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A Car's Tires on a Road

von Sisu
GeschichteAngst, Horror / P16 Slash
Castiel Dean Winchester OC (Own Character) Sam Winchester
09.11.2020
15.01.2021
13
68.093
10
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09.11.2020 4.205
 
Ich weiß nicht, was real ist, und ich weiß nicht, ob mich das überhaupt noch interessiert. Auch wenn es eine normale, unspektakuläre Jagd hätte sein sollen, liefen die Dinge wie sie es immer taten, und zwar den Abfluss hinunter. Ich war nicht darauf vorbereitet. Alles war nichts als eine clevere Illusion.

Es begann, als Sam und ich einen Job annahmen, irgendwo im Nirgendwo mitten in Minnesota.

Schnee knirschte unter meinen schwarzen Schuhen auf dem Weg zum Leichenschauhaus und ich zog meinen Mantel ein wenig enger um mich gegen die stechende Kälte. Doch der Horror wollte einfach nicht aufhören, ich trat von schrecklichen Wetterverhältnissen in meine eigene persönliche Hölle. Wo man hinsah Lametta, Girlanden, Mistelzweige und andere erbärmliche Weihnachtsdekoration.

Weihnachten war mal eines meiner Lieblingsdinge. Einen Weihnachtsbaum aus Bierdosen bauen, billige Geschenke für Sam kaufen, oder zu viel Schuss in den Eierpunsch meines Bruders kippen, nur um ihm auf die Nerven zu gehen. Und lasst uns nicht das Aufgabeln von Tussis vergessen, die sich in dieser Zeit des Jahres akut einsam fühlen. Aber was will man machen, Sam musste mich aus meiner fröhlich feierlichen Stimmung zuhause ziehen und in einen Fall, der genauso gut überhaupt kein Fall sein könnte. Zumindest keiner für uns. Es sah aus wie ein ganz normaler, bodenständiger Mord durch einen Verrückten. Und wenn ich kein Weihnachten haben konnte, sollte das niemand.

Als wir in unseren typischen falschen FBI-Kostümen auftauchten, während wir unsere ernsten, überarbeiteten Schwingungen ausstrahlten — die wir mittlerweile nicht einmal mehr spielen mussten — wurden wir schnell zur besagten Leiche geführt, die einer Emilia Johnson.

„Wie Sie sehen können“, erläuterte der forensische Pathologe, „wurden dem Opfer die Augenlider abgeschnitten. Ein sauberer Schnitt. Ich denke da an einen sehr scharfen Gegenstand.“

„Wie ein Skalpell“, warf Sam ein.

„Ja“

„Was ist die Todesursache?“

Der Pathologe zog die Stirn in Falten. „Nun. Dazu muss ich Ihnen noch Bescheid geben. Ich konnte keine weiteren Verletzungen finden, noch irgendwelchen Schaden an ihren inneren Organen. Der Bluttest kam ebenfalls ohne Ergebnis zurück. Meine momentane Theorie ist Herzversagen.“

Meine Augen folgten dem Pathologen, als er uns verließ. Sobald wir allein waren, sagte ich: „Herzversagen, hm?“ Ich sah mir die Augen des Opfers genauer an, sie starrten leer zurück mit einzig blutigen, krustigen Schnittwunden, wo ihre Augenlider einmal waren. Sie sah schrecklich panisch aus. „Hör zu, obwohl das hier verdammt gruselig ist, denk ich nicht, dass das in unserer Ecke liegt, Sam.“

Das Gesicht meines Bruders war voller Falten und Bedenken, er schenkte mir nicht wirklich Aufmerksamkeit, denn er war tief versunken im Bericht, den er gerade las. Was mich ein bisschen ankotzte.
„Ich weiß nicht, Dean. Wir sind schon mit weniger gefahren. Und keine feststellbare Todesursache? Scheint mir wert es abzuchecken.“

„Ja sicher“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu Sam. „Sicher, dass du es geschafft hättest so ziemlich alles als wert abzuchecken anzusehen, nur damit du kein richtiges Weihnachten mit mir feiern musst.“

