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Der rote Mercedes | DRM

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
06.11.2020
14.06.2021
27
58.810
21
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19.02.2021 2.126
 
Ellen

Endlich sind wir angekommen!
Nikolas fährt rechts zum Eingang des Schlosses den Kiesweg entlang, der uns beide ordentlich durchrüttelt.
Nachdem ich Nikolas Entschuldigungs-SMS gelesen habe, war die restliche Fahrt hierher eigentlich ganz harmonisch. Echt süß, dass er sich die Mühe gemacht hat, mir zu schreiben und mich aufmuntern wollte. Vielleicht ist dieses Wochenende ja doch noch nicht verloren.
Nachdem er zwanzig Meter vor der Treppe zum Schloss stehen geblieben und aus dem Oldtimer geklettert ist, schlägt er mit voller Wucht die Tür zu, und gibt, während er feierlich die Arme ausbreitet, begeistert von sich: "Ooch, ist das nicht toll? Hach!"
Ich steige aus, stolpere über die großen Kieselsteine. Wind weht durch meine Haare, als ich mäßig beeindruckt von der Location meine Handtasche schultere und meinen unbändigen Pferdeschwanz zwischen Daumen und Zeigefinger klemme, damit er sich nicht ständig in mein Gesicht verirrt. "Heldt!" Ich stütze meine Unterarme auf dem Autodach ab und sehe zu ihm hinüber. "Wir sind hier am Arsch der Welt!"
Heldt lehnt sich ebenfalls über das Dach. "So liegen nunmal solche Orte, an denen mysteriöse Geschichten geschehen, das ist bei Edgar Wallace auch immer so, oder bei Agatha Christie." Er hebt die Augenbrauen, neigt den Kopf und blickt mich eindringlich an.
"Ja, mag ja sein!", gebe ich sauer und genervt von mir. Die gute Stimmung, die sich auf unserer Fahrt gegen Ende zumindest ein bisschen eingestellt hatte, ist augenblicklich verflogen. Am liebsten würde ich meine Koffer im Auto lassen, Heldt die Schlüssel abnehmen und wieder umkehren. Soll er doch alleine Detektiv auf dem Schloss spielen. Dass an diesem Wochenende außer einem geplanten Verbrechen irgendetwas anderes hier passieren wird, daran mag ich gerade nicht mehr so Recht glauben. "Aber nach der Katastrophe von gestern hab ich wirklich überhaupt kein Bock auf 'n Teambildung Seminar", tue ich meinen fehlenden Mut Kund.
Nikolas sieht mich mit seinem herzerweichenden Dackelblick an und ich kann nicht anders, ich verfalle seinem Blick und verfluche mich dafür, ihn angeschaut zu haben.
Er denkt wahrscheinlich, ich merke es nicht, dass er plötzlich einen auf verständnisvoll macht, als er sagt: "Mich kotzt des doch genauso an, dass wir diese Menschenschlepperdrecksäcke nicht drangekriegt haben! Das ist ein mega ..."
Wieder zwingt ein Windstoß mich dazu, meine Haare festzuhalten und zur Seite gucken zu müssen, während ich mich mit den Ellenbogen weiter auf dem Dach aufstütze. Eigentlich stimme ich ihm in allen Punkten zu.
"... Tritt in die Eier. Das wird den Kollegen aus Duisburg und Essen ganz genauso gehen." Ich werde ihm einen kühlen Blick zu, atme hörbar genervt aus (es klingt fast wie ein missmutiges Schnaufen) und blinzle angestrengt gegen den Wind.
"Aber wir kommen aus der Nummer nunmal nicht raus!", schließt Nikolas, doch es klingt nicht so enttäuscht, wie es wohl klingen sollte.
Ich gucke verlegen zur Seite. Freut er sich insgeheim, mit mir hier zu sein? Hat er den verpatzten Schleppereinsatz von gestern schon so weit verdrängt, dass ihm das egal sein kann?
"Dienstanweisung ist Dienstanweisung." Kommen diese Worte wirklich aus Nikolas' Mund? Jetzt reicht es aber langsam. Säuerlich presse ich die Lippen zusammen. "Als wenn Sie die sonst befolgen!" Zur Untermalung meines Ärgers nehme ich die Hand aus den Haaren, spreize die Finger und gestikuliere wild mit den Händen vor der Brust, als ich weiterspreche: "Ich bin fassungslos, dass das Ministerium darauf besteht, dass wir an diesem Seminar teilnehmen, nach der Klatsche, die wir da gestern kassiert haben!" Nach meinem kleinen emotionalen Ausbruch fange ich mich wieder, stütze mein Gesicht auf eine Hand ab guckt nach rechts an ihm vorbei.
Doch er beugt sich noch ein wenig mehr zu mir und sagt beschwichtigend: "Sehen Sie es doch Mal so: ..."
Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu. Das letzte, was ich jetzt brauche, sind Besserwisser-Belehrungen von meinem Kriminalkommissar.
"Vielleicht ist das ja 'ne willkommene Ablenkung?", bemüht er sich, die Stimmung aufzuhellen.
Ich senke den Blick. Ich kann ihn gerade nicht ansehen, zu viele Gedanken schwirren mir bei seinem Anblick durch den Kopf. Wie wird Nikolas sich während des Krimi-Dinners verhalten, wie wird er auf mein Outfit reagieren, wie darauf, dass ich mit den anderen Anwesenden ein wenig zu flirten gedenke?
"Wir kriegen den Kopf 'n bisschen frei", ergänzt er und friemelt ein Bonbon aus seiner Jackentasche hervor. Was wäre Nikolas nur ohne seine ständigen Mampfereien... "Und am Montag machen wir uns mit neuem Elan daran, diese Schweinebande auszuheben!" Mit offensichtlich sehr großem Elan stopft er sich das Schokobonbon in den Mund. "Okay?" Er knistert mit dem Papier und kaut.
Einigermaßen zuversichtlich, das Beste draus zu machen, flüstere ich ihm mein "Okay" zu und schließe für einen kurzen Moment die Augen.

Die Dunkelheit um mich herum zwingt mich dazu, zu rekapitulieren. Ich bin jetzt hier, mit Nikolas auf diesem Schloss (okay, auch mit den anderen Ermittlerteams, aber die blende ich in diesem Augenblick aus) und nicht auf dem Präsidium in Bochum. Das hier ist unsere kleine heile Schneekugel im Hochsommer, in der nur wir sind, nur Nikolas und ich und es ist genug. Ich verspreche mir selbst, mich auf das Experiment einzulassen, ich verspreche mir selbst, an meinem Plan festzuhalten und ich verspreche ihm und mir, dass wir das Schloss mit geklärten Fronten verlassen werden - entweder als Paar oder als Kollegen, bei denen endlich feststeht, dass sie niemals zusammen kommen werden.

Nikolas

Ellen sieht genervt aus. Zuerst macht sie noch unruhige Handbewegungen, doch dann lässt sie die Schultern sinken, atmet entspannt aus und scheint eine Entscheidung getroffen zu haben.
Mit einem nachdenklichen "Mhm" sieht sie sich um, dann lauschen wir beide fast schon andächtig dem Zwitschern der Vögel.
Auf einmal finde ich meine Stimme wieder: "Außerdem... Ist das doch auch ganz..." Ich schaue sie an, doch schon verzieht sie eine Miene. "... Ganz romantisch hier!" Ich lasse den Blick kurz zum Schloss gleiten, dann sehe ich Ellen wieder direkt an und lächel ihr aufmunternd zu.
Sie erwidert es nicht, ist noch viel zu beschäftigt damit, ihre schlechte Laune wegen des Verfahrens gestern an mir raus zu lassen. "Soso, solche Orte lösen bei dir also romantische Gefühle aus!" Sie blickt mir direkt in die Augen.
Ich grinse sie an. "Kommt ganz darauf an, mit wem man da ist..."
Sie straft mich wieder mit einem distanziert kühlen Blick, zeigt herausfordernd mit dem Zeigefinger auf mich. "Sie tun's schon wieder!" Ihre Augen funkeln.
"Ich?" Ertappt zeige ich auf mich selbst. "Was?"
"Sie flirten mit mir!" Sie lächelt und sieht mich tatsächlich einen Augenblick lang verliebt an.
"Haha, nee!" War das jetzt zu offensiv? Mein Gott, was ist nur los mit mir, ein Blick von Ellen reicht aus, um meine Knie weich werden zu lassen.
Ellens Grinsen wird immer breiter.
"Also... Also, wenn jemand flirtet, dann doch wohl wir beide, oder?", rette ich mich, um den letzten Rest meines Stolzes nicht auch noch zu begraben. Sie muss endlich zugeben, dass sie auch will, dass mehr aus uns wird, sonst sehe ich echt schwarz. Ich brauche ein Zeichen von ihr, einen Blick, eine kleine Geste nur, irgendwas, das mir zeigt, das mein Kampf noch nicht verloren ist, dass sie noch nicht aufgegeben hat, was uns betrifft. Beschwörend sehe ich sie an. Bitte, Ellen, bitte nimm den verdammten Strohhalm, den ich dir da gerade hinhalte, flehe ich innerlich und hoffe, dass sie den flirtenden Unterton als das versteht, was er ist: Als Bekenntnis meines unverhohlenen Interesses an ihr.
"Tha, ich bitte Sie, ist doch absurd." Sie macht eine abfällige Handbewegung über die Schulter, aber sieht mich mit derselben Intensität weiter an.

Ellen

Nach außen hin mag ich kühl und abweisend erscheinen, innerlich grinse ich nichtsdestotrotz in mich hinein. Vielleicht wird es ja leichter als gedacht, Nikolas um den Finger zu wickeln, wenn er jetzt schon so damit anfängt.
Plötzlich befreit mich das Klingeln meines Handys aus der seltsam peinlichen Situation an seinem Auto. "Oh, das Telefon!" Mit gespielter Überraschung reiße ich die Augen auf. "Herr Grün! Hat schon paar Mal versucht, mich anzurufen!" Ich werfe Nikolas, der zum Kofferraum trottet, einen kurzen Blick zu.
"Ich kümmer mich ums Gepäck?", erkundigt er sich entgegen kommend.
"Super Idee!", lobe ich seinen guten Willen und mache ein paar Schritte nach vorne zum Eingang, dann nehme ich den Anruf aus dem Polizeipräsidium entgegen. "Herr Grün! Sorry, aber wir sind hier wirklich am Ende der Welt. Das Netz ist totaler Mist", erkläre ich den Grund unsere vorübergehenden Unerreichbarkeit.
"Ja, gut, ich begann bereits zu befürchten, Herr Heldt habe sich verfahren", kommt es amüsiert aus dem Hörer.
Ich schmunzle vor mich hin und gehe ein paar Schritte in Richtung Schloss. Da hat sein Chef Nikolas goldrichtig eingeschätzt. "Ja, dem war auch so."
In diesem Moment ächzt Nikolas im Hintergrund mit meinen Koffern.
Ich habe kein bisschen Mitleid mit ihm. "Gibt's was neues?", frage ich interessiert nach den Fortschritten im Schlepperfall.
Herr Grün räuspert sich und macht breite Ausführung dazu, wie Herr Korthals bei deinen Recherchen vorgegangen ist, ehe er mir deren Ergebnis präsentiert: "Der Verräter muss bei den Kollegen der anderen Städte zu finden sein."
Puh. Immerhin eine Sorge weniger. "Ich bin natürlich erstmal froh, dass es keiner aus unserer Gruppe ist...", gebe ich erleichtert von mir. "...aber damit ist natürlich die Arbeit von nem halben Jahr mit einem Schwung für die Katz'."
Heldt müht sich im Hintergrund mit dem Kiesweg und den Koffern ab.
"Ja, das ist korrekt. Wir stehen wieder bei Null. Jedenfalls hoffe ich inständig, Sie mögen erfolgreich sein, auch ohne meine Anwesenheit." In seiner Stimme schwingt bedauern darüber mit, dass ihm die Chance, sich bei diesem wichtigen Leistungsableich zu beweisen, gar nicht erst gegeben wurde.
"Herr Grün, glauben Sie mir, ich hätt' nichts lieber getan, als Sie hier hin zu schicken, aber ... die Einladung ging ganz explizit an Heldt und mich", erkläre ich versöhnlicher als ich es meine, zucke mit den Schultern, und blicke nach vorne, unser Wochenend-Domizil bestaunend. "Mir tut es sehr leid."
"Keine Sorge, das tangiert mich lediglich peripher. Allzu hoch sollte man einen solchen Incentive-Wettbewerb ohnehin nicht einschätzen! Also in diesem Sinne: Auf Wiederhören, Frau Staatsanwältin." Er legt unvermittelt auf und lässt mich minimal verwirrt zurück.

Nikolas

Mühsam ziehe ich Ellens Koffer von meinem schief geparkten Wagen weg. "Mann, was haben Sie denn da alles mitgenommen?"
Sie stolziert auf ihren halsbrecherischen Absätzen neben mir her. "Backsteine, Heldt! Das stand doch auf der Einladung, oder nicht?" Sie macht hebt die Hände, hält die Handflächen nach oben und grinst mich schelmisch an.
"Hah!" Das trau ich ihr sogar zu, einfach, um mich zu ärgern. Irgendwie fühle ich mich, seit wir her angekommen sind, seltsam angespannt und nervös.
"Jetzt jammern Sir mal nicht so rum! Ich mein, Sie machen doch sonst auch einen auf großen Macker und wir Frauen, wir verreisen nunmal nicht mit dem Turnbeutel. Los jetzt!" Ellen klopft wir auf die Schulter und wendet sich lächelnd ab.
"Irgendwie hab ich das Gefühl, das mit den Backsteinen war gar kein Spruch!" Den Koffer hinter sich her durch den Kies zerrend, stapfe ich ihr hinter her.
Mit einem Mal bleibt Ellen stehen und belächelt mich mitleidig.
"Komm her!" Sie greift nach dem Griff den Koffers und nimmt ihn mir nimmt ab, bevor ich irgendwas dagegen tun könnte.
"Nein, ich mach das schon!", erhebe ich meine Stimme zur Gegenwehr, aber sie ist schneller.
"Doch!"
"Nein!"
"Gib her, es ist alles gut!"
Ich lockere meinen Griff, bevor sie noch auf die Idee kommt, ihre Krallen einzusetzen. Toller Plan, Achmed. Das mit dem Gentleman sein klappt bei Ellen irgendwie so gar nicht.
Meine beherzte Staatsanwältin schnappt sich den Griff und zufälligerweise berühren sich unsere Finger. "Geben Sie her..."
Gerade, als ich Ellen widerwillig den Griff ihres schweren Koffer-Monsters überlasse, fährt ein großer Geländewagen vor. Die Scheibe wird wie im Tatort-Film herunter gelassen und Kommissarin Harth schaut hervor. Natürlich ist sie um keinen dummen Spruch verlegen. "Ey Bochum? War ja klar, dass die Frauen bei dir die Koffer selber tragen müssen."
Ellen lacht und möchte etwas einwerfen, doch die Kommissarin steigt aus und lässt gleich den nächsten Spruch los, nachdem sie meinen neuen Wagen gesehen hat: "Ist das deine Schrottkarre da?"
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