Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

2020 11 17: Vertrauen [by Eiche]

OneshotAllgemein / P12 / Gen
17.11.2020
17.11.2020
1
5.839
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
17.11.2020 5.839
 
Tag der Veröffentlichung: 17.11.
Zitat: Wenn du stirbst, mach ich dich platt. (One Piece)
Titel der Geschichte: Vertrauen?
Autor: Eiche
Kommentar des Autors: Viel Spaß beim Lesen!

Vertrauen?







„Wir müssen doch etwas tun, oder nicht? Wir können sie nicht einfach handeln lassen, können nicht zulassen, dass sie diese Grausamkeiten ausüben. Wir müssen sie hindern, das ist unsere Aufgabe.“
„Und wie willst du das bitte anstellen? Wir haben doch keine Chance gegen sie.“
„Es hat doch schon mehrmals geklappt. Wie oft haben wir sie schon besiegt, haben wir schon bekommen, was wir wollten?“
„Es hat sich viel getan in den letzten Jahren, vergiss das nicht. Sie wissen, dass es uns gibt, dass wir versuchen das Land zu befreien oder in den Untergang zu stürzen, wie sie es nennen.“
„Wir sind viele, wir haben so viele Möglichkeiten und wir wissen fast alles über sie. Es wird einen Weg geben.“
„Ach ja? Bist du dir da sicher?“
„Wir haben noch etwas Zeit. Es ist ja erst der Vorschlag aufgekommen. Und durch unsere Spitzel in engen Kreisen haben wir ja zum Glück früh genug von allem erfahren. Uns wird schon etwas einfallen.“
„Wir müssen genau überlegen, ob es wirklich wert ist das Risiko einzugehen.“
„Es ist es wert. Wir müssen die Siedler doch schützen. Sie wollen alles dort dem Erdboden gleichmachen, um ihr Gebiet zu erweitern.“
„Ich weiß. Aber ein riskantes Manöver ist keine Option. Wir dürfen uns keine Fehler erlauben, sonst ist es mit unserer Gemeinschaft aus. Und dann gibt es niemanden, der die Städte befreit.“
Wir müssen ihnen aber doch auch zeigen, dass wir da sind, müssen ihnen Angst machen, sonst werden sie uns nie fürchten.“
„Sie brauchen uns doch nicht zu fürchten. Es wäre doch viel besser, sie uns vergessen zu lassen. Dann könnten wir zuschlagen, im richtigen Moment aus dem Hinterhalt. Sie würden unvorbereitet keine Chance haben.“
„Aber was bringt es uns, irgendwann vielleicht einen kleinen Vorteil zu haben, wenn es jetzt Angelegenheiten gibt, die unfassbar wichtig und dringend sind. Ich bleibe bei meinem Punkt …“

„Karin?“
Ich drehe mich um, als ich meinen Namen höre.
„Was ist?“
„Ich brauche dich dringend. Hoffentlich ist es in Ordnung, wenn ich dich hier weghole?“
„Natürlich.“
Um ehrlich zu sein, freue ich mich hier aus dem Saal wegzukommen. Theoretisch ist diese Veranstaltung Pflicht für alle, die in der Gesellschaft auch nur einen kleinen Posten haben. Aber es ist immer das gleiche. Josh und Iwer, unsere beiden Oberhäupter, streiten sich nur, diskutieren die ganze Zeit. Nicht, weil es sie irgendwie weiterbringen würde, sondern, weil sie rein aus Prinzip immer gegensätzliche Meinungen haben müssen, oder so scheint es auf jeden Fall. Uns andere nervt das mittlerweile nur noch, aber was können wir tun? Jeder kann sich wenigstens so seine eigene Meinung bilden, hört Argumente von beiden Seiten. Und am Ende wird sowieso abgestimmt, welcher Weg gegangen werden soll.

Wir verlassen den Saal, die Ausbilderin, die mich angesprochen hat, und ich. Langsam wird es leise, als die Stimmen hinter uns verklingen. Wir schweigen. Auch wenn ich viele Fragen habe, ich stelle keine. Sie würde sie mir sowieso nicht beantworten. Wenn ich etwas wissen muss, dann wird sie mir es im richtigen Moment erklären. Ich vertraue darauf.

Ja, natürlich wäre es besser, wenn immer alle über alles Bescheid wüssten, aber dann wäre unsere Sicherheit in Gefahr. Ich gehöre zu den höchsten hundert in der Gesellschaft, auch wenn ich noch sehr jung bin, aber auch ich weiß nicht alles. Es kursiert das Gerücht, dass nicht einmal die Oberhäupter alle Informationen bekommen, und ich muss sagen, dass ich es verstehen könnte. Es ist wirklich wichtig, dass wir unerkannt bleiben. Ein Verräter, und wir können alle mit unserem Leben abschließen. Deshalb müssen wir auch so vorsichtig sein. Die Städte haben Verhörmethoden, die ich mir nicht einmal vorstellen kann, geschweige denn, dass ich es wollen würde. Sie würden alles über uns erfahren, oder alles, was der Gefangene eben weiß. Wir müssen uns absichern. Unwissenheit ist der beste Schutz. Und auch wenn es etwas undemokratisch klingt, vergleicht man uns mit den Städten, dann sind wir die freiesten Menschen, die es zu geben scheint.

