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Das Buch Tobit

von Varjo
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Übernatürlich / P12 / Het
Anthony J. Crowley Erziraphael
16.11.2020
02.12.2020
8
12.709
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16.11.2020 2.117
 
„Ja, Papa“.
So klang es, als Tobias seinem alten, blinden und zahnlosen Vater zuhörte, die Wange in die Handfläche gestützt, der Blick glasig und in die undefinierte Ferne gleitend. Er hatte die Tiraden des alten Mannes oft genug gehört, um sie im Halbschlaf aufsagen – und auch an den richtigen Stellen eine besänftigende Reaktion einflechten zu können.
Gib Ehre und Gebet dem Herrn, deinem Gott.
„Ja, Papa“.
Sei gut und liebevoll und aufmerksam deiner Familie gegenüber.
„Ja, Papa“.
Wo ich daran denke, Junge – sorge dafür, dass deine Mutter und ich angemessene Begräbnisse erhalten, sobald wir gestorben sind. Wir waren immer gottesfürchtig, und manchmal war es nicht eben leicht, aber so viel haben wir verdient.
„Ja, Papa“.
Sprich immer die Wahrheit. Teile deinen Reichtum mit denjenigen, die weniger Glück haben als du.
„Ja, Papa“.
Sei herzlich und zärtlich zu deiner Zukünftigen. Sie ist immerhin diejenige, die mit dir Tisch und Bett teilen, deine Kinder gebären und im Alter für dich sorgen wird.
„Ja, Papa“.
Wo wir schon von Ehefrauen sprechen… nimm nur eine aus unserem Stamm. An diese Tradition haben wir uns immer gehalten, und sie hat uns Glück gebracht.
„Ja, Papa“. Tobias seufzte.
Sei auch deinen Kindern ein fürsorglicher Vater. Sorge für sie, stoße sie niemals weg. Unterschätze niemals, wie wichtig es ist, sich um die Familie zu kümmern.
„Ja, Papa“.
Gib Acht, dass du dein Personal immer rechtzeitig auszahlst. Sei gerecht und ehrlich, und wenn du es dir leisten kannst, sei großzügig.
„Ja, Papa“. Tobias gähnte.
Und nun, wo sie von Geld sprachen, er erinnerte sich, dass er einst diesem Mann, Gabael, der drei, vier Dörfer weiter wohnte, zehn Talente Silber anvertraut hatte…

Dies war es schlussendlich, was Tobias aus seinen Tagträumen aufschrecken ließ. Es gab… Geld? Tobit war nun nicht eben ein armer Mann, der Hof sorgte in angemessenem Maße für die Familie und ihr Gesinde, aber zehn Talente Silber waren auch nicht gerade unbeträchtlich. Andererseits wäre die Mission, dieses Geld zurückzuholen, auch ein Vorwand für den jungen Tobias, einmal aufstehen und hier herauskommen zu können, einen anderen Teil der Welt zu sehen, nicht jeden Abend an seines Vaters Bett sitzen und ihn seinen Vortrag herunterbeten zu hören…
„Zehn…“, echote er, seinen Kopf aus der Handfläche hebend, auf einmal auch geistig anwesend, „zehn Talente… in Rages in Medien, sagst du?“

