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Der rote Mercedes | DRM

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
06.11.2020
14.06.2021
27
58.810
21
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09.02.2021 3.611
 
Ellen

Heldt steigt ein und setzt sich neben mich. Ehrfürchtig blickt er sich im fast steril gereinigten Wageninneren um, dann zückt er seine Süßigkeitentüte aus der Jackentasche und legt sie auf der Konsole ab.
"Sie legen es wirklich darauf an, dass sich Ihr neuer Wagen so schnell wie möglich in die Ihnen so vertraute Müllhalde verwandelt, was?", bemerke ich spitz.
"Ja, ist sonst einfach nicht das gleiche Feeling", entgegnet er wie gewohnt schlagfertig.
"Wohin führt unsere Spritztour denn?"
Er überlegt einen Moment, dann rückt er mit seiner Idee heraus: "Auf jeden Fall raus aus Bochum, das Baby muss dringend ein bisschen Landluft schnuppern, wie wär's mit an den Kemnader See?"
Damit hat er mich, ein Abendessen am See im Sommer bei Sonnenuntergang stelle ich mir wahnsinnig romantisch vor. Sofort bin Feuer und Flamme. "Oh sehr gerne, da war ich...
... mit Emy früher Tretboot fahren, ich weiß." Er steckt den Schlüssel ein und berührt mich dabei zufällig am Knie, das mein schwarzer Rock im Sitzen nicht mehr verdeckt. Ein Schauer breitet sich von diesem Punkt ausgehend in meinem gesamten Körper aus. "Was Sie sich so alles merken, Heldt." Ich kaschiere meine aufsteigende Nervosität, indem ich mich mit banalen Dingen wie dem Anschnallen und dem Nach-Unten-Kurbeln des Fensters ablenke.
"So lange ist das jetzt auch noch nicht her, dass wir dort bei Boje 410 die Beute aus dem Bankraub an Land gezogen haben." Er lächelt süffisant, schafft es, dass ich mich ertappt fühle, beim Denken.
"Stimmt." Wow Ellen, Meisterleistung! Du solltest dein Gedächtnis mal wieder auf Vordermann bringen. Wie wäre es mit Ginkgo-Tabletten? "Also ist der Kemnader See unser Ziel."
Er nickt stumm.
Lobend führe ich an, dass unser Ausflug dann immerhin nicht mehr als willkürliche Spritztour zur Belästigung der Nachbarschaft einzustufen sei, sondern der Besichtigung eines anerkannten Erholungsgebietes diene.
"Dann wird das wohl wieder nichts mit schick essen gehen, wenn Sie sich da nur erholen wollen", gibt Heldt pseudo-bedauernd von sich.
"Wieso?" Ich stutze, ehe mir eine rettende Antwort einfällt. "Ich kenne zwei sehr schöne Restaurants am Südufer des Sees, sogar auf der Bochumer Seite", entkräfte ich seine Bedenken, man müsse sich am Kemnader See mit Fastfood aus irgendeiner Imbissbude begnügen.
Er schaut mich fragend an.
"Da ist einmal Haus Oveney - ein eher romantisches Lokal - und weiter südlich Haus Kemnade - ein Schloss mit Museum und Restaurant."
"Ich glaube von Schlössern kriegen wir am Wochenende noch genug, denken Sie nicht?", wirft er ein.
"Schlösser?" Ich begreife nicht ganz, worauf er hinaus will.
"Na die Einladung ins Schloss diesen Samstag", hilft er mir gnädigerweise auf die Sprünge.
"Das Teambildung-Seminar, natürlich!" Ich schlage mir auf die Stirn. Wie hatte ich das nur vergessen können. Die Einladungsbriefe für Heldt und mich zum Krimi-Dinner-Battel mit zwei weiteren Ermittungsteams aus dem Ruhrpott am den siebten Juni sind schon vor Monaten im Präsidium eingetrudelt. Und jetzt ist es endlich so weit! Heldt als Kommissar mit der höchsten Aufklärungsquote begleitet mich als zuständige Staatsanwältin für ein eher unromantisches, aber dafür umso spannenderes Wochenende in Herrn Kleins Domizil - ein Schloss irgendwo ganz weit weg von Bochum, Essen und erst Recht von Duisburg. Ich hoffe ehrlich, Heldt findet den Weg am Samstag. Und wir bis dahin den Weg zueinander.
"Ich wäre also eher für das romantische Lokal", lenkt er meine Aufmerksamkeit nun wieder auf den heutigen Abend und unsere spontane Spritztour. Seine Augen funkeln mich an. Flirtet er oder will er nur höflich sein?
"Klingt gut", gebe ich mich mit dem von mir ohnehin präferierten Vorschlag zufrieden.
Heldt setzt uns in Bewegung, sein neuer Wagen ist definitiv leiser und ruckelt auch nicht so stark wie der Alte.
Er kurvt durch die Innenstadt, wir plaudern über Belangloses, wenn auch wie so oft mit zweideutigen Untertönen.
Der neue Wagen bereitet ihm keinerlei Schwierigkeiten, fährt brav an, wenn er es will, beschleunigt ordentlich und vermittelt einem nicht das Gefühl, als säße man direkt über dem Asphalt.
"Fährt sich ganz gut!", stellt Heldt irgendwann zufrieden fest und gibt Gas, als wir aus Bochum heraus fahren.