Wir gehen in Richtung der Zellen. Obwohl Zellen das falsche Wort ist. Es ist ein einfacher Wohnbereich, der zusätzlich abgesichert und bewacht wird. Hier wohnen Neuankömmlinge oder auch manchmal Gefangene, wenn wir nicht vermeiden können, welche zu nehmen.
Ich bin oft hier. Meine Hauptaufgabe ist es ihnen beim Einleben zu helfen, ihnen alles zu erklären und vielleicht manchmal auch ihnen Informationen herauszukitzeln. Ich soll ihr Vertrauen gewinnen, eine meiner Stärken. Deswegen ist es auch meine Aufgabe.

Ich bin gespannt, was so wichtig sein könnte. Aber ich werde es sicher gleich erfahren, denn die Ausbilderin hält gerade an und wendet sich zu mir um.
„Wir haben mal wieder eine aufgegriffen, ein junges Mädchen, ich gehe davon aus, dass sie in deinem Alter ist. Wir wissen nicht, woher sie kommt oder warum sie so nahe bei unserem Lager war. Sie meint wohl, dass sie uns gesucht habe. Das macht sie besonders gefährlich. Ich denke, das ist dir klar. Wir müssen aufpassen, nicht dass sie ein Spitzel ist. Und wenn sie wirklich zu uns wollte, wie hat sie uns gefunden, woher wusste sie von unserem Aufenthaltsort? Sie war wirklich nahe.
Du musst versuchen, ein paar Informationen aus ihr herauszuholen. Freunde dich mit ihr an, lass sie dir vertrauen, das kannst du ja so gut, und dann melde ihr Vorhaben. Sie sollte in den nächsten Wochen auch Freigang erhalten, wir wollen sie sich so gut einleben lassen, wie möglich. Aber ich weiß, du wirst das schon machen, wirst uns nicht enttäuschen. Du weißt, was du tust“

Ich nicke. Und ich muss sagen, ich bin gespannt, auf das, was mich erwartet. Ich bin durch meine Aufgabe mit vielen anderen in Kontakt, einige, denen ich geholfen habe, behandeln mich immer freundlich, als wären wir Freunde, aber unter ihnen ist niemand, der auch nur annähernd zu meiner Altersklasse gehört. Warum auch. Kinder werden immer verschont, und wirklich mehr bin auch ich nicht. Und dass hier eines geboren wird, passiert wirklich selten.

Die Ausbilderin schließt die erste Tür auf. Wir gehen durch einen langen Gang, an einigen Wachen vorbei. Sie scheinen uns kaum zu beachten. Dann sind wir scheinbar angekommen.
„Wenn dir etwas seltsam erscheint, oder etwas nicht stimmt, drücke sofort den Notknopf.“
Wieder nur ein Nicken von mir. Ich weiß, sie müssen mir die Anweisungen immer wieder geben, aber ich weiß genau, was ich in welchem Szenario zu tun habe.

Ich öffne vorsichtig die Tür, spähe in den Raum. Ich bilde mir immer gerne erstmal einen Überblick, bevor ich anfange.

Der Raum ist nicht anders als alle anderen hier. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank und ein Fenster in Richtung eines Innenhofes, mehr gibt es nirgends. Das Zimmer ist immerhin ziemlich hell, was man nicht von allen behaupten kann. Hier unten, tief unter der Erde gibt es kein Tageslicht, nur künstliche Einrichtungen. Dennoch ist es sehr gemütlich. Fast jedes Zimmer hat ein Fenster in Richtung von einem der unzähligen Höfe, in denen echte Pflanzen wachsen, und auch ein paar Felder liegen. Ja, für die Bedingungen hier ist es wirklich schön. Ich frage mich manchmal wie die ersten Rebellen das geschafft haben. Aber ich bin froh, dass ich hier leben darf und nicht in einer unfreien Stadt. Es wird gesagt, dass es dort nicht einmal das kleinste bisschen Stück Natur gibt. Das könnte ich nicht aushalten.

