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Herzräuber

von Feinstein
GeschichteRomance / P6 / Gen
16.11.2020
16.11.2020
7
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16.11.2020 421
 
Deutschlehrer Mark Lachmann von der Internatsschule Schloss Einstein konnte sich über eine gelungene Premiere des Theaterstücks Die Räuber von Schiller freuen, das er mit seinen Schülern eingeübt hatte. Die Idee, das Stück aufzuführen, statt es nur im Unterricht zu lesen, war von den Schülern selbst gekommen. Er hatte für sie die mehr als 200 Jahre alte Sprache entstaubt, sonst aber sehr viel Verantwortung an die Siebtklässler abgegeben. Die Zuschauer, darunter eine Reihe von Eltern, die eigens angereist waren, und der Schulrat, waren begeistert gewesen.
Um ein Haar hätte die Premiere gar nicht stattfinden können, denn am Tag vor der Aufführung war Alex, der den Räuberhauptmann Karl spielen sollte, morgens fiebrig und heiser aufgewacht. Obwohl er sich bei Frau Seiffert, die die Krankenstation des Internats leitete, mit Hustensaft, Lutschtabletten und Vitaminpillen eingedeckt hatte, hatte die Zeit nicht gereicht, um die dicke Erkältung halbwegs auszukurieren. Da war guter Rat teuer gewesen, woher einen neuen Räuberhauptmann nehmen?
Den Vorschlag, Alex mit Aufputschmitteln für die Aufführung senkrecht zu stellen, hatte Herr Lachmann rundheraus abgelehnt. Alex war es am Tag der Aufführung nicht etwa besser, sondern schlechter gegangen, es war kaum vorstellbar, welche Drogen ihn für zwei Stunden halbwegs auf die Beine hätten bringen sollen. Außerdem wäre es unverantwortlich gewesen und hätte Alex anschließend erst recht umgehauen.
Auf der Suche nach einem Ersatz hatten die Schüler René aus der Zehnten ins Boot geholt. Der hatte sich auch redlich Mühe gegeben, war aber als Schauspieler eher eine Fehlbesetzung. Dazu kam, dass es unmöglich gewesen wäre, in der Kürze der Zeit den Text für die große Rolle auswendig zu lernen. Er hätte vom Blatt sprechen müssen, aber die Proben hatten gezeigt, dass er Skript, Requisiten und Spielpartner schlicht nicht unter einen Hut bekam. Auch Tricks, wie der Versuch, das Skript mit Sicherheitsnadeln am Kostüm der Spielpartner zu befestigen, hatten nichts gebracht, es hatte nur noch lächerlicher ausgesehen.
Dass die Premiere doch noch hatte stattfinden können, war einzig Lilly zu verdanken. Weil sie so schüchtern war, war sie bei der Rollenverteilung untergebuttert worden, insbesondere von der überaus dominanten Vanessa und ihrem ständigen Schatten Marleen, und hatte nicht mal eine winzige Nebenrolle bekommen, aber sie hatte lange vor ihren Klassenkameraden Zugang zum Stück gefunden und konnte sämtliche Rollen auswendig. Buchstäblich in letzter Sekunde war sie für Alex eingesprungen und hatte als Räuberhauptmann das gesamte Stück getragen. Von den Zuschauern hatte garantiert niemand gemerkt, dass sie nicht die vorgesehene Besetzung für die Rolle gewesen war, und ihre Kameraden waren sichtlich erleichtert gewesen, dass nicht die ganze Mühe umsonst gewesen war.
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