Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Alienist - Der Tag des Kampfes

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Dr. Laszlo Kreizler John Moore
06.11.2020
06.11.2020
1
3.076
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
06.11.2020 3.076
 
Hallöchen,
schön, dass ihr auf meine Geschichte gestoßen seid. Leider habe ich zu dieser tollen Serie (abgesehen von meinen eigenen) noch keine anderen FF auf dieser Homepage gefunden, daher habe ich mich selbst ans Werk gemacht. Vielleicht kann ich so einige von euch dazu animieren, es mir gleichzutun. Über ein Review würde ich mich freuen und wünsche euch nun viel Spaß.

PS: Diese FF wurde nicht Beta gelesen, da ich niemanden kenne, der hierzu selbst Geschichten schreibt, bitte sehr daher über Rechtschreibfehler, die ihr mit Sicherheit finden werdet, hinweg. Ach ja, ehe ich es vergesse, mir gehört natürlich nichts daran ;-)




John hielt immer noch den zerknüllten Zeitungsschnipsel mit dem Bericht über den sechs jährigen Laszlo in der Hand, welchen Sara ihm gegeben hatte. Ihre Worte hallten in seinem Kopf nach.

… nur mit beiden Händen spielen …

Er schüttelte den Kopf. Wenn sie recht hatte, was offensichtlich der Fall war, bedeutete dies wiederum das Laszlo ihn seit ihrer Studentenzeit angelogen hatte – all die Jahre. Von wegen, angeborener Gendefekt. Diese Tatsache schmerzte John mehr, als er es je erwartet hatte. Enttäuschung machte sich in seinem innersten breit. Warum hatte sein Freund ihm nicht die Wahrheit gesagt? Sein Vertrauen war tief erschüttert. Und warum spionierte Sara auf einmal Laszlo hinterher? Waren ihre Gefühle ihm gegenüber mehr romantischer Natur als freundschaftlicher?

Warum log Laszlo ihn an? Er verstand es nicht, konnte es nicht nachvollziehen. In den meisten Fällen tat sein Freund nichts ohne triftigen Grund, außer wenn sein Temperament mit ihm durchging, das passierte zwar des Öfteren, war aber hier sicherlich nicht der Fall. Solche Lebenslügen entstehen nicht aus einer impulsiven Handlungsweise. Diese sind geplant und kalkuliert, soviel hatte John in der Zwischenzeit von seinem Freund in Sachen Psyche gelernt. Dies war eine rationale Entscheidung gewesen. Laszlo hatte sich etwas dabei gedacht, die Frage war nur, was?

Sie waren Freunde, das dachte zumindest John. Aber man belog seine Freunde nicht. Der Grad an Enttäuschung in ihm wuchs immer weiter. Warum vertraute er ihm nicht? Zumindest schien dieser zu glauben, er würde eine Lüge der Wahrheit vorziehen. Laszlo wusste mehr über ihn als die meisten anderen Menschen. Und was tat er? Was wusste John überhaupt über seinen Freund, von dem er tatsächlich sagen konnte, dass es die Wahrheit war? Vielleicht war das nicht sein einziges Geheimnis. Seine Zweifel wuchsen weiter.

Diese Fragen beschäftigten John auch noch in der Nacht. Sie ließen ihn nicht mehr los. Was verheimlichte sein Freund? Und gab es noch mehr, worüber er ihn belogen hatte? Zur Enttäuschung gesellte sich nun auch ein anderes Gefühl, Wut.

Ja, er war wütend auf Laszlo, wütend darüber, dass sein Freund ihn über so viele Jahre belogen hatte. Lag es an ihm? Hatte er etwas falsch gemacht, was Laszlo glauben ließ, dieser könnte ihm nicht vertrauen? Er drehte sich im Kreis – seine Gedanken endeten immer wieder am Anfang. Es waren so viele verschiedene Gedanken in seinem Kopf, die sich zum Teil sogar wieder sprachen, trotzdem verfolgte sein Gehirn jeden einzelnen dieser Gedanken bis zum Schluss, ob er das wollte oder nicht. Schlapp hatte sich John in sein Bett gelegt, dort versuchte er sich zurückzuerinnern an ihre Studentenzeit – wie viele Jahre waren seit damals vergangen?



Laszlo hatte er bei einer Veranstaltung auf dem Campus kennengelernt und schnell hatten sie sich angefreundet, auch wenn sie kaum gemeinsame Vorlesungen besuchten. Er war anders als die anderen. Direkt und nicht heuchlerisch, wie es die meisten anderen Kommilitonen waren. Wenn Laszlo etwas nicht passte, sagte er dies, und zwar mehr als deutlich. Oft schoss er dabei weit übers Ziel hinaus, aber das war eben Laszlo.