Wir hören Musik und ertappen uns gegenseitig immer wieder dabei, entweder sehnsüchtig zu seufzen oder den anderen verstohlen aus den Augenwinkeln zu mustern. Irgendwann geben wir es auf. Ich verlasse meine Deckung, drehe mich zu Heldt und sehe ihn gerade heraus an. Seine braunen Locken sind wie immer etwas unordentlich, sein Bart ist aufgrund unserer gestrigen Undercover-Aktion kürzer. Seine dunklen Augen blicken plötzlich sehr aufmerksam nach vorne. Die Straße macht eine letzte Kurve und geht dann gottseidank schnurstracks gerade aus. Er hält mühelos die Spur und wagt es endlich, meinen wehmütigen Blick zu erwidern.
Als sich unsere Augen treffen, schlucke ich. Ich glaube, ich könnte ihn stundenlang so ansehen, aber ich bezweifle, dass die Straße eine weitere Stunde so geradlinig verlaufen wird. Außerdem sind wir gleich an unserem Ziel angekommen
Schweren Herzens durchbreche ich unseren Blickkontakt und zeige auf das Straßenschild vor uns. "Ich glaub da müssen wir raus, das ist der Parkplatz, der zu Haus Oveney gehört."
"Zu Befehl, mon général!", ruft Heldt beherzt, bremst unmittelbar ab und nimmt die enge Ausfahrt mit noch immer halsbrecherischer Geschwindigkeit.

Einen auf Anhieb gelungenen Einparkversuch später stehen wir vor dem romantischen kleinen Lokal. Ich sehe zu Heldt, der nickt mir zu, wir steigen schwungvoll aus seinem neuen Wagen. "Nette Spritztour, Heldt." Ich frage mich, ob er schon über den Verlust des /8 hinweggekommen ist, traue mich aber dann doch nicht, es anzusprechen. Vielleicht bedeutet sein neuer Mercedes für ihn so etwas wie ein Neustart, bietet ihm die Möglichkeit, alten Ballast abzuwerfen. Ich weiß, dass er mal jemandem versprochen hat, besser darauf aufzupassen als dieser seinerzeit, aber vielleicht wurde es auch einfach Zeit, dass das fragliche Objekt ein Update erhielt, damit sich die Beziehung zwischen ihm und Heldt intensivieren kann. Man kann ja schließlich nicht immer dem Alten hinterhertauern, sondern muss auch mal das Risiko eingehen, etwas Neues auszuprobieren. "Ich mag Ihren neuen Wagen", stelle ich fest und registriere erfreut, wie ein strahlendes Lächeln auf Heldts Gesicht erscheint.
"Wenn Sie das schon sagen, dann bin auch ich davon überzeugt, dass es ein gutes Auto ist!", sagt er mit feierlicher Miene und spielt stolz mit dem Schlüssel in seiner Hand.
"Ach waren Sie das vorher nicht?"
"Doch, aber aus Ihrem Mund klingt es gleich viel schöner."
Verdammt! Er flirtet. Definitiv. Und zwar ununterbrochen. Ich glaube, mir wird abwechselnd heiß und kalt. So oft wie ich ihn heimlich anstarre, muss er es inzwischen bemerkt haben.
Mit einigem Sicherheitsabstand zwischen uns gehen wir zur Eingangspforte des Restaurants.
"Wissen Sie schon, was sie bestellen wollen?", frage ich beim Reingehen.
"Nein, aber ich habe eine bessere Idee."
"Was denn für 'ne Idee, Heldt?", frage ich mit einer Mischung aus Neugier und mulmigem Gefühl. Ideen und Heldt sind so ne Sache. Da weiß man nicht immer, ob man denen trauen kann. Ich sehe meinen Traum von einem romantischen Candle Light Dinner bereits wie eine Seifenblase zerplatzen, als er schließlich mit der Sprache rausrückt.
"Also ich hätte jetzt gesagt, wir gehen rein, bestellen was und nehmen es dann to go mit, dann können wir den Wagen runter fahren und unten am See abstellen."
"So Picknick auf der Motorhaube-mäßig?" Ich verdrehe die Augen. "Ernsthaft, Heldt?" Insgeheim gefällt mir die Idee ganz gut, ist die Vorstellung davon doch ziemlich romantisch.
"Ja, mein voller Ernst. Dinner auf der Motorhaube von meinem neuen Schätzchen und danach Abkühlung im frischen Nass."
"Aha, ich weiß, was dein Ziel ist!", necke ich ihn und verfalle dabei ganz von selbst in die persönlichere Anrede. "Du willst, dass dein Bier kalt bleibt, indem du es ins kühle Wasser am Seeufer stellst."
"Möglich." Er grinst amüsiert. "Also, bist du dabei?"
"Na gut", gebe ich mich nonchalant geschlagen und freue mich innerlich wie ein kleines Kind. Ich liebe außergewöhnliche Dates und selbst wenn wir uns noch nicht eingestehen wollen - oder können, dass dies eins ist, fühlt es sich tief im Innern sehr danach an.

