Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Geschichten aus Pryne - Buch 1 Die Reise

von Inkling87
GeschichteAbenteuer / P12
OC (Own Character)
17.11.2020
16.01.2021
11
25.740
1
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
17.11.2020 1.474
 
Kapitel 1 – Das Wolfsrudel und der Schurke


Morgennebel lag über dem verzauberten Druidischen Hain tief inmitten des Kethra Gebirges. Die Vögel zwitscherten seit Sonnenaufgang fröhlich, das Wild graste ruhig und die Kaninchen wagten sich aus ihren unterirdischen Bauten.

Ein großer, grau-braun melierter Schreckenswolf öffnete die Augen einen Spalt weit und fixierte eines der Kaninchen unauffällig. Er lag auf einem abgeflachten Vorsprung, der ein zu idealer Aussichtspunkt für den Wolf war, um natürlich entstanden zu sein.

Die Erzdruidin, deren Hain dies war, hatte den Aussichtspunkt für ihren Mann, den Lythari, aus dem Boden wachsen lassen. In den letzten drei Jahrzehnten hatte sich die Familie, die den Hain bewohnte, diesen ihren Bedürfnissen entsprechend angepasst.

Plötzlich registrierte er eine Bewegung in den Büschen einige Meter entfernt von dem braunen Wildkaninchen. Der Wolf gähnte herzhaft. Er hatte das Interesse an dem Tier verloren. Seine Tochter würden das Kaninchen auch ohne ihn erjagen.

Leortis schnüffelte. Ein seltsamer, unangenehmer Geruch lag in der Luft. Eine Mischung aus der vertrauten, frischen Morgenluft des frühlingshaften Waldes, dem unerwarteten Odeur eines alten Bekannten (der unmöglich hier im Wald sein konnte) und Rauch.

Erschrocken erhob sich Leortis. Rauch war nie ein gutes Zeichen. Ein Waldbrand konnte großen Schaden im Hain anrichten. Ohne sich zurück zu verwandeln sprintete er davon in Richtung seines Zuhauses im Herz des heiligen druidischen Hains. Er musste seine Frau Bescheid geben.

***


Maribellis sah und hörte ihren Vater in Wolf-Form davonsprinten. Verunsichert entspannt sie die Sehne ihres Bogens.

Normalerweise konnte er morgens stundenlang auf seinem Plateau liegen, die Morgensonne genießen und ihre Fortschritte bei der Kaninchenjagd zu beobachten. Er hatte ihr, ebenso wie ihren beiden älteren Brüdern das Bogenschießen, die Jagd und grundlegende Kampftechniken beigebracht.  Um ihn so früh hochzuschrecken und nachhause laufen zu lassen, musste er etwas beunruhigendes wahrgenommen haben, dass er ihrer Mutter mitteilen wollte.

Maribellis war neugierig und gleichzeitig frustriert. Mit ihrer verbesserten Wahrnehmung waren die Wölfe in ihrer Familie ihr immer überlegen. Sie war eine Halbelfe, wie ihre Mutter, geboren ohne jegliche magischen Fähigkeiten. Sie hatte sich daher auf ihr kämpferisches Talent konzentriert und übertraf dabei ihre Brüder, solang sie sich nicht verwandelten. Ihr Vater sah großes Potenzial in ihr, jedoch war sie noch unerfahren.

Gerade als sie ihren Bogen schulterte und sich auf den Weg nachhause machen wollte, raschelte das Gebüsch neben ihr und Vanan und Heinan, ihre Brüder in Wolfgestalt, gesellten sich zu ihr. Aufgrund mangelnder Kommunikationsfähigkeiten als Wölfe verwandelten die beiden sich in ihre Elfengestalt. Genauso wie alle anderen in ihrer Familie konnten sie dies unlimitiert vollbringen. Nur ihre Mutter war hier eine Ausnahme, da sie sich mit ihren druidischen Mächten auch in viele andere Tiere und andere Wesen verwandeln konnte. Mutter hatte dies schon seit langer Zeit nicht mehr getan, außer um des nachts mit Vater davonzuschleichen, wenn sie allein sein wollten.  Maribellis vermutete, dass sie ihretwegen darauf verzichtete. Um ihr als einzige in der Familie nicht ständig vor Augen zu führen, dass ihr diese Fähigkeiten fehlten.