Ein Mädchen sitzt auf dem Bett. Sie scheint mich noch nicht bemerkt zu haben, also klopfe ich leise an die Tür. Ihr Blick hebt sich. Ich betrete das Zimmer.
„Hallo, ich bin Karin, und werde dir in den nächsten Wochen helfen, hier anzukommen. Wie heißt du?“
„Helene.“
Ihre Stimme ist leise, sanft. Aber sie klingt eher schüchtern.
„Woher kommst du?“
Sie streicht sich eine schwarze Haarsträhne hinters Ohr.
„Aus Sandia, einer etwas kleineren Stadt im Süden.“
„Gehört zu den Städten, oder? Ich habe diesen Namen noch nie gehört.
„Ja, wie gesagt, ist eher klein und nicht so bekannt.“
„Und was willst du hier?“
„Mich euch anschließen, den Rebellen. Ich muss gegen die Ungerechtigkeiten kämpfen, ich habe es in der Stadt nicht mehr ausgehalten. Es ist so falsch.“
„Woher weißt du, dass es uns gibt?“
„Jeder weiß von den Rebellen. Ich habe euch auch erst gar nicht wirklich gesucht, ich musste fliehen, aus der Stadt, und bin dann auf eine Gruppe gestoßen, deren einziges Ziel war, euch zu erreichen. Es gibt dort draußen viele Menschen in den ländlichen Teilen. Jeder weiß ein wenig, nicht alles, aber wenn man genau und genug ausfragt, kann man sich ein Bild machen, wo ihr zu finden seid.“
„Ich muss ehrlich sein, ich habe keine Ahnung wie es dort oben aussieht. Ich wurde hier geboren und kenne alles nur aus Erzählungen. Vielleicht kannst du mir ja ein bisschen mehr erzählen.“
„Natürlich, wenn du willst.“
„Was ist eigentlich aus den anderen der Gruppe geworden? Wo sind sie geblieben? Sind sie auch hier? Mir wurde nichts von anderen gesagt.“
„Nein, sie sind nicht da. Wir sind schlussendlich getrennte Wege gegangen. Wären sie nur bei mir geblieben, aber sie wollten nicht. Und ich konnte auch nicht bei ihnen bleiben. Was soll’s, ist ja auch egal.“
Eigentlich will ich nachfragen, aber in dem Moment unterbricht uns ein Klingeln.
„Komm, es ist Essenszeit. Wir können zusammen in den Speisesaal gehen, dann kann ich dir gleich erklären, wie hier alles funktioniert.“
Helene steht auf und folgt mir. Irgendwie vertraue ich ihr nicht ganz. Und auch wenn ich nicht sagen kann, was es ist, ich werde sie im Auge behalten müssen. Ihre Geschichte ist nicht gerade glaubwürdig. Und sie erzählt nicht alles, das kann ich erkennen. Dieses Mädchen verbirgt etwas. Und das gefällt mir nicht.

„Warum darf ich nicht auch zu dem Treffen? Ich möchte doch zu euch gehören, warum darf ich nicht mit? Bin ich nicht schon lange genug da? Ich möchte mich euch anschließen, aber wie soll ich das anstellen, wenn ich nicht einmal weiß, was los ist?“
„Ich weiß es nicht. Unsere Anführer entscheiden, wann du aufgenommen wirst. Und selbst dann würdest du nicht gehen dürfen. Nur ein kleiner Kreis wird überhaupt zu diesem Treffen eingeladen. Sicherheitsvorkehrung, ich hoffte, du verstehst das.“
„Sie vertrauen mir nicht, oder? Sie glauben mir nicht, glauben, ich bin ein Spion.“
„Sie sind einfach nur vorsichtig, wenn wir jedem einfach so glauben und trauen würden, wären wir doch schon längst aufgeflogen.“
„Mag sein, aber außer dir hat noch niemand mit mir gesprochen. Sollen sie mich doch verhören, ich erzähle ihnen schon die ganze Wahrheit. Aber dafür müssen sie mich fragen.“
„Du wirst irgendwann aufgenommen, da bin ich mir sicher. Sie müssen nur klarstellen, dass du uns wirklich nicht schaden wirst. Wir haben Spitzel im ganzen Land und sie werden überprüfen, ob deine Angaben stimmen. Das kann nur dauern.“
„Aber woher haben sie meine Angaben? Ach so, du erzählst sie ihnen, nicht?“
Ich nicke. „Ich bin dafür zuständig, dich einzugewöhnen und dafür muss ich dir auch bei der Aufnahme helfen. Du glaubst doch nicht, dass ich alles für mich behalte.“
„Warum so ein Aufwand? So bekommt ihr doch nie genug Helfer.“
„Lieber wenige treue Helfer als einen Verräter. Verstehst du nicht, dass wir verloren sind, sobald irgendwer Informationen über uns erhält?“
„Doch, ich verstehe es. Tut mir leid, aber ich bin einfach eine wenig enttäuscht. Ich hatte einfach gehofft, euch helfen zu können und jetzt sitze ich den ganzen Tag nur herum.“
„Das wird noch. Irgendwann werden sie dich schon für vertrauenswürdig empfinden, wenn du es denn bist. Du musst Geduld haben. Es wird noch genug für dich zu tun geben, keine Sorge.“
„Danke. Tut mir leid, dass ich mich beschwert habe, wirklich. Ich sollte einfach alles so hinnehmen. Kommst du nach dem Treffen zu mir?“
„Natürlich.“

Ich bin ein wenig verwirrt. Warum auf einmal dieser Stimmungswechsel, warum hat sie auf einmal mir zugestimmt? Ist es, weil sie Angst hat, dass das alles noch länger dauert, wenn sie sich beschwert? Oder will sie nicht auffallen, wodurch sie nicht mehr spionieren könnte? Ich weiß es nicht und ich werde nicht schlau aus diesem Mädchen. Ich verstehe sie und ihren Plan einfach nicht. Was ist ihre Mission? Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich ihr vertrauen sollte. Aber das zu beurteilen ist zum Glück nicht meine Aufgabe. Und wenn die Oberhäupter entscheiden, dass sie zu uns gehören soll, dann werde ich auf ihr Urteil vertrauen. Sie wissen, was sie tun. Und um ehrlich zu sein, ich würde mir wünschen, wenn Helene bleiben könnte. Immerhin ist sie in meinem Alter, sie wäre eine gute Gesellschaft. Aber dafür muss ich mich auf sie verlassen können. Hoffentlich ist sie kein Verräter, kein Spion. Dann hätten wir ein Problem. Denn wem können wir dann noch vertrauen?

