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Zerknülltes Papier

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 Slash
15.11.2020
29.11.2020
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21.11.2020 2.831
 
Kapitel 3

Die Sonne war bereits untergegangen, als Astrid den fünfminütigen Fussmarsch von der Bushaltestelle zu ihrem Haus im Quartier Rotmonten der Stadt Sankt Gallen angetreten hatte. Der Riss in den dichten Wolken hatte sich mittlerweile wieder geschlossen, weshalb nichts von Mond und Sternen zu sehen war, und ein blasses, glanzloses Grau-Dunkelblau deckte die Stadt zu.

Strassenlaternen, die die Bürgersteige säumten, spendeten auf ihrem Weg ein kühles, weisses Licht. Jedes Mal aufs Neue spürte die Jugendliche den starken Gegensatz zwischen dem eher ländlichen St. Georgen, wo Mara lebte, und dem wohlhabenderen Viertel Rotmonten. Zwar standen auch hier ältere oder süsse Häuschen mit wilden Gärten, doch sobald Astrid in die Strasse einbog, in der sie wohnte, ging sie allein an modernen Einfamilienhäusern vorbei. Die Gärten dieser Anwesen waren nicht wild, riesig und wunderbar ungeordnet wie der Garten der Steinhauers, sondern allesamt gezähmt und voll mit gestriegelten, frisierten Sträuchern. Das Gras wuchs hier nie über die Fussknöchel, da es regelmässig von Robotorrasenmähern gekürzt wurde; es war das ganze Jahr über frei von Löwenzahn und sonstigem «Unkraut». Jede Blume, jeder Strauch, jede Staude und jeder Baum hatte seinen fixen Platz, eine fixe Form. Langweilig.

Angekommen bei ihrem Haus blieb Astrid stehen und schaute, beleuchtet von der Aussenbeleuchtung auf beiden Seiten der Einfahrt, an sich herab, musterte jeden Zentimeter. Auf ihrem Heimweg war sie an der Stelle, wo sie den aufwühlenden Geruch gerochen hatte, gerannt, um schnellstmöglichen jenen Ort hinter sich zu lassen, obwohl sie nicht mehr hatte riechen können, was sie in Aufruhr versetzt hatte. In ihrer Hast war sie gestolpert, wodurch ihre Hosen an den Knien schmutzig geworden waren. Noch immer waren die Flecken gut sichtbar, wenngleich Astrid versucht hatte, sie mit Wasser eines kleinen Brunnens wegzuwaschen. Aber war ja auch egal, war ja nicht ihr Problem. Was ihre Eltern denken würden, war wiederum eine andere Sache. Egal, deren Problem.

«Hey!», rief sie, nachdem sie die Schuhe säuberlich auf ihren Platz auf der Ablage im Eingangsbereich des Hauses verstaut hatte.

«Hey!», antwortete die rauchige Stimme ihres Vaters aus der Küche, die sich am anderen Ende des Ganges befand. Abgesehen vom Dampfabzug vernahm Astrid, wie es blubberte und zischte, zudem drang der Geruch von Bouillon und Bratensauce bis zu ihr. Rechts von ihr hörte sie das helle Geräusch von Mamas Absätzen auf dem Holzboden und mit einem kurzen Blick vergewisserte sie sich, dass diese das Wohnzimmer abstaubte und gerade mit dem Lego-Technik Bagger auf dem kleinen Sockel beschäftigt war, den Papa und Astrid vor vielen Jahren zusammen gebaut hatten.

Um zu verhindern, dass Mama vorschlug, sie könne sich doch ebenfalls einen Lappen holen und abstauben, nickte sie ihrer Mutter zur Begrüssung zu. Diese nickte zurück. Höflich. Distanziert, Mama eben. Kurz darauf preschte die 17-Jährige in die wohlriechende, jedoch heisse und dampfige Küche, wo sie kurzerhand das Fenster öffnete und anschliessend wieder auf den Ausgang zusteuerte. Klar, bald würde es Essen geben, aber eigentlich würde sie sich noch gerne umziehen.

«Hilfst du mir mit denen?», fragte Papa auf Hochdeutsch mit dem beinahe verblassten schwedischen Akzent und nickte auf einen Sack Karotten neben ihm auf der Theke, während er in der Bratensauce herumrührte. Wie jeden Abend würde es auch heute um halb acht Abendessen geben und wie jedes Mal, wenn Papa kochte, durften natürlich keine Karotten fehlen.

