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Summer Days

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Taichi "Tai" Yagami und Agumon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
06.11.2020
14.10.2021
22
369.366
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14.10.2021 16.520
 
Summer Days
Chapter 22
-Letzte Entscheidung-

Sie mussten dieses Vieh so schnell wie möglich eliminieren. Selbst wenn sie es schafften es nach draußen zu locken, das Labor dieser Wahnsinnigen befand sich mitten in Shinjuku, in einem der belebtesten Viertel Tokyos. Wenn sie zu viel Zeit verloren, würde dieser Kampf unmöglich so glimpflich ausgehen wie der Vorfall in der Odaiba Bucht. Sein Blick zuckte zur Seite, Yamatos keuchender Atem laut in seinen Ohren, das blasse Gesicht verkrampft, Schweiß auf seiner Stirn glänzend. Für einen winzigen Moment berührte er die bebenden Schultern, seine dunklen Augen voller Sorge, doch für eine lange Konversation blieb keine Zeit, weshalb er auch sofort nach dem Arm seines Freundes griff, ihn um seinen Nacken zog, während er im selben Atemzug seinen eigenen um die schlanke Taille schlang.

Obwohl der Ältere ganz offensichtlich versuchte die Schmerzen hinunter zu kämpfen, konnte er deutlich fühlen wie sein Gewicht immer wieder intensiver auf ihn sackte, sein Freund unter der immensen Anstrengung einfach nur weiter zu hetzen strauchelte. Sofort festigte er den Griff um seine Taille, spürte wie schlanke Finger sich in sein Tshirt gruben. Schwer atmend hastete er hinter Takeru und Hikari her, wobei er es irgendwie schaffte seine freie Hand in seine Hosentasche zu schieben, erneut fest sein Digivice zu umfassen. Mehr Kraft. Sein Partner brauchte mehr Energie. Und er musste ihn unterstützen, seine Freunde beschützen. Verbissen presste er seine Lippen fester aufeinander, verkrampfte seine Finger noch intensiver um das kleine Kästchen. Erst als er spüren konnte, dass sein verzweifelter Versuch tatsächlich erhört wurde, die Verbindung zu seinem Partner sich erneut aktivierte, löste er den Griff. Er musste sich nicht umdrehen um zu wissen, dass Metalgreymon auf das nächste Level digitiert war, er konnte die zunehmende Kraft fühlen.

„Ich weiß, du kannst nicht mehr, Yama, aber wir brauchen Omegamon. Halt durch, nur noch kurz, okay? Ich tue alles um euch zu beschützen. Ich lasse nicht zu, dass euch etwas passiert.“ Seine Stimme klang gepresst, immer wieder stockend, von seinem schweren Keuchen unterbrochen, doch die Entschlossenheit darin war unverkennbar. Sie würden diese Kreatur beseitigen. Und dann dafür sorgen, dass diese Widerlinge endlich die Strafe erhielten, die sie verdient hatten. Allen voran Nishinomiya. Erneut ging ein Ruck durch seinen Körper als Yamato über die nächste Stufe stolperte, wobei sein Brustkorb sich bei dem unterdrückten Schmerzensschrei fest zusammenzog. Wieso passierte das alles immer wieder? Warum ließ man sie und ihre Freunde nicht einfach in Ruhe? „Ich bin hier, Yama. Ich bring dich raus. Ich bring alles in Ordnung. Ich verspreche es dir.“ Schon alleine um wiedergutzumachen was er beim letzten Kampf verbrochen hatte…

~*~

Ihre Schritte donnerten hektisch von den Wänden, ebenso wie ihre keuchenden Atemzüge. Da sie sich im Keller des Gebäudes befanden, benötigte es einiges an Anstrengung die Stufen nach oben zu hetzten, sogar für die drei nicht verletzten Freunde…
Wo hatte sich dieser Widerling wohl verschanzt? War er überhaupt hier? Immerhin hatten sie ihn nur auf diesem Monitor zu Gesicht bekommen.
Er hörte Taichis Stimme direkt neben seinem Ohr, nickte dann ehe er ebenfalls versuchte nach seinem Digivice zu angeln. Sie brauchten Metalgarurumon und dann Omegamon! Es ging nicht anders! Doch gerade als er seine Finger um das helle Kästchen schloss, er fühlen konnte wie die Energie seine Finger durchströmte, brachte das nächste donnernde Krachen ihn ins Straucheln und schmerzverzerrt aufkeuchend verfehlte Yamato die nächste Stufe. Seine Wunde brannte wie Feuer und das reißende Gefühl schnürte ihm die Luft ab. Scheiße!

Taichis Stimme drang nur hallend zu ihm durch und er benötigte einen Moment um sich wieder zu fangen. Raus… sie mussten raus… Unter Aufbringung seiner letzten Kraft krallte er sich an seinem Freund fest, ließ sich von ihm zurück auf die Füße ziehen.
Er hatte keine Ahnung wie sie schließlich endlich die Lobby erreichten, in der bereits deutlich sichtbar die Auswirkungen des Kampfes zu sehen waren. Sämtliches Glas war gesplittert, der teure Marmorboden aufgerissen und der Putz rieselte bedenklich von den Wänden.
Hysterische Angestellte rannten bereits zum Eingang hinaus, wahrscheinlich nicht im entferntesten ahnend, an welch abartigen Experimenten sie indirekt beteiligt waren.
Draußen hörte man panische Passanten schreien, die Glassplitter der Fenster sich bereits auf die Straße verteilten.
Und dann tat es den nächsten ohrenbetäubenden Schlag, als sowohl das abartige Ungetüm als auch Wargreymon und Metalgarurumon durch den Boden brachen, hinaus aus dem Gebäude ins Freie. Ihre Partner hatten es geschafft… immerhin bis unter den freien Himmel.

Sich noch immer vor den herunterfallenden Trümmern schützend, kauerten sie noch einen Moment am Boden, Takeru über Hikari, Taichi über ihm. Scheiße. Warum war er so nutzlos?
Sie mussten ebenfalls nach draußen! Einmal, weil sie dieses Vieh von den Gebäuden wegtreiben mussten und zweitens, weil hier immer mehr alles in sich zusammenkrachte.

~*~

Einmal mehr war er froh darüber, dass er Jahre lang so besessen Fußball gespielt hatte, dass seine Kondition ihn auch jetzt nicht im Stich ließ. Auch wenn er sein Hobby kaum mehr ausübte, er sich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr auf dem Sportplatz befunden hatte, gepaart mit dem Adrenalin, das durch seinen Körper pumpte, schaffte er es weiter zu hetzen, Yamato dabei so gut es ging zu stützen, und das obwohl seine Lunge bereits brannte, seine Muskeln bei jeder weiteren Stufe protestierten. Ihre Schritte hallten laut von den nackten Wänden wider, sein Blut laut in seinen Ohren rauschend, während er weiter nach oben hetzte, bis schließlich endlich hinaus in die Lobby stolperten.

Es herrschte Chaos. Die Erschütterungen und Explosionen hatten bereits Teile der Wand zum Einsturz gebracht, der edle Marmorboden war aufgerissen, Schutt und Geröll mischte sich mit Glasscherben, die imposante Eingangsfront bereits vollständig zerstört. Verstörte Menschen hetzten durch die ramponierte Halle ins Freie, Schreie mischten sich mit dem Geräusch von nahenden Sirenen, und für einen Moment blickte Taichi einfach nur fassungslos auf die grauenhaften Szenen, die sich vor ihnen abspielten. Wieso endete es immer wieder so? Egal wie verzweifelt er versuchte zu beschützen, letztendlich war er doch nur einmal mehr in der Lage hilflos zuzusehen.

Ein entsetztes Keuchen entkam seinen Lippen als dann auch schon der Boden aufbrach, Wargreymon und Metalgarurumon dieses widerwärtige Konstrukt aus falsch verbundenen Daten ins Freie trieben. Die Wucht, mit der die Digimon nach draußen stoben, riss ihn beinahe von den Füßen, sorgte dafür, dass sich weitere Gesteinsbrocken aus den Wänden lösten. Ohne nachzudenken warf er sich schützend über Yamato, dabei keinen Gedanken daran verschwendend in welcher Gefahr er sich gerade selbst befand. Benommen zwang er seine reflexartig geschlossenen Lider wieder auf, ehe auch schon die nächste Explosion den Raum erschütterte, die Aluminium verkleideten Lifttüren sich erst begleitet von einem widerlichen Geräusch nach außen wölbten, bevor diese dann aus den Fugen gerissen wurden. Lodernde Flammen schlugen aus dem Schacht hoch, griffen sofort auf den hinteren Teil des Gebäudes über.

Schützend riss er seinen Arm hoch, während er sich keuchend wieder auf die Beine zwang, dabei Yamato mit sich zog. Sie mussten handeln. Sofort. „Omegamon!“ Aus den Augenwinkeln konnte er sehen wie sein Freund ein kaum merkliches Nicken andeutete, wie der Ältere sein Digivice im selben Augenblick aus seiner Tasche riss wie er selbst, sie beide verzweifelt hoffend, dass die verbliebene Energie ihrer Partner noch ausreichte um auf das nächste Level zu gelangen. Und ihr Vertrauen in einander. Trotz allem was bei der letzten Digitation in Omegamon seinetwegen geschehen war. Und dann spürte er die Energie durch seinen Körper fluten, fühlte mit einem Mal nicht mehr nur die Nähe zu seinem Partner, sondern auch die zu Yamato und seinem. Reflexartig zog er seinen Arm noch fester um die Schultern seines Freundes, seine Zähne so fest aufeinandergepresst, dass sein Kieferknochen hervortrat, während er mit dem Älteren zusammen zur gänzlich zerstörten Eingangsfront stolperte.

„Können Sie das bestätigen? Sind wirklich alle Mitarbeiter draußen? Hält sich absolut sicher niemand mehr in dem Gebäude auf?!“ Benommen drehte er seinen Kopf zur Seite, wo gerade ein aufgebrachter Securitytyp auf einen anderen ein brüllte, der daraufhin nur komplett überfordert die Schultern hochzog. „Oben war niemand mehr, wie es unten in den Laboren aussieht keine Ahnung!“

~*~

Omegamon! Es gab keinen anderen Weg! Auch wenn da plötzlich das Bild des sich dunkel verfärbenden Panzers war, Taichis Kontrollverlust am Strand. Aber gerade war alles anders.
Ja, vielleicht war er der Jünger aufgebracht, aber im Gegensatz zu damals stieß er ihn nicht in voll blinder Wut von sich, trieb seinen Partner nicht dazu an, das Wesen auf grausame Weise zu töten.
Nein, Taichi beschützte… so wie er es immer getan hatte.
Yamatos Lippen hoben sich trotz des stechenden Schmerzes leicht an, seine Augen für den Moment fest auf seinen Freund gerichtet. Er vertraute ihm. So etwas würde nicht noch einmal passieren. Er hatte die bittere Lektion gelernt, nicht wahr?
Darum deutete der Blondschopf ein kaum merkliches Nicken an, ehe er selbst die Finger um sein Digivice schloss. Sie würde beide die beschützen, die sich nicht selbst schützen konnten. All die Unschuldigen, die sich gerade zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielten.
Taichi und er, zusammen mit Agumon und Gabumon. So wie sie es schon immer getan hatten. Als Team, als Freunde, als Partner.

Er fühlte die unbändige Macht der Digitiation durch seinen Körper fließen, während Taichi ihn noch dichter an sich drückte, ihre Schritte zum rettenden Ausgang, durch den Takeru und Hikari bereits verschwanden, sich weiter beschleunigend. Verschiedene Einsatzkräfte hatten sich bereits in unmittelbarer Nähe um das Gebäude versammelt, sein eigener Blick aber weiter auf ihre nun fusionierten Partner gerichtet, auf Omegamon, der nun verbittert gegen das Monster kämpfte. „Taichi-kun! Yamato-kun! Seid ihr in Ordnung?!“, drang mit einem Mal Joes Stimme zu ihnen herüber, der tatsächlich zusammen mit Gomamon aus einem der Krankenwagen sprang.
Hatten Kôshiro und Mochizuki-san bereits alle Einsatzkräfte mobilisiert? Wie konnte es sonst sein, dass bereits jede erdenkliche Hilfe vor Ort war?!
Doch gerade war auch das nicht wirklich von Bedeutung. Erneut zuckte Yamatos Blick in den Himmel, das missglückte Experiment dort wahllos wütend. Wenn Omegamon es nicht schleunigst außer Gefecht setzte, würde es die Skyline von Shinjuku in in Schutt und Asche legen.

~*~

Er konnte Yamatos Blick auf sich spüren, riss seine Aufmerksamkeit von den Wachmännern los um seine dunklen Augen stattdessen auf seinen Freund zu richten. Die blassen Lippen waren zu einem schwachen Lächeln angehoben, und obwohl der Ältere mit seinen Kräften am Ende zu sein schien war da einfach nur grenzenloses Vertrauen in dem verkrampften Gesicht. Sie fühlten es beide. Diese unfassbar intensive Verbindung, die Omegamon überhaupt erst ermöglichte. Genau aus diesem Grund war es unmöglich diese Digitation auf eine unnatürliche Art und Weise heraufzubeschwören. Ihre Partner hatten Gefühle, Emotionen, waren durch die unfassbar viele Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, beinahe menschlich geworden. Dieses künstlich erschaffene Monster hatte nichts davon. Es war eine bloße Ansammlung an Daten, voller unkontrollierbarer, zerstörerischer Kraft, die es nun einfach auf ihre Welt entließ. Ohne Bewusstsein, ohne Gewissen.

