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Der Weg ist das Ziel

von marieschi
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
Emery Bothwell Old Firehand Old Shatterhand Winnetou
10.11.2020
11.06.2021
12
43.794
16
Alle Kapitel
83 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
11.06.2021 3.759
 
Ich möchte diesem Kapitel noch ein paar Worte vorausschicken:
Es gab in einem Review die Anmerkung, dass die Zeiten nicht ganz stimmen, was ich gar nicht abstreiten möchte.
Die Indianerkriege jedoch endeten nicht alle spontan und plötzlich, es gab sozusagen ein langes Ende.
Hier ein kurzer Überblick:
Black Kettle von den Südlichen Cheyenne starb 1868 bei einem Angriff auf sein Dorf, Custer führte den Befehl dazu aus
Quanah Parker , Comanche, ergab sich  1875
Geronimo kapitulierte zum ersten Mal 1877 und führte nach dem Verlassen der Reservation bis 1886 einen Guerillakrieg , 1886 kam das endgültige Ende
Sitting Bull von den North Dakota ergab sich 1881 in Fort Randall

Mein erstes Pferd erreichte ein hohes Alter, er wurde nahezu 31 Jahre alt.



Ich widme dieses Kapitel Izzy


Es war sehr kalt geworden in der Nacht. Da Winnetou und Entschar Ko an die Gitterstäbe der Gefängniszelle gefesselt waren, hatten sie weder die Möglichkeit sich von der Stelle zu bewegen, sich auf die Pritsche zu setzen oder einem menschlichen Bedürfnis nachzugehen. Sheriff Tigger saß auf dem Stuhl neben seinem überdimensionalen Schreibtisch und hatte die Beine daraufgelegt. So saß er bewegungslos, Stunde um Stunde, den Hut tief in die Stirn gezogen und beobachtete im schwachen Schein der Petroleumlampe seine Gefangenen.

Winnetou und Entschar Ko standen einander gegenüber. Nichts regte sich in ihren Zügen und der Sheriff wartete vergebens auf eine Bitte nach Wasser oder um die Lösung der Handschellen. Schließlich verlor Tigger die Geduld. Der Morgen konnte nicht mehr fern sein und wenn er den Apachen noch einen Denkzettel mitgeben wollte, musste das bald geschehen. Er nahm seine Füße vom Schreibtisch und trat dicht an die Zelle heran.

„War die Nacht entspannt?“ fragte er spöttisch und prüfte den Sitz der Handschellen bei Winnetou, indem er plötzlich daran riss und die Hand des Häuptling zwischen Fessel und Gitter eingeklemmt wurde.

„Tut gut, was?“ grinste er und als Winnetou auch jetzt keinerlei Reaktion zeigte, presste er die Hand des Häuptlings noch fester. Auch diesmal gelang es Winnetou, keinen Schmerz zu zeigen, obwohl er in Wellen durch seinen Arm schoss.

„Du bist ganz schön hart im Nehmen, was Freundchen?“ Tigger spürte, wie die Wut in ihm zu kochen begann. Er wusste, dass Sergeant Wolter auch kein Freund der Indianer war, aber immerhin hielt er sich einigermaßen an gesetzliche Vorschriften.  Es galt also, allzu deutlichen Spuren einer Misshandlung an den Apachen zu vermeiden, deshalb ließ er Winnetous Hand los und kramte in seinen Hosentaschen nach dem Zellenschlüssel. Er zog seinen Revolver und befreite den Häuptling von der Handfessel. Danach öffnete er die Zelle und richtete seine Waffe auf den Apachen.

„So, dann komm mal raus, Du berühmter Häuptling. Ich will Dir etwas zeigen!“

Winnetou zögerte kaum merklich. Aber was sollte er tun? Es gab ja keine Alternative und so hob er beide Hände. Einem Wink mit dem Revolver folgend trat er an Entschar Ko vorbei aus der Zelle.

„So und nun geh hübsch langsam vor mir her zur Hintertüre! Und keine Mätzchen, sonst bist Du ein toter, berühmter Mann!“

Mit der freien Linken verschloss er die Zellentür und winkte den Häuptling vor sich.

