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Papierboot

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
13.11.2020
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„Du bist von der Uni geflogen?“

Bossuet nickt schulterzuckend und nimmt Grantaire das gerade geöffnete Bier aus der Hand. Seine Jacke ist noch nass vom Regen und seine Schuhe hinterlassen matschige Abdrücke auf dem Laminat. Es wird nicht weiter stören – früher oder später werden sie ohnehin unter dem Meer aus leeren Pfandflaschen verschwinden, die beinahe die gesamte Wohnung zieren. Er kickt ein paar beiseite, bevor er sich neben Bahorel auf die Couch fallen lässt.
„Also so wirklich?Du bist raus?“
Er nimmt sich ein paar Sekunden, bevor er antwortet und schaut in die Runde. Marius blickt ihn aus aufgerissenen Augen an, Courfeyrac, der zwei Flaschen zum Öffnen aneinanderhält, erstarrt in der Bewegung. Aus Grantaires Kehle dringt ein Laut, der zugleich bestürzt und amüsiert klingt. Es hat beinahe etwas Komisches, denkt er grinsend und nimmt einen Schluck.
„Also noch nicht offiziell, aber... Ja, ich bin raus. Komplett.“
„Echt jetzt?“
„Wow. Scheiße.“
„Wie hast du das denn geschafft?“ fragt Courfeyrac und reicht Grantaire neben sich eine Flasche. „So hart war die Prüfung doch gar nicht. Sogar Bahorel hat bestanden! Und den hab‘ ich in keiner Vorlesung gesehen.“
Bahorel nickt.
„Jaaa….dumme Sache war das“ seufzt Bossuet grinsend und lässt den Kopf theatralisch nach hinten aufdie Sofalehne fallen. „Ich hatte ja den Erstversuch schon vergeigt, weil ich verschlafen hatte und den Bus verpasst und – ihr kennt die Geschichte ja. Und diesmal wollte ich wirklich pünktlich sein, bin extra eine Stunde eher am Campus gewesen und sieheda: Der Termin war gestern!“
Die letzten Worte gehen fließend in ein prustendes Lachen über.
„Nein, oder?“
„Und du findest das lustig?“ Marius ist die Bestürzung förmlich ins Gesicht geschrieben.
„Absolut! Vor allem, weil ich es ja vorher schon immer gesagt habe: wenn ich die verhaue ist das ganze Studium im Arsch.“
„Da kann man doch sicher noch was machen. Drittversuch, Härtefall, ….sowas eben. Gibt’s doch bei euch Juristen, oder?“
Bossuet entgeht das leichte Zucken um Grantaires Mundwinkel nicht, so sehr er es auch hinter einer aufmunternden Miene zu verstecken versucht. Bossuet nimmt es ihm nicht übel, denn um ehrlich zu sein macht es ihm nicht wirklich viel aus. Ist es denn nicht wirklich urkomisch? Gerade seine wichtigste Klausur, bei der er mehrere hundert Mal den Busfahrplan des nächsten Tages, die Ventile seiner Fahrradreifen und (nur für den Fall der Fälle!) das Thema der Prüfung nochmal überprüft hatte!
„Ich glaube, das wird nichts“ entgegnet er also. „Das Prüfungsamt ist nicht so gut auf mich zu sprechen nach der Sache mit dem Ketchup...“
„Stimmt! Oh man, waren die vielleicht sauer damals...“
„Und was machst du jetzt“
„Ich weiß nicht. Irgendwas.“
Er weiß es wirklich nicht. Aber er hat es auch nie wirklich gewusst. Schon damals, als Bahorel ihn davon überzeugen wollte, mit ihm Rechtswissenschaft zu studieren, hatte er sich eher spaßeshalber darauf beworben und war ehrlich überrascht gewesen, tatsächlich angenommen zu werden. Wenn Bossuet an seine Zukunft denkt, sieht er schon immer, seit seiner Kindheit, das gleiche Bild: Ein großes, schwärzliches Nichts.
Es ist nicht so, dass es ihm etwas ausmachen würde, ganz im Gegenteil. Er hat den großen Zirkus um Karriere und Lebensplanung nie verstanden. Warum nicht einfach in den Tag hineinleben und schauen, was passiert? Du bist ein Papierboot, auf einem Fluss so groß wie der Ozean hat Jehan einmal zu ihm gesagt, als der Abend schon spät und seine Sicht schon nicht mehr ganz klar war. Aber er hat es sich gemerkt. Vielleicht ist ja etwas dran.
Wie demonstrativ lacht er noch ein wenig lauter.
„Man, Boss, na das ist ja mal eine Nachricht.“