Das, zumindest, ließ Sam aufsehen. „Dean. Geht’s hier um deine seltsame neue Besessenheit von Weihnachten? Oder vielleicht um die Tatsache, dass du mich gezwungen hast einen acht Fuß großen Baum in den Bunker zu tragen, nur damit du ihn mit Sachen dekorieren kannst, die — falsch sind, auf so viele Arten. Etwas hat diese Frau getötet. Das hier ist unser Job.“

Es war schwer mit Sam zu streiten, wenn er so selbstgerecht und heroisch war. Man mochte fast glauben er wäre schon immer so engagiert gewesen. Ein wahrer Jäger, geboren und aufgezogen. Aber soweit ich mich erinnerte, hatte Sam diesen Job nur, weil ich ihn vor Jahren wieder hineingezogen hatte. Was war aus dem Wunsch eines normalen Lebens geworden?

„Okay, erstens war das nicht nur ein Baum, Sammy, es war ein Weihnachtsbaum. Und zweitens könnte es auch ein jemand gewesen sein, der dieses Mädchen getötet hat.“

Sam schien mit keinem dieser Punkte einverstanden. Wenn überhaupt schien es ihn nur noch mehr zu irritieren.

„Es war wahrscheinlich nur irgendein Verrückter, ein Mensch, Sam“, machte ich weiter. „Ich mein, hier gibt’s kein einziges Zeichen für etwas übernatürliches. Keine Bissspuren, kein fehlendes Herz, kein Schwefel, oder überhaupt irgendeine Wunde. Naja, abgesehen von der Tatsache, dass die arme Emilia hier keinen Mascara mehr braucht.“ Ich hob meine Augenbrauen, hoffte das würde meine Ansprache rüberbringen. Was es nicht tat.

Das mindeste, was ich also tun konnte, war die Stimmung zu verbessern. „Man könnte sagen jemand… wurde etwas haarig mit ihr.“ Nichts. „Verstehst du? Wegen den fehlenden Wimpern und —“

„Dean.“ Sam atmete tief ein, vermutlich um sich zu beruhigen. „Was ist in letzter Zeit los mit dir?“

„Was meinst du?“

„Naja, zunächst mal: seit wann willst du nicht mehr jagen gehen? Ich musste dich buchstäblich aus dem Bunker zerren und weg von deinem blöden Baum, der übrigens unsere Bibliothek zustellt. Und weißt du was? Dieser komische neue Fetisch ist nicht mal ansatzweise so schlimm wie dein Zustand davor“

„Wovon redest du?“

Sam warf mir diesen lang leidenden Blick zu. „Weißt du, Dean, wenn du nicht mit mir drüber reden willst, ist das okay. Aber tu nicht so, als würde ich Dinge sehen, die nicht da sind.“ Damit verließ er einfach den Raum.

Ich war noch nie so leicht vom Haken gelassen worden.

_________

„Also, was denken wir?“

„Chupacabra!“, warf ich mit einem Grinsen ein.

Sam beglückwünschte mich mit einem seiner Bitchfaces.

„Ich bin ziemlich sicher, dass Chupacabras ausgestorben sind.“, gab Cas hilfreich dazu von wo er noch immer am Boden festklebte, seit er vor einer halben Stunde aufgetaucht war.

Sam warf ihm einen kurzen Blick zu, halb dankbar, halb genervt, dann wandte er sich wieder mir zu. „Könntest du wenigstens versuchen das hier für nur einen Moment ernst zu nehmen?“

„Ich denk nur nicht, dass es unsere Art Deal ist, das ist alles“

„Ja, danke“, zischte Sam. „Ich denke wir haben das alle schon bei den ersten hundert Mal verstanden.“

Ich rollte mit den Augen, öffnete meine überkreuzten Beine, um sie näher zu ziehen. „Na schön. Was ist mit Dämonen?“

„Dämonen sind deine Antwort auf alles“

„Ich stimme zu.“, nuschelte Cas aus seiner Ecke.

