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wild storm - betrayal

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
Arthur Morgan Dutch van der Linde Micah Bell
08.11.2020
13.12.2020
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wild storm

betrayal


Chapter 1 – Where am I?

„Die Sehnsucht nach dem Paradies ist das Verlangen des Menschen, nicht Mensch zu sein.“


Es war nicht mehr als ein leichter Schimmer, der zu mir durchdrang. Staub kitzelte mir in der Nase und immer wieder war ich kurz davor zu niesen. Immer wieder dieses hektische, tiefe Einatmen, ohne die Erlösung zu spüren. Das Kitzeln blieb und Tränen stiegen mir in die Augen. All das erinnerte mich an meine Ankunft in dieser Welt. An Arthur, der mir einen staubigen Leinensack über den Kopf stülpte, um mich auf sein Pferd zu hieven, als wäre ich ein Sack Kartoffeln. Ich verspürte wieder dieses dumpfe Gefühle im Magen, das ich in Schwierigkeiten steckte, nur das ich dieses Mal nicht auf dem Rücken eines Pferdes lag und von Arthur fehlte jede Spur.
Ich saß aufrecht auf einem Stuhl, wie ich annahm. Ich spürte eine Lehne in meinem Rücken. Meine Finger waren kalt und es kam mir vor, als würden sie nicht mehr zu meinem Körper gehören. Ich konnte nicht sagen, ob sich meine Finger wirklich bewegten oder was sie unter sich spürten. Waren sie überhaupt noch da? Meine Unterarme kribbelten und meine Handgelenke brannten bei jeder noch so kleinen Bewegung.
Ich lauschte den Geräuschen meiner Umgebung. Holz knirschte, irgendwo sang ein Vogel sein Lied und der Wind ließ das Blätterwerk der Bäumen rauschen. All diese Geräusche kamen gedämpft bei mir an. Ich war in einem Haus? Jedenfalls lag ich auf keiner sonnen-geküssten Lichtung wie damals. Ich versuchte meinen linken Fuß anzuheben, aber er konnte meinem Befehl nicht folgen. Der Druck um mein Fußgelenk herum ließ keinen Raum für Zweifel. Ich saß in der Falle.
Wie lange war ich schon hier? Und wo waren die anderen? Ich durfte jetzt nicht den Kopf verlieren. Ich schloss meine Augen und fokussierte mich immer mehr auf meine Umwelt. Dielen knarzten und ich hörte jemanden husten. Wer auch immer es war, er war nicht bei mir. Nicht in diesem Raum. Kamen die Schritte näher? Oder entfernten sie sich?
Ich ließ meinen Kopf etwas nach vorne sinken und schüttelte ihn, in der Hoffnung den Sack abzuwerfen. Er bewegte sich nur hin und her, brachte das Kitzeln zurück und schließlich nieste ich. Ein kurzer Kälteschauer durchfuhr meinen gesamten Körper und plötzlich wusste ich, dass ich nicht mehr alleine war. Es war ein Druckgefühl in meinem Hinterkopf, was den Wunsch auslöste mich umzudrehen, nachzusehen. Dieses mulmige Gefühl, was einen nachts einholte, wenn man alleine durch eine viel zu dunkle Gasse ging. „Wer ist da?“, fragte ich.
Die Schritte, die eben noch so weit entfernt schienen, waren direkt hinter mir. Ich hörte die knirschenden Dielen unter den schweren Schuhen. Er brachte einen Geruch mit, der mir gleichermaßen vertraut und fremd vorkam. Zigarren, dachte ich. Ich spürte eine Hand, die sich oben auf meinen Kopf legte und Finger, die sich um den Stoff des Leinensackes legten. Er zog an dem Sack, riss mir dabei vereinzelte Haare aus der Kopfhaut. Ich kniff die Augen zusammen, so fest ich konnte.
Nein, er war es nicht.
Er konnte es nicht sein.
„Verzeihen Sie, Miss Hunter.“, sagte Dutch. „Aber Sie werden mir helfen.“