Tobit stutzte und verzog ungehalten das Gesicht. Offenbar war er nicht eben begeistert davon, dass sein Sohn meinte, ihn unterbrechen zu können, während er versuchte, seine väterlichen Pflichten zu versehen. „Ich mag blind sein, Sohn, und gebeugt vom Alter, aber ich habe mich eben nicht stottern hören“.
„Ich hole es zurück!“. Der Enthusiasmus in Tobias‘ Stimme war greifbar. „Verlass dich nur auf mich – bevor du für Sicherheit auf meinem Weg beten hast können, bin ich schon wieder zurück damit“.
Tobit grummelte etwas Gutturales, das Gesicht verziehend; Tobias nahm an, sein Vater versuchte, ihn anzufunkeln, doch aufgrund seiner Blindheit lag seine Blickrichtung einige zwei, drei Handbreit über seiner Schulter. „Ich könnte dich mit dem Schuldschein nach Rages schicken, denke ich“, brummte Tobit, sich durch den Bart kämmend und den Eindruck machend, als gefiele ihm nicht, was ihm durch den Kopf ging, „aber, Junge, wie willst du überhaupt deinen Weg finden? Du warst niemals auch nur in der Nähe von Medien. Du kennst dort niemanden! Du kennst Gabael nicht, wie meinst du, ihn finden zu können? Davon abgesehen, werde ich dich auch nicht allein und unbeschützt gehen lassen, nicht in deinem jungen Alter. Natürlich, du bist fast ein Mann, sehr bald ein Mann, aber trotzdem… wenn dir unterwegs irgendetwas zustieße… stell dir nur vor, was deine Mutter denken müsste…“
Das beschäftigte Tobias tatsächlich für einige Augenblicke – doch dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Keine Sorge, Papa“, grinste er, aufstehend und seinem Vater auf die Schulter klopfend, „Ich weiß schon genau, wen ich fragen kann“.

Vor kurzem war ein Fremder in ihrem Dorf angekommen: ein merkwürdiger Charakter, groß, mit markanten Wangenknochen, welligem, leicht ungepflegtem dunkelrotem Haar, gehüllt in eine dunkle Robe, die sein Gesicht manchmal bis zur Nasenspitze überschattete, und einen Wanderstab mit sich führend, um den sich eine geschnitzte Schlange wand (seltsam: wenn man die geschnitzte Schlange ausreichend genau inspizierte, fand man eine Stelle, an der es so aussah, als habe der Künstler schlanke kleine Flügel hinzugefügt, gegen ihren schuppigen Leib gefaltet). Er trug niemals Schuhe und schien dennoch niemals verbrannte oder verletzte Füße zu haben.
In der Regel war die Dorfgemeinschaft Fremden gegenüber nicht eben aufgeschlossen – man blieb schließlich meistens lieber unter sich – aber für diesen hier wurde eine Ausnahme gemacht. Das lag nicht nur an der Tatsache, dass er ein wandelnder Sonnenstrahl war, alles und jeden anlächelte, manchmal eine Melodie summte und sich niemals zu schade war, dort anzupacken, wo Hilfe vonnöten war. Wichtiger in dem Zusammenhang war wohl, dass er fähig schien, jedes Leiden von Mensch, Tier und – interessanterweise – Pflanze zu behandeln oder gar zu heilen, und es auch tat, während er ringsum Anweisungen zum gesunden Leben verteilte. Er schien sich auch liebend gerne mit den Kindern zu befassen, die sich um ihn her sammelten, lehrte sie die Heilige Schrift lesen und verstehen, sang und spielte mit ihnen, ließ sie aber niemals vergessen, Respekt für ihre Eltern aufzubringen. Bezahlung nahm er niemals an, bis auf das Recht, an einem Ort auszuruhen und seine Füße hochzulegen oder eine Schüssel Wasser, um sich zu waschen; bei manchen Familien, die es sich nicht hatten nehmen lassen, ihn zumindest zum Mahle dazubehalten, leitete der Fremde enthusiastisch das Gebet. Agam, der vier Häuser entfernt von Tobit und Tobias wohnte, behauptete, der Dank vor dem Mahl war niemals eine so intensive Erfahrung gewesen.
Wie viele andere in dem Dorf war auch Tobias beeindruckt von diesem Fremden und seinem breit gefächerten Wissen, ohne ihn bis hierher gesprochen zu haben. Einer, der so weit gereist und wohl gebildet war, konnte den Jungen doch sicherlich unversehrt nach Rages leiten?
Vorher müsste er ihn allerdings finden…