„Wir beenden das. Hier und jetzt.“, presste er mit entschlossener Stimme hervor, während Taichi nach Yamatos Hand griff, die Finger fest umschließend, sein Blick nun wieder auf das Geschehen im Himmel gerichtet. Ja, ihre Gegner waren gut vernetzt, hatten es offenbar bis jetzt geschafft ihre grausamen Experimente und Forschungen mit Hilfe ranghoher Verbündeter zu vertuschen, doch er würde nicht länger den Mund halten. Nicht länger wegschauen und hoffen, dass diese Wahnsinnigen endlich aufwachten. Wenn es um Geld und Macht ging, gab es offenbar kein Gewissen. Erneut setzte Omegamon zum Angriff an, wobei das Vieh allerdings sofort reagierte, die Attacke im selben Atemzug mit einer eigenen Wand aus Feuer abwehrte. Erneut drang das sich rasch nähernde Geräusch von Sirenen an seine Ohren, wobei er diesem allerdings erst seine Aufmerksamkeit schenkte als das Einsatzfahrzeug mit quietschenden Reifen hielt, plötzlich Joes Stimme zu ihnen herüberdrang. Und dann war auch schon Ikkakumon zur Stelle um ihre Freunde im Kampf zu unterstützen. Das Chaos war zu groß um den Überblick zu behalten, doch keine Sekunde später gesellte sich Kabuterimon zu der kleinen Gruppe der erbittert kämpfenden Freunde, und obwohl sowohl Protomon als auch Tokomon ohne D3 und geschwächt wie sie waren nicht in der Lage waren aktiv anzugreifen, so konnte er dennoch die Kraft der Digimon fühlen. Wie damals, als sie zusammen so verzweifelt gegen Ordinemon gekämpft hatten…

Sie würden es schaffen. Sie würden diese Kreatur besiegen und ihre Welt beschützen. So wie sie es immer getan hatten. Nur, dass es dieses Mal keine Opfer geben würde. Keine Opfer… Seine Finger schlossen sich noch fester um Yamatos.

~*~

Kôshiros Augen fixierten den Laptop auf seinem Schoß, die gewaltige Energiekurve, die immer weiter ausschlug. Verdammt! Identische Werte wie damals am Strand! Mochizuki-san hatte also Recht! Nicht nur, dass sie nun Tests mit weiteren Digimon machten um eine Fusion wie die von Agumon und Gabumon nachzuahmen, nein! Sie wiederholten das missglückte Experiment mit neu gewonnenen Daten. Doch wie es aussah, was es ebenso fehlgeschlagen wie das Erste.
Taichi-san und Yamato-san hatten ihn informiert, dass sie wider allen logischen Verstandes allein nach Shinjuku aufgebrochen waren um ihre Geschwister zu holen. Ein Gedankengang, den das Computergenie zwar verstehen, aber nicht gutheißen konnte.
Es war gefährlich! Yamato-san schwer verletzt und wer wusste schon, ob Taichi-san sich heute besser im Griff haben würde.
Immerhin… ging es um etwas Persönliches…

„Ich habe die Polizei und die Feuerwehr informiert.“, unterbrach Mochizuki-san dann die Gedanken des Rothaarigen. „Und das FBI.“ Ja, sie mussten diesen Typen das Handwerk legen, vor allem wenn die Regierung diese mit Geldern speiste ohne wirklich zu wissen, was dort vor sich ging.
Kriegsführung mit Digimon… und Forschung die die Zivilbevölkerung nun schon das zweite Mal in Gefahr brachte. Allein der Kampf gegen Ordinemon hätte ihnen eine Lehre sein müssen, zeigen, dass menschliche Waffen nicht zwingend gegen die Kraft einer Digitation ankamen. Obwohl es wohl genau darum ging… nur, dass diese Kreatur völlig verrückt spielte.
Und Omegamon… war abhängig von seinen Partnern.
„Wir sind gleich da! Kôshiro-han! Es brennt!“
Verdammt! Waren sie schon zu spät? Der Kampf schien bereits zu toben, die Rauchsäule schon mehrere Straßenzüge entfernt sichtbar. „Lass mich schon vor!“
Tentomon betätigte den automatischen Fensterheber, schoss dann hinaus ins Freie, ehe auch schon ein Licht den kleinen Körper erfasste und Kabuterimon groß und eindrucksvoll zwischen all den Hochhäusern erschien.

~*~

Ja, sie würde das beenden! Sie alle zusammen. Yamatos Finger schlossen sich ebenfalls fester um Taichis, seine Augen angespannt auf den Kampf gerichtet. Ikkakumon, sowie Kabuterimon unterstützen Omegamon so gut sie konnten, schützten die Menschen vor herunterstürzenden Trümmern, während Polizei und Feuerwehr den ganzen Block zu evakuieren versuchte. Man würden den Digimon wieder für alles die Schuld geben… so wie immer.
Yamatos Griff festigte sich, als nun auch Birdramon über ihre Köpfe hinweg preschte, kaum später Soras Stimme hinter ihnen ertönte. „Taichi! Yamato! Alles okay?!“ Er konnte den Vorwurf in den Augen seiner Exfreundin sehen, die stumme Anklage, dass sie nicht Bescheid gegeben hatten.
„Verdammt, Yamato.“ Ihre Finger hakten sich kurz in sein Shirt, die Augen besorgt auf den Stoff, dann in seine Augen gerichtet.

Verwirrt folgte sein Blick dem ihren, ehe auch schon Joe zur Stelle war. „Ich wusste es! Du solltest gar nicht hier sein!“
Ein hellroter Fleck prangte auf seiner Brust, doch das Adrenalin pumpte so hart durch seine Adern, dass er den Schmerz kaum mehr spürte. „Das ist nichts.“, schob er das Mädchen schließlich mit seiner freien Hand von sich. „Und ich muss genau hier sein! Jetzt!“ Damit konnten sie sich später befassen. Es blutete nicht stark, war wahrscheinlich aufgerissen, als er auf der Treppe gestürzt war.
Und es gab jetzt Wichtigeres.
Es war wie damals, seit jeher… Wieder standen sie mit dem Rücken am Abgrund und wieder war Taichi genau an seiner Seite. Niemals würde er von seiner Seite weichen, ihm wegen irgendetwas den Rücken kehren. Seit Taichi sich damals entschieden hatte seine Hand in Eis und Schnee nicht loszulassen… sie stattdessen immer und immer wieder zu ergreifen.
Sie schafften das zusammen.

~*~

Perplex zuckte Taichi zusammen als plötzlich ein heftiger Luftzug über sie hinwegfegte, wobei der aufgewirbelte Staub sie dazu zwang kurz die Augen zu schließen, ehe er seine aufeinander gepressten Lider benommen blinzelnd wieder öffnete. Birdramon. Und gleich darauf schallte auch schon Soras Stimme zu ihnen herüber, nur einen Sekundenbruchteil bevor sie das Mädchen auch schon völlig außer Atem erreichte. Das von ihrem Sprint gerötete Gesicht war angespannt, der Ausdruck in den rotbraunen Augen ein einziger unausgesprochener Vorwurf. //Wieso habt ihr mich nicht verständigt? Warum versucht ihr immer im Alleingang die Welt zu retten?// All die stummen Fragen hingen in der Luft, doch Sora schien klar zu sein, dass gerade eindeutig nicht der geeignete Zeitpunkt dafür war sie auszusprechen.

Und dann war da auch plötzlich Joe an ihrer Seite, besorgt, die Stimme des jungen Assistenzarztes schrill. Wortlos verfolgte Taichi wie Yamato die Fürsorge der beiden Freunde schließlich sanft aber bestimmt abwehrte, sie auf Abstand schob, während der Ältere dabei allerdings keine Sekunde lang seine Hand losließ. So unfassbar es auch nach wie vor war, der kühle, reservierte Blondschopf hatte ihn auserwählt, ließ nur bei ihm Nähe in jeder noch so chaotischen und fürchterlichen Situation zu. „Was haben diese Wahnsinnigen nur vor? Ihnen muss doch klar sein, dass sie mit so einem Monster ganz Tokyo in Schutt und Asche legen können!“ Soras Stimme klang fassungslos, wobei er nur zu gut verstehen konnte, wie sehr die Jüngere diese skrupellosen Machenschaften schockierten. Schon der erste Angriff mit dem künstlich erschaffenen Digimon war ein Schock gewesen, doch nun zu sehen, dass diese machtsüchtigen Widerlinge in keiner Weise dazugelernt hatten, war einfach nur fürchterlich.

„Sie wollen nur die Daten. Diese Irren gehen über Leichen um Omegamons Daten zu bekommen…“, presste er schließlich hervor, seine Stimme vor unterdrückter Wut zitternd. Man riskierte Menschenleben, wofür? Um die ultimative Waffe zu erschaffen? Klar, eigentlich lag es auf der Hand. Wenn diese Widerlinge in der Lage sein würden ein digitales, steuerbares Wesen mit der Kraft Omegamons zu erschaffen… dann lag ihnen die Welt zu Füßen. Erneut zuckten Taichis dunkle Augen hoch, wobei sein Blick für einen winzigen Moment die Glasfassade des halb in Trümmern liegenden Gebäudes streifte, und schlagartig erstarrte er. Am äußersten Fenster etwa im dritten Stock hämmerte eine Gestalt verzweifelt gegen die Glasscheibe, die Schreie stumm, niemand darauf achtend, da sämtliche Blicke panisch und voller Angst auf die kämpfenden Digimon gerichtet waren. Einmal davon abgesehen, dass die Sicht auf diesen Teil des Gebäudes bereits von dicken Rauchschwaden behindert wurde, man wohl nur noch von ihrer Seite überhaupt etwas erkennen konnte.

Nishinomiya. Dem Kopf hinter all den grausamen Experimenten war seine eigene Gier zum Verhängnis geworden. Wahrscheinlich hatte dieser Verrückte tatsächlich noch sämtliche Daten retten wollen, das Gebäude deshalb nicht wie alle anderen verlassen. Und nun saß er fest. Ohne dass auch nur ansatzweise irgendjemand ahnte, dass noch ein Mensch in dieser Flammenhölle eingeschlossen war. Braune Augen weiteten sich kaum merklich als Nishinomiyas Blick schließlich tatsächlich seinen traf, die Arroganz nun vollständig daraus gewichen, der Ausdruck darin der von nackter Panik. Der Angst vor dem Tod. Auch ohne die Schreie des älteren Mannes hören zu können sah er das Flehen in seinem verzerrten Gesicht, die verzweifelte Bitte um Verzeihung für all die grausamen Vergehen, doch im Grunde war nichts davon echt. Die Reue nur aus Angst um sein Leben. Taichi presste seine Lippen aufeinander, wandte seinen Kopf dann ruckartig zur Seite, während seine Finger sich reflexartig fester um Yamatos schlossen. Dieser Mensch verdiente den Tod. Mehr als alles andere. Für all die Dinge, die er verbrochen hatte. Für die Opfer, die seine skrupellosen Machenschaften pflasterten. Er hatte es verdient. Er hatte es…

Ein heiseres Fluchen entkam seinen Lippen, ehe Yamatos Hand dann aus seinen Fingern glitt, er dann auch schon ohne ein einziges Wort der Erklärung loslief.

~*~

Yamato biss die Zähne so fest zusammen, dass seine Kieferknochen deutlich hervortraten, seine Körperhaltung angespannt und so voll Adrenalin, dass er den Schmerz seiner nun wieder leicht blutenden Wunde nicht spürte. Immer wieder traf sie der Wind, die Wucht der Angriffe, doch Omegamon schaffe es bisher alles von ihnen abzuwenden, dafür zu sorgen, dass er das Ungetüm immer weiter in die Höhe, weiter über den Park trieb. Kabuterimon, Birdramon und Ikkakumon taten ihr Bestes, unterstützten ihren gemeinsamen Partner mit Leibeskräften, ehe Omegamon dann die Kraft seiner Kanone bündelte, den ersten, nicht mehr zurückhaltenden Schuss auf das künstliche Digimon abfeuerte. Mit dem Park unter ihnen, bestand deutlich weniger Gefahr Unschuldige zu verletzen, irgendjemanden mehr in Gefahr zu bringen als nötig. Die Kreatur schrie auf, wehrte sich, doch schon jetzt war klar, das Omegamons Angriffe deutlich koordinierter waren. Es war ein ungleicher Kampf… Yamatos Lippen hoben sich leicht an. Sie würden gewinnen, egal wie außer Kontrolle diese Kreatur auch sein mochte. Sie hatte keine Strategie, feuerte einfach wild um sich, was sie zwar gefährlich, aber auch verwundbar machte.
Kein Vergleich zu Ordinemon… das sie nur hatten besiegen können, weil Omegamon die Kraft aller in sich aufgenommen hatte. Heute würde ihr treuer Partner es allein schaffen!

