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König Drosselbarts Bruder

von Nesaja
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
12.11.2020
12.11.2020
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König Drosselbarts Bruder

Die gute Fee seufzte tief und laut. Und gleich noch einmal, nur zur Sicherheit Vielleicht half es ja. Sie sah in ihren Zauberspiegel, der eigentlich eine Vogeltränke war und in einem wunderschönen, wilden Garten stand Die Bienen summten und sammelten emsig Vorräte für den Winter, eine dicke Hummel brummte zu einer leuchtenden Ringelblume und der alte Rosenstrauch wetteiferte mit dem Schmetterlingsbusch, wer den schönsten Schmetterling trüge. Federleicht und flatterhaft zogen sie jeden Blick auf sich.
Die gute Fee seufzte noch einmal. Im Gegensatz zu dieser traumhaften Idylle war das, was der Spiegel ihr zeigte, ein Alptraum. Ärger im Paradies, aber so was von.
Als das erneute Seufzen immer noch nicht half, begann sie unruhig durch ihren Garten zu laufen und erschreckte neben etlichen Vögeln, Grashüpfern und Insekten auch eine große Weinbergschnecke, die sich nur dadurch retten konnte, dass sie blitzschnell die Fühler einzog und in ihrem Haus verschwand. Millimeterarbeit. Puh, gerade noch mal gut gegangen.
Zurück zum Spiegel und der guten Fee. Gut meinen und gut machen sind leider oft genug zwei ganz verschiedene Dinge. Und diese gute Fee war zwar wirklich lieb, aber…naja…es klappte eben nicht immer so, wie sie es gerne gehabt hätte.
Schließlich hatte sie eine romantische Ader, die ihr Können weit übertraf. Was sie aber, zu ihrem Glück und zum Leidwesen anderer, nicht richtig einzuschätzen wusste.
Der Spiegel hingegen war gnadenlos ehrlich. Er fand es sogar äußerst amüsant, der Fee zu zeigen, was sie mal wieder angestellt hatte.

König Drosselbart war verärgert. Er war so verärgert, dass er sich nicht nur den Bart, sondern auch das Haupthaar so lange raufte, bis es nach allen Richtungen abstand und er gewisse Ähnlichkeiten mit einem – in sehr ferner Zukunft berühmten – Wissenschaftler aufwies.
In seiner wöchentlichen Audienzstunde hatten sich alle Töpfer vom Markt versammelt und riefen empört durcheinander. Ein Mann, der dem König sehr ähnele, aber sicher nicht der König selbst, der würde so etwas unerhörtes mit Sicherheit nie gutheißen, geschweige denn selbst anrichten, sei über den Markt galoppiert, drei Tage nacheinander, erst auf einem weißen, dann auf einem braunen und schließlich auf einem schwarzen – ja, einem schwarzen! – Pferd – immer genau bis an der Stelle am Tor, wo seit neuestem eine durchgeknallte fremde Bettlerin saß, die schlechte Töpferware anbot. Und genau an dieser Stelle passiere immer das gleiche. Die Frau stehe erschrocken auf, die Kapuze rutsche ihr vom hellblonden Haar, auf das die Sonne fiel – und das war´s dann. Sie sei so schön, dass alle geblendet die Augen schlössen und dann schepperte es und das Pferd tobe, und wenn sie die Augen wieder öffneten wäre all ihre Ware zertrümmert und ein hinkender Mann führe ein hinkendes Pferd davon und sie säßen vor Entsetzen gelähmt vor den Trümmern ihrer Existenz. Nur die Waren der Frau wären noch ganz.
Der König müsse seine Untertanen schützen und schleunigst etwas unternehmen, sie wüssten jetzt schon nicht mehr, wie sie ihre Familien ernähren sollten (nun, das war nur ein ganz, ganz kleines Bisschen übertrieben)
König Drosselbart erhob sich und gebot mit einer herrischen Geste seinem Volk, zu schweigen. Er mochte diese Audienzstunden nicht, war als König jedoch gezwungen, sie einzuhalten. Das dumme Volk jammerte und klagte unentwegt über völlige Belanglosigkeiten, die ihn maßlos langweilten. Meistens hörte er gar nicht richtig zu und sah aus dem Fenster, bis auch der letzte Anwesende verstummte und resigniert abzog. Doch dieses Mal nicht. Heute wagte die Meute doch tatsächlich, sich gegen ihn zu wenden!