«Okay», seufzte Astrid und wusch sich die Hände, bevor sie sich an die Arbeit machte. Egal, dann würde sie eben später in eine saubere Hose schlüpfen. Wirklich Lust hatte sie nicht auf Gemüseschnetzeln, aber die Wahl zwischen Essen und Staubwischen fiel ihr doch eher leicht. Drücken konnte sie sich sowieso nicht. Eine Bitte war in diesem Haus nichts weiter als ein höflich ausgedrückter Befehl.

Nachdem Tochter und Vater einige höfliche, jedoch oberflächliche Erlebnisse des Tages ausgetauscht hatten, wandten sich beide wortlos den Zutaten zu. Astrid war erleichtert darüber, dass er nur an der Oberfläche gekratzt hatte und ihn keine Neugierde tiefer graben liess, denn sie hatte momentan keine Lust, überhaupt über irgendetwas zu sprechen. Wieder zu Hause drängte sich das heutige Gespräch mit Mara wieder in ihr Bewusstsein: das Ritalin, Maras Rechtfertigung, das Konzert. Wenn es um ihre Lieblingsfächer ging, war Mara schon immer eine fleissige, ausdauernde und leistungsstarke Schülerin gewesen. Dass jetzt im dritten Jahr, wo sie einige Fächer abschlossen, darunter auch Geografie und die Grundlagenfächer Biologie und Chemie, die Forderungen an die eigenen Leistungen höher und strenger waren, war für Astrid leicht zu verstehen. Die Bereitschaft hingegen, sich ohne Rezept Ritalin zu beschaffen und dieses als Hirndoping zu missbrauchen, überschritt nach Astrids Empfinden die Grenzen eines gesunden Ehrgeizes.

Wie war sie nur auf die Idee gekommen? Hatte sie das geplant? Oder war das eine Idee gewesen, die sie impulsiv sofort in die Tat umgesetzt hatte? Und Lukas erst, dieser Idiot. Wie hatte er ihr nur das Medikament geben können? War der Typ denn völlig behindert? Dieser Arsch. Unglaublich. Wenn ihrer besten Freundin durch das Ritalin etwas zugestossen wäre, würde sie Lukas morgen mit einem Bleistift erstechen. Mit einem stumpfen. Das ginge länger. Zum Glück war Mara aber in Ordnung und die Rückgabe des Medikaments mit einer nicht ganz so freundlichen Ermahnung würde schon ausreichen. Trotzdem bebten ihre Oberarme vor Verärgerung und die Bereitschaft, dem Jungen den Kiefer zu brechen, hockte in jedem ihrer angespannten Muskeln. Sobald alle Karotten geschält waren, begann die 17-Jährige damit, sie zu kleinen Würfeln zu schneiden.

Schliesslich fing ihr Vater doch damit an, von seinem Tag in der Firma zu erzählen. Anscheinend gebe es Probleme bei der Lieferung von Kondensatoren und anderen Elektrobauteilchen, doch so genau hörte die Tochter des Elektroingenieurs nicht zu. Immer wieder liess sie dieselben Gedanken von eben durch ihren Kopf ziehen, immer und immer wieder, ohne sie fertig denken zu können.

Mara hatte Ritalin genommen. Eine Überdosis noch dazu. Mara hatte Ritalin genommen, ein so schlaues Mädchen wie sie, welche die neurologischen Wirkungen eigentlich kannte, hatte Ritalin genommen. Wieso? Astrid konnte es einfach nicht nachvollziehen. Sie drehte sich im Kreis, dachte immer dasselbe, dachte jedoch keine einzige Überlegung zu Ende, kam nirgends an, obwohl sich in ihrem Verstand viel bewegte. Zusätzlich lenkten die Worte ihres Vaters sie ab, weshalb sie bestmöglich versuchte, diese auszublenden, und einfach immer nur Geräusche von sich gab, die sie mit seiner Stimmung übereinstimmend glaubte.

Auf einmal bemerkte sie das Klirren von Porzellan auf dem Glastisch, woraufhin sie über die Schulter blickte und ihre Mutter Teller auftischen sah. Da Papa bereits die fertig zerkleinerten Karotten in die Bouillon gegeben hatte, holte sie Besteck und half ihrer Mutter bei deren Aufgabe. Diese lächelte sie an, Astrid lächelte zurück, ohne dass ihre Augen mitmachten. Sowohl der Ärger über Lukas als auch die Sorge um Mara zerrten an ihr, nahmen ihre gesamten Gedanken ein, sodass wenig für anderes blieb.