Dass wir vom Sie zum Du übergegangen sind, ist schon ein eindeutiges Zeichen, dass wir an diesem Abend einmal nicht Staatsanwältin und Kommissar sind, sondern nur ein Mann und eine Frau, die zusammen auf der Motorhaube eines roten Oldtimers sitzen und gemeinsam in den Sonnenuntergang gucken.

Nikolas

Nachdem wir drinnen bestellt haben, Ellen ein ausgefallenes Pastagericht und ich ein Schnitzel mit Pommes, kläre ich mit einem Keller ab, ob wir es auch to go mitnehmen können. Er erklärte sich bereit, mir eine SMS zu schicken, wenn unsere Gerichte fertig zubereitet sind. Nachdem Ellen schon nach draußen vorgegangen ist, weihe ich ihn in meinen Plan ein und nehme in Kauf, dass er mich für eine hoffnungslosen Romantiker hält. Das Gegenteil ist der Fall: Er bietet mir sogar an, Weinglas und Bierkrug gegen ein Pfand mit nach draußen nehmen zu können. Ich willige dankend ein und lasse meinen Führerschein als Pfand zurück.
Grinsend kehre ich zu Ellen und meinem neuen Oldtimer zurück. Eine Spritztour zu einem romantischen See und ein Dinner auf der Motorhaube mit seiner Traumfrau - besser kann man ein Auto gar nicht einweihen.
Ich parke auf dem Kiesplatz auf einem kleinen Hügel, von dem aus man direkt über den See schauen kann, neben dem Kiesbett beginnt die Rasenfläche, wo auch eine große Eiche steht, durch deren Krone etwas Schatten auf die rote Motorhaube geworfen wird.
Ellen sitzt darauf und sieht mich mit einem wunderschönen Strahlen im Gesicht an, als ich mit Gläsern und Besteck aus der Richtung der Terrasse des Hauses Oveney komme. Sie geht mir entgegen und erreicht mich auf der Hälfte des Weges, um mir die Gläser abzunehmen.
Wortlos lächle ich sie an, reiche ihr das halbvolle Rotweinglas  und ihr Besteck. Wie so oft berühren sich unsere Finger bei der Übergabe zufällig und wie so oft löst dieser Zufall bei mir eine Welle an Nervenimpulsen aus. Nur zu gerne wäre ich mit Ellen alleine, vielleicht auch im Auto, in der Dunkelheit, im Wald, abgelegen, irgendwo, wo uns niemand stören würde. Ich lasse meinen Blick zu ihr hinüber schweifen.
Sie sieht heute unfassbar gut aus. Der rote Stoff ihrer Bluse schmeichelt ihrer Figur, lässt sie sinnlich, sexy, verführerisch wirken.
Ohja, Ellen und ich in meinem neuen Auto, bei Nacht, auf einen abgelegenen Parkplatz eines Waldstückes, dieser Gedanke bringt mein Blut definitiv in Wallung. Vordersitz oder Rückbank, schießt mir eine nicht jugendfreie Phantasie von Ellen und mir durch den Kopf. Ich lasse sie ein paar Meter vorgehen, um ein bisschen mehr von ihrem Körper in Bewegung sehen zu können. Der schwarze Rock, den sie trägt, verhüllt ihre Beine bis knapp übers Knie und verrät trotzdem genug, um meine Gedanken weiter anzuheizen.
Wo bin ich heute nur die ganze Zeit mit meinem Kopf? Das muss der Hunger sein!