„Wagt ihr es noch einmal zu behaupten, ich würde eure Waren zerstören, so lasse ich euch ins Verlies werfen und eure Familien verjagen!“ rief er so laut, dass es mehrfach von den Wänden der Halle abprallte und als Echo in den Ohren der armen Töpfer wieder und wieder erklang. Heute Nacht würden sie alle Alpträume bekommen.
„Ich werde die Wachen ausschicken und die Frau einsperren lassen, die es wagt, den Burgfrieden zu stören.“
Damit beendete er die Audienz und warf die Töpfer mehr oder weniger hinaus. Als er endlich alleine war, begann er unruhig hin und her zu humpeln und sich die Haare noch mehr zu zerraufen.
Natürlich war er es gewesen, der auf den Pferden gesessen hatte. Drei seiner besten Jagdpferde waren verletzt wegen dieser, dieser…ach, er fand einfach keine Worte dafür. Er wollte doch nur auf die Jagd gehen, und jetzt konnte er nicht einmal mehr zum Burgtor hinausreiten, weil dieses „Hindernis“ dort den Weg versperrte. Und zu Fuß gehen kam nicht infrage. Er doch nicht! Dumm war nur, dass es noch niemand geschafft hatte, bis zu dieser Frau zu gelangen, da jeder in ihrer Nähe so von ihrer Schönheit geblendet war, dass er sie einfach nicht fand. So hatte sie bisher noch niemand festnehmen können. Keiner wusste, wer sie war und wohin sie immer verschwand.
Es musste dringend eine Lösung her!
Nach stundenlangem Überlegen fiel es dem König endlich ein. Natürlich! Sein lästiger kleiner Bruder, Prinz Ohnebart, sollte das Problem ein für alle Mal aus der Welt schaffen. Aus seiner Welt, aber pronto. Am besten sich selbst gleich mit. Drosselbart wusste, dass letzteres leider nur Wunschdenken war. Nicht einmal als König konnte man alles haben.

Oh je, oh je“, dachte die gute Fee. Das ist ja ganz schön schief gegangen. Dabei wollte ich doch nur dieser netten Prinzessin helfen.“ Aufgeregt begann sie, verwelkte Blätter und Stängel von ihren Pflanzen abzuzupfen, etwas, das sie meistens machte, nachdem sie in den Spiegel gesehen hatte. Also ziemlich oft. Deshalb war ihr Garten auch außerordentlich gut gepflegt.
Und wieder kam die Weinbergschnecke nur knapp mit dem Leben davon. Sie saß zitternd in ihrem Schneckenhaus und hoffte sehr, dass sie den heutigen Tag überleben würde. Wenn sie es nur bis unter das Rhabarberblatt schaffen könnte… Da war die gute Fee vorher schon dran.
Gedankenverloren griff die Fee nach einem Mimosenblatt, aber die sah das Unheil kommen und rollte sich blitzschnell ein, so dass kaum noch etwas von ihr zu sehen war und die gute Fee ins Leere griff. Salbei, Minze und Lavendel fingen an, stark zu duften und allmählich beruhigte sie sich so weit, dass sie sich seufzend auf dem Rand des Brunnens niederließ und versuchte, sich die wilden Locken ein wenig in Form zu zupfen. Der Frosch auf dem Seerosenblatt schwieg derweil vornehm. Nein, er war es nicht und er trug auch keine Krone. Der Froschkönig hat in dieser Geschichte nun wirklich nichts zu suchen. Sie ist auch so schon wirr genug.
Zurück zur guten Fee. Mit einer Hand rührte sie im Brunnenwasser und sah den Wellen nach. Sie erinnerte sich noch ganz genau an den Moment, als sie zu Besuch bei ihrem Cousin, dem königlichen Hofastrologen, auf Schloss Buntsandstein mit einer unscheinbaren jungen Frau zusammengestoßen war, die in der Morgendämmerung heimlich durch ein Seitenportal entwischen wollte. Da sie ein schweres, in eine große Decke gehülltes Bündel mit sich trug, vermutete die Fee zuerst, es handele sich um eine Diebin und wollte Alarm schlagen. Doch dann stellte sich heraus, dass es die Prinzessin war. Ihr Vater wollte sie alsbald vermählen, doch bisher hatten sich alle Prinzen als ungeeignet erwiesen. Sie waren allesamt egozentrisch, eingebildet und vor allem ungebildet. Man konnte sich mit ihnen nur über sie selbst und ihre Heldentaten bei der Jagd unterhalten und in ihren Augen konnte man sogleich erkennen, dass ihnen an der Prinzessin nur die Mitgift gefiel. Mit einem solchen Mann würde sie sich bald langweilen und in jungen Jahren viel zu früh daran sterben.
Die gute Fee war so erschüttern, dass sie der Prinzessin ihre Hilfe anbot. Zuerst einmal zauberte sie ihr einen kräftigen Esel herbei, der mühelos die Töpferware tragen konnte, die die Prinzessin zu ihrer Tarnung mitnehmen wollte. Dann verzauberte sie die Prinzessin selbst. Jeder Mann, der ihr ins Antlitz sah, sollte ihre Schönheit sofort erkennen können.
Und das war der Punkt, an dem die ganze Aktion ein wenig aus dem Ruder lief. Sie hatte nicht lange genug nachgedacht, es war ja auch keine Zeit dafür gewesen. Und dabei war ihr dieser klitzekleine Fehler in der Wortwahl unterlaufen. „Von blendender Schönheit“. Sagte man doch so, oder? „Du siehst heute aber wieder blendend aus!“ Warum ihr Zauberstab immer wieder so maßlos übertreiben musste  ?
(„He! Das ist unfair! Wenn die Fee eines nicht kann, dann ist das, einen Auftrag so zu formulieren, dass ich ihn auch so erledigen kann, wie sie sich das gedacht hat!“ warf der Zauberstab an dieser Stelle empört ein.)
(„Klappe zu, stör mich nicht, wo war ich gerade stehen geblieben? Ach ja, blendend.)
Jetzt war die Prinzessin so blendend schön, dass sie niemals einen Mann finden würde, der sie überhaupt erkennen konnte. Und immer ging alles in ihrer Nähe kaputt. Das würde auf die Dauer jedes Königreich in den Ruin treiben. Eine Lösung musste her, aber fix.