„Freut mich für dich!“ ruft Bahorel neben ihm plötzlich. Wenigstens ihm scheint das bestürzte Trauerspiel in den Mienen seiner Freunde ebenso unangenehm zu sein. „Freut mich- wirklich! Ich beneide dich sogar. Keine endlosen Vorlesungen mehr, keine tonnenschweren Bücher, kein Stress... Und diese ewigen verzweifelten Studenten in der Bib! Ich hasse es, dort hin zu müssen, ihr nicht auch?“
„Da hast du recht!“ reiht sich Courfeyrac ein.
„Verstehe sowieso nicht, warum ihr euch so ein ätzend langweiliges Studium antut“
Grantaire nimmt noch einen Schluck aus der Flasche, bevor er sie zum Anstoßen einladend in die Runde hält. Er ist der Einzige von ihnen, der nicht Jura studiert. Eigentlich wollten sie sich heute treffen, um die letzte Prüfung dieses Semesters zu feiern – gut, eigentlich waren sie bereits vor zwei Wochen verabredet gewesen, wenn Bossuet denn auch zur Klausur erschienen wäre – aber da es bereits den ganzen Nachmittag in Strömen regnet, hat Grantaire seine Wohnung zur Verfügung gestellt. Bahorel hatte die Idee, ihn zu fragen.Wenn wir 'n Kasten mitbringen, wird er uns schon reinlassen.
„Und was sagen Joly und Chetta dazu?“
Marius ist der Einzige, der mit dem Thema noch nicht wirklich abgeschlossen hat oder zumindest der Einzige, der es noch offen zeigt. Es ist nicht so, dass er wesentlich eifriger in seinem Studium wäre als die anderen. Gerade in der Zeit, bevor er mit Cosette zusammengekommen ist, verbrachte er seine Zeit lieber mit stundenlangem Vor-sich-hin-starren und dem Interpretieren nichtssagender Chatverläufe, als auch nur irgendetwas für die Uni zu tun. Bossuet erinnert sich noch gut - Courfeyrac ist damals beinahe durgedreht.
Vermutlich, so überlegt er, hat es damit zu tun, dass ihm die Unabhängigkeit von seiner Familie so wichtig ist. Der Streit mit seinem Großvater damals, bei dem er schlussendlich mit drei Nebenjobs und einem halben Zimmer bei Courfeyrac davonkam, ist ihm noch in lebhafter Erinnerung. Möglicherweise sollte sich Bossuet tatsächlich einmal darum kümmern, auf eigenen Beinen zu stehen. Möglicherweise ist es aber auch gar nicht so verkehrt, Hilfe anzunehmen.
Er stößt seine Flasche an die von Grantaire, ein scheppernder Ton entsteht.
„Die wissen nichts.“
Vielleicht ist es auch ganz gut so, denkt er. Joly ist momentan selbst im Prüfungsstress, da ist jedes My Extraaufregung zu vermeiden. Wie jedes Jahr brüten er und Combeferre wochenlang über ihren Büchern. Courfeyrac zufolge musste Enjolras seinen Mitbewohner schon das ein oder andere Mal ans Essen erinnern oder ihn mitten in der Nacht überreden, dass zehn Stunden durchgängigen Lernens durchaus für einen Tag genug sind. Wenn er so darüber nachdenkt, überrascht es Bossuet eigentlich, dass Joly noch nicht derart abgedriftet ist – in den 'Medizinerwahnsinn', wie Courfeyrac es nennt.
Vielleicht hat er aber auch einfach nicht genauer darauf geachtet, schließlich steckte er selbst noch bis vor kurzem bis über beide Ohren in der Klausurenphase. Oder es hat etwas mit Musichetta und ihrem neuerlichen Selfcare -Trip zu tun. Bei den Mengen an Grünkohl-Smoothies und Entspannungsmusik ist es beinahe schwer, sich nicht gesund zu ernähren und einen regelmäßigen Schlafrhythmus einzuhalten.
Bossuet lächelt. Es ist schon irgendwie rührend, wie Chetta sich immer um alle kümmert. Alles scheint irgendwie besser zu werden, seit sie bei ihnen eingezogen ist. Und auch Joly wirkt verändert. Ist er nicht letztens sogar früh morgens Joggen gegangen?
„Man, Pontmercy, jetzt lass Boss doch mal machen, was er für richtig hält“
Bahorel trinkt sein Bier in einem Zug aus und stellt es geräuschvoll auf den Tisch vor ihm.
„Da der Anlass der Party jetzt sowieso gekippt ist:“ fährt er fort, während er ein zweites öffnet „Soll ich mal fragen, ob die Anderen Lust hätten, vorbeizukommen? Feuilly arbeitet glaube ich nur noch zwei Stunden oder so und einige brauchen sicher 'ne Ablenkung vom Lernen.“