„So, Tür öffnen und rausgehen!“ befahl er dann.

Winnetou gehorchte.

„Jetzt umdrehen, aber langsam!“

Winnetou gehorchte auch diesmal, wenn auch alle seine Sinne ihm höchste Gefahr signalisierten.

Und wirklich, kaum hatte er sich umgewandt, schlug Tigger ihm mit aller Kraft die linke Faust ins Gesicht. Der Häuptling stürzte benommen zu Boden. Seine linke Hand war stark angeschwollen und deshalb unbeweglich, seine Lippe aufgeplatzt und zudem hatte er sich bei dem Sturz den Kopf an einem Stein aufgeschlagen. Blut rann ihm von der linken Stirnhälfte in die Augen, als er sich mühsam aufzurichten suchte. Doch schon traf ihn der nächste Hieb, diesmal unter dem Kinn, dann folgte ein Fußtritt in den Bauch. Winnetou ging es zwar wieder erheblich besser als noch vor einigen Wochen, aber dennoch war er längst nicht wieder so kräftig wie vor Jahren. Und als Schlag auf Schlag und Tritt auf Tritt auf ihn einhagelten, verlor er bald das Bewusstsein.

Tigger ließ keuchend von seinem Opfer ab und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Dann ergriff er den Apachen am Arm und schleifte den Bewusstlosen hinter sich her, um ihn in der Zelle achtlos Entschar Ko vor die Füße zu werfen.

„Hier hast Du Deinen Freund zurück. Feiner Freund übrigens, er wollte ohne Dich fliehen. Da musste ich leider ein wenig grob werden!“

Entschar Ko hob den Kopf. Der sonst so ruhige und besonnene Ausdruck war aus seinen Augen gewichen und dem Sheriff loderte daraus ein so abgrundtiefer, zorniger Hass entgegen, dass er erschrocken zurückwich und schnell die Zellentüre wieder abschloss.

„Du brauchst gar nicht so dämlich zu glotzen, Rothaut! Außerdem stinkt es hier gewaltig. Das kann ja kein zivilisierter Mensch ertragen!“

Damit wandte er sich um und verließ das Büro, um nach wenigen Minuten mit zwei großen Wassereimern zurückzukehren. Wieder glitt dieses böse Grinsen über sein Gesicht, als er, ohne jede Vorwarnung, einen Eimer mit Schwung über den Unterhäuptling goss und den anderen über Winnetou leerte. Wasser tropfte aus Entschar Kos langen Haaren, seinem Jagdhemd, seiner Hose, seinen Schuhen und vermischte sich auf dem Fußboden mit dem blutigen Wasser aus Winnetous Haaren, der mit ungezielten, schwachen Bewegungen langsam zu sich kam. Wie gerne hätte sich Entschar Ko zu ihm gebeugt und ihm geholfen, aber er hing ja hilflos an der Zellenwand fest.

„Winnetou, bist Du schwer verletzt?“ flüsterte er in der Sprache der Mescaleros leise.

„Hältst Du wohl das Maul!“ fauchte Tigger. „Hier wird nicht gesprochen, sonst bist Du der Nächste, der dran ist, kapiert?“

Entschar Ko antwortete nicht, hielt aber den Blick unverwandt auf seinen Häuptling gerichtet, der sich jetzt langsam aufrichtete und sich Blut und Wasser aus dem Gesicht wischte, das schlimm zugerichtet war. Aus der Platzwunde an der Stirn tropfte immer noch Blut, ein Auge war zugeschwollen und der rechte Mundwinkel eingerissen. Winnetous linke Hand glich einem aufgeblasenen Ballon und die gesunde Rechte presste er gegen seinen Bauch. Aber auf Entschar Kos fragenden Blick schüttelte er kaum merklich den Kopf. Zwar schmerzte jeder Muskel, jeder Knochen in seinem Körper, aber er war es gewohnt, Schmerzen zu ignorieren und nach einiger Zeit gelang es ihm auch. Trotzdem blieb er, weiter Schwäche zeigend, am Boden hockend. Jede Bewegung, jeder Blick würde den Sheriff womöglich wieder in Rage bringen und er hatte einen Grund auch Entschar Ko zusammenzuschlagen. Das aber wollte Winnetou auf keinen Fall riskieren.