Diese direkte Art von Laszlo, war John allerdings tausendmal lieber, als die der anderen. Den Menschen, die einem ständig etwas vormachten und einem erzählen, was man hören wollte. Das waren keine echten Freunde – Freunde auf Zeit, wenn überhaupt. Mit diesen Menschen hätte man sich nie angefreundet, wenn man diese nicht täglich gesehen hätte. Diese Art von „Freunden“ hatte wohl jeder schon während seiner Schulzeit kennengelernt. Laszlo hingegen war wie er war, authentisch eben.

John war lange nicht aufgefallen, dass Laszlo seinen rechten Arm kaum benutzte. Das Einzige, was er bemerkt hatte, war das sein Freund mit der linken Hand schrieb – im Gegensatz zu allen anderen. Das war zwar ungewöhnlich, ließ John aber nicht weiter darüber nachdenken. Denn wenn Laszlo eines war, dann nicht gewöhnlich.

Sein Freund tat alles, was die anderen auch taten, nichts schien außergewöhnlich zu sein. Alles, was Laszlo tat, sah weder unnatürlich, noch seltsam aus. Nichts hatte John bemerkt, viele Jahre nicht. Wie konnte das sein? War John doch nicht so aufmerksam im beobachten, wie er gedacht hatte?

Bis zu jenem Tag, im sechsten Semester an dem ein Streit zwischen seinem Freund und Teddy eskalierte. Sechs Semester, das waren immerhin drei Jahre … John wusste nicht, wie sich der Streit so weit hochschaukeln konnte, er erinnerte sich noch daran, wie Laszlo Teddy zum Kampf herausforderte und sie sich am Nachmittag versammelten. Einige Kommilitonen standen in einem Kreis, um dem Kampf der beiden Männer beizuwohnen.

Solche Kämpfe gab es damals zur genüge, meistens ging es um eine Frau, nicht aber in diesem Fall. Worum sich der Streit aber genau drehte, konnte John heute nicht mehr ausmachen, denn der eigentliche Streit verlor in diesem Moment an Bedeutung, als sie sich mit freiem Oberkörper gegenüberstanden. Dieses beklemmende Gefühl, welches damals in ihm aufkam, als er Laszlos stark unterentwickelten Arm sah, gewann jetzt, in diesem Moment, Jahre später alleine durch die bloße Erinnerung an diesen Vorfall wieder die Oberhand.

John sah nun Laszlos muskulösen Oberkörper wieder vor sich, den linken, dazu passenden, ebenfalls muskulösen Arm und im Gegensatz dazu, den anderen, der so schmal und dünn war, als gehörte er nicht zu diesem Körper. Dieser hing wie ein gebrochener Flügel kraftlos an seinem Freund herunter, wie ein Fremdkörper – er passte nicht zum Gesamtbild. Seinen Blick konnte John damals nicht abwenden und auch jetzt nicht, als er alles wieder bildlich vor sich sah.

Als John eine gefühlte Ewigkeit später seinen Blick von Laszlos Körper losreißen konnte, sah er im Gesicht seines Freundes die Scham, welche er verspüren musste. In den Blicken der anderen Studenten aber sah er nur, Mitleid und entsetzen.

Teddy hatte sich seinerseits geweigert zu Kämpfen, als er den deformierten Arm vor sich sah. Er selbst hätte es nicht anderes gemacht. Die Versammlung löste sich rasch auf, als Laszlo sich umdrehte, und beim fort gehen, zuerst seinen Hemdärmel über den rechten Arm zog und dann mit dem linken hineinschlüpfte.

Auch dies sah völlig normal aus, wie bei jedem anderen auch, eine fließende Bewegung, nur eines war ihm aufgefallen. Sein Freund zog den Ärmel komplett nach oben, über die Schulter, er selbst tat dies nur bis zum Ellenbogen und schlüpfte dann in den anderen Ärmel. Aber was das anziehen eines Hemdes anging, gab es wohl kein richtig und kein falsch. Jeder tat dies auf seine Art.

John wusste, er musste seinem Freund jetzt hinterherlaufen, von allen derart angestarrt zu werden, war kein schönes Gefühl. Laszlo schämte sich, die Blicke der anderen mussten ihn durchbohrt haben, wie Nadelstiche. Als John sich endlich von dem Stückchen Erde, auf dem er seit einer gefühlten Ewigkeit festgewachsen war, losreißen konnte, musste er rennen, um seinen Freund noch zu erreichen.