Derweil hatte König Drosselbart Prinz Ohnebart zu sich bestellt. Dieser war ein hochgewachsener („zu groß“) schlanker („zu dünn“) und durchtrainierter („zu muskulös“) und hübscher junger Mann mit wilden blonden Locken („bäh, zu schön“, dachte der König abfällig. Dabei war er nur neidisch. Er selbst war klein und rund.)
„Du musst dieses Weib finden und außer Landes schaffen!“ befahl der König barsch. Wo steht schließlich geschrieben, dass man zu kleinen Brüdern nett sein muss?
„So, muss ich das?“ fragte dieser mit unverkennbarem Spott in der Stimme. Er kannte die miese Laune seines Bruders nur zu gut. Aber so eine kleine Reise als Abwechslung zu seinem täglichen Training und dem Studium wäre nicht schlecht. Zudem liebte er Rätsel:

Finde eine Frau, von der niemand weiß,
wie sie wirklich aussieht und wo sie wohnt.

Prinz Ohnebart schnürte sein Bündel, zog gute Stiefel an, setzte einen Filzhut auf, der ihn vor Regen schützen würde und marschierte los. Zunächst einmal durch das ganze Schloss, den Hof, treppauf, treppab, durch das Gesindehaus, die Backstube, die Küche, den Stall, bis er schließlich in der Waschküche fündig wurde. Dort lag auf einem Berg ungewaschener Geschirrtücher ein kleiner wolliger Hund mit riesigen Augen und viel zu großen Ohren. Es war ein ganz besonderer Hund, der die Gabe hatte, hinter die Dinge sehen zu können. Im Gegensatz zu Drosselbart hatte Prinz Ohnebart viele Freunde, denn er war immer freundlich und höflich. So bat er denn den kleinen Hund, ihm bei der Suche zu helfen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Unterdessen war die Prinzessin in ihre Hütte auf einem kleinen Hügel zurückgekehrt, hatte die Töpferware abgeladen und aufgeräumt und den kleinen Esel liebevoll umsorgt. Er durfte frei herumlaufen und am immer grünen Gras naschen Auch er konnte die Prinzessin so sehen, wie sie war. Esel können das, Pferde eher weniger. Die rennen erst weg und fangen danach an zu denken.
Manchmal wünschte sich der Esel einen Kameraden, ein bisschen einsam war es auf dem Hügel schon. Dafür hatte man von dort oben einen wunderschönen Ausblick über das wellige Land mit seinen kleinen Wäldern, den Flüssen und winzigen Dörfern, die wie bunte Farbtupfer aus einem Meer von Grüntönen herausleuchteten. Kleine gelbe Felder und schmale Wege durchzogen das Bild. Bald war Erntezeit.
Abends saß die Prinzessin oft auf der kleinen Bank vor ihrer Hütte und sah übers weite Land. Eigentlich war sie ganz zufrieden. Geld hatte sie genug, sie musste nicht arbeiten, wenn sie nicht wollte. Sie befand sich außerhalb der Reichweite ihres Vaters, er konnte sie also auch nicht zurückholen und zwingen, irgendeinen Mitgiftjäger zu heiraten. Sie seufzte. Manchmal wäre es schön, jemanden zum Reden zu haben. Sie sprach zwar mit dem Esel, wenn er zu ihr kam, um sich kraulen zu lassen, aber gewöhnlich antwortete er nur mit I-ah. Er war nicht sehr gesprächig.
Als es dunkel wurde kehrte sie ins Haus zurück, um noch ein wenig aufzuräumen, bevor sie schlafen ging.