Endlich, wie es schien nach Ewigkeiten, drang zaghaft erstes Tageslicht durch die Fenster und es dauerte nicht lange, bis Sergeant Wolter in Begleitung eines einfachen Soldaten eintrat.

„Guten Morgen, allerseits!“ grüßte er fröhlich. „Ist alles gutgegangen in der Na….?“

Sein Blick fiel auf Entschar Ko, dem das nasse Haar immer noch an den Schultern klebte und dann auf Winnetou, dessen Gesicht mittlerweile blau und schwarz angelaufen, dessen Kleidung mit Blut verschmiert und immer noch nass war.

„Was war hier los?“ fragte er scharf. „Tigger, warum hast Du mich nicht geholt, wenn es Schwierigkeiten gab?“

„Es gab keine. Der Kerl wollte pinkeln und hat dabei versucht abzuhauen. Daran habe ich ihn kurz gehindert. Dabei fiel er auf einen Stein und weil er mit Blut besudelt war, musste ich ihm eine Reinigung zukommen lassen.“

„Und dem anderen gleich mit, wie?“

„Klar,“ grinste der Sheriff, „gute Freunde teilen doch alles, oder?“

Vertraulich legte er dem Sergeanten die Hand auf den Arm. „Nun komm schon Will, mach hier keinen auf Indianerfreund! Ich weiß doch, dass Du die Rothäute so wenig magst wie ich.  So eine kleine Tracht Prügel wird den Kerl wohl nicht gleich umbringen. Die sind das doch gewohnt. Und Deinem Chef sagst Du einfach, er wollte abhauen und ist dabei von seinem Gaul gefallen. Oder denk Dir was anderes aus.“

Wolter warf einen Blick auf den Soldaten, der mit regungsloser Miene neben der Türe stehengeblieben war und betont desinteressiert aus dem Fenster blickte. Der junge Mann war neu in Fort Stanton und Wolter vermochte noch nicht zu sagen, wie er auf so ein Vorkommnis reagieren würde. Nun, er konnte ihm ja unterwegs ein wenig auf den Zahn fühlen.

„Also gut, Tigger, ich nehme die Gefangenen jetzt mit, schließ die Zelle auf!  Corporal Spencer nehmen Sie die Gefangenen in Gewahrsam und bringen Sie sie zu den Pferden.“

Diesmal hinderte der Sheriff Entschar Ko nicht daran, Winnetou aufzuhelfen und Spencer führte die Apachen zu den Pferden.

Tigger und Wolters sahen den beiden nach. „Wird er schweigen?“ fragte der Sheriff.

Wolter zuckte die Schultern. „Ich kenne den Mann erst ein paar Tage. Er kam allein und hatte ein langes Gespräch mit dem Colonel, der ihn mir dann zugeteilt hat. Nun ja, wir werden sehen. Viel kann er ja nicht ausrichten. Wir können ja beide bezeugen, dass der Apache sich davonmachen wollte. Also mach Dir keine Gedanken, aber das nächste Mal lässt Du sowas besser bleiben.“

Man fesselte die beiden Apachen und dann setzte sich der Trupp in Bewegung. Sergeant Wolter schlug einen schnellen Trab an, er wollte Fort Stanton auf jeden Fall noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen.

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Irgendwie war es Anna und Ellen gelungen Paula in ihr Zimmer zu bringen. Hier setzte sich Anna mit dem Kind auf den einzigen Stuhl und wiegte das immer noch leise vor sich hin weinende Mädchen in ihren Armen.

„Psst, sein nur ruhig, Anna passen auf Dich auf. Ich holen jetzt Xin Ni. Er Dir kochen einen guten Tee, dann Du schlafen und morgen schon alles ganz anders. Psst, psst!“

Anna wollte gerade aufstehen und Paula auf ihr Bett legen, als sich die Türe schon öffnete und Xin Ni, in Begleitung Colonel Bakers eintrat.

