Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der rote Mercedes | DRM

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Ellen Bannenberg Nikolas Heldt
06.11.2020
14.06.2021
27
58.810
21
Alle Kapitel
80 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
08.02.2021 2.181
 
Nikolas

Achmed wartet an der selben Stelle auf mich, wo wir vor ein paar Tagen die Brennbar besucht haben. Er geht geheimniskrämerisch mit mir um die Häuserecke. Wir stehen vor einem 280 CE - Coupé in kirschrot. Nur Drei Türen und schätzungsweise 10 Jahre jünger als mein Baby. "Das ist nicht mein Auto. Wo sind meine Türen?" Entsetzt sehe ich Achmed an.
"Ahm ... er ist gestorben, Nikolas", sagt er ernst.
Mein Baby und tot? Ich kann kaum fassen, was er da sagt. Ich verbinde so unendlich viel mit diesem Wagen, er ist wie mein Zuhause geworden. Ich hab unzählige Male in ihm übernachtet, habe so viele tiefgründige Gespräche darin geführt, dieses Auto ist für mich nicht nur ein Auto. Ich hab mir die Nacht darin um die Ohren geschlagen, als ich auf Ellen aufgepasst habe, mehrmals. Ich hatte Candle Light Dinner mit Julia in diesem Wagen, ich habe für Emily Süßigkeiten im Handfach versteckt, ich habe überall Achmeds Spielzeug verteilt, vorne, auf dem Rücksitz, hinter der Windschutz scheibe. Ich bin so oft mit Ellen zu einem Einsatz gefahren, war ihr so nahe, fast hätten wir uns in diesem Auto das erste Mal geküsst.
Unzählige Undercover-Aktionen hat mich der rote Mercedes begleitet und nun ist er einfach nicht mehr da.
Es macht mich traurig, betroffen, ich fühle Leere in mir aufsteigen. Dass er nicht mehr repariert werden kann, ist, als würde man mit einem Teil meines Gedächtnisses amputieren.
"Ich will ihn nochmal sehen", bettle ich.
"Lieber nicht. Du würdest ihn nicht wieder erkennen." Achmed schüttelt betrübt den Kopf.
Wow. Diesen Schock muss ich erst einmal verdauen. Etwas fassungslos stehe ich vor dem kirschroten Blechhaufen vor mir. Ob wir uns anfreunden werden können? Skeptisch lasse ich meinen Blick über die Karosserie wandern.
Er ist etwas kantiger als mein alter Wagen. Und er ist schrecklich steril und sauber, so ein ganz frischer neuer Start, schießt es mir durch den Kopf. Ganz ohne Altlasten. Als hätte ich sämtliche negative und positive Erinnerung mit einem Mal schockgefroren und weggesperrt. Irgendwo hin, wo sie meiner Zukunft nicht länger im Weg stehen können.
"Aber ich hab noch was retten können!" Beschwingt geht Achmed zum Kofferraum des neuen Wagens und holt eine alte Holzkiste hervor.
Der Aufstecker für den Mercedes Stern liegt ebenfalls darin.
"Außerdem hat Ali noch einen angebissen Schokoriegel unter dem Fahrersitz gefunden." Achmed hebt ermahnend den Zeigefinger. "Könnte es sein, dass du bei dem Unfall vielleicht doch ein bisschen abgelenkt gewesen bist?"
Ich höre großzügig über seinen Einwand hinweg. "Also es muss ja irgendwie weitergehen. Und außerdem sieht der irgendwie auch noch cooler aus, oder?", versuche ich mich für den neuen Wagen zu begeistern.
"Ja, viel cooler!", bestätigt mein Kumpel erleichtert.
"Und ... Also bei nur zwei Türen reduziert sich das Einbruchsrisiko ja quasi um die Hälfte." Je länger ich mein neues Baby anschaue, umso besser gefällt es mir. "Dann ist das ja ein gutes Auto!"
Achmed nickt und zaubert zwei Bierflaschen hervor. Wir begießen die kirschrote Motorhaube damit.