***



Der Spiegel in Grantaires winzigem Badezimmer ist klein und kastig und sieht aus, als wäre er seit mehreren Monaten nicht mehr geputzt worden. Bossuet sieht sich abwechselnd in beide Augen, die eine ungesunde Mischung an Graugrün um die Pupillen zeigen und versucht abzuschätzen, wie angetrunken er schon ist. Irgendwer lässt im Wohnzimmer Musik laufen, er kann es gedämpft durch die dünnen Wände hören und ein paar Leute sind raus, um noch einen Kasten Bier und was zu essen zu besorgen. Draußen ist es inzwischen dunkel, aber der Regen prasselt weiter unaufhörlich gegen die Fensterscheiben. Wie lange ist er eigentlich schon hier?
Wenn er so darüber nachdenkt, ist die Bilanz des Tages doch eigentlich ganz gut. Er hat es geschafft, innerhalb weniger Stunden sein Leben komplett zu ruinieren – oder vielleicht nicht zu ruinieren, umzukrempeln, das klingt optimistischer! Und nun hört er seine Freunde im Nebenzimmer scherzen, die Gespräche werden lauter und das Meer an Pfandflaschen nach diesem Abend vermutlich ausufernder. Nicht schlecht. Er sieht sein Bild im Spiegel schmunzeln.
Natürlich möchte Bossuet nicht den ganzen Abend hier stehen. Er beschließt, dass er durchaus noch als ‘angetrunken‘ durchgeht und belässt es dabei. Da er kein sauberes Handtuch finden kann (Grantaires Wohnung würde als Hotel wohl allerhöchstens einen mickrigen Stern verdienen) wischt er die Hände ungelenk an seiner gerade wieder trocknenden Jacke ab.
Er ist beinahe überrascht, mit der linken Hand über die Konturen seines Handys zu fahren, denn er hat beinahe vergessen, dass es sich dort befindet. Allein dieser Gedanke bewegt ihn dazu, einen Blickdarauf zu werfen. Das in tausend Teile zersplitterte Display braucht ein wenig, bis es die Bewegung seiner nassen Finger erkennt, doch schließlich reagiert es.

7 entgangene Anrufe
23 neue Nachrichten.

Der erste Gedanke, der ihm in den Sinn kommt, ist nicht, dass etwas nicht stimmt, sondern die Frage, was an seinem Handy nun schon wieder kaputt sein könnte, dass er sieben Anrufe verpasst. Er wird sich das am nächsten Tag vorwerfen, genau wie die Tatsache, dass er die ganze Zeit nicht auf sein Handy geschaut hat oder dass er überhaupt an diesem Abend zu Grantaire gegangen ist. Vorerst aber zieht er nur die Brauen zusammen und starrt auf die Nachrichten vor ihm.

- Musichetta -

entgangener Anruf (19:34)

19:35 ruf mich mal bitte zurück, okay?
19:35 Boss?
19:36 ruf zurück, wenn du kannst
19:44 es ist wichtig
19:49 wirklich wichtig.
19:50 !!!

entgangener Anruf (19:55)
entgangener Anruf (19:56)

20:02 Man Bossuet, ich meine es ernst
20:14 wann bist du zuhause?
20:26 ey es kann doch echt nicht SO spannend bei dir sein…was machst du eigentlich?
20:28 kein Mensvh schaut so lange nihct aufs Handy!
20:28 wo bist du??

entgangener Anruf (20:49)

20:49 *diese Nachricht wurde gelöscht*
20:50 *diese Nachricht wurde gelöscht*

entgangener Anruf (21:12)

21:12 komm dann einfach nachhause ja?


