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Nennt mich Miyamoto Teil 2

von Yve
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
09.11.2020
17.01.2021
7
10.913
1
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09.11.2020 1.408
 
Willkommen zum zweiten Teil von Nennt mich Miyamoto!

Wie auch bei ersten Teil, wird dieser irgendwann als Buch veröffentlicht. Solange es noch nicht so weit ist, könnt ihr die Geschichte hier lesen. Später wird sie zur Leseprobe umgewandelt. Natürlich durchläuft der Text vorher noch ein Lektorat, sowie Korrektorat.  Und jetzt  wünsche ich euch viel Spaß mit dem zweiten Teil.

~

Das Licht ging aus. An einem Ort ohne Tageslicht hatte diese Lampe, eingefasst in der Decke, eine ganz besondere Bedeutung für ihn. Sie gab einen Ablauf vor. Sie gab ihm so etwas wie Sicherheit, in dem Nichts seiner Gedanken.
Er lag auf dem Rücken. Seine Blase sagte ihm, dass er aufstehen musste, um zu dem WC zu gehen, das an der gegenüberliegenden Wand hing. Nur drei Schritte. Länger war dieser Raum nicht. Seine Bauchmuskeln müssten sich zusammenziehen, damit er sich aufrichten konnte, aber sie reagierten nicht.
Sein Körper war schwer. Die Gedanken träge. Mit einem unkontrollierten Ruck gelang es ihm, sich auf die Seite zu drehen und die Beine von der Pritsche hängen zu lassen. Er stützte sich auf den Unterarm.
«Hoch!» Seine Stimme kratzte, wie nach wochenlangem trocknem Husten. Er hatte das schon einmal gehabt. Da war er sich sicher. Es war einer dieser Leuchttürme, die durch den dichten Nebel drangen, der seine Erinnerungen einschloss.
Seine Füße berührten den Boden. Schwindel ließ den Raum auch in der Dunkelheit um ihn herumdrehen. Jetzt bloß nicht zurückfallen lassen, dann würde er so schnell nicht wieder aufstehen. Er drückte sich in den Stand hoch. Er brauchte nichts zu sehen, um sich in dem kleinen Raum zu bewegen. Er wusste, wo alles war. Nur mochte es sein langsamer Gleichgewichtssinn gar nicht, wenn ihm die Augen zur Orientierung des Körpers im Raum fehlten. Er schwankte die Schritte zur Toilette, die an der Wand hing.
Er lehnte den Kopf an die kalten Fliesen. Sie gaben ihm das Gefühl von Halt an einem Ort, an dem er trotz bleiernen Körpers immer in der Schwerelosigkeit hing.
Er legte die Hand an die Wand und trommelte mit den Fingern daran. Das Ping bei jeder Berührung löste Kopfschmerzen aus. Unangenehm, aber es war wenigstens etwas, das er wahrnahm. Seit er hier war, lagen seine Gefühle auf Eis. Da war nichts mehr außer vollkommender Gleichgültigkeit. Jedes Mal, wenn die Frau kam, um mit dieser Metallhand zu arbeiten, die an seinem rechten Arm hing, seit er hier das erste Mal aufgewacht war, lag er nur da und gehorchte. Er tat alles, was sie ihm sagte. Auch das war etwas, von dem er wusste, dass es früher anders gewesen war. Er hätte sich gewehrt, rebelliert, sich niemals etwas befehlen lassen. Es hatte nur eine Richtung für ihn gegeben: Dagegen. Und nicht immer friedlich. Er verstand nicht, warum er das jetzt mit sich machen ließ, wo es sich so falsch anfühlte.
Seine Beine zitterten und zwangen ihn zurück zu der Pritsche. Er musste sich mehr bewegen, damit seine Muskeln sich nicht noch weiter abbauten und nahm sich jeden Abend vor, es am nächsten Tag zu tun.
Er schaffte es nie.
Er lag nur da und starrte die Decke an, während seine Gedanken um das Nichts kreisten und sein Gehirn nicht einmal fähig war, seinen Namen abzurufen. Dieser Zustand wurde nur unterbrochen von den Mahlzeiten, die man durch eine kleine Klappe unten an der Tür hindurch schob und der Frau, die mit dieser Hand arbeitete.
Diese Hand. Sie gehörte irgendwie zu ihm, er spürte es, wenn die Frau, von der er immer nur die braunen Augen unter ihrer Schutzkleidung sah, mit einer Feder darüberstrich. Er fühlte deutlich den Unterschied zwischen warm und kalt, wenn sie die Hand in heißes Wasser hielt, zog er sie weg, auch ohne einen Schmerz zu spüren. Etwas anderes sagte ihm, dass es besser wäre. Die Frau nannte es Sensoneuromuskuläres Feedback. Was sie damit meinte, wusste er nicht. Sie erwähnte diesen Begriff nur, wenn sie Tests machte und diese direkt dokumentierte.
Schaute er sich die Hand an, dann war sie ihm fremd. Egal ob sie an seinem Körper hing und sich bewegte, wenn er das wollte. Ganz wie seine echte Hand es getan hatte.