Nachdem mein Baby nun getauft ist, kann ich es kaum erwarten, ihn das erste Mal zu fahren. Ich bedanke mich bei Achmed, verabschiede mich und begrüße die Straße, biege ab Richtung Präsidium. Ich bin gespannt, was Ellen zu meinem neuen Wagen sagt.

Ohne besonderen Vorwand beschließe ich, sie in ihrem Büro zu besuchen. Hoffentlich treffe ich sie alleine an und kann sie um eine Verabredung zum Abendessen bitten, ohne mir skeptische Seitenblicke von Grün oder Korthi einzufangen. Ich will gerade die Tür öffnen, als ich eine mir wohl bekannte Stimme vernehme.
Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wenn man vom Teufel spricht. Grün ist bei ihr. Und was noch schlimmer ist, er referiert gerade vor Ellen über mein unprofessionelles Verhalten während unserer Kuschel-Therapie. Ich klopfe nicht, sondern bleibe angespannt vor der Tür stehen und lausche angestrengt.
"Herr Heldt hat sich wieder einmal dermaßen unprofessionell verhalten, das muss Ihnen doch aufgefallen sein, Frau Bannenberg!"
Zum Glück spricht Grün ziemlich laut und deutlich, sodass es vollkommen ausreicht, lediglich draußen stehen zu bleiben, um jedes Wort mitzubekommen. Ellens Antwort fällt etwas leiser aus und zwingt mich schließlich wieder, Hand und Ohr gegen das Holz zu pressen.
"Ach, ich bitte Sie, Herr Grün, Herr Heldt war aus triftigen Gründen besorgt, außerdem konnten wir ja nicht wissen, dass sich unser Verdächtiger dann zwar als Betrüger, nicht aber als gefährlicher Schläger herausstellen würde. Ich kann nur sagen, dass ich mich mit Herrn Heldt an meiner Seite um einiges sicherer gefühlt habe." Ich höre, wie sie aufsteht und in ihrem Büro auf und abläuft, während sie weiter spricht. "Warum reden Sie eigentlich die ganze Zeit so schlecht von unserem Kollegen? Man könnte meinen, sie hätten private Differenzen. Er macht seine Arbeit nicht immer auf die klassische Art, das weiß ich auch, aber er macht sie gut und das Ergebnis stimmt am Ende. Das ist es doch, was zählt, finden Sie nicht? Gesetze sollten für Gerechtigkeit sorgen und kein reiner Selbstzweck sein." Ellen macht eine Pause und auch ich atme durch.
Wow, sie ergreift eindeutig Partei für mich. Ich bin gerührt, bin ich es doch nicht gewohnt, vorbehaltlos Rückendeckung von anderen zu bekommen.
Wenn ich nicht eh schon bis über beide Ohren in diese Frau verknallt wäre, dann würde ich mich spätestens jetzt in sie verlieben.

Gespannt warte ich darauf, was Grün dieser druckreifen Rede entgegen zu setzen hat.
"Das ist keineswegs despektierlich gemeint, Frau Bannenberg, aber mir ist mitnichten entgangen, dass sich zwischen Herrn Heldt und Ihnen, nunja..." Er senkt die Stimme und ich habe Schwierigkeiten, zu verstehen, was mein Chef als nächstes sagt. Grün muss wirklich sauer sein, sonst würde er nicht auf persönlicher Ebene gegen Ellen schießen. Das Private zieht er niemals mit rein, nicht einmal, wenn er wirklich allen Grund dazu hat, mich zum Mond zu schießen.

Zu allem Überfluss kommt jetzt auch noch Korthi um die Ecke. Rasch nehme ich Abstand zu Ellen's Bürotür. "Ähm, hallo Mario, willst du auch zu Frau Bannenberg?"
Korthi nickt, dann hält er die Akte in seiner Hand hoch und grinst: "Im Gegensatz zu dir habe ich aber fallrelevante Informationen für sie und lausche nicht einfach so aus Langeweile an ihrer Tür. Wer ist denn bei der Frau Staatsanwältin?"
Ich rolle mit den Augen. "Grün." In Gedanken bedanke ich mich bei meinem übereifrigen Kollegen. Nicht. Es ist eher unwahrscheinlich, dass ich in nächster Zeit erfahre, was unser Chef über meine Eskapaden bei diesem Kuschelkurs denkt. Oder über mein Verhältnis zu Ellen.
"Geht's um was Geheimes, was du nicht mitkriegen darfst oder warum stehst du hier draußen wie ein Schüler, der aus dem Unterricht geschmissen wurde?"
"Mann, Korthi, keine Ahnung, so lange steh ich hier auch noch nicht! Ist doch eigentlich auch egal", gebe ich brüsk von mir und klopfe zweimal kräftig an.