Kurz, nachdem wir auf der roten Karosserie Stellung bezogen haben, vibriert mein Handy.
Ellen sieht mich mit ihrem Todesblick an, der mir sagen soll: "Das darf doch jetzt nicht wahr sein! Dieses beschissene Handy wird uns nicht schon wieder um ein Date bringen!"
"Keine Sorge", erwidere ich auf ihren bösen Blick. "Das Vibrieren bedeutet nur, dass unser Essen fertig ist."
Erleichtert atmet Ellen auf. "Na, Gott sei Dank auch!"
Ich gebe ihr meine Bierflasche und springe von der Motorhaube, laufe eilig zum Restaurant hinüber. Auf der Terrasse erwartet mich der Kellner von vorhin bereits.

Während aus meinem Autoradio "Baby, you can drive my car" von the beatles durch die heruntergelassen Seitenfenster schallt, genießt Ellen ihre Spinat-Farfalle an Pilz-Sahnesauce und ich verdrücke meine Pommes mit Ketchup in Zeitlupen, weil ich so von diesem tollen Moment fasziniert bin. Und natürlich von Ellen, wie sie in ihrem schwarzen Rock, ihrer roten Bluse und ihren roten Pumps so anmutig wie ein Pin-up-Model auf meinem roten Mercedes sitzt, dabei in der einen Hand elegant ihr Weinglas balanciert, während sie mit der Gabel in der anderen Hand geschickt die Pasta vom Teller auf ihrem Schoß in ihren Gaumen manövriert.
Sie bemerkt meinen Blick, als sie sich gerade einen neue Gabel aufgefüllt hat. "Is' was?", fragt sie, führt die Nudeln zum Mund und schließt genießerisch die Augen.
"Nein, nichts..."
Ellen verschlingt die Nudeln so, wie ich wahrscheinlich ihren Anblick gerade verschlinge.
"Also doch, ich hab noch nie jemanden so stilvoll Pasta essen sehen."
Sie öffnet die Augen, lässt die Gabel auf den Teller sinken und grinst mich an. "Tja, schade, ich leider schon oft jemanden Pommes."
Erstaunt hebe ich meine Augenbrauen. "Was, wen?", hake ich nach und schiebe mir noch eine Fritte in den Mund.
"Emily, die hat ihre Pommes früher immer mit Messer und Gabel gegessen." Ellen lacht, dann hält sie inne, stellt ihr Weinglas und danach ihren Teller auf dem Dach des Mercedes ab und rückt dichter an mich heran.
Ich verschlucke mich fast an der Hand voll Pommes, sie ich mir in den Rachen geschoben habe. Scheiß, ich muss zugeben, ich bin ziemlich nervös in Ellen's Anwesenheit.
Sie legt ihre Hand auf meinen Unterarm und sieht mich nachdenklich an. Einen Moment lang ist es still, nur unsere Blicke kommunizieren miteinander. Dann durchbricht sie unser vertrautes Schweigen: "Du Nikolas, pass bitte morgen auf. Dieser Schleppereinsatz, der ist brandgefährlich. Es gibt da eine Sache, die mir zu Ohren gekommen ist, für die es aber noch keine handfesten Beweise gibt."
Ich stelle meinen Teller ebenfalls hinter mich und ziehe die Knie an meinen Körper, sodass ich mich auf meinen Oberschenkeln abstützen kann, wenn ich sie ansehe. "Nämlich, Frau Bannenberg?"
Sie stubst mich in die Seite. "Lass das doch!"
"Was?"
Sie lehnt ihre Beine in meine Richtung, sodass sich unsere Oberschenkel sanft berühren. "Dieser Förmlichkeits-Quatsch! Wir sind hier schließlich nicht auf dem Präsidium."
"Na gut, also was hast du rausgefunden, Agentin Ellen?", zische ich ihr verschwörerisch zu und lasse meinen kleinen Finger dabei unauffällig über die freigelegte Haut an ihrem Knie streichen.
Sie errötet leicht, beugt sich noch näher zu mir und erwidert mit gesenkter Stimme: "Man munkelt, dass es einen Maulwurf geben könnte."
Schockiert blicke ich sie an. "Du meinst... einen Verräter aus unseren Reihen?"
Ellen zögert, bevor sie antwortet. "Ich weiß es nicht. Die Kollegin Winterbauer hat einige Nachforschungen angestellt, Kontobewegungen betreffend, aber mehr hat sie mir nicht verraten. Sie hat die Daten auch bisher mit niemandem in Verbindung setzen können." Sie zuckt mit den Schultern, greift nach ihrem Weinglas und sieht mich erwartungsvoll an.
"Okay, gut, ich werd vorsichtig sein", beschwichtige ich sie.
Ihre Antwort ist ein leichtes Lächeln.
Ich drehe mich nach meinem Bierkrug um, wir stoßen an, sehen uns in die Augen und für einen kurzen Augenblick sind wir nicht mehr Staatsanwältin und Kommissar, sondern einfach nur Ellen und Nikolas.

