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Der rote Mercedes | DRM

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
06.11.2020
14.06.2021
27
58.810
21
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06.03.2021 5.741
 
Ellen

Quietschend fällt die Tür zu meinem Schlossgemach hinter mir zu.
Die Geräusche vom anderen Ende des Ganges sprechen dafür, dass sich nun auch der Rest unserer Truppe zur Nachtruhe zurück zieht. Ich mache mich bettfertig, schlüpfe in mein taubenweißes Seidennachthemd mit Spitzenbesatz und lege mich auf das weiche Bett. Hier riecht es überall nach altem Holz und modrigen Wänden, kein Wunder, dass der Versuch, dieses Schloss in eine Wellness Oase zu verwandeln, misslang.
Doch der Geruch ist nicht das einzige, was mich daran hindert, einzuschlafen. Auch die Gewissheit, dass Nikolas nur ein paar Zimmer weiter auf seinem Bett liegt, macht mich so nervös, dass ich kein Auge zu machen kann.
Die letzten Wochen haben wir miteinander geflirtet wie die Weltmeister. Und vor einer Woche hatten wir endlich so etwas wie ein Date? Oder wie soll man es sonst nennen, wenn man gemeinsam im Kino, danach etwas trinken war und ich schlussendlich sogar bei Nikolas zuhause übernachtet haben?

Und diesmal war alles anders, diesmal haben wir uns die Zeit genommen, und einfach nur geredet, über ihn, über mich, über uns.
Auch das Pizza-Essen bei mir Zuhause oder unser Dinner am See fällt für mich definitiv unter "Date".
Auch wenn ich es mir bisher nicht eingestehen wollte, waren all unsere Gespräche der Nährboden für meine Hoffnung, dass wir uns bei diesem Teambuilding Seminar auf dem alten Schloss näher kommen. Schließlich sind wir endlich ungestört, gänzlich abgeschnitten von der Außenwelt.
Und allzu schlecht lief es bislang nicht, Nikolas scheint ganz schön eifersüchtig auf den anderen Staatsanwalt aus Essen zu sein. Es macht aber auch einfach Spaß, ihn aus seiner Reserve zu locken, nachdem er die vergangen Woche zwar immer wieder meine Nähe gesucht hat und sich am Ende doch nicht getraut hat, den finalen Schritt zu wagen.
Nikolas spielt das Spiel mit und nutzte heute wirklich jede Gelegenheit, mich und Dr. Pringel auseinander zu bringen, um mit mir allein zu sein.
Und außerdem, wenn, dann flirten wir beide, höre ich seine Stimme in meinem Ohr, bevor das Poltern auf dem Flur mich hochschrecken lässt.
Augenblicklich bin ich hellwach und konzentriert, bleibe aber dennoch auf der Matratze liegen, denn schließlich kann niemand sagen, was hier noch alles knarrt.

Es poltert ein zweites Mal. Jetzt hört es sich an, als würde jemand die Treppe hinunter laufen. Diesmal bleibe ich nicht liegen, sondern schleiche mich auf leisen Sohlen zur Tür und öffne sie in der Hoffnung, dass das Quietschen diesmal ausbleiben möge, einen Spalt breit.
Das ist doch unser schmieriger Dr. Pringel!
Bevor er mich sehen kann, weiche ich zurück in die Schatten der dicken Wände. Nun, da Nikolas' Zimmergenosse ausgeflogen ist, muss ich die Gelegenheit einfach nutzen!
So leise wie möglich husche ich barfuß über den Teppich zum anderen Ende des Ganges. Außer mir und Pringel scheint zum Glück keiner wach zu sein. Vorsichtig lehne ich mich gegen die Zimmertür der beiden und starte einen kleinen Lauschangriff.

Nichts, Nikolas scheint zu schlafen. Ich atme tief, aber leise durch und fasse all meinen Mut zusammen. Gerade als ich die Klinke nach unten drücken will, höre ich ein Knarren hinter mir. Verflucht, ist das spannend heute Nacht! Wie ein aufgescheuchtes Huhn eile ich in mein Zimmer zurück. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz, bevor ich mich verstecken kann, sehe ich den Duisburger Kommissar aus seinem Zimmer stolpern.
Diesmal beschließe ich, hinter der Tür Wache zu halten, um einen Überblick über die Situation zu gewinnen.
Als ich einen weiteren Versuch ins Licht wage, kann ich endlich das gesamten Obergeschoss einsehen. Und da ist er auch schon!
Nikolas überquert grinsend in seinem dunkelblauen Schlafanzug den roten Teppich und läuft schnurstracks auf mich zu.
Er will doch nicht etwa wirklich zu mir?
Ich muss sofort zurück ins Zimmer, damit es nicht so wirkt, als hätte ich die ganze Zeit hier gestanden und auf ihn gewartet!