eine Woche zuvor

Ich beobachtete Samson von meinem alten Lehnsessel aus. Das Kaminfeuer warf einen wärmenden Schein auf uns, aber er kam nicht zur Ruhe. Immer wieder spitzte er seine Ohren und lauschte den Geräuschen der Nacht. Anfangs war es die Eule, die irgendwo in der alten Tanne vor dem Haus saß und ihr abendliches Heulen erklingen ließ. Dann der Regen, der auf das Dach prasselte oder der Wind, der um die Ecken pfiff. Überall knirschte und knarzte das alte Holz des Hauses, als würde es Atmen. Aber das waren bekannte Geräusche. Wir lauschten ihnen oft. Ich runzelte meine Stirn und ließ meinen Labrador nicht aus den Augen.
Samson richtete sich auf und ging von seinem Platz vor dem Kamin zur Vordertür. Seine Nase dicht am Boden und er schnupperte an dem kleinen Spalt unterhalb der Tür. Der Körper angespannt. „Was ist da, mein Junge?“ War es der Bär, den ich vor einigen Tagen in der Nähe sah? Samson knurrte und sein Körper erstarrte. „Was ist los?“ Seine Unruhe sprang auf mich über. Ich konnte nicht länger sitzenbleiben und zusehen, wie mein Hund den Verstand verlor. Ich drückte mich aus dem Sessel hoch und griff nach meinem Gewehr.
Es war grundsätzlich immer geladen. Ich war allein hier und niemand verirrte sich zufällig her. Mein Haus lag abseits der Wege, die nach Strawberry führten, umgeben von Bäumen. Es gab nichts, was sich zu stehlen lohnte und niemand würde mich so spät aufsuchen. Die einzigen Besucher, die ich jetzt noch duldete, waren die Tiere des Waldes.
Samson sprang an der Tür hoch und bellte. Jetzt hörte ich es auch – Schritte auf nasser Erde. Jemand, nicht etwas, näherte sich der Haustür. Ich hielt das Gewehr in meinen Händen, ein Kribbeln durchfuhr meinen Körper. „Hierher.“ Samson gehorchte aufs Wort und ließ von der Tür ab. „Du bleibst hier.“
Ich wischte meine Hand an meiner Hose ab und öffnete die Tür. Kalter Wind blies mir entgegen und wirbelte Laub über die Schwelle. Ich richtete den Lauf meines Gewehres direkt auf den ungebetenen Gast. Ich sah nicht mehr als einen Schatten. Ein Schatten, der seine Hände in die Höhe riss. Mein Herz pochte laut in meiner Brust. „Ich gebe dir genau eine Chance, um zu verschwinden!“ Ich kniff die Augen zusammen, versuchte mehr zu erkennen. Wer war das?!
Der Fremde kam näher und mit einem mal war es, als hätte mir jemand einen Schlag direkt in die Magengrube verpasst. Ich hielt den Atem an und spürte, wie sich mein Körper verkrampfte. Oh, warum hatte ich diesem Bastard überhaupt eine Chance gegeben? „Du?“
Dutch van der Linde war bis auf die Knochen durchnässt. Der Regen prasselte unaufhörlich auf ihn nieder. Er sah auf das Gewehr in meinen Händen und erinnerte mich an Samson, wenn ich mit ihm schimpfte. Warum tauchte er ausgerechnet jetzt vor meiner Tür auf? Nach all den verdammten Jahren?
„Bitte Luana, lass es mich erklären.“ Er behielt seine Hände oben und trat näher.
„Keinen Schritt weiter, Dutch, oder ich schieße.“
Er stoppte. „Hör mich an, um mehr bitte ich dich nicht. Und nimm das Gewehr runter.“ Ich hielt es höher, zielte auf seinen Kopf. „Du bist es mir schuldig!“
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder abdrücken sollte. Die Situation war absurd. „Schuldig bin ich dir schon lange nichts mehr. Du kannst mir nichts mehr bieten.“ Der Schmerz saß tief, ich spürte es in meinem gesamten Brustkorb. Es war, als würde mich ein Felsen langsam unter sich zerquetschen.
„Bist du dir da sicher?“
„Bin ich!“ Eine kräftige Windböe blies ihm den Hut vom Kopf, zerzauste sein Haar. Er unternahm einen kläglichen Versuch seinen Hut aufzufangen, doch er landete im Matsch zu seinen Füßen. Dutch schnaufte, bückte sich und schüttelte das Ding, das ebenso ramponiert aussah, wie sein gesamtes Äußeres. „Sieh dich doch an! Nach all den Jahren kommst du ausgerechnet zu mir?“
„Ich bin hier, weil ich deine Hilfe brauche. Es ist viel verlangt… aber ich bin nicht mit leeren Händen gekommen.”
„Bist du nicht?“ Ich sah an ihm herab. Seine Kleidung war dreckig, nass, zerrissen. Er war nur ein Schatten von dem Mann, den ich einst kannte. Vor mir stand ein Mann, der am Ende war. Ich senkte den Lauf leicht. Warum redeten wir überhaupt noch? Ich sollte Samson auf ihn hetzen.
Seine Mundwinkel zuckten, verzogen sich zu einem schiefen Lächeln. „Wie geht es deiner Familie?“
Ich legte das Gewehr an und zielte. „Tu das nicht!“ Er wich einen Schritt zurück.
„Ganz ruhig. Ich kann dir helfen, wenn du mir hilfst. Eine Hand wäscht die andere. Ganz ohne Hintergedanken. Versprochen.”
Ich biss mir auf die Wange, sah zum Himmel und schickte ein Stoßgebet zu einem Gott, an den ich nicht glaubte. Warum ich?, dachte ich und senkte den Lauf. Es ist ein Fehler, schrie mein Gewissen oder was auch immer diese Stimme war. Die Stimme der Vernunft vielleicht? Ich presste meine Lippen aufeinander. „Ich höre.“
„Willst du mich nicht erst herein bitten?“
Nein, schrie die Stimme. Aber ich seufzte nur und machte einen Schritt zur Seite. „Wenn mir deine Worte nicht gefallen, erschieße ich dich. Versprochen.“ Dutch nickte ruhig und ging an mir vorbei. Samson sprang von seinem Platz auf und bellte. „Still jetzt!“ Schuldbewusst ließ er seinen Kopf sinken und trottete zum Kamin zurück. Dutch sah sich um. Seit seinem letzten Besuch hatte sich nicht viel verändert. Einzig das Foto meines verstorbenen Ehemannes prangerte nicht mehr über meinem Kamin wie ein Mahnmal. Ich schloss die Tür und folgte Dutch in den Wohnbereich.
Er hinterließ nasse Schuhabdrücke auf dem Boden. Na, immerhin besaß er genug Anstand, um sich so nicht auf meinen Sessel zu setzen. „Schlafzimmer, in der Kommode, oberste Schublade. Zieh dich um, ich will nicht das du mir alles versaust.”
„Aber natürlich.” Er machte einen Knicks und ich fing an meine Entscheidung zu bereuen.