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu, um ihm mitzuteilen, dass er ein dreckiger Verräter war. „Wenn der Schuh passt. Könnten allerdings auch immer Engel sein. Ich mein, die scheinen es immer mit den Augen zu haben.“

Ich konnte die volle Intensität von Cas’ starrenden Blick auf mir spüren. Ich wagte es kaum hinzusehen und als ich es doch tat, erinnerte ich mich warum. Für einen Moment waren seine einfangenden Augen wieder wie damals zu Zeiten der biblischen Apokalypse, als Cas und seine beflügelte Entourage gerade erst in unser Leben getreten waren und ich so ziemlich jeden himmlischen Befehl ignorierte. Sein Gesicht war das selbe wie dieses eine Mal, als er zu mir gesagt hatte, dass ich immer das genaue Gegenteil von dem tat, was man mir sagte. Dann sah er weg und ich beschloss die Sache in Ruhe zu lassen. Dieses Mal.

Es mochte aussehen, als drehte ich hier nur Däumchen, aber ich wusste natürlich, dass es in diesem Fall nicht um Dämonen oder Engel ging. Das Opfer mit den fehlenden Augenlidern und der mysteriösen Todesursache war nicht nur getötet und verstümmelt worden, sie war außerdem auf ganz bestimmte Weise positioniert worden. Sie war vorsichtig in einen Sessel gesetzt worden, ihre Arme und Hände bewegt, um ausgerechnet die Bibel zu halten. Als würde sie sie lesen, unfähig wegzusehen. Und während das einen Anflug von heiliger himmlischer Gerechtigkeit haben mochte, oder genauso gut das Werk irgendeines ernsthaft derangierten, religiösen, fanatischen Psychos sein konnte, für mich schrie das alles nach Geist. Die Schwarzaugen und die Gottestruppe mochten alle mächtige Arschlöcher sein, mit ungelösten himmlischen und/oder jenseitigen Vaterkomplexen und der Tendenz alles nach dem Wort des einen oder anderen himmlischen Wesens auszurichten, aber normalerweise waren sie nicht so kreativ beim Töten. Während es auf der anderen Seite für Geister immer etwas persönliches war und deswegen auch sehr speziell.

„Wie wär’s wenn wir versuchen zuerst Tode in dieser Gegend zu finden. Ich mein, betreffend der Art wie sie positioniert wurde“, schlug Sam vor. „Vielleicht etwas, das was mit Religion oder der Bibel zu tun hat, die sie gehalten hat.“

„Welcher Vers war es?“, fragte Cas.

Sam überprüfte seine chaotischen Notizen. „Ähm, gute Frage…“

Ist es das?, dachte ich. Egal wie unwichtig, Cas verrannte sich immer in Details. Hier ging es nicht um den Vers. Außerdem gab es viele Verse auf diesen zwei offenen Seiten und der Background-Check sagte uns, dass Emilia ohnehin religiös gewesen war. Also vielleicht wollte ihr Killer sie einfach nur lächerlich machen.

Sam und Cas fingen an über die Verse zu diskutieren, ein verschwommenes Plappern irgendwo in meinem Hinterkopf, während ich versuchte mir Dinge einfallen zu lassen, die ich an meinen Baum hängen könnte. Ihm fehlten noch Lichterketten und vielleicht sogar Kunstschnee, dachte ich. Vielleicht würde ich sogar eine schöne Decke besorgen für unter den Baum, wo die Geschenke stehen würden.

An Weihnachten zu denken war mein innerer Wohlfühlort. Mein Lieblingsplatz in meinem Kopf, wenn ich das Gefühl hatte, ich brauchte ihn. Ich war schon wieder kurz davor Streit anzufangen, mit Sam oder Cas, oder sogar mit beiden. Sie hatten sich gegen mich verschworen. Zerrten mich durch diesen Fall, an dem ich gar nicht arbeiten wollte. Zwangen mich hier rein. Ich fühlte mich eingeschränkt. Eingeengt wie ein eingesperrtes Tier und durcheinander, als hätten sie mich am Straßenrand ausgesetzt.