Und das war der Moment in dem Yamatos Augen irritiert auf Taichi zucken. Dessen Blick war abwesend auf das Hochhaus gerichtet, ehe sich der Dunkelhaarig ruckartig abwandten, die schlanken Finger sich fester um seine krampften. Verwirrt zog Yamato die Brauen kraus, ehe er sich selbst umdrehte, die zerstörte Glasfassade nach oben blickte und erstarrte.
Langsam drehte er den Kopf mit geweiteten Ovalen zurück zu Taichi, doch er sagte kein Wort.
Da war Nishinomiya... und sein Freund hatte ihn genau gesehen…
Was sollte er nun tun? Es war offensichtlich, dass Taichi ihn nicht retten wollte… aber… sie konnten doch niemanden sterben lassen, egal wie-
Yamatos Gedanken rissen je ab, als das unterdrückte Fluchen seines Freundes durch die Kampfgeräusche schnitt und panisch riss Yamato die Augen auf, als die schlanken Finger den seinen entglitten.
„Taichi!! Taichi!! Nein! Stopp!!“
Hecktisch drehte er sich um, war schon dabei seinem Freund zu folgen, der völlig kopflos auf das zerstörte und in Flammen stehende Gebäude zu hetzte, doch noch ehe er einen Schritt machen konnte, wurde er harsch an den Schultern festgehalten.
„Nichts da!“
„Taichi!!!“ Joe hielt ihn fest im Griff, während Sora dem Sportler panisch hinterher schrie, doch keine Reaktion.
„Lass mich los, Joe! Lass mich!!!“ Keuchend, ein kleiner Schmerzensschrei seine Kehle verlassend, versuchte er sich zu befreien, weitete dann ungläubig seine Augen, als Takeru ihm die Sicht auf Taichis Rücken versperrte. „Du bleibst hier, Nii-san! Denkst du echt, wir lassen dich in deinem Zustand da rein?!“
„Onii-chan!!“
„Aber Taichi!“ Noch einmal versuchte er sich harsch zu befreien, doch sein Körper war zu geschwächt, verweigerte ihm den Dienst. Es war Irrsinn und bebend vor Angst gaben seine Knie nach.
Taichi war in der brennenden Lobby verschwunden… und es wäre absoluter Wahnsinn ihm in die Flammen zu folgen…
Scheiße.
„Taichi...“ Wofür? Fassungslos wanderte sein Blick zurück zu dem Fenster, an dem er eben Nishinomiya gesehen hatte, doch schwarze Rauschschwaden versperrten alle Sicht…
Scheiße….

~*~

Rauch drang in seine Lunge, ließ ihn husten und schützend riss er seinen Arm vor sein Gesicht. Die dunklen Schwaden, die aus der komplett zerstörten Eingangshalle drangen vernebelten ihm die Sicht, dennoch hetzte er verbissen weiter. Hitze schlug ihm entgegen als er durch die Eingangsfront stolperte, die imposante Glasfassade vollständig zerborsten, die Splitter überall auf dem Boden verteilt. Ein dumpfer Aufschrei entkam Taichis Lippen als sich ein Teil der Deckenbeleuchtung löste, direkt neben ihm auf den Boden krachte und eine weitere Wolke aus Schutt und Asche hochwirbelte. Der Laut ging nahtlos in Husten über, und erst als er krampfhaft mehrfach schwer schluckte gelang es ihm sich wieder einigermaßen zu beruhigen. Zumindest half der Adrenalinschub und sein rasender Herzschlag ihm dabei seinen bereits völlig erschöpften Körper weiterzutreiben...

Er würde nicht zulassen, dass Nishinomiya ihn in den nächsten Jahren in immer wiederkehrenden Albträumen verfolgte, ihn Schweiß gebadet aus dem Schlaf schrecken ließ. Dieser Widerling musste für all seine Verbrechen bestraft werden, doch es war falsch nichts zu tun, während ein weiterer Mensch vor seinen Augen starb. Rache erschien vielleicht für einen Moment die perfekte Lösung, eine Erleichterung, allerdings war er nicht dieser Typ Mensch. Niemand hatte verdient zu sterben, egal wie schrecklich seine Vergehen waren. Der Rauch ließ seine Augen tränen, verschleierte ihm die Sicht, wobei er allerdings nicht klar sehen können musste um zu erkennen, dass die Liftanlage keine Option war. Flammen loderten aus den Schächten empor, verwandelten das sonst so komfortable Transportmittel in einen glühenden Ofen.

Hastig zuckte sein Blick zur Seite, wobei ein weiterer kostbarer Moment verstrich ehe er endlich fand wonach er suchte. Die Anzeige für den Notausgang, und damit mit Sicherheit auch zum Stiegenhaus flackerte, das Schild schon halb aus der Verankerung gelöst, doch zumindest noch sichtbar. Seine Hand fester auf seine Lippen pressend stolperte er auf die Türe zu, umfasste bereits die Klinke, ehe er seine Finger begleitet von einem unterdrückten Schmerzensschrei zurückriss. Natürlich, das Metall glühte vor Hitze. Ohne zu zögern zerrte er sein Tshirt über den Kopf, den Stoff dann sofort schützend um seine Hand wickelnd, ehe er erneut nach der Klinke griff. Bodenlose Erleichterung durchflutete ihn als die schwere Türe sich tatsächlich problemlos öffnen ließ. Keuchend stolperte er schließlich weiter ins Stiegenhaus, fuhr dann mit weit aufgerissenen Augen herum als der Boden erbebte. Durch den sich langsam verschmälernden Spalt der sich schließenden Türe konnte er noch sehen wie begleitet von Ohrenbetäubendem Lärm ein riesiger Teil der Decke herunterkrachte, die Lobby vollständig in Schutt und Asche legte.

Schwer atmend wischte er sich über die Schweiß nasse Stirn, sein Herzschlag rasend, seine Beine plötzlich Butterweich. Gerade eben hatte er sich noch exakt dort befunden… Ruckartig riss er seinen Blick hoch, schüttelte kaum merklich den Kopf um die aufsteigende Panik zu vertreiben, ehe seine dunklen Augen durch das Stiegenhaus zuckten. Auch wenn er die Hitze spüren konnte, noch schien dieser Teil des Gebäudes mehr oder weniger intakt. Über den Weg nach draußen würde er sich wohl Gedanken machen müssen, wenn er soweit war. Durch die Lobby war wohl keine Option mehr… Später. Er musste weiter. Sofort. Keuchend hetzte er schließlich weiter, trotz seiner protestierenden Muskeln immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Die Fensterfront war im dritten Stock gewesen, oder? Seine Schritte hallten laut und unheimlich von den Wänden wieder, und immer wieder zwangen heftige Erschütterungen ihn sich an der Seite abzustützen. Er konnte feine Risse in den Wänden sehen, spüren wie Staub auf ihn rieselte, und automatisch steigerte er sein Tempo noch, seine Lungen mittlerweile brennend.

Die riesigen Ziffern an den Wänden, die die Stockwerke auswiesen, kamen ihm wie blanker Hohn vor, der Weg vom 1. Zum 2. Stock schon eine Tortur, doch er trieb sich unermüdlich weiter. Und dann erschien endlich die schwarze Drei auf der weißen Oberfläche. Und das nächste Problem direkt vor seinen Augen. Auch hier hatte sich durch die heftigen Erschütterungen ein Teil der Deckenbeleuchtungen gelöst, sodass die schweren Neonröhren heruntergekracht waren, sich direkt vor der Türe verkeilt hatten. Von außen hatte er vielleicht nur irgendeine Chance die Barrikade zu beseitigen, doch von drinnen war Nishinomiya eindeutig chancenlos, der Öffnungsmechanismus soweit blockiert, dass man die Türe wahrscheinlich gerade einmal einen Spalt aufbekam.

~*~

Er hörte die Explosionen von Omegamons Attacke, das Schreien des Ungetüms und dessen Gegenschläge. Doch Yamato war nicht in der Lage den Blick von dem lodernden Gebäude abzuwenden, in das Taichi gerade eben verschwunden war. Die blauen Ovale fassungslos aufgerissen, fühlte er seine Freunde um sich, die ihn festhielten. Nicht, dass das nötig gewesen wäre, denn seinen Körper hatte bereits jede Kraft verlassen.
Das konnte er nicht überleben, oder?
Neben sich hörte er Hikari den Namen ihres Bruders schreien, Takeru, der nun nicht mehr so recht wusste um wen er sich zuerst kümmern sollte. Aber das alles war gleichgültig.
Er fühlte zierliche Hände, die sich in seine Oberarme gruben und dann einen warmen Schopf der sich schluchzend von hinten gegen seine Schultern lehnte. Sora…
„Er schafft das. Du weiß es Yamato...“ Ihre Worte waren aufbauend gemeint, doch eigentlich klang es mehr wie eine Frage, wie die Hoffnung, dass er ihr nun bestätigen würde, dass das für ihren furchtlosen Anführer doch alles kein Problem war.

Aber er konnte nicht, riss sich stattdessen mit letzte Kraft aus seiner knienden Haltung wieder auf die Beine, als plötzlich die gesamte Lobby vor ihren Augen einstürzte als das gezüchtete Wesen Omegamon mit einem unkontrollierten Angriff gegen die sowieso schon zerstörte Fassade schleuderte.
„Nein!!“, hörte er sich selbst schreien, ehe da plötzlich ein weiterer, weit widerlicherer Schrei durch die Luft gellte.
Das Ungetüm starb durch Omegamons Schwert… löste sich ich seine künstlich, von Menschenhand erschaffenen Pixel auf, doch Yamato bekam es kaum mit.
Der vordere Teil des Gebäudes war eingestürzt… alles war zerstört…
„Yamato!“
Da war die Stimme ihres Partners, der Luftzug über ihm und in plötzlicher Erkenntnis riss er die blauen Augen auf.
Da war Omegamon!!
Taichi lebte also noch! War in diesem Haufen aus Schutt gefangen!
„Omegamon! Die dritte Etage!!“, brüllte er haltlos, taumelte, sich die Hand auf die Wunde pressend einige Schritte nach vorn. Da war Rauch, aber er hatte Nishinomiya dort gesehen und Taichi war auf dem Weg zu ihm.

~*~

Erneut erbebte das Gebäude, und noch mehr Schutt rieselte von der Decke, doch noch hielten die Wände stand. Allerdings ließen die sich im rasanten Tempo vergrößernden Risse Böses erahnen, ihm lief eindeutig die Zeit davon. Keuchend stolperte Taichi die letzten Stufen zur dritten Etage hoch, sich keine Pause zum Durchatmen gönnend. Stattdessen umfasste er sofort das Konstrukt aus zerbrochenen Neonröhren, Kabeln und herunter gerissenen Betonbrocken, wobei sein erster Versuch das Geröll zur Seite zu ziehen kläglich scheiterte. Verzweifelt fluchend griff er schließlich nach einem der abgerissenen Kabel, wickelte dieses mehrfach um sein Handgelenk, bevor er sich mit seinem gesamten Gewicht nach hinten sinken ließ. Der Gummi schnitt in seine Haut, während seine Sohlen immer wieder nach vorne hin wegrutschten, doch er konnte fühlen wie der Betonklotz sich tatsächlich etwas bewegte.

Die Lippen fester aufeinander pressend steigerte er seine Bemühungen noch, die Muskeln seiner Oberarme hart unter der gebräunten Haut hervor tretend, seine Arme vor Anstrengung zitternd. Begleitet von einem verzweifelten Aufschrei, wie um damit seiner gesamten Frustrationen Ausdruck zu verleihen, mobilisierte er noch einmal all seine Kräfte, und dann gab die Barriere plötzlich tatsächlich nach, kippte endlich zur Seite hin weg. Dummerweise hielt die Erleichterung nur einen Sekundenbruchteil, ehe er realisierte, dass der Betonklotz offenbar auch irgendwie als Stütze der desolaten Mauer hergehalten hatte, das unheilvolle Knacken der Betonwände augenblicklich noch an Intensität zunehmend. Scheiße. Er musste hier raus. Schnellstens. Wenn er sich nicht beeilte würde seine hirnlose Rettungsaktion scheitern, nicht nur Nishinomiya sondern auch er selbst unter dem zusammenbrechenden Gebäude begraben werden.

Das würde er nicht zulassen. Ganz bestimmt nicht. Er hatte all seinen Freunden und seiner Familie schon genug Kummer bereitet. Niemand würde heute sein Leben lassen. Er würde diese endlose Abwärtsspirale aus Verzweiflung, Selbsthass, und Trauer ein für alle Male beenden. Schon alleine um Nishijima-sensei zu zeigen, dass er all das grenzenlose Vertrauen tatsächlich verdient hatte. Und um sich selbst zu beweisen, dass er es wirklich verdient hatte weiterhin am Leben zu sein, während sein Lehrer sich für sie alle geopfert hatte. Egal wie sehr er diesen Widerling hasste, er würde ihn retten. Mit verbissener Entschlossenheit drückte er die Türklinke nach unten, wobei er erleichtert feststellte, dass die Mauer offenbar noch genug standhielt und sich nicht verzogen hatte. Der Mechanismus schien etwas zu klemmen, doch der schmale Spalt reichte aus um sich durchzwängen zu können.