«Deine Hose ist ja dreckig», bemerkte Mama nach einer Weile, als Astrid sich nach den Gläsern im oberen Teil des Schrankes reckte. «Was habt ihr denn heute gemacht?»

«Bin umgefallen», murrte Astrid und hoffte, ihre Mutter würde die Antwort akzeptieren. Anstrengend war das Gedankengefängnis, in dem sie gerade festsass, doch es wurde nicht angenehmer, wenn andere an den Gitterstäben rüttelten.

«Warum das?»

Natürlich musste sie nachhaken. War ja klar.

«Ich weiss nicht, war halt rutschig», brummte sie.

«Wieso redest du so unanständig?»

«Weiss nicht.»

Astrid hatte gerade wirklich keine Lust darauf, zu reden, schon gar nicht mit ihrer Mutter, da sie ihre Gedanken und Gefühle ordnen musste. Diese waren momentan verstreute Puzzleteilchen, die nicht zusammenhingen, aber sie brauchte ein ganzes Bild, etwas Anschauliches. Da waren Sorge und Wut, Verständnislosigkeit und der Versuch, zu verstehen. Es machte sie verrückt.

«Sehr gesprächig», scherzte Papa.

«Ja, sehr gesprächig», stimmte Mama zu, der Tonfall aber nicht ganz so belustigt wie der ihres Ehemannes. «Kannst du nicht normal antworten?»

Könnte sie schon. Wollte sie aber nicht. Im Augenblick wollte sie einfach ihre Gedanken ausrollen wie einen Teppich, einfach als Ganzes betrachten, nicht nur einzelne Bruchstücke davon. Einfach überlegen. Doch die Fragen und Bemerkungen ihrer Eltern waren wie eine Wand, an der der erst halb ausgerollte Teppich immer wieder anschlug. Da war kein Platz für lange, ausführliche Überlegungen.

«Hallo?»

Dieser Ton, dieser ungeduldige, fordernde Ton, er war das rote Schild, das Astrid zeigte, wie sehr ihre Mutter genervt von der Einsilbigkeit war. Was aber sollte Astrid tun? Sie konnte den Ärger, der in ihrer Brust pulsierte, nicht abschütteln. Alleine der Tonfall, alleine das Gesicht ihrer Mutter machten sie so aggressiv, dass ihre Arme zitterten, während sie das letzte Glas auf dem Tisch platzierte, und nur mit viel Beherrschung hatte sie es unterlassen, es auf die Glasplatte zu knallen.

«Ich bin müde», zischte Astrid durch vor Stress zusammengebissene Zähne, bereute aber sogleich ihren giftigen Ton.

«Geht’s noch gereizter?»

Ja, ging es. Wenn sie nur wüsste, wie viel Willenskraft es sie kostete, den Wasserkrug nicht auf den Tisch zu schmettern. Sie wollte doch einfach nur nachdenken!

«Ich verstehe echt nicht, wieso du immer so gereizt bist», fuhr ihre Mutter fort. «Ich habe dir eine ganz normale Frage gestellt.»

Natürlich verstand Mama es nicht. Sie verstand nie etwas. So war ihre Mutter. Ihren Aufruhr zu erklären, wäre Zeitverschwendung. War es immer gewesen. Würde es immer sein. Ihr zu sagen, wie man sich fühlte, war, wie Joghurt mit einer Gabel zu essen: nicht unmöglich, doch umständlich und zeitaufwändig und vielleicht stach man sich dabei in die Zunge. Wie jedes Mal. Also versuchte sie es gar nicht erst.

«Hallo, ich rede mit dir.»

Konnte sie nicht still sein? Still sein und sie in Ruhe lassen? War das so schwer? So verdammt schwer?

Der aggressive Strom kribbelte in ihren Fingern, musste raus, musste sich auf etwas entladen, doch er durfte nicht, nicht vor ihren Eltern. Nicht wie früher, nicht wie nach Christoph. Der Strom wurde stärker und stärker, traf auf keinen inneren Widerstand, der Zorn war ungebremst, und um einen Kurzschluss zu verhindern, drückte Astrid die Nägel in die empfindliche Haut über ihrer Brust, zog sie langsam und kräftig darüber. Sie musste sich beruhigen, zusammenreissen, einen Tritt in den Arsch geben. Aber es ging nicht.

