher kennengelernt. Zu Beginn unserer Beziehung, als Aaron und ich noch keine Autos hatten, hatte Leon mich ein paar Mal nachhause gefahren. Außerdem waren wir bereits alle zusammen im Kino gewesen, ebenfalls öfter, und einmal waren wir sogar zusammen auf einem Konzert meiner Lieblingsband. Nightwish, eine unglaublich tolle Metallband. Jedes Mal, wenn ich in Leons Auto saß, hatte er Musik an, die ich schon damals atemberaubend schön fand. Nightwish, Epica, Within Temptation usw. Einfach fantastisch. Ich bat Leon damals, als er uns beim Renovieren der Wohnung Gesellschaft leistete, darum, mir ein bisschen Musik zu empfehlen und ich bekam darauf einen USB-Stick von ihm. Da fing ich an ihn toll zu finden, aber es war alles noch aushaltbar. Schlimm wurde es erst, als Folgendes geschah:
Leon war schon immer ein etwas seltsamer Typ. Er war damals 26 und hatte noch nie in seinem Leben eine Freundin gehabt. Außerdem lebte er allein in einer zugemüllten Wohnung und arbeitete als Zeitarbeiter, obwohl er eigentlich sehr viel mehr verdienen könnte. Das ungewöhnlichste an ihm waren jedoch seine vernarbten Arme. Es handelte sich eindeutig um alte Ritznarben.
Einmal sagte Leon etwas ganz bestimmtes, was uns eine Antwort auf die Frage „Was stimmt mit ihm nicht?“ hätte sein können. Er sprach sich für die Homosexualität aus und gegen die homophobe Kirche und im Anschluss sagte er: „Jeder Mensch hat ein Geheimnis, das er mit niemand anderem teilt.“ Vielleicht war er ja einfach nur schwul und stand nur nicht dazu? Ich sprach oft mit Aaron über Leon und ich stellte viele Theorien auf, was mit ihm sein könnte. War er schwul? Hatte er eine schlimme Kindheit? Hatte er eine psychische Störung? Oder war einfach nur extrem unzufrieden mit sich selbst? Ich schlug Aaron vor mich der Sache anzunehmen. „Vielleicht spricht er ja mit mir? Vielleicht kann er sich einer Frau gegenüber besser öffnen. Vielleicht spricht er lieber mit jemandem, der ihm nicht so nahesteht. Manchmal kann man sich einem Fremden ja viel besser öffnen.“
Aaron fand die Idee gut und willigte ein, dass ich versuchte herauszufinden, was mit Leon nicht stimmte, und, ob es irgendeinen Weg gab ihm zu helfen.
Ich fand das alles sehr spannend. Da ich ja selbst eine Vergangenheit mit Selbstverletzung hatte, dachte ich, dass ich ihm vielleicht mit meinen Erfahrungen helfen konnte. Oder auch nicht. Ein Versuch konnte ja nicht schaden, oder?
Und genau das tat ich dann auch. Ich begann mich mit Leon über WhatsApp auszutauschen und ich fand sehr bald einen Draht zu ihm. Wir sprachen übers Ritzen und verstanden uns unglaublich gut. Ich fand heraus, dass er keine Freundin hatte, weil er tatsächlich an einem sehr schlechten Selbstbewusstsein litt. Ich bat ihn darum, mir zu beschreiben, wie es sich für ihn angefühlt hatte, sich zu schneiden. Bis dahin war alles gut, doch plötzlich begann Leon über Selbstmord zu schreiben. Ich ging nicht darauf ein und erklärte ihm, dass ich noch nie daran gedacht hatte mich umzubringen. Ich hatte mich früher Mal geritzt, aber dabei hatte ich mir nie das Leben nehmen wollen. Leon meinte, er würde das verstehen, doch er fragte mich: „Aber wenn, dann zusammen, oder?“ Er wollte sich gemeinsam mit mir umbringen, falls es einer von uns beiden tun wollte.
Was hätte ich darauf antworten sollen? Natürlich schrieb ich „okay, aber ich habe nicht vor mich umzubringen. Aber gut, wenn, dann zusammen.“ Aber, wie gesagt, ich hatte noch nie vor mich umzubringen. Ich willigte ein, damit ich erfuhr, falls er sich Mal etwas antun wollte. Durch diesen „Selbstmordpakt“ würde ich es als erstes erfahren und würde etwas dagegen tun können. Dadurch, dass ich so weit zu Leon durchgedrungen war, fühlte ich mich für ihn verantwortlich. Er tat mir unendlich leid. Dennoch war ich sehr stolz auf mich, weil ich der erste Mensch war, der es geschafft hatte zu ihm durchzudringen. Ich war die Erste, der er sich geöffnet hatte.
