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Der rote Mercedes | DRM

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
06.11.2020
14.06.2021
27
58.810
21
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12.02.2021 3.098
 
Nikolas

Am nächsten Morgen fahre ich mit gemischten Gefühlen in die Einfahrt des Präsidiums ein. Einerseits bin ich überglücklich, wieder einen stilvollen fahrbaren Untersatz mein Eigen nennen zu können und andererseits trauere ich dem misslungen Abschied von Ellen gestern Abend noch etwas nach.
Ich war mir so sicher, dass ich ihr diesmal einen Abschiedskuss geben würde, doch als ich vor ihr stand und sie in meinen Armen hielt, konnte ich das Risiko plötzlich nicht mehr eingehen. Alles, an was ich in diesem scheinbar perfekten Moment denken konnte, war, wie es sein würde, wenn sie mich jetzt abweist und wir danach ein ganzes Wochenende auf diesem Schloss des Baron von Protzniz aufeinander hocken müssen.
Die Vorstellung davon, wie sie mich bei dem Teambildung-Seminar links liegen lässt, womöglich noch mit den Kollegen anbändelt, um mich auf meinen Platz zu verweisen, hat mich davon abgehalten, unsere so lange und vehement verteidigte Distanz einfach zu überwinden, unsere Lippen miteinander zu verbinden und unsere Gefühle füreinander den Rest erledigen zu lassen.
Und jetzt sitze ich hier in meinem neuen roten Mercedes und bereue es wieder einmal.
Ellen kommt aus dem Präsidium, sie ist wahrscheinlich - wie immer - sehr viel pünktlicher als ich zur Arbeit erschienen. Raschen Schrittes durchquert sie den Innenhof auf dem Weg zu ihrem Auto, das drei Plätze weiter parkt.
Ich überlege, ob ich aussteigen und sie begrüßen soll, bleibe aber dann doch sitzen und warte, bis sie in ihren Mercedes steigt, um zum Gerichtsgebäude zu fahren.
Erleichtert, dass ich ihr heute erstmal nicht über den Weg laufen werde, steige ich aus und laufe im Foyer Korthi und Grün in die Arme.
"Ah, Herr Heldt, wie erfreulich, dass Sie es doch einmal schaffen, uns zu so früher Stunde mit Ihrer Anwesenheit zu beehren!", begrüßt mich der Chef sarkastisch, während Korthi mich freudestrahlend angrinst und ganz aus dem Häuschen zu sein scheint.
"Und Nikolas? Bereit für den großen Tag?", fragt er aufgeregt, dass er auch dabei sein darf.
"Ähm... ja? Bin ich nicht immer bereit?", erwidere ich ironisch.
"Wir werden es dieser Schlepperbande zeigen!", ruft Mario aus, dann bedeuten er und Grün mir, mich ihnen anzuschließen.
"Beginnt der Einsatz nicht erst in eineinhalb Stunden?", erkundige ich mich beim Chef.
"Ursprüngliche ja. Den Kollegen aus Essen erschien es jedoch zum Zwecke der Erleichterung der Durchführbarkeit indiziert, den Coup um sechzig Minuten nach vorne zu verlegen." Grün gestikuliert wild mit den Händen, während wir nacheinander durch die Glastür nach draußen schreiten. "Kollegin Harth meinte vorhin am Telefon, Sie habe den Verdacht, - ich zitiere - das Pack könne sich sonst verdünnisieren."
"Na wenn dem so ist, dann hören wir natürlich auf unsere geschätze Essner Kollegin, nicht wahr, Herr Grün?", pflichte ich ihm leicht genervt bei. Hätte ich solche Bedenken geäußert, wären sie mit Sicherheit als übertriebener Aktionismus abgetan worden. "Schön, dass man mir das so rechtzeitig mitteilt", schiebe ich hinterher, als keiner meiner Begleiter auf meinen Spruch eingeht.
"Hab ich doch versucht!", entgegnet Korthi, nun ebenfalls sichtlich genervt von meinem Kommentar. "Du müsstest nur mal an dein Handy ran gehen, wenn es klingelt."
"Sorry, hatte gestern Abend keinen Akku mehr!", gebe ich flapsig irgendeine fadenscheinige Entschuldigung von mir und denke an Ellens entmutigten Blick, als sie neben mir auf dem Beifahrersitz saß und mein Mobiltelefon zu klingeln begann.
"Aber das Freizeichen - !", wendet Korthi geistesgegenwärtig ein, ehe er von unserem Chef unterbrochen wird.
"Wie dem auch sei, meine Herren, offensichtlich sind wir nun alle rechtzeitig anwesend, weswegen ich es begrüßen würde, verplemperten Sie die Zeit nicht weiter mit derlei profanen Diskussionen!" Grün lenkt unsere Schritte auf seinen Wagen zu. "Wenn sie so freundlich wären und bitte einsteigen würden?" Er öffnet uns sogar die Tür, ehe er um das Heck herumgeht und auf dem Fahrersitz Platz nimmt. "Herr Heldt, Herr Korthals?"
Wir steigen - nun mit gedämpften Elan - in den Dienstwagen des Chefs, Grün setzt zurück und chauffiert uns eine halbe Stunde mit ruhiger Hand zu der Lagerhalle, dem Ort des Zugriffs.