Ich nahm einen Schluck vom Glas auf dem Nachttisch, spürte warme Flüssigkeit mich überkommen, und meine Gedanken beruhigten sich. Vielleicht waren meine Trinkgewohnheiten in den letzten Wochen etwas schlimmer geworden. Besonders weil man etwas nicht wirklich eine Angewohnheit nennen konnte, das man tut ohne zu stoppen.

_____________

Sam war auf einer seiner Bücherei-Liebes-Touren, um etwas über die lokale Geschichte und unnatürliche Tode in der Gegend während der letzten paar Jahrzehnte herauszufinden, was eine Weile dauern konnte. Es gab mir außerdem die wunderbare Möglichkeit über all die Unmöglichkeiten nachzudenken. Draußen machte es ein dicker Vorhang aus Schneeflocken schwer irgendetwas zu sehen außer weiß und grau und ich war ein wenig neidisch. Zuhause hatten wir nur eine dünne Schicht, die hier und da bereits grau war von den vorbeifahrenden Autos. Hier war sie dick und strahlend weiß und wurde sogar jeden Tag mehr. Es war wunderschön, fand ich. Dann erinnerte ich mich, dass ich diesen Ort hasste.

Unser Motelzimmer fühlte sich kleiner an als sonst und irgendwie beengt, wenn auch nur Cas und ich hier waren. Die Couch schien zu groß für den Raum, die zwei Betten monströs an der kurzen, dunkelgrünen Wand, und ich dachte ich könnte das Zimmer vermutlich mit nur zwei oder drei Schritten durchqueren. Der Raum fühlte sich dunkel an. Die vage Spur Sonnenlicht schmiss Schatten auf den Boden und gegen die Wände und die Decke schien heller als alles andere. Ich blinzelte in Richtung Cas, sein halbes Gesicht beleuchtet von der alten Glühbirne, die von Zeit zu Zeit flackerte, und ich fragte mich, ob meine Anwesenheit genauso verunsichernd für ihn war wie seine für mich.

Ich tat weiter so als recherchierte ich, starrte stur in meinen Bildschirm mit dem gelegentlichen Schluck Bier. Währenddessen recherchierte Cas tatsächlich, saß auf der abgenutzten Couch mit einer großen, staubigen, uralten Bibel in seinem Schoß. Er hatte kein einziges Wort gesagt, seit Sam weg war. Sah mich nicht einmal an, was untypisch war für Cas, aber eine Sache, die er jetzt tat. Und es war mir einfach suspekt, wenn Cas sich suspekt verhielt. Etwas war los.

„Hey, Cas“, sagte mein Mund aus dem Nichts heraus, was den Engel aufsehen ließ. „Was ist los?“

Cas legte den Kopf schief, so wie er es ständig tat, während Falten sich langsam auf seiner Stirn ausbreiteten. Irgendwie sahen sie aber nicht aus wie seine gewöhnlichen Ich-bin-entschieden-unmenschlich-und-weiß-nicht-was-du-meinst-Falten.

„Ich mein“, began ich erneut, nicht sicher, was genau ich überhaupt meinte, „du weißt schon… was äh… worüber denkst du nach?“

Cas’ Kopf legte sich noch schiefer. „Über den Geist, den wir jagen. Ganz offensichtlich.“

„Offensichtlich“

Ein weiteres Schweigen fiel über uns, während ich nicht anders konnte als abgelenkt zu werden und darüber nachzudenken, dass Cas die Bibel eigentlich auswendig können sollte. So als Engel. Cas las weiter in ihr und immer mal wieder zuckte einer seiner Mundwinkel nach oben, als sehe er sich ein Familienfotoalbum an.

„Ich kann mich nicht dran erinnern, dass die Bibel witzig ist“, sagte ich nach ein paar Minuten des entschiedenen Starrens in die Stille hinein.

Cas sah erneut auf, etwas merkwürdiges in seinen Augen. „Ist sie nicht“, antwortete er und sah wieder hinab. Rieb sich die Stirn und seufzte. Und als eine oder zwei Minuten vergangen waren, dachte ich er würde nichts weiter sagen. Dann: „Sie ist nur falsch.“

„Wie, falsch?“, schoss aus mir heraus, als wäre ich verzweifelt auf diese Unterhaltung aus. Was ich nicht war.

Er lächelte, dann legte er das Buch auf seinem Schoß ab. „Hast du sie gelesen?“

„Ähm ja. Tatsächlich hab ich das“, antwortete ich und rieb mir den Nacken, als der eisern starrende Blick, mit dem diese blauen Augen mich plötzlich fixierten, unangenehm wurde.

Cas kommentierte das nicht und als das Wettstarren und das peinliche Schweigen mir zu viel wurden, ergänzte ich: „Naja, du weißt schon. Als wir von dem ganzen Michael und Lucifer Mist erfahren haben und dass wir einen epischen Kampf führen und uns gegenseitig umbringen sollen, dachte ich es wäre klug etwas zu recherchieren über diese himmlische, apokalyptische Shit-Show, das ist alles.“

Cas nickte und sah wieder in die Bibel in seinen Händen. „Viele Dinge, die hier geschrieben stehen—“, er legte eine Hand auf die Seiten, als wären sie heilig. Gegensätzlich zu dem, was er dann sagte. „— sind… wie du es ausdrücken würdest: Bullshit. Viele Dinge sind nicht so passiert, wie sie beschrieben werden, oder sind überhaupt nicht passiert.“

„Ja, okay“, gab ich. „Aber man soll die Bibel ja auch nicht wörtlich nehmen, oder? Sind alles Metaphern und Analogien.“

Er nickte erneut, dann klappte er das Buch zu und eine Art Akzeptanz dämmerte in seinem Gesicht. „Ich glaube der genaue Vers ist nicht von Wichtigkeit.“

____________

Offenbar hatte mein kleiner Streber-Bruder den perfekten Geist gefunden. Einen, der zur Tat passte, zur Vorgehensweise, zu allem, und ich begann die Tatsache zu verabscheuen, dass Sam ständig recht hatte. Ich hatte diesen Job gehasst, hasste jeden einzelnen Schritt bis hier. Oder vielleicht hasste ich es nur außerhalb meiner gemütlichen Männerhöhle im Bunker zu sein, wo ich tun konnte, was immer zur Hölle ich wollte, und mich nur um mich selbst und Pizza kümmern musste, und den gelegentlichen Drink als Zugabe. Natürlich hätte ich mich auf lange Sicht hin mit Dingen auseinandersetzen müssen. Besonders weil mir irgendwann immer etwas fehlte. Das Gefühl des Jägerlebens, das Jagen von Monstern und generell das Töten. Es war mir in Fleisch und Blut übergegangen. Oder vielleicht hatte ich es schon immer in mir.

Als Sam also in unser Motelzimmer gerauscht kam, ohne zu klopfen oder irgendeine andere vorangegangene Warnung, fing er nicht nur an über den Fall und seine Ergebnisse zu plappern, sondern unterbrach außerdem meine wertvolle Routine der Bewältigungsstrategien — eine Mischung aus dem Versuch sich zu betrinken und dem Versuch dennoch meinen Job zu machen, während ich dabei Cas völlig ignorierte, um peinliche Unterhaltungen zu vermeiden.

Jetzt waren wir dabei das Grab einer Anna Johnson auszuheben, verstorben in den Achtzigern. Sie war von ihrem Verlobten vergiftet worden, der zufällig seiner Zeit ein plastischer Chirurg war, daher ihr Plastikgesicht und -körper, von Kopf bis Fuß verunstaltet durch mindestens zwei Dutzend Operationen. Sam hatte mit einer von Annas verbliebenen Angehörigen gesprochen und herausgefunden, dass sie immerzu versucht hatte schöner zu werden, denn Anna wollte einfach nur gesehen werden. Psychologische Analyse beiseite, diese Frau schien genau die Art Geist zu sein, der jemandes Augenlider abtrennen würde.