Aufgeregt drücke ich die Klinke nach unten und ignorieren das erneute Quietschen.
Nun muss ich Ruhe bewahren. Wo ist mein Parfüm?
Suchend sehe ich mich im Raum um. Draußen sind erneut laute polternde Geräusche zu vernehmen. Als ich den Flakon gefunden habe, schlagen zwei Türen draußen zu. Was ist nur los in dieser Nacht?
Hastig besprühe ich meine Handgelenke und meinen Hals, dann schnappe ich mir die Streichholzschachtel auf dem Nachtkästchen und sorge für eine stimmungsvolle Lichtatmosphäre.
Gott, ist das aufregend!
Wir beide hier nachts in diesem Schloss, beide wach, niemand kann uns stören, außer vielleicht die anderen sehr geschäftigen Übernachtungsgäste.
Die Atmosphäre ist perfekt für unseren finalen Schritt, fehlt nur noch Heldt.
Rastlos laufe ich auf und ab und lausche immer wieder an der Tür, ob draußen etwas oder jemand in Bewegung ist.
Nichts.
Langsam verliere ich die Nerven. Dass Heldt immer so unentschlossen sein muss! Ich habe ihn doch gerade noch auf dem Gang gesehen! Gerade beuge ich mich über die Kerzen, um die Flammen zu löschen, da höre ich Stimmen vor meinem Zimmer. Wenig später klopft es mehrmals an der Tür.
Atemlos halte ich inne.
"Frau Bannenberg?"
Nikolas.
Endlich.
Mir fällt ein Stein vom Herzen.
"Schlafen Sie schon?"
Auf Zehenspitzen laufe ich zur Tür und horche. Nikolas scheint der einzige auf dem Gang zu sein.
"Ja, natürlich", ist nicht wirklich eine clevere Erwiderung auf seine Frage, aber im Augenblick bin ich so durcheinander, dass ich keine sinnvollere Antwort von mir geben kann.
Ich warte einen Moment, richte meine Haare und öffne die Tür.
"Was ist denn?", simuliere ich die Ahnungslose. Er soll denken, dass ich gerade erst aufgestanden bin.
Zaghaft betritt Nikolas mein 'Gemach'. "Ach, ich wollte nur sehen, ob alles in Ordnung ist." Er gibt der Tür hinter sich einen Stoß und geht an mir vorbei, sieht sich neugierig im Raum um.
"Suchen Sie jemand bestimmten?", erkundige ich mich und schließe hinter ihm ab. Ihn förmlich anzureden gehört zu unserer Tarnung, unserem neuen Spiel, miteinander zu flirten. Es versetzt mich in die Zeit zurück, als wir uns noch vorsichtig beschnuppert haben.
"Pringel ist nicht mehr in seinem Zimmer"
"Neiiin!" Daher weht der Wind! Ich folge Nikolas, der sich gerade neben mein Bett kniet und einen Blick darunter wirft.
"Und da haben Sie gedacht, Sie suchen den mal hier bei mir im Zimmer?"
Er richtet sich wieder auf und sieht mich skeptisch an. "Ähm. ich... Ich dachte nur, vielleicht... vielleicht belästigt er Sie..."
Mein Anblick scheint ihn zu verunsichern. Der sonst so selbstsichere Kommissar beginnt, zu stottern: "Der will... Ihnen an die Wäsche!"
Sehe ich da etwa Entrüstung in Nikolas Blick? Oder ist das echte Besorgnis um mein Wohlergehen?
"Und das würde Ihnen was ausmachen?", fordere ich ihn heraus und bewege mich, an einer Haarsträhne spielend, langsam auf ihn zu. Die Stimmung im Raum ist anders als vor ein paar Tagen in seiner Wohnung, nicht so vertraulich. Anders als in meinem Wohnzimmer, nicht so nostalgisch. Anders als auf der Motorhaube seines roten Mercedes, nicht so verspielt und auch nicht so voller Zurückhaltung, weil wir Angst haben müssten, dass es auf dem Schloss komisch wird zwischen uns, wenn wir uns auf zu viel Nähe einlassen.
Nein, heute sind wir endlich gemeinsam auf diesem Schloss. Hier ist die Stimmung zwischen Nikolas und mir angeheizter, verheißungsvoller, es liegt etwas in der Luft, das darauf hindeutet, dass wir beide bereit füreinander sind.
"Nee, natürlich nicht...", blockt Nikolas noch ab, doch seine Mimik und der sehnsüchtige Blick, den er mir zuwirft, verraten ihn.
"Aha", presse ich hervor. Etwas Schlaueres ist dir nicht eingefallen, Ellen? Ich könnte mich selbst verfluchen. Ich halte es nicht länger aus, hier so um ihn herum zu schleichen und mich danach zu verzehren, dass er sich endlich traut, einen Schritt auf mich zu zumachen. Die Sehnsucht danach, von ihm berührt zu werden, wird übermächtig.
Ich sehe ihn unentwegt an.
Er erwidert meinen Blick, seine Augen werden sanft und weich, doch plötzlich kommt Bewegung in ihn.
Ich lehne mich an das Fußende des Bettes und betrachte ihn.
Nikolas scheint einen Moment lang mit sich zu ringen, ehe er schließlich ausspricht, was ihm auf der Zunge liegt. "Also ehrlich gesagt", beginnt er nachdenklich und stellt sich mir gegenüber: "Das würde mir schon was ausmachen!" Zärtlich sieht er mich an.
Für einen Atemzug versinke ich in seinen goldbraunen Augen, dann lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen und merke, wie er den Kopf nach vorne reckt, meinen Duft einatmet.
Triumpierend sieht er mich an. "Du hast gar nicht geschlafen oder?" Ich höre seine Worte, aber bin zu gefangen in diesem Moment, um deren Sinn zu verstehen.
"Du hast auf jemanden gewartet...", schlussfolgert er messerscharf.
"Wie kommst'n darauf?" Ich lasse meinen Kopf in seine Richtung fallen. Sein Geruch umhüllt mich, macht mich schwach.
Und festigt meinen Entschluss zugleich.
Ich bin bereit dafür, mich auf ihn einzulassen.
Ich will es versuchen. Ich will ihn, so sehr, wie ich noch nie zuvor einen Mann wollte.
Ich lächle, präge mir den aufgeregten Ausdruck seines Gesichts bis ins letzte Detail ein und bin mir sicher, dass heute keiner von uns einen Rückzieher machen wird.
"Die Kerze, das Parfüm..." Nikolas betrachtet jede Einzelheit meines Gesichts. Lächelnd  fährt er mit seiner linken Hand durch meine Haare und hält deren Spitzen fest, dann schließt er die Distanz zwischen uns.
"Du bist aber ein verdammt kluger Detektiv!", lobe ich ihn mit erhobenem Zeigefinger, dann greife ich nach dem Saum seines T-shirts, um ihn festzuhalten.
"Inspektor." Er senkt den Kopf, nähert sich mir, vorsichtig, aber unaufhaltsam. Ich kann kaum glauben, dass das hier die Realität ist.
Ich halte die Spannung zwischen uns nicht mehr aus, ziehe ihn ohne zu zögern zu mir heran, sehe ihn an und halte den Atem an. In seinen wunderschönen braunen Augen flackert Bergehren auf. Sein Siebentagebart kratzt leicht an meinen Kinn, unsere Nasenspitzen berühren sich und das einsetzende Kribbeln breitet sich auf meinem gesamten Körper aus.
Jetzt bloß nicht denken, Ellen!
Ich schließe die Augen, konzentriere mich ganz darauf, ihn zu spüren.

Es braucht keine Sekunde und wir lehnen uns aneinander. Ich fühle seine Nähe, bevor wir uns berühren. Ich bin so aufgeregt wie nie zuvor. Nichts und niemand kann sich jetzt noch zwischen uns stellen. Zwischen uns fliegen die Funken und niemand weiß, was diese Nacht noch bringen wird. Ich lege meine Lippen auf seinen perfekten weichen Mund, lege mein ganzes Gefühl für Nikolas in unseren dritten ersten Kuss.
Er verstärkt den Druck auf meine Lippen, öffnet seine leicht und gewährt mir Einlass. Unsere Zungen treffen aufeinander, necken sich, spielen miteinander. Ich seuftze leise, komme ihm noch näher. Er hält mich fest, stöhnt auf, küsst mich noch ein bisschen stürmischer als am Anfang.
Ich lecke über seine Lippen, Nikolas schmeckt ein bisschen nach Schokolade und seiner ganz eigenen Note.
Ich küsse ihn wieder, genieße seine Nähe und unsere Verbindung durch diesen sehnsuchtsvollen Kuss.
Er flasht mich total, übertrifft alle Erwartungen, die ich an unseren nächsten Kuss hatte, um Welten. Ich spüre, wie meine Knie nachgeben, sinke auf die Holzkante meines Bettes. Nikolas folgt mir, hält mich fest, stellt sich dichter an mich heran und küsst mich weiter. Ich lächle in unseren Kuss hinein, kann nur erahnen, wie glücklich auch Nikolas in diesem Moment ist. Ich spüre seine Hand an meinem Hals, sie wandert langsam zu meinem Ohr hinauf, während er mich nun wieder sanfter an sich zieht. Wir vertiefen unseren Kuss, atmen den Duft des anderen ein, lassen uns fallen.

Und können nicht mehr aufhören. Dieser Kuss versetzt mich in einen Schwebezustand, er reißt mir den Boden unter den Füßen weg.
Ich möchte nie wieder etwas anderes tun, will nur hier mit Nikolas stehen und dem Verlangen nach ihm endlich nachgeben.
Er reagiert auf meine neu entflammte Leidenschaft mit Verzögerung, dafür aber umso heftiger. Seine Finger streicheln über mein Kinn, legen sich um meinen Nacken und ziehen meinen Kopf zu sich. Meine Lippen brennen, mein Herzschlag rast und in meinem Bauch schlagen die Schmetterlinge Saltos.
Endlich, endlich haben wir es gewagt.
Und es fühlt sich immer noch so verdammt gut an wie vor drei Jahren, vor seiner mallorquinische Undercover Aktion.
Ihn jetzt endlich küssen zu können, nachdem wir so viele Chancen vergeigt haben, es ist eine Erlösung.
Ich vergrabe meine Hände in seinen braunen Locken und schmiege mich an ihn, er senkt den Kopf, sein Mund verlässt meine Lippen, streicht über meinen Hals, er schlingt die Arme um meinen Körper. Mühelos kann ich sein Herz an meiner Brust fühlen, genauso wie sein Atem geht es deutlich schneller. Seine Lippen kehren zu meinen zurück, er küsst mich fordernder, besitzergreifender und es gefällt mir wahnsinnig gut. Ich revanchiere mich ungehend, umschlinge seine Wade mit meinem linken Bein, bringe ihn zum schwanken. Diese neue Intensität, die unser Kuss soeben gewinnt, lässt uns beide erahnen, dass es diese Nacht nicht allein dabei bleiben wird.

Nikolas

Ellen.
Ihr Name ist das einzige Wort in meinem Kopf. Sie benebelt mich, raubt mir den Atem, küsst mich fast schwindelig. Von ihrer anfänglichen Vorsicht ist schon nach wenigen Minuten nichts mehr übrig. Meine strenge, disziplinierte Staatsanwältin hat sich in eine männerverschlingende Femme fatale verwandelt. Insgeheim habe ich das dem "Traum in Seide" schon von unserer ersten Begegnung an zugetraut.
Und verdammt, verdammt nochmal, ich habe mich endlich getraut, ihr meine Gefühle zu zeigen. Und es war verdammt richtig, denn ihre sind noch da - genauso da wie meine -, was mich gerade in einen unvorstellbaren  Glückstaumel versetzt.
Ich könnte für den Rest meines Lebens oder zumindest dieser Nacht hier vor ihrem Bett stehen und sie einfach nur küssen. Ihre Lippen auf meinen spüren mit all der Zärtlichkeit und Zuneigung, die sie unserem Kuss gibt. Ich bin bereit für Ellen, ich will uns endlich alle Zeit der Welt geben, uns gegenseitig wieder zu vertrauen und uns langsam, Stück für Stück, kennen zu lernen.

All das nachholen, was wir damals in der Hektik dieser verfluchten Nacht nach Stefans Tod, als ich das erste und letzte Mal mit ihr geschlafen habe, vergessen haben. Damals war ich wie ein Blitzableiter für ihre Trauer und ihre Wut, ihre Verzweiflung und ihre Angst, und trotzdem bezweifle ich nicht, dass alles in allem nur ihre Gefühle für mich wie ein Vulkan ausgebrochen sind aus ihrer strengen Fassade. Wissen konnte ich es nie, aber das ist jetzt Vergangenheit.

Denn die Gegenwart sieht vielmehr so aus, dass ich mich wieder von Ellen Bannenberg küssen lasse. Ich beschließe, es als Kompliment aufzufassen, dass meine heiße Chefin sich auch jetzt kaum zurück halten kann. Denn während ich den Kuss langsam und romantisch aufbauen wollte, fängt Ellen Feuer und der Funke springt auf mich über. Ihre Hände zerren an meinem Oberteil, wandern schließlich darunter, ihre Fingernägel fahren über meinen Bauch und hinterlassen eine Gänsehaut und den drängenden Wunsch nach mehr.
Es langsam angehen lassen zu wollen und Ellens Temperament und ihre Leidenschaft, das passt nicht zusammen, wie ich schnell erkennen muss.
Dankbar, weil auch ich mich nicht länger bremsen kann, lasse ich zu, dass mein immer stärker werdendes Verlangen nach ihr die Oberhand gewinnt. Ich sehe Ellen an, sie erwidert meinen Blick, verliebt und sehnsüchtig. Ich will sie berühren, will ihre bloße Haut auf meiner spüren, den Rest der Welt ausblenden.

Nachdem mein Shirt auf dem Boden gelandet ist, hebe ich Ellen hoch und befördere sie aufs Bett. Ich lande neben ihr, doch keine Sekunde später befindet sie sich wieder über mir, ich stemme mich ihr entgegen, küsse ihren empfindlichen Hals und höre sie leise seufzen. Einen Moment lang pausiere ich und betrachte Ellen in ihrem weißen Seidennachthemd und weiß, dass sich dieser Augenblick für immer in mein Gedächtnis einbrennen wird. Nur hoffe ich diesmal inständig, dass die Erinnerung an diese Nacht mit ihr nicht genauso schmerzhaft enden wird wie die letzte vor zwei Jahren, sollte sie mich wieder wegschicken oder sich morgen früh von mir distanzieren.
Aber das ist morgen und heute ist heute. Ich kehre in die Gegenwart zurück und blicke in Ellens wunderschönes, aber besorgt aussehendes Gesicht.
"Hey... was ist denn?" fragt sie beunruhigt. Ich sehe ihr an, dass sie mich am liebsten küssen würde, aber sich aufgrund meines plötzlichen Stimmungwechsels nicht mehr traut und deswegen einen leichten Abstand wahrt, und finde es herzzereißend süß.
"Wenn ich jetzt bei dir bleibe", beginne ich und erwidere ihren Blick. Ellen schluckt und nimmt augenblicklich ihre Hände von meiner Brust.
Bevor sie von mir herunter klettern kann, halte ich sie an Ort und Stelle und frage sie, was ich unbedingt wissen muss: "Versprichst du mir, dass du morgen nicht wieder Staatsanwältin Bannenberg für mich  bist und ich nicht wieder Kommissar Heldt?"
Erleichtert atmet Ellen auf. Dann lächelt sie mich an, ihre Augen blitzen auf, sie hebt ihre Hand zum Schwur und versichert mir: "Bei meinem Reinheitsgebot als Staatsanwältin, schwöre ich, dass ich nicht wieder den selben Fehler wie damals machen werde und ..." Wir wissen beide dass sie mit damals die Situation nach Stefans Tod meint. "... dass du von nun an eine tragende Rolle in meinem Leben spielen wirst, Nikolas Heldt..." ergänzt sie grinsend und wir beginnen beide zu lachen.
"Na hoffentlich ist das nicht nur auf deinen Koffer mit den Backsteinen bezogen", ziehe ich sie auf, strecke mich ihr entgegen und hauche ihr einen Kuss auf die Lippen.
"Mhm... erst, wenn du mir mehr hiervon gibst", flüstert Ellen und umarmt mich, ehe unsere Lippen sich wieder finden und sich unser Kuss verselbständigt. Unsere Lust auf einander wächst mit jeder Sekunde, bis ich es schließlich nicht mehr aushalte und sämtliche gute Vorsätze bezüglich "einander erst langsam kennenlernen" über den Haufen werfe. Ich will Ellen, Ellen will mich, was ist also verkehrt daran, unserem gegenseitigen Verlangen nachzugeben und unsere Beziehung damit auf die nächste Ebene zu heben?

Würden wir uns nicht so lange schon kennen, wäre es etwas anderes, aber bei Ellen habe ich das Gefühl, Zuhause zu sein, sie schon mein Leben lang zu kennen.

Sie rollt sich von mir herunter und zieht mich gleichzeitig mit sich. Gegenseitig befreien wir uns von den letzten Kleidungsstücken, die wir noch am Körper haben. Ellen lässt ihre Augen auf und ab wandern, beißt sich auf ihre Unterlippe und ich merke, wie ein Ruck durch ihren gesamten Körper geht. Die Hände auf meinen Schultern beugt sie sich über mich, hält mich auf der Matratze fest, setzt sich auf mich, schafft die Verbindung zwischen uns, nach der wir uns immer gesehnt haben, erlöst uns von unserer gegenseitigen Begierde, unserer jahrelangen Sehnsucht nach dem anderen. Unsere Körper fließen ineinander, wir bewegen uns in perfekter Harmonie. Unser Verlangen, einander so nah wie nur möglich zu sein, steigert sich ins Unermessliche.
Für mich ist glasklar, dass es mehr ist als Sex, reine Anziehungskraft, es ist die Verschmelzung zweier Seelen, die sich immer wieder weggestoßen haben, es ist die Versöhnung zweier Geister, die lange Zeit nicht zugeben wollten, wie sehr sie den anderen brauchten. Ellen so zu spüren, sie so berühren zu dürfen, wie ich es gerade tue, fühlt sich an, als wäre ich endlich nach einer langen beschwerlichen Reise angekommen.
Sie beißt sich auf die Lippen, stöhnt, ihre Augen sind halb geschlossen, ihr Mund leicht geöffnet, bis ich ihn mit meinem verschließe.
Ich gehe mit ihren Bewegungen mit, meine Hände gleiten ihren Oberkörper hinauf, ich streichle über ihre zarte Haut, dann umfasse ich ihre Taille. Sie wirft die Haare über die Schulter, fährt mit den Fingerspitzen über meine Schlüsselbeine hinunter zu meiner Brust, bewegt sich langsam schneller und blickt mir tief in die Augen, lässt mich alles um uns herum vergessen.

Heftig atmend lässt Ellen sich über mir auf die Kissen fallen.
Ich halte überrascht inne und gebe ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.
"... Nikolas, Pause ... bitte ...", murmelt sie erschöpft lächelnd und löst sich von mir.
"Oui, mon Général." Glücklich betrachte ich ihr Gesicht.
Während Ellen sich von ihrem Höhenflug erholt, streichle ich ihre Schläfe , ihre Wange, ihr Kinn, küsse sie zärtlich auf die Lippen.
"Gib's zu, du hast seit unserer Ankunft hierauf gewartet", necke ich sie.
Doch statt mir mit gewohnter Vehemenz zu protestieren, grinst Ellen nur in sich hinein und haucht mir ein leises "Ja, das stimmt" entgegen.
Ihr rasselnder Atem füllt unsere Gesprächspause aus. Verzaubert von der strahlenden Schönheit, die die Erregung Ellens Gesicht verleiht, betrachte ich sie.
"Ah, ich verstehe, deswegen auch das elegante schwarze Abendkleid und der Flirt mit Dr. Pringel, immer mit Blickkontakt zu mir, um mich herauszufordern..."

Kaum habe ich meinen Satz beendet, richtet Ellen sich von ihrem Kissenberg auf. "Du hast es erfasst, Inspektor." Sie zwinkert mir zu und greift in meine Haare. "Und jetzt komm her!" Ellen hat sich nach ihrer kurzen Atempause erholt und fordert eine zweite Runde ein.
Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen, sondern gebe nach, als sie mich wieder an sich zieht.
Wenn sie tatsächlich so unersättlich ist, wie ich es mir ausmale, wird sie diejenige sein, die mich heute Abend fertig macht.
Aber gerade gibt es für mich keine schönere Vorstellung, als mir mit Ellen die Nacht um die Ohren zu schlagen.
Ich lehne meinem Kopf an ihren und küsse sie erneut, erst sanft und vorsichtig, dann fordernder, voller neu erwachtem Verlangen.
Meine Hände umfassen ihren Nacken und greifen in ihre vollen blonden Haare. Ich will, dass sie - nochmal - alles um sich herum vergisst, die Kontrolle verliert und sich mir vollkommen hingibt. Ich glaube, ich könnte süchtig nach dieser Frau werden, wenn ich es nicht eh schon bin.

Doch gerade sieht die Rollenverteilung etwas anders aus, gerade liege ich auf dem Rücken und Ellens Lippen wandern über meine Haut, sie beginnt an der empfindlichen Stelle hinter meinem Ohr, zieht ihre Spur über meine Schlüsselbeine und Schultern und umkreist schließlich das Tattoo auf meiner Brust. Ich genieße es, von ihren Berührungen provoziert zu werden, zu sehen, wie viel Spaß sie daran hat, mein zu Verlangen nach ihr zu steigern, bis ich es kaum noch aushalte, still zu halten.

Bis sie für einen kurzen Moment von mir ablässt und plötzlich ein wenig abwesend zu sein scheint.
Bereut sie es?
"Ellen", ich setze mich neben sie und sehe sie an. Sie versteckt ihr Gesicht hinter ihren hellen Locken und dreht sich von mir weg, als sie meine Nähe bemerkt.
In diesem Moment fühle ich etwas, das mir vollkommen neu ist. Es ist mir egal, ob ich diese Nacht auf meine Kosten komme oder nicht. Die Hauptsache ist, dass ich Ellen nahe sein kann, dass ich ihre bloße Haut berühren darf, dass ich sie in meine Arme ziehen darf, dass sie ihr Schutzschild herunter und mich wieder in ihr Leben hineinlässt.
Ich begehre sie nicht einfach nur, weil sie die attraktivste Frau ist, die ich je gesehen habe.
Ich liebe sie, weil sie der wunderbarste Mensch ist, den ich kenne.

Zögernd lege ich meine Arme von hinten um ihren Oberkörper und ziehe sie zu mir zurück. Stück für Stück gibt sie nach und sinkt in mich hinein. "Du bist wirklich die wunderschönste Frau, die ich kenne", flüstere ich ihr ins Ohr. "Da hat Dr. Pringel kein bisschen übertrieben."
"Ach jetzt hör mir bloß mit dem Lackaffen auf!", empört sich Ellen und dreht sich zu mir um. Wir müssen beide lachen. "Da bin ich aber froh, dass Sie keinen Gedanken mehr an diesen Affen verschwenden, bezaubernde Kollegin!"

Ellen

Ich weiß nicht, was plötzlich in mich gefahren ist. Diesmal überkam es mich einfach, als ich Nikolas Nähe nicht mehr gespürt habe, dieses tiefe Gefühl von Verlorensein und Traurigkeit. Ich bemühe mich, es vor ihm zu verstecken. Er soll nicht denken, dass er etwas falsch gemacht hat. Denn das hat er nicht, ganz im Gegenteil.
Trotzdem merke ich, wie ich nichts dagegen tun kann, dass ich gedanklich immer mehr vom hier und jetzt abdriften. Stattdessen finde ich mich in meiner alten Wohnung wieder.

Nikolas Heldt steht am Wohnzimmerfenster und sieht hinaus in die dunkle Nacht, als ich die Wendeltreppe hinauf komme. Als er mich bemerkt, macht er sofort ein paar Schritte auf mich zu. Doch ich bin gefangen in mir selbst, taub für äußere Einflüsse. Ich stehe unter Schock. Bin kurz davor, in Panik zu verfallen. Meine Gedanken und Gefühle sind betäubt und mein Körper reagiert automatisiert und mechanisch auf die Eindrücke der Außenwelt. So auch auf ihn. Ich versuche ihm stammelnd zu erklären, dass ich mich vor wenigen Tagen erst von Stefan getrennt habe. Aber natürlich kann ich ihm nicht auf die Nase binden, dass er ein nicht unerheblicher Grund dafür gewesen ist. Ich rede immer verzweifelter drauf los, davon, dass ich nicht weiß, wie ich es Emy sagen soll.
Plötzlich umarmt er mich. Das ist zu viel für mich. Ich breche in seinen Armen zusammen. Gemeinsam sinken wir zu Boden, auf den Teppich vor dem Sofa. Er hält mich fest, wiegt mich in seinen Armen, streichelt über meinen Rücken. Er ist so nah. Meine Schluchzer verstummen in der Wolle seines Pullovers. Er legt seine Hände um meinen Kopf und küsst mich auf die Stirn. Ich weiß, dass er mich in diesem Moment einfach nur trösten will, dass er mir einfach nur Halt geben will, doch ich bin zu aufgewühlt, als dass ich meine wahren Gefühle für ihn in diesem Augenblick zurückhalten könnte. Er ist hier, direkt vor mir und ich sehne mich danach, vergessen zu können, sehne mich danach, nichts mehr fühlen zu müssen und doch alles auf einmal fühlen zu können. ich sehne mich nach einem Neubeginn.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich ihn angesehen habe und in seinen liebevollen Augen versunken bin, ich erinnere mich nur noch daran, wie ich meine schließe und meine Finger sich mit seinen verschränken, die noch immer um meinen Nacken gelegt sind. Wie er mich ungläubig anstarrt und zuerst zurück weicht, als ich ihm näher komme... Ist es zu nah?

Ich schiebe all meine Zweifeln beiseite, drücke meinen Mund auf seinen, nehme seinen unverwechselbaren Geruch wahr, schmecke seine Lippen und höre endlich auf zu denken.
Eine tiefe Ruhe überkommt mich, als er nach einigem Zögern meinen Kuss erwidert. Doch es ist nur die Ruhe vor dem Sturm, denn plötzlich ist mein ganzer Körper in Alarmbereitschaft. Der zärtliche, tröstende Kuss wird leidenschaftlicher, ich schlinge meine Arme um seinen Hals, setze mich auf seinen Schoß. Auch um seine Fassung ist es lange geschehen. Gierig küssen wir uns weiter. Ich befreie ihn aus seinem Pullover, lege meine Hände um seinen Nacken. Dann fallen wir, einander weiter wild küssend, auf den Teppich, er landet auf mir. Diesmal drückt er mich zu Boden und presst seine Lippen auf meine und wir beide wissen, dass es kein Zurück mehr gibt.

Ich muss an diesen Moment der Verzweiflung zurück denken und an das Gefühlschaos damals in meinem Kopf. Wir haben immer noch nicht darüber geredet, nicht wirklich. Wäre er nicht da gewesen, ich weiß nicht, wie ich diese Nacht überstanden hätte. Er war mein Held in der Not, mein Fels in der Brandung. Ich habe ihn so sehr gebraucht wie noch nie. Und Nikolas war da, bedingungslos, er war einfach nur für mich da, hat mich aufgefangen und mich weiter atmen lassen.
Die Erinnerung daran erfüllt mich gleichermaßen mit Liebe und Traurigkeit. Traurigkeit vor allem wegen meines Gewissenskonflikts, dass ich ihm und mir vorgespielt habe, dass unsere gemeinsame Nacht falsch gewesen sei.
Nach unserem Aufeinandertreffen eine Woche später war ich eiskalt zu ihm, habe ihn immer wieder abblitzen lassen, doch er hat geduldig gewartet und war immer wieder für Emy und mich da, als es uns schlecht ging.

Doch wo war ich, als er mich gebraucht hat? Als er von seinem leiblichen Vater entführt wurde, den Mörder seiner Eltern gefunden hat, wo war ich, als seine Welt in Scherben zerfallen ist? Ich habe sein Vertrauen zu mir getestet, anstatt ihm die nötige Zeit zu geben, sich zu öffnen und bin enttäuscht weggerannt, als er sich mehr und mehr verschlossen hat.
Ich wollte ihn hinter mir lassen, wollte nach Passau ziehen und neu anfangen. Und dann kam da diese Profilerin, diese Julia Tietz und plötzlich habe ich gemerkt, dass ich die einzige war, die unserer Liebe stetig Steine in den Weg gelegt hat, aus Angst, er könnte mich wieder so verletzen wie damals, bei seinem Aufbruch nach Mallorca.
Erst Julia Tietz musste mir Nikolas wegschnappen, um mir zu zeigen, wie einfach und unbeschwert es sein kann, ihn zu lieben. Ich bin unendlich froh, dass wir vor einer Woche dieses Thema begraben konnten.

Gott sei Dank hat Nikolas sich nicht auf sie einlassen können, sonst hätte ich ihn womöglich endgültig verloren und das hätte mir ein drittes Mal das Herz gebrochen.
Doch seine kleinen Andeutungen und Blicke haben mir so oft gezeigt, dass er nur auf mich wartet und das hat mir wieder Hoffnung gegeben.
Ich weiß zwar nicht, womit ich es verdient habe, dass er mich immer noch liebt, mir immer noch eine Chance gibt, aber alles, was ich jetzt in diesem Augenblick wissen muss, ist: Ich brauche diesen wunderbaren Mann, der da neben mir sitzt, einfach in meinem Leben. Ich liebe ihn, mit all seinen Ecken und Kanten.
Und ich werde den Teufel tun, es wieder zu vermasseln.

Nikolas

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ellen gerade in ein Deja vu versunken ist, als sie langsam wieder in die Gegenwart zurück zu kehren scheint. "Ich brauche dich", flüstert sie leise in meine Richtigung.
Ich lächele stumm, dann küsse ich sie auf die Stirn, fast ist es wie früher. "Und ich dich, Ellen."
Ich weiß, woran sie gedacht hat und beziehe es sowohl auf den heutigen Abend wie auch auf damals. Ellens trauriger Ausdruck verwandelt sich in ein vorsichtiges Lächeln.
Auf einmal nähern sich unsere Gesichter wie durch Magie von selbst wieder aneinander an. Als ob wir beide unser Glück kaum fassen können, beginnen wir zeitgleich damit, dämlich vor uns hin zu grinsen.
Zärtlich streiche ich über ihre Wange, lege den Zeigefinger unter ihr Kinn und hebe ihren Kopf leicht an. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als Ellen ohne zu zögern die kurze Distanz zwischen uns überbrückt.

Kurz bevor sich unsere Lippen treffen, spreche ich aus, was mir gerade auf der Seele brennt. "Ich will das mit dir, Ellen." Ihre Hände fahren durch meine Haare. Ich bekomme Gänsehaut, als sie über die wahnsinnig empfindliche Stelle meines Nackens streicht. "Ich will dich", raune ich und sehe ich ihr in die Augen. Gespannt beobachte ich, was meine Worte bei Ellen auslösen.
Sie errötet leicht, aber wendet ihren Blick nicht ab. Statt einer Antwort klettert sie ein zweites Mal auf meinen Schoß und schlingt die Beine um meine Hüften. Ihre Finger ziehen ihre Spuren über meinem Rücken, ihr Mund fährt über das Tattoo auf meiner Brust, über meinen Hals, über mein Kinn. Schließlich ist sie an meinen Lippen angekommen. Sehnsüchtig erwidere ich ihren Kuss. Dann halte ich inne und warte, bis sie mich anschaut.
Das tut sie auch bereits nach wenigen Atemzügen mit einer ungewohnten Intensität. Ich könnte in ihre Augen wie in einen Ozean eintauchen und mich davon treiben lassen. Ich genieße jede einzelne Sekunde mit ihr, will, dass es niemals endet, will einfach nur in ihr versinken, mit ihr verschmelzen, bis wir eins werden.

Ellen

Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln mich wach. Einen Moment lang genieße ich die Wärme und die glatte Seide der Bettdecke auf meiner Haut.
Auf meiner - nackten - Haut.
In der nächsten Sekunde registriere ich, dass ich nicht einmal mehr mein Nachthemd trage. Erschrocken schlage ich die Augen auf und wache Nase an Nase mit Nikolas Heldt auf.  Ich weiche zurück, und blicke direkt in das Gesicht meines Komissars, der gerade in diesem Moment aufgewacht ist und ebenfalls etwas überrumpelt zu sein scheint.
Keine Sekunde später ist meine Erinnerung zurück und lässt mich wie ein müdes Honigkuchenpferd lächeln. Zärtlich stupse ich ihn mit dem kleinen Finger an.
"Guten Morgen", begrüßt er mich in der Welt der Wachen und rückt wieder näher an mich heran.
"Guten Morgen", gebe ich schwach zurück, fasziniert von diesem ungewohnten Anblick. Im nächsten Augenblick aber ist Nikolas hellwach und grinst mich an. "Mein Gott..." Seine Augen strahlen, als er mich eingehend betrachtet, während sein Lächeln immer breiter wird.
"Wann gibt's denn endlich was zu beißen hier? Ich hab Hunger!", tönt Kommissarin Hart durch das gesamte Schloss.
Während ihr lautes Organ mir lediglich ein Schmunzeln entlockt, gibt Nikolas wehleidige Laute von sich. "Ahh, sieht aus, als wäre das mein Stichwort..."
"Mhm..." Zu mehr bin ich gerade nicht in der Lage. Innerlich verfluche ich die Essener Kriminalkommissarin. Ich hätte wirklich nichts dagegen gehabt, Nikolas' und meinen gemeinsamen Moment noch etwas länger auszukosten.
"Wir wollen die andern ja nicht neidisch machen", kündigt er seinen Aufbruch an.
"Auf keinen Fall", entgegen ich kurz angebunden, denn ich kann mich immer noch nicht von ihm lösen.
Nikolas küsst mich ein letztes Mal leidenschaftlich, ich ziehe ihn an mich und erwidere den Kuss seufzend, doch dann macht er sich los und sucht nach seinen Klamotten, die überall in, neben und unter dem Bett verteilt liegen.
Ich werfe seine Boxershorts nach ihm und beobachte ihn bedauernd dabei, wie er sich anzieht.

Dabei ist er jedoch erstaunlich schnell und so steht er nur wenige Minuten später in der Tür.
"Das war echt schön!" Sein Strahlen bringt den ganzen Raum zum Leuchten.
"Ja" Kurz schließe ich die Augen und versuche, mit dem Gefühlschaos in meinem Inneren klarzukommen "fand ich auch..."
Er wirft mir einen Luftkuss zu, dann ist er draußen und die Tür fällt wieder ins Schloss.
Und ich liege immer noch hier, im Morgenlicht der aufgehenden Sonne, wie benebelt von Nikolas und dieser Nacht. Diesmal gab es keinen falschen Moment, keine überstürzte Entscheidung, diesmal bereue ich absolut nichts. Vielmehr bedauere ich, dass wir heute morgen nicht noch mehr Zeit für uns gehabt haben.
Ich spüre endlich innere Zufriedenheit und tiefe Ruhe, wo seit Monaten nur Stress, Nervosität, Aufregung und die Angst, ihn für immer verloren zu haben, Platz hatten.

Und jetzt ist alles so klar und wunderschön. Bester Laune stehe ich auf und mache mich bereit für den Tag. Ein bisschen Beeiligung kann nicht schaden, immerhin sitzen die anderen höchstwahrscheinlich nach Frau Harts Weckruf schon am gedeckten Frühstückstisch.
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