Obwohl er auch hier das unheilvolle Knacken der Wände hören konnte, die Erschütterungen unter seinen Füßen spüren, zumindest schien der sich vor ihm erstreckende Flur noch weitgehend unversehrt. An einigen Stellen waren die Neonröhren aus der Decke gebrochen, und es war wohl nur der Notstrom der überhaupt noch für Beleuchtung sorgte, doch zumindest konnte er sich ohne Hindernisse fortbewegen. Sofort spannte sich seine Mimik an als er plötzlich schlurfende Schritte hören konnte, und keine Sekunde später stürzte auch schon Nishinomiya aus einem der angrenzenden Räume heraus in den Flur. Der gnadenlose Geschäftsmann schien innerhalb kürzester Zeit etliche Jahre gealtert, das Gesicht blass, die Wangen eingefallen. Die Brille schien ihm bei seinen verzweifelten Versuchen dem einstürzenden Gebäude zu entkommen abhandengekommen zu sein, die Körperhaltung wirkte in sich zusammengesunken. In diesem Moment war in keiner Weise mehr zu sehen, dass dieser alte, kümmerliche Mann für all dieses Chaos verantwortlich gewesen war.
Für einen winzigen Moment glaubte er aufrichtige Reue in dem panischen Blick erkennen zu können, doch keine Sekunde später wurde er auch schon eines Besseren belehrt. Ein fassungsloses Keuchen entkam seinen Lippen als Nishinomiya plötzlich ohne jegliche Vorwarnung auf ihn zu hechtete, versuchte ihn zur Seite zu stoßen um zur Türe zu gelangen. Augenblicklich verdunkelte sich Taichis Blick, und nur mit Mühe gelang es ihm all den Hass auf diesen Widerling soweit hinunterzukämpfen, dass er seine Hand nach vorne schnellen ließ, diesen Irren dann grob zu sich zurückriss. „Einmal Arschloch, immer Arschloch, oder? Seien Sie froh, dass ich nicht vor hab Sie hier draufgehen zu lassen. Ich kann Sie aber natürlich gerne in die eingestürzte Lobby rennen lassen, wenn Sie denken, dass Sie bei einer derartig hirnlosen Selbstmordaktion ihre Überlebenswahrscheinlichkeit steigt!“

~*~

Fassungslos starrte Kôshiro dem ehemaligen Fußballer hinterher, hörte wie seine Freunde ihm nach brüllten, doch Taichi-san stoppte nicht. Bis eben war er viel zu beschäftigt mit seinem Computer gewesen, mit dem Auswerten der Daten, das dieser über das Vieh ausspuckte, doch jetzt zuckte sein Blick auf das deutlich instabil wirkende Gebäude. Taichi-san war wahnsinnig!
Es war nicht das erste Mal, dass der Ältere derartige Aktionen riss, dass er mit seiner Gesundheit spielte, aber das…?!
Kôshiro zuckte hart zusammen, als schließlich Omegamon mit dem Gebäude kollidierte, damit die Eingangshalle zum Einsturz brachte.
Er wusste kaum wohin mit seiner Aufmerksamkeit, denn schon im nächsten Augenblick durchschnitt das heilige Schwert des roboterartigen Digimon das Ungetüm, zerlegte es damit in seine Pixel… und dann war da die nächste Explosion aus dem Gebäude… weitere Trümmer…
Verdammt!

Doch schon während Yamato-san Omegamons Namen rief, besann er sich selbst! Solange die Fusion hielt, war ihr Freund in Ordnung!
Hastig trat er neben den älteren Blondschopf, hackte dann hektisch auf seinem Notebook herum.
„Der komplette vordere Bereich ist einsturzgefährdet und… Da!“ Mit einem Ruck hielt er Yamato-san den Computer hin, die blauen Augen ihn erst völlig verwirrt anblickend, ehe sich seine Mimik erhellte. Er konnte Taichi-sans Digivice in diesem Chaos orten, sehen wo sich ihr Anführer in dem Komplex bewegte. Und er bewegte sich!
„Es geht ihm gut?!“ Yamato-sans Stimme klang hoffnungsvoll und dennoch panisch.
„Zumindest soweit, dass er sich noch rühren kann. Omegamon!“ Er schickte seine dunklen Augen nach oben, rief dem Partner seiner beiden Freunde zu. „Es ist die dritte Etage! Hinten! Im hinteren Teil!“ Alleine würde es der Dunkelhaarige auf keinen Fall mehr nach draußen schaffen, aber er war in der Lage Omegamon so weit zu dirigieren, dass dieses ihn zielsicher herausholen konnte.
Und so stand ihre kleine Gruppe vor dem brennenden Hochhaus, bangend wie am den Tag in der Bucht… Ein ruhiges Leben war ihnen einfach nicht vergönnt… Yamato-san war damals mit einem blauen Auge davon gekommen, kämpfte auch jetzt noch sichtbar mit der Verletzung… Es durfte einfach nicht sein, dass sie nun ebenfalls, nur kaum eine Woche später auch im Taichi-sans Leben bangen mussten!

~*~

Ohne die Antwort des Widerlings abzuwarten, zerrte Taichi den älteren Mann grob hinter sich her, dabei in keiner Weise darauf achtend, dass dieser kaum mit seinem Schritttempo mithalten konnte. Er würde ganz bestimmt nicht für dieses Arschloch sein Leben lassen. Ihn retten war eine Sache, dafür zu sterben eine komplett andere. „Ich wollte nicht… ich habe nur…“ Ruckartig riss er Nishinomiya schließlich an seinem Arm zu sich, in seinem angespannten Gesicht dabei deutlich erkennbar wie sehr er den Kopf hinter all diesem fürchterlichen Chaos verabscheute. „Sparen Sie sich Ihren Atem. Von der Hoffnung, dass in Ihnen auch nur ein Fünkchen Gewissen steckt hab ich mich längst verabschiedet. Also wenn Sie nicht riskieren wollen, dass ich es mir doch noch anders überlege und sie eigenhändig hinunter in die Lobby befördere halten sie endlich die Klappe!“

Sie mussten hier raus, schnellstens. Immer wieder rieselte Schutt von der Decke, die Risse der Wände sich mittlerweile auch bereits über den Boden ziehend. Sein Hals kratzte, zeigte ihm deutlich, dass das Feuer sich rasch ausbreitete, das Stockwerk wahrscheinlich schon in den nächsten Minuten erreichen würde. Wenn er nicht schnellstens einen Fluchtweg fand würden sie also beide entweder von Trümmern erschlagen werden oder verbrennen. Eine wirklich prickelnde Vorstellung. Krampfhaft weiter gegen den Hustenreiz ankämpfend riss er seine freie Hand wieder hoch um sie über seinen Mund zu pressen, ehe er Nishinomiya dann weiter hinter sich herzerrte. „Gibt es ein zweites Stiegenhaus? Feuerleitern? Irgendetwas?!“ Bereits wieder im Laufschritt zuckte sein Blick über seine Schultern, wobei der Widerling seine Hoffnungen allerdings mit einem knappen Kopfschütteln zerstörte. Scheiße. Scheiße, scheiße, scheiße!!

Ein frustrierter Laut entkam seinen Lippen, während Taichi weiter den Flur entlang hetzte. Es gab keinen Ausweg. Sie waren hier eingeschlossen. War tatsächlich alles umsonst gewesen? Die aufsteigende Panik lähmte seinen Verstand, verhinderte klare Gedanken. Eine weitere Explosion ließ die Wände beben, erschütterte den Boden unter ihnen, und entsetzt riss er den Kopf herum, sah dabei, dass die Energie des Feuers die schwere Türe aus den Angeln gerissen hatte, die Flammen nun bereits auf den Teppichboden übergriffen. Und dann erreichten sie auch schon das Ende des Flures, wobei der dunkelhaarige Wuschelkopf gar nicht mehr wirklich nachdachte, sondern einfach nur noch handelte. Verzweifelt fluchend riss er die links von ihnen abzweigende Türe auf, stellte erleichtert fest, dass nicht abgeschlossen war, ehe er zuerst Nishinomiya hineinstieß, bevor er dem Widerling nachfolgte, sich dann erst einmal schwer atmend für einen Moment gegen die Türe lehnte.

Sie saßen in der Falle. Selbst wenn sie in der Lage sein sollten das Glas der Fassade zu zersplittern, aus dieser Höhe konnten sie nicht springen. Draußen war nur noch dichter Rauch zu sehen, also auch völlig unmöglich, dass sie irgendjemanden auf sich Aufmerksam machen konnten. Seine Freunde würden dieses Vieh besiegen, daran hatte er keine Zweifel, sein Vertrauen in ihr Team grenzenlos, doch er konnte nichts mehr tun. Ein schwaches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während Taichi dann langsam an der Türe entlang auf den Boden rutschte. Gedämpft drangen Nishinomiyas Schreie zu ihm durch, der Widerling verzweifelt gegen die Glasfassade hämmernd, doch er reagierte nicht mehr darauf. Hatte Nishijima-sensei sich damals so gefühlt? Da war grenzenloses Vertrauen, die Hoffnung, dass dieser Horror endlich ein Ende fand, ohne in der Lage zu sein das Danach selbst zu erleben…

Wieso hatte er sich nicht zumindest noch die Zeit genommen seinen Freunden zu sagen, wie viel sie ihm bedeuteten, bevor er wie ein Wahnsinniger losgestürzt war? Er spürte heiße Tränen unter seinen geschlossenen Lidern, das Gefühl von unbändiger Hilflosigkeit sich noch steigernd. Und dann riss Taichi plötzlich ruckartig die Augen wieder auf, zog schützend den Arm vor das Gesicht als ein heftiger Windstoß gegen ihn peitschte, Glas in alle Richtungen splitterte. „Taichi! Gott sei Dank! Wir müssen hier sofort raus!!“ Für einen Moment war er nur in der Lage Omegamon fassungslos anzustarren, unfähig zu begreifen, dass das tatsächlich geschah, bevor er sich dann einen Ruck gab, ein kurzes Nicken andeutete. Grenzenlose Dankbarkeit durchflutete ihn als Omegamon seinen geschwächten Körper behutsam auf die Schultern hob, ehe das Digimon sich auch schon wieder in Bewegung setzen wollte um die Gefahrenzone endlich zu verlassen.

„Warte!“ Er konnte spüren wie Omegamon irritiert erstarrte, ehe der Blick des Digimon dann seinem folgte, sich auf den am Boden zusammengekrümmten Mann richtete, der mit verzweifeltem Blick zu ihnen hochsah. Für einen winzigen Moment sahen sie sich einfach nur an, wortlos, bevor Taichi dann ein leichtes Nicken andeutete, Omegamon den Widerling daraufhin deutlich grober als ihn zuvor auf die andere Schulter beförderte.

~*~

Okay, 'gut' war in dieser Situation wahrscheinlich der falsche Ausdruck, aber Yamato konnte auf dem Bildschirm des Genies deutlich erkennen, dass sich der Punkt bewegte! Taichi bewegte sich und das war ein gutes Zeichen, oder? Wenn dieser Vollidiot aus den Flammen zurückkommen würde, würde er ihn selbst umbringen! Soviel stand fest! Wie konnte er sich nur selbst so sehr in Gefahr bringen? Natürlich war ihm bewusste, dass Taichi diesen Mistsack nicht hatte sterben lassen können... aber selbst für ihn zu sterben war da eine ganz andere Geschichte!
Hatte dieser Idiot überhaupt eine Sekunde an seine Freunde und Familie gedacht? An ihn? Sicher nicht… aber…
Yamato presste die Lippen fester zusammen.
Genau so war Taichi. Wahrscheinlich hatte er nicht an sie gedacht und eben so wenig daran, dass er scheitern konnte. Es war für ihn selbstverständlich…
Sein natürlicher Mut… und vielleicht ein bisschen Dummheit… ja, aber das machte ihn aus, nicht wahr?
Und dann bewege sich der Punkt auf dem Bildschirm nicht mehr.
„Was ist da los Kôshiro?!“ Panisch brüllte er dem jüngeren Entgegen, der ihn allerdings nur mit weit aufgerissenen Pupillen anblicke. „Ich weiß nicht… er… bleibt einfach da.“ Da war deutlich Angst zu hören, die Befürchtung, dass in dem baufälligen Komplex nun doch etwas passiert war, aber das durfte einfach nicht sein!

Er hatte Omegamon in all dem Rauch bereits aus den Augen verloren, spitzte dann die Ohren, als die nächsten Einsatzfahrzeuge aus der Ferne ertönten. Die Feuerwehr, die nun alle Hände damit zu tun haben würde, das Gebäude vor dem Einsturz zu schützen, wenn das überhaupt noch möglich war.
„Komm schon… Taichi...“, flüsterte er mehr zu sich selbst, fühlte dabei auch schon wie sich Soras Finger fester in seinen Arm gruben. Kurz zuckte sein Blick zur Seite, in die Augen des Mädchens, zu seinem Bruder und Hikari, zu Joe und Koshiro die alle das Gebäude fixierten. Zu den Digimon, die irgendwie zu verhindern versuchten, dass die sich aus der Fassade lösenden Trümmer noch mehr Schaden anrichteten.
Und dann war da plötzlich Omegamon.
Für einen Sekundenbruchteil setzte Yamatos Herzschlag aus, während er das Digimon mit den Augen scannte und er auf der Schulter ihres Partners den braunen Haarschopf erkennen konnte, ehe sich bodenlose Erleichterung in ihm ausbreitete.
Dieser blöde Idiot…

~*~

Es war Ironie des Schicksals, oder? Dass dieser Kotzbrocken nun tatsächlich von exakt dem Digimon gerettet wurde, dessen Daten er zur Herstellung einer Waffe verwenden hatte wollen. Ein schwaches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während Taichi spürte wie Omegamon sich wieder in Bewegung setzte. Es war ein absolutes Wunder, dass er noch in der Lage war sich an Omegamon zu klammern, seine letzten verbliebenen Kräfte zu mobilisieren um sich festzuhalten. Sie waren gerettet, oder? Das war keine verzweifelt herbei gesehnte Halluzination, keine Wahnvorstellung um seinen nahenden Tod erträglicher zu machen, richtig? Er hatte es geschafft. Er hatte diesen Widerling tatsächlich gerettet, dafür gesorgt, dass nicht noch ein weiterer Mensch vor seinen Augen starb.