Ich betrete den Raum, in dem das Treffen stattfindet. Die meisten sind schon da, alles alte Mitglieder, sie gehören alle zum inneren Kreis, genau wie ich. Kein Wunder, beim Treffen oder Verkünden von Entscheidungen sind wir eigentlich immer beteiligt, oder ein Teil von uns. Denn bei weitem nicht alle sind da, kein Wunder. Nur wer von etwas betroffen ist, wird eingeladen. Meine genaue Rolle kenne ich noch nicht, aber sie wollen wohl, dass ich weiß, was hier besprochen wird, und dann werde ich das nicht hinterfragen.

„Schön, dass ihr hier seid. Wir haben in den letzten Tagen sehr genau beraten, wie wir verfahren sollen. Ihr habt ja alle mitbekommen, dass außerhalb der Grenze Siedlungen überfallen werden sollen. Die Freiheit von Menschen ist in Gefahr und es ist uns klar, dass wir etwas dagegen tun müssen. Da sind wir uns einige. Aber wir haben lange überlegt, was wir tun können, ohne uns in Gefahr zu begeben. Es gibt mittlerweile einen Plan. Wir werden euch nicht erklären, wie er aussieht, aber er ist gefährlich und ich möchte, dass ihr es wisst. Einen Fehlschlag wird vermutlich zum Tod führen und selbst wenn das Unterfangen gelingt, ist es nicht sicher, dass die Person, die den Auftrag ausführt, überlebt. Wir würden gerne eine Person schicken, eine vertrauenswürdige Person, die weiß, was sie tut. Ihr alle seid hier, weil wir denken, dass ihr für die Mission geeignet seid. Aber es ist eure Entscheidung. Niemand von euch wird gezwungen, denn es kann schnell schiefgehen. Es gibt natürlich auch einen Notfallplan, um die Siedlung zu retten, aber davon würden wir ungern Gebrauch machen. Auf der Person lastet also eine große Verantwortung, ich möchte, dass das euch bewusst ist. Und sie muss bereit sein, für diese Sache zu sterben. Wie gesagt, ihr müsst nicht. Und uns ist klar, dass auch eine Entscheidung in dieser Lage schwierig ist. Ihr habt auch noch Zeit, euch das alles zu überlegen. Aber jetzt müssen wir erst einmal fragen. Gibt es jemanden, der bereit wäre, diese Mission zu übernehmen oder wenigstens dem Gedanken daran nicht ganz abgeneigt ist?“

Es ist still im Raum. Keiner sagt etwas, wir alle sehen uns nur gegenseitig an. Ich weiß, ich könnte es tun. Es wäre ehrenvoll und zu helfen ist ja richtig. Aber ich glaube nicht, dass ich es könnte. Ich bin eine der jüngsten hier. Außerdem war ich noch nie draußen. Wie soll ich dann eine ganze Mission erfüllen, und dann auch noch alleine? Und ich bin auch nicht bereit zu sterben. Ich lebe gerne.
Die anderen denken vermutlich das gleiche. Niemand von uns will gehen. Jeder hofft, dass jemand anderes sich meldet. Irgendwer muss es ja machen. Aber keiner sieht ein, dass er derjenige sein muss. Ich will es nicht, niemand will es. Und zum Glück können wir nicht gezwungen werden.

„Niemand, seid ihr euch sicher?“
Er klingt ein wenig enttäuscht, hat es aber vermutlich geahnt. Aber was sollen wir jetzt tun?

„Ich bin bereit, es zu tun. Ich möchte gehen, wohin auch immer.“

Ich zucke zusammen, drehe mich um, versuche herauszufinden, wer das gesagt hat, wer uns alle retten will. Dann sehe ich sie. In der Tür steht Helene.

Wie kam sie hier rein? Hat sie alles mitangehört? Ich hätte sie nicht einfach gehen lassen sollen. Das war unverantwortlich von mir. Ich hätte jemanden anderen holen müssen, der sie beobachtet, oder sie wenigstens in ihr Zimmer bringen müssen. Sie muss uns belauscht haben. Wie? Es sind doch sicher Wachen vor der Tür. Sie ist ein Spion, oder auf jeden Fall arbeitet sie für jemanden. Sonst würde sie sich nicht so einfach über unsere Regeln hinwegsetzen. Denn ihr muss klar sein, dass sie so nie aufgenommen wird. Gut, dass der genaue Plan nicht genannt wurde. Trotzdem, das hier ist gefährlich genug, Helene ist gefährlich.
Aber wenn sie eine Spionin ist, warum hat sie sich dann gerade zu erkennen gegeben? Sie hätte uns weiter belauschen müssen. Will sie hier raus und sieht in dem hier ihren einzigen Weg? Oder ist sie doch auf unserer Seite und will wirklich nur helfen und findet keine andere Möglichkeit? Aber warum belauscht sie uns dann? Das alles ergibt keinen Sinn.

Wir alle starren sie an. Alles ist still, als sie langsam nach vorne geht. Sie ist unsicher, ich sehe es ihr an, auch wenn ihre Stimme gerade sehr selbstsicher geklungen hat. Aber sie weiß, dass sie nicht hier sein sollte, weiß, dass sie Regeln bricht, und, dass das nicht unbestraft bleiben kann.