"Ja, herein!", kommt es postwendend von Ellen zurück. Ihre Stimme ist schrill, laut, weit entfernt von der gewählten, jedoch bestimmten Tonlage ihrer Staatsanwältinnen-Attitüde.
Wir betreten zerknirscht den Raum, ich schließe die Tür hinter Korthi, dann erst traue ich mich, Ellen anzusehen.
Aufgebracht, eine Hand zur Faust geballt steht sie direkt vor Grün, die Füße hüftbreit aufgestellt, den Oberkörper kerzengerade, Brust und Kinn nach vorne gestreckt.
Als sich unsere Blicke treffen, lässt die Anspannung in ihren Muskeln nach, ihr Gesichtsausdruck wird weicher. Wir lächeln uns zu und beachten Grün, der von einem zum anderen sieht, gar nicht weiter.

"Was gibt es denn, meine Herren?" Ellen lässt Grün stehen und macht ein paar Schritte auf Korthi und mich zu.
"Ich wollte Ihnen, bevor ich Feierabend mache, noch die Berichte und das fertige Einsatzprotokoll im Fall Britta Clemens vorbeibringen." Korthi übergibt Ellen seine mitgebrachten Unterlagen, dann verabschiedet er sich von uns, der Chef schließt sich widerstrebend und ohne mich eines Blickes zu würdigen an.

Endlich stehe ich alleine mit Ellen in ihrem Büro. Sobald die Tür hinter Grün zugefallen ist, entspannt Ellen sich sichtlich. Die Akten vor die Brust geklemmt dreht sie sich zu mir. "Und was machen Sie schon wieder so spät in meinem Büro, Herr Heldt? Einsatzberichte habe ich von Ihnen so schnell ja wohl eher nicht zu erwarten, oder?" Sie kommt näher, hebt den Kopf und lächelt.
"Wie gut Sie mich nach all den Jahren schon kennen, Frau Bannenberg." Ich habe tatsächlich gerade vergessen, was ich eigentlich von Ellen wollte. Außer sie anzugucken und in Ihren tiefblauen Augen zu versinken. Doch glücklicherweise erinnert mich mein brummender Magen im nächsten Augenblick wieder daran, weswegen ich hier bin. "Man, hab ich einen Hunger!"
"Ich wusste es, Sie sind hier, um sich auf meine Kosten durchfüttern zu lassen!", scherzt Ellen, dann geht sie zurück zu ihrem Schreibtisch, um Korthis Berichte einzuordnen und anschließend ihre Tasche zu packen.
"Naja, wenn hier jemand dauernd die Süßigkeiten des anderen klaut, dann sind das doch wohl Sie", verteidige ich mich. "Und für die Dinowurst habe ich mich gebührend bedankt, soweit ich das in Erinnerung habe." Ich grinse sie an.
Ellen blickt auf. "Stimmt, das Souvenir aus dem Box-Club müsste sogar noch irgendwo hier rumliegen." Dann schnappt sie sich Tasche und Mantel und steht wieder direkt vor mir. Sie seufzt, sieht mich abschätzend an. "Was machst du hier, Nikolas?"
Erkenne ich einen Funken Ungeduld in ihrer Stimme? Wie auch immer, es wird Zeit, ihr reinen Wein einzuschenken. "Ich wollte dich fragen, ob du mit mir Essen gehen möchtest", erkläre ich den eigentlichen Grund meines Auftauchens.
"Heute?", fragt sie ungläubig, aber mit einem kleinen Lächeln in den Augen.
"Jetzt", präzisiere ich ihre Vermutung. Ich kann ihren Blick nicht recht deuten, einerseits scheint sie sich zu freuen, andererseits erkenne ich auch leichte Zweifel in ihrer Miene. "Bitte", ergänze ich. "Ich fand es echt schön letztens."
Zaghaft nickt Ellen. "Mhm, mir hat unser Kino-Date auch gut gefallen und zu deinem Glück dauert Emilys Klassenfahrt noch bis nächsten Sonntag." Sie presst die Lippen zusammen und sieht auf den Boden, doch ihre Augen flackern immer wieder auf, um mich vermeintlich heimlich zu beobachtenm
"Ist das ein Ja?", frage ich vorsichtig nach.
"Das ist ein Ja!" Nun hebt sie den Kopf,  strahlt bis über beide Ohren. "Vorausgesetzt, Essen gehen bedeutet weder Chinesisch noch Imbiss."
"Nein, nein, wo kämen wir denn da hin!", beschwichtige ich sie.
Ellen bleibt neben dem Kleiderständer vor dem Ausgang stehen und sieht mich an. Ihre blauen Augen drücken so viel Zuneigung aus, so viel Zuversicht und Vertrauen. Nun kommt Schalk dazu. "In Teufels Küche, möchte ich meinen!" Sie lacht und wirft ihre Haare über die Schultern, dann verlassen wir ihr Büro.