Die Gute Fee nahm ihren Rundgang durch den zauberhaften Garten wieder auf. Diesmal hatte die Weinbergschnecke kein Problem mit der Fee. Sie lag glücklich und zufrieden unter einem Rhabarberblatt und schlief. Schließlich stand die Gute Fee wieder vor dem Zauberspiegel, der vorsichtshalber dunkel blieb. „Jetzt stell dich doch nicht so an!“ schimpfte sie mit ihm. „Ich möchte sehen, was die Prinzessin gerade macht.“ Na gut, dachte der Zauberspiegel. Dabei kann ja nicht viel schiefgehen. Und er zeigte ihr die Prinzessin. „Sie sieht traurig aus“, sagte die Gute Fee. „Dagegen kann ich etwas tun.“ Und schon zückte sie ihren Zauberstab und sprach: „Schenk der Prinzessin einen Mann, mit dem sie prima reden kann!“  Der Spiegel stöhnte. Die Gute Fee hatte in diesem Moment den Esel angesehen….

Prinz Ohnebart war inzwischen schon zwei Tage unterwegs. Es war Wochenende und daher fand Zuhause auch kein Markt statt. So konnte er ein wenig langsam tun und hier und da, wo es ihm gerade gefiel, eine Rast einlegen. Ein Bad in einer ruhigen Biegung des Flusses. Bucheckern sammeln und knacken – hatte er das zuletzt nicht als Kind gemacht? Er trug einer alten Bauersfrau ihren schweren Korb nach Hause und bekam dafür ein herzhaftes Nachtmahl und einen trockenen Platz zum Schlafen in der Scheune in einem herrlich duftenden Heuhaufen. Abenteuer pur. Der Prinz war sehr zufrieden und auch der kleine Hund fühlte sich wohl.
Morgens waren beide wieder früh auf den Beinen. In den kleinen Dörfern und Weilern fragte er nach der schönen Frau und erfuhr ziemlich unterschiedliche Dinge. Wie sie angeblich aussah. „Sie ist riesig, größer als Ihr!“, sagte einer. „Nein, nein, das war nur ihr Schatten. Sie ist klein wie ein Zwerg!“ Keiner wollte dem Prinzen gegenüber zugeben, dass sie sie ja gar nicht erkennen konnten. Nur, dass sie noch jemanden oder etwas mit dabei hatte. „Ein Ungeheuer mit langen spitzen Ohren!“  Manche hielten sie für eine Hexe und fürchteten sich. Nur eine alte blinde Frau lachte leise vor sich hin. „Böse Hexe. Das haben sie früher auch schon über mich gesagt. Und seht mich an, sehe ich wie eine böse Hexe aus?“ fragte sie den Prinzen. Der schüttelte den Kopf, obwohl er gar nicht wusste, wie eine böse Hexe auszusehen hatte und die alte Frau dies ohnehin nicht sehen konnte. „Nein, sicher nicht“, antwortete er charmant. „Wisst Ihr,  ich kann zwar nicht sehen, aber wenn ich eine Stimme höre, dann kann ich erkennen, ob jemand gut oder böse ist. Und dieses Mädchen hat eine wunderbare Stimme. Sie stammt nicht von hier. Mir erschien sie recht gebildet und liebenswürdig zu sein.“

Je öfter Prinz Ohnebart nachfragte, desto enger konnte er das Gebiet eingrenzen, in dem sie zu finden sein musste. Schließlich gelangte er am Fuß des Hügels an, auf dem Prinzessin Marion wohnte.
Es war schon zu spät, um weiter zu reisen. Daher schlugen sie ihr Nachtlager unter einer großen Tanne auf und ließen sich vom sanften Rauschen des Windes in den Schlaf singen. Der kleine Hund kuschelte sich dicht an den Prinzen und wie jeden Abend breitete dieser seinen warmen Umhang über sich und dem Hund aus. So musste keiner von beiden frieren.

