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Das Feuer des Lebens

von Ancarda
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Het
Ben Beckman der Rote Shanks Marco der Phoenix Puma D. Ace / Gol D. Ace Thatch Whitebeard alias Edward Newgate
17.11.2020
21.10.2021
59
234.148
169
Alle Kapitel
545 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
17.11.2020 1.769
 
Hallo herzlich Willkommen zu meiner allerersten FanFic! Ich hoffe, sie gefällt euch - lasst mir gern ein Review da, für Lob und Kritik bin ich überaus dankbar!
Und jetzt viel Spaß beim lesen, ich versuche, regelmäßig zu updaten. ;)


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Es war ein trister, grauer Tag auf der sonst eher sonnigen Frühlingsinsel Curious. Es regnete zwar (noch) nicht, aber die Wolken hingen tief und ein unangenehm kalter Wind wehte durch die gepflasterten Straßen der gleichnamigen Stadt, die von weitläufigen, dicht bewaldeten Hügeln und einem breiten Kiesstrand umrandet war.

Diese wirklich riesige Stadt konnte man nur als chaotisch oder gar bizzar bezeichnen und machte ihrem Namen so alle Ehre - es gab keinen einheitlichen Baustil, nicht einmal eine einheitliche oder auch nur halbwegs nachvollziehbare Straßenführung, und sie erfand sich beinahe täglich neu.  

Beschauliche Bauernhäuschen drängten sich an wuchtige Steinbauten, Türme unterschiedlichster Größen und Stile wuchsen zwischen prunkvollen Villen und kleinen, dürftig zusammengenagelten Bretterverschlägen empor. Wirklich bemerkenswert waren jedoch jene Bauwerke, die überhaupt kein Konzept zu haben schienen - wahllos wurden Räume an allen möglichen Seiten dazugezimmert, oder waghalsig aufs Dach gebaut, bis sie nicht einmal im Entferntesten an so etwas wie ein Haus erinnerten. Abenteuerliche Holzkonstruktionen standen neben abstrakten Steinhäusern, andere waren aus Beton, Metall, Lehm und sogar aus Glas gefertigt. Viele Fassaden waren noch dazu kunterbunt angestrichen; manche konnte man als echte Kunstwerke bezeichnen, andere sahen aus, als wäre eine Horde betrunkener Blinder mit Farbeimern über sie hergefallen.

Auch die Straßen waren ein Fall für sich. Es gab nur wenige Stellen in der ganzen Stadt, die mehr als zehn Meter die selbe Breite und Richtung aufwiesen. Der Rest schlängelte und wand sich wild durcheinander, mal kaum größer als ein Trampelpfad, mal breit genug für ein ganzes Kriegsschiff. Hier und da ragte auch urplötzlich ein Baum oder eine Skulptur mitten aus der Straße.

Die einzige Ausnahme in diesem einzigartig-planlosen Chaos war der Marinestützpunkt am nördlichen Ende der Stadt. Dort gab es tatsächlich eine strukturierte, einheitliche Soldatensiedlung vor einer soliden, wenn auch kleineren Festung. Diesen Teil der Insel mied Junie wie die Pest.

Trotz des lausigen Wetters lief die Vierzehnjährige, die wegen ihrer lachhaft kleinen Körpergröße und der viel zu dünnen Statur oft für deutlich jünger gehalten wurde, mit guter Laune durch die noch größtenteils schlafende Stadt - kein Wunder, es war erst kurz nach Sonnenaufgang. Doch unten am (kaum weniger unübersichtlichen) Hafen herrschte sicherlich bereits reger Betrieb, und wenn sie Glück hatte, konnte sie Arbeit ergattern und sich so eine warme Mahlzeit verdienen. Was als Straßenkind nicht selbstverständlich war.

Sie strich sich wiederholt ihre wilden schwarzen Locken aus den ebenso nachtschwarzen Augen und zog ihren viel zu großen, zerschlissenen braunen Mantel enger um sich. Auch ihre ausgebleichten, grauen Hosen und der rote Pullover waren sichtlich abgetragen, aber tadellos sauber und gepflegt. Einzig ihre hellbraunen Stiefel passten perfekt und wirkten noch relativ neu. Für die hatte Junie lange gespart, mit wunden Füßen konnte man schließlich nicht gut arbeiten.

Endlich wichen die letzten Bauten vor ihr zurück, und sie atmete tief die herbe Meeresluft ein. Laute Rufe schallten ihr entgegen, und ein geschäftiges Treiben herrschte zwischen den langen (nicht immer geraden) Stegen, den riesigen Lagerhallen und den dort vor Anker liegenden Schiffen. Handelsgüter wurden ver- oder entladen, Proviant aufgestockt und emotionsgeladen um Preise gefeilscht. Suchend blickte sie sich um, ehe ein großer Mann mit Glatze und beträchtlicher Leibesfülle, der sich gerade lautstark mit einigen Matrosen stritt, ihre Aufmerksamkeit erregte.