Ein paar Tage später fuhren Aaron und ich in unsere zukünftige Wohnung und er zeigte mir die Küche, die dort endlich eingebaut war. Es war wundervoll und wir waren glücklich über unsere gemeinsame Zukunft. Doch dann wollte Aaron wissen, wie es mit Leon gelaufen war, und, ob ich etwas hatte herausfinden können.
„Ja, habe ich!“, antwortete ich stolz und Aaron wollte natürlich sofort den Chatverlauf sehen. Doch ich verweigerte es ihm.
Ich sagte: „Nein. Er hat mir sehr private Dinge anvertraut. Ich weiß, ich wollte  herausfinden, was mit ihm nicht stimmt, aber ich hätte nicht gedacht, dass er mir gleich so viel verrät. Ich habe ihm versprochen niemandem seine Geheimnisse zu verraten, deshalb kann ich dir nicht zeigen, was wir miteinander geschrieben haben.“
Da wurde Aaron wütend und wir stritten, doch ich blieb standhaft. Es waren Leons Geheimnisse. Ich hatte versprochen, sie mit niemandem zu teilen und daran würde ich mich halten. Es konnte doch nicht sein, dass Leon sich das erste Mal öffnete und gleich enttäuscht wurde. Er würde sich dann nie wieder jemandem öffnen können. Dann wäre ich daran schuld, dass seine Situation noch schlimmer werden würde. Das konnte ich nicht riskieren. Ich war nun für Leon verantwortlich.
Aaron beruhigte sich wieder und wir fuhren zu mir nachhause. Ich wohnte damals noch bei meinem Vater.
Auf der Heimfahrt bekam ich eine Nachricht von Leon. Er schrieb: „Ich hoffe Aaron hat nicht allzu schlimm reagiert!“
Da erinnerte ich mich daran, dass ich Aaron noch sagen musste, dass ich mich wieder geritzt hatte. Ich hatte mich mit 13 geritzt und dann lange Zeit nicht mehr und während meiner Beziehung mit Aaron nur ein oder zwei Male. Einmal bei einem unserer ersten Streits und einmal nach der Abtreibung. Es war aber alles noch im Rahmen gewesen. Nachdem ich aber meine Stelle als Fremdsprachenkorrespondentin gekündigt hatte, hatte ich wieder so einen Moment und ich hatte mir die Arme aufgeschnitten. Leider sogar ziemlich heftig. Es nach der Kündigung langsam wieder angefangen. Ein oder zwei leichte Schnitte vor meiner Arbeit beim Netto, damit ich mich immer wieder daran erinnerte, wofür ich das hier tat. Dass ich nicht minderwertig war, nur weil ich jetzt Kassiererin war, sondern, dass ich mir zurecht eine kleine Auszeit nahm. Ich wollte mich immer wieder daran erinnern: Es ist keine Schande Kassiererin zu sein und es ist keine Schande Teilzeit zu arbeiten. Ich hatte psychische Probleme und musste mich selbst schützen.
Einmal waren es aber nicht nur ein oder zwei Schnitte. Nach einem heftigen Streit mit Aaron, in welchem mir wieder Mal klar wurde, wie enttäuscht er von mir wegen meiner Kündigung war, schnitt ich mir die Arme auf.
Nun saß ich da, neben Aaron im Auto, und Leon wollte wissen, wie Aaron reagiert hatte, als ich ihm vom Ritzen gebeichtet hatte, was ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht getan hatte. Aber Leon hatte Recht. Ich musste es Aaron sagen. Ich musste. Wenn er es wieder durch Zufall herausfand, wäre er wieder so richtig wütend.