Nachhause kommen. Das ist es, was er zu tun hat. Bossuet steckt sein Handy zurück in die Jackentasche und wirft sich mit den Händen etwas kaltes Wasser ins Gesicht, bevor er sich auf den Weg macht.



***



Grantaires Badezimmer befindet sich glücklicherweise nahe der Eingangstür und weit genug vom Wohnzimmer entfernt, als dass er unbemerkt hinausgelangen kann. In nicht einmal drei Schritten ist er aus der Tür und im Treppenhaus. Er kann nichts dort vergessen haben, denn er ist ja mit nichts gekommen und da inzwischen noch einige der Amis hinzugekommen sind, fällt sein Fehlen vermutlich nicht unmittelbar auf. Natürlich ist es nicht unbedingt höflich den anderen gegenüber, sich einfach so ohne Verabschiedung davonzumachen. Aber was soll er antworten, wenn sie ihn fragen, warum er schon geht? Ein vergessener Abgabetermin oder Lernen für die Klausur kommen als Ausreden ja nicht mehr in Frage. Und die Wahrheit? Wäre es etwas wirklich Beunruhigendes, hätte Chetta ganz bestimmt jedem und nicht nur ihm geschrieben. Nein, Bossuet spürt, dass es irgendetwas persönliches ist. Und er ahnt auch schon, was.
„He, hey, hey“
Scheiße.
Feuillys Haare sind nass vom Regen und er schnauft, als wäre er durch selbigen gerannt, aber vielleicht spricht da auch nur die Müdigkeit aus ihm. Mit dunklen Ringen ist sie ihm unter die Augen gemalt. Er scheint schon lang auf den Beinen zu sein.
„Ah, Feuilly.“
Er reagiert ein wenig verspätet. Bis eben hat er nicht gewusst, dass ihm das Sprechen so schwerfällt und dass seine Kehle wie zugeschnürt ist. Er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen.
„Hätte nicht gedacht, dass du noch kommst“ ergänzt er hastig und krallt dabei die zitternden Hände insTreppengeländer.
„Hatte bis eben noch zu tun. Und du gehst schon wieder? Alles okay? Ist doch erst halb 10 oder so.“
„Ja du, ich hab‘ was wichtiges vergessen zuhause…ähm, sag mal, kann ich mir deinen Wagen leihen?“
Feuilly mustert ihn ungläubig, als schätze er seine Fahrtüchtigkeit ab. „Ich bin mit dem Fahrrad da.“ erwiderter schließlich.
„Kann ich mir das leihen?“
„Hast du mal aus dem Fenster geschaut? Es gießt wie sonst was!“
Bossuet zuckt mit den Schultern. Dann nimmt er halt den Bus. Vorausgesetzt, dass der gerade fährt, wäre das sowieso am schnellsten.
„Ich muss dann auch.“ murmelt er und schiebt sich an Feuilly vorbei die Treppe hinunter. Er hört ihn noch hinter sich ‘du hattest aber auch schon ein paar zu viel, oder?‘ sagen und ist sich nicht sicher, ober damit angesprochen wurde oder nicht, aber da ist er auch schon am Ende der Treppe angelangt.
Bevor er in den strömenden Regen hinausritt, wählt er Musichettas Nummer.




***





Während er sich bückt, um den Schlüsselbund vom Boden aufzuheben, schmeckt er den kupfernen Geschmack von Blut auf der Zunge. Er hätte sich den Matsch von den Schuhen abtreten oder jede Stufe der Treppen einzeln nehmen sollen. So haben sie ein ungutes Eigenleben entwickelt. Er hat sich bestimmt keinen Zahn ausgeschlagen, bloß ein wenig die Unterlippe eingerissen. Und das Genick hat er sich auch nicht gebrochen. Man muss ja positiv denken!
Dennoch ist er etwas benommen. Er braucht ein wenig, bis er den richtigen Schlüssel gefunden und mit diesem auch das Schlüsselloch getroffen hat. Noch bevor er die Hand an die Klinke legen kann, wird die Tür von innen geöffnet.
„Da bist du ja.“
Trotz der eingehenden Aufforderung, nach Hause zu kommen; Musichetta sieht nicht so aus, als wäre sie besonders froh, ihn zu sehen. Ihre Lippen sind zu einem schmalen Spalt zusammengepresst und auch dem Blut, das Bossuet übers Kinn läuft, würdigt sie keinen Kommentar.
„Hey.“ sagt er und versucht sich an einem entschuldigenden Lächeln, während er sich mit dem Handrücken über die Unterlippe fährt.
„Du bist nass.“
„Es regnet.“
Dieses Gespräch führt nirgendwo hin. Bossuet schiebt sich mit mangelnder Eleganz an ihr vorbei in den Flur und zieht Jacke und Schuhe aus. Musichetta ist nicht wirklich wütend, denkt er, das sähe anders aus. Sie ist nur besorgt und weiß nicht, was sie machen soll.
Er weiß das, er kennt das Gefühl.
„Wo ist er?“
„In der Küche.“
Er hängt seine Jacke, die vom Regen noch immer triefend nass ist, an die Garderobe und will sich gerade an ihr vorbei drängen, da hält sie ihn am Arm fest.
„‘Pulmonale Thromboembolie‘“ raunt sie ihm zu. Ihre Stimme klingt bitter. Ihre Lippen haben sich zu etwas verzogen, was ein Lächeln sein könnte, aber keines ist.



Joly blickt auf, als Bossuet die Küche betritt, und lächelt. Er sieht okay aus, zumindest einigermaßen. In der Hand hält er einen grünen Buntstift und vor ihm auf dem Tisch steht eine Tasse, aus der das aufgeweichte Etikett eines Teebeutels hängt. Er lächelt, aber seine Augen sind noch immer gerötet und seine Wangen wirken eingefallen.
„Joly!“
Bossuet versucht, so gelassen wie möglich neben ihm Platz zu nehmen. Musichetta ist in irgendeinem Zimmer verschwunden oder vielleicht steht sie auch noch im Flur und weiß nicht wohin mit sich.
Jolys freundlicher Gesichtsausdruck erstirb in der Sekunde, in der er ihn ansieht. Es ist eine komikhafte Verwandlung hin zu einer schockerfüllten Miene, die zirkusreif innerhalb weniger Millisekunden passiert. Bossuet würde lachen, wenn er könnte.
„Was ist denn mit dir passiert?“
„Ach nichts, bin eben auf der Treppe gestürzt. Es ist nichts.“
Er will eine legere Handbewegung zu machen, doch sie endet in einem nervösen Fuchteln.
„Was machst du denn da?“ versucht er das Thema zu wechseln. Jetzt bloß keinen Grund zur Besorgnis liefern. Glücklicherweise geht Joly bereitwillig darauf ein.
„Sudoku.“ antwortet er und seine Mundwinkel ziehen sich wieder nach oben. „Das ist ein sehr gutes Entspannungs- und Gehirntraining und außerdem äußerst erdend!“
Bossuet zieht amüsiert eine Augenbraue nach oben und dann müssen sie beide lachen. Es ist schön, Joly lachen zu sehen, vor allem, weil er bemerkt, dass es kein bisschen gestellt ist. Auch, wenn die noch immer verquollenen Augen etwas anderes vermuten lassen.
„Nein“ fährt er fort „ich kann damit eigentlich echt nichts anfangen. Aber Chetta hat mir mein Handy weggenommen und mir verboten zu lernen und das war das Erstbeste, um mich zu beschäftigen.“
„Klingt…..autoritär.“
„Ach was, sie war wirklich lieb. Sie hat mir auch diesen Tee hier gekocht!“ Demonstrativ nimmt er einen Schluck aus der Tasse. „Kroatische Zitronenminze.“
Er grinst, doch das Grinsen dauert einen Augenblick zu lange an. Bossuet blickt ihm eine Weile in die Augen und sucht darin irgendetwas, doch er findet nichts, worauf er sich einen Reim machen kann und so fragt er schließlich
„Joly, was ist passiert?“
Joly setzt die Teetasse wieder auf dem Tisch ab, behält sie aber weiter in den Händen. Sein Grinsen nimmt ab, kaum merklich.
„Ach, ich bin bloß….durchgedreht.“
Er versucht vermutlich, es wie einen Scherz klingen zu lassen, aber so klingt es nicht. Bossuet seufzt.
„Aber wieso? Ich dachte, du meintest, du hättest das mittlerweile im Griff“
„Hatte ich auch.“ Jolys Stimme klingt eine Spur zu schrill und in seinen Augen sammelt sich wieder Wasser. „Hatte ich wirklich! Aber seit ein paar Tagen ist es wieder da, irgendwie immer, bei allem, was ich tue - und ich habe versucht, es zu ignorieren oder mir zu sagen, dass es ganz normal wäre, aber vorhin konnte ich das nicht mehr, weil ich wirklich gespürt habe, dass etwas nicht stimmt! Man denkt, man kann sich sowas nicht ausdenken oder einbilden oder so und…und wenn es dann soweit ist, denkt man gar nicht mehr daran, kann man überhaupt nicht mehr denken. Und ich habe etwas gefühlt, da bin ich mir sicher–i-ich konnte überhaupt nicht mehr atmen oder klar sehen oder klar denken und mein Herz hat viel zu schnell geschlagen und ich dachte wirklich, ich sterbe, wirklich…“
Seine letzten Worte gehen in einem Schluchzen auf.
Es ist ein trauriger Anblick – er ist ein trauriger Anblick – und Bossuet bricht es wieder mal beinahe das Herz. Er steht auf, um seine Arme um ihn zu legen, denn viel mehr kann er momentan nicht tun. Das letzte Mal ist nun schon beinahe zwei Jahre her und sie hatten alle gehofft, dass es sich irgendwie endgültig erledigt hat, doch das waren wohl illusorische Vorstellungen gewesen. Und, wenn er ganz ehrlich sein soll; in letzter Zeit hat er es beinahe vergessen. Vielleicht war das ein Fehler gewesen.
Vielleicht auch ein Segen. Jeder Tag, an dem es Joly gut geht, sollte ein guter Tag sein. Jeder Tag ohne Angst, ohne Panikattacken, ohne ewige Arztbesuche und obskure Selbstdiagnosen. Wieso die guten Tage durch sinnlose Grübeleien verderben?
Vielleicht ist Bossuet aber auch genauso ratlos wie alle anderen.
„Ich weiß.“ sagt er also.
Jolys Gesicht ist gerötet, als er zu ihm aufblickt. Seine Stimme noch immer gebrochen.
„Ich will nicht, dass es zurück ist.“
„Ich auch nicht.“
Durch den dünnen Stoff seines T-Shirts kann Bossuet Jolys Herzschlag spüren. Er geht schnell, aber es scheint ihm, als beruhige er sich allmählich. Das ist gut. Weil es ihn nicht wieder auf Ideen bringen kann.
Vor ein paar Jahren, als es mit der Angst am schlimmsten war, verging kaum ein Tag, an dem Joly nicht dauerhaft seinen Blutdruck messen oder seine Haut auf irgendwelche winzigen Veränderungen absuchen musste, an dem er normal essen oder schlafen oder zur Uni gehen konnte.
Die ewigen Diskussionen und Internetrecherchen; Cyberchondrie, der Teufelskreis der Angst, die Vor- und Nachteile von Arztbesuchen, die Vor- und Nachteile von Therapien – der ganze Mist erscheint Bossuet so ewig weit weg. Und jetzt soll alles wieder von vorn anfangen?
Er weiß nicht, ob sie das alles noch einmal überstehen. Aber er hofft es inständig.
„Und es tut mir leid, dass ich nicht da war. Das war blöd von mir.“ flüstert er.
„Ach nein!“
Joly löst sich aus der Umarmung und fährt sich mit den Handrücken über beide Augen. Er wirkt weniger aufgelöst, seine Stimme hat sich wieder gefangen und auch seine Körperhaltung ist aufrechter.
„Nein, mach dir keine Vorwürfe, Boss.“ Wenn man so will, ist sein Tonfall beinahe verärgert. „Du hast es ja nicht ahnen können. Und selbst wenn – du hast dein Leben, was nebenbei bemerkt schon schwierig genug ist. Du musst nicht auf mich aufpassen oder so. Das habe ich Chetta übrigens auch gesagt. Man, war die vielleicht sauer auf dich.“
Bossuet lächelt. Das stimmt wohl.
„Apropos, deine kroatische Zitrone wird kalt.“
„Zitronenminze“ korrigiert Joly lachen. „Wo warst du überhaupt?“
„Bei Grantaire. Wir wollten uns doch wegen der letzten Klausur treffen. Also, Grantaire nicht, aber—“
„Achja, deine Prüfung.“ fällt Joly ihm ihn Wort. „Scheiße, die hatte ich gerade total vergessen…
Wie lief’s?“



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