Ein Ruck ging durch seinen Körper als Omegamon schließlich auf dem Boden aufsetzte, ihn dann behutsam von seiner Schulter beförderte, wobei Taichi nur mit Mühe verhindern konnte, dass seine Beine direkt unter ihm nachgaben. Er war am Ende seiner Kräfte. Nun da das Adrenalin seinen Körper verließ, war da nur noch bleierne Müdigkeit. Erneut heiser hustend setzte er zögernd einen Fuß vor den anderen, hob seinen Blick dann an als plötzlich lautes Stimmengewirr zu ihm herüber schallte. Irgendwie schaffte er es seine Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen zu verziehen, während er seine Hand leicht anhob um seinen Freunden zuzuwinken. Er konnte sehen, dass Sora und Hikari weinten, die grenzenlose Erleichterung in Joes, Kôshiros und Takerus Gesicht erkennen, ehe seine dunklen Augen dann direkt in blaue blickten. Yamatos Gesicht war blass, seine Mimik verkrampft, seine Hand auf seine Brust gepresst, doch er schien okay. Sie waren alle am Leben. Sie alle…

Er konnte noch hören wie Yamato panisch seinen Namen rief, wie plötzlich wieder Chaos ausbrach, doch dann gaben seine Beine auch schon tatsächlich unter ihm nach, und seine gesamte Umgebung versank in tiefer Schwärze, das Lächeln allerdings selbst als er unter all der Anstrengung zusammenbrach nicht von seinen Lippen verschwindend. Er hatte es geschafft…
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Gedämpft drang ein monotones Piepsen durch seinen völlig vernebelten Verstand, das Geräusch zuerst noch zu gedämpft, dass er es ignorieren konnte, ehe die Intensität allerdings zuzunehmen schien. Heiser stöhnend zwang er schließlich seine Lider auf, wobei diese winzige Bewegung schon beinahe wie ein Ding der Unmöglichkeit erschien. Seine Glieder fühlten sich tonnenschwer an, sein Kopf wie in Watte gepackt, und für einen Moment war er nicht in der Lage zu fokussieren, das Bild vor seinen brennenden Augen immer wieder verschwimmend. Erst nach mehrfachem benommenen Blinzeln nahm die Welt um ihn herum endlich klare Konturen an, wobei sein Herzschlag sich sofort beschleunigte als er realisierte, dass die Zimmerdecke, die sich über ihm erstreckte, eine gänzlich unbekannte war. Ruckartig zuckte sein Kopf zur Seite, wobei die plötzliche Bewegung sofort einen heftigen Stich durch seine Schläfen jagte, seinem schmerzenden Hals ein weiteres Stöhnen entlockend.

Reflexartig wollte er seine Hand anheben, senkte dann langsam seinen Blick tiefer als er feststellte, dass schlanke Finger diese umschlossen hielten. Für einen winzigen Augenblick fixierte er einfach nur den blassen Handrücken, der helle Teint ein so starker Kontrast zu seiner gebräunten Haut, ehe seine dunklen Augen langsam höher glitten. Yamatos blonder Schopf ruhte neben ihren verbundenen Händen auf der blütenweißen Decke, die Schultern des Älteren sich gleichmäßig hebend und senkend. Das Kissen knisterte leise als er seinen Kopf schließlich langsam noch etwas weiter zur Seite drehte um seinen schlafenden Freund so besser ansehen zu können. Sie befanden sich im Krankenhaus, oder? Nur… weshalb lag er hier als Patient im Bett, mit Yamato neben sich? Der Ältere war doch schwer verletzt gewesen. Erneut leise stöhnend versuchte er sich in seine sitzende Position zu drücken, wobei sein gesamter Körper allerdings sofort protestierte, sich sofort mit einem Hustenanfall rächte.

~*~

Yamatos Augenlider zuckten leicht, als ein Geräusch ihn aus dem Schlaf holte. Sein Körper fühlte sich noch immer schwer an, doch zumindest hatte das dumpfe Pochen in seiner Brust nachgelassen. Dennoch entkam, nachdem er sich langsam ein wenig nach oben gehievt hatte, ein angestrengtes Keuchen seinen noch immer deutlich blassen Lippen. Der gestrige Tag und die vergangene Nacht, in der er kaum geschlafen hatte, hatten ihn fix und fertig gemacht und nun rächte sich sein Körper, weil er einfach nicht auf sich achtete. Seine Wunde war neu versorgt worden, nachdem sie sich an einigen Stellen zum wiederholten Male geöffnet und Joe ihn einer weiteren Strafpredigt unterzogen hatte. Nun stand einer wundervoll hässlichen Narbe absolut nichts mehr im Weg.
Seine blauen Augen richteten sich im ersten Moment benommen nach vorn auf die weiße Decke, auf Taichis Hand, die er noch immer fest umschlossen hielt.
War er… wirklich eingeschlafen? Okay, diese Schmerzmittel waren der Wahnsinn.

Er benötigte einen weiteren Moment, ehe er realisierte was genau ihn geweckt hatte und träge blinzelnd fixierte er den noch immer leicht hustenden Wuschelkopf.
„Taichi...“, murmelte er, noch immer nicht völlig da, bevor dann doch das Adrenalin durch seine Adern schloss.
„Du bist wach! Gott sein Dank! Ich hole den Arzt!“
Schon fast panisch sprang er auf die Beine, verzog dann schmerzhaft das Gesicht, weil sein Brustkorb ihm diese unglückliche Schlafposition nicht verzieh. Shit!

~*~

Bevor er es verhindern konnte glitten die schlanken Finger auch schon von seinen und schon schrammte der Stuhl begleitet von einem hässlichen Geräusch über den Boden als Yamato sich ruckartig aufrichtete. Noch immer gegen den Hustenreiz ankämpfend zuckte seine eigene Hand nun von der Matratze, schloss sich dann um das schmale Handgelenk um seinen Freund sanft aber bestimmt wieder zurück ans Bett zu ziehen. „Hey… alles okay…ich brauche… keinen Arzt…“ Sein Hals kratzte nach wie vor, seine Lippen fühlten sich spröde und ausgetrocknet, doch die Schmerzmittel, die durch den schmalen an seinem Handrücken fixierten Schlauch durch seinen Körper gepumpt wurden leisteten ganze Arbeit.

„Gib… mir einfach nur einen Moment, okay?“ Nachdrücklich festigte er seinen Griff für einen Moment, gab Yamato damit zu verstehen, dass er sich wieder hinsetzen sollte. „Wieso… bist du hier, Yama? Du bist verletzt, solltest du dich nicht ausruhen?“ Besorgt musterte er das blasse Gesicht, die Aufmachung seines Freundes deutlich zeigend, dass er wohl aus seinem eigenen Krankenbett getürmt war. Die Pyjama ähnliche Kleidung, die der Ältere trug war eindeutig nicht aus seinem eigenen Kleiderschrank entsprungen, Oberteil und Hose so riesig, dass Yamato darin seltsam verloren wirkte. „Was… ist passiert? Ich… erinnere mich noch daran, dass Omegamon uns gerettet hat und dann…“ Ruckartig richtete er sich nun selbst im Bett auf, wobei die heftige Bewegung ein weiteres schmerzhaftes Pochen durch seine Schläfen jagte, ihn leise stöhnend leicht in sich zusammensinken ließ. „Was ist mit Hikari und Takeru? Sind Tailmon und Patamon okay? Und was ist mit Nishinomiya passiert?“

Was war geschehen nachdem er vor Erschöpfung zusammengebrochen war? Wie lange war er überhaupt ausgeknockt gewesen? Mehrere Stunden? Tage? Wieviel Zeit war seit dem furchtbaren Kampf in Shinjuku verstrichen?

~*~

Yamato keucht überrascht auf, als er an Handgelenk zurückgezogen wurde, warme Finger ihn davon abhielten die Tür anzusteuern. Einen Moment sah er Taichi einfach nur an, das unüblich blasse Gesicht, die dunklen Ringe unter den Augen. Er sah fertig aus… aber er war am Leben.
Angespannt presste er die Lippen zusammen, ehe alle Bilder erneut vor seinem inneren Auge aufflackerten, er sich dann ruckartig wieder zum Bett zurückdrehte:
„Was passiert ist?! Sag mal, bist du übergeschnappt?!“ Seine Stimme klang wütend, anklagend, der Ausdruck in seinen Augen hart, ehe sich das hübsche Gesicht sofort verkrampfte. Den plötzlich deutlich glasigen Blick abwendend, fixierte er erneut Taichis Hand, löste sich dann so von ihm, dass er die eigenen Finger wieder um seine schließen konnte. Der Stuhl scherte leise über den Boden als er ihn wieder ans Bett zurückzog und sich darauf sinken ließ.
„Ich dachte du stirbst da drin…“ Sanft aber bestimmend drückte er zu, die Augen nun auf den Schlauch gerichtet, der am blassen, aber dennoch immer noch deutlich dunkleren Handrücken endete.

„Nachdem Omegamon euch da raus geholt hat… bist du vor mir zusammengebrochen… Gott, Taichi… Omegamons Fusion hat sich sofort aufgelöst… ich… dachte...“ Er sank leicht in sich zusammen, schloss nun auch die zweite Hand um die seines Freundes.
Kurz zog er verräterisch die Nase hoch, das Gesicht schützend nach unten geneigt.
„Joe hat uns sofort in Krankenhaus bringen lassen. Hikari, Tailmon, Takeru und Patamon geht es gut. Sie warten auf den Anruf, dass du aufgewacht bist...“ Sachte hob er den Kopf, seine Lippen nun zu einem dankbaren Lächeln angehoben. Er hatte so panische Angst um ihn gehabt.
„Du hast… eine Rauchvergiftung… und ein paar Prellungen, nicht lebensbedrohlich, aber du musst noch eine Nacht bleiben. Du warst jetzt über 24 Stunden weg. Nishinomiya liegt ein paar Räume weiter… dieses widerliche Arschloch… Kôshiro und Mochizuki-san haben haben das TKK und sämtliche anderen Behörden informiert… ich denke er und seine Leute werden ihre Strafe bekommen. Du hast ihn gerettet.“ Wieder strich er gedankenverloren über Taichis Handrücken, vorsichtig darauf bedacht den Schlauch darin nicht zu berühren. „Ich kann mir schon vorstellen warum du es getan hast, aber...“ Er hatte sich die ganze Zeit den Kopf zerbrochen und es gab einfach keine andere Erklärung. „Ich hasse deinen Mut manchmal, weißt du das?“ Leise schnaubend verzogen sich seine Lippen zu einem leichten Lächeln, die blauen Augen wehmütig in die braunen gerichtet.

„Wie oft muss ich dir noch dabei zusehen wie du fast stirbst, bis es endlich genug ist?“
Damals hatte sich die Erde aufgetan und Taichi zusammen mit Nishijima-sensei verschluckt… War diesem Idioten eigentlich klar, wie sehr ihn dieser Moment bis heute verfolgte?

~*~

Yamatos heftige Reaktion ließ ihn leicht zusammenzucken, seine braunen Augen perplex auf seinen besten Freund gerichtet. Er konnte die unterdrückte Wut in der dunklen Stimme hören, der zuvor noch so sanfte Blick plötzlich hart, das blasse Gesicht verkrampft. Wortlos sah er den Älteren einfach nur an, die Schuldgefühle offen sichtbar in seiner eigenen Mimik. Er war einfach losgelaufen, hatte keine Sekunde gezögert, sondern war los gerannt ohne auch nur einen einzigen Gedanken an die möglichen Konsequenzen zu verschwenden. Er hatte unfassbares Glück gehabt, dass er diese irre Rettungsaktion tatsächlich überlebt hatte, und trotzdem… Die einzige Reue, die er verspürte, war die Angst und Sorge, die er seinen Freunden verursacht hatte.