Der Prinz reckte und streckte sich und gähnte ausgiebig. Nachdenklich sah er auf den Pfad, der sich den nur spärlich bewachsenen Hügel hinaufzog. Von dort oben hatte man sicherlich einen guten Blick über das Land. Vielleicht hatten sie auch Glück, und die mysteriöse Frau wohnte tatsächlich dort oben. Gemeinsam machten Hund und Herr sich auf den Weg.

Die Prinzessin saß vor ihrer Hütte und dachte nach. Sollte sie noch einmal zur Burg zurückkehren und versuchen, ihre Ware zu verkaufen? Es war zwar sehr schön hier oben, aber nach zwei Tagen ohne einen Gesprächspartner wurde ihr langweilig. War es vielleicht an der Zeit, in ihr eigenes Schloss zurückzukehren? Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als eine angenehme Männerstimme neben ihr „Guten Morgen, Prinzessin“, sagte. Sie zuckte zusammen und drehte rasch den Kopf zur Seite. Doch da stand nur der Esel. „Du kannst sprechen?“ fragte sie verblüfft. „Natürlich kann ich das, mache ich doch schon die ganze Zeit!“ gab der Esel zurück. „Aber – aber du hast immer nur I-ah gesagt, wie ein richtiger Esel.“ „Ich bin immer noch ein richtiger Esel!“ Er klang beinahe beleidigt. „Ja, natürlich“, beeilte die Prinzessin sich zu sagen. „Ich finde es nur erstaunlich, dass ich dich plötzlich verstehe.“ „Tja, das verstehe ich auch nicht“, antwortete der Esel. „Aber es gefällt mir!“ Übermütig tänzelte er über die Wiese. „Ich kann reden, reden re-he-den!“ Er sang beinahe.

In diesem Moment kam ein fremder Wanderer den Berg herauf. Der Mann blieb stehen und starrte den Esel fassungslos an. Dann drehte er sich lächelnd zu seinem Hund um und wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Wieder starrte er den Esel an. Legte den Kopf schief und lauschte.
Plötzlich rannte der Mann zum Esel hinüber und packte ihn am Kopf. Es sah so aus, als ob er versuchte, die Stimme aus dem Tier herauszuschütteln und als ihm dies nicht gelang, griff er ihm ins Maul. Da wurde es dem Esel zu viel, er riss sich los, drehte sich um und schlug aus. Atemlos landete der Fremde auf dem Rücken. Er konnte hören, wie der Esel laut und deutlich „Idiot“ fauchte, mit der Stimme des Prinzen. Der kleine Hund rannte aufgeregt kläffend zwischen der Prinzessin und dem Prinzen hin und her. Als diese sich hinreichend von diesem Spektakel erholt hatte lief sie zu Ohnebart hinüber, um ihm auf die Beine zu helfen. Schwankend stolperte dieser zur Sitzbank vor der Hütte, wo er sich die schmerzenden Rippen rieb und immer noch nach Luft rang.

Prinzessin Marion funkelte den Prinzen wütend an. „Was hast du mit meinem Esel angestellt, Fremder? So etwas habe ich ja noch nie gesehen. Das war gemein! Was willst du hier? Wo kommst du überhaupt her? Wenn du wieder Luft kriegst, dann kannst du gleich wieder verschwinden!“ Immer wenn sie sich aufregte, sprach die Prinzessin ganz viel und ganz schnell.
Prinz Ohnebart wollte antworten, brachte aber keinen Ton heraus. Er deutete auf seinen Hals und zuckte entschuldigend die Schultern. Dann zeigte er wieder auf seinen Hals und anschließend auf den Esel. Die Prinzessin brauchte einen Moment, um zu verstehen.  „Du glaubst also, der Esel hätte deine Stimme?“ Heftiges Nicken seitens des Prinzen. „Aber wieso?“ Schulterzucken. „Gut, da muss ich erst einmal darüber nachdenken“, sinnierte Prinzessin Marion. „Und warum bist du hier? Es folgte eine Menge unverständlicher Gesten.
„Warte, warte, so wird das nichts.“ Sie ging ins Haus und holte einen Kohlestift und Papier. „Du kannst es bestimmt aufmalen“, meinte sie großzügig und staunte nicht schlecht, als der Fremde in schön geschwungener Schrift anfing, das Papier Zeile um Zeile zu bedecken.
Nachdem sie alles gelesen hatte, sah sie den Prinzen lange an.
„So, Ihr seid also Prinz Ohnebart, der Bruder von König Drosselbart. Was mache ich jetzt nur mit Euch?