Es erklärte nicht die involvierte Bibel allerdings, oder die Tatsache, dass es am Tatort kein EMF gab, doch Sam war sich so sicher, ich würde ihm nicht die Show stehlen. Nein, ich würde die Klappe halten, dieses Grab ausheben und die Bitch verbrennen. Mich der Herausforderung eines langweiligen Falls stellen und all der langweiligen Recherche und all dem langweiligen Nicht-Erstechen und Nicht-Köpfen und der Tatsache, dass all das mich geradezu aus der Haut fahren ließ mit nicht existentem Stressabbau.

Ich war ruhelos. All das fühlte sich nicht schwierig genug an, würde ich sagen. Es war irgendwie ironisch, dass ich nicht jagen wollte und gleichzeitig doch wirklich jagen wollte, und Sam nutzte meinen kleinen Moment des Gewissenskampfs, um mit dem Schaufeln aufzuhören und zu seufzen.

„Was denn?“, fragte ich zwischen Schaufelbewegungen. „Bist du schon erschöpft?“

„Ja, vielleicht“, sagte Sam und wischte über seine verschwitzte Stirn. „Du nicht?“

Ich warf ihm einen Seitenblick zu. „Ich will einfach nur den Job erledigen.“

„Damit du wieder nach Hause kannst zu deiner Freundin, dem Baum.“

Ich sah erneut zu ihm, meine Braue hob sich gefährlich. „Damit ich eine verdammte Geisterbitch verbrennen kann.“

„Aha“, machte Sam und schaufelte weiter. „Seit wann arbeitest du überhaupt ernsthaft an diesem Fall? Ich dachte es war nur irgendein Verrückter?“

Jetzt stoppte ich ebenfalls. „Und ich dachte du dachtest das nicht.“

„Okay“

„Okay?“

„Ja. Okay.“

Natürlich wusste ich, was Sam da tat. Er versuchte mich dazu zu bringen über Gefühle und Emotionen und den ganzen Mist zu sprechen. Aber ich sei verdammt, wenn ich die Route nicht erkennen würde, die Sam hier einschlug. Ich wusste ich musste dem ganzen den Riegel vorschieben, bevor es zu ernst wurde. Nur dass ich zu genervt war, um es einfach durchgehen zu lassen. Ich war nur ein paar Okays und Ich-dachte-s davon entfernt in eine massive Aufeinanderfolge von Flüchen, Anschuldigungen und Wahrheiten auszubrechen. Es gab keinen Riegel zum vorschieben.

„Was denn, es ist nicht cool, wenn ich nicht dabei bin, aber es ist auch nicht cool, wenn ich dabei bin?“

„Ja, nein, schon gut“, sagte Sam dümmlich.

„Oh Gott“, jammerte ich. „Spuck es endlich aus“

„Ich dachte nur—“

„Schon geht’s los…“

„Dean.“ Sam warf mir einen warnenden Blick zu. „Ich mach mir hier Sorgen, okay?“

„Ja. Ich weiß das“, spuckte ich, mein sarkastischer Ton bereit, und schenkte meinem Bruder mein wärmstes falsches Lächeln. „Es geht mir gut, Sammy. Tatsächlich geht’s mir 1A. Mir geht’s super.“

„Und warum glaub ich dir nicht?“, fragte Sam. „Ich denke nur—“

„Verdammt nochmal,Sam. Würdest du einfach mal aufhören zu denken und weiter schaufeln, oder ich schwöre, ich —“ Meine Schaufel traf auf etwas hartes. „Hab’s.“

Ausnahmsweise war ich froh einen stinkenden, staubigen Sarg zu öffnen und über den Anblick von Knochen und dem Gestank der Verwesung, wenn auch nur, um Sam endlich zum Schweigen zu bringen. Ich würde nicht über Probleme jammern, die es nicht gab, nur weil mein Bruder gefühlsduselig war und mit jemanden über Gefühle reden musste, um es aus seinem System zu bekommen. Ich würde darüber sprechen wann und wo ich wollte und wenn und falls es nötig wäre.