In einer Seitenstraße treffen wir auf den Transporter der SEK-Beamten und warten gemeinsam mit ihnen darauf, dass Harth aus Essen und Schubert aus Duisburg zu uns stoßen. Bald schon fährt der dicke schwarze Geländewagen der Kollegin Hart vor. Sie parkt etwas abseits und kommt zu Fuß zu uns gelaufen. "Hey Bochum!", begrüßt sie uns zerknirscht. "Müsst ihr immer so scheiße pünktlich sein?"
"Kann ich ja nichts dafür, dass du den Weg nicht findest, Essen!", rufe ich zurück. "Nee, daran lags nicht. Heut morgen gab es noch Differenzen mit dem Staatsanwalt. Der Pringel war etwas ungehalten darüber, dass ich ihm zu spät gesagt hab, dass wir jetzt tatsächlich eine Stunde früher anrücken."
"Sehen Sie!", wende ich mich triumphierend an Grün. "Ich bin nicht der einzige der es ziemlich scheiße findet, wenn man ihn nicht rechtzeitig informiert!" Ehe der Chef den Mund aufmacht, schaltet sich Korthi vom Rücksitz aus ein: "Aber Nikolas, ich hab doch...!"
"Naja egal, jedenfalls hat der Pringel mich noch etwas aufgehalten", fährt Kathrin Harth Korthi über den Mund. "Er meinte, andernfalls wäre er auch gerne vor Ort mit dabei gewesen, aber jetzt muss mein Bericht umso ausführlicher sein."
"Kenn ich irgendwo her", erwidere ich, mein Lachen schmerzhaft unterdrückend.
"Also Bochum, seid ihr bereit? Je schneller wir hier durch sind, desto eher haben wir die Säcke an den Eiern und desto eher bin ich mit diesem beknackten Bericht fertig! Worauf warten wir noch?"
"Auf Duisburg, Frau Kollegin, auf Duisburg", informiert Grün, der soeben ausgestiegen ist, um sich mit dem Sondereinsatzkommando zu beraten, Frau Harth.
"Schnarchnase Duisburg! War ja klar!", bemerkt sie und stampft in voller Montur ungeduldig auf und ab, während Grün, Korthi und ich uns in unsere durchschusshemmenden Westen zwängen.
Der silberne Duisburger VW-Passat lässt nicht lange auf sich warten, schon wenige Minuten später biegt er von der anderen Seite in die Straße ein und kommt auf unserer Höhe zum Stehen.
Schubert, der letzte fehlende Ermittler unserer Truppe, steigt aus, zieht sich ebenfalls seine Weste über und gesellt sich mit einem trägen "Morgen, Kollegen" zu uns.
"Alle bereit?", fragt Grün und gibt auf unser Nicken das Kommando zum Start der Operation.