„Loui! Hey Loui!“ rief sie winkend und rannte zu ihm. Der Angesprochene drehte sich erbost schnaufend um und wischte sich mit einem Stofftuch den Schweiß vom Gesicht, nachdem seine Gesprächspartner unzufrieden und kleinlaut vor ihm geflohen waren. Er grinste jedoch erfreut, als er das Mädchen sah.
„Junie, Moin! Kommst grad recht Kurze, der Schoner da hinten braucht neuen Proviant. Zeig ihnen wo sie‘s kriegen!“, dröhnte er basslastig, wuschelte kräftig durch Junies Haar und deutete auf ein Schiff in der Nähe, dessen kleine Besatzung mit einer Mischung aus Faszination und Verwirrung auf die Stadt blickte. Junie brachte sich lachend vor dem Hafenvorstand in Sicherheit und ordnete milde schimpfend ihre Haare. Sie wusste, dass sie dem korpulenten Mann in den letzten Jahren irgendwie ans Herz gewachsen war und freute sich über seine raue Zuneigung. Als sie wieder manierlich aussah, trat sie zu den Neuankömmlingen.

„Guten Morgen! Mein Name ist Junie, und wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen die Stadt und wo Sie alles finden!“, stellte sie sich höflich lächelnd vor. Die acht Männer, die dem Anschein nach entweder Entdecker oder Forscher waren, sahen sie halb erleichtert, halb misstrauisch an. Ein kleiner, drahtiger Kerl mit Brille und Schnurrbart, trat nach einem abschätzigen Blick auf ihre Kleidung langsam auf sie zu.
„Dein Angebot nehmen wir gerne an, Kleine. Wenn du uns ordentlich führst, wirst du ordentlich bezahlt. Aber wag es ja nicht, uns zu bestehlen oder zu betrügen!“, drohte er direkt, was Junie nur müde lächeln ließ. Das dachten die meisten, und sie verübelte es ihnen nicht einmal.

„Keine Sorge, der Hafenvorsteher würde mich hier nicht dulden wenn ich seine Kunden beklauen würde!“, entgegnete sie routinemäßig und winkte Loui zu, der ebenso routinemäßig den Gruß erwiderte, um ihre Glaubwürdigkeit zu demonstrieren. Das beruhigte den Bebrillten und er reichte ihr eine Liste der benötigten Dinge. Junie las sie kurz durch und gab sie zurück. In ihrem viel zu klugen Kopf hatte sie augenblicklich alles gespeichert und die beste Route durch die Stadt zusammengestellt.
„Wie soll die Qualität der Waren sein? Ich frage wegen Ihrem Budget, dann kann ich Ihnen die passenden Händler zeigen! Oder möchten Sie vorher gern eine genauere Kalkulation der Ausgaben?“, frage sie geschäftsmäßig und sah die Männer an. Die wirkten einigermaßen verdutzt ob der professionellen Worten des jungen Mädchens.
„Brauchbar, aber nicht zu teuer. Nur bei den Medikamenten und den Netzen will ich das Beste“, lautete die Antwort, und Junie nickte.
„Gut, bitte hier entlang!“ Auffordernd bedeutete sie den Männern, ihr zu folgen. Es gab eine Menge zu tun.

******


Sie brauchten den Großteil des Tages, um alles zu bekommen. Denn - wenig überraschend - gab es in Curious keine Einkaufsstraße oder einen festen Markt, sondern die Läden versteckten sich in der ganzen Stadt. Auch ein Grund, weshalb Junie und andere Stadtführer (alles Straßenkinder wie sie) sehr gefragt, ja beinahe unabkömmlich waren; denn Fremde wie Einheimische verirrten sich hier gnadenlos oder fanden alles, nur nicht das, was sie eigentlich suchten.

Als die Sonne schon fast den Horizont berührte, half sie ihren „Schützlingen“ gerade dabei, die letzten Einkäufe im Frachtraum ihres Schiffes zu verladen. Erschöpft wischte sich Junie über die Stirn.
Der Brillenträger wandte sich ihr zu und drückte ihr einige Geldscheine in die Hand.
„Gut, hier ist dein Lohn. Leb wohl, Mädchen!“, verabschiedete er sich knapp und ließ sie dann einfach stehen.
Müde, hungrig (ihre letzte Mahlzeit war bereits einen Tag her; ihre Auftraggeber gaben allgemein nur höchst selten etwas von ihrem Mittagessen ab) und enttäuscht sah Junie auf die magere Ausbeute in ihrer Hand. Zwei warme Mahlzeiten, oder kaltes Essen für vier oder fünf Tage.
Geizhals.
Seufzend und ein wenig niedergeschlagen steckte sie ihr Geld in das innere Mantelfutter und machte sich auf den Heimweg. Unterwegs kaufte sie sich schweren Herzens lediglich einen Laib Brot und ein großes Stück Hartwurst; das reichte zumindest zwei bis drei Tage wenn sie sparsam damit umging. So blieb ein bisschen Geld zum sparen übrig.

