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Ein Schicksalsschlag kommt selten allein | ESKSA

GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Detlev Grün Ellen Bannenberg Emily Bannenberg Nikolas Heldt
06.11.2020
14.06.2021
58
121.314
18
Alle Kapitel
173 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
11.06.2021 1.612
 
Nikolas

Emily ist heute tatsächlich mit dem Fahrrad zum Tierheim gefahren und hat sich auch nicht von Ellen dazu überreden lassen, sich in ihrem viel bequemeren Auto dorthin chauffieren zu lassen. Das Wetter ist zwar windig aber bei weitem nicht so schlimm wie vorhergesagt.
Wie vereinbart muss Ellen eine halbe Stunde früher los, damit ich mit der gewohnten Verspätung im Büro aufschlagen kann und niemand der Kollegen Verdacht schöpft. Während sie in aller Frühe aus dem Bett musste, hat sie die Güte besessen und mich weiterschlafen lassen, damit ich mich noch ein wenig erholen konnte. Viel Schlaf kriegen wir beide echt nicht, wenn ich bei ihr übernachte. Da ist es gleichgültig, ob wir die Finger einfach nicht voneinander lassen können, ob wir bis spät in die Nacht hinein reden oder ob wir immer wieder aufwachen, weil dieses Gefühl der Wärme, Nähe und Vertrautheit noch ganz ungewohnt für uns ist und wir es so lange wie möglich in wachem Zustand genießen möchten.
Ich hoffe nur, niemand spricht uns auf unsere Augenringe an oder stellt sonst irgendwelche Vermutungen über uns auf.

Tatsächlich scheint das auch keiner zu tun, als ich mich auf den Weg zu Ellens Büro mache. Frau Dr. Holle erkundigt sich nur kurz, ob ich mich in der Vorbereitung zum nächsten Mallorca-Aufbruch befinde, Korthi begrüßt mich wie jeden Morgen hellauf begeistert über meine bloße Anwesenheit und Grün geht kurz vor mir durch die Tür ins Büro unserer Staatsanwältin.
Im Hineingehen wechseln wir ein paar Worte über die neusten Erkenntnissen der KTU, die die Laune meines Chefs sofort verbessern.

Wenig später haben wir mit Kaffee und Plätzchen versorgt an Ellens  Besprechungstisch Platz genommen. Sie selbst sitzt mit Sicherheitsabstand zu mir hinter ihrem Schreibtisch und mustert uns interessiert, während sie die Akten überfliegt. „Und Sie haben wirklich einen Hund kriminaltechnisch untersuchen lassen, Herr Heldt?“, fragt sie gespielt verwundert, als sei das irgendwas Neues von mir.
„Ja, Frau Doktor Holle hat Difahr der Pathologie übergeben. Die müssen jetzt rausfinden, woran er gestorben ist. Klar ist, dass er bereits mehrere Stunden vor dem Unfall tot war“, kläre ich die Anwesenden auf und werfe weitere Zuckerwürfel in meine Kaffeetasse. Ich sehe erst zu Ellen, dann zu Grün, der aufgestanden ist und vor dem Fenster auf und abläuft.
Ellen nimmt ebenfalls einen Schluck Kaffee und kommentiert mit einer galanten Handbewegungen an Grün gerichtet: „Damit wären Sie aus dem Schneider.“
Diesem fällt es sichtlich schwer, seine Erleichterung standesgemäß zu kaschieren. „Ja und ich kann überhaupt nicht zum Ausdruck bringen, wie erleichtert ich darüber bin. Sehr gerne machte ich es mir zur persönlichen Aufgabe...“
Gespannt darauf, was er nun vorschlägt, rühre ich immer schneller in meinem Kaffee herum. Ellen bemerkt es und lächelt mich zuckersüß an.
„ ... herauszufinden, wer diesen armen Hund Difahr auf dem Gewissen hat.“Der Chef stützt sich auf Ellen's Schreibtisch ab.
Sie sieht ihn zuerst nachdenklich, dann immer skeptischer an. „Hm.“ Begeisterung sieht anders aus.
„Wer legt einen toten Hund auf die Straße?“, werfe ich ein und beiße mit voller Inbrunst in meinen Keks, ehe ich mit der Kaffeetasse in der Hand aufstehe. „Und vor allem, warum?“ In Zeitlupe komme ich auf Ellen zu. „Das ist doch spannend, da gibt's doch bestimmt irgendwas drüber im StGB.“
Sie ahnt was ich vorhabe, zieht sich in ihre Hab-Acht-Stellung zurück und lehnt sich nach hinten, um sich weiter von mir zu distanzieren. Misstrauisch blickt sie zwischen Grün und mir hin und her. Ich fackel nicht lange und setze meinen unschuldigen Dackelblick auf. Dem kann meine Freundin auch diesmal nicht widerstehen, das konnte sie noch nie.
Ellen grinst. „Also gut, Sie haben einen Fall.“
Ich atme erleichtert aus, zwinkern dem Chef zu, dann setzen wir uns beide zu ihr an den Schreibtisch.
„Gibt es schon irgendwelche Verdächtigen?“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust.
Grün ergreift eifrig das Wort: „Tierschützer Malte ... ist raus, jedenfalls hat er für die Tatnacht ein Alibi.“
Voller Tatendrang lege ich meinen angebissenen Keks auf die neuen juristischen Zeitschriften von dieser Woche, die vor Ellen aufgestapelt sind, um besser gestikulieren zu können. Sie begutachtet das Gebäckstück einen Moment lang und legt es dann mit spitzen Fingern auf die Tischplatte davor.
Irritiert von ihrer Nähe, stammle ich: „Oh... Ähm ... Synthia von Guntens größter Konkurrent, Heiner Hansen, der könnte von Difahrs Tod profitieren. Der wird jetzt wahrscheinlich die deutschen Meisterschaften gewinnen.“
Sie sieht mich bedächtig an. Langsam bahnt sich ein immer intensiver werdender Blickweise zwischen Ellen und mir an.
Einzig und allein Grüns zurückhaltendes Räuspern sorgt dafür, dass wir beide wieder aus unserer Trance erwachen.
„So Herr Heldt, wir beide werden uns diese Frau von Gunten mal genauer ansehen!“, verkündet Ellen, nachdem sie sich gefasst hat und beauftragt meinen Chef: „Und Sie, Herr Grün, nehmen sich diesen Herrn Bukowski vor!“

Wir fahren gemeinsam mit meinem Wagen zu Frau von Guntens Anwesen, einem kleinen Gehöfft in der Nähe des Waldes. Ist Ellen im Präsidium noch ziemlich nervös gewesen als wir gemeinsam nach unten gegangen sind, ist ihre Vorsicht, seit wir die Türen meines roten Mercedes zugeschlagen haben, passé. Ihre Hand ruht auf meiner, die den Schaltknüppel festhält, als ginge es um mein Leben. Anders als meine Freundin kann ich nicht problemlos abschalten. In meinem Kopf sind wir immer noch in dienstlicher Funktion unterwegs.
„Ellen...“ Als wir an der Ampel stehen bleiben müssen, bevor es raus auf die Landstraße geht, sehe ich zu ihr hinüber.
Sie grinst mich neckend an.„Ja? Ist irgendetwas?“
Ich sehe hinunter auf unsere ineinander verschränkten Hände. „Nein, nein, es ... Es ist einfach ungewohnt, dass wir... Ich meine, ... wir sind im Dienst, du hast mir gestern noch eine Predigt darüber gehalten, wie wir uns während der Arbeit zu verhalten haben und du ...“
Ellen lacht auf, nimmt ihre Hand kurz weg um nach vorne auf die Ampel zu deuten. „Es ist grün, du Heldt!“
Ich fahre los und beschleunige und schon landet ihre Hand wieder auf meiner. Unruhig trommle ich mit den Fingern auf dem Metallknauf herum.
„Nikolas!“, ermahnt sie mich postwendend. „Würdest du dich bitte aufs Fahren konzentrieren?”, sagt sie ernst, doch im Augenwinkel erkenne ich, wie sie mir zuzwinkert.
Ich schüttle verwundert den Kopf, lege beide Hände auf das Lenkrad und gebe Gas.

Detlev

Polizeiobermeister Korthals und meine Wenigkeit verlassen mit dem Zeugen Bukowski den Vernehmungsraum. Der Herr, der soeben in Folge eines nicht unerheblichen Unterdrucksetzens durch meinen verehrten Kollegen Korthals angab, mit als Schriftsteller tötete er lediglich auf dem Papier, verriet uns im weiteren Verlauf der Vernehmung von zwielichtigen Verhandlungen abseits der Rennbahn. Unter anderem fiel der Name Abdul Al Achim, ein reicher Scheich aus Abu Dhabi. Diesem solle Bukowski für den Erhalt einer beträchtlichen Provisionssumme eine Kaufvermittlung zugesagt haben. Platz eins belegte hierbei das ruhmreiche Tier "der flinke Difahr", Platz zwei erhielt Heiner Hansens Donna Lottchen, insofern stimmen die Informationen mit denen von KK Heldt überein und zeigen eine baldige diesbezügliche Befragung des zweiten Hundezüchters als nächsten Ermittungsschritt an. Noch hege ich vereinzelte Zweifel an der Motivationslage des Schriftstellers, doch für einen Untersuchungshaftsantrag fehlt mir jegliche Handhabe. Als wir den Eingangsbereich betreten, fällt mein Blick auf die dort wartende Tochter der verehrten Frau Staatsanwältin, Emily Bannenberg. Als ich mich noch nach dem Grund ihres Aufenthalts wundere, vermag ich auf den zweiten Blick zu erkennen, dass sie in ihren Händen jeweils mehrere Hundleinen hält, an welchen eine Vielzahl an Vierpfötlern eifrig Gegenzug ausüben und die junge Dame augenscheinlich in eine Bredouille bringen. Als ein kleinerer Hund, wahrscheinlich ein Mops uns zur Kenntnis nimmt, reißt er derart heftig an seinem Geschirr, dass seine Leine Emily Bannenberg entgleitet und er ungehindert auf Bukowski und mich Misstürmen kann. Der allgemeine Tumult ist groß, Emily schreit den Namen des Hundes: „Aus, Johnny, zurück!“, woraufhin unser Zeuge sich mit einem gekonnten Sprung hinter den Eingangstresen rettet und in Sicherheit vor dem freudig auf ihn zu kommenden Johnny bringt. Noch ehe einer der anwesenden des Mopses habhaft werden könnte, wuselt jener durch unsere Füße hindurch zur Eingangstür, welche sich just in diesem Moment öffnet, da Herr Heldt mit Frau Bannenberg das Präsidium betritt. Beide haben einen Haufen DVD-Hüllen unter dem Arm und lassen sichtliche Überforderung auf ihren Gesichtern erkennen, als sie der herumtoben Hunde Gewahr werden.
Dann reagiert Herr Heldt jedoch geistesgegenwärtig genug, um sich nach Johnny, dem freilaufenden Mops zu bücken, ihn hochzunehmen und seiner Kollegin entgegen zu strecken, die ihn sofort mit einer freien Hand beruhigend tätschelt.
An der Eingangtheke atmet währenddessen unser Zeuge hörbar aus.
„Sie haben Angst vor Hunden“, konstantiere ich, während sich meine restlichen Zweifel an der Richtigkeit seiner Aussage in Luft auflösen. Er war es in jedem Fall nicht, sodass wir ihn guten Gewissens laufen lassen können.

Ellen

Nikolas, der lachend neben mir steht, hat den kleinen Hund fest im Griff, während Emily im Eingangsbereich des Präsidiums mit dem restlichen wild durcheinander wuselnden Rudel zu kämpfen hat. Belustigt beobachte ich die turbulente Szene und streichle unablässig über den Nacken des grau-weißen Tieres, das Emily fortwährend mit „Johnny“ angesprochen hat. Er erinnert mich an das Exemplar, welches ich bei einer gemeinsamen Gassirunde letzte Woche mit meiner Tochter ausführen durfte. Irgendwie schafft es meine tierliebe Emy schließlich doch, die Leinen zu ordnen und ihre Meute zurück zu rufen. Während Nikolas ihr den letzten Hund übergibt und mit ihr nach draußen geht, übergebe ich Hauptkommissar Grün unsere Ausbeute vom Gut, die DVDs mit dem Material der Überwachungskameras der letzten Woche.
„Bukowski war es anscheinend nicht, der den Hund freigelassen hat, sehe ich das richtig?“, bemerke ich in Bezug auf den wetteifrigen Schriftsteller, der zitternd und bibbernd das Weite sucht.
„Dem stimme ich zu, Frau Staatsanwältin!“ Herr Grün lächelt mir amüsiert zu und nickt. „Es ist übrigens ein Vergnügen, wieder mit Ihnen zusammen zu arbeiten!“
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