„Wer bist du?“
Iwer scheint sich von dem Schock erholt zu haben.
„Mein Name ist Helene. Ich bin schon seit einigen Wochen hier, aber ich bin immer noch eingesperrt. Aber ich möchte etwas tun, halte es nicht mehr aus, einfach so herumzusitzen. Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich die Mission übernehme, da ja scheinbar niemand von euch bereit dazu ist.“
„In Ordnung Helene. Es tut mir leid, dass dir dein Aufenthalt bei uns bisher nicht gefallen hat. Aber natürlich darfst du gehen. Wir brauchen jemanden, und wenn du denkst, du bist die richtige für diese Aufgabe, dann werden wir dich nicht aufhalten. Bleibe einfach hier. An alle anderen, die Versammlung ist beendet. Wir sehen uns.“

„Das kannst du doch nicht machen. Sie gehört nicht zu uns, wir können nicht sagen, ob wir ihr vertrauen können.“
„Ach ja? Karin, was sagst du? Sie ist bereit für uns zu sterben und du willst ihr nicht vertrauen?“
„Es kann ein Weg sein zu entkommen. Sie könnte alles sabotieren oder uns auch einfach nur so verraten. Wir kannst du so leichtsinnig sein. Sie hat uns belauscht, das zeigt doch, dass sie gefährlich ist. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass sie auf unserer Seite ist. Denk an die Aufnahmeregeln. Wir müssen uns daran halten und dürfen keine Ausnahme machen. Das sagst du doch auch immer so.“
„Ich verstehe deine Zweifel. Aber wir haben keine andere Wahl. Wenn sich niemand anderes meldet.“
„Es ist trotzdem leichtsinnig. Habt ihr euch überhaupt darüber beraten? Sie ist noch kein Teil von uns und weiß aber jetzt schon viel zu viel.“
„Karin, wir müssen ihr vertrauen, auch du. Sie ist schon keine Bedrohung. Ob Josh meiner Meinung ist, weiß ich nicht, aber wir haben keine Zeit das durchzudiskutieren. Wenn du dann gehen könntest, wir haben einiges zu Besprechen.“
„Nein, ich gehe nicht. Es ist falsch und wir beide wissen es. Du kannst ihr nicht vertrauen, tut mir leid Helene, aber das ist die Wahrheit. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht in den letzten Wochen. Aber dennoch vertraue ich ihr nicht. Und das solltest du auch nicht tun. Unsere Sicherheit ist wichtiger als diese eine Mission.“
„Die Entscheidung ist gefallen. Höre auf mir zu widersprechen, Karin. Du kannst nichts ändern.“
„Dann lass mich mitgehen. Lass mich sie begleiten und kontrollieren, dass sie keine Dummheiten macht.“
„Wenn du das willst, dann kannst du das tun. Aber du musst dich der Mission anschließen, musst mithelfen, alles Mögliche dafür tun, dass sie gelingt.“
„Nichts anderes habe ich vor.“
„Gut, dann kommt in meinem Raum. Ich werde euch genau erklären, was eure Aufgabe ist.“

„Also, euch ist ja klar, wie wichtig das Unterfangen ist. Ich vertraue euch alle Informationen an, damit ihr den Plan bestmöglich umsetzen könnt. Unsere Idee wäre das Wasser des großen Flusses zu vergiften. Es gibt eine Flüssigkeit, ein Konzentrat, das wir euch geben würden. Für Tiere und Pflanzen ist es ungefährlich, und für Menschen nicht tödlich, sie werden nur etwas krank davon. Zudem wird das Wasser ihre Motoren zerstören, sobald es damit in Berührung kommt. Und da das Wasser dieses Flusses ihr Antriebsmittel für eigentlich alles ist, können wir sie so komplett lahmlegen. Dadurch haben sie keine Möglichkeit die Siedlungen anzugreifen. Es gibt nur ein Problem. Da sich der Fluss so oft teilt und es somit zu viele Nebenflüsse gibt, auf die sie ihre Wasserversorgung aufteilen könnten, muss das Wasser direkt an der Quelle vergiftet werden. Wie ihr vermutlich wisst, wird diese sehr stark bewacht, da dort der Staat natürlich am angreifbarsten ist. Ihr müsst nur die Flasche ins Wasser leeren, damit wäre alles getan, aber so weit müsst ihr natürlich erst einmal kommen. Deswegen ist es so gefährlich. Denn wenn sie euch fangen, dann ist alles vorbei.“
„Und eine Flasche reicht, um alles zu vergiften?“
„Ja, soweit wir wissen schon.“
„Wie kommen wir dorthin? Die Quelle ist weit von hier, wenn ich die Karten richtig im Kopf habe.“
„Ja, das stimmt. Und deshalb müsst ihr auch bald aufbrechen. Uns läuft die Zeit davon, denn der Weg ist lang und beschwerlich und natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass die Ausbreitung des Giftes auch Zeit braucht. Wenn es für euch passt, wäre es gut, wenn ihr eure Reise bis spätestens Ende der Woche beginnt. Wir werden euch bis dahin alle Informationen geben. Auch eure Ausstattung müssen wir zusammenstellen. Ihr werdet vermutlich zwei Wochen unterwegs sein. Auch Lebensmittel müsst ihr dann zum Beispiel genug mitnehmen, Karten sowieso. Wir haben schon eine Liste geschrieben. Und ich glaube, du kennst dich in dieser Gegend sowieso ganz gut aus, oder Helene? Du kommst doch aus dem Süden?“
„Ja, genau. Ich glaube, mein Dorf ist relativ nahe an der Quelle, im Verhältnis auf jeden Fall. Aber wir sollten darum einen großen Bogen schlagen.“
„Das ist klar. Aber wenn du die Beschaffenheit der Gegend kennst, wird das euch helfen. Ihr beide seid wirklich bereit dafür? Ihr werdet es wirklich machen?“
„Ja, du kannst auf uns zählen.“