Also sagte ich es ihm. Ich saß neben ihm im Auto und beichtete ihm, dass ich mich geritzt hatte. Daraufhin hatten wir den Streit unseres Leben. Während der Autofahrt und danach auch noch in meinem Zuhause. Mein Vater war gerade nicht da. Aaron riss mir mein Oberteil vom Leib und zwang mich dazu ihn ein Foto von den Wunden machen zu lassen, damit er sie meinem Vater schicken konnte. Ich war absolut dagegen, aber Aaron schrie und brüllte, und jedes Mal, wenn er auf meine Arme guckte, musste er würgen. Er drehte total durch. Er heulte und beschimpfte mich als „Schlampe“. Er drohte mir, dass er jetzt vom Balkon springen würde. Er drohte, dass unsere Beziehung vorbei war, wenn ich ihm jetzt nicht sofort den Chatverlauf von Leon und mir zeigte. Er warf mir vor, dass ich mich nur wegen Leon geritzt hatte, weil Leon die Selbstverstümmelung so verherrlichte. Er warf mir vor, dass Leon und ich uns zusammen ritzten und uns gemeinsam umbringen wollten. Er hörte mir gar nicht zu. Ich blieb bei der Wahrheit:
Ich hatte mich geritzt, weil ich es nicht ausgehalten hatte bei meiner ersten Arbeitsstelle so versagt zu haben, Leon und ich hatten nicht vor uns gemeinsam zu ritzen und den Chatverlauf wollte ich Aaron nicht zeigen, weil darin private Dinge über Leon standen.
Am Ende beendete er die Beziehung uns stürmte aus dem Haus. Ich bekam Panik. Wahrscheinlich würde er nun zu Leon fahren und ihn zur Rede stellen. Mist, ich hatte die Freundschaft zwischen den beiden zerstört. Ich begann Leon zu schreiben: „Es tut mir leid“, doch mehr bekam ich nicht zustande, weil ich zu weinen anfing, schließlich war meine Beziehung gerade zu Bruch gegangen. Nachdem ich mich ausgeheult hatte, wollte ich Leon schreiben, was mir denn so leid tat, doch ehe ich dazu kam, klingelte es und Aaron stand vor der Tür. Ich wusste nicht, was er wollte, aber es stellte sich heraus, dass Leon das „Es tut mir leid“ missverstanden hatte. Er dachte, ich wollte mich nun ohne ihn umbringen. Keine Ahnung wie zur Hölle er darauf gekommen war, aber so war es nun Mal. Daraufhin hatte er Aaron angerufen und ihm gesagt, dass ich mich jetzt umbringen wollte. „Du darfst sie nicht alleine lassen!“, hatte Leon laut Aaron gesagt. Doch Leon behauptete im Nachhinein „Sie darf es nicht alleine tun!“ gesagt zu haben, weil er es unbedingt mit mir zusammen tun wollte.
Jedenfalls stand Aaron nur bei mir in der Wohnung und belästigte mich. Er warf mir vor, Leon geschrieben zu haben, dass ich mich umbringen wollte. Ich hatte keine Lust auf weitere Streitereien mit meinem Exfreund und verlangte, dass er sofort die Wohnung verließ, doch er ließ mich einfach nicht in Ruhe. „Na gut, wenn du nicht gehst, dann gehe ich!“ Und so ging ich, doch Aaron rannte mir hinterher. Mein blöder Exfreund ließ mich einfach nicht in Ruhe! Ich wollte alleine sein und nicht von meinem Exfreund  verfolgt werden. Ich versicherte ihm immer wieder, dass ich gar nicht vorhatte mir etwas anzutun, doch Aaron hörte nicht. Er drückte mich vor dem Haus zu Boden, presste mein Gesicht in den Kies und schrie: „HILFE! HILFE! JETZT RUF DOCH MAL EINER DIE POLIZEI!“
Es endete damit, dass ich in der Psychiatrie landete. Wegen eines dummen Missverständnisses! Dümmer geht es doch gar nicht, oder??? Ich hatte mit keinem Wort gesagt, dass ich mir etwas antun wollte und ich war auch nicht unkooperativ gegenüber Aaron. Ich hatte ihm verständlich erklärt, dass ich nicht vorhatte mir etwas anzutun, doch er hatte mich nicht in Ruhe lassen wollen. Mein Exfreund! Als würde ich nach meiner Trennung mit meinem Exfreund sprechen wollen! Wir hatten den ganzen Abend lang gestritten. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben und er machte da einen riesigen Aufstand. Am Ende war ich die Verrückte und als ich dort in der Psychiatrie saß, sprachen Aaron und Leon über mich, wie ich im Nachhinein erfuhr. Sie sprachen darüber, dass ich die beiden Freunde gegeneinander ausspielte und dass ich Verrückt sei und was weiß ich was für einen Bullshit. Im Nachhinein kommt mir das ganze noch abstruser vor, als es eh schon ist.
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