Maribells versuchte dankbar dafür zu sein, doch fühlte sie sich dem gegenüber eher gleichgültig. Ihre Mutter hatte ihr viele Dinge beigebracht, unter anderem das Lesen, das weder ihr Vater noch ihre Brüder konnten, was mit ihrem Lythari Erbe zu tun hatte. Dennoch fühlte sie sich ihrem Vater näher, er hatte ihr das Kämpfen beigebracht.

Die Zwillinge waren gut eineinhalb Kopf größer als sie – sie war die kleinste in der Familie – und sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Als sie jünger gewesen waren hatten sie oft mit allen Mitgliedern der Familie ihren Schabernack getrieben, bis Heinan bei einem unerlaubten Ausflug außerhalb des heiligen Hains verletzt worden war. Sai hatte Heinan geheilt, dennoch war eine dünne rosa Linie, die außen von seiner Schulter bis nach Innen zum Ellenbogen verlief, zurückgeblieben. Diese unscheinbare Narbe war jedoch nicht das Einzige was Heinan von ihrem ungewollten Zusammenprall mit Gnollen behalten hatte. Ihr Bruder war ängstlicher geworden, vorsichtiger und oft die Stimme der Vernunft, die Vanan davon abhielt sich in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen.

„Guten Morgen Schwesterchen“, begrüßte sie Vanan grinsend. Man konnte seine spitzen Eckzähne sehen.

„Wo ist Pa so schnell hin?“

„Ich dachte ihr wüsstet das? Er hat mir zugesehen und so getan als würde er dösen, dann ist er plötzlich davongesprintet.“

„Es liegt Rauch in der Luft und ein anderer Geruch. Nach Menschen, aber du bist es nicht“, triezte sie Vanan.

„Ich riech wenigstens nicht wie nasser Wolf“, erwiderte sie verstimmt.

„Wir sollten auch nachhause gehen. Falls es irgendwo brennt, ist es besser wir sind in Sicherheit bei Ma und Pa,"erwiderte Heinan.

Vanan boxte seinen Bruder in die Schulter: „Sei nicht so eine Memme. Ma und Pa wissen schon was sie tun. Gehen wir zum Wasserfall. Vielleicht sind dort wieder Forellen.“

Heinan suchte mit seinem Blick Unterstützung bei seiner jüngeren, vernünftigeren Schwester.

„Wahrscheinlich haben nur wieder irgendwelche Wanderer ihr Lager zu nahe an der Barriere errichtet, das ist alles. Wir sollten uns darum keine Gedanken machen. Gehen wir zum Wasserfall. Ich habe noch Pfeile zu befiedern.“

***


Der Bach plätscherte fröhlich über abgerundete, moosbewachsene Steine. Die Luft war erfüllt von dem Duft des Frühlings und dem Fiepen, Johlen und Quietschen spielender Wölfe. Sie bespritzen sich gegenseitig mit Wasser in dem Teich, der sich unterhalb eines kleinen Wasserfalls ausgewaschen hatte. Das sprudelnde Wasser rief einen schimmernden Regenbogen hervor. Die Frühlingssonne zauberte eine magische Wärme über die kleine Lichtung in dem immergrünen Waldabschnitt.

Die Sonne hatte noch nicht ihre volle Intensität erreicht. Tautropfen hingen an den grünen Halmen, lagen auf den Moospolstern.

In weiser Voraussicht hatte sich Maribellis ein weiches Hasenfell mitgebracht, um sich darauf nieder zu lassen, während sie ihre Pfeile befiederte.

Plötzlich horchten die beiden jungen Schreckenswölfe auf. Ihre Blicke wanderten zu der jungen Frau. Sie sprang sofort auf und folgte den beiden davon hetzenden Wölfen durch das Walddickicht.

Das Rudel hielt abrupt Inne. Am Rand eines Überhangs. Die junge Frau hielt ihren Bogen leicht gespannt mit einem Pfeil aufgelegt, während sie hinabblickte.