Wir kletterten aus dem Grab und salzten die Überreste, dann zündeten wir alles an. Fall geschlossen. Bitch weg. Alle gehen nach Hause.

„Ihr habt das falsche Grab, Jungs“

Sam und ich drehten uns beide um und fanden ein Mädchen dort stehen, ihre Arme verschränkt und die gesamte Selbstgefälligkeit der Welt in ihrem ganzen Auftreten. Die Ferse ihrer schwarzen Turnschuhe bohrte sich in die kalte Friedhofserde, als sich ein Lächeln in ihrem Gesicht bildete, das viel zu warm und freundlich war für unseren üblichen unterbrechenden Vielleicht-Bösewicht der Woche.

„Und wer zum Teufel bist du?“, fragte ich in meiner typischen Sprachgewandtheit. „Jäger-Barbie? Dämonen-Statist Nummer 678? Ein besorgter Nachbar?“

„Ich bin Lilian“, sagte sie ominös, öffnete ihre verschränkten Arme und machte einen Schritt auf uns zu. „Tochter von Lilith.“

Ich zog sofort meine Waffe, obwohl ich wusste sie würde nicht viel gegen einen Dämon helfen, außer ihn wütend machen. Im Augenwinkel sah ich Sam das Dämonenmesser ziehen. „Sorry wegen deiner Mom. Oh warte, wir sind diejenigen, die sie getötet haben.“

Sie stoppte. Schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, erwartete ich die kohlschwarzen Dämonenaugen, die sie so gerne herumzeigten, man könnte meinen es wären Fashion-Statements. Ich freute mich schon auf all die Hab-ich-doch-gesagt-s, die ich Sam in den Weg werfen würde. Dann begann sie zu lachen. Und ich sah keine schwarzen Augen. „War nur Spaß, Leute. Hättet aber eure Gesichter sehen sollen. Ich bin kein Däm—“ Auf einmal war ihre Stimme etwa eine Oktave höher und ihre gesamte Haltung veränderte sich. „Warte, ihr zwei habt Lilith getötet?“

Wir senkten beide unsere Waffen, Sam rollte mit den Augen, während ich nur die Stirn in Falten zog.

„Ja“, sagte Sam. „Woher weißt du von ihr?“

„Naja, sagen wir einfach sie hat mich ganz schön über den Tisch gezogen. Ich bin Carly. Carly Sorokin. Meine Freunde nennen mich Car.“

„Deine Freunde nennen dich Car?!“, fragte ich.

Sie sah von Sam zu mir und hob eine Braue. „Ich hab nicht gesagt es sind gute Freunde.“

„Okay“, unterbrach Sam unser beginnendes Wettstarren. „Ich bin Sam Winchester, das ist mein Bruder Dean. Bist du eine Jägerin?“

„Jap“, sagte Carly und sah wieder zu Sam. „Ich schätze ihr seid hier wegen der armen Emilia. Sie ist allerdings nicht die Erste. Ich bin schon eine Weile hier und hab immer noch keine Ahnung, was in dieser Stadt vor sich geht.“

„Was meinst du?“

„Immer neue Opfer tauchen auf. Manche haben Gemeinsamkeiten, andere so gar nicht. Ich hab noch nicht rausgefunden, was hinter all dem steckt. Ich weiß nur, dass es ganz sicher kein Geist ist.“

„Woher willst du das wissen?“, warf ich ein.

„Alles schon probiert“, sagte sie und breitete die Arme aus.

Ich sah mich um und bemerkte erst jetzt die ganze aufgewühlte Erde hier. Sie musste eine Menge Gräber ausgehoben haben, seit sie hier war, so wie es aussah. Es war dunkel, aber der Mond warf etwas graues Licht auf den Boden und zeigte, wo die Erde frisch war und feucht und wo sie mit Gras überwachsen und von Schnee bedeckt war. Die Luft roch nach nassen Pflanzen und nach unserer Schaufelarbeit und als würde die Nacht über alles frieren. Ich kam mir etwas dumm vor.