Als Tobias laufend sein Haus verließ, erhob sich der kleine Ziv von seinem Lager. Ziv, etwa kniehoch und sandfarben, mit zerrauftem Fell und Schlappohren, war ein ehemaliger Schäferhund – seine Welpen hatten den Posten übernommen, und der alte Hund döste nun die längste Zeit des Tages in der Sonne. An dem jungen Sohn der Familie hatte er jedoch einen Narren gefressen und folgte ihm meistens auf Schritt und Tritt. „Komm, Ziv!“, musste der nur rufen, und der Hund wäre an seiner Seite.
Nicht anders heute.
„Guter Junge, Ziv“, lobte er, als der Rüde an seiner Seite angekommen war, kniete sich hin und legte eine Hand auf seinen Rücken, „wir gehen in den Ort, um Asarja zu suchen – du weißt, den Fremden. Kannst du mir helfen, ihn zu finden?“
Ziv bellte. Seine Stimme war heiser, aber aufgeregt.
„Dachte ich‘s mir. Guter Junge“, sagte Tobias, bevor er sich aufrichtete und die Knie säuberte, „dann los! Such! Je schneller wir Asarja finden, desto besser“.
Der ehemalige Hütehund schnellte los, die Zunge seitlich aus dem Maul hängend. Tobias war sich bewusst, dass Ziv nicht helfen würde bei der Suche nach dem Neuankömmling, dass er einfach vor seinem Herrn lief ohne genau zu wissen, wohin, aber er hatte den Rüden einfach gern um sich.

Was hingegen dem Jungen durchaus half, den Fremden aufzuspüren, waren zwei Passantinnen, die zufällig wussten, dass Asarja eben bei Yochanan war, um einen Hain an Olivenbäumen zu untersuchen, deren Ertrag in den letzten Jahren sukzessive zurückgegangen war. Tobias dankte den Damen demütig, nahm ihren Auftrag an, Asarja von Tovah und Orna grüßen zu lassen, und wandte sich dem bezeichneten Hof zu, nach Ziv rufend und pfeifend.
Als er ihn zuerst sah, kümmerte sich Asarja in der Tat eben um einen Olivenbaum, der hier und da bereits trocknete und Blätter verlor. Yochanan, ernst und geschäftstüchtig, stand neben ihm und nickte unaufhörlich, während der rothaarige Fremde sprach und mit einer knochigen, schmalen Hand gestikulierte; und war das Liorit, Yochanans jüngste Tochter, die Asarja auf dem Rücken trug, sein langes Haar wie ein Schal oder Schleier über ihren Schultern und stabilisiert von der anderen Hand?
Asarja bemerkte den Neuankömmling zuerst; er lächelte Tobias an, als wüsste er, dass er nur seinetwegen gekommen war, und erbäte sich nur ein paar Minuten mehr, um das hier zu Ende zu bringen. „Sitz, Ziv“, befahl Tobias dem Hund, der dem Folge leistete, und die beiden warteten Seite an Seite, ungeduldig und versuchend, es zu verstecken.

Asarja beendete seine Beratung, weigerte sich, Yochanans Gegenleistung anzunehmen, stellte Liorit behutsam auf den Boden und stupste mit einem Finger nach ihrer Nasenspitze, was die Vierjährige vergnügt kieken ließ, bevor er sich, seine Hände entstaubend, Tobias zuwandte.
„Hallo. Tobias, richtig?“, fragte der Sanftmütige mit einem Lächeln, sich wieder hinhockend, um Ziv zu kraulen, „Ich nehme an, du bist gekommen, um mich zu suchen“.
„Woher wisst Ihr das?“, fragte Tobias. Es war natürlich und folgerichtig, diese Frage zu stellen; dennoch fühlte sich Tobias ein wenig dumm, als er sie aussprach. Natürlich würde Asarja wissen, dass er gesucht würde… doch warum und woher, konnte der Junge vor sich nicht erklären.
Der Fremde zuckte die Schultern. Ziv, zufrieden grummelnd, rieb seine Nase an seinen breiten Handflächen. „Manchmal weiß ich es eben. Es muss dich nicht kümmern. Wie kann ich behilflich sein?“
Tobias atmete tief durch, bevor er zum Thema kam – nachdem er den Gruß der Damen überbracht hatte, den Asarja mit einem Lächeln annahm. „Ich möchte… um einen Gefallen bitten, denke ich. Kennt Ihr vielleicht eine Stadt namens Rages? Mein Vater hat eine Summe Geldes dort hinterlegt, bei einem Freund namens Gabael, und ich, also, er möchte, dass ich hingehe und es abhole, aber nicht alleine und ohne Führung. Offenbar kann er das seinem Sohn nicht zutrauen. Vater kann zahlen, also…“