Ellen

"Dieses Schloss, dieser Wettkampf, worum denkst du, geht's da?", reißt Nikolas mich aus meinen ihn und sein Auto betreffenden Tagträumen.
"Hm, ich nehm' an, das wird so in Richtung englischer Detektiv-Roman gehen, du weißt schon, so mit alten Adeligen, schmutzigen Familiengeheimnissen, viel Kunstblut und so weiter und so fort", vermute ich.
Heldt neben mir scheint in seiner kühnsten Traumwelt angekommen zu sein. "Was eine geile Idee! Das wird der absolute Oberhammer!"
"Krimi-Dinner in einem alten Schloss klingt auf jeden Fall ganz witzig. Ach, wie kommst du eigentlich hin?", frage ich leichthin.
Nikolas ahnt sofort, worauf ich hinaus will. "Wenn du willst, kannst du in meinem neuen Schätzchen mitfahren!" Er gibt der Motorhaube einen Klaps, als würde er ein Pferd loben. "Dann hol ich dich am Samstag pünktlich um fünfzehn Uhr ab."
"Ja, sehr gerne!" Ich freue mich wirklich über sein Angebot, nicht aber auf morgen. "Ich bin gespannt, wie der morgige Tag wird. Ich hab bei der Verhandlung kein besonders gutes Gefühl", dämpfe ich seinen Enthusiasmus.
"Du wirst das sicherlich rocken, morgen vor Gericht!", spricht Nikolas mir euphorisch Mut zu.
"Mhm, hoffentlich", erwidere ich recht wortkarg. Vielleicht ist jetzt nicht die Zeit zum Reden. Nikolas scheint das ähnlich zu sehen wie ich, auch er schaut entspannt auf das Wasser hinaus.
Wir legen unsere Hände mit voller Absicht unmittelbar nebeneinander zwischen uns auf der Motorhaube ab.
Einen Moment lang lässt Nikolas die Nähe, die zwischen uns entstanden ist, zu, dann ergreift er die Flucht und versemmelt unsere Chance. "Ich sollte mal weiteressen, Kalte Pommes schmecken ja bekanntlich nicht so gut", bemerkt er, dann konzentriert er sich wieder auf seinen Teller.
Unter dem Vorwand, mich ebenfalls wieder meiner Pasta widmen zu wollen, rutsche ich wieder von ihm weg. Woran liegt es nur, dass unser beider Hemmschwelle seit seiner Trennung von Frau Tietz derart gestiegen ist? Weil wir beide wissen, dass es nichts mehr gibt, das zwischen uns steht und dass es, wenn wir uns diesmal aufeinander einlassen, das erst Mal wirklich ernst werden könnte? Was hat Nikolas damals, kurz vor unserem ersten Date gesagt, dass er immer einen Rückzieher macht, wenn es wirklich ernst würde? Ich muss sagen, er hat nicht gelogen.
Und er ist schüchterner und zurückzuhaltender, als ich dachte. Ich begraben meine Hoffnung darauf, dass einer von uns zwei heute den entscheidenden Schritt wagt, fürs Erste zumindest. Wenn er so eine Unsicherheit ausstrahlt, verscheucht er auch meine zielstrebige Entschlossenheit damit.

Die letzten Reste auf unseren Tellern zusammenkratzend sitzen wir schweigend nebeneinander und werfen uns doch immer wieder sehnsüchtig verliebte Blicke zu. Allmählich geht die Sonne unter, die Atmosphäre ist in ein wunderschönes blau-lila getunkt. Das macht es nicht gerade leichter, mich von Nikolas fernzuhalten.
Ich bin definitiv der Meinung, dass er derjenige ist, der den ersten Schritt machen muss, als Entschädigung für seinen Rückzieher nach unserem Kino-Date, sein Abhauen nach unserem Eis-Date und sein Verschwinden nach unserem Pizza-Date.

