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Nennt mich Miyamoto Teil 2

von Yve
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
09.11.2020
21.11.2020
3
4.629
 
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21.11.2020 793
 
Knotenpunkte verbunden durch türkisglimmende Adern, die sich durch die Unendlichkeit des Cyberspaces zogen, umgaben Sarah. Nebelähnliche Ansammlungen in der Ferne verdichteten sich und begannen mit einem Lichtblitz zu leuchten. Verbindungen wurden zu ihnen aufgebaut, eine neue Anwendung war nun Teil dieser Welt.
«Jill, warum musste ich ihm das antun?» Sarahs Wangen glühten und sie spürte ein Herz in ihrer Brust schlagen, auch wenn sie rein physikalisch betrachtet nur noch aus Einsen und Nullen bestand. «Du hättest dir einen neuen Charakter erstellen können und dann …»
«Nein.» Sie hatte ihr den Rücken zugedreht.
«Er leidet, wie kannst du das ertragen? Du bist nicht tot und egal, wie sehr du dich abwendest, ich sehe dir an, dass du weinst. Warum quälst du dich selbst?»
Jill drehte sich um. Ein Schleier aus Tränen hatte sich in ihren Augen gesammelt und das Licht der Knotenpunkte, spiegelte sich darin. «Was soll das für ein Leben sein? Er ist ein Mensch und ich …» Sie schüttelte den Kopf. «Ich weiß nicht einmal, was ich bin.»
Sarah verschränkte die Arme. «Du bist eine KI, eine künstliche Intelligenz, die in der Lage ist Gefühle zu empfinden.»
«Und ich bin an den Cyberspace gebunden, wie soll das funktionieren?»
«Er kann zu dir kommen und ich weiß genau, dass du dir nichts sehnlicher wünschst, als dass er hier ist.»
«Wie stellst du dir das vor?»
Sarah konnte nicht einordnen, ob Jills Stimme von Verzweiflung oder von Wut geprägt war.
«Soll er sich in seiner freien Zeit in dem Spiel einloggen, abgesehen von Essen und Schlafen?» Jill breitete die Arme aus.
«Was würde dagegensprechen?»
«Dass er nicht in diese Welt gehört.» Sie kam auf Sarah zu und nahm ihre Hände. «Ich danke dir, dass du das für mich getan hast und bitte, glaube mir, es ist …»
Sarah zog ihre Hände weg. «Ich habe ihm ein Messer ins Herz gebohrt und mehrfach umgedreht, als ich ihn angelogen habe. Das bereue ich mehr als den Moment, in dem ich die Stadt fluten wollte.»
«Seine Welt ist da draußen. Er wird eine neue Liebe finden. Er ist noch jung und sollte nicht einem Haufen Daten hinterherlaufen, den er doch nicht erreichen kann.»
«Hör auf dich als Daten zu bezeichnen. Was sind dann Menschen für dich? Biomasse?»
«Sarah, du warst noch sehr jung, als du gestorben bist.»
«Wie bitte?» Sie zog die Augenbrauen zusammen und machte einen Schritt auf Jill zu. «Nur weil du genau weißt, dass ich Recht habe, brauchst du mir nicht mit der Keule zu kommen. Ja, ich war 12. Aber, falls du es vergessen hast, ich habe alles mitbekommen, was um mich herum passiert ist.»
«Trotzdem fehlt dir die Lebenserfahrung, um die Situation wirklich beurteilen zu können.»
Sarah kochte innerlich und es zuckte ihr in der Hand. Jill keine Ohrfeige zu verpassen, kostete sie alle Beherrschung. «Ich kann sehr gut beurteilen, ob jemand leidet. Das tut er und du auch.» Sie drehte sich weg.
«Du wirst ihm doch nicht sagen, dass ich noch hier bin, oder?»
Sarah sah über die Schulter. «Am liebsten würde ich, aber ich habe es versprochen das nicht zu tun. Meine Schuld ist hiermit beglichen.»
«Irgendwann wirst du es verstehen, dass er mehr darunter leiden würde, wenn wir uns noch sehen könnten. Wir sind zwei Wesen aus zwei Welten.»
Das mochte Sarah alles nicht abstreiten. Nur hatte Jill nicht gesehen, was sie hatte sehen müssen. Wenn der Helm ihn ausloggte, dann mussten die körperlichen Reaktionen darauf heftig gewesen sein. «Es gibt Menschen die Fernbeziehungen führen und ihr habt euch früher auch im Spiel getroffen, wenn es anders nicht möglich war. Ist das wirklich so ein Unterschied? Warum stemmst du dich so dagegen?» Sie hatte sich in den drei letzten Monaten sehr intensiv damit beschäftigt, was sie jetzt war. Auch dank Aiden und Mary, die ihr einen guten Eindruck in ihre jetzige Existenz gegeben hatten, war es ihr gelungen, sich selbst wieder zu akzeptieren. Sarah bezweifelte, dass Jill, obwohl sie durchaus Wissen über KIs hatten, sich ebenfalls damit auseinandergesetzt hatte.
«Weil ich ihn nicht noch unglücklicher machen will.»
«Ihn oder dich?» Sarah drehte sich noch einmal zu ihr um. «Ist es vielleicht die Angst, dass er in der physischen Welt jemanden kennenlernen könnte und er dich dann vergisst? Dass er einfach nicht mehr kommt und du dann allein zurückbleibst? Das könnte dir als Mensch genauso passieren. Und denkst du ernsthaft so über ihn?»
«Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass er eine Familie gründen wollen könnte. Wie soll das gehen?»
«Und wenn das nie sein Plan gewesen ist? Vielleicht wollte er nur mit den Menschen, denen er nahesteht, glücklich sein.» Sarah reichte es mit der Diskussion. Sie drehten sich doch nur im Kreis. «Mach dir erstmal bewusst, dass du nicht weniger wert bist, als zu deinen menschlichen Zeiten, dann reden wir weiter.»
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