***

Samson lag zu meinen Füßen und horchte bei jedem noch so kleinen Geräusch auf, dass da aus dem Schlafzimmer drang. „Ich weiß, es ist dumm, Kleiner.“ Ich kraulte ihn hinter dem Ohr, er wedelte und ich seufzte leise. Was tat ich hier? Ich saß in meinem Sessel, eine Tasse Tee in der einen Hand und wartete auf Dutch van der Linde. Das Gewehr nur einen Handgriff von mir entfernt.
Als Dutch endlich aus meinem Schlafzimmer zurückkam und seine nasse Kleidung über die Rückenlehne eines Stuhls hing, stieg mir ein längst vergessen geglaubter Geruch in die Nase. Ich sah ihn an, musterte ihn in der Kleidung meines Mannes und hatte das Gefühl, Harolds Geruch würde den ganzen Raum erfüllen. Es ging nicht anders, ich rümpfte die Nase und schnupperte stattdessen an meinem Kräutertee.
„Bietest du mir nichts an?“ Er zog einen zweiten Stuhl vom Esstisch heran und setzte sich.
„Wir sind keine Freunde. Sei froh, dass du überhaupt einen Hauch von Gastfreundschaft erfährst.“ Samson knurrte leise, als würde er mir zustimmen. Dutch fuhr sich durchs Haar, versuchte es in Ordnung zu bringen. „Du bist nur hier, weil ich…” Ich rieb mir die Stirn. „Weil ich vermutlich gerade denselben Fehler mache wie damals.” Ich schüttelte den Kopf. „Wenn mir nicht gefällt, was du zu sagen hast, schmeiß ich dich raus.”
„Ich habe vermutlich jegliche Missgunst verdient. Hm?”
“Vermutlich?” Ich lachte. „Schon vergessen was passiert ist?”
„Ich habe deinen Traum nie vergessen, Luana. Nie.”
„Und dafür muss ich dir jetzt dankbar sein?”
„Nein. Aber es ist noch nicht zu spät ihn Wirklichkeit werden zu lassen.”
„Dutch, ich habe es satt leere Phrasen vorgesetzt zu bekommen. Ich bin nicht mehr dieses naive Ding. Sag mir, was du sagen willst oder verschwinde. Ich brauche deine Predigten nicht mehr.”
„Schon gut, schon gut.” Er hob besänftigend eine Hand. „Ich kann dir genug Geld bieten, damit du dir die Überfahrt leisten kannst. Und noch mehr für deine Familie und ein ordentliches Leben.” Er gestikulierte durch den Raum. „Dann kannst du all das hier endlich hinter dir lassen.”
„Ich höre immer noch keinen konkreten Plan. Nur leere Worte.” Ich schlug ein Bein über das andere. Vielleicht sollte ich ihm einfach den Tee ins Gesicht kippen, dachte ich und hätte beinahe laut gelacht. „Ich will wissen, was ich dafür tun muss. Du siehst aus, als hättest du nicht mal mehr einen Dollar in der Tasche.“
„Noch nicht.”
„Dann erleuchte mich.”
„Das Geld ist an einem sicheren Ort versteckt.”
„Und du brauchst mich, weil…?”
„Nun ja.“ Er kratzte sich am Kinn. „Du musst jemanden für mich finden, Ana.“
„Luana.“, korrigierte ich ihn sofort, was ihn dazu veranlasste mich einige Sekunden wortlos anzustarren. „Wen?“
Räuspernd fand er seine Stimme wieder. „Nur eine Frau. Sie ist nicht gefährlich.“
„Hat zur Abwechslung jemand dir das Herz gebrochen?“
Ich kannte diesen Blick, den er mir zuwarf. Denselben Blick hatte er, als er meinem Ehemann das Hirn aus dem Schädel gejagt hatte. Und er ließ mich immer noch auf dieselbe Weise schaudern, wie vor all den Jahren. „Wegen ihr habe ich alles verloren.“