„HALT!“ Die Wölfe fletschten die Zähne und stellten das grau-schwarzen Nackenfell auf.

„Oh! Man habt ihr mich erschreckt!“ Entfuhr es dem Eindringling.

„Wer seid ihr? Was haszt du hier zu suchen? Wie seid ihr überhaupt durch die Barriere gekommen?“

Der ältere Mann grinste verlegen, so als wollte er sich den Schrecken von den monströsen Wölfen und der jungen Frau angehalten zu werden, nicht anmerken zu lassen.

„Nun junge Dame, ich bin Varis Dengalo“, er verneigte sich kokett, „Ihr solltet bereits von meinen Heldentaten gehört haben.“

„Nicht wirklich“, sie zuckte mit den Achseln und hob den Bogen. Zielte halbherzig auf den gealterten Schurken und Schwerenöter. „Wir leben hier sehr zurückgezogen“, erwiderte sie misstrauisch.

„Ihr könnt nicht hier sein. Die Barriere, die unsere Mutter errichtet hat, lässt niemanden hindurch.“

„Wie geht es Sai?“

„Woher kennt ihr unsere Mutter?“

„Meine Liebe, ich bin ein geschätzter Freund deiner“, der rechte Wolf neben der jungen, elfenhaften Frau, knurrte hörbar.

„Entschuldige, eurer Mutter“, Varis deutete nacheinander auf die beiden Schreckenswölfe, „Ich war mir nicht sicher, ob die beiden verwandelt sind oder echte Wölfe.“

Daraufhin verzerrte sich die Gestalt erst des rechten, dann des linken Wolfes und nach einer magischen Verwandlung standen zwei junge Knaben, eineiige Zwillinge, mit wolfsgrauen Haaren in Fellen gekleidet, neben Maribeliis. Sie waren größer als die Frau und von jugendlicher Schlaksigkeit mit bernsteinfarbenen Wolfsaugen. Sie schienen gerade den Kinderschuhen entwachsen zu sein und er schätzte sie deutlich jünger als ihre Schwester.

Varis hielt sie alle drei für Elfen und er kannte ihre Eltern. Denn alle drei waren ihnen, wie aus dem Gesicht geschnitten.

„Wir“, erklärten die beiden Jungen gleichzeitig, „Sind Heinan“, sagte der rechte und deutete sich auf die Brust, „Und Vanan“, entgegnete der linke mit identischer Handgeste.

„Also könnt ihr mich jetzt zu Sai und Leo bringen oder muss ich sie selbst suchen gehen?“

Der Schurke in seinem aufwändigen Mantel, den teuren von der Straße verschmutzten Lederstiefeln, breiten verzierten Gürtel und dem bestickten Rüschenhemd, wurde sichtlich ungeduldig mit den Geschwistern. Natürlich war Varis Dengalo, ebenso wie die Elfen, bewaffnet, jedoch schien keiner ernsthaft daran zu denken, seine Waffen auch zu benutzen.

Auch Maribellis hatte ihren Bogen gesenkt und den Pfeil zurück in ihren Köcher gesteckt. Sie hielten den elegant gekleidete Menschen mit grau-meliertem Haar und Spitzbart für keine Bedrohung in ihrem Hain, ihrem Zuhause.

Vanan lacht: „Du würdest Ma und Pa hier im Wald doch nie finden.“

„Ich bin Varis Dengalo, natürlich würde ich sie finden, aber ihr würdet mir in dringender Angelegenheit etwas Zeit ersparen.“

„Ach komm schon, ist doch egal, bringen wir ihn zu Ma, wenn er nicht in Ordnung ist, reißt Pa ihm den Kopf ab“, grinste Heinan, während er seine Schwester am Ärmel zog.

„Na gut“, sie seufzte, „Sie wissen bestimmt was mit ihm zu tun ist.“

Ohne weitere Vorwarnung sprangen die Geschwister fast gleichzeitig den Überhang hinab und landeten mit elfenhafter Anmut neben dem verdutzten Varis. Der schüttelte den Kopf und dachte bei sich: Elfen.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast