Geschichte: Fanfiction / Prominente / Musik / K-Pop / BTS / Foolish

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Foolish

von Atelier
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Jimin V
15.11.2020
24.08.2021
11
51.547
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12.03.2021 3.908
 
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In den zwei Tagen vor der Reise rannte Jimin durch ihre Wohnung wie ein kopfloses Huhn. Er hatte nach dem Anruf bei seiner Mutter sofort im Café Bescheid gegeben, dass er sich einige Tage freinehmen würde. Die Jungs wussten ebenfalls, wo es hin ging. Hoseok ließ sein Frust an Taehyung aus, darüber, dass er sie nicht im Voraus eingeweiht hatte, damit sie alle mitfahren konnten. Trotzdem freute er sich für Jimin. Jungkook hatte ihn am Tag vor ihrer Abreise lange und fest umarmt, da er wusste, dass diese Reise für ihn mehr bedeutete, als es den Anschein hatte. Nach fünf Episoden in den letzten beiden Tagen war Jimin bestrebt darauf, seine Familie zu sehen und Zeit mit ihnen zu verbringen.


Jimin hatte sich ursprünglich mit der Idee abgefunden seine Familie nicht wiederzusehen, bevor seine sechs oder sieben Wochen zu Ende waren.


Es gab einen Teil von ihm, der unsicher war. Er wusste, dass seine Mutter wissen würde, dass etwas nicht stimmte, nur indem sie ihn ansah. Der ständige Husten, sein Gewichts- und Appetitverlust. Sie würde es wissen und das wollte er nicht.


Zur gleichen Zeit jedoch, als Taehyung ihm die Tickets geschenkt hatte, wurde ihm klar, dass er seine Eltern und seinen kleinen Bruder wieder umarmen, ein bisschen mehr Zeit mit ihnen verbringen und ihnen die Geschenke hinterlassen konnte, an denen er in den letzten Wochen gearbeitet hatte. Jimin wollte, dass sie diese letzte Erinnerung an seine Heimreise im Kopf hatten.


„Jimin-ah, das ist unser Halt!“ Taehyung schüttelte ihn sanft wach, als er sich auf die Schultern des Jüngeren stützte. Sein frisch pastelgrün gefärbtes Haar sah toll aus, wie es nach hinten gekämmt und mit dem roten Cap auf sein Kopf harmonierte. Taehyung hatte ihn am Tag nach der Übergabe der Überraschung in den Friseursalon geschleppt und gesagt, er könne Jimins Familie auf gar keinen Fall unter die Augen treten, wenn das Blau so verblasst und die Wurzeln so herausgewachsen waren. Und natürlich, wie gewünscht, saß Jimin jetzt mit pastelblauen Locken vor ihm.


Der Größere sah gut aus – in seiner engen blauen Jeans, dem weißen T-Shirt, dem Rucksack und der kleinen Reisetasche um seine Schultern. Jimin konnte ihn kaum ansehen, ohne rot zu werden.


Er streckte sich schnell, stand auf, schnappte sich seinen Rucksack, Beutel und den Koffer und setzte sich seine schwarze Sonnenbrille auf den Nasenrücken. Taehyung hatte sich zwar über Jimins Gepäckmenge lustig gemacht, aber es prallte einfach an ihm ab. Er vibrierte vor Aufregung und wechselte den Koffergriff von der einen in die andere Hand, um es einfacher zu machen, sich durch die Menge im Gang zu bewegen.


„Gib her.“ Taehyung nahm ihm den schweren Koffer ab, bevor er etwas erwidern konnte. Jimin dachte an den Inhalt, sein Herz setzte einen Schlag aus und er griff schnell nach ihm.


„Taehyung-ah, es ist okay, ich schaff das schon. Er ist schwer und das was drin ist, ist zerbrechlich!“


„Ein weiterer Grund für mich ihn zu tragen.“ ,grinste Taehyung und schnippte ihm gegen seine Nasenspitze. „Jetzt komm schon, bevor der Zug mit uns davonfährt!“


Jimin folgte ihm durch die Waggontür und tätschelte ängstlich seine Tasche, um sicherzustellen, dass das medizinische Dokument noch darin war. Ohne es fühlte er sich schutzlos.


Der Bahnsteig war überfüllt und Jimin griff spontan nach der Hand des Größeren, der überrascht und fragend zum ihm sah. „Ich möchte nicht, dass wir versehentlich getrennt werden.“ ,erklärte er und seufzte leise erleichtert auf, als Taehyung zustimmend nickte und den Griff um Jimins Hand erwiderte.


Sie kämpften sich durch die Menschenmasse, fanden ihren Weg nach draußen und hielten bei der Autovermietung an. Jimin schloss die Augen, als er die salzige Seeluft tief einatmete und ein Gefühl von Nostalgie ihn überkam. Die Sonne fühlte sich gut auf seiner Haut an und wärmte ihn von innen heraus.


„Glücklich?“ Der Ältere öffnete seine Augen bei Taehyungs Frage und schenkte ihm ein süßes Lächeln.


„Sehr.“ Jimin sah sich um, als die Schlange sich vorwärts bewegte. „Es ist so lange her, seit ich zuletzt zu Hause war. Ich hab vergessen, wie gut der Ozean hier riecht.“


„Er riecht wirklich gut.“ Als sie endlich an der Reihe waren ließ Taehyung seine Hand los, um nach seiner Brieftasche zu greifen, doch Jimin war schneller und zog seine Kreditkarte hervor. „Hey!“ ,jammerte Taehyung überrascht, als Jimin der Rezeptionistin seine Karte übergab, die Unterlagen unterschrieb und mit ihr ein kleines Gespräch im Busandialekt führte.


„Hey.“ ,erwiderte der Kleinere mit einem Grinsen und nahm die Autoschlüssel und die Karte mit einem „Dankeschön.“ entgegen.


Taehyung folgte ihm zum Parkplatz und runzelte die Stirn, als Jimin nach ihrem Auto suchte. „Ich wollte für das Auto bezahlen!“ Jimin winkte ab und jubelte, als er den einfachen schwarzen Viertürer fand. „Jiminie!“


„Taehyung-ah, du hast die Zugfahrkarten und das Hotel bezahlt. Im Vergleich dazu war das nichts.“ ,antwortete er und rutschte auf den Fahrersitz. Taehyung schmollte und setzte sich mit verschränkten Armen auf den Beifahrersitz.


„Aber der Ausflug ist ausschließlich für dich. Du sollst dein Geld nicht für die von mir geplante Reise ausgeben.“ Er sah hinüber und stöhnte bei Jimins Welpenaugen auf. „Verdammt… von mir aus. Aber das wars. Lass uns jetzt in unser Hotel einchecken und deine Eltern besuchen gehen.“


Jimin grinste und startete das Auto. „Klingt gut.“



===



Es war überwältigend, seine Familie zum ersten Mal seit Jahren wiederzusehen. Er hatte es noch nicht einmal bis zur Hälfte der Auffahrt geschafft, als seine Mutter aus dem Haus rannte und ihre Arme mit einem Schrei um ihn schlang. Er umarmte sie genauso stark, Tränen liefen ihm über die Wangen, als sie Küsse auf seinem Gesicht verteilte und weinte. Jimin konnte Taehyungs Kamera im Hintergrund klicken hören, aber momentan interessierte er sich wenig dafür. Sein Vater begrüßte ihn genauso herzlich und umarmte ihn knochenbrechend und lang, ruhig, aber warm.


Der Schmerz in dem kleinen Teil seines Herzen, linderte sich und erwärmte sich in den Armen seiner Eltern.


Als er endlich losgelassen wurde, grinste er seinen Vater an und drehte sich um, um zu sehen, wie seine Mutter Taehyung ebenfalls in den Arm nahm und ihm etwas zu flüsterte, während der Größere verlegen dreinblickte. Er ging zu ihnen hinüber und legte die Arme um beide.


Nicht lange danach gingen sie ins Haus und saßen mit einer Tasse Tee im Wohnzimmer. Seine Mutter lief in der Küche herum und bereitete Snacks zu. Taehyung betrachtete die Bilder an der Wand und lächelte über ein Foto der beiden in Talar und Doktorhut, die Arme umeinander gelegt. „Ich liebe dieses Bild.“ ,flüsterte er, tippte gegen den Rahmen und sah lächelnd über seine Schulter.


„Ich auch.“ ,antwortete Jimins Vater von seinem Platz auf dem Ohrensessel aus und nippte an seinem Tee.


„Ich glaube, wir haben mehr Fotos von euch beiden als von Jimin und Jihyun zusammen.“ ,lachte seine Mutter, als sie sich mit einem kleinen Tablett in den Händen zu ihnen gesellte. „Ihr zwei wart immer zusammen. Ich bin froh, dass sich daran nichts geändert hat. Danke, dass du dich um mein Baby gekümmert hast, Taehyungie.“ Sie nahm seine Tasse und goss ihm neuen Tee ein.


„Danke, Mijeong.“ Er verbeugte sich leicht, als er ihr die Tasse abnahm. „Und ja, wir kümmern uns umeinander.“


„Ich war ziemlich besorgt, dass Jiminie fürs College allein nach Seoul ziehen wollte, bis du gesagt hast, dass du mit ihm gehen würdest.“ ,sagte sie, setzte sich zu ihrem Sohn auf die Couch und fuhr ihm mit der Hand durch die Haare. „Ich hatte solche Angst, dass er einsam sein würde.“


„Mir geht’s gut, Mom.“ Jimin lächelte sie an und lehnte sich ihrer Berührung entgegen. „Ich habe Tae und die anderen Jungs, die mir Gesellschaft leisten. Mit denen ist es immer verrückt.“


„Du siehst nicht gut aus, mein Sohn.“ Sein Vater stellte seinen Tee ab, beugte sich vor und sah seinen Sohn mit spekulativen Augen an. „Wie geht’s dir?“


„Ich… Ich war krank.“ Jimin zuckte leicht die Achseln und sah von seinem Vater zu seiner Mutter. „Aber mir geht es gut, wirklich.“


„Warst du bei einem Arzt, Minnie?“ ,fragte Mijeong besorgt und strich seinen Pony zurück. „Du siehst so dünn aus, Schatz, und deine Haut ist so blass.“


„Oh, ja. Bronchitis.“ ,entschied der Kleinere im letzten Moment und wünschte sich, er hätte sowas vorausgeplant. Zumindest würde Bronchitis den Husten und die Atembeschwerden erklären. Taehyung sah Jimin überrascht an. „Es dauert nur länger als ich dachte und macht es schwer zu atmen. Ich huste ab und zu, aber das war es auch schon.“


„Jimin-ah, ich wusste nicht, dass du bei einem Arzt warst.“ Taehyung setzte sich mit hochgezogener Augenbraue auf.


„Kookie hat mich neulich begleitet. Es war keine große Sache, nur eine schnelle Untersuchung.“ ,winkte Jimin ab und stand schnell auf. „Ich bin kurz im Bad. Bin gleich wieder da.“ Er lächelte und versuchte so normal wie möglich das Wohnzimmer zu verlassen.


Im Badezimmer angekommen, drehte er das Wasser auf und stützte sich seufzend auf den Ränder des Waschbeckens ab. Er sah sich im Spiegel an und konnte den Menschen, der ihn dort ansah, kaum noch erkennen. Sein Haar war sorgfältig gestylt und durch den Wind etwas gelockert. Das Blau war vielleicht ein lustiger Farbton, aber ließ sein Haar trotz allem schlaff und leblos aussehen. Seine Wangen waren ein wenig eingefallen, dunkle Ringe hatten sich unter seinen Augen gebildet und stachen auf seiner blassen Haut besonders hervor. Selbst das Make-Up konnte das nicht kaschieren.


Jimin konnte ihnen ihre Sorge nicht übel nehmen. Er sah echt beschissen aus. Es war ein Wunder, dass man ihn nur gelegentlich fragte, wie es ihm ging. Er vermisste sogar seine molligen Wangen. Diese Schärfe in seinem Gesicht passte nicht zu ihm.


Es kam unvorbereitet. Es war, als würde er ersticken. Jimin wurde von einer weiteren Episode erschlagen. Seine Hände färbten sich mit Blut, immergrüne Blütenblätter lagen auf seinen Handflächen. Als sie endete, hob sich seine Brust unregelmäßig und als er wieder zurück in den Spiegel sah, hätte er beinahe laut aufgeschrien. Blut rann aus seinen Mundwinkeln und seine Lippen und Zähne waren grellrot gefärbt. Ein Blütenblatt klebte zwischen seinen Lippen und verspottete ihn.


Jimin wusch sich schnell die Hände, benutzte Unmengen an Seifen, um das Blut von seiner Haut zu schrubben. Zusätzlich spülte er seinen Mund aus und überprüfte, ob er wieder vorzeigbar aussah. Als er sich blutfrei fühlte, obwohl er schwach und unsicher auf seinen Beinen stand, verließ er beinahe das Badezimmer, bis es ihn wie ein Schlag traf und er sich an die Blütenblätter erinnerte. Er sammelte sie aus dem Abfluss des Waschbeckens, wickelte sie in Toilettenpapier und warf das Bündel in den Mülleimer. Als Jimin in den Flur trat, stieß er direkt in Taehyung.


„Oh scheiße!“ ,murmelte er überrascht und stützten seine Hände gegen die Brust des Größeren. Er versuchte dort die Härte und die Muskeln zu ignorieren. „Oh Gott, Tae, du hast mich erschreckt!“


„Sorry! Ich wollte nur nach dir sehen und hab dich gehört. Du hattest wieder einen ziemlichen Hustenanfall. Hast du mich nicht klopfen gehört?“ Taehyungs Hände lagen seit dem Zusammenprall auf Jimins Oberarmen und hatten sich bisher nicht von Ort und Stelle bewegt.


„Ich hab das Wasser aufgedreht. Kann sein- Kann sein, dass ich dich deswegen nicht gehört habe.“ Der Ältere trat einen kleinen Schritt zurück, um etwas Platz zwischen ihnen zu schaffen. Er wartete darauf, dass Taehyung ihn losließ. „Gott, du hast mich in meinem Familienhaus fluchen lassen, du Idiot!“ ,sagte er auf dem Weg in die Küche und holte sich dort angekommen ein Glas aus einem Schrank.


„Mein Fehler.“ Taehyung war ihm gefolgt, lehnte sich gegen die Kücheninsel und verschränkte die Arme. „Es klang echt übel.“


„Nicht schlimmer als sonst.“ ,antwortete Jimin geistesabwesend, ging zum Kühlschrank, um den Krug mit kalten Wasser herauszuholen und goss es sich ein.


„Ich bin froh, dass du zu einem Arzt gegangen bist.“ ,sagte Taehyung plötzlich. „Aber… Ich frag mich nur, warum du mich nicht gebeten hast, dich zu begleiten? Oder warum du mir nicht gesagt hast, dass du überhaupt gegangen bist?“ Jimin drehte sich zu ihm um, lehnte sich gegen die Theke gegenüber von Taehyung und nippte an seinem Wasser.


„Es war vor dem Vortanzen und du warst auf Arbeit. Ich..hab nicht mehr dran gedacht.“ Er zuckte mit einem kläglichen Lächeln die Schultern. „Hoseok hat mich abgelenkt. Du weißt, wie er sein kann.“


„Ja, das tue ich.“ Taehyung schien besänftigt zu sein und stieß sich ab. „Oh, wenn dein kleiner Bruder von der Schule kommt, habe ich Mijeong und Pilwoo vorgeschlagen, ich könnte ein paar Familienfotos machen. Deine Mutter war von der Idee begeistert. Sie ist schon oben und zieht sich um.“


„Das ist wirklich eine tolle Idee. Seit unserem letzten Familienfoto ist es schon eine Weile her. Ich hole schnell den großen Koffer aus dem Auto.“ Jimin nahm einen weiteren großen Schluck, schüttete den Rest in die Spüle und stellte das Glas in die Spülmaschine. In der Hast lief ihm ein wenig Wasser von seinen Mundwinkeln hinunter.


„Schon erledigt, warte.“ Taehyung stand danach vor ihm, eine Hand auf die Arbeitsfläche hinter dem Kleineren gestützt, während er seine andere Hand hob und mit dem Daumen die Wassertröpfchen wegwischte. Sein Daumen fuhr unter seiner vollen Unterlippe vom linken bis hin zum rechten Mundwinkel. „Du hattest da was.“ Der Jüngere schenkte ihm ein kleines Lächeln, bevor er sich aufrichtete und die Küche verließ. „Ich bring den Koffer in dein Zimmer.“ Und dann war er weg.


Jimins Knie gaben nach und er musste sich am Thekenrand festhalten, um nicht einzuknicken.



===



Als Jihyun nach Hause kam, bedeutete das eine weitere Runde Tränen, als Jimin seinen kleineren Bruder umarmte. Er staunte darüber, wie viel gewachsen und wie sein Gesicht während der Pubertät dünner geworden war. Jimin konnte kaum glauben, dass er sich so sehr verändert hatte, seit er nach Seoul gezogen war. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, gingen sie nach draußen und ließen Taehyung die Bilder machen, die er wollte. Es dauerte Stunden und brauchte Hunderte von Bildern bis der Grünhaarige zufrieden war, sehr zu Jihyuns Freude, der schon von Anfang an nicht sonderlich begeistert gewesen war.


„Herrgott, endlich. Sag deinem Freund, er soll sich entspannen.“ ,hatte er gemurmelt, nachdem Taehyung mit seiner Knipserei fertig war und ihre Mutter begeistert seine Arbeit bestaunte.


Jimin schnappte nach Luft, schlug den Jüngeren gegen die Schulter, schielte kurz zu Taehyung, um sicherzustellen, dass er beschäftigt war und zischte: „Hyunie! Taehyung ist nicht mein Freund, sondern nur mein bester Freund.“


„Ach ja? Du hättest mich fast überzeugt.“ ,antwortete Jihyun trocken und hielt seine Hand auf Augenhöhe, um seine Nägel beiläufig zu kontrollieren. „Ihr zwei starrt euch andauernd an.“


„Er bedeutet mir viel, er ist für mich etwas Besonderes, aber wir sind nur Freunde.“ Jimin zerzauste leicht sein Haar, während der Jüngere kreischend protestierte. „Dummerchen. Es ist vielleicht besser, dass ihr nicht zusammen seid. Du könntest den Elefanten im Raum nicht einmal dann erkennen, wenn er dir direkt ins Gesicht trompetet. Du bist viel zu offensichtlich, einen Menschen zu durchschauen.“


Jihyun brachte das Durcheinander auf seinem Kopf in Ordnung, wich dem Blickkontakt seines Bruders aus und wurde ein bisschen rosa um die Nasenspitze. „Das ist nicht wahr! Ich kann sehr wohl Menschen lesen.“ Jimin beobachtete ihn für einen Moment um seine Reaktion zu studieren. Seine Augen weiteten sich, als Jihyuns Röte sich bis zu seinen Wangen ausbreitete.


„OH! Oh mein Gott, du triffst dich mit jemand, stimmt’s? Seit wann?“ ,rief er geschockt und nun war es an Jihyun, der ihn gegen die Schulter schlug.


„Hyung, halt die Klappe!“ Der Jüngere sah nervös zu ihren Eltern, bevor er Jimin am Arm packte und ihn am Sandstrand neben ihrem Haus entlang zog und ihn parallel zum Wasser führte.


„Hyunie, du datetest jemanden? Und du hast mir nichts gesagt?“


„Oh Gott, bitte sei still. Ich will echt nicht, dass Mama und Papa es hören.“ Er warf einen Blick zurück, bevor er seufzte. „Ja, okay, es stimmt. Und ich habe es noch niemandem erzählt, also…“ Jimin lächelte und hakte sich bei ihm ein.


„Wie ist ihr Name?“


„Sie heißt Soojin, sie ist in meiner Klasse.“ Jihyun lächelte ebenfalls und richtete den Blick auf den Sand. „Sie ist wirklich hübsch und sehr klug. Sie hat mir sogar ihre Nummer gegeben.“


„Natürlich hat sie das, du bist ein echter Fang, Hyunie.“


„Du verstehst das nicht. Sie liegt meilenweit außerhalb meiner Liga. Ich warte immer noch darauf, bis sie das merkt und mich dann fallen lässt.“


„Wenn sie so großartig ist, wie du sie beschreibst, dann wird sie das definitiv nicht tun.“


„Ich weiß nicht… Aber ich mag sie wirklich.“


„Habt ihr euch geküsst?“ ,neckte Jimin und pikste mit dem Zeigefinger in Jihyuns rote Wange. „Hast du sie schon geküsst?“


„Nein! Hyung!“ ,jammerte Jihyun und verdrehte die Augen, um seine Verlegenheit zu verbergen. Jimin lachte, während sein Bruder versuchte, ihn aufrecht zu halten. „Das ist noch frisch. Ich möchte sie nicht verschrecken.“


„Bist du sicher, dass es nicht einfach daran liegt, dass du Angst hast?“


„Ich hab schon mal Mädchen geküsst, Hyung. Es ist nicht so, als wäre das Neuland für mich.“


„Okay, also erstens, ich möchte nicht, dass du so etwas jemals wieder zu mir oder sonst jemanden sagst. Mein kleiner Bruder!“ Jimin spielte Traurigkeit vor und schluchzte, was Jihyun zum Grinsen brachte. „Zweitens spielt es keine Rolle, wie viel Erfahrung du hast oder nicht hast, wenn du dich in einen Menschen verliebst, der dir wichtig ist. Obwohl es nicht das erste Mal ist, kommt dir trotzdem alles neu und beängstigend vor.“


„Du hörst dich so an, als wüsstest du es aus Erfahrung, Hyung.“ Er beobachtete die sanften Gesichtszüge seines Bruders genau. „Ist es so für dich?“


Jimin schüttelte sich und lächelte mit einem Schulterzucken. „Nein, das ist eigentlich nur das, was ich von meinen Freunden höre. Oder ich habe es in einem Buch gelesen.“


„Du bist wirklich nicht in Taehyung-ah verliebt?“


Jimin blieb stehen und Jihyun sah ihn mit einem wirklich merkwürdigen Blick an. „Warum fragst du?“


„Ich weiß nicht, Hyung… Ich habe einfach immer gedacht, dass ihr zwei am Ende zusammen sein würdet.“ Der Jüngere stocherte mit dem Fuß im Sand und sah zurück zu seinen Eltern, die noch mit Taehyung draußen standen und lachten. „Er war immer da und er ist sowieso ein Teil der Familie. Mama und Papa lieben ihn. Und..ich weiß nicht..du hast ihn immer mit diesem Blick angesehen…als würde er der Mittelpunkt des Sonnensystems sein. Ich habe immer gedacht, dass du eines Tages deine Gefühle für ihn gestehst. Eigentlich haben wir alle genau das gedacht, als Taehyung-hyung hier angerufen hat. Wir dachten, ihr seid endlich zusammen.“


„Es ist– Für Taehyung ist es aber nicht so, wir sind nur Freunde, nicht mehr.“


„Aber du liebst ihn, oder? Warum sagst du es ihm nicht einfach? Wovor hast du solche Angst?“


„Nein, ich… Es ist nicht so einfach wie es klingt, Hyunie.“


„Was meinst du?“ Zu Jimins Entsetzen fingen seine Lippen an zu zittern. Der Jüngere starrte ihn geschockt an, bevor er sich umdrehte und den Weg zurückblickte, den sie gekommen waren. „HEY!“ ,rief er und erregte die Aufmerksamkeit ihrer Eltern. „Wir gehen ein wenig spazieren und kommen später wieder!“ Sie winken als Antwort und Jihyun zog Jimin mit sich. „Gehen wir zu unserem Platz, okay?“



===



Die Bucht, die sie als Kinder entdeckt hatten, war groß, unter einer Brücke direkt am Wasser, mit dicken Steinen, die zufällig so hervorstanden, um Sitze und Deckungen für jeden zu schaffen, der sie möglicherweise sehen könnte. Der Ozean war laut genug, sodass niemand sie hören konnte.


Und genau dort gestand Jimin seinem kleineren Bruder alles. Er ließ kein Detail aus. Er redete lange, zog schließlich das Dokument heraus, das Doktor Choi ihm gegeben hatte und gab es ihm. Jihyun hatte es mit wachsendem Entsetzten durchgelesen, sah zwischen dem Blatt und Jimin hin und her und murmelte ‘Zwei Monate.‘ vor sich hin. Jimin nahm es, als er es fast fallen ließ und steckte es zurück in seine Tasche.


Beide brachen in Tränen aus und hielten sich gegenseitig fest. Sie wussten, dass nichts mehr in Ordnung sein würde. Er dauerte eine Weile, bis beide wieder sprechen konnten.