Eine Stunde später erreichte Junie ihr Ziel: eine selbstgebaute, winzige Hütte am Stadtrand nahe den Hügelwäldern unter einem großen Weidenbaum. Sie hatte keine Tür, stattdessen hing eine schwere, zerschlissene Decke vor dem Eingang. Der fensterlose Platz innen reichte für einen strohgefüllten Bettbezug, eine Kiste, die als Tisch fungierte, eine robuste und glücklicherweise verschließbare Truhe für ihr mageres Hab und Gut, zwei runde Holzscheiben, die als Stuhlersatz neben der Kiste lagen, einem Wassereimer, der als Waschplatz fungierte und einer Kochstelle. Auf den ersten Blick wirkte es zwar armselig, aber auch hier war es trotz der suboptimalen Umstände sauber und ordentlich, außerdem hatte das Mädchen die Wände fröhlich-bunt bemalt, es standen frischgepflückte Blumen in einer kunstvoll beschnittenen Blechdose sowie zwei Kerzen auf der Tisch-Improvisation und der festgetretene Erdboden war unter alten Teppichen verborgen. Junie mochte ihr Heim, hier fühlte sie sich einigermaßen wohl.

Gähnend zündete sie die Kerzen an, schnitt sich mit einem der beiden gut an ihrem Körper verborgenen Messer ein Stück Brot und einen Kanten Wurst ab und verstaute den Rest in ihrer Truhe. Bewusst langsam kauend verzehrte sie ihr karges Abendessen, ihre Augen hingen mit zunehmender Traurigkeit im flackernden Licht der Kerzen.

Diese Zeit des Tages machte Junie immer zu schaffen. Auch, wenn es ihr hier in den letzten zweieinhalb Jahren besser ging als in der Zeit davor, war sie schrecklich einsam. Tagsüber konnte sie sich gut ablenken, stürzte sich Hals über Kopf in Arbeit oder, wenn sie keine bekam, in die Bücher der öffentlichen Bibliothek, aber nun... wie gern hätte sie jemanden zum Reden. Jemanden, der sich um sie kümmerte, sich um sie sorgte, sie nach ihrem Tag fragte. Sie, egal wie beiläufig, berührte - vielleicht ein freundschaftlicher Händedruck, ein stolzes Schulterklopfen.. oder sogar eine liebevolle Umarmung! Das war es, was sie am meisten vermisste: Körperkontakt. Ein Freund oder eine Freundin vielleicht... auf Eltern oder gar eine Familie hoffte sie schon lange nicht mehr.

Niedergeschlagen zog Junie Mantel, Pulli und Hose aus und zog eine viel zu lange Stoffhose sowie ein etwas löchriges Shirt aus ihrer Truhe über. Die anderen Sachen klopfte sie penibel aus, bürstete ein paar Flecken heraus und legte sie ordentlich gefaltet in die Truhe, deren Schlüssel an einem Lederband um ihren Oberschenkel befestigt war. Eine kaum mehr sichtbare Narbe an ihrem Hals verdeutlichte hartnäckig, warum das Lederband DORT kein guter Aufbewahrungsort war.

Das junge Mädchen bürstete sich mit einem abgegriffenen Kamm die Haare, putzte sich über dem Wassereimer die Zähne und pustete dann gewissenhaft die Kerzen aus, ehe sie sich in ihr Strohbett kuschelte. Draußen fiel nun doch leichter Regen, sein sanftes Trommeln hatte etwas tröstendes.

„Wenns scheiße ist, kanns nur besser werden! Komm Junie, wir zeigens denen! Mit uns legt sich keiner an!“

Junie lächelte mit geschlossenen Augen. Ihr lückenloses Gedächtnis zauberte jedes noch so kleine Detail des kleinen, rauflustigen Jungen vor ihr inneres Auge. Sie sah seinen wilden Geist, seine trotzigen Augen und sein verhaltenes, seltenes Lächeln vor sich und spürte die kleinen, aber kräftigen Arme um ihre Schultern. Ihr Leidensgenosse. Ihr bester Freund aus Kindertagen. Wie so oft machte allein die Erinnerung an ihn ihr Herz etwas leichter. Auch wenn sie nun schon fünf Jahre voneinander getrennt waren, hoffte sie, dass es wenigstens ihm gut ging. Und sie nahm sich vor, das Beste aus dem nächsten Tag zu machen. Wie an jedem Abend.

Morgen würde ein besserer Tag sein.
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