Ellen

Der Vorsitzende betritt mit den Schöffen den Raum, alle Anwesenden erheben sich, im Gesicht des Angeklagten erscheint ein triumphierendes Lächeln.
Es ist so still, dass man eine Stecknadeln auf dem Boden fallen hören könnte, als Richter Kern mit dem Urteilsspruch beginnt: "Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte Herr Enno Renz wird hinsichtlich des Vorwurfs der Vergewaltigung in 15 Fällen freigesprochen."
Ein Raunen geht durch den Saal, über mir schlägt eine Welle der Fassungslosigkeit zusammen.
"Der Adhäsionsantrag der Nebenklage wird in allen Punkten abgelehnt, die Staatskasse trägt die Kosten des Verfahrens. Sie können nun Platz nehmen", schließt er seine Rede ab.
Das Publikum, das hauptsächlich aus der Familie des Angeklagten und ein paar Verwandten des Opfers besteht, setzt sich, einige Stühle werden verrutscht, es wird getuschelt. Als der Vorsitzende sich räuspert, verstummen alle.
"Nun zu den Gründen..."
Ich schalte innerlich ab, obwohl ich mir Notizen machen sollte, mich gedanklich mit einer Berufung oder Sprungrevision auseinander setzen sollte, am besten den Berufungsantrag im Kopf schon einmal vorformulieren sollte. Wir haben verloren. Wir, das sind eine junge Frau, die für Gerechtigkeit kämpfen wollte, die sich diesem ganzen schmerzhaften Prozess ausgesetzt hat, deren Innenleben und deren schmerzhaftester Tag hier vor Gericht seziert wurde, und ich, die Staatsanwältin, der die Anklage unter den Füßen weggebrochen ist. Wozu hat das Opfer sich so quälen müssen? Damit schlussendlich die Eltern des Angeklagten zu Lasten des Mädchens von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machten und sie im Gerichtssaal auflaufen ließen?
Ich senke den Blick, falte meine Hände unter dem Tisch zusammen, knete meine Finger, um die Urteilsbegründung des Vorsitzenden irgendwie über mich ergehen zu lassen. Ich werde mir gleich Notizen machen, das Sitzungsprotokoll anfordern, mich mit meinen Kollegen darüber beraten, In Berufung zu gehen, vielleicht sogar Revision einzulegen, aber gleichzeitig fürchte ich, dass all das nichts bringen wird, wenn wir unsere Zeugenaussagen verloren haben.
Selbst als ich aus dem Gerichtssaal rausche, ist es mir immer noch unerklärlich, wie die Verteidigung die Vernehmungen beim Ermittlungsrichter stürzen konnte, indem sie seine gesundheitliche Verfassung angezweifelt hat. Wie niederträchtig können Menschen nur sein?