„Ich kann das einfach nicht glauben…“ ,flüsterte der Jüngere schließlich mit heiserer Stimme und geschwollenem Gesicht.


„Ich weiß.“ Jimin schlang seine Arme um seine Knie und ließ dem Husten in seiner Kehle freien Lauf. „Ich weiß.“


„Hyung, wirst du dich operieren lassen?“ ,fragte er leise. Jimin dachte kurz darüber nach und schüttelte dann den Kopf.


„Ich denke nicht, nein.“


„Aber… du würdest leben!“


„Aber ich würde nie wieder richtig tanzen können und für den Rest meines Lebens an ein Krankenhaus gebunden sein. Das kann ich nicht, das ist kein Leben.“


„Das ist aber nicht der wahre Grund, warum du auf die Operation verzichtest, oder? Es ist, weil du Taehyung vergessen würdest.“ Als Jimin nicht antwortete, sah Jihyun ihn ungläubig an. „Ernsthaft Hyung? Wäre das denn so schlimm? Wenn du so große Schmerzen hast, warum tust du es nicht einfach?“


Der Ältere zog ein Taschentuch aus seiner Tasche, hustete heftig hinein und spürte, wie es mit Blut getränkt wurde. Er hustete erneut, um sich zu räuspern, bevor er das Tuch zurückzog und enthüllte neben dem Blut auch zwei immergrüne Blütenblätter.


„Du solltest es tun, Hyung.“ ,stammelte Jihyun und sah mit aschfahlem Gesicht auf das Tuch.


„Ich werde es nicht tun, Jihyun. Bitte akzeptiere meine Entscheidung, ich musste es auch tun.“


„Wie kannst du mich bitten, so etwas zu akzeptieren?“


„Ich weiß, dass es nicht fair ist, nichts davon ist es.“ Jimin stopfte das Taschentuch zurück und legte sein Kinn auf seine Knie, während er darauf wartete, dass der brennende Schmerz nachließ.


„Ich- Ich will nicht, dass das passiert.“ Jihyuns Stimme brach. Der Ältere seufzte, rutschte zu ihm und zog ihn an sich.


„Ich auch nicht. Aber dir wird es weiterhin gut gehen, Hyunie. Ich bin wirklich stolz auf den Mann, zu dem du geworden bist. Soojin kann von Glück reden, dass sie dich hat. Jedes Mädchen, mit dem du Zeit verbringst kann das.“ Jihyuns Lachen zitterte, als er näher kam. „Du bist schlau und vor allem freundlich. Du wirst großartige Dinge in deinem Leben erreichen. Du wirst erfolgreich in deinem Job sein mit einer liebevollen Familie und einem hübschen Häuschen. Du wirst mit deinen besten Freunden und jemanden, der dich liebt, alt werden. Ich wünsche mir diese Dinge so sehr für dich.“


„Aber… ich will, dass mein Bruder dabei ist.“ ,schluchzte Jihyun.


„Und ich werde es sein, ich werde immer in deinem Herzen sein. Nur weil ich physisch nicht da sein kann, heißt das nicht, dass ich nicht bei jedem Schritt deines Lebens neben dir sein werde.“ Jimin ignorierte die Tränen, die ihm übers Gesicht liefen und küsste die Schläfe des Jüngeren. „Und ich werde mindestens achtzig Jahre auf dich warten, wenn deine Zeit gekommen ist. Und du kannst mir von allem erzählen, was ich verpasst habe. Ich möchte, dass du glücklich bist, Jihyun, weil ich es bin. Ich bin glücklich, weil du mein Bruder bist. Ich hätte mir keinen besseren vorstellen können. Und ich weiß, dass wir eines Tages wieder zusammen sein werden, nur vielleicht nicht in diesem Leben.“


„Es ist nicht fair, Hyung, das ist nicht fair!“ Jihyuns Schluchzen wurde lauter, als er Jimin mit aller Stärke umklammerte. Jimin vergrub sein Gesicht in seinen Haaren.


„Ich weiß, Hyunie, ich weiß.“


„Ich liebe dich.“ ,flüsterte er. „Ich weiß, ich sage es dir nicht oft genug, aber ich tue es.“


„Ich weiß, dass du es tust. Du musst mir nicht sagen, damit ich es weiß. Ich liebe dich auch, mehr als alles andere auf der Welt.“
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