"Soso, das ist also Ihr neues Schätzchen, Herr Kommissar?", schäkert Ellen, als wir nebeneinander zwischen unseren Fahrzeugen auf dem Parkplatz stehen.
Ich schließe den Wagen auf und sehe sie über das dunkelrote Dach hinweg an.
"Gefällt es Ihnen nicht, Frau Staatsanwältin?" Gespannt warte ich auf ihre Reaktion.
Die fällt zunächst etwas spärlich aus.
"Ich hätte mir ja denken können, dass es kein Auto aus diesem Jahrtausend mehr wird, Heldt." Sie schreitet um den Mercedes, ihre Hand gleitet sanft - fast schon zärtlich - an der Karosserie entlang.
Nur zu gerne wäre ich jetzt an der Stelle meines Autos.
"Doch, hübsch ist er. Und kantiger als Ihr Vorheriger. Aber ich mag es ja, wenn echte Kerle Ecken und Kanten haben."
Erwähnte ich bereits, dass ich gerade verdammt gerne mit meinem Mercedes 280 CE tauschen würde? Ich beginne, immer breiter zu grinsen. "Darf ich Sie auf eine Spritztour einladen?"
Ich muss Ellen schleunigst aus dieser Grauzone herausbewegen, in der wir uns auf dem Polizeipräsidium befinden. Die stetigen Schwankungen von beruflich zu privat, von vertraut zu professionell, machen mich sonst noch fertig.
Sie bleibt auf der Beifahrerseite stehen, beäugt mich kritisch und scheint sich zu fragen, ob ich nicht vielleicht einen Hintergedanken habe. "Sie wissen, dass Spritztouren nur um des Fahrens Willen laut Gesetzgeber verboten sind?", ermahnt sie mich schließlich streng.
"Man könnte ja fast meinen, Sie sind als Staatsanwältin hier, Frau Bannenberg. Haben Sie nicht längst Feierabend?"
"Oh ja, stimmt, jetzt wo Sie es sagen!" Ellen lächelt und macht die Tür auf. "Und privat mag ich Spritztouren ja sehr gerne." Diesmal hat sie mir eindeutig zugezwinkert. "Fast so gerne wie Undercover-Einsätze, aber das wissen Sie ja." Mit einem amüsierten Lachen verschwindet sie in meinem Auto.
Gott, diese Frau mach mich fertig. Aber ich werde die Chance des Abends nutzen und versuchen, während der Autofahrt zu erforschen, wie wir privat wirklich zueinander stehen.
Ich öffne die Fahrertür, sehe in Ellens verschmitzt lächelndes Gesicht und spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Zumindest gibt es keinen Zweifel daran, dass wir privat aufeinander stehen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast