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Wie der Sexus in den Fokus gerückt wird

von Annaeru
GeschichteAllgemein / P12
08.11.2020
08.11.2020
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Vorneweg: Ich bin kein Gender-Forscher, ich bin Germanist. Oder Germanistin? Beides. Als Germanist bezeichne ich mich, wenn ich aussagen will, dass ich Germanistik studiere und behaupte, mich damit auszukennen. Als Germanistin bezeichne ich mich, wenn ich nicht zu faul dafür bin, oder wenn mein Geschlecht aus unerfindlichen Gründen eine Rolle spielen sollte.

Genau darum soll es in diesem kurzen Aufsatz gehen, um die sogenannte gendersensible Sprache. Frauenrechte und Gleichberechtigung sind ohne Frage wichtige Themen unserer Gesellschaft, die teilweise auch noch nicht genug Gehör finden. Allerdings sehe ich das Erreichen dieses hehren Ziels nicht darin, unsere Sprache im Rekordtempo umzukrempeln.

Der Gender-Stern ist mittlerweile als Stichwort in den Duden aufgenommen worden, Binnen-I, Gender-Gap, Doppelpunkte, Schräg- und Bindestriche nehmen immer weiter zu, in Behörden-, aber auch in Pressetexten. Rein grammatisch ist das alles falsch, solche Formen gibt es im Deutschen nicht. Es gibt weder Ärtz, noch Bäuer, ich lade auch nicht meine Freund ein noch sehe ich Spieler beim Fußball zu. So sähen unsere „maskulinen“ Formen bei den Gebilden „ÄrztIn“ und „Bäuer:in“ aus, in den Sätzen „Ich lade meine Freund_innen ein“ oder „ich sehe Spieler*innen beim Fußball zu“. Diese Probleme mögen sich manchmal durch die „genderneutrale“ Form umgehen lassen, doch allzu oft versagen Formen wie „Studierende“. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass bei Weitem nicht jeder Student auch Studierender ist, denn das Partizip Präsens aktiv bezeichnet eine Person, die gerade in diesem Moment die bezeichnete Tätigkeit ausübt. In einem Seminar sollte ein Student also sehr wohl ein Studierender sein, in den Semesterferien ist er es mit höchster Wahrscheinlichkeit aber nicht. Noch dazu ergeben sich aus den Partizipialformen im Singular die gleichen Probleme wie bei den normalen Substantiven, ein „Studierender“ ist immer noch grammatisch ein Maskulinum.

Dies bringt mich zu meinem nächsten Punkt. Wir unterscheiden im Deutschen (oder taten dies vormals) zwischen „Genus“ und „Sexus“. Genus ist das grammatische Geschlecht eines Objekts, Sexus das tatsächliche. So ist die Tür grammatisch zweifelsfrei feminin, tatsächlich aber Neutrum, da sie ein Gegenstand ist. Andererseits ist das Mädchen grammatisch neutral, tatsächlich aber feminin. Der Sexus ist vom Genus völlig unabhängig, dieses hat sich in langer sprachgeschichtlicher Tradition aus dem Indogermanischen herausgebildet. Dort waren einst alle belebten Dinge „maskulin“, alle Abstrakta „feminin“, in jahrtausendelanger Entwicklung hat sich unser heutiges System herausgebildet. Darunter fällt auch das „generische Maskulinum“, eine Form, auf die wir Deutschen stolz sein sollten. Denn das generische Maskulinum kann, was keine andere grammatische Form sonst kann: Es bindet alle geschlechtlichen Identitäten ein und ist dabei noch wahnsinnig ökonomisch. Viele argumentieren, dass Frauen ja nur „mitgemeint“ seien, das ist meiner Ansicht nach Blödsinn, denn genauso sind Männer nur mitgemeint. Denn sie haben grammatisch keine eigene Form, die sich zweifelsfrei ihnen zuordnen lässt. Lasst mich das an einem Beispiel deutlich machen. „Alle meine Lehrerinnen sind total nett“ bedeutet, dass alle weiblichen Lehrkräfte, die mich unterrichten, total nett sind. „Alle meine Lehrer sind total nett“ wird von den meisten Menschen wohl zuerst aufgefasst werden als „alle Lehrkräfte, die mich unterrichten, sind nett“ und erst sekundär als „alle männlichen Lehrkräfte etc.“. Dies ist erst klar erkennbar, wenn ich sprachlich eine falsche Betonung setze und sage „alle meine Lehrér sind total nett“. Wir könnten das Maskulinum also auch als „allgemeine Form“ bezeichnen. Und da das gen. Mask. auch alle anderen Menschen, die sich weder als Mann, noch als Frau fühlen, miteinschließt, können diese sich ebenfalls in dieser Form repräsentiert sehen und müssen sich nicht als _, *, / oder : fühlen, was ja angeblich für die anderen Geschlechtsidentitäten stehen soll.

Eine Sache, die von vielen Gender-Befürwortern angeführt wird, ist, dass man ja auch einfach die feminine Form für alle benutzen könnte, damit die Männer „nur mitgemeint“ seien. Letzteres habe ich oben schon aufgegriffen, ersterem entgegne ich: Die feminine Form ist unökonomisch und in unserer Gesellschaft ganz klar nur mit dem weiblichen Geschlecht verbunden. Und das wird sich auch nicht dadurch ändern, dass uns Behörden vorschreiben, wie wir zu sprechen haben, denn das generische Maskulinum findet nach wie vor den höchsten Zuspruch unter der Bevölkerung. Sicher ist das eine Frage der Gewöhnung, allerdings hat sich Sprache schon immer aus der Bevölkerung heraus entwickelt und nicht, weil eine Minderheit bestimmte Formulierungen verlangt hat.

Auch an dem „man“ stoßen sich einige Menschen, man-chmal (haha) wird es schon durch ein „frau“ ersetzt. Ja, die lautliche Ähnlichkeit zu „Mann“ ist erstaunlich, sehen wir uns aber die Etymologie dazu an, ist ganz schnell erkennbar, dass „man“, mhd. „man“ einfach für „jeder beliebige Mensch“ steht. Man findet dieses Wort auch in Formen wie „niemand“ oder „jemand“, Formen, von denen wir anstandslos akzeptieren, dass sie immer mit dem Maskulinum gehen: niemand, der; jemand, der. Und dabei kommen wir dem generischen Maskulinum ein ganzes Stück näher: In diesen Formen wird so offensichtlich wie kaum an anderer Stelle klar, dass der Sexus für den Sachverhalt vollkommen egal ist. Wenn jemand mein Handy kaputt gemacht hat, ist es mir vollkommen egal, ob das ein Mann, eine Frau oder irgendein anderer Mensch war, wichtig ist, dass das wichtigste Gerät meines Lebens Schrott ist. Genauso verhält es sich bei „Nutzern“, „Verbrauchern“, „Autofahrern“ und so weiter. Es ist nicht wichtig, von welchen Menschen Facebook genutzt wird, wer sich bei Aldi mit Lebensmitteln eindeckt oder wer hinter dem Steuer sitzt. Wichtig ist, dass es eine Gruppe an Menschen ist, deren geschlechtliche Identität für den Sachverhalt keine Rolle spielt. Durch das Gendern werden Menschen viel mehr auf ihr Sexus reduziert, diese eigentlich unwichtige Nebensache wird in einen Fokus gerückt, in dem sie fehl am Platz ist.

Übrigens, vielleicht ist es euch aufgefallen: Auch „wer“ ist eine grammatisch männliche Form, aber wir können problemlos fragen „Wer hat mein Handy kaputt gemacht“ und dann ohne zu zögern akzeptieren, dass es Wilhelmine war.

Kehren wir doch zurück zu alter sprachlicher Ökonomie, zu einer Form, bei der ganz gleichberechtigt alle nur mitgemeint sind. Die Ursachen unserer Gleichberechtigungsprobleme liegen viel tiefer. Fragt mal ein Kind nach dem Bundeskanzler, mit 99%iger Sicherheit wird es sagen, dass der Bundeskanzler immer eine Frau ist. Wir müssen viel früher ansetzen als in der Sprache. Färben wir doch einfach mal die Spielzeugverpackungen von Rennautos rosa und die von Märchenschlössern blau, füllen wir die Mädchenabteilung bei C&A mit grauen, schwarzen, grünen, roten, blauen, gelben T-Shirts und Jacken und die Jungenabteilung mit rosa Shirts mit Pailletten. Gerade Spielzeug- und Modehersteller sind viel zu versessen auf kleine süße Prinzessinnen und kleine begeisterte Rennfahrer. Da müssen wir ansetzen, gleich bei den Jüngsten. Wenn wir in Zukunft rosa Baustellenpackungen von Playmobil im Regal sehen und Wohnhäuser mit Männern im Küchenset, werden die Kinder anders denken, nicht wenn wir ihnen mit drei Jahren von ÄrztInnen erzählen.

Und wenn wir das tun, dann bitte auch konsequent. Dann will ich auch von islamistischen TerroristInnen hören, von Schwerverbrecher:innen, von Raser*innen und von Vergewaltiger_innen. Wenn manche Mensch/-innen schon eine derartige Repräsentation der grammatisch femininen Form in der Schrift- und sonstigen Sprache wollen, dann bitte nicht nur auf der guten Seite.

~~~

Der Aufsatz war sicherlich nicht immer ganz sachlich oder wertfrei geschrieben, was, das sage ich auch ganz offen, damit zusammenhängt, dass ich mich zuweilen furchtbar über die Gendersprachdebatte aufrege, vor allem, weil kaum noch Linguisten was dazu sagen, sondern nur noch (selbsternannte) Genderforscher. Und weil ich selbst Verfechterin des generischen Maskulinums bin (wer hätte es gedacht). Ich will zur Diskussion anregen und höre mir auch gerne Argumente der Gegenseite an.

Liebe Grüße
Annaeru
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