Helene scheint wirklich überzeugt zu sein. Ich bin ein wenig unsicher, aber ich werde mich ihr fügen. Ich will nur sichergehen, dass alles nach Plan läuft und sie nichts sabotiert. Denn das ist meine Pflicht. Helene allein wird die wichtigen Aufgaben erfüllen, das ist uns beiden klar. Ich hoffe nur, dass alles gutgeht.

Es ist so unglaublich draußen. Schon seit einer Woche laufen wir, aber ich bin immer noch überwältigt. Wir kommen besser voran als gedacht. Bei Vollmond müssen wir die Quelle erreichen, das ist der Plan, aber so wie es aussieht, sind wir schon vorher da. Aber lieber zu früh als zu spät. Und zu Vollmond passen die Wachen unseren Informationen nach nicht so stark auf.
Diese Natur ist wirklich beeindruckend. All die Wälder, die Wiesen, Weiden, Felder. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben echte Flüsse und Seen. Und am Horizont kann ich schon die Berge erkennen, unser Ziel. Wir laufen Tag für Tag, immer weiter, machen so wenige Pausen wie möglich. Sie haben uns spezielle Kleidung gegeben. Mit unseren Rucksäcken sehen wir aus wie Wanderer, insgesamt wie Reisende. Es ist Sommer, die Tage sind warm, also fallen wir kaum auf. Nicht wenige sehen genauso aus wie wir. Niemand würde vermuten, dass wir Rebellen sind, das hoffe ich auf jeden Fall.

„Schnell, wir müssen weg hier.“
„Was? Warum?“
Verwirrt sehe ich Helene an. Sie dreht sich panisch um. „Komm gehe etwas schneller, aber nicht so, dass es auffällt. Da hinten bei der Biegung schlagen wir uns ins Feld. Komm schon, beeile dich.“
„Warum? Was ist los?“
„Keine Zeit für Fragen. Ich erkläre es dir gleich. Aber schnell, sie dürfen uns nicht sehen.“
Da ich scheinbar keine andere Wahl habe, folge ich Helenes Anweisungen. Ich muss ihr vertrauen, das ist mir mittlerweile klar. Wir sind zusammen in einer Mission. Und nur gemeinsam können wir es wirklich schaffen. Helene hat nicht mehr angesprochen, wie ich mich verhalten habe, auch ihr gegenüber. Sie hat weder gefragt, warum ich ihr so sehr misstraue noch es sonst irgendwie erwähnt. Ich meine, ich habe aber vor Iwer gesagt, dass man ihr nicht trauen kann und alleine dadurch, dass ich mitkomme, zeige ich, dass ich an ihr zweifle. Aber entweder ist es ihr egal, oder einfach nicht wichtig genug, um darüber zu diskutieren. Ich möchte sie ja auch nicht verletzen, aber unsere Sicherheit ist eben wichtig.

Wir laufen in das Feld. Die hohen Pflanzen stehen dicht, aber wir schlängeln uns hindurch. Blätter zerkratzen mir die Arme, ich fühle mich auf einmal so klein. All diese Pflanzen, Helene hatte mal erwähnt, dass es Maispflanzen sind, sind größer als ich. Aber sie bieten auch ein gutes Versteck. Ich frage mich, wann Helene anhalten will, aber vermutlich will sie einfach sichergehen, dass wir gut versteckt sind. Dann bleibt sie endlich stehen. Sie setzt sich auf den Boden und ich lasse mich erleichtert neben sie fallen. Das Laufen war anstrengender als gedacht.

„Was ist los? Warum sind wir geflohen?“
„Ich glaube ich sollte dir alles erzählen. Ich weiß, du hast mir von Beginn an misstraut und ich verstehe auch warum. Du hattest ja recht. Und ich bewundere dich dafür, dass du dich so stark an alle Regeln gehalten hast. Ich möchte dir alles erzählen, möchte dir erkläre, was passiert ist. Und natürlich auch den Grund für die Flucht. Denn du verdienst es, alles zu erfahren. Bitte höre mir einfach nur zu. Dann kannst du machen, was du willst, aber ich möchte erst alles erklären. Du musst wissen, dass ich wirklich ein Spion bin. Meine Eltern waren Sympathisanten, haben den Rebellen immer geholfen. Und ich habe sie dabei unterstützt, auch wenn ich es selbst kaum mitbekommen und schon gar nicht verstanden habe. Ich war schließlich viel zu jung. Aber vor zwei Jahren kamen sie, haben uns festgenommen. Uns und viele andere aus dem Dorf. Wir alle waren gegen den Staat, woher sie es wussten, kann ich nicht sagen. Sie haben uns eingesperrt, Ewigkeiten lang befragt und schließlich fast alle hingerichtet. Auch meine Eltern. Nur ein paar Kinder haben sie leben lassen. Ihnen haben sie ein Angebot gemacht. Entweder sie werden Spione oder auch sie werden ermordet. Ich habe also zugestimmt. Sie haben uns ausgebildet und schließlich zu den Rebellen geschickt. Die anderen, mit denen ich unterwegs war, auch sie waren Überläufer, wie ich uns nenne. Unser Ziel war es, euch zu erreichen, um dann Informationen rauszuschmuggeln. Aber sie haben sich nicht getraut, deswegen habe ich sie verlassen. Die anderen hatten Angst, aufzufliegen, wollten eine andere Aufgabe haben. Aber ich wollte wirklich zum Staat gehören. Ich weiß, es klingt seltsam, aber ich habe mich für meine Eltern geschämt. Sie haben uns erzählt ihr wärt Monster, die alles zerstören, haben es uns so lange eingetrichtert, bis wir es geglaubt haben. Ich dachte, ich tue das Richtige, wollte euch verraten, eure Pläne herausfinden und ihnen erzählen, was ihr vorhabt. Sie haben uns Möglichkeiten für die Kommunikation gegeben.“

