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Der rote Mercedes | DRM

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
06.11.2020
14.06.2021
27
58.810
21
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80 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
10.02.2021 1.154
 
Nikolas

Wir stehen wieder auf dem Parkplatz des Präsidiums, vor Ellen's silbernem Mercedes und irgendwie will keiner von uns die anstehende Verabschiedung einläuten.
Sie schlingt ihre dunkelblaue sommerliche Jacke, die nicht so wirklich zum Rest ihres Outfits zu passen scheint, um ihre Schultern, wippt von einem Fuß auf den anderen und am liebsten würde ich sie gerade einfach zu mir her ziehen und küssen.
"Dann viel Glück morgen! Das wird ja ne große Sache", beginnt Ellen schließlich zaghaft. Endlich kommt von ihr wieder mehr als nur ein zustimmendes "Mhm" oder ein zweideutiges "Hm...".
Sie sieht auf ihre Füße und scheint etwas verloren, scheint nicht zu wissen, wohin mit ihrem Blick.
"Ohja, das Glück können wir brauchen", bedanke ich mich und eigentlich will ich sie gar nicht gehen lassen. Trotzdem sage ich: "Dir auch morgen vor Gericht!"
Sie lächelt, nickt, sieht mich verträumt an. "Danke."
Wie schön wäre es, wenn ich sie wieder in den neuen Mercedes packen könnte und wir ziellos herumfahren könnten, nur den Weg genießen, bis wir schließlich irgendwo Rast machen würden. Und meine Phantasien von heute Abend am See Realität werden könnten. Oder aber auch nicht. Vielleicht würde es mir reichen, mit ihr zu reden, ihr zu erklären, was es mit diesem Lied auf sich hat, das gerade angefangen hat zu spielen, als ich den Sender gewechselt habe und wir aufgebrochen sind in meinem neuen Mercedes. Ich sehe in Ellens Gesicht. Ist sie noch sauer deswegen?

Ich kann es nicht sagen, ich sehe nur in ihre Augen und erkenne mein wahnsinniges Verlangen nach ihr in meinem Spiegelbild. Ich glaube, es würde mir doch nicht reichen, nur mit ihr zu reden. Wenn wir wieder einsteigen würden, vielleicht müsste ich sie dann küssen, ganz automatisch? Vielleicht würde ich sie mit zu mir nehmen, vielleicht aber auch ganz woanders hin entführen.
Dieses Auto riecht nach Neuanfang. Es symbolisiert den Neustart, den wir uns beide gewünscht haben. Bislang habe ich gezögert, doch jetzt spüre ich es ganz deutlich.
Es liegt etwas in der Luft, das diese Nacht zu einer Nacht macht, in der alles möglich ist.
Vielleicht sind auch Ellen und ich möglich in dieser verheißungsvollen Nacht.
Vielleicht ist es uns möglich, die Staatsanwältin und den Kommissar - zu denen wir mit dem Betreten des Polizeigeländes gerade wieder geworden sind - zu vergessen, in dieser sternenklaren Nacht.
Vielleicht ist es möglich, dass wir nur ein Mann und eine Frau sind, nur sie und er, nur Ellen und Nikola in dieser viel zu frischen Sommernacht.
Ich sehe sie an, sehe sie nur an und muss schon lächeln. Ihre großen Augen leuchten im Licht der Straßenlaterne, ihre Augenbrauen zeigen Erstaunen, worüber weiß ich nicht.
Sie erwidert meinen Blick stumm, wird hineingezogen in diesen Sog der gegenseitigen Anziehungskraft, der sie schließlich einen kleinen Schritt auf mich zu machen lässt, bis unsere Fußspitzen einander durch die Schuhe hinweg touchieren.
Es ist nicht viel, doch es reicht, damit wir uns fast berühren, nur einer von uns müsste jetzt den Mut aufbringen, einen weiteren kleinen Schritt zu tun.

Doch ich tue es nicht und sie tut es auch nicht.
"Das war wirklich ein schöner Abend", leitet Ellen stattdessen stilecht ein, dann legt sie den Kopf schief und zieht die Mundwinkel noch ein Stück weiter hinauf. "Dankeschön, Nikolas."
Ich habe einen Frosch im Hals, kann nichts erwidern, also bleibe ich stumm, obwohl ich ihr sagen möchte, wir gern ich sie um mich habe, wir schön ich unsere Gespräche finde, wie sehr ich selbst ihre stumme Gegenwart genieße.