Die Gruppe hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon fast aufgelöst. Ein paar Mitstudenten tuschelten noch leise. Er rannte, so schnell er konnte. Laszlo sollte jetzt auf keinen Fall alleine sein. Als er ihn erreicht hatte, hielt er seinen Freund an der Hand, zu spät bemerkte er, dass dies keine gute Idee war. Um Laszlo zum Stehen Bleiben zu bewegen, hatte er einfach nach einer Hand gegriffen, ohne nachzudenken. Allerdings hatte er die nicht intakte erwischt.

Laszlo drehte sich blitzschnell, sodass John seine Hand entglitt. Wie konnte er nur so unbedarft handeln? Leichte Panik stieg in ihm auf. Er wollte ihn helfen, machte aber alles nur noch schlimmer.

„Das wollte ich nicht … warte, bitte.“ Dies kam ihm nur flehend über die Lippen.

„Was willst du denn?“, fragte sein Freund in bedrohlichem Ton, der ihm fast die Luft abschnitt.

„Ich brauche kein Mitleid!“

„Mitleid? Darum geht es doch gar nicht.“ Oder doch? Was wollte er ihm eigentlich sagen?

Das „sondern?“ welches folgte, klang nicht weniger bedrohlich. Eine Antwort auf die Frage hatte er noch nicht parat. John hatte nicht nachgedacht, er wollte nur nicht, dass sein Freund jetzt alleine ist.

„Beruhige dich, Laszlo.“ John wusste nicht, was er entgegensetzen sollte, keinesfalls wollte er seinen Freund noch mehr verletzen, als dieser es eben selbst getan hatte, in dem er sich von allen umher stehenden anstarren ließ, so wie er war. Er zog Laszlo in eine feste Umarmung. Dieser aber wollte sich auch daraus lösen. John drückte seinen Freund daraufhin noch fester an sich.

„Atme tief ein und aus.“ Sagte er in beruhigendem Tonfall. Sein Freund verringerte seine Versuche der Umarmung zu entfliehen. Allzu groß waren seine Chancen sowieso nicht. Langsam nur kam er zur Ruhe. Laszlos Atemzüge wurden langsamer. Die Stille, welche sich zwischen den beiden ausgedehnt hatte, war nicht mehr schneidend, wie anfangs, sondern mittlerweile entspannter. Dennoch hatte John das Gefühl etwas sagen zu müssen.

Er löste die immer locker werdende Umarmung, aus Angst, dass sein Freund gleich wieder wegrennen würde, nahm er erneut dessen Hand, dieses Mal die linke, in der Hoffnung, dass Laszlo darauf weniger empfindlich reagieren würde. Er nahm zwei Zigaretten aus der Schachtel und zündete diese gemeinsam an, wie er dies immer tat, wenn sie zusammen rauchten. Was allerdings nicht häufig vorkam.

Sein Freund sah ihn etwas verständnislos an, löste seine Hand aus der Berührung und nahm eine der Zigaretten entgegen. Wieder hatte John nicht nachgedacht. Er musste definitiv aufmerksamer werden, was das betraf. Laszlo brauchte logischerweise seine Hand, wenn sie jetzt zusammen rauchen würden.

„Mir ist nie etwas aufgefallen …“ ließ John den Satz in der Luft hängen.

Laszlo sah ihn verwundert an: „Wirklich? Nichts?"

„Na ja, dass du mit der anderen Hand schreibst ja, aber ich habe mir nichts dabei gedacht.“

Sein Freund entgegnete ihm zuerst nichts, allerdings wurden seine Gesichtszüge weicher. Seinerseits wollte er aber nicht weiter nachfragen, wenn Laszlo mit ihm darüber sprechen wollte, würde er dies tun, wenn auch nicht gleich, aber nachbohren hätte nichts gebracht. Auch, wenn John neugierig war wie es dazu gekommen war. Wahrscheinlich hätte Laszlo bei weiteren Fragen nur die Flucht ergriffen.

Entgegen dieser Erwartung antwortete Laszlo leise: „Kongenialer Defekt, ein angeborener Gendefekt. Der Arm hat sich nie so entwickelt wie er sollte …“ im Satz brach er ab.

John selbst nickte nur. Mehr würde sein Freund heute nicht mehr sagen, das wusste er und es war in Ordnung. In den folgenden Jahren hatten sie nie auch nur ein Wort darüber verloren. Es war eine stille Übereinkunft. Nie hatte er Zweifel daran gehabt, dass dies auch der Wahrheit entsprach.

In den Wochen nach dem beinahe Kampf versuchte er Laszlo unauffällig zu beobachten, denn der Anblick hatte ihn nicht kaltgelassen. Keines Falls aber dürfte sein Freund dies bemerken.