Eine mit Frustkuchen verschönerte Mittagspause später sitze ich wieder im Büro und lese das Protokoll vom Vormittag, während ich darauf warte, Rückmeldung von den Kollegen beim Schleppereinsatz zu erhalten.
Plötzlich stürmen Heldt und Grün vollkommen aufgebracht in mein Büro.
„Die haben uns reingelegt!“, polterte Heldt los. „Sie hatten Recht, Frau Bannenberg, irgendwo gab es einen Maulwurf!“ Wütend schlägt er mit der flachen Hand auf den Besprechungstisch.
„Heldt!“, ermahne ich ihn, ruhig zu bleiben.
Herr Grün tritt an mich heran und verschränkt die Arme vor der Brust, eher er mich zurückhaltend, aber dennoch unterschwellig vorwurfsvoll fragt: „Sie, Sie, Frau Staatsanwältin, wussten davon?“
Ich knirsche mit den Zähnen und beschäftige meine Hände mit dem Zusammenlegen der einzelnen Protokollseiten. „Nunja, ich habe gestern mit der Kollegin Winterbauer aus Duisburg gesprochen.“
Grün starrt mich hilflos an, ehe er seinen Mund öffnet und ein anklagendes: „Warum haben Sie mir nichts gesagt, Frau Staatsanwältin?“ herauskommt.
Allmählich werde ich unruhig. Nicht nur das ständige Hin und Her mit Nikolas und der verlorene Prozess zerren an meinen Nerven, auch das Wissen, dass unser seit Monaten geplante Einsatz ins Wasser gefallen ist, macht mich sauer. Dass nun auch noch meine Kollegen mir dafür die Schuld in die Schuhe schieben wollen, ist zu viel des Guten.
„Wir waren uns nicht sicher, verdammt! Es war nur eine Unregelmäßigkeit auf einem der verdächtigen Konten vor ein paar Tagen und uns fehlte die Zeit, überprüfen zu lassen, an wen die Transaktion ging. Wenden Sie sich bei näheren Fragen bitte an Frau Winterbauer, sie war diejenige, die auf diese Spur gekommen ist“, rechtfertige ich mich verärgert.
Grün beginnt, in meinem Büro auf und abzulaufen und sich die wenigen Haare zu raufen. „Dann hoffe ich inständig, dass Staatsanwältin Winterbauern umgehend damit beginnen wird, infrage kommende Personen zu durchleuchten!“
Ich nicke, übernehme das Kommando und ergreife erneut das Wort. „Das sollte Herr Korthals nun ebenfalls tun. Sagen Sie ihm, er soll sich mit Frau Winterbauer in Verbindung setzen!“, trage ich meinem Hauptkommissar auf.
Herr Grün nickt eifrig - sichtlich erleichtert darüber, endlich etwas tun zu können - und wendet sich zur Tür. „Natürlich, Frau Staatsanwältin.“ Bevor er die Klinke hinunter drückt, bleibt er stehen. „Eine Frage hätte ich allerdings noch.“ Er sieht Heldt an. „Wieso war der Kollege im Bilde?“
Er schreitet zurück in mein Büro, hebt eine Augenbraue an, sein Blick schwenkt von mir zu Heldt zu mir.
„Ähm... Ich... also Frau Bannenberg“, stolpert Heldt über seine eigene Zunge und ich beschließe, dass es besser ist, wenn ich das Ruder in die Hand nehme anstatt mich auf halbseidene Erklärungen von Heldt zu verlassen: „Ich habe mit Herrn Heldt gestern nach ihrem Abgang noch in meinem Büro über den heutigen Fall gesprochen.“ Ich werfe erst Grün, dann Heldt einen bösen Blick zu und sehe erleichtert zu, wie ersterer aus dem Raum schreitet und mich mit Zweiterem, mit dem ich noch ein Hühnchen zu rupfen habe, zurücklässt.
„Heldt!?“
„Mhm?“
„Das war jetzt absolut unnötig.“
„Ich wollte Sie nicht in die Scheiße reinreiten, tut mir leid.“ Er hebt entschuldigend die Hände.
„Hätten Sie das wirklich gewollt, hätten Sie sich diesen blöden Kommentar da eben gespart“, fahre ich ihn gereizt an.
„Okay, ich hab's verstanden. Sorry. Sonst noch was?“, fragt er beleidigt.
Ich bezweifle, dass er irgendwas verstanden hat. Kühl sehe ich ihn an. „Nein, Sie können dann jetzt gehen.“
Seine Augen halten mich fest. „Warten Sie, das war alles?“
„Was haben Sie denn erwartet, dass ich sie aus dem Fenster schmeiße?“ Noch immer herrscht Eiszeit zwischen uns.
„Nein... ich... Ist irgend... Ach egal“, stammelt er beim Versuch, eine zusammenhängende Antwort zu formulieren, vor sich hin.
Ich warte ab, ob er nicht doch noch etwas sagt, dann begebe ich mich auf neutrales Terrain zurück. „Gut, dann schönen Feierabend noch!“
„Danke, Ihnen auch“, brummt er und verlässt damit ebenfalls Hals über Kopf mein Büro.