Ellen

Nun hat es Nikolas wohl die Sprache verschlagen. Er steht vor mir und kriegt kein Wort heraus. Er wirkt aufgeregter, tatfreudiger als am See. Ich bin kurz davor, meine Hoffnung, die ich dort begraben hatte, wieder auszubuddeln.
Wir stehen endlich so nah voreinander, doch keiner traut sich, auch die restliche Distanz zu überwinden, keiner von uns wagt es, den Schritt zu machen, der nötig ist, um unsere Vergangenheit hinter uns zu lassen.
Wieder drängt sich die Angst in mein Bewusstsein, ihn zu verlieren, das, was wir gerade haben, zu verlieren, wenn es zu ernst wird.
"Ja", bringt er schließlich über die Lippen. "Das fand ich auch."
Dann tut er das, wozu ich mich nicht überwinden kann, nämlich seine Arme um meine Taille zu legen und mich ganz nah an sich heran zu ziehen.
Mein Herz schlägt lauter und schneller, eine leichte Gänsehaut überzieht meinen Rücken.
Ich schließe die Augen und schlinge meine Arme ebenfalls um seinen Körper, verschränke meine Finger hinter seinem Nacken ineineinander und seufze behaglich.
Ich liebe unsere Abschiedsumarmungen, die gleichzeitig ein Wiedersehen andeuten, genauso wie sie ein deutliches Zeichen dafür sind, dass noch nicht aller Tage Abend ist und noch nicht alle Worte zwischen ihm und mir gefallen sind.

"Ich schätze, wir sehen uns dann am Samstag wieder", murmelt Nikolas in mein Haar.
"Dieses Teambildung-Seminar auf dem Schloss, richtig!", fällt es mir nach einer kleinen Überlegungspause wieder ein.
Er lässt seine Finger über meinen unteren Rücken wandern und neckt mich: "Höre ich da einen klitzekleinen Hauch Vorfreude?"
"Nein, da musst du dich irren", säusele ich ihm ins Ohr und spüre, wie ihm ein Schauer die Wirbelsäule hinab läuft.
"Na gut, wie auch immer", überspielt er es. "Dann bis Samstag, Ellen." Er hält mich von sich ab und mustert mich sorgfältig.
"Du gabelst mich um 15 Uhr auf und nimmst mich mit, bleibt es dabei?", vergewissere ich mich ein letztes Mal.
Wir haben gerade erst darüber gesprochen, also frage ich lediglich, um ihn noch etwas länger vom Fahren abzuhalten? Ich denke, ich vertraue Nikolas und seinem neuen Wagen insoweit, als dass ich glaube, er könne uns sicher zu diesem Barock-Schloss chauffieren. Seufzend krame ich in meiner Jackentasche nach dem Autoschlüssel. Ich habe immer noch die utopische Hoffnung, ihn heute nicht mehr benutzen zu müssen. Und was, wenn er es sich doch nicht noch einmal anders überlegt?
"Wie abgemacht, das krieg ich hin", versichert Nikolas und begleitet mich um meinen Mercedes herum, hält mir sogar die Tür auf und wartet neben dem Auto, bis ich angeschnallt bin und den Motor gestartet habe. Er beobachtet mich durch die Seitenscheibe der Fahrerseite, bis ich bereit bin, loszufahren. Bin ich das oder würde ich lieber aussteigen, nur um in dieses kirschrote Spielmobil neben meinem Dienstwagen zu steigen und Nikolas Gegenwart noch einmal auf mich wirken zu lassen? Ich wehre mich gegen den sehnlichsten Wunsch meines Unterbewusstseins. Ich starte das Radio, winke Nikolas zu und setzte das Fahrzeug in Bewegung.
Dieses Mal bin ich alleine in den Straßen Bochums unterwegs, ohne ihn und es gäbe kein Gefühl, dass sich falscher anfühlen könnte in diesem Augenblick. Ich schwöre mir, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich die greifbare Chance, Nikolas näher zu kommen, ungenutzt verstreichen lassen.
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