Nahe Valentine

Emma

„Ich weiß, dass ich nicht für immer hierbleibe. Aber solange ich euch nicht in Sicherheit weiß, bleibe ich. Egal, was das für mich oder meine Familie bedeutet. Egal, wie lange es dauert. Ich bring das alles wieder in Ordnung.“

Meine eigenen Worte waren wie ein Fluch. In den vergangenen Tagen - oder waren es schon Wochen? - schossen sie immer wieder durch meinen Kopf. Egal, wie sehr ich versuchte mich abzulenken. Die Tage zogen ins Land, wurden zäher und länger mit jeder Sekunde, die verstrich. Arthur versuchte die anderen zu finden, aber seine Suchtouren mit Charles brachten nichts. Aber Arthur war so besessen davon, etwas herauszufinden, dass die Zwei täglich für mehrere Stunden verschwanden.
Die Verzweiflung sprang langsam auf die anderen über. Mary-Beth fing an das Haus auf Vordermann zu bringen. Seit Stunden huschte sie schon von einer Ecke in die andere, entfernte die staubigen Spinnweben, warf den Müll raus und fand sogar einen Besen. Kieran ließ sich von ihrem plötzlichen Tatendrang anstecken – vielleicht wollte er auch nur nicht mehr nutzlos herumsitzen – und versuchte die Ratten zu verscheuchen, die irgendwo unter den Dielen hausten. Er sprach oft davon, wie sehr er es vermisste sich um die Pferde zu kümmern. Sie waren einfacher zu bändigen, als die flinken Nager.
Micah belächelte den Putzwahn der beiden und nutzte jede noch so kleine Gelegenheit, um Mary das Leben schwer zu machen. Seine Angriffslust stieg mit jedem Tag, den wir hier feststeckten. Es war soweit, dass er selbst mir auf die Nerven ging. Ich mied ihn, so gut es nur ging. Bei jedem seiner bissigen Kommentare hoffte ich, dass er daran erstickte. Javier hielt es ähnlich und verbrachte viel Zeit alleine.
Ich rupfte Grashalme aus der Erde und sammelte sie in einem größer werdenden Haufen in meinem Schoß. Die Wiese reichte mir beinahe bis zu den Schultern und der Duft von blühenden Wildblumen lag in der Luft. Aber auch die Schönheit der Natur lenkte mich nicht ab. Die surrenden Bienen waren mir egal, ebenso die glücklichen Vögel am Himmel. All das passte nicht zudem, was ich fühlte. Wenn es danach ging, müsste ich in einer feuchten, dunklen Höhle hocken. Oder am Boden eines Brunnens, ohne die Möglichkeit ihn verlassen zu können. „Warum bin ich überhaupt noch hier?“ Ich bekam einen Stein zu fassen und warf ihn von mir.
Mary-Beth fluchte, schimpfte. Die Tür flog auf und ich blickte über meine Schulter. Micah stolperte lachend ins Freie, die Hände zu den Seiten erhoben und Mary-Beth scheuchte ihn mit dem Besen die kleine, marode Veranda herunter. „Bleib gefälligst draußen, wenn du dich nicht nützlich machen willst!“ So wütend erlebte man sie selten. Sie verschwand im Haus und zog die Tür mit einem lauten Knall zu.
Micah drehte seinen Kopf in meine Richtung, ich seufzte und er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, was sie hat, Hexe.“
„Du bist unausstehlich.”
„Ach wirklich?“ Er setzte sich direkt neben mich, zog seine Kippen aus der Jackentasche und hielt sie mir entgegen. Ich schüttelte den Kopf. „Unausstehlich also?“
Ich sammelte weitere Grashalme. Es grenzte an ein Wunder, das Arthur Micah noch nicht erschossen hatte. Na, vielleicht erledigte Mary-Beth das bald für ihn, wenn das hier so weiterging.„Valentine ist nicht weit, oder?“, fragte ich.
„Was hast du jetzt wieder vor?“ Er zündete sich eine Zigarette an und vertrieb den sanften Duft der Wildblumen. Zerstörte meine Idylle und brachte mich zurück zum Boden des Brunnens, in dem ich eigentlich sitzen sollte.
„So wie ich das sehe, bin ich die einzige, die nicht gesucht wird. Ich kann mich frei bewegen, ohne das ein Henker auf mich wartet. Richtig?“
„Worauf willst du hinaus, Hexe?“
„Ich reite nach Valentine und versuche was herauszufinden. Was wir jetzt machen, bringt überhaupt nichts.“ Ich pflückte eine Blume und mein Herz wurde schwer. Sie sah aus, wie die Blume, die Jack mir gegeben hatte. Hoffentlich ging es ihm und seinen Eltern gut. Micah riss mich aus meinen trüben Gedanken
„Du alleine? Damit du dich wieder entführen lassen kannst?“ Er lachte kopfschüttelnd auf und lehnte sich leicht in meine Richtung zurück, stützte sich dabei mit einer Hand nach hinten ab. „Ich kenne noch andere Wege, falls dir langweilig ist.“ Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg.
„Was?“
„Keine Angst.“ Er blies den Rauch in die Luft. „Du gehst nicht alleine.“
„Willst du mich etwa begleiten? Schon vergessen, dass du gesucht wirst?“
„Du denkst, es ist unauffälliger, wenn eine Fremde in die Stadt kommt und anfängt neugierige Fragen zu stellen?” Er musterte mich von der Seite. „Eine Fremde, die so angezogen ist.” Ich sah an mir herab; nackte Füße, Jeans mit dunklen Grasflecken an den Knien und mein dunkelgrüner Pullover mit dem weißen Aufdruck eines Baumes. Ja, das schrie nicht gerade 1899.
„Ich leihe mir Marys Kleid.“ Ich sah ihn an und schreckte ein wenig zurück, als ich bemerkte, wie nah er mir gekommen war. Der linke Arm direkt hinter mir, die Hand im Gras, um sich abzustützen. Wenn ich mich ein paar Zentimeter zur Seite bewegte, würde meine Schulter seine Brust berühren. „Es…“ Ich sah wieder geradeaus. „Es bringt nichts, wenn Arthur und Charles planlos umherirren. Sie können sich in keiner größeren Stadt blicken lassen. Es ist ein guter Plan.“
Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Oh, ich würde dich verdammt gerne wieder in einem Kleid sehen aber ich lass dich nicht alleine gehen.”
„Warum ist es dir wichtig, was mit mir passiert?”
Sein Kiefer spannte sich an und er rückte mit seinem Oberkörper zur Seite, weg von mir. „Ist es nicht.”, sagte er mit zusammen gepressten Lippen und schnippte die Zigarette weg.
Ich schmunzelte. „Dann kannst du mir ja Baylock leihen. Ich meine, da es dir ja eh egal ist.” Meine Sicherheit kehrte zurück und ich schenkte ihm ein Lächeln.
„Du und Baylock? Träum weiter, Kleine.“
„Was spricht denn bitte dagegen?“ Ich runzelte meine Stirn.
„Verdammt, Hexe!“ Ich zuckte zusammen. „Du wirst nicht alleine gehen.“ Micah stand abrupt auf. „Entweder reitest du mit mir oder du schlägst dir die Scheiße aus dem Kopf. Ganz einfach, oder? Selbst eine wie du, sollte das verstehen.“ Ich biss mir auf die Unterlippe und wischte den kleinen Hügel aus Grashalmen aus meinem Schoß. Warum ist er so ein verdammtes Ekelpaket, dachte ich und rappelte mich auf. Ich stand direkt vor ihm. „Antworte mir.“, brummte er.
„Ja verdammt!“ Ich stieß ihm mit einer Hand vor die Brust. „Unter eine Bedingung. Es läuft nach meinen Regeln. Wenn dir das nicht passt, tja, dann zieh ich es alleine durch. Ganz einfach oder? Das sollte selbst einer wie DU verstehen!“ Ich schüttelte den Kopf, die Hände geballt und wandte mich ab. Ich rauschte an ihm vorbei und sah Arthur gemeinsam mit Charles den schmalen Pfad zum Haus reiten. Heute waren sie früher, als sonst. „Ich hab einen Plan! Kommt rein!“, rief ich ihnen zu. Ich hörte Micah noch fluchend nach einem Eimer treten, der im Gras versteckt lag.

Micah

Eigentlich wollten wir schon längst unterwegs sein, eigentlich. Das Hexenweib ließ auf sich warten und mir steckte die kurze Nacht in den Knochen. Baylock war ähnlich motiviert, wie ich. Er ließ den Kopf hängen und ich fing an mich zu fragen, warum ich mich immer wieder in solche Situationen begab. Situationen, in denen ich gezwungen war mit ihr alleine zu sein. Vielleicht, dachte ich, sollte ich ihnen allen den Rücken kehren und mich verpissen. Jedes Mal, wenn ich sie sah, wollte ich sie anschreien und gleichzeitig ganz andere Dinge mit ihr anstellen.
Schnaufend stieß ich Baylock meine Fersen in die Seiten, er hob den Kopf, warf mir einen beinahe empörten Blick zu und trottete zum Haus. Ich könnte mir eine Hure besorgen, dachte ich. Ein schneller Fick um meinen verdammten Schädel freizubekommen. „Hexe! Komm endlich!“, rief ich. Ich wollte endlich weg von hier. Weg von den anderen, weg von diesem Haus. Raus und etwas erleben. Ich seufzte.
„Bin schon da!“ Da stand sie. Im Kleid von Mary-Beth, dass ihre Taille und Brüste wesentlich besser betonte, als bei dem Bücherwurm. Ein Anblick, den ich genoss, wenn auch nicht lange. Ich räusperte mich und zwang mich in eine andere Richtung zu blicken. „Hilfst du mir oder was?“
Sie stand neben Baylock und streckte mir ihre Hand entgegen. Mein Blick fiel auf ihr Dekolletee und auf die Brandnarbe. Ein Zeichen, das sie für immer mit sich tragen musste, weil ich sie alleine gelassen hatte. Meine Schultern verspannten sich bei dem Gedanken. Sie bemerkte meinen Blick, zupfte unsicher an ihrem Ausschnitt herum. Ich ergriff ihre Hand und zog sie hoch, hinter mich. Ihre Hände legten sich an meine Hüfte und ich setzte Baylock in Bewegung. Ich spürte ihre Wärme selbst durch meine Jacke hindurch, sie ging auf mich über und ich zwang mich an etwas anderes zu denken. Die Huren zum Beispiel. „Also… wie ist der Plan?“
„Du bringst mich zum Bahnhof und wartest da.“
„Was? Ich kann im Saloon warten.“
„Nein. Ich will nicht, dass du irgendeine Scheiße baust. Du wartest, mehr nicht. Kriegst du das hin oder hätte ich Arthur fragen sollen?”
Arthur…
Ich atmete laut hörbar aus. „Nein.” Wir ließen die anderen hinter uns und Baylocks Hufen wirbelten Staub auf, als wir den Pfad erreichten. Den Rest des Ritts verbrachten wir schweigend. Nach einer halben Stunde konnte man bereits die ersten Gebäude in der Ferne erkennen. Ein Zug fuhr gerade in den Bahnhof ein und blies seine dunklen Wolken in die Luft. Wir überholten eine Kutsche, beladen mit Heu. „Wo soll ich die Lady absetzen?“ Ihr Plan war beschissen. Ich wollte sie nicht alleine lassen, gleichzeitig konnte ich es gar nicht abwarten, bis sie endlich abstieg.
Sie deutete mit ihrem Finger auf eine Wegkreuzung kurz vor der Stadt. „Da vorne. Ich laufe den Rest.“
„Sicher?“
„Ich dachte, ich bin dir egal?“ Ich hielt Baylock an und ließ sie absteigen. Als ich sie so ansah, fragte ich mich, ob ich später noch hier war, wenn sie zurückkehrte.
„Ich will nur nicht, dass du dich verplapperst.“
„Natürlich. Ich nehme all das auf mich, nur um euch zu verraten.“ Sie stöhnte, schüttelte den Kopf und wandte sich um. „Ich bring dir Schnaps mit, vielleicht bist du dann weniger unausstehlich, Micah.“ Ich sah ihr nach und wartete, bis sie außer Sichtweite war.

Valentine

Emma

Trotz der frühen Morgenstunde herrschte reges Treiben. Der Zug hatte ein paar Reisende und Heimkehrer gebracht, die gerade aus dem Bahnhofsgebäude strömten. Gut für mich, dachte ich und ließ den Bahnhof hinter mir. Ein paar Männer grüßten mich mit einem Kopfnicken, ich tat es ihnen gleich. Nicht auffallen war mein Motto. Ich überhörte ein paar Unterhaltungen; zwei Frauen lästerten über eine vermeintliche Affäre des Sheriffs, andere beschwerten sich über die gestiegenen Viehpreise und als ich den Hauptweg erreichte, hörte ich einen Mann mit dem Geld vom letzten Pokerspiel prahlen.
All das interessierte mich nicht.
Ich erreichte die Hauptverkehrsstraße, wenn man diesen Matschweg so nennen wollte. Alles war so vertraut und doch so fremd. Ich sah zur Kirche, dann die lange Straße herab, an der die Geschäfte lagen. Diese Welt faszinierte mich immer noch. Ich passierte den Gemischtwarenladen und warf einen Blick über meine Schulter. Suchend, obwohl ich wusste, dass Micah mir nicht folgte. Hoffentlich hielt er sich an die Abmachung.
„Lesen Sie selbst! Es kostet Sie nur zwei Dollar!“, hörte ich einen Jungen rufen. Er stand auf einer umgedrehten Holzkiste und hielt eine Zeitung in der Hand. Ein Stapel Zeitungen lag neben der Kiste auf der Wiese. Er wedelte mit dem Papier in der Luft herum. „Es ist wahr! Van der Linde wurde gestoppt!“ Ich ging auf ihn zu und zog das Geld hervor, dass Arthur mir gegeben hatte. Nicht viel, aber für eine Zeitung reichte es allemal. Vielleicht sogar für den versprochenen Schnaps.
Ein Mann mit Zylinder schnitt mich auf meinem Weg und warf dem Jungen das Geld vor die Füße. Er nahm sich eine von den Zeitungen und sah auf das Titelbild. Ich konnte das Gesicht von Dutch erkennen, das auf der Titelseite prangerte. Mein Magen zog sich zusammen. Der Mann faltete die Zeitung und klemmte sie sich unter den Arm. Ohne es wirklich zu bemerken, folgte ich dem Mann mit Zylinder. Wieso kam er mir so bekannt vor?
Ich beschleunigte meine Schritte. War er es wirklich oder spielte mir die Hoffnung einen Streich? Ich hatte den Mann beinahe erreicht. „Sir!“ Er sah über seine Schulter und ich spürte, wie mir eine Last von den Schultern genommen wurde. „Josiah!“ Seine Augenbrauen zuckten nach oben und er sah sich um.
„Kenne ich Sie, Miss?“
Ich blieb vor ihm stehen, lächelnd. „Wir hatten noch nicht das Vergnügen.“ Ich deutete auf die Zeitung. „Aber wir haben gemeinsame Freunde. Dürfte ich einen Blick auf die Nachrichten werfen?“
Er runzelte die Stirn. „Wer sind Sie, Miss?“
„Emma Hunter.“ Für meine nächsten Worte senkte ich meine Stimme. „Ich kenne Dutch.“
Josiah schüttelte seinen Kopf. „Ich glaube, Sie verwechseln mich, Miss Hunter. Ich bin lediglich ein Reisender. Entschuldigen Sie mich.“ Er tippte sich an den Zylinder, drehte sich um und setzte seinen Weg mit schnelleren Schritten fort. Oh nein, lieber Josiah. Ich dachte nicht daran ihn abhauen zu lassen.
„Ich will keinen Ärger machen. Ich bin auf der Suche nach Informationen.“
„Die ich Ihnen nicht geben kann. Wenn Sie etwas über einen gesuchten Verbrecher erfahren möchten, sollten Sie zum Sheriff gehen. Er wird Ihnen sicherlich behilflich sein.“ Josiah sah mich bei seinen Worten nicht an.
„Arthur und die anderen wollen nur wissen, was den anderen zugestoßen ist. Bitte.“ Ich hörte ihn seufzen. „Bitte, darf ich einen Blick in die Zeitung werfen?“
Endlich hielt er an und legte mir eine Hand an den Oberarm. „Kommen Sie mit. Hier ist nicht der Ort um derartige Unterhaltungen zu führen, Miss.”

***

Josiah saß mir gegenüber an einem kleinen Tisch, vor sich eine Tasse Tee. Die Zeitung lag in der Tischmitte, Dutchs Bild war kopfüber und trotzdem überkam mich das Gefühl, das er mich anstarrte. So, wie er mich in Hillside angesehen hatte, als ich Molly erwähnte. In der Sekunde hatte ich geglaubt, einen Blick hinter seine Maske zu werfen. Ich schauderte. „Woher kennen Sie Dutch?“, fragte Josiah und ich sah auf. Ich begann ihm meine Geschichte zu erzählen. Ich erzählte ihm, wie Arthur mich fand und zur Bande brachte. Erzählte von Micah, den O‘Driscolls, den Toten, Saint Denis, Colms Tod… Einzig meine Zeitreise ließ ich unter den Tisch fallen. Josiah saß mir schweigend gegenüber, nickte hin und wieder oder nippte an seinem Tee. Und sein Blick erinnerte mich an meine Mutter. Immer, wenn sie versuchte zu erkennen, ob ich ihr etwas vorgaukelte oder nicht, sah sie genau so aus. Prüfend, abwartend.
„Nun denn…“ Er stellte die Tasse ab, drehte die Zeitung herum und schob sie mir entgegen. „Würden Sie es vorlesen?“
Ich überflog die ersten Zeilen und übersprang die Vorgeschichte der Bande und die Lobeshymnen in Richtung der Pinkertons, für ihre ach so großartige Arbeit. „Es gelang der Pinkertons Agency das Versteck der Van der Linde Bande in der vergangenen Woche ausfindig zu machen.“ Ich stockte. Es war erst eine Woche vergangen? Die Tage in unserem Versteck waren so zäh, wie Honig dahin geflossen. Es kam mir so viel länger vor. Ich vermisste die Gesichter der anderen, vermisste den kleinen Jack und sogar die Schimpftiraden von Miss Grimshaw. Ich vermisste Uncle und seine Ausreden, warum er nicht arbeiten konnte. Abigail und John, die sich stritten und dann doch wieder liebten. Ich spürte einen Kloß im Hals und schluckte schwer.
„Der Anführer der Bande – Dutch van der Linde – entkam. Andere Mitglieder konnten festgenommen werden.“ Der Kloß nahm mir die Luft zum Atmen. Ich las den nächsten Satz immer und immer wieder, während mein Herz schneller schlug. „Sie… sie sollen hingerichtet werden… in Blackwater… nächsten Donnerstag.“ Ich hob den Blick. Eine Woche. Das gab uns genau eine Woche, um sie zu finden!
Josiah atmete tief durch. Er zog die Zeitung zu sich und las es selbst. „Himmel!“ Er rieb sich das Kinn. „Das ist furchtbar.“
„Was… was unternehmen wir jetzt?“
Er drehte die Zeitung um, als könne er den Anblick von Dutch nicht mehr ertragen. „Wo ist euer Versteck?“
„Nicht weit von hier… in einem verlassenen Haus. Vielleicht eine halbe Stunde entfernt.“ Trug ich eine Mitschuld? „Glaubst du, sie… sie sind bereits in Blackwater?“
„Möglich.“ Er stand auf, die Stirn gerunzelt und eine Hand im Nacken. „Ich werde mich umhören. Vielleicht weiß der gute Sheriff mehr.“ Ich nickte. „Gebt mir einen Tag Zeit. Ich höre mich um und komme zu euch.“ Ich fühlte mich, als würde mein Kopf platzen. Die Gedanken überschlugen sich. „Sie gehen zurück zu den anderen. Ich verspreche, ich komme sobald ich etwas erfahre.“
„Bring dich nicht auch noch in Schwierigkeiten.“
„Oh, um mich müssen wir uns gerade die geringsten Sorgen machen.“ Er sah mich an und zwang sich zu einem halben Lächeln. „Wissen Sie, wo Dutch sein könnte?“
„Ich habe gehofft, dass könntest du mir beantworten.“
„Da muss ich Sie enttäuschen. Ich habe Dutch schon eine Weile nicht mehr gesehen. Zuletzt hier in Valentine.“ Er seufzte auf. „Aber er ist ein Mann, der sich nicht lange bedeckt halten kann. Früher oder später wird ihn jemand sehen.“
„Wie konnte er die anderen nur zurücklassen?“ Ich schüttelte den Kopf, sah ihn vor mir. Sah, wie er seine großen Reden schwang und versuchte sie alle an sich zu binden.
„Miss, ich bezweifle, dass er eine Wahl hatte. Die anderen sind ihm wichtig. Es ist die einzige Familie, die er besitzt…“ Ich war mir da nicht so sicher. Dutch besaß andere Seiten an sich, dunkle Seiten. Ich wusste, wozu er im Stande war, wenn man ihn in die Enge drängte. Josiah legte mir eine Hand auf die Schulter. „Gehen Sie. Ich werde tun, was ich kann.“
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