«Antworte deiner Mutter, wenn sie mit der spricht», forderte nun auch ihr Vater und seine eisblauen Augen, die ihren eigenen glichen, bohrten sich streng und warnend in ihre.

Sie konnte es nicht. Egal, was sie jetzt sagen würde, es würde polternd und donnernd aus ihr rauskommen. Aber hier zeigte man keine starken Gefühle. Besonders nicht solch verwerfliche, verabscheuungswürdige Emotionen wie ungebändigten, rasenden Zorn.

Wortlos stürmte sie aus der Küche, die Wangen heiss vor Scham und Wut, die unter ihrer Haut kochten. Keiner der beiden Ehepartner rief ihr hinterher, aber wahrscheinlich hatten sie ohnehin nicht sonderlich Lust, sie in diesem Zustand am Tisch zu haben. Nachdem das Mädchen die Treppe in den ersten Stock hinaufgehastet war, schwang sie die Tür zu ihrem Zimmer auf, haute auf den Lichtschalter und knallte die Tür wieder zu, unfähig, ihren Ärger zu kontrollieren. Er wuchs und wuchs und wuchs. Verdammte Scheisse. Warum passierte das? Warum passierte das immer? Sie hasste es. Ihr Atem ging flach. Der aggressive Rhythmus ihres Herzens spürbar. Sie hasste es. Sie konnte nicht denken. Die Wut fühlte sich an wie heisses, brennendes Gift in ihrer Brust. Es blubberte und schäumte, sodass ihr beinahe übel wurde. Das Gift floss auch in ihre Beine und geladen hastete sie im Raum umher. Scheisse, wann hörte das auf? Es sollte raus, das Gift musste raus, endlich raus. Es war so unerträglich. Astrid musste sich beruhigen. Ganz einfach. Ganz einfach.

Einfach für jeden anderen. Nicht für sie. Sie war einfach nur ein krankes Stück Dreck!

Gerne würde sie sich bei ihren Eltern für ihre Gereiztheit entschuldigen. Zur selben Zeit aber auch nicht. Welchen Zweck hätte das schon, wenn sich das Spiel ohnehin wieder zutragen würde? Zudem würden die dann den Grund erfahren wollen, doch den würde Astrid ihnen nicht nennen. Schliesslich sprach man nicht über solche Dinge in diesem Haus. Verfickte Scheisse, warum wurde sie immer so unfassbar zornig? Warum verkrampfte sich ihre Bauchmuskulatur? Keuchend und schnaubend stützte sie sich auf ihrem Schreibtisch ab, der Kopf war schwer und heiss und taub und voll, pochte und pulsierte, als würde er gleich platzen.

Und dann knallte sie beide Fäuste voller Wucht auf die Platte. Und wieder. Und wieder. Das massive Pult polterte nicht, grummelte nur dumpf ab ihren zornigen Schlägen. Scheisse, scheisse, drecksverfickte Scheisse. Wann hörte das endlich auf? Wann kam sie hier raus? Wann hörte ihr Kopf auf, sie zu quälen?

Ja, immer das Gleiche mit ihr, immer das Gleiche. Immer derselbe, verdammte Scheiss!

Astrid spürte keinen Schmerz, während sie ihre Fäuste auf den Schreibtisch ballerte. Die Wut gegen sich selbst überdeckte alles, zog alle Aufmerksamkeit auf sich wie ein kräftiges Rot, das alle anderen Farben verblassen liess.

Und wieder schlug sie. Und wieder. Ein Teil von ihr hoffte, dass die Schläge ihre beschissenen Handknochen zerbrechen würden. Jeden einzelnen. Ja, am liebsten würde sie sich die Hand blutig und matschig schlagen, doch der verdammte Selbsterhaltungstrieb liess dies nicht zu.

Das Gift versetzte sie in einen Rausch, wo es keinen Schmerz gab. Es war befreiend. Befriedigend. So befriedigend. Denn Zorn will nicht verpuffen. Er will schaden. Er will verletzen. Aber es war nicht genug. Nicht einmal annährend. Ihr Brustkorb dehnte sich aus durch all die gestaute Aggression, die in ihr hockte, und mit einer schwungvollen Bewegung ihres Armes knallte sie ihre Faust mit den Fingerknöcheln voran gegen die Wand.

Dann erwachte sie. Spürte es. Spürte alles.