Stundenlang war die Gute Fee fröhlich und vergnügt gewesen. Endlich würde die Prinzessin angemessene Gesellschaft bekommen. Doch als sie nachsehen wollte, wie gut es stand, zeigte ihr der Zauberspiegel wieder einmal ein ganz anderes Szenario. Oh je, oh je, oh je – da war ja was ganz schön aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht sollte sie sich mal einen neueren Feenstab besorgen, der hier machte wirklich zu viele Fehler. („Das ist doch die Höhe! Vielleicht sollte ich mir mal eine neue Fee suchen!“) „Klappe zu, ich muss nachdenken!“
Der Weinbergschnecke brach bei diesen Worten der Angstschweiß aus – bis ihr einfiel, dass sie immer noch unter dem Rhabarberblatt in Sicherheit war.
„So, das reicht jetzt!“ rief die Gute Fee. „Ich kümmere mich persönlich darum!“ Sie schnappte sich ihren Mantel und verließ das Haus. Das erleichterte Seufzen ihrer Mitbewohner und das laute Lachen ihres Zauberspiegels überhörte sie dabei absichtlich.

Da Feen sich ja bekanntlich hin- und wegzaubern können dauerte es nicht lange, bis sie mit einem leisen „Plopp“ neben Prinz Ohnebart und Prinzessin Marion auftauchte. Es bedurfte lediglich zweier oder dreier Landungen auf Nachbarhügeln, bis sie die richtige Stelle gefunden hatte. Glücklich und ein wenig zerzaust stand sie nun neben den Beiden, die sie erschrocken anstarrten, bis die Prinzessin die Fee erkannte.
„Du schon wieder!“ rief sie empört. „Geh weg! Du hast schon genug angerichtet!“ Beschämt senkte die Gute Fee ihren Blick, aber nur für einen kurzen Moment. Der Prinz saß sprachlos und verblüfft daneben. Jetzt verstand er überhaupt nichts mehr.
„Hoheit, würdet Ihr bitte den Esel einfangen und herbringen? Ich habe mit der jungen Dame hier ein Wörtchen unter vier Augen zu sprechen.“ Dermaßen überrumpelt gehorchte Prinz Ohnebart sofort. Da Esel, Prinz und Zauberspiegel nicht anwesend waren, ist das Gespräch der beiden nicht überliefert. Die Fee ging jedenfalls eindeutig als Siegerin aus dieser Diskussion hervor.
Schließlich waren alle vier beieinander und ohne zu zögern begann die Gute Fee klar und deutlich zu sprechen:

Männerstimme
Eselschrei
auf Eins Zwei-Drei
ist es vorbei
Blendend schön ist viel zu viel
drum beendet dieses Spiel
hier und jetzt der Feenstab
den ich in den Händen hab!

(„Na bitte, es geht doch!“ dachte sich dieser.) Und mit einem bisschen Feuerwerksgetöse war ruck-zuck alles wieder so wie früher. Fast jedenfalls. Denn der Zauberstab hatte Mitleid mit dem Prinzen, der dauernd die Augen zusammenkneifen musste, um halbwegs deutlich sehen zu können.
Und als Prinz Ohnebart Prinzessin Marion nun zum sozusagen ersten Mal richtig sah, verliebte er sich auf der Stelle in sie. Er brachte sie sicher in ihr Schloss zurück und war die ganze Zeit über so nett, zuvorkommend und unterhaltsam, dass auch sie sich bald sicher war, endlich den Richtigen gefunden zu haben. Und das ganz ohne Zauberei.

Natürlich gab es ein wunderschönes Hochzeitsfest. König Drosselbart war nur sehr ungern dazu angereist, aber er sagte sich, schließlich sei es das letzte Mal, dass er für seinen Bruder Geld ausgeben musste. Drosselbarts Töpfer erhielten von der Prinzessin eine großzügige Entschädigung. Und so lebten fast alle glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage. Bis auf den Esel.
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