War ich zu hart zu ihm? Nein, beruhigt mich meine innere Stimme. Irgendwo musst du deinen Frust ja rauslassen über diesen beschissen Tag. Dass es morgen nicht besser wird, wenn Heldt und ich uns auf dem Teambildung-Seminar an die Gurgel gehen, darüber erwähnt sie natürlich kein Wort.

Nikolas

Was zur Hölle ist bitte in die Frau Staatsanwältin gefahren? Ich weigere mich hartnäckig, ihren Vornamen auch nur zu denken. Erst blafft sie Grün total von der Seite an und dann kriege ich mein Fett weg, weil ich ihr Recht gegeben habe? Mannomann, hat die Bannenberg heut 'nen schlechten Tag. Mir fällt ein, dass ich sie, bevor ich aus ihrem Büro rausgestürnt bin, nicht einmal gefragt habe, wie das Gerichtsverfahren heute Vormittag gelaufen ist, vielleicht ist das ja der Grund für ihre Raserei. Vielleicht habe ich gestern aber auch irgendwas falsch gemacht, was sie verärgert hat.
Auf der Treppe überlege ich für wenige Sekunden, ob ich umdrehen sollte und sie endlich zur Rede stellen sollte, damit ich erfahre, was eigentlich los ist.
So ist sie doch normal nie. Vielleicht ist wirklich nur ihr Prozess schiefgelaufen, wer weiß? Vielleicht braucht sie 'ne kleine Ablenkung oder Aufmunterung? Ich beschließe, noch einmal zurück zu ihrem Büro zu gehen.

Ellen

Was ist, wenn Heldt nachtragend ist und sich das ganze Wochenende wie ein Affe aufführt? Allein bei der Vorstellung, mit ihm für eine Stunde im Auto zu sitzen, während dicke Luft zwischen uns herrscht, wird mir übel. Ich sollte diesen Spießrutenlauf beenden, bevor er überhaupt angefangen hat. Entschlossen stehe ich auf und schiebe den schwarzen Chefsessel zurück unter den Tisch. Andererseits, kommt es mir in den Sinn, als ich durch den Raum laufe, hat sich Nikolas gestern bei unserer Verabschiedung nicht wirklich die Mühe gemacht, es nach mehr als einem Dinner unter Kollegen aussehen zu lassen. Ein wenig beleidigt bin ich deswegen immer noch. Statt zur Tür laufe ich zum Fenster. Sein neuer roter Mercedes steht noch auf dem Parkplatz neben meinem. Vielleicht sollte ich tatsächlich einfach in sein Büro gehen und mich bei ihm für den Rauswurf gerade eben entschuldigen. Unschlüssig blicke ich in den Hof hinab.
Wieso kann es nicht einmal einfach zwischen uns sein?
Weil wir beide viel zu viel Angst davor haben, das wir das, was wir aneinander haben, verlieren könnten, wenn es nicht klappt, denke ich und stelle das Fenster auf Kipp, um frische Luft reinzulassen.

Nikolas

Kurz bevor ich die Tür zu Frau Bannenbergs Büro erreichen, überlege ich es mir nochmal anders. Sie hat mich angepflaumt, also soll sie sich gefälligst bei mir entschuldigen, wenn ihr wirklich leid tut, was sie gesagt hat. Ich werde ihr weder nachrennen noch eine weitere Sekunde dieses wunderschönen Tages damit verschwenden, an ihre blauen Augen zu denken. Oder an die Intensität, mit der wir uns gestern angeguckt haben, bevor ich sie zum Abschied umarmt habe. Heute wäre eine derart nahe körperliche Berührung undenkbar, fast schon ein Skandal. Ich trete mit dem Fuß gegen das Holz der Tür, mache kehrt und laufe den Flur wieder runter, um mich in den vorzeitigen Feierabend zu verabschieden.

Ellen

Ein lauter Knall lässt mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Gerade eben habe ich noch überlegt, wie ich meine Entschuldigung am besten formuliere, doch jetzt denke ich, dass die Worte , die ich wähle, Nikolas höchstwahrscheinlich egal sein werden. Hauptsache, ich komme endlich in die Gänge und tue überhaupt irgendetwas. Rasch reiße ich die Tür auf und sehe den Flüchtigen im Treppenhaus verschwinden. „Ernsthaft jetzt?“, rufe ich ihm nach, doch er bleibt weder stehen noch dreht er sich um. Ich eile ihm hinterher und gebe bereits ein paar Meter weiter auf. In meinem Bleistiftrock und den hohen Schuhen ist jede Verfolgungsjagd mörderisch.

Nikolas

Ich meine noch, das Klackern von Frau Bannenbergs Schuhen hinter mir zu hören, aber dann ist meine akkustiche Einbildung auch schon wieder vorrüber. Ich schleiche mich an meinem und Korthis Gemeinschaftsbüro vorbei, aus dem gerade in diesem Moment mein Kollege Mario mit hängenden Schultern herauskommt. „Na, machst du heut auch früher Schluss?“, versuche ich ihn aufzumuntern. Er schüttelt den Kopf. „Ne, ich soll mich mit Frau Winterbauer zusammentun und die Kollegen filzen. Anweisung vom Chef. Während der sich 'n schönes Wochenende macht. Pfff“, macht er beleidigt.
"Ah!" Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich ihm helfen könnte, meine Hilfe scheint bei dieser Aufgabe völlig fehl am Platz zu sein und stünde außerdem einer verfrühten Flucht aus der Arbeit entgegen.
Mario riecht den Braten und lässt mich mit triefendem Sarkasmus wissen:
"Also dann, die Arbeit macht sich nicht von allein... schönen Feierabend, Nikolas!"
"Danke Korthi, und ich hab gehört, die Winterbauer soll ganz nett sein und sehr ordentlich recherchiert haben. Das dauert sicher nicht mehr lange, bis ihr da durch seid!", sage ich betont euphorisch.
Mario seufzt, doch die Spürnase in mir erkennt, dass er sich innerlich aufrichtet und dem Telefonat mit der Duisburger Staatsanwaltschaft schon etwas zuversichtlicher entgegenblickt.
"Gut, ich hoff, du hast Recht." Mein Lieblingskollege zögert. "Achso und viel Erfolg morgen mit Frau Bannenberg, soll ich dir auch vom Chef ausrichten!" Er zwinkert mir verschwörerisch-belustigt zu.
"Mhm?" Meine Frage soll meine Verwunderung darüber zeigen, was der Chef denn nun schon wieder Neues über Ellen und mich herausgefunden hat, außer, dass sie sensible Ermittlungsinformationen lieber mit mir als mit ihm zu teilen scheint?
"Na für den Wettbewerb auf dem Schloss! Das Teambildung-Seminar!", fügt Korthi nachdrücklich hinzu, als er merkt, dass ich total auf der Leitung stehe.
"Ah! Ja ähm, danke, wird bestimmt ein Kinderspiel!", gebe ich bemüht lächelnd von mir. Oder es wird die Hölle, wenn Ellen ihr engelsgleiches Lächeln Zuhause vergisst.
An Korthi gehen meine Zweifel völlig vorbei, er erwidert freudestrahlend: "Ihr rettet Bochums Ruf, da bin ich mir sicher!"
Ich kann seinen Blick nicht so recht deuten, meint er das ernst oder verarscht er mich gerade? Peinlich berührt runzle ich die Stirn.
Daraufhin bekräftigt Korthi den Sportsgeist erneut: "Du und die Frau Staatsanwältin, ihr seid ein tolles Team!"
"Ähm ja danke...  Ich muss dann auch mal ..." Plötzlich habe ich es ziemlich eilig, aus dem Präsidium zu fliehen.  "Ähm los... Tschüss, Korthi!", verabschiede ich mich ungeschickt und lege den Rückwärtsgang ein.
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