„Ich kenne Gabael in der Tat“, erwiderte der Fremde nachdenklich, sich wieder zu voller Größe aufrichtend, „Ich hatte das Glück, einmal an seinen Tisch eingeladen worden zu sein“.
„Perfekt! Dann könnt Ihr also…“
„Ich habe nicht zugesagt“.
Tobias‘ Herz wurde ihm in der Brust schwer.
„Aber ich denke, ich werde zusagen“. Asarjas Lächeln war dünn, aber sichtbar, und Tobias fühlte sich etwas veralbert. „Eine kleine Reise wird meinen alten Knochen wohltun“.
„Großartig!“, rief der Junge aus, und Ziv bellte wie zustimmend. „Dann kommt mit mir, Herr, und Vater kann uns mit allem ausstatten, was wir brauchen, damit…“
„Und auch noch in solcher Eile“. Asarja klang amüsiert, doch er begab sich ohne weiteren Widerspruch an Tobias‘ Seite, schlendernd und gelassen. „Du solltest deinem Vater etwas mehr Respekt zukommen lassen, Tobias – etwas mehr von dem Respekt, den du mir unnötigerweise gezeigt hast. Kein Grund, mich mit ‚Herr‘ anzusprechen, Asarja genügt vollkommen“.
Der Junge biss nur die Zähne zusammen und fuhr sich mit gekrümmten Fingern durch das Haar, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. Es war ja nicht so, dass er Tobit überhaupt nicht respektierte – nur manchmal hatte er eben auch vor der eigenen Zeit einen angemessenen Respekt, vielen Dank.

Tobias und sein späterer Begleiter legten den Weg zu dem Heim des Ersteren ohne ein weiteres Wort zurück; als sie die Kammer des Hausherrn betraten, war Tobias‘ Mutter Hanna anwesend, die dem Blinden in jedem noch so winzigen Detail das Erscheinungsbild des Fremden beschrieb, den Tobias hereingebracht hatte. Tobias meinte, vor Scham im Boden versinken zu wollen; Asarja jedoch war ein Muster von Höflichkeit und Geduld und beantwortete jede noch so zudringliche Frage, die Tobias‘ Eltern ihm an den Kopf warfen, auch, aus irgendeinem Grund, nach seinem familiären Hintergrund.
„Papa!“, ächzte Tobias. „Musst du wirklich den Stammbaum von allen Menschen wissen, mit denen ich jemals gesprochen habe? Wir machen nur eine Reise gemeinsam. Wir sind nicht verlobt!“
„Skandalös! Dass du wagst, es anzudeuten!“, keifte Tobit, während Hanna nur nach Luft schnappte. Tobias war nun nicht geneigt, sich ihretwegen zurückzunehmen.
Asarja selbst? Etwas zuckte in seinem Mundwinkel, doch er kommentierte das nicht.
Tobias klang entmutigt, als er hinzufügte: „Ist seine Familie wirklich so wichtig…?“
„Das ist sie, und du weißt es sehr genau!“. Hanna stellte sich deutlich auf die Seite ihres Mannes. „Ihr beide werdet für Tage, vielleicht sogar Wochen miteinander reisen. Erwartest du, dass wir dich einfach so mit einem Fremden ziehen lassen – mit jemandem, von dem wir nicht das Geringste wissen? Wie sollen wir ihm vertrauen, ohne das zu wissen?“
Tobias öffnete den Mund, um etwas Schnippisches zu antworten, doch Asarja hieß ihn mit einer erhobenen Hand zu schweigen. „Deine Eltern haben Recht, Tobias“, ermahnte er den Jungen, „Und ich werde sehr gern ihre Fragen beantworten. Was meine Herkunft angeht – ja, ich komme zufällig in der Tat aus eurem Stamm“.
Das schien den Eltern zu genügen – nach einem erneuten Anerbieten von Bezahlung, das Asarja ohne einen Moment des Nachdenkens ausschlug, und einer kurzen Phase des Packens und Organisierens waren die Gefährten endlich in der Lage, sich gen Rages in Medien hin aufzumachen.
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