„Anna?  Was ist los? Das andere Mädel war völlig aufgelöst und stammelte etwas von furchtbaren Weinkrämpfen, toten Vätern, wir haben nicht wirklich verstanden, was sie wollte. Was ist mit der Kleinen?“

„Sie sagt, der Mann in Grab sein Ihr Papa. Sein Name Old Shatterhand.“

Baker biss sich auf die Unterlippe. „Hm, das ist natürlich genauso möglich, wie es nicht möglich sein kann. Wie heißt die Kleine nochmal?“

„Ihl Name Paula!“ antwortete Xin Ni schnell. „Ich ihl kochen einen Tee, sie beluhigen sich dann.“

Er strich sanft über Paulas wirre Locken und eilte dann in die Küche, während der Colonel sich einen Stuhl heranzog und sich rittlings darauf niederließ.

„So, Anna, jetzt mal der Reihe nach. Erzählen Sie, was sich zugetragen hat!“

„Na ja, Ellen gefragt, wer dort begraben und als ich antworten Old Shatterhand, dann fangen Paula an zu kreischen wie verrückt. Es dauern lange, bis sie sagen können, ihr Papa liegen dort.“

Anna hielt Paula immer noch fest umfangen. Das Mädchen hatte die Augen geschlossen und Baker fragte: „Schläft das Kind?“

Anna legte eine Hand an die weiche Kinderwange und flüsterte: „Paula, Liebes, bist Du wach?“

Paula nickte, ohne die Augen zu öffnen und der Colonel sagte leise: „ich weiß, Du bist gerade furchtbar traurig, Paula, aber es wäre gut, wenn Du uns helfen würdest. Du sagst Dein Papa heißt Old Shatterhand? Wieso warst Du denn nicht mit ihm zusammen und wie kommst Du zu den Waisenkindern? Vielleicht ist das alles ja ein schrecklicher Irrtum. Was meinst Du, Paula, willst Du uns helfen die Wahrheit herauszufinden?“

Bakers ruhige Stimme verfehlte nicht die Wirkung auf das kleine Mädchen und sie öffnete die Augen.

Sie hat die gleichen Augen wie der Tote!!! fuhr es Baker durch den Kopf, aber er behielt seine Gedanken für sich.

„Nun, Paula, dann erzähl uns mal, was Du weißt… Aah, da kommt Xin Ni mit Deinem Tee. Willst Du zuerst trinken? Ja? Gut, dann warte ich so lange.“

Xin Ni hatte auch von irgendwoher ein paar Kekse gezaubert und während Paula hin und wieder daran knabberte, begann sie erzählen: „Also, das war so! Ich habe Mama mit dem Ball getroffen, da ist sie furchtbar wütend geworden und hat mich gehauen….“

Nach und nach erfuhren die drei Erwachsenen im Raum die traurige Geschichte des Mädchens und in dem Colonel verdichtete sich der Verdacht, dass es sich bei dem Toten durchaus auch um den betrügerischen Vetter Old Shatterhands handeln konnte. Aber wirklich klären konnte das wohl nur der wahre Old Shatterhand und vielleicht, aber auch nur vielleicht und wenn er noch lebte, sein Freund und Blutsbruder Winnetou. Der Colonel wollte keine falschen Hoffnungen in dem Kind wecken, aber ganz ohne Trost wollte er die Kleine nicht lassen.

„Weißt Du, Paula, ich kann es natürlich nicht genau wissen, aber vielleicht ist der Mann in dem Grab ja gar nicht Dein Papa, sondern Dein böser Onkel. Aber ich verspreche Dir, dass ich alles tun werde, damit wir Klarheit bekommen. Und wenn Dein Papa noch lebt, werde ich ihn finden. Glaubst Du mir das?“

Paulas blaue Augen forschten in dem Gesicht des Colonels und was sie dort fand, schien sie zu beruhigen. Sie streckte ihm die schmutzige Rechte entgegen und antwortete: „Ja, ich glaube Dir. Wie lange wird es dauern, bis Du ihn gefunden hast?“

Baker lächelte. „Ich tu mein Bestes, kleine Paula. Aber heute ist es schon zu spät. Sieh nur, es ist schon ganz dunkel. Willst Du versuchen, jetzt ein wenig zu schlafen? Meinst Du, es wird gehen?“

Aber Paula antwortete schon nicht mehr. Ihr Köpfchen sank zur Seite, sie war eingeschlafen. Die Aufregung und Xin Nis Tee taten ihre Wirkung.

Für Colonel Baker aber hielt der scheidende Tag noch mehr Aufregungen bereit. Kaum hatte er das Küchenhaus verlassen, trat der diensthabende Soldat auf ihn zu und sagte: „Colonel Baker, Sir, melde gehorsamst Sergeant Wolter ist vor wenigen Minuten hier eingetroffen.“

Baker blickte den Mann verwundert an. „Und was ist daran so interessant, dass Sie es mir melden, Corporal?“

„Ich bitte um Verzeihung, Sir, aber Sergeant Wolter hat mich beauftragt zu melden, dass er Gefangene gemacht hat.“

Baker seufzte. „Na gut, ich komme!“

Sergeant Wolter lehnte lässig am Geländer der überdachten Veranda der Kommandatur. Als er den  Colonel kommen sah, richtete er sich schnell auf und nahm Haltung an.

„Nun, Sergeant, was gibt es denn so Wichtiges, dass es nicht bis Morgen Zeit hat?“

„Melde gehorsamst, Sir, wir haben zwei Apachen gefangen genommen, die ohne Passierschein unterwegs waren.“

Baker hob eine Augenbraue und meinte in leicht spöttischem Ton: „Na, das nenne ich mal ein schweres Verbrechen, Sergeant! Ich nehme an, Sie haben die armen Kerle gehörig bestraft?“

Sein Blick streifte die Soldaten der Truppe, die wartend neben ihren Pferden standen und blieben an dem jungen Corporal Spencer einen Augenblick hängen. Dann wandte er sich wieder Wolter zu.

„Nun, Sergeant, wollen Sie mir nicht berichten, was geschehen ist?“

In kurzen, präzisen Worten berichtete Wolter, was geschehen war, wobei er wohlweislich auf keine Details einging. „In der vergangenen Nacht versuchte einer der Apachen zu fliehen, aber Sheriff Tigger konnte ihn erfolgreich daran hindern.“

„Sheriff Tigger, wie?“ Der Colonel verzog verächtlich den Mund. „Dann will ich mir die Gefangenen mal ansehen. Wo haben Sie sie untergebracht?“

„Im Kna…, ich meine im Zellenhaus, Colonel Baker, Sir. Soll ich Sie begleiten?“

„Nicht nötig, Sergeant, Ihr Corporal mag mitgehen.“

Damit wandte er sich zum Gehen und überließ es dem Corporal, ihm zu folgen.

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Während der letzten Stunden hatte sich meiner eine Unruhe bemächtigt, die ich mir nicht erklären konnte. Wir hatten für die Nacht ein Lager an einem kleinen Wasserlauf aufgeschlagen, Firehand hatte einen Hasen erlegt, ein ziemlich zäher Bursche, der mir jetzt schwer im Magen lag. Ich warf mich unruhig auf meiner Decke hin und her und wenn ich doch einmal in einen kurzen Schlummer fiel, wanderten Winnetou und Paula durch meine Träume und riefen nach mir. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und erhob mich. Leise, um die Gefährten nicht zu wecken trat ich zu Emery, der auf einem Stein saß und Wache hielt.