Seine Augen fielen zu. Der Gang zum HängeWC hatte ihn Kraft gekostet und die Müdigkeit, die ihm die ganze Zeit begleitete, seit er hier war, gewann.
Er döste weg, befand sich in einem Zustand zwischen Schlaf und wach, als eine Explosion die Umgebung erschütterte. Adrenalin schoss durch seinen Körper, als ein uralter menschlicher Instinkt erwachte und diese verdammte Schwere aus seinem Körper vertrieb. Er hörte jemanden vor seiner Zelle entlang rennen. Eine Tür fiel ins Schloss und dann wurde es wieder still. Ganz still. Nicht einmal der unrund laufende Lüfter war zu hören. Das einzige Geräusch war sein Atem und der in die Höhe geschnellte Herzschlag.
Er stand auf. Diesmal fiel es ihm leichter und er ging zur Tür. Er wollte wissen, was da los gewesen war. Er legte sein Ohr an die Tür und sie gab ganz einfach nach. Damit hatte er nicht gerechnet. Er versuchte noch den Sturz abzufangen, aber bevor er reagieren konnte, schlug er schon mit der Schulter auf dem Boden auf. Der Schmerz war ein weiterer Impuls, der seinen Körper aktivierte. Er stand auf und schaute sich die beiden Möglichkeiten an, die ihm zur Flucht gegeben waren. Er entschied sich, entgegen der Richtung der Schritte zu gehen, die er gehört hatte. Ein Gefühl regte sich in ihm: Hoffnung.
Auf dem Gang lagen noch drei weitere Türen und er warf in jeden Raum einen kurzen Blick. Zwei davon waren Zellen wie Seine und er konnte in dem dämmrigen Licht je einen Menschen erkennen, die sich jedoch nicht regten. Er ließ sie zurück. Wollte er fliehen, dann durfte er sich jetzt nicht mit anderen aufhalten, von denen er nicht wusste, ob sie überhaupt noch in der Lage waren zu laufen.
Er öffnete die letzte Tür. Ein Aufenthaltsraum mit einem Fenster. Auf einem Tisch stand ein Teller mit diesem Brei, den er täglich dreimal bekommen hatte. Laut der Frau war darin alles, was sein Körper brauchte. Die Wächter bekamen offenbar nichts anderes.
Er trat ans Fenster. Erdgeschoss! Er schob das Fenster hoch und frische Luft wehte ihm das erste Mal seit ... Ja, wie lange war er denn hier gewesen? Er wusste es nicht. Zeit war hier ohne Bedeutung. Er sog die Luft ein, sie roch nach dem Regen, der in Bindfäden zur Erde fiel.
Vor ihm lag eine unbelebte Seitenstraße. Er sah einen Mann, der ohne Regenschirm den Fußweg entlang rannte. Sonst war niemand zu sehen und so setzte er einen Fuß aus dem Fenster. Dann sprang er und landete mit seinen nackten Füßen in einer Pfütze. Eisiger Wind peitschte das Wasser, das sich auf der Straße gesammelt hatte, in kleinen Wellen voran.
Eine Sirene heulte. Die abklingende Aufregung baute sich wieder auf und steigerte sich in Panik. Die Polizei war nie sein Freund gewesen und ihr Martinshorn löste einen nicht zu unterdrückenden Fluchtinstinkt aus.
Er rannte los, ohne zu wissen, wo er war. Hauptsache weg. Er schaute sich nicht um, Häuser zogen an ihm vorbei und dieses OP-Hemd, das er trug, saugte sich mit dem Regen voll und klebte an seiner Haut. Er bekam Seitenstiche, die kalte Luft brannte in der Lunge. Jeder seiner Muskeln schmerzte.
Dann erreichte er eine belebtere Straße und blieb an der Ecke zu ihr stehen. Da konnte er nicht weiter. Er würde zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er schaute sich um und entdeckte eine Gasse zwischen den mehrstöckigen Häusern. Seine Kräfte schwanden so schlagartig, wie sie auch gekommen waren und er musste sich verstecken, bis er wieder genug Energie hatte, um weiter zu gehen.
Die Gasse war gerade so breit, dass er mit ausgebreiteten Armen hindurchgehen konnte. Sie führte in einen Hinterhof, in dem ein kleineres Gebäude mit nur zwei Stockwerken stand. Es passte nicht zu der Bauweise der umliegenden Häuser, die Fassade bröckelte. Es wirkte, als hätte es die Zeit überdauert und der Modernisierung der Stadt getrotzt. Die Fensterläden waren geschlossen und eines der vier kleinen Gläser, die in der Haustür eingelassen waren, war zerbrochen.
Er kauerte sich in dem überdachten Hauseingang zusammen. Die Tür war leider versperrt, auch wenn hier alles dunkel war und es nicht so aussah, dass hier noch jemand wohnte. Er fror, seine Füße bluteten, aber das war alles besser, als weiter in der Zelle zu sitzen.
Er lehnte den Kopf an die Wand und gab sich der Erschöpfung hin. Er war frei. Das beruhigte ihn.
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