„Tonnen an verrückten Leuten hier. Wie dem auch sei“, sagte sie und klatschte die Hände zusammen. „Ich schätze wir könnten zusammenarbeiten, hm? Schon ne Weile her seit meiner letzten Jäger-Gruppenarbeit.“

„Ja, sicher“, entschied Sam und lächelte aus irgendeinem Grund wie ein Idiot. Ich hob eine Braue in seine Richtung.

„Cool. Wie wär’s wenn wir in ein Diner gehen und ich euch einweihe? Ich bin am verhungern.“

„Kein Hunger“, gab ich, irgendwie misstrauisch.

„Ja, sicher“, sagte mein Bruder zur selben Zeit, als wäre ich überhaupt nicht hier und Sam hätte spontan vergessen, dass er mehr als zwei Wörter kannte.

Ich warf die Hände in die Luft und gab auf, dann folgte ich ihnen und ignorierte wieder einmal mein Bauchgefühl. Ich sehnte mich nach einem Tag ohne irgendwelche Bauchgefühle. Ich sehnte mich nach meinem eigenen Bett und meinem Zuhause und meinem Baum. Ich sehnte mich nach einem normalen verdammten Weihnachten im Bunker mit meinem Bruder, wie es normale verdammte Menschen machen.

_____________

Sam und Carly hatten ganz klar was am laufen. Während ich versuchte friedlich die Pommes zu essen, die mir mein Bruder aufgezwungen hatte, teilten die zwei eine Art Strebergasmus und waren kurz davor zu kommen und ihre ekligen Weisheiten überall zu verteilen. Ich kann mich nicht wirklich erinnern, was genau sie sagten, denn alles, was mich interessierte, war der Ketchup-Pool auf meinem Teller.

Aus irgendeinem Grund vermisste ich Cas. Sicher, ich hatte ihn erst vor ein paar Stunden gesehen, aber selbst wenn wir zusammen waren fehlte mir etwas. Ich dachte an einen der Gegenstände an meinem Weihnachtsbaum, ein kleiner Engel mit weißen Flügeln aus Gänsefedern. Ein hässliches kleines Ding, das ich vor ein paar Wochen in einem Gas’n’Sip irgendwo in Idaho gefunden hatte, aber ich mochte ihn. Hatte ihm sogar mit einem Filzstift ein Paar blaue Augen gemalt, nur um einen genervten Blick von Cas zu bekommen, dieses eine Mal, das er tatsächlich mal aufgetaucht war. Auch wenn er zu groß war für die Bibliothek und zu schwer, um alleine zu stehen, sodass ich ihn mit Draht an einem Bücherregal befestigen musste, ich mochte meinen Baum. Doch mein glücklicher Gedankenzug begleitet vom bittersüßen Geschmack des Ketchups wurde unhöflich unterbrochen, als Sam mit mir sprach.

„Dean“, sagte er, „hörst du überhaupt zu?“

„Nein“

Sam seufzte dramatisch und Carly kicherte wie ein japanisches Schulmädchen. „Also gut. Car hat mir grad von den anderen Opfern erzählt. Sie sind alle noch am Leben, aber schwer verletzt. Ich denke wir sollten nochmal mit ihnen sprechen. Schauen, ob wir irgendeine Verbindung zum aktuellen Fall finden können.“

„Aha“ Die Details waren mir egal, ich wollte diesen Fall einfach nur hinter mich bringen und nach Hause fahren. Natürlich wusste ich, dass ich vorsätzlich schwierig war, aber bis sie mir etwas zum Erstechen oder Erschießen geben würden, war ich nicht besonders interessiert am Weg dorthin.

Dann klingelte Carlys Handy und ersparte mir Sams Ansprache über für was immer sich sein Gesicht vorbereitete.
„Agent Coldwater“, sagte sie in ihr Handy und zwinkerte mir zu, als müsse ich irgendeinen Witz verstehen. „In Ordnung. Ich bin gleich da. Ja. Danke.“ Sie legte auf und warf Sam einen ernsten Blick zu, der ein wenig fremd an ihr aussah. „Wir haben noch eine Leiche.“
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