Erstaunlich schweigsam lauschte er Yamatos Worten, der kurzen Zusammenfassung der Ereignisse, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte, wobei die abschließende Frage das Gewicht auf seinem Brustkorb noch steigerte, sein Magen sich schmerzhaft zusammenzog. „Ich… konnte nicht anders. Ich weiß, dass diese ganze Aktion unfassbar egoistisch von mir war, aber…“ Er zuckte hilflos mit den Schultern, zog seine Mundwinkel dabei zu einem überforderten Lächeln nach oben. „… ich hätte es nicht ertragen noch einen Menschen vor meinen Augen sterben zu sehen. Egal wie sehr dieses gewissenlose Arschloch es verdient gehabt hätte, ich…“ Taichi brach ab, schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich… dachte da drinnen ich sehe dich nie wieder. Ich war davon überzeugt, dass wir da nicht mehr lebend rauskommen. Ich… hatte solche Angst, dass es vorbei ist.“ Zittrig atmete er ein, ehe er den Atem dann langsam wieder ausstieß. „Aber ich bin hier, Yama. Und ich lebe ebenso wie du.“

Ein leises Stöhnen entkam seinen spröden Lippen als er sich noch etwas weiter hochstemmte, ehe er seine freie Hand dann sanft an die blasse Wange legte, sein Blick voller Zuneigung und Liebe. „Dieser fürchterliche Albtraum hat endlich ein Ende…“ Nishinomiya und seine Gefolgsmänner würden die verdiente Strafe erhalten, ihr Labor war zerstört, die Daten hoffentlich bei dem Brand vollständig vernichtet worden. Nach allem was geschehen war, würde man sämtlichen mit Digimon arbeitenden Behörden mit Sicherheit verstärkt auf die Finger schauen. Derartige Vorfälle konnten unmöglich ohne Konsequenzen bleiben. „Konnten alle Mitarbeiter gerettet werden? Es… war dann niemand mehr in dem Gebäude, oder?“

~*~

Taichi hatte einen Moment also wirklich selbst geglaubt, dass er sterben würden… Yamatos Magen drohte sich umzudrehen, doch die folgenden Worte, ließen seine Lippen dennoch sanft nach oben zucken. Ja, sie waren beide hier… lebendig und den Umständen entsprechend wohl auf.
„Hoffen wir es...“ Es wäre schön wenn nun wirklich etwas Ruhe in ihr Leben einkehren würde, die egoistische Blase in die sie sich zurückgezogen hatten, vielleicht tatsächlich eine Weile zur Realität werden konnte. Es langsam anzugehen, hatte Yamato mittlerweile völlig aufgegeben, aber nichts desto trotz waren sie frisch verliebt, ihre Beziehung erst wenige Woche alt… Da sollte es ihnen doch vergönnt sein, das alles ein wenig ohne Drama genießen zu dürfen.
Erneut zuckten seine Lippen nach oben und ein leichtes Nicken andeutend, lehnte er sich sachte gegen die liebevolle Hand an seiner Wange.
„Das Gebäude wurde rechtzeitig evakuiert. Nishinomiya war der letzte… und den hast du gerettet.“

Auch wenn es dieser Widerling wahrscheinlich wirklich nicht verdient hatte… Aber wer waren sie darüber zu entscheiden? Taichi hatte sich für das Leben entschieden und vielleicht würde ihm diese Tat nun wirklich etwas Frieden bringen und die Dämonen der Vergangenheit endlich vertreiben. Zumindest wünschte es sich Yamato für ihn…
Vorsichtig neigte sich der Blondschopf nach vorn, gerade schon im Begriff seinen Liebsten endlich, nach all dem Bangen zu küssen, als sich die Türe zum Zimmer ohne Vorwarnung öffnete.
Ertappt richteten sie die Blicke auf den eben eingetretenen jungen Arzt, konnten sofort sehen wie Joe die Röte ins Gesicht stieg.
Räuspernd wandte der Gruppen Älteste den Kopf leicht zur Seite, seine Brille gerade rückend, während Yamato schon wieder unverrichteter Dinge auf seinen Stuhl zurück sank.
„Wie ich sehe seid ihr beide wieder wach. Das ist gut.“
Damit trat er, so professionell er konnte, an das Bett heran. „Deine Blutwerte sind in Ordnung, Taichi-kun. Aber zur Vorsicht, behalten wir dich noch eine Nacht hier. Du kannst später nach Hause gehen Yamato-kun. Ich gebe dir aber nochmal ein Antibiotikum mit, weil die Wunde sich 'mal wieder' geöffnet hat.“ Streng blickte er den Blonden an, schüttelte dann den Kopf, ehe er erneut Taichi fixierte.

„Ich bin nicht Arzt geworden um euch permanent zusammen zu flicken! Es wäre also schön, wenn ihr mit euren Selbstmordkommandos aufhört!“ Damit atmete er geräuschvoll durch, wandte sich dann knapp zur Tür. „Ich sage Gomamon Bescheid, dass er Gabumon und Agumon kontaktieren soll. Die beiden sitzen schon auf heißen Kohlen… Aber ich dachte , es wäre besser euch schlafen zu lassen.“ Wieder schickte er einen tadelnden Blick zu Yamato. „In euren Betten… Nicht davor auf harten Stühlen… Aber ich bin es ja gewohnt, dass nie jemand auf mich hört. Klar, ich bin ja auch nur Arzt. Was weiß ich schon.“ Melodramatisch riss er kurz die Arme in die Luft, zuckte dann gottergeben mit den Schultern.
„Ist ja schon gut! Tut mir ja leid“ Yamato verdreht genervt die Augen, doch das Einzige was er kassierte war weiteres empörtes Schnauben von Joe: „Vor mir muss dir das nicht leid tun!! Aber vielleicht denkst du mal daran, was du deinem Körper antust! Ihr beide! Taichi-kun! Was hast du dir dabei gedacht?! Du hast schon viel unverantwortliches getan, aber das?!“
Es war offensichtlich, dass ihr chaotischer Freund sich nur sorgte, aber genau in diesen Momenten war zu spüren, dass er seine hysterischen Charakterzüge, auch wenn sich mittlerweile deutlich besser unter Kontrolle hatte, wohl niemals ablegen können würde.

~*~

Bodenlose Erleichterung spiegelte sich in seinem müden Gesicht wider, Yamatos Zusammenfassung der vergangenen Stunden nun der endgültige Beweis, dass es das alles Wert gewesen war. Er hatte nicht nachgedacht, war einfach losgelaufen, doch damit hatte er es tatsächlich geschafft die Auswirkungen des grausamen Kampfes auf ein Minimum zu reduzieren. Sie hatten alle gerettet, das gesamte Gebäude war rechtzeitig evakuiert worden. Dieses eine Mal gab es keine Reue, keine fürchterlichen Erinnerungen, die ihn jahrelang tagtäglich verfolgen würden. So grausam Nishiijma-senseis Opfer gewesen war, zumindest hatte er nun endlich all das Vertrauen seines Lehrers tatsächlich verdient. Nur weil er am Leben gewesen war, lebte Nishinomiya.

Die Matratze neben ihm sank leicht ab als Yamato sein Gewicht nach vorne verlagerte, und langsam schloss er seine Augen, seine Lippen zu einem leichten Lächeln angehoben. Dummerweise war ihnen dieser Kuss nur offenbar nicht vergönnt, und ruckartig fuhren sie beide auseinander als exakt in diesem Moment die Türe aufgerissen wurde, natürlich ohne klopfen. Perplex blickte er in Joes Gesicht, der Anblick ihres Freundes in dem Arztkittel noch immer ungewohnt, und das obwohl sie in den letzten Tagen Stammgäste in Krankenhaus gewesen waren. Es würde wohl noch eine Weile dauern bis er sich daran gewöhnt hatte, dass ihr Gruppenältester sich tatsächlich verbissen seinen Traum als Arzt zu arbeiten erfüllte. Betont reumütig ließ Taichi die Standpauke über sich ergehen, der harsche Vorwurf des Älteren eindeutig verdient. Joe hatte kein leichtes Leben mit ihnen. Umso dankbarer war er ihrem exzentrischen Freund, dass er sie geduldig trotz allem immer wieder versorgte, natürlich begleitet von zahlreichen Beschwerden über ihr unverantwortliches Verhalten.

„Glaub mir, Joe, ich wäre sehr dankbar dafür, wenn wir in Zukunft für immer auf derartige Action verzichte können…“, murmelte er schließlich, wobei seinen leisen Worten ein unterdrücktes Stöhnen folgte als er seine Sitzposition etwas verlagerte. „Es tut mir leid. Ich… wollte dir wirklich nicht noch mehr Arbeit machen.“ Verlegen zuckte er mit den Schultern, wobei er die dunklen Augen des Assistenzarztes direkt auf sich spüren konnte. Für einen Moment herrschte unbeholfenes Schweigen, ehe Joe die Stille mit einem theatralischen Seufzen brach. „Ich hoffe einfach mal, dass es das gewesen ist. Und ihr euch nicht gleich nach eurer Entlassung in die nächste Katastrophe stürzt! Ich schicke die Schwester sofort zu euch rein. Also ab in dein eigenes Bett, Yamato-kun. Lasst es mich nicht bereuen, dass ich dafür gesorgt habe, dass ihr zusammen ein Zimmer bekommt.“ Taichi konnte beobachten wie die Gesichtsfarbe ihres Gruppenältesten sich etwas verdunkelte, ehe Joe dann auch schon auf dem Absatz kehrtmachte. Die hektischen Schritte hallten durch den sterilen Raum, verstummten erst als ihr Freund die Türe erreichte, um dort noch einmal anzuhalten und sich zu ihnen umzudrehen. „Danke. Euch allen beiden. Auch wenn der Zweck nicht immer die Mittel heiligen sollte, ihr habt mit eurem Eingreifen eindeutig eine noch viel schlimmere Katastrophe verhindert.“ Der plötzliche Wandel in der dunklen Stimme ließ Taichi perplex blinzeln, seine dunklen Augen auch noch auf der Türe haften als diese begleitet von einem leisen Klicken ins Schloss gezogen wurde, Joes Schritte sich dann entfernten.

~*~

Er ließ Joes Standpauke wortlos über sich ergehen, beobachtete stattdessen Taichi, wie dieser sich beton zerknirscht äußerte, obwohl sie alle wussten, dass sie immer wieder genau so handeln würden. Sie waren auserwählt worden und auch wenn es nicht immer leicht war, sie wussten in letzter Instanz was das richtige war. Auch wenn das hieß, sich selbst in Gefahr zu bringen. Erst Joes leiser Dank, ließ ihn seinen Kopf wieder zur Seite drehen und mit einem schmalen Lächeln beobachtete er, wie der Ältere den Raum schließlich verließ.
Ja, er war dankbar gewesen, als er nach seiner Untersuchung in diesen Raum mit dem zweiten Krankenbett gebracht worden war. Er tatsächlich mit seinem „Bruder“ das Zimmer teilen durfte, weil „er ja sonst sowieso keine Ruhe gegeben hätte“. Die Tür klickte leise und die Schritte auf dem Flur entfernten sich, als Yamato die blauen Augen wieder Taichi richtete. Sachte hob er eine Hand, beugte sich erneut zu seinem Freund nach vorn. „Bevor die Schwester kommt und wir Joe noch mehr ärger machen…“, hauchte er noch leise, ehe er seine Lippen mit einem leisen Seufzen auf Taichis legte. Der Kuss war sanft und dauerte nur ein paar Augenblicke, aber es genügte für den Moment. Sie waren beide geschwächt und Yamato einfach nur froh, dass sie jetzt hier zusammen sein konnten.

Langsam erhob er sich von seinem Stuhl, das Gesicht leicht angespannt, da seine Wunde noch immer schmerzte. „Dann gehe ich mal in mein Bett, damit unsere Tarnung nicht auffliegt, 'kleiner Bruder'.“ Grinsend erinnerte er sich wieder an Gabumons Worte, an den Vergleich mit Brüdern, bevor sie ihren Partnern eröffnet hatten, dass sie ein Paar waren.
Das Bett war hart, die Laken steif, genau so wie es in einem Krankenhaus sein musste und fürs erste hatte der Blondschopf wirklich genug davon. Trotzdem behagte ihm der Gedanke nicht, dass er heute noch entlassen werden würde, während Taichi eine weitere Nacht hier verbringen musste.

Sein Blick zuckte zur Tür als erst verhalten angeklopft wurde, ehe sie sich einen Spalt öffnete. Okay? Das war keine Personal… So zurückhaltend war kein Pfleger und kein Arzt!
Und dann blinzelte er verwirrt, als ein fremder Mann in den Raum trat, erst ihn, dann Taichi fixierte. „Entschuldigen Sie bitte. Der Doktor sagte, sie wären wach. Ich möchte mich bedanken!“ Augenblick neigte sich der ältere Herr im fast neunzig Grad Winkel nach vorn und im ersten Moment verstand Yamato die Welt nicht mehr. Wer war das?!

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Der Kuss war sanft und zurückhaltend, kaum mehr als eine flüchtige Berührung ihrer Lippen, doch dieses winzige Zeichen von Nähe zeigte ihm erneut wie unfassbar wichtig Yamato ihm war. Vielleicht war jetzt endlich der Zeitpunkt erreicht an dem sie all das Chaos hinter sich lassen konnten, egoistisch einfach nur ein frisch verliebtes Paar sein. Sie hatten immer noch nicht all ihren Freunden und sämtlichen Familienmitglieder Bescheid gegeben. Allerdings erschien ihm diese Hürde nach all den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Wochen deutlich leichter zu bewältigen. „Kleiner Bruder? Wirklich? Küsst du Takeru etwa auch so?“

Grinsend ließ er zu, dass Yamato sich von ihm löste, unterdrückte dabei das Bedürfnis den Älteren sofort wieder an sich zu ziehen. Dieser Trottel war verletzt, sollte sich bis zu seiner Entlassung aus dem Krankenhaus eindeutig ebenfalls ausruhen anstatt neben seinem Bett darauf zu warten, dass er aufwachte. Der Zug um seine Mundwinkel wurde weicher, seine dunklen Augen voller grenzenloser Zuneigung als sein Blick dem Blondschopf folgte, ihn dabei beobachtete wie er sich vorsichtig wieder auf sein eigenes Bett sinken ließ. Es war offensichtlich erkennbar, dass Yamato weiterhin Schmerzen hatte, nach ihrer kopflosen Rettungsaktion auch nicht sonderlich verblüffend. Hoffentlich kehrte nun wirklich endlich Ruhe ein…

Wie um seinen stillen Wunsch nach Erholung gleich wieder in Grund und Boden zu stampfen klopfte es im exakt selben Moment an der Türe, ehe diese sich dann zögerlich etwas öffnete. Perplex starrte er den auf den ersten Blick unbekannten Besucher an, blinzelte überrascht als dieser sich ruckartig vor ihm verbeugte. Sich bedanken? Wofür? Er konnte sich nicht erinnern, den alten Mann jemals zuvor… Dunkle Augen weiteten sich in plötzlicher Erkenntnis als der unangekündigte Gast sich langsam wieder aufrichtete, schlagartig die Erinnerungen an die Vorfälle in dem Labor durch seinen Kopf fluteten. In der legeren Kleidung, ohne den markanten Arztkittel und dem vor Verbissenheit verzerrten Gesichtsausdruck hatte er den Wissenschaftler der Organisation gar nicht erkannt.