„Ich kann nicht schlafen und vertrete mir ein wenig die Füße,“ wisperte ich. „Mach Dir keine Sorgen, ich bin vorsichtig und löse Dich in zwei Stunden ab.“

„In Ordnung, geh nicht zu weit vom Lager weg.“

Ich drehte mich noch einmal um und nickte meinem Freund zu, bevor ich die wenigen Schritte bis zum Wald zurücklegte. Immer noch war mir, als würden mein Kind und mein Blutsbruder nach mir rufen und so ging ich gedankenverloren weiter, bis mich ein warnendes Schnauben dazu brachte stehenzubleiben. Der volle Mond war inzwischen aufgegangen und schickte sein silbernes Licht auf die Prärie, die sich am Waldrand ausbreitete soweit das Auge reichte und wo sich eine kleine Herde Mustangs aufhielt. Einige Tiere hatten sich in das hohe Gras gelegt, ein paar bewegten sich, an den saftigen Halmen naschend, langsam über die Prärie. All das nahm ich aus dem Augenwinkel wahr, während meine Aufmerksamkeit sich auf zwei Hengste und eine Stute richtete, die abseits der anderen Pferde standen. Die Stute tänzelte nervös hin und her und stieß immer wieder ein warnendes Schnauben aus. Es handelte sich wohl um die Leitstute. Die beiden Hengste standen dicht nebeneinander, mir zugewandt. Sie waren schwarz und ihr Fell glänzte im Mondlicht. Die lange Mähne und der Schweif waren mit silbernen Fäden durchzogen, sie waren nicht mehr jung. Während die Stute sichtlich immer aufgeregter wurde, blieben die Hengste ruhig stehen, als ich mich ihnen langsam und vorsichtig näherte. Je näher ich ihnen kam, desto schneller begann mein Herz zu schlagen, meine Hände begannen zu zittern und Tränen schossen mir in die Augen. Konnte das denn überhaupt sein? War das möglich?  

Mittlerweile hatten sich auch die anderen Tiere erhoben, da aber die beiden Hengste keinerlei Angst oder Scheu vor mir zeigten, blieben sie ruhig, drängten sich aber näher zusammen. Nahezu alle Tiere zeigten die gleiche tiefschwarze Färbung, es mochten ungefähr zehn oder zwölf Rösser sein. Mich aber interessierten in diesem Moment nur die beiden älteren Hengste. Als mich nur noch wenige Meter von ihnen trennten, blieb ich stehen und sagte leise in der Sprache der Mescaleros: „Hatatitla? Iltschi? Seid ihr es wirklich? Oder irre ich mich? Nein, ihr seid es. Ihr lebt!“

Die Tränen rannen ungehindert über meine Wangen, als ich nun die Hand ausstreckte und sagte: „Komm, Hatatitla, komm! Du kennst mich doch noch! Komm, mein Freund, komm zu mir!“

Wieder stieß die Stute ein warnendes Schnauben aus und ihre Ohren legten sich fest an den schmalen, wohlgeformten Kopf. Ihre ganze Haltung signalisierte mir Gefahr und so blieb ich stehen und redete weiter. Der Hengst, von dem ich annahm, dass er Hatatitla war, spitzte aufmerksam die Ohren, aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis er sich entschloss, die wenigen Schritte auf mich zuzugehen. Ich streckte vorsichtig die Hand aus, die anderen Tiere immer im Auge behaltend, und wartete geduldig. Mittlerweile hatte ich keine Zweifel mehr, dass es sich tatsächlich um unsere beiden Rappen handelte, denn nun bewegte sich auch Iltschi langsam auf mich zu. Die Stute versuchte nun aktiver, die Hengste daran zu hindern, mit mir in Kommunikation zu treten, aber ein energischer Schubser Hatatitlas verwirrte und hinderte das Tier, das offensichtlich eine leitende Funktion innehatte.

Mit einem letzten großen Schritt war ich bei meinem Pferd und legte ihm, so wie ich es früher gerne gemacht hatte, meine Hand auf die Stirn. Ein kurzes, kaum merkliches Zögern, ein winziges Zurückweichen und dann legte Hatatitla den Kopf auf meine Schulter. Einen Moment standen wir so reglos, ich dachte nichts, ich fühlte nur die Wärme des geliebten Pferdes, seine Nähe, seine Zuneigung. Aber dann drängte sich von der anderen Seite Iltschi an mich und rieb seine Nase an meiner Schulter.