„Und, hast du es getan? Hast du ihnen von uns erzählt?“
„Nein, ich konnte nicht. Ich war davon überzeugt, es machen zu müssen, euch verraten zu müssen, ich dachte, das wäre das Richtige. Aber dann habe ich dich getroffen. Du warst so nett zu mir, misstrauisch, aber nett. Und ich habe bemerkt, dass ihr gar nicht so schlimm seid. Du hast meine Meinung geändert, und deswegen habe auch ich mein Vorhaben aufgegeben. Ja, erst war mein Plan, mich bei euch einzuschleusen, aber dann wollte ich euch wirklich helfen. Ich habe ihnen gesagt, dass ich Teil einer Mission sei, die nach Norden ziehe. Ich wisse zwar nicht, was sie vorhätten, aber ich wollte es herausfinden.
Und deswegen mussten wir gerade eben fliehen. Denn hinter uns waren die, mit denen ich euch gesucht habe. Und wenn sie mich erkannt hätten, dann wüssten sie, wo ich bin und somit auch, dass ich sie angelogen habe.
Es tut mir leid, es tut mir so leid, dass ich euch verraten wollte. Ich verstehe, wenn du mir jetzt nicht mehr vertrauen willst, ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht.“

Helene senkt den Kopf. Sie sieht niedergeschlagen aus, traurig. Ich stehe auf, gehe neben sie und lege ihr einen Arm um die Schulter.
„Hey, mach dir keine Sorgen. Natürlich vertraue ich dir noch. Ja, ich war misstrauisch, und es war berechtigt, aber wenn du jetzt die Wahrheit sagst, dann hast du dich doch gebessert. Du bist ein Teil von uns, ein Teil unserer Mission, ein Teil der Rebellen. Sie haben dich gezwungen uns auszuspionieren, du kannst doch nichts dafür. Aber du hast ja eingesehen, wie falsch es ist. Bist sozusagen eine Doppelagentin. Ist dir klar, wie wichtig du für die Rebellen sein kannst?“
„Wirklich? Du vertraust mir weiter? Du lässt mich nicht einfach zurück, distanzierst dich nicht einfach von mir?“
„Warum sollte ich es tun? Weißt du, Helene, ich mag dich. Du bist ein tolles Mädchen und ich habe mir von Beginn an gewünscht, dass du auf unserer Seite bist. Und jetzt, nach deiner Geschichte vertraue ich dir, wenn du dir sicher bist, dass du zu den Rebellen gehören willst.“
„Das möchte ich. Der Staat hat meine Eltern getötet. Und sie hätten gewollt, dass ich euch helfe.“
„Dann bist du auf unserer Seite, und ich kann nicht sagen, wie glücklich ich darüber bin.“
„Wirklich?“
„Ja, natürlich. Aber jetzt komm. Wir haben noch eine Mission zu erfüllen. Und ich bin mir sicher, es wird nicht einfach werden.“
„Aber zusammen schaffen wir es.“
Ich sehe sie an, lächle Helene zu.
„Da bin ich mir sicher.“
Sie geht auf mich zu, umarmt mich kurz. Wir sprechen kein Wort, als wir uns weiter durch das Feld schlagen, in der Hoffnung, auf einen anderen Weg zu treffen. Ich bin froh, dass sie so ehrlich war. Helene tut mir leid. Ihre Lage ist schlimm, es musste unendlich schwer für sie sein die Entscheidung zu treffen, uns zu helfen. Ich kann nicht wütend sein, weil sie anfangs vorhatte uns zu verraten. Ich hoffe, sie weiß, dass ihre Entscheidung die richtige war.