„Es… tut mir so leid. Auch wenn es nichts rückgängig macht und keine Entschuldigung der Welt ausreicht um zu rechtfertigen wofür ich mitverantwortlich gewesen bin. Ich… wusste nicht wofür die Daten benötigt worden sind. Man hat mir nur gesagt, dass sie gebraucht werden. Um die Welt zu beschützen. Und meine Familie.“ Seine Mimik spannte sich an, und nur mit Mühe gelang es ihm seine eigenen Emotionen unter Verschluss zu halten, nicht zu offensichtlich zu zeigen, wie unfassbar er Nishinomiya verabscheute. Klar, natürlich. Wahrscheinlich waren die wenigsten Angestellten in das tatsächliche Vorhaben eingeweiht gewesen. Trotzdem, nun zu hören unter welchen fadenscheinigen Begründungen man all diese naiven Menschen dazu getrieben hatte ein Zahnrad in dieser fürchterlichen Maschinerie zu werden…

Die größten Feinde ihrer Welt waren nicht die Digimon, das war eindeutig… Galt nur zu hoffen, dass nach dem verzweifelten Kampf ihrer Freunde nun auch endlich alle Menschen begriffen, dass die digitalen Wesen ihre Freunde waren und ihnen nichts Böses wollten. „Ich bin froh, dass Ihnen nichts passiert ist. Keine Daten der Welt sind es wert dafür sein Leben zu riskieren.“ Leicht lächelnd nickte er dem älteren Mann zu, wobei er in seinem Gesicht deutlich all die Reue für die Beteiligung an all dem Chaos lesen konnte. Die schlimmste Strafe würde sein eigenes Gewissen sein… „Sie sollten sich lieber der Forschung widmen wie man unseren Freunden helfen kann. Wie beide Welten friedlich nebeneinander existieren können. Finden Sie nicht auch? Sie sollten sich mit Mochizuki-san zusammenschließen. Ich bin mir sicher, dass Sie gemeinsam viel Gutes bewirken könnten.“ Vielleicht konnte dieser furchtbare Kampf auch einen Neubeginn einläuten. Spätestens nun, nachdem sämtliche Mitarbeiter Zeuge der unfassbaren Zerstörungswut ihrer eigenen Kreation geworden waren, würde mit Sicherheit ein allgemeines Umdenken erfolgen. Natürlich nicht bei allen, es gab immer schwarze Schafe, doch er bezweifelte nicht, dass viele der ehemaligen Angestellten aufwachen würde. Und ihre Fähigkeiten vielleicht sogar stattdessen dem guten Zweck zur Verfügung stellen.

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//Der japanische Staat hat der Förderung eines neuen Labors zur Erforschung der Digitalen Welt unter der Leitung von Mochizuki Kintaro und dem aufstrebenden Jungunternehmer Izumi Kôshiro zugestimmt. Nur zwei Wochen nach dem schweren Brand in Shinjuku nimmt ein neues Wissenschaftler Team die Forschung an einem modernisierten Standort wieder auf, um das Gleichgewicht beider Welten zu schützen.//
Das klang alles ganz wunderbar und wenn Yamato die Vorgeschichte dazu nicht kennen würde, hätte er all das sicher auch für gut befunden. Aber natürlich fiel kein Ton über die furchtbaren Experimente, über das skrupellose Verhalten von Nishinomija, auf den nun ein dickes Gerichtsverfahren wartete. Aber wahrscheinlich war das der einzige Weg um das Vertrauen der Menschen nicht völlig zu zerstören und unter der Leitung von Mochizuki-san und Kôshiro, steuerte diese Einrichtung nun wahrscheinlich wirklich gewissenhaften und brauchbaren Ergebnissen entgegen.

Yamato seufzte auf als Taichi die Reisetasche, die nun schon seit mehreren Wochen ihr Dasein im Zimmer seines Vaters gefristet hatte, an den Ausgang stellte. Es war nun also so weit… Auch wenn Nishinomija ein herzloses Arschloch war… er hatte sie einander näher gebracht. Darum war es nun auch um so schwerer den Wuschelkopf wieder gehen zu lassen. Über einen Monat hatten sie zusammen gelebt… und es fühlte sich seltsam an, ihn jetzt gehen zu lassen.
Aber es brachte nichts…
Sein Vater kam aus dem Ausland zurück. Der gefakte Auftrag endlich beendet und das tatsächlich mit brauchbarem Material für eine Dokumentation über die Europäische Union. Er hatte Hiroaki bis heute nichts erzählt und wahrscheinlich war es besser, genau so wie es in den Medien gehandhabt wurde, einige Dinge einfach unter den Tisch fallen zu lassen.
Offiziell war es natürlich wieder in bösartiges Digimon gewesen, welches die Auserwählten, gemeinsam mit den Behörden besiegt hatten. Na klar… So konnten sie die Förderung einer neuen Einrichtung immerhin besser rechtfertigen, als wenn ans Licht kam, dass teure Steuergelder für die Kriegsführung mit Digimon, von der die Regierung (angeblich) nichts gewusst hatte, verschwendet worden waren.

Langsam trat der Blondschopf auf Taichi zu, in den Augen ein wehmütiger Ausdruck. Er wollte nicht, dass er ging. Er hatte sich an ihre kleine Familie gewöhnt… Auch daran, dass Gabumon und Agumon fast jeden Tag der letzten beiden Wochen mit ihnen verbracht hatten. Solang sie beide nicht vollständig genesen waren, hatten sich ihre Partner vehement geweigert in die Digiwelt zurückzukehren.
„Ich will nicht, dass du gehst.“ Sprach er schließlich seine Gedanken aus und bedrückt schlang er seine Arme von hinten um Taichis Bauch, lehnte seine Stirn dann kurz gegen den wuscheligen Schopf, ehe er das Kinn auf der breiten Schulter ablegte. Seine Wunde verheilte gut, aber dennoch hatten sie, aus vorher ausgeführten Gründen, auf den Sex verzichtet… Doch das war nicht alles was Yamato fehlen würde. Vorsichtig berührte er mit den Lippen den sensiblen Hals, fühlte sofort eine, sich sanft ausbreitende Gänsehaut.
Er wollte mit ihm zusammen sein, neben ihm einschlafen und aufwachen. Sich sinnlos streiten und wieder vertragen… Doch Asagaya und Odaiba trennten 45 Minuten mit der Bahn oder zähflüssiger Stadtverkehr… und die letzten Wochen hatten eine Ausnahme dargestellt. Mit Taichis Nebenjob war es für den Jüngeren einfach ein Unding ständig hier aufzuschlagen… und seine Wohnung war für sie beide auf Dauer einfach zu winzig, die Wände zu dünn… Keine Option auf lange Sicht.
Sie würden sich nun nicht mehr jeden Tag sehen können und diese Vorstellung passte dem blonden Schönling überhaupt nicht.

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Schweigend richtete Taichi den Blick auf das von der Abendsonne geflutete Zimmer, die nach den vergangenen Wochen so vertraute Umgebung. Das Bett hatte er bereits mit Yamatos Hilfe neu bezogen, Kissen und Decke lagen vorbildlich gefaltet, in stiller Erwartung auf die Rückkehr des eigentlichen Hausherren. Auch wenn diese Wohnsituation von Anfang an nur eine Übergangslösung dargestellt hatte, hatte es sich hier von Anfang an mehr nach zuhause angefühlt als sein Schuhkarton in Asagaya jemals würde. Schon alleine, weil er diese vier Wände seit seinen Kindertagen kannte. Und natürlich, weil sie ihm ermöglichten so viel Zeit wie nur irgendwie möglich mit Yamato zu verbringen.

Ihnen war beiden die nahende Ablaufzeit ihres Zusammenlebens bewusst gewesen und trotzdem hatten sie sich dazu entschieden nicht darüber zu reden, es weitgehend zu ignorieren. Doch die Tage waren viel zu schnell verstrichen, und nun waren sie tatsächlich an dem Punkt angekommen an dem es für ihn an der Zeit war wieder in sein eigenes Apartment zurückzuziehen. Sein Magen krampfte sich leicht zusammen, und ruckartig wandte Taichi seinen Blick ab, zog die Türe dann hinter sich zu. Der Träger der Tasche, mit all seinen Sachen, die er im Laufe der letzten Wochen hier gebunkert hatte, schnitt in seine Schultern, pendelte bei jedem Schritt durch den Raum gegen sein Bein. Er konnte hören wie Yamato ihm zum Ausgang folgte, wandte sich allerdings erst zu seinem Freund um als er den Eingangsbereich erreicht hatte, die Tasche für einen Moment neben sich abstellend.

Er konnte denselben wehmütigen Ausdruck in den blauen Augen erkennen, und irgendwie half es zumindest ein kleines Bisschen zu sehen, dass dem Älteren der Abschied ebenso schwerfiel wie ihm selbst. Wie würde es nun weitergehen? Mit ihrem stressigen Alltag würden sich ihre Treffen wieder auf Wochenenden beschränken, und selbst an diesen konnte ihm sein Nebenjob ganz leicht einen Strich durch die Rechnung machen. Es war naiv sich vorzumachen, dass sie ihre Beziehung einfach so fortsetzen konnten, wie sie sie in den letzten Tagen geführt hatten. Die gemeinsame Zeit würde sich rapide reduzieren und alleine die Vorstellung abends wieder alleine mit Combini Essen in seiner winzigen Wohnung zu hocken bereitete ihm ein unangenehmes Ziehen in seinem Magen. Kurz ging er in die Knie um sich seine sommerlichen Schuhe überzustreifen, blinzelte dann perplex als Yamato ihn von hinten umarmte, kaum, dass er sich wieder in einer aufrechten Position befand.

Für einen winzigen Moment schloss Taichi seine Augen, genoss einfach nur die Nähe, den warmen Atem, der erst seinen sensiblen Hals streifte, ehe weiche Lippen seine Haut berührten. Leise seufzend hob er schließlich eine Hand, vergrub seine Finger zärtlich in die blonden Strähnen, bevor er sich dann langsam zu seinem Freund herumdrehte. „Ich will auch nicht gehen…“, murmelte er ehrlich, während er seine Arme nun um den Nacken des Älteren schlang, ihn so noch näher an sich heranzog. „Versprich mir, dass wir uns trotzdem so oft wie möglich sehen, okay? Und ruf mich an sobald du Ishida-san alles erzählt hast.“ Schon alleine um zu verhindern, dass ihre Freunde die Neuigkeit auf irgendeinem anderen Weg erfuhren, hatten sie sich direkt nach dem fatalen Kampf dazu entschieden ihre Beziehung offiziell zu machen. Kôshiro schien noch immer nicht so recht zu wissen, wie er damit umgehen sollte, doch davon abgesehen waren die Reaktionen nach dem ersten Überraschungsmoment eigentlich durchwegs positiv gewesen. Obwohl seine Mutter bei jeder Gelegenheit verstohlen grinsend zweideutige Bemerkungen fallen ließ, wusste sein Vater nach wie vor nichts, doch früher oder später würde er auch hier klaren Tisch machen. Yamato hatte sich dazu entschieden Ishida-san alles persönlich zu erzählen, weshalb er sich dazu entschieden hatte schon verschwunden zu sein, wenn der Hausherr hier eintraf. Er erwartete sich keine negative Reaktion, allerdings war das dennoch ein Gespräch, dass wohl besser vorerst ohne ihn geführt werden sollte.

„Ich liebe dich, Yama.“, wisperte er schließlich leise gegen die nahen Lippen, bevor er diese sanft mit seinen eigenen verschloss, der Kuss voller Sehnsucht. Nur widerwillig löste er sich schließlich von seinem Freund um nach seiner Tasche zu greifen. Er hatte getrödelt, diesen Moment so lange es ging hinausgezögert, doch je länger er noch blieb umso schwerer würde der Abschied fallen. „Wir sehen uns dann am Wochenende, okay?“

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Als Taichi sich sachte in seinen Armen drehte, wusste er, dass nun der Moment des vorläufigen Abschieds gekommen war. Taichi zog aus… zurück in seine Wohnung und wahrscheinlich war sein Vater auch schon auf dem Weg zurück vom Flughafen. Sie hatte die Zeit herausgezögert solange sie konnten, dennoch war es viel zu schnell gegangen.
Agumon und Gabumon hatten sich bereits wieder am Vormittag in die Digiwelt verabschiedet, wobei es einer altklugen Erklärung von Gabumon bedurft hatte, um dem kleinen Dinosaurier zu erklären, warum es besser war sie nun für ein paar Stunden allein zu lassen.
Es würde eine Umstellung werden. Sie konnten sich an den Wochenenden sehen, aber auch das würde sich völlig von ihrem bisherigen Zusammensein unterscheiden.
Ihre Partner würden die meiste Zeit um sie sein und natürlich war das wundervoll, dennoch blieb da die Frage offen, wie viel Zeit sie für sich selbst haben würden.