Mittlerweile haben wir beide aufgegessen, unsere Teller und Getränke stehen wieder hinter uns auf dem Autodach. Während ich darüber nachdenke, welche Gelegenheiten wir allesamt haben verstreichen lassen, rückt Nikolas plötzlich aus freien Stücken näher an mich heran.
"War echt ein schöner Abend", beginnt er und sieht mich an.
Inzwischen ist es mit der aufkommenden Dunkelheit immer kühler geworden.
Nikolas berührt meinen Oberarm. "Wir sollten wieder ins Auto, glaub ich, dir ist kalt, hm?"
"Mhm, ja ich denk auch, das wär besser", gebe ich dankbar zurück. Er ist immer so verdammt aufmerksam!
Gesagt, getan, kurz darauf hat Nikolas Geschirr und Besteck bei den Angestellten des Hauses Oveney gegen seinen Führerschein zurückgetauscht.
Nun sitzen wir beide in seinem Oldtimer, er beugt sich zu mir herüber und macht das Radio an. Die Sonne hat das Innere des Wagens trotz heruntergelassener Fenster ziemlich aufgeheizt, sodass ich schlagartig zu frieren aufhöre.
"Besser, was?", kommentiert er und sieht mich aufmerksam an.
Obwohl er sich nur um mein Wohl gesorgt hat, bin ich enttäuscht, dass er die romantische Stimmung auf der Motorhaube zerstört hat, weswegen ich nur ein eintöniges "Mhm" von mir gebe.
Sein Handy klingelt, doch er sieht nicht mal nach, wer dran ist, sondern schaltet das Gerät ohne zu zögern aus und wirft es auf die Rückbank.
„Willst du nicht wenigstens wissen, wer es war?“, hake ich verwundert und doch irgendwie froh nach.
Er schüttelt den Kopf. Sein Lächeln. Seine Lippen.
Scheiße! Ich merke, wie die Aufregung in mir hoch kriecht. „Und wenn's was Wichtiges war?“
Nikolas grinst belustigt und legt den Kopf schief.
„Was?“, gebe ich irritiert darüber, dass er nichts sagt, von mir und hebe meine Hände zur Unterstreichungen meiner Verwirrung in die Luft.
„Das hier ...“ er greift nach meinen Unterarmen, und führt sie auf die Mittelkonsole nach unten zurück, dann streichelt er meine Finger. "... ist wichtiger.“
Ich schlucke, doch auch davon schwindet der Kloß in meinem Hals nicht.
Auch Nikolas, der mich unbeirrt mustert und mir so intensiv wie nie zuvor in die Augen starrt, stößt mit jedem einzelnen Atemzug laut und deutlich Luft aus.
Ich knabbere sachte an meiner seitlichen Lippe. Ein Zeichen, das er hoffentlich zu deuten weiß.
Kiss von Prince ertönt. Die Zeile mit dem Inhalt, dass er nicht cool sein müsse, um meine Welt auf den Kopf zu stellen, bringt mich zum Lachen.
„Dann sind meine ganzen coolen Sprüche also umsonst gewesen?“ Nikolas stimmt ebenfalls mit ein.
„Mhm.. cool achso“, zieren ich mich ein bisschen und nehme meine Hände wieder zu mir.
Vorbei ist das Knistern.
Eine Weile sitzen wir einfach nur neben einander, lauschen der Musik, betrachten gemeinsam die Sterne, genießen die Gegenwart des anderen, ohne dass es vieler Worte bedarf.
Die Stimmung bleibt solange gut, bis Nikolas mit einem Mal, als die Anfangsmelodie von "Forever young" ertönt, aprubt den Sender wechselt und schließlich mit "Gut, dann fahren wir mal zurück, oder?" unseren Aufbruch ankündigt.
Ein wenig überrumpelt bringe ich wieder  nicht mehr als "Hm... Mhm" in Kombination mit einem leichten Nicken hervor.
Nikolas lässt den Motor an, dreht das Radio lauter, sieht mich einen Moment lang mit einer Mischung aus Irritation und Nervosität an und setzt sein Fahrzeug in Bewegung. Merkt er mir an, wie ungeduldig ich auf seine Initiative warte? Oder beschäftigt ihn etwas gänzlich anderes?
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