Astrids eigenes Gewicht erschien auf ihren bebenden Knien zu schwer, sodass sie sich auf die Knie fallen liess. Mit der einen Hand ergriff sie die rosa, glühende Faust, deren Haut über den Knöcheln blutig aufgesprungen war und heftig brannte, als sei dort das heisse Gift aus ihrem Körper geströmt. Die Finger schienen nicht gebrochen zu sein, aber der dumpfe Schmerz war in jedem einzelnen so heftig zu spüren, dass die Jugendliche sie kaum beugen konnte.

Was hatte sie getan? Was war gerade passiert?

Leise wimmerte sie vor sich hin und Tränen des Schams bildeten sich ihren Augen, während ihre erschöpfte Muskulatur ihren ganzen Körper durchschüttelte. Was hatte sie getan? Was hatte sie gerade getan? Das war so krank. Das war gestört.

Vom schnellen Atmen wurde ihr schwindelig, woraufhin sie die Hände gegen die Schläfen presste. Was war sie für ein elender Haufen? Sie war ein richtiges Monster. Ein Monster war sie. Und sie konnte es nicht ändern. Nie könnte sie das ändern.

Schon viele Male war es passiert. Seit Jahren immer wieder. Seit sechs Jahren. An manche Dinge gewöhnte man sich jedoch nie und erschrak jedes Mal aufs Neue, obwohl sie seit Langem zu einem gehören. Niemals würde Astrid gänzlich entgiftet sein, da die Wut lediglich ein Symptom einer viel schlimmeren Krankheit war: der Schuld, die sie schon so lange mit sich herumtrug. Und da die Vergangenheit mit wasserfester Farbe gemalt war, war dieses Gefühl der Schuld, der Reue, des leidenschaftlichen Hasses gegen sich selbst unheilbar.

Der Gedanke an jenen Abend schnürte der Jugendlichen die Kehle zu und erschwerte es ihr, zu atmen. Was hatte sie getan? Was hatte sie nur getan? Warum war das bloss passiert?

Jeder könnte sich in das Opfer einfühlen, doch keiner hätte Verständnis gegenüber dem Täter. So war dieser mit seinen Schuldgefühlen alleine, erdrückt von diesen, da er sie niemandem anvertrauen konnte, niemals. Mittlerweile hatte ihr Körper aufgehört, heftig zu beben, aber immer noch zitterten ihre brennenden Finger. Im Zimmer herrschte eine kühle Ordnung, eine beinahe unheimliche Sauberkeit, doch äusserlich deutete nichts auf das Chaos hin, das sich eigentlich im Raum befand.

Die Tränen flossen jetzt über Astrids heisses Gesicht, das von der schmerzerfüllten Grimasse wehtat, und abermals presste sie die Handflächen gegen die Schläfen, obwohl ihre rechte Hand noch immer surrte. Was hatte sie getan? Es würde nie aufhören, nie!

Dann sah sie es. Im Spiegel an der Wand gegenüber. Ein elendiger, roter Haufen. Sie war das. Das war sie. Armselig. Bemitleidenswert. Der Anblick ekelte sie an. Er war einfach nur erbärmlich, ekelhaft und verabscheuenswert, dieser Anblick.

Sie musste aufhören, rumzuheulen wie ein beschissener Schwächling. Nur ein Versager verhielt sich wie ein elendiger Haufen Scheisse, wie sie es gerade tat.

«Reiss dich zusammen.»

Also erhob sich Astrid aus ihrer jämmerlichen Position, holte die Kopfhörer vom weissen Nachttischchen, verband diese mit dem Handy und wählte den aggressivsten Metal, den sie in ihrer Playlist finden konnte. Als dann die energische E-Gitarre zu spielen begann, begab sie sich in Stützposition und führte, trotz pochender Hand, eine zittrige Liegestütze aus. Und noch eine. Und noch eine. Nach fünf ertönte eine wutverzerrte, schrille Stimme aus den Kopfhörern, die ihre Energie von Astrids Ohren durch ihren ganzen Körper schickte.

Nach fünf weiteren Liegestützen hörte das Mädchen schliesslich zu zählen auf, ohne mit der Bewegung aufzuhören, bis der letzte Ton der E-Gitarre ausklang, die bebenden Arme zusammenklappten und sich Astrid erschöpft fallen liess. Nach ein, zwei Minuten, in denen sich das Mädchen von Tönen und Gesang berieseln liess, rappelte sie sich erneut auf und wiederholte das ganze Spiel, bis sie erneut vor Erschöpfung zusammenbrach, jedoch überzeugt, die Übung so lange durchzuziehen, bis ihre Arme keine einzige Liegestütze mehr zuliessen.
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