Der Mond steht hoch am Himmel und beleuchtet die schneebedeckten Berge um uns herum. Sie glitzern, leuchten im Licht. Es ist wunderschön, ich könnte das Bild ewig betrachten. Kein Foto könnte diesen Moment festhalten. Aber ich kann den Ausblick nicht wirklich genießen, dafür bin ich viel zu angespannt. Wir sind ungefähr eine halbe Stunde von der Quelle entfernt. Hier haben wir eine Höhle gefunden, in der wir die letzte Nacht verbracht haben, nachdem wir angekommen sind. Den ganzen Tag sind wir unseren Plan noch einmal durchgegangen. Und jetzt ist es gleich so weit. Wie müssen los, um den richtigen Moment abzupassen. Wenn wir diese Nacht unsere Aufgabe nicht erfüllen, dann haben wir komplett versagt und keiner von uns will das. Also brechen wir auf, keiner spricht ein Wort. Es ist kalt, ich bin überrascht, wie anders das Wetter hier ist. Dabei sind wir nicht so unfassbar weit vom Rebellenunterschlupf entfernt. Aber ich glaube, dass auch die Höhe einen Einfluss auf die Temperatur hat. Und natürlich ist es Nacht. Aber ich habe eigentlich gerade keinen Nerv, mir über so eine Unwichtigkeit den Kopf zu zerbrechen. Ich habe einfach nur Angst, Angst, dass irgendetwas schiefläuft. Angst, dass wir entdeckt werden. Angst, dass sie uns festnehmen und töten. Und selbst, dass sie nur Helene erwischen. Denn ich habe sie ins Herz geschlossen, die letzte Woche. Wir sind uns viel näher gekommen, haben uns so oft unterhalten, über alles mögliche. Ich weiß so viel über sie, mittlerweile. Wir sind Freundinnen geworden, da bin ich mir sicher. Oder sogar etwas mehr. Ich weiß nicht, wie ich unser Verhältnis zueinander genau beschreiben könnte, aber mir ist klar, dass mir Helene unfassbar wichtig ist. Schon lustig, wie schnell sich die Beziehung zwischen zwei Menschen verändern kann. Aber diese Mission verbindet uns, egal wie unterschiedlich wir sonst sind. Wir müssen das zusammen durchstehen. Und deswegen laufen wir hier im Mondlicht über den steinigen Pfad, der uns direkt zur Quelle führt.

In der Ferne kann ich ein Licht sehen. Dort müssen die Wachen sein. Wenn ich mich genau darauf konzentriere, kann ich sogar ihre Stimmen hören. Ich bilde mir ein, dass sie lachen, hoffe einfach nur, dass sie wirklich so ausgelassen sind. Denn dann, und auch wenn sie vielleicht etwas getrunken haben, haben wir eine viel größere Chance, unbeobachtet zu bleiben.

Ich bleibe stehen und Helene dreht sich um. Wir wissen beide, dass wir uns jetzt trennen müssen. Eine allein ist schon auffällig genug. Und deshalb werde ich zurückbleiben. Ich möchte nicht, möchte sie begleiten, ihr helfen, sie beschützen, aber ich habe keine andere Möglichkeit. Unser Plan steht und eine Änderung würde mit größter Wahrscheinlichkeit zu einem Misslingen führen.

Helene kommt auf mich zu und ich umarme sie.
„Pass bitte auf dich auf.“
„Das werde ich, keine Sorge. Aber sei auch du vorsichtig, bringe dich nicht in Gefahr.“
„Ich werde hier warten.“
„Gut.“

Wir stehen da, im Mondlicht, sehen uns in die Augen. Dann berühren sich unsere Lippen. Ich weiß nicht, wie es kommt, habe keine Ahnung, was es bedeutet, aber ich weiß, dass das gerade der schönste Moment ist, den ich mir hätte erträumen können. Und hier im Mondlicht, zusammen mit Helene, während wir beide Angst haben, während der gefährliche Plan über uns schwebt, während die Angst vor dem Tod größer ist als je zuvor, in genau diesem Moment bin ich unfassbar glücklich.
Wir lösen uns und sehen uns stumm an. Dann bricht Helene das Schweigen.

„Ich habe mich in dich verliebt, ich muss es dir einfach sagen. Ich kann es nicht länger für mich behalten und du sollst das wissen, wenn ich nicht mehr zu dir zurückkehre, wenn irgendetwas passiert, ja? Ich bin in dich verliebt, seit ich dich das erste Mal gesehen habe. Du bist so ein wundervoller Mensch.“
Mir schießen die Tränen in die Augen.
„Du auch Helene, du auch. Und du wirst nicht sterben, darfst es nicht tun, darfst mich nicht alleine lassen. Sonst mache ich dich platt, ja, ich bringe dich um.“
„Dann hoffe ich, dass alles gutgeht.“

Wir blicken uns in die Augen, ein letzter Moment zusammen, bevor wir alles aufs Spiel setzen. Ein letzter Ruhemoment vor dem Sturm. Aber alle Angst hat mich verlassen. Ja, ich mache mir noch Sorgen, ich bin aufgeregt und kann nur hoffen, dass alles gutgeht. Aber ich fürchte mich nicht mehr. Im Gegenteil, ich bin unfassbar ruhig in diesem Moment.
In diesem Moment, wie ich hier stehe, im Mondlicht, gegenüber der Person, die mir mehr bedeutet als jeder andere auf dieser Welt. Der Person, die ich auf keinen Fall verlieren will.
Dann dreht sie sich um und ist schon bald verschwunden. Und ich bete zu Gott, dass er sie schützen wird, dass Mond und Nacht ihr friedlich gesinnt sind. Ich bete, dass sie überleben wird. Denn ich weiß nicht, ob ich ohne sie weiterleben will.





~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~ Lulas Nachwort ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~


Eine schöne Geschichte, dessen Ende sehr gut zum Zitat passt. Eine interessante Vorstellung.

Eure lula-chan
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast