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Der rote Mercedes | DRM

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
06.11.2020
14.06.2021
27
58.810
21
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18.02.2021 2.423
 
Am nächsten Tag hat Ellen mir immer noch nicht geantwortet. Ich denke, ich werde sie trotzdem wie vereinbart um 15 Uhr abholen, aber zuvor treffe ich mich mit Achmed, der mir versprochen hat, dass er mir ein passendes Hemd für den ersten Abend im Schloss besorgt. Damit sein Plan auch garantiert aufgeht. "Beeindrucke sie durch was Außergewöhnliches, etwas, das sie nie erwartet hätte." Was genau er damit gemeint hat, sehe ich, als er mir das weiße Sakko und ein mit roten Verzierungen gesticktes Hemd überreicht.
"Alter, ich hab gesagt Rick aus Casablanca und nicht Rick Astley!", begrüße ich ihn. Ich bin die Gereiztheit in Person. Das wird ne Katastrophe, darauf Wette ich.
"Was anderes ging auf die Schnelle nicht!", erklärt mein Dealer lahm.
"Och...nee", entfährt es mir genervt. Damit werde ich auf jeden Fall auffallen.
"Willstes jetzt oder nicht?", fragt Achmed beleidigt.
Ich reiße ihm die Verpackungstüte aus der Hand und verstauen sie in meiner Überhängetasche.
Als ich ihm nicht antworte, sagt er nur: "Gerngeschehen, Nikolas!"
"Mann, Achmed, halt doch mal die Klappe."
"Oh ist da etwa jemand nervös?" Der Kerl kennt mich. Und er trifft den Nagel auf den Kopf.
"Weißt du, was sich in meinem Gehirn abgespielt hat, als Ellen das letzte Mal bei mir mitgefahren ist?"
Er schüttelt den Kopf. "Ne und ich glaub, ich will's auch gar nicht wissen. Mach's gut Alter."
Ich reiche ihm meine freie Hand. "Jo danke auch!"
"Und viel Spaß auf dem Schloss und denk dran, was wir besprochen haben, du Kavalier!" Damit hebt Achmed den Arm, winkt mir zu und geht wieder um sein Taxi herum.
Ich stehe mit meiner Geraderobe für heute Abend überm Arm vor meinem Auto und habe irgendwie das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Blumen? Ne, das war ne schlechte Idee, haben wir ja gestern besprochen. Schokolade? Verdammt! Ja, die hab ich vergessen. Alles, was ich in meiner Lederjacke finden kann, sind Mega Mini Bonschies, die Bonbons sind ja fast so gut wie Schokolade. Außerdem achtet Ellen doch immer so auf ihre Figur, vielleicht hat sie gar keine Lust auf Schokolade.
Ich verstaue meine Tasche im Kofferraum und steige ein. Mit klopfendem Herzen lasse ich den Motor an und fahre in Ellens Straße.

Ich parke auf der gegenüberliegenden Straßenseite, atme tief durch und mache mich auf den Weg in Richtung Haustüre.
In meinem Kopf spinnen meine Gedanken herum. Vielleicht schiebt Ellen vor, krank zu sein, vielleicht hat sie schlechte Laune und absolut keine Lust, mich jetzt zu sehen? Ich weiß nicht, was mich erwartet, nicht jetzt, nicht auf der Fahrt, nicht heute Nachmittag oder am Abend. Und erst Recht nicht in der Nacht. Geht es Ellen ähnlich wie mir, hält sie es auch fast nicht mehr aus, mich anzusehen, ohne auf dumme Gedanken zu kommen?
Bei mir reicht mittlerweile ein schelmisches Grinsen von ihr, ein zweideutiger Blick und ich bin verloren. Wer weiß, wie sie sich heute verhalten wird, ich könnte es durchaus verstehen, wenn sie nach gestern und vorgestern erstmal Abstand von mir braucht oder noch sauer ist, aber schöner wäre es natürlich, wenn unser Streit vergeben und vergessen wäre. Aufgeregt wie ein kleiner Junge auf dem Weg zum Lehrerzimmer setze ich einen Fuß vor den anderen und stolpere fast über meine eigenen Beinen, als ich die Straße überqueren will.

Ellen

Es ist kurz vor drei und ich habe mich innerlich darauf eingestellt, dass Nikolas frühestens um halb Vier auf der Matte stehen wird. Bleibt also noch genug Zeit, ins Bad zu gehen, mein Makeup aufzufrischen und den kleinen Koffer, in dem ich meine Hygieneartikel aufbewahren zu Ende zu packen. Nagellack, Lockenstab, drei verschiedene Kämme und Bürsten und meine Paletten für ein dramatisches Augenmakeup sind bereit für meinen glamourösen Auftritt im Schloss heute Abend. Doch bin ich auch bereit dafür, Nikolas den Kopf zu verdrehen und notfalls mit einem Mann zu flirten, von dem ich überhaupt nichts will? Das bezweifle ich nämlich gerade, doch bevor ich länger darüber nachdenken kann, klingelt es. MistMistMist! Nikolas ist mehr als pünktlich, darauf war ich gar nicht vorbereitet! Hals über Kopf eile ich nach unten, nehme mein Handy vom Ladekabel, aktiviere die Zeitschaltuhr, welche die Elektronik im Haus in meiner Abwesenheit regeln soll und laufe wieder in den Flur. Rasch schlüpfe ich in meine grauen Ankleboots und zerre die Koffer hinter mir her zur Haustür, dort stelle mein Gepäck ab und öffne Nikolas.
"Hallo, Frau Bannenberg!" Er lächelt mich schüchtern an.
"Heldt? So pünktlich, wow, ich bin beeindruckt!", bringe ich überrascht hervor. Sein Blick ist zurückhaltend, er ist es auch und so schnappe ich mir ohne große Worte meine Koffer und ziehe sie hinter mir her, während ich Nikolas zu seinem Auto begleite.
"Versprochen ist versprochen!" Er verstaut meine Taschen im Kofferraum, dann bedeutet er mir, einzusteigen. Bevor ich seinem Wunsch nachkomme, zähle ich innerlich bis drei.
Eine Stunde mit Nikolas im Auto.
Sechzig Minuten neben ihm. Ohne Fluchtmöglichkeit. Eingesperrt. So fühlt sich der Gedanke an die Fahrt zumindest an. Du schaffst das, Ellen! Es könnten auch zwei Stunden sein oder fünf. Aber es ist nur eine Stunde, die du aushalten musst.
Ich rede mir gut zu, versuche, an das Positive zu denken, das ich mit Nikolas verbinde, das hat ja gestern Abend auch geklappt. Ziemlich gut sogar. Ich merke, wie ich rot werde, und beschließe, einfach einzusteigen, bevor die Erinnerung an gestern zu präsent wird. Da denke ich lieber noch an den Streit mit den zwei Kommissaren in meinem Büro, an den verlorenen Prozess, an alles Erdenkliche, Hautpsache Nikolas spricht mich nicht darauf an, dass ich gerade ein bisschen peinlich berührt wirke. Und ihm die Erklärung hierfür auf die Nase zu binden, nein, das schaffe ich beim besten Willen nicht.
Ich denke an mein Telefonat heute Mittag mit Emily zurück. Zuerst war sie besorgt, weil ich nicht ans Handy gegangen bin, dann hat sie es auf dem Festnetz probiert, hat sie erzählt. Generell scheint meine Tochter sehr schnell zu merken, wenn ich mal nicht bei der Sache bin. Und so musste ich mich sehr bald der unausweichlichen Frage stellen, warum Nikolas Heldt letztens noch so spät abends bei mir war. Dass er mich nach einem überraschenden Nachteinsatz noch schnell nach Hause gebracht hat, wollte Emily mir nicht so Recht glauben, aber als ich mich geweigert habe, ihr eine andere Story zu erzählen, hat sie es schlussendlich geschluckt.
"Und, ist der Asphalt schon durch?", reißt Nikolas mich aus meinen Gedanken.
"Hm?", mache ich irritiert.
"Wollen Sie da draußen auf der Straße Wurzeln schlagen?"
"Nein, nein, ich..." Ich habe keine Ahnung, was ich darauf erwidern soll, also klappe ich meinen Mund unverrichteter Dinge wieder zu und steige zu Nikolas ins Auto.

Wenig überrascht stelle ich fest, dass es im Inneren des Wagens allmählich aussieht wie immer, lange hat die Sauberkeit nicht Einzug gehalten.
"Sie kennen den Weg?", frage ich absichtlich kurz angebunden und Nikolas antwortet ebenso knapp: "Ja."
Dann fährt er los in Richtung mysteriöses Krimi-Dinner.
Während der Fahrt redet er wenig, aber auch ich bin nicht gerade gesprächig. Die Musik plätschert durch mein Trommelfell, gibt der absurd anmutenden Situation in seinem Oldtimer eine gewisse Leichtigkeit und auch wieder nicht, denn ganz automatisch übertrage ich die Bedeutung eines jeden Lyrics-Textes aus uns beide.
Noch schlimmer ist jedoch, dass ich es nicht lassen kann, ihn immer wieder verstohlen zu mustern, auch wenn seine Augen mit einer gewissen Stoigkeit auf der Straße haften. Er macht einen auf harten Kerl, schon klar. Und so schweigen wir und es fällt kein Wort, während Nikolas uns selbstsicher immer weiter aus dem Ruhrgebiet herausfährt.

Nikolas

Ich sehe, wie sie mich ansieht. Lagernd, angespannt, nervös, unsicher. Ich würde sie ebenfalls gerne anschauen, allerdings würde ich dann höchstwahrscheinlich die Kontrolle über den Wagen verlieren und vielleicht müsste ich sie auch küssen und ich bin mir echt nicht sicher, ob Ellen das wollen würde. Ich schiele für eine Sekunde zu ihr hinüber. Ertappt senkt sie den Blick. Ich könnte mich ohrfeigen. Was verdammt nochmal ist daran so schwierig ein banales Gespräch mit ihr zu beginnen? Ich könnte sie zum Beispiel nach der SMS fragen, ob sie die gelesen hat, oder... Ich glaub, ich tue es wirklich, bevor keiner von uns ein Wort heraus bringt.
"Geht ihr Handy eigentlich nicht mehr?", taste ich mich langsam heran.
"Ähm... Doch, ich hatte es nur bis eben am Kabel, wieso, gibt's was Dringendes?", kommt es schuldbewusst von meiner Beifahrerin.
"Nein, eigentlich nicht, ich dachte nur, ... könnten Sie vielleicht doch mal das Navi einschalten und die Route zum Schloss suchen?" Es fällt mir schwer, das vor Ellen zuzugeben, aber ich befürchte, wir haben uns verfahren. Ich bremse unmittelbar hinter dem nächsten Ortsschild und fahre in eine wie es aussieht weniger befahrene Seitenstraße, halte dort am Straßenrand.
Ellen blickt mich skeptisch an. "Sagten Sie nicht gerade noch, Sie wüssten den Weg?"
"Vielleicht. Aber man kann sich ja mal irren, oder?" Ich schenke ihr ein kleines Lächeln.
"Ja, sowohl in Mensch als auch in anderen Dingen...", bemerkt sie zynisch und entsperrt ihr Mobiltelefon neben mir.
Autsch. Das hat gesessen. Unsere Hände berühren sich nicht, als sie mir ihr Smartphone mit spitzen Fingern übergibt. Ich sehe sie nicht an. Peinlich, wie sehr wir darauf achten, einander bloß nicht zu nahe zu kommen, während die Luft hier drin in meinem roten Mercedes nur so knistert. Diese Chemie, ihr Geruch, der Duft ihres Parfums, ihre Anwesenheit, wie sie sich nervös durch den Pferdeschwanz fährt oder am Kragen ihrer dunkel gemusterten Bluse nestelt, alles, alles, wirklich alles an ihr lässt mich langsam aber sicher verrückt werden.
Während ich die Navigations-App aufmache, denke ich darüber nach, dass ich dasselbe am liebsten auch mit Ellens Bluse tun würde. Gibt's auf der Karte irgendwo einen Wegweiser zu ihrem Herz? Ich atme tief durch und vertreibe meine nicht gerade jugendfreien Gedanken, die einzig und allein darauf zurückzuführen sind, dass Ellen die ganze Zeit an ihren Haaren oder ihrer Kleidung herumspielt, fast so als würde sie mich dazu herausfordern, endlich den ersten Schritt zu machen. Aber gleichzeitig sind ihre Worte so distanziert, gleichzeitig ist ihre Mimik so kühl. Ich weiß einfach nicht, was ich davon halten soll. Verdattert sehe ich von ihrem Handydisplay zu ihren Lippen auf.
"Und, wie sieht's aus, wo sind wir heute gelandet, Ihren grandiosen Ortskenntnissen sei Dank?", kommt es im nächsten Augenblick genervt von eben diesen Lippen.

Ellen

Nikolas starrt auf meinen Mund, als hätte er meine Frage gerade komplett überhört und als würde er gerade nur darüber nachdenken, ob jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, um mich zu küssen.
Ist er nicht!
Ich bin stinksauer auf ihn und noch mehr auf mich, dass ich ihm zugetraut hab, den Weg allein zu finden und wir jetzt orientierungslos in der Pampa rumgurken und ich womöglich sechzig weitere Minuten in seiner Nähe sein muss.
Oder ist es der richtige Zeitpunkt?
Ist es vielleicht genau der perfekte Zeitpunkt, um meinen Ärger über Bord zu werfen, um meine Wut auf ihn zu vergessen und über meinen eigenen Schatten zu springen? Ich merke, wie meine Atmung zu zittern beginnt. Warum kann er denn nicht einfach wegschauen? Warum muss er meine Lippen so anstarren, anstatt irgendwas Sinnvolles zu unserer Konversation beizutragen? Mir entfährt ein verzweifelter Seufzer, ehe ich die Frage erneut stelle und ein wenig auf Abstand gehe. "Wie lange dauert es denn, bis wir am Schloss sind?"
Nikolas erwacht aus seiner Trance. Er tippt auf meinem Handy herum, wartet einen Moment und legt es zwischen uns auf die Mittelkonsole. Dann legt er eine Hand zwischen uns ab, fast so nah, dass sie mich leicht berührt und beugt sich wenige Zentimeter in meine Richtung. Ich halte den Atem an. Sehe nach vorne auf die Straße, dann wieder zu ihm. Mein Blick wandert zu seinen Lippen, auf denen ein sanftes Lächeln erscheint.
Und plötzlich kann ich ihm nicht länger böse sein, so sehr ich es auch versuche. Ich spüre, wie er sich weiter zu mir hinüber lehnt, wie er  sich langsam vortastet, um den Abstand zwischen unseren Gesichtern zu verringern. Ich durchbreche unseren Blickkontakt. Kurz nur, für einen Moment, gucke ich nach unten, auf mein Handy. Ich habe eine ungelesene SMS.

Nikolas

Ellen greift nach ihrem Telefon, das gerade noch dabei ist, die schnellste Route zum Schloss zu berechnen, und liest die SMS, die ich ihr gestern nach der Arbeit geschickt habe, laut vor: "Hey Ellen." Sie sieht mich skeptisch an, ihr Blick soll wohl sowas sagen wie: Ach, dutzen wir uns jetzt plötzlich oder was soll das?
Augenblicklich bereue ich, ihr geschrieben zu haben.
Sie fährt kommentarlos fort: "Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten, dafür, dass mir das gerade bei Grün so rausgerutscht ist. Sorry, ich wollte Sie wirklich nicht in Rechtfertigungsdruck bringen. Tut mir leid."
Ihr Blick wird weicher und irgendwie auch versöhnlicher. "Entschuldigung angenommen", murmelt sie, ohne mich anzusehen, und liest weiter. "Ich hoffe, dass es mit Ihnen auf dem Schloss trotzdem ganz lustig wird, darauf freue ich mich schon die ganze Woche. Bleibt es dabei, dass ich Sie um 15 Uhr abhole?" Sie schmunzelt, schaltet den Bildschirm aus und sagt: "Da hatten Sie aber Redebedarf was?"
"Mhm, ist ein bisschen lang geworden, ich weiß, sorry", gebe ich klein laut zu.
Nun hebt sie den Kopf und schaut mir wieder in die Augen. Und lächelt. "Soso, Sie freuen sich also schon die ganze Woche auf dieses Seminar? Na dann bitte..." Sie hält mir ihr Handy hin und entsperrt es mit ihrem Fingerabdruck. "...Dann sorgen Sie dafür, dass wir dort rechtzeitig ankommen und die anderen den Fall nicht schon gelöst haben, wenn wir dort endlich mal eintreffen."
Diesmal streichen meine Finger über ihre Hand, als ich ihr das Smartphone abnehme. Die Berührung lässt Ellen leicht zusammenzucken und ich kann beobachten, wie sie im Nachhinein, als sie sie wieder abgewandt hat, selbst über die Hautstellen fährt, die ich soeben berührt habe.
"Oui, mon général", bestätige ich und rufe das Navi auf, das mittlerweile eine passende Route zum Schloss gefunden hat. Ich starte die Navigation, lege das Handy wieder auf die Mittelkonsole und lasse den Motor an, dann fahre ich in die Richtung, aus der wir vorhin gekommen sind, wieder zurück.
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