An einem heißen Sommertag, trafen sie sich im Park um gemeinsam zu lernen. Beide lehnten sie gegen je einen Baum, welcher dem anderen gegenüberstand. John hatte die Ärmel seines Hemdes hochgeschlagen und schaute immer wieder hoch vom Buch, zu seinem Freund. Konzentrieren konnte er sich sowieso nicht, es war einfach zu warm.

Als er wieder von seinem Buch aufsah, bemerkte er, wie Lazo, sein Buch auf den Beinen abgelegt hatte und mit der linken Hand zuerst in einer fließenden Bewegung die Krawatte lockerte und anschließend die beiden oberen Hemdknöpfe geschickt öffnete. Hier, fern ab von allen anderen, konnte man das tun. In der Öffentlichkeit aber wäre diese Art der Bekleidung undenkbar gewesen. Auch wenn er jetzt wusste, dass sein Freund seinen Arm nur wenig nutzen konnte, kam ihm auch diese Bewegung ganz selbstverständlich vor.

Kurze Zeit später tat John es ihm gleich, benutzte aber ohne darüber nachzudenken beide Hände, wie er es immer tat. Es musste unglaublich aufwendig sein, alles nur mit einer Hand tun zu können, bei Laszlo aber, wirkte dagegen alles so einfach. John beschloss dies am Abend, wenn er wieder alleine in seiner Wohnung war, selbst zu versuchen. So schwer war das offensichtlich nicht.

Falsch gedacht, sein Unterfangen stellte sich für John als Mammut Aufgabe heraus, da er mit der linken Hand nicht sonderlich geschickt war. Beim Öffnen der Krawatte hatte er sich fast selbst stranguliert. Also versuchte er es anders herum. Vielleicht schaffte er es ja, wenn er nur die rechte Hand benutzte. Nach einigen ungelenken, zerrenden Bewegungen, lockerte sich immerhin die Krawatte etwas. Das war vieles, aber ganz sicher nicht einfach. Von Laszlos Selbstverständlichkeit, mit der er diese Bewegungen ausführte, war bei seinem kläglichen Selbstversuch nichts zu spüren. Zumal er selbst es nur mit der rechten Hand einigermaßen geschafft hatte.

Aufgeben wollte er aber trotzdem nicht, egal wie schwer es war. John hatte sich fest vorgenommen durchzuhalten, auch wenn er anfangs nicht gedacht hatte, dass es so schwer werden würde. Vielleicht war es nur eine Sache der Gewohnheit. Wie bei so vielem. John rollte die Krawatte eher schlecht als recht zusammen. Normalerweise hätte er sie fein säuberlich zusammengerollt, wäre zum Schrank gegangen, hätte mit der einen Hand die Schachtel herausgenommen und mit der anderen Hand die Krawatte darin verstaut, dann die Schachtel wieder verschlossen und zurückgestellt. Das war so aber nicht möglich. Ihm wurde bewusst wie kompliziert alles für Laszlo sein müsste, als er vor dem Kleiderschrank stand. Hier wartete schon das erste Problem auf ihn, welches er nicht bedacht hatte.

Der Schrank war verschlossen, den Schlüssel konnte er so nicht richtig drehen, da er die Krawatte in der Hand hatte. Wenn er den Schlüssel überhaupt drehen konnte, würde die Krawatte darunter leiden. Er war kurz davor, den Schrank mit der anderen Hand zu öffnen, hielt sich aber zurück und sah sich um. Weil er weiterhin willens war, es wirklich zu schaffen, steckte er seine rechte Hand in die Hosentasche, nur um nicht doch noch in Versuchung zu kommen.

Mit der Krawatte in der Hand lief er also zurück zum Bett, legte diese dort ab und ging wieder zum Schrank um diesen zu öffnen. John nahm die Schachtel heraus, trug sie zum Bett, stellte sie ebenfalls darauf und versuchte sie zu öffnen. Was ihm nach ein paar versuchen auch gelang. Er verstaute das Kleidungsstück, welches daneben lag darin, verschloss sie wieder und stellte sie im Anschluss in den Schrank.

Auf diese Art versuchte er sich weiter auszuziehen. Die kleinen Hemdknöpfe mit der linken Hand zu öffnen gestalteten sich als noch komplexer, als dies bei der Krawatte zuvor der Fall war. Jedes Mal, kurz vor dem Ziel rutschte ihm der Knopf aus den Fingern, das war unmöglich zu schaffen. Laszlo aber, hatte auch dies mühelos ohne Probleme geschafft. Langsam stieg sein Frustrationslevel. Diese Erfahrungen waren demütigend.

Dieses Unterfangen würde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, trotzdem John war weiterhin motiviert, es zu schaffen, egal wie niederschmetternd das Ergebnis auch ausfallen würde. Nach unzähligen versuchen, musste er jedoch seine Niederlage eingesehen, das würde heute nichts mehr werden. Deprimiert öffnete er die Knöpfe des Hemdes mit beiden Händen. Das zweite Mal gescheitert, an nur einem Abend.

Das Hemd war offen, wie aber ging es weiter? John zog erst den Teil, der sich normalerweise über der Schulter befand etwas nach hinten, versuchte dann durch Drehbewegungen der Hand, erst aus dem linken Ärmel herauszuschlüpfen, was auch einigermaßen gut funktionierte. Im Anschluss griff er mit dem ebenfalls linken Arm über die rechte Schulter, nahm den Teil des Hemdes, der sich im Moment auf seinem Rücken befand und zog das Hemd über den nach unten hängenden rechten Arm. So hatte sein Freund dies heute Mittag auch getan.

Motiviert durch diesen ersten wirklichen Erfolg, wollte er seinen Versuch weiter fortsetzen bis er komplett entkleidet war, seufzte aber, als er den Hosenknopf sah. Schon wieder ein Kopf. Den Gürtel brachte er noch geöffnet. Aber den Knopf? Trotzdem wollte er es wenigstens versuchen. Der Knopf war zum Glück größer, als die, die das Hemd zierten, denn mittlerweile breitete sich die Erschöpfung über ihm aus. Das war doch kräftezehrender als erwartet. Nach ein paar versuchen hatte er es geschafft. Von Laszlos Eleganz war zwar auch bei diesem Kleidungsstück weit und breit nichts zu sehen, aber er hatte es geschafft.

Die Hose rutschte praktischerweise von selbst herunter, sodass ihm wenigstens dies erspart blieb. Noch nie hatte er so lange gebraucht, um sich seiner Kleidung zu entledigen. John konnte es mit einem Arm versuchen, wenn es nicht klappte, war dies kein Problem, dann nahm er die andere Hand hinzu. Seinem Freund war dies allerdings nicht möglich, wie er jetzt wusste. Er hatte nicht die Wahl. Ihm blieb nichts anderes übrig, als alles mit der linken Hand zu erledigen.

John versuchte sich am nächsten Tag auch auf diese Art anzuziehen. Am Tag zuvor hatte er gedacht, ausziehen wäre kompliziert. Diese Erkenntnis kam John allerdings keine zwölf Stunden später fast lächerlich vor. Die Hose, die am vorigen Abend praktischerweise von selbst nach unten gerutscht war, wurde beim ankleiden zum Problem, denn ebenso wie am Tag zu vor, tat sie es auch an diesem Morgen. Der Gürtel war auch schwerer zu schließen, als ihn zu öffnen. Das Hemd zog er wie Laszlo beim fortgehen am Vortag an. Bei den Knöpfen kapitulierte John erneut, ebenso wie beim Binden der Krawatte.



Sein damals kläglicher Versuch rann ihm jetzt ein Lächeln ab. Er hatte sich als komplett unfähig herausgestellt bei deinem Selbstversuch. Und jetzt, hier, Jahre später, lag er wieder wach, wie damals, schon. Viele andere Dinge hatte er damals noch ausprobiert. Mit der linken Hand zu schreiben, entpuppte sich als unmöglich, das Ergebnis war schlimmer, wie das eines Kindes, welches eben schreiben lernte, oder eine Suppe zu löffeln. Manches hatte er aber auch geschafft. Zum Beispiel Wein in ein Glas einschenken, oder aus jenem Glas zu trinken. Aber an den meisten Dingen war er früher oder später gescheitert. Trotzdem war dies eine interessante Erfahrung gewesen, für die er trotz vieler Niederlagen dankbar war.

Laszlo hatte zum Glück nie etwas von diesen Versuchen erfahren. Wahrscheinlich hätte er es sowieso nicht verstanden und wenig verständnisvoll reagiert. Wie sein Freund das alles mit dieser Verständlichkeit schaffte, wusste er bis heute nicht.

Die Sonne war aufgegangen, er wollte mit Laszlo reden, wollte wissen, warum er ihn so lange belogen hatte. Aber das würde nicht so einfach werden. Sein Freund würde ihm nicht einfach alles erzählen, so gut kannte er ihn in der Zwischenzeit, aber John wollte wissen, woran er war. Also machte er sich auf den Weg hielt auf der Straße eine Kutsche an, die ihn zu Laszlo brachte.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast