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The Alienist - Überschreitung der Grenzen

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
08.11.2020
08.11.2020
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4.314
 
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08.11.2020 4.314
 
Hallo ihr lieben,
ich freue mich dass ihr auf meine Geschichte gestoßen seit. Leider habe ich zu dieser tollen Serie noch keine andere FF auf dieser Homepage gefunden, daher habe ich selbst einige geschrieben. Vielleicht kann ich so einige von euch dazu animieren, es mir gleich zu tun. Über ein Review würde ich mich freuen und wünsche euch nun viel Spaß.

PS: Diese FF wurde nicht Beta gelesen, da ich niemanden kenne, der hierzu selbst Geschichten schreibt, bitte seht daher über Rechtschreibfehler, die ihr mit Sicherheit finden werdet hinweg. Ach ja, ehe ich es vergesse, mir gehört natürlich nichts daran ;-)




Die Flure seines sonst gemütlichen Hauses wirkten heute nur eines - kalt. Jahre lang hatte sie ihm die Treue gehalten, seit er sie damals aufgenommen hatte. Mary war die gute Seele des Hauses und jetzt war sie Tod – seinetwegen.

Eine innere Leere breitete sich in Laszlo aus. Warum hatte es so weit kommen müssen? Warum hatte er sich nicht aus dem Fall raushalten können? Er goss sich ein Glas Whiskey ein und setzte sich. Die Polizei hätte den Täter früher oder später sicher auch ohne ihn gefangen, schließlich war das ihr Job. Hätte er sich nicht eingemischt, würde Mary noch leben, da war er sich sicher.

Aber die Beweggründe des Täters waren es, die ihn gereizt hatten. Warum tat der Täter was er tat? Was trieb ihn an? Was hatte er erlebt um solch grausame Dinge zu vollbringen? Was fühlte er? Wie war er aufgewachsen? War er krank – also psychisch, oder ein ganz normaler gesunder Mann? Das waren die Fragen, die Laszlo nachts wachhielten. Die Verbindung zu den Zweig Zwillingen trug natürlich auch einen gewissen Teil dazu bei, den Fall lösen zu wollen. Von Anfang an war er sich sicher, dass auch sie Opfer desselben Täters geworden waren, auch wenn ihm niemand geglaubt hatte, dass es eine Verbindung zwischen denn Fällen gab.

Er musste die Ermittlungen beenden, ehe John oder einem der anderen der Gruppe, ein ähnliches Schicksal ereilen würde. Laszlo würde es nicht ertragen, noch einen geliebten Menschen zu verlieren. Das wars – Schluss, aus, vorbei. Die Polizei würde ab hier weitermachen. Der Schmerz breitete sich immer weiter in seinem inneren aus. Den Gedanken John irgendwann zu verlieren hatte Laszlo bis jetzt weit von sich gedrängt.

Es bestand bis dato auch keine Gefahr für sie, keine reale zumindest. Jeder lebte sein normales Leben. In Anbetracht der aktuellen Lage aber, war dies kein hypothetisches Szenario mehr, es war ernst, sie waren alle in Gefahr, seit sie damit begonnen hatten, den Täter aufzuspüren. John war anfangs der Ermittlungen schon verschleppt und unter Drogen gesetzt worden. Laszlo hatte es geschmerzt, John in diesem Zustand zu sehen. Glücklicherweise war Stevie ihm in dieser Nacht gefolgt. Sie waren angreifbar – alle. Er hätte es zu diesem Zeitpunkt schon einsehen müssen.

Nein, die einzige Option, Johns Leben fort an zu schützen, war hier und heute einen Schlussstrich zu ziehen. Der Fall ist eine Nummer zu groß für sie, auch wenn sie in der Zwischenzeit den Namen des Täters kanntes, konnte dieser sich überall in New York aufhalten, wenn er überhaupt noch in der Stadt war. Es war die Aufgabe der Polizei – diese hatte zudem in diesem Bereich wesentlich mehr Erfahrung, als sie alle zusammen.

Die Beerdigung war klein, aber schön gewesen. John hatte eine Rede gehalten und die Menschen, die Laszlo etwas bedeuteten waren anwesend um sich von Mary zu verabschieden – aber auch dies änderte nichts an den Tatsachen. Sie würde nicht zurückkommen, egal wie sehr er sich dies wünschte. Die Flure seines Hauses würden kalt bleiben, auch wenn Cyrus und Stevie weiterhin hier wären. Mary war etwas Besonderes, denn sie hatte es geschafft dieses Haus mit Leben zu füllen.

„Cyrus?“ rief er in die Leere. Es hatte geklingelt. Ach ja, die beiden waren noch unterwegs, er hatte ihnen für den restlichen Tag frei gegeben, um in Ruhe nach zu denken. Nachdenken darüber, wie alles weitergehen soll. Schließlich drehte die Erde sich weiter – das Leben ging weiter, auch wenn das im Moment gefühlt zumindest nicht der Fall war. Laszlo ignorierte vorerst das klingeln, denn momentan hatte er nicht das Bedürfnis mit jemandem zu sprechen. Die Person, welche aber auf der anderen Seite der Tür stand interessierte das scheinbar wenig, denn mittlerweile klingelte es Sturm, also erhob er sich wieder willig und gewahr seinem Gast zutritt.

„John, was machst du denn hier?“

„Ich wollte nach dir sehen.“

„Mir geht es gut.“ Auch wenn das nicht im Ansatz der Wahrheit entsprach, hoffte er, John soweit beruhigen zu können, dass dieser wieder nach Hause ging.

„Das glaube ich dir aufs Wort.“ Antwortete dieser mit einem wissenden Grinsen. Abwimmeln ließ er sich jetzt, da er seine Lüge durchschaut hatte, sowieso nicht mehr, also bat er seinen Gast herein. Laszlo goss ein zweites Glas von der honiggelben Flüssigkeit ein und reichte es ihm.

„Setz dich…

… John, wir müssen damit aufhören. Ich werde nicht weitermachen.“

„Was? Aber warum? Wir können doch nicht …“

Das kannst du dir doch denken oder? Dachte sich Laszlo, entgegnete dem aber nichts. Er warf John nur einen verständnislosen Blick zu.

„Aber was ist mit den Kindern, die weiterhin getötet werden? Wir können doch jetzt nicht einfach aufgeben, nach alldem was wir erreicht haben. Du selbst hast gesagt, der Täter wird nicht von alleine aufhören.“

„Ja, ich weiß was ich gesagt habe und niemand hat gesagt, dass es einfach wird, aber ich habe mich überschätzt - wir haben uns alle überschätzt. Wir sind nicht dafür ausgebildet, Mörder hinter Gitter zu bringen. Die Polizei hat Erfahrung in solchen Sachen. Sie können sich schützen.“

John schüttelte den Kopf: „Warte, du willst dich also auf eine völlig korrupte Vereinigung verlassen, der es völlig egal ist, ob der Täter frei ist, oder nicht?“

„Roosevelt wird dafür sorgen, dass die Ermittlungen weiter gehen. Er will den Täter, so wie wir es wollen. Dieser Mann wird seine Strafe erhalten, John. Es macht keinen Sinn, mir etwas anderes ein reden zu wollen, mein Entschluss steht fest. Abgesehen davon, was wäre denn die alternative?“

„Weiterzumachen! Wir stehen kurz vor dem Ziel. Wir wissen wer er ist, kennen seinen Namen. Wissen ebenso, wie er sich fortbewegt. Das Einzige was wir noch tun müssen, ist ihn zu finden.“

Er verstand es nicht. Eigentlich mochte Laszlo John besonders, wenn er so voll Enthusiasmus war wie jetzt. Momentan allerdings, war genau dieser Enthusiasmus das verehrende. Man weiß zwar von der Gefahr, sieht sie aber nicht kommen, bis es zu spät ist. Alles war im Moment kräftezehrend, auch sich John zu erklären. Er wollte es nicht verstehen, oder konnte er es nicht?

„Nur weil wir wissen, wie er heißt, heißt das noch lange nicht, dass er sich so einfach finden lässt. Er wird nicht bei uns klingeln, sich freundlich vorstellen und darum bitten festgenommen zu werden. John, Mary ist Tod, auf uns wurde geschossen, ich wurde angeschossen, du verschleppt und unter Drogen gesetzt. Das ist alles nur passiert, weil wir dachten, wir müssen uns einmischen, wir dachten, wir wären besser als er – klüger. Wir waren uns sicher ihn zu fangen, aber das war eine Fehleinschätzung. Hast du schon einmal dran gedacht, was als nächstes passieren könnte, wen von uns wird es als nächstes treffen? Ich darf dich nicht auch noch verlieren.“

Oh nein, den letzten Teil hatte er nicht laut aussprechen wollen, aber es war zu spät. Laszlo war in Rage, er hatte nicht nachgedacht, wollte John überzeugen und da ist es ihm rausgerutscht. John wusste nichts davon, dass seine Gefühle ihm gegenüber nicht nur freundschaftlicher, sondern ehr romantischer Natur waren und so musste es auch bleiben, denn sollte er dies je herausfinden, würde er ihn wohl auch als Freund verlieren.

„Mich? Es geht dir um mich?“ fragte John verwirrt.

„Es geht um uns alle, John. Sarah, Stevie, Cyrus, Teddy und ja auch um dich.“ Gerade noch einmal gerettet. Laszlo sah auf die Dielen des Bodens, denn er wusste, würde er John jetzt ansehen, wüsste dieser Bescheid. Sein gegenüber würde seine harte Schale durchdringen und ihm direkt ins Herz sehen können. John würde ihm seine Gefühle ansehen. Er kannte ihn zu lange, dass er dies nicht täte.

Laszlo war so vertieft, das Muster der Dielen zu studieren, dass er erst, als es schon zu spät war, vernommen hatte, dass John seine Hand genommen hatte und dessen Daumen beruhigend über seine eiskalte Handoberfläche strich. An und für sich war diese Geste eine Überschreitung der Grenzen innerhalb ihrer Freundschaft, aber dieses Gefühl der Ruhe und Gelassenheit breitete sich über Laszlo aus, wie er sie lange nicht erlebt hatte, daher versuchte er die Berührungen zu genießen, es aber nicht allzu sehr zu zeigen.

„Laszlo, ich weiß, im Moment ist es schwer, ohne sie weiterzuleben, aber es kommen wieder bessere Tage. Das verspreche ich dir.“  Er versuchte ihn aufzuheitern, auch wenn dies gut gemeint war, Erfolg hatte John damit nicht. Die trüben, schweren Gedanken ließen sich nicht einfach so vertreiben.

„Es wird nichts mehr so werden, wie es war, John.“ Antwortete Laszlo traurig.

„Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, auf dich einzureden, du wirst deine Meinung nicht ändern, dafür bist zu stur. Wenn du dich aus dem Fall zurückziehen willst, ist das okay, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass wir dich brauchen um ihn zu fangen. Ohne dich schaffen wir es nicht.“

„Aber warum, ohne mich wäre das doch alles nicht passiert?“

„Was? Warte?“ fragte John entsetzt.

Laszlo schwieg. Er war so erschöpft, erschöpft von allem. Er wollte nur noch allein sein, allein in seinem Bett. Einfach nur schlafen und nichts mehr mitbekommen.

„Du gibt’s dir doch nicht etwas die Schuld?“

Laszlo seufzte. Natürlich tat er dies. Er hatte den Stein überhaupt doch erst ins Rollen gebracht, ohne seine Einmischungen, wäre alles den gewohnten Dienstweg der Polizei gegangen und keiner von ihnen wäre je in Gefahr geraten. Er hatte John mitten in der Nacht auf die Brücke geschickt und auch er war der wenige der in Teddys Büro gestürmt ist um diesen zu überreden, sie mit einzubeziehen, auch wenn das wahrscheinlich gegen jede nur mögliche Dienstvorschrift war.

Aber dass konnte er John gegenüber nicht zugeben. Es wäre noch einmal etwas ganz anderes, dies auch laut auszusprechen, denn sobald man so etwas laut ausspricht, wird es wahr. Also betrachtete Laszlo lieber wieder das Muster der Dielen und schwieg. Eine Träne hatte sich mittlerweile ihren Weg über seine Wange gebannt.

John hielt seine Hand jetzt mit beiden Armen.

„Laszlo, sie mich an.“

Er zögerte. Im Moment konnte er nicht Aufsehen. John würde all den Schmerz in seinem inneren sehen.

„Laszlo, bitte...“ Dies klang schon ehr wie ein flehen. Er hatte keine Kraft mehr. Also, was sollte es bringen, er hatte heute schon so viel preisgegeben, was Laszlo bis jetzt niemanden weder sagen noch zeigen wollte. Da kam es jetzt auch nicht mehr darauf an. Also hob er langsam den Kopf und sah John erschöpft mit traurigen Augen an.

„Es ist wichtig, dass du mir jetzt genau so hörst.“ John verstärkte den Griff um seine Hand als wolle er sichergehen, dass er keinen Fluchtversuch unternehmen wollte und Laszlos Herz begann stärker zu pochen.

„Laszlo, du trägst nicht Schuld für das was passiert ist.“

„Aber ohne mich wäre es nie so weit gekommen… was mich …“ seine Stimme brach, er konnte den Satz nicht beenden.

„Doch, das tut es. Manche Dinge kann man nicht beeinflussen, auch wenn man dies noch so gerne möchte. Aber eines darfst du nie vergessen, der einzige Mensch, der die Schuld an Marys Tod trägt, ist Capitan Connor. Er war es, der sie über das Geländer gestoßen hat und nicht du!“

Seine Gefühle waren in Aufruhr. Laszlo wusste nicht, was er dem entgegnen sollte. Zum einen war er wütend auf Ex – Captain Connor, traurig über Marys Tod und gleichzeitig enttäuscht von sich selbst. Dieses Gefühlswirrwarr war unerträglich. Er hätte vorhersehen müssen, dass es eskalieren würde. Connor konnte nicht anders. Auch wenn er entlassen wurde, spielte er sich immer noch genauso auf wie vorher. Laszlo aber hatte es nicht kommen sehen.

So verletzlich wie Laszlo momentan war, musste er auch noch seine Gefühle John gegenüber verstecken, was immer mehr zu seiner Kraftprobe wurde. Noch schaffte er es, die Maske aufrechtzuhalten, auch wenn er merkte, wie es immer schwerer und schwerer wurde. Er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Die Fassade war bereits am Bröckeln.

„Ich weiß was sie dir bedeutet hat Laszlo und auch was du ihr bedeutet hast und dass verbindet euch für immer.“

Dies trug auch nicht zu seiner Aufheiterung bei, auch wenn John das nicht wissen konnte. Vielmehr zeigte dies ihm eines noch deutlicher auf als zuvor: Es gab nur einen Menschen, dem er, Laszlo Kreizler wirklich etwas bedeutete und das war Mary. Erneut begannen sich seine Augen leicht mit Tränen zu füllen um dies nicht zu zeigen, versuchte er nicht aufzusehen.

Laszlos Hand, welche vorhin eiskalt war, die John immer noch sanft streichelte, brannte mittlerweile als hätte er auf eine heiße Herdplatte gefasst. Sein Freund hätte noch ewig so weitermachen können, er genoss die Berührung und ließ sich fallen. Sein Hirn allerdings verfolgte gegen seinen Willen diesen Gedankenstrang weiter.

Den anderen Menschen war er schlichtweg egal, eine flüchtige Bekanntschaft, an dessen Namen man sich selbst nach ein paar Treffen in der Oper möglicherweise sogar erinnern konnte. Für den ein oder anderen, war er zwar ein Freund geworden, den man anerkannte, vielleicht sogar ein wenig mochte, mehr aber auch nicht. Er war unvollständig, kaputt und dazu noch kein einfacher Mensch, all dieser Tatsachen war er sich zu jederzeit seines Lebens voll bewusst.

Mit ihm würde es niemand lange aushalten, dass wusste Laszlo aus jahrelanger Erfahrung. Daher verstand er nur zu gut, warum so viele Menschen seine Gesellschaft mieden. Sie aber, war eine Ausnahme, Mary war bei ihm geblieben, das sagte viel mehr über sie aus, als man es mit Worten beschreiben konnte. Sie war immer für ihn da.

„Woran hast du gedacht?“

„Was…?“ John hatte ihn aus seinen trüben und schweren Gedanken gerissen, die kurz davor waren ihn zu erdrücken.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er schon eine Weile nicht mehr geantwortet hatte und das obwohl sein Freund alles tat, seine Schuldgefühle zu lindern. Was hatte John in seinem Blick gesehen? Es war sowieso zu spät, noch irgendeine Fassade aufrecht zu erhalten, denn mittlerweile klafften tiefe Risse in ihr.

Es war wie bei einer alten Burg, die Jahrelang keiner mehr betreten hatte. Erst fielen einzelne Steine herunter. Mittlerweile aber waren in ihrem Gemäuer tiefe Risse, irgendwann würden die Wände nacheinander in sich zusammenfallen. John hatte ihn heute erlebt, wie niemand je zu vor. Und was hätte er darum gegeben, wenn es nicht ausgerechnet John gewesen wäre, der ihn so schwach und verletzlich hätte vorgefunden.

„Woran du eben gedacht hast?“

„Mary, sie war wohl der einzige Mensch, dem ich nicht vollkommen egal war.“ Antwortete Laszlo mit leiser, trauriger Stimme.

„Warum glaubst du, dass du niemandem etwas bedeutest?“

Laszlo seufzte erneut und sah John verständnislos an. Diese Frage konnte er sich auch selbst beantworten. Es war so offensichtlich. Abgesehen von seiner Mutter, hatte ihm nie auch nur irgendein Mensch liebe Geschenkt. Aber auch ihr Verhalten wurde Distanzierter, nach dem Vorfall mit seinem Vater. Sie umarmte ihn nicht mehr, ging nicht mehr Hand in Hand über die Straße mit ihm, sie vermied es sogar ihn zu berühren, vor allem in der Öffentlichkeit - und dass bei ihrem eigenen Kind. Es war so vieles damals, dass ihre plötzliche Distanz zum Ausdruck brachte. Wenn man nicht einmal von seiner eigenen Mutter geliebt wurde, hatte man wohl keine Liebe verdient - erst recht nicht die eines anderen Menschen.

„Laszlo, das ist nicht der Fall. Du bedeutest vielen Menschen etwas, sogar wesentlich mehr als du glaubst.“

John hatte sich mittlerweile auf den Stuhl neben ihn gesetzt und sah ihm tief in die Augen. Immer noch hielt dieser seine Hand.

„Lass es gut sein John, es ist lieb, dass du mich aufheitern möchtest, aber es ist nicht nötig. Ich bin ein Krüppel, und daran wird sich nichts ändern, es ist wie es ist. Zu dem gehöre ich auch nicht unbedingt zu den einfachsten Menschen, es ist also hoffnungslos, mit etwas anderes einreden zu wollen. Ich habe mich damit abgefunden.“

Dies offen auszusprechen, tat mehr weh, als nur der Gedanke daran. Er versuchte seinen rechten Arm den er auf seinen Oberschenkeln abgelegt hatte leicht anzuheben um ihn auf den Tisch zu legen, was Laszlo aber sofort bereute, denn der Schmerz durchzog ihn und er sackte blitzschnell in sich zusammen.

„Siehst du? Ich kann nicht mal die einfachsten Dinge?“ Es war demütigend Im Moment wäre er lieber alleine, John aber war immer noch hier und offensichtlich hatte er auch nicht vor, an dieser Tatsache momentan etwas zu ändern.

„Aber Laszlo, du bist doch viel mehr als nur das. Ich wünschte, du würdest dich nur einen Tag lang mit meinen Augen sehen.“

Er sah, wie Johns Arm näherkam und er versuchte sanft seine lädierte Hand zu greifen. Laszlo wollte diese wegziehen, er wollte weg von hier, aber sie schmerzte noch zu stark von der vorhergegangenen Bewegung. Er mochte es nicht, dort berührt zu werden und noch weniger wollte er weiter über sein Innenleben sprechen, denn dies ließ nur noch mehr Schmerz in ihm aufkommen.

Andererseits streichelte John immer noch seine andere Hand, was ihn etwas ruhiger werden ließ. Deshalb, und um durch eine unbedachte, ruckartige Bewegung nicht noch stärkere Schmerzen zu riskieren behielt er diese Position bei, spürte aber, wie sich langsam ein Muskel nach dem anderen über seinen ganzen Körper hinweg verkrampfte. Nichts des do trotz, war auch dies wieder eine erneute deutliche Überschreitung der Grenzen ihrer Freundschaft. Nicht die erst heute.

Von niemanden hatte er sich je dort, an seiner empfindlichsten Stelle berühren lassen. Zumindest nicht freiwillig. Wenn dann, geschah das zufällig, wenn beispielsweise jemand nah an ihm vorbeilief, aber selbst bei diesen kleinen Berührungen, deren sich die anderen Menschen wahrscheinlich gar nicht bewusst waren, zuckte er stets zusammen – sie waren ihm unangenehm. Dies passierte unbewusst. Schlussendlich hatte er auch nicht vorgehabt, sich hier und heute dort berühren zu lassen, aber Laszlo war erschöpft, zu erschöpft.

„Wie ist es eigentlich dazu gekommen?“ fragte John leise, als er jetzt auch seinen lädierten Arm hielt und ihn streichelte. Er sah ihn immer noch den Arm an, was Laszlo unangenehm war – er schämte sich dessen. Laszlo spürte wie eine rissige Mauer der verlassenen Burg nach der anderen einstürzte. Sie war gefallen und er hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen. Die Kraft John was vorzumachen hatte er nicht mehr, er konnte sich selbst nicht mehr schützen, daher wollte er sich möglichst kurzfassen und es einfach hinter sich bringen, auch wenn dies eine erntete Grenzüberschreitung war. Noch nie hatte er darüber gesprochen – in all den Jahren, in denen sie sich kannten nicht.

„Mein Vater und ich haben vor dem zu Bett gehen Tauspielen gespielt… Aus einem mir bis heute nicht bekannten Grund…  riss er mir dabei den Arm so fest hinter den Rücken, das Frakturen von Radius, Ulna und Humerus entstanden… Sie sind nicht mehr … Bei kleinen Kindern haben solche Frakturen meist…“

Laszlos Stimme war immer wieder während dieser Erzählung gebrochen, dass spürte er selbst, weshalb er den letzten Satz auch unvollendet im Raum stehen ließ. Die Tränen rannen ihm mittlerweile über die Wangen, es war zu viel, ihm war in diesem Moment alles zu viel. Jeglicher Kampgeist hatte sich in Luft aufgelöst. Er hatte nie aufgehört daran zu denken, wie es dazu kam, noch viele Jahre später beschäftigte ihn dies. Eine Antwort hatte er aber nicht gefunden. Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich stand er damals unter Schock. Dies würde die Tatsache jedenfalls erklären. Langsam nur, hob er den Kopf um John anzusehen.

Wiedererwartend Blickte John ihn nicht mitleidig an und er hatte sich auch nicht von ihm abgewendet, wie die meisten Menschen das taten, wenn sie diese Geschichte zu ersten Mal hörten. Nein, er war hiergeblieben und strich immer noch in beruhigendem Rhythmus über seine Hand.

In Johns Augen spiegelten sich Trauer und Verletzlichkeit wider. Das war ihm bis jetzt noch nie passiert. Nicht das viele die Wahrheit kannten, aber auch bei dem leicht abgeänderten Teil hatte er so eine Reaktion noch nie zu Gesicht bekommen.

Komm, ich bring dich ins Bett, es ist an der Zeit, dass du dir Ruhe gönnst. Ohne Johns Hand loszulassen standen sie auf. Beide gingen nach oben, denn dort Befanden sich Laszlos Schlafgemächer. Was würde er dafür geben, wenn John heute Nacht einfach neben ihm einschlafen könnte. Das aber konnte er nicht verlangen.

Sein Freund hatte sich auf dem Bett platzgenommen, während Laszlo sich quälend langsam die Fliege vom Hals zog. Die Knöpfe der Weste öffnete er in ähnlich gemächlichem Tempo, hing sie dann über den Stuhl. Aus den Augenwinkeln hatte er gesehen, dass John in von Anfang an beobachtet hatte. Aber selbst das konnte ihn heute nicht mehr stören. Momentan war Laszlo alles egal. Er nahm es teilnahmslos hin. An den Hemdknöpfen war er etwas länger beschäftigt, da diese recht klein waren. Aber das nervigste blieben und waren diese Manschettenknöpfe.

„John, du musst, die das wirklich nicht antun, du wirst es genauso abstoßend finden, wie alle anderen, wie jeder damals in Harvard. Du hast die Blicke gesehen. “ Sagte Laszlo mit dem geöffneten Hemd, bevor er es von seinem Körper schieben wollte.

„Laszlo, erinnerst du dich noch daran was ich dir vorhin gesagt habe?“

„Nein?“ John stand jetzt direkt vor ihm und sah ihm tief in die Augen.

„Ich wünschte, du könntest dich einen Tag mit meinen Augen sehen. Denn ich sehe etwas ganz anderes in dir, als nur diese Beeinträchtigung. Du bist so viel mehr, Laszlo.“

Laszlo dachte kurz darüber nach, wie meinte John das, er wäre mehr, als das?

„Darf ich?“ Fragte John vorsichtig, und zeigte auf das offene Hemd. Laszlo nickte nur erschöpft. Er wollte nur noch Schlafen. Am besten mehrere Tage am Stück und John würde nicht aufhören. Also nickte er und ließ es über sich ergehen.

Sein Freund nahm das Hemd an beiden Seiten auf Höhe der Brust, streifte es vorsichtig ab und hing es zu der Fliege über den Stuhl. Als er zurückkam, hatte Laszlo die Augen geschossen, er wäre er der Situation am liebsten entkommen.

Jetzt stand er also oben völlig unbekleidet vor John. Dieser sah ihn einfach nur an. Panik stieg in Laszlo auf. Würde er jetzt gehen wie all die anderen? Er hatte keine Chancen bei John, da war er sich sicher. Schließlich war John dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt, zumindest sprachen seine zahllosen Affären dafür. In der Vergangenheit hatte er viele Liebhaberinnen. Und selbst wenn… John war ein Mann, das wäre absolut inakzeptabel. Nie würde sowas jemand akzeptieren. Das alles war aber sowieso unwichtig, denn es würde sowieso nie dazu kommen.

Laslo zuckte leicht zusammen, als John ihm sanft über den Rücken streichelte und ihn dann in den Arm nahm.

„Laszlo, du bist so genau richtig wie du bist.“

Immer noch streichelte der andere beruhigend über seinen Rücken und Laszlos Anspannung löste sich - endlich. Er legte den Kopf erschöpft in Johns Halsbeuge ab, als seine Augen sich erneut mit Tränen füllten. Zu sprechen, viel ihm in diesem Moment schwer, aber er wollte etwas loswerden. Langsam strich er John über die Wange.

„John, so etwas hat noch nie jemand zu mir gesagt.“

Lange standen sie in dieser engen Umarmung. Keiner wollte sie beenden, hatte Laszlo das Gefühl.

John begann jetzt damit, mit der anderen Hand auch Laszlos Wange sanft zu streicheln. Zart gab er ihm einen Kuss auf die Stirn. Was hatte das zu bedeuten? War es um ihn zu trösten, oder waren Johns Gefühle ihm gegenüber doch anders geartet, als er gedacht hatte? Sollte er es versuchen? Sollte die Chance ergreifen, oder würde er dadurch auch noch seinen besten Freund verlieren. Wenn er wieder erwartend richtig lag, hatte er vielleicht das erste Mal wirklich Glück in seinem Leben.

Er wollte es versuchen, vielleicht hatte er doch recht. Laszlo wusste selbst, wie schwierig er sein konnte, aber John, war über all die Jahre an seiner Seite geblieben. Vielleicht war diese Idee doch nicht so abwegig.

Also führte er seine linke Hand, die mittlerweile auf Johns Wange zum Erliegen gekommen war etwas weiter an seinen Hinterkopf und drückte diesen sanft zu seinem herunter. Sein Freund hatte seine Augen geschlossen, Laszlo beschloss es ihm gleich zu tun. Langsam und vorsichtig berührte er seine Lippen, wartete auf eine Reaktion von John, der seine Zunge sanft über Laszlos Unterlippe tanzen ließ. Und ihn im Anschluss küsste, nicht weniger sanft als er selbst dies zuvorgetan hatte. Laszlo öffnete leicht seine Lippen und gebar Johns Zunge Einlass, welcher diese Chance sofort nutzte.

Ihre Haltung hatte sich kaum verändert, abgesehen von der Tatsache, dass John jetzt sanft über Laszlos freien Oberkörper stich, dieser lehnte sich in diese Berührung. Er selbst kraulte den Hals seines Freundes, während sie sich weiter küssten.

Da man aber leider ab und zu atmen muss, unterbrachen sie diesen Gefühlvollen Kuss. Laszlo hatte so etwas Schönes noch nie erlebt, stehts hatte er gedacht, er würde keine Liebe verdienen.

Nach einer kurzen Verschnaufpause fragte John:“ Darf ich dir helfen?“ und zeigte auf die Schuhe.

Laszlo nickte, fing derweil an Gürtel und Hosenknöpfe zu öffnen.

John hatte seine Aufgabe schnell hinter sich gebracht, so konnte er sich jetzt endlich auch der Hose entledigen.

„Danke.“ Unter anderen Umständen hatte er es lieber 50-mal selbst versucht, als jemanden um Hilfe zu betteln, heute aber war Laszlo dazu nicht mehr in der Lage.

John hob die Bettdecke hoch, so dass er bequem einsteigen konnte. „Darf ich? Ich werde heute Nacht bei dir bleiben und morgen reden wir weiter.“ Heute waren schon so viele Grenzen überschritten worden, da kam es auf eine mehr auch nicht mehr an, also nickte Laszlo und rutschte weiter nach hinten, so dass John ebenfalls Platz im Bett hatte.

„Du solltest jetzt schlafen, es war ein harter Tag.“

John gab Laszlo noch einen Kuss ehe er seinem Freund eine gute Nacht wünschte. Mit dem Kopf auf der Brust seines Freundes viel Laszlo in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
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