Mittlerweile hatte sich die aufgeregte Stute in die Mitte der kleinen Herde zurückgezogen, wo sie umringt von ihren anderen Stuten und einigen Fohlen wartete und uns wachsam beäugte.

Ich hatte nichts bei mir, womit ich die beiden Hengste zum Lager zurückführen konnte. Ob sie mir nach all den Jahren noch gehorchen und mich begleiten würden? Oder würden sie dem Ruf der Leitstute und der Freiheit folgen und sich nach der kurzen Begrüßung wieder entfernen? Egal, wie viele Zweifel an mir nagten, ich musste es einfach versuchen. Und so legte ich jedem Hengst eine Hand auf den Hals und forderte sie auf, mit mir zu kommen. Und siehe da, nach einigem Überreden folgten sie mir, ohne dass ich mich besonders anstrengen musste. Ich wagte es nicht, mich nach dem Rest der Herde umzusehen, sondern schlug, da ich den Wald erreicht hatte, einen zügigen Schritt an. Insgeheim freute ich mich auf die fassungslosen Blicke der Freunde, wenn ich mit den beiden Pferden ins Lager kommen würde. Wie würden Old Firehand und Harry sich freuen, die edlen Tiere lebend wiederzusehen. Sicher, sie waren alt, aber wie mir schien, noch in glänzender Verfassung. Aber das würde sich bei Tagesanbruch bei einer näheren Untersuchung noch genau herausstellen.

Ich war noch nicht sehr weit gekommen, als sich eilige Schritte näherten. Im ungewissen Licht des Mondes tauchte zwischen den Bäumen Harry auf. Als er mich in Begleitung der Pferde erblickte, blieb er abrupt stehen und rief: „Charley, wo warst Du denn nur? Und woher hast Du die Pferde? Ist Dir etwas passiert?  Du warst fast drei Stunden weg, sagt Emery!“

„Nein, nein,“ beeilte ich mich zu sagen. „Es ist alles gut. Es hat nur etwas länger gedauert, weil ich zwei liebe, alte Freunde unverhofft wiedergetroffen habe!“

„Zwei alte Freunde? Hier? Wo sind sie denn? Kommen sie noch?“

Harry kam neugierig näher.

„Aber Harry, bist Du blind? Siehst Du denn nicht, wen ich mitgebracht habe?“

Harrys Augen weiteten sich. „Nein, Charley, das kann nicht sein, das glaube ich jetzt nicht! Sind sie es wirklich? Wo kommen sie her? Wo hast Du sie gefunden?“

Harrys Stimme klang beinahe schrill vor Aufregung und ich grinste in mich hinein. Es war ja auch wirklich ein unglaublicher Zufall, dass mir ausgerechnet unsere Hengste über den Weg gelaufen waren, ja, dass ich beinahe über sie gefallen wäre. Und das nach all den Jahren. Aber wenn ich es recht bedachte, so weit vom Rio Pecos waren sie gar nicht entfernt.

„Sie standen mit einer kleinen Herde hinter dem Wäldchen im Gras. Ich dachte zuerst genau wie Du, dass das unmöglich Iltschi und Hatatitla sein können, aber als ich sie rief, kamen sie nach einigem Zögern zu mir…“

Schnell berichtete ich, was sich zugetragen hatte und fügte abschließend hinzu: „Schade, dass wir die anderen Pferde nicht mitnehmen können. Dann hätte Winnetou schon einen Grundstock für seine Zucht, wenn er denn Emerys Vorschlägen folgen will.“ Und wenn er noch lebt, fügte ich für mich hinzu…

Als hätte Harry meine Gedanken gelesen, legte er mir die Hand auf den Arm und sagte: „Weißt Du, ich denke, es ist ein Zeichen des Himmels, dass Du die Pferde gefunden hast und ich glaube ganz fest daran, dass jetzt alles gut wird. Wir werden Winnetou finden und auch Deine kleine Paula. Schon ganz bald.“

„Das gebe Gott!“ erwiderte ich leise.
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