„Ich liebe dich auch...“
Yamato hauchte weitere kurze und sehnsüchtige Küsse auf die weichen Lippen, löste sich erst widerwillig als Taichi sich erneut nach seine Tasche bückte.
Seine Mundwinkel verkrampften sich etwas bei den leisen Worten und er nickte kaum merklich, ehe der Sportler auch schon die Türe aufzog.
Am Wochenende…
Kaum zu glauben, dass sie bis vor etwa 5 Wochen so gut wie gar keinen Kontakt gehabt hatte, ihre Treffen rein sporadischer Natur und jetzt?
Jetzt konnte sich der blonde Schönling kaum mehr vorstellen ohne ihn zu sein.
„Wir sehen uns am Wochenende.“, wiederholte er dann einfach nur mit ruhiger Stimme, seine Lippen zu einem kleinen Lächeln angehoben, ehe er einen letzten Kuss auf die geliebten Lippen hauchte.
Und dann fiel die Tür ins Schloss und für einen Moment starrte Yamato einfach nur auf das glatte Panel.

Mit einem Mal war die Wohnung totenstill, der noch immer laufende Fernseher nicht in der Lage die Leere des Augenblicks zu vertreiben. Durch die Fenster fiel die rötliche Abendsonne und langsam durchquerte der ehemalige Musiker den Wohnraum. Er stoppte an der Couch, sein Blick melancholisch hinaus aus der großen Balkontüre gerichtet, hinter der die Rainbow Bridge in leichtem Dunst schimmerte. Nach allem was in diesen Wänden passiert war, waren die letzten Wochen die intensivste Zeit gewesen und ohne Taichi und ihre Partner, war die Ruhe hier kaum zu ertragen. Auch wenn sein Vater zurückkam, er glücklich war, dass diese Irren ihm nichts getan, ihn einfach nur verschwinden hatten lassen, war er kein Ersatz für seinen Freund.
Klar, er machte ebenso viel Chaos, wenn er denn einmal hier war, Krach für drei… aber Yamato würde nun wieder jeden Tag in eine leere Wohnung zurück kommen, allein einschlafen und allein aufwachen.
Er seufzte schwer, ehe er leicht in sich zusammenzuckte als er das Klicken der Tür hörte.
Sofort flackerte Taichis Bild vor seinen Augen auf, aber nach nur wenigen Sekunden schallte ihm die Stimme seines Vaters entgegen.
„Yamato?! Ich bin wieder zu Hause!“
„Willkommen zurück.“ Seine Lippen hoben sich zu einem ehrlichen Lächeln an. Hiroaki sah fertig aus wie eh und je, die Augen müde, die Ringe darunter dunkel und das lag sicher nicht nur an dem 12 Stunden Flug.

„Ich hab Taichi-kun unten in der Lobby getroffen. Er hätte ruhig noch bis zum Essen bleiben können. Es gibt doch Essen, oder?“ Das hoffnungsvolle Schillern in den Augen des älteren Herrn ließ Yamato leise Lachen, und kopfschüttelnd wandte er sich zur Küche um. Ja, Taichi war gegangen um ihm die Möglichkeit zu geben, allein mit seinem Vater zu sprechen… zu verhindern, dass sie sich mit ihrem auffälligen Verhalten outeten, noch bevor Yamato die Gelegenheit gehabt hatte, es ihm zu erklären. „Ja, ich hab für dich eingekauft. Du kannst wählen zwischen Yakisoba und Okonomiyaki.“ Leicht grinsend trat er auf den Kühlschrank zu, schon im Begriff diesen zu öffnen, doch die nun doch sehr gedrückte Stimme, ließ ihn innehalten.
„Wie geht es dir, Yamato?“ Da war Reue in Hiroakis Stimme. Bedauern, dass er wie immer nicht für seinen Sohn hatte da sein können und langsam drehte sich der Blonde wieder in den Raum zurück.

„Gut. Es geht mir gut.“ Sein Lächeln war sanft, erstaunlich friedfertig für seinen sonst so gereizten Ton und sofort sah er, wie sich die Mundwinkel des Mannes verkrampften.
„Gut...“ Betroffen zogen sich seine hellen Brauen zusammen, und leise durchatmend zuckte er die hängenden Schultern. Hiroaki hatte sich auf seine eigene Art immer bemüht.
„Yakisoba oder Okonomiyaki?“ Wiederholte Yamato dann erneute, die Hände nun salopp in die Seiten gestemmt. Es war nicht nötig ein deprimierendes Gespräch über verpasste Väterlichkeit zu führen. Sie wusste es beide. Es war wie es war und Yamato trug es ihm nicht nach.
„Yakisoba… Ich ziehe mich um und gehe duschen, okay?“ Das schiefe Grinsen zeigte dem blonden Schönling, dass sein Vater es ebenso sah wie er. Rührselige Gespräche waren nicht ihr Ding, nie gewesen, weshalb er einfach nur schlicht nickte.
Und dennoch, nachdem sie gemeinsam zu Abend gegessen hatten, würde er ihm alles erzählen. Alles was ihn und Taichi betraf.
Vor Ablehnung von Seitens seines Vaters fürchtete er sich allerdings irgendwie überhaupt nicht. So hart es auch war… Hiroaki machte sich seinetwegen so viele Vorwürfe… wahrscheinlich gab es nichts, was der ältere Herr nicht akzeptieren würde.

~*~

Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Taichis Lippen als er das gedämpfte Geräusch der Dusche aus dem Badezimmer hörte, die Hintergrundkulisse so viel schöner als der Fernseher, der ihm in den vergangenen Tagen als Flucht vor der Stille seiner Wohnung gedient hatte. Es war nur eine einzige Nacht gewesen, heute Abend würde Yamato schon wieder in sein eigenes Apartment nach Odaiba zurückkehren... Die Zeit zusammen war schön gewesen, doch irgendwie war es schwer vollständig aus dem Kopf zu bekommen, dass ihr Zusammensein nur wieder auf kurze Zeit beschränkt war. Den Großteil der nächsten Woche würde er wieder alleine in seinen vier Wänden verbringen, ohne seinen Freund einschlafen und ohne ihn aufwachen.

Ein tiefes Seufzen entkam seinen Lippen als er sich ein frisches Shirt über den noch nackten Oberkörper zog, sich dann fahrig durch die wirren Haare fuhr, womit er dem Gestrüpp auf seinem Kopf allerdings nur notdürftig Herr wurde. Ein Gähnen unterdrückend lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Anrichte der Küchennische, der wieder abkühlende Wasserkocher hinter ihm leise knackend. Sie hatten bis früh morgens nebeneinander gelegen, sich geküsst, geredet, einfach nur die Nähe genossen, bis sie erschöpft von der langen Woche eingeschlafen waren. Der letzte Sex war ewig her, und sein Körper verlangte eindeutig danach, doch irgendwie waren sie dafür einfach beide zu fertig gewesen. Sah so nun ihre Zukunft aus? Zumindest vorerst würde sich keine Lösung für ihr Problem finden lassen. Seine Wohnung war einfach nicht dazu geeignet ihnen beiden als zuhause zu dienen, der Platz viel zu gering, die Wände zu dünn.
Und auch wenn Ishida-san selten zuhause war, so wohnte er dennoch nach wie vor mit seinem Sohn zusammen. Kurz pendelte sein Blick zu seiner Tasche, die Ausdrucke der Makleragentur darin bisher noch nicht ausgepackt. Es war zu früh, oder? Er würde Yamato mit einem derartigen Vorschlag mit Sicherheit nur überfordern...

Erneut leise seufzend schüttelte Taichi kurz den Kopf, ehe er sich dann von der Anrichte abstieß um die nur angelehnte Badezimmertüre anzusteuern. Das leise Rauschen war verstummt, Yamato also offenbar fertig mit seiner Körperpflege. Eigentlich hatten sie zusammen duschen wollen, doch irgendwie hatten sie beide am Vorabend vergessen den Wecker zu stellen, womit ihr gedrängter Zeitplan nun noch knapper ausfiel.

~*~

Das warme Wasser auf seinem Körper weckte seine Lebensgeister und auch wenn Yamato einfach nur fertig von der letzten Woche war, seine Wiedereingliederung in die Uni ihn echt alles kostete um den verpassten Stoff nachzuholen, war er froh um die wenigen Stunden mit Taichi.
Dieses Wochenende hatten sie ihre Partner vertröstet… Gabumon würde ihn unter der Woche, am Abend alleine besuchen, denn irgendwann brauchten sie auch einmal etwas Zeit zu zweit.
Trotzdem… auch wenn sie zusammen waren, waren sie gestern beide so hinüber gewesen, dass an Sex nicht zu denken gewesen war… und für heute morgen hatten sie tatsächliche vergessen ihre Wecker zu stellen… Weshalb er einfach nur schnell unter die Dusche gesprungen war, während Taichi mit dem Kaffee auf ihn wartete. Sie hatten es eilig… Natürlich…
Aber irgendwann würde auch das wieder anders werden. Immerhin planten sie nicht jeden Tag hinaus aufs Land zu fahren, wo die Zugverbindungen einfach nur grausam waren.
Doch Taichi hatte es sich gewünscht und er wollte ihn begleiten.

Nachdenklich richtete sich sein Blick auf sein Spiegelbild, seine Hand erst einmal den Dunst von der glatten Oberfläche wischend, ehe sich seine Augen auf die fast zwölf Zentimeter langen Narbe richteten. Der letzte Schorf hatte sich eben bei der Dusche gelöst, entblößte nun frische rosa Haut, die sich deutlich von seinem sonst so blassen Teint abhob.
Er hatte bis zuletzt den Verband getragen… versucht dieses 'Ungetüm' so selten wie nur möglich anzusehen, doch nun war es an der Zeit sich damit zu konfrontieren. Damit und mit den daran haftenden Erinnerungen, an diesen fürchterlichen Tag am Strand.
Er machte Taichi keine Vorwürfe… hatte dem Wuschelkopf verziehen, doch das änderte nichts daran, dass er sich fühlte wie Frankensteins Monster… Die Klammern waren gelöst worden, die Wunde nach dem dritten Anlauf gut zusammengewachsen… und dennoch…
Ausdruckslos fuhr er mit den Fingern über die rosige Haut, wandte dann überrascht den Kopf zur Seite, als die Türe sich öffnete.
Sofort verkrampfe sich sein hübsches Gesicht, als brauen Augen sich auf ihn hefteten.

Er hatte versucht das 'Ungetüm' vor ihm zu verbergen, ihm diesen Anblick zu ersparen. Selbst als er ihm geholfen hatte die Verbände zu wechseln, war da stets die Kompresse als Sichtschutz gewesen… doch nun war es unnötig und nicht mehr weiter in die Länge zu ziehen, obwohl er wirklich fast froh gewesen war einer gemeinsamen Dusche zu entkommen…
Nun sah Taichi ihn an… und irgendwie hatte er Angst vor dem, was in dessen Kopf nun vor sich gehen musste…
Ein wenig müde drehte er den Schopf wieder zum Spiegel zurück, begutachtete sich ein weiteres Mal selbst: „Findest du es schlimm? Es ist hässlich, oder?“ Benahm er sich albern? Sollte er nicht einfach nur froh sein, dass sie beide lebten und wohlauf waren? Eigentlich hatte er sich geschworen, diese Narbe als gegeben hinzunehmen, doch nun wo er sie sah, war das plötzlich gar nicht mehr so einfach. Dennoch war das letzte was er wollte, dass sein Freund nun Schuldgefühle verspürte. Er musste sich zusammenreißen.

~*~

„Hey, Yama, wenn du noch Kaffee willst, solltest du langsam…“ Ruckartig brach er inmitten des Satzes ab als er die Badezimmertüre weiter aufzog, blaue Augen sich perplex auf ihn richteten, sich dann ein fast ertappter Ausdruck auf das noch von der warmen Dusche gerötete Gesicht stahl. Sein Freund hatte das Handtuch lose um seine Hüften geschlungen, die flache Brust damit noch komplett unverhüllt, die blasse Haut feucht glänzend. Allerdings war es vielmehr die nun frei sichtbare Narbe, die sich quer über den Torso des Älteren zog, die seine Aufmerksamkeit fesselte, an der sein Blick haftete, für einen Moment unfähig diesen davon loszureißen. Seine Mimik sprach Bände, offenbarte deutlich wie sehr es ihn schockierte wie groß die bleibenden Spuren des fürchterlichen Kampfes am Strand waren. Yamatos Körper war immer makellos gewesen, ohne auch nur die geringste Verletzung. Ganz anders als bei ihm selbst, wo man bereits an seinen Knien und Beinen erkennen konnte, dass die eine oder andere Sportverletzung sich mehr oder weniger sichtbar verewigt hatte.

Und er war dafür verantwortlich. Taichis Mimik verkrampfte sich, ehe sich seine dunklen Augen bei den leisen Worten weiteten. Natürlich interpretierte Yamato seinen entsetzten Blick völlig falsch, bezog seine überforderte Reaktion darauf, dass er die Narbe abstoßend und unansehnlich fand. Ja, er hatte seinen besten Freund früher immer wieder damit aufgezogen wie unfassbar Optik fixiert er war, wie viel Wert er auf sein Äußeres legte, doch erst jetzt wurde ihm in vollem Ausmaß bewusst, wie schlimm der Blick in den Spiegel für den Älteren nun sein musste. „Nichts daran ist hässlich, du Idiot. Du bist perfekt.“ Seine Worte waren nicht mehr als ein leises Wispern als er seine Hände an die noch feuchten Schultern legte, Yamato dann sanft aber bestimmt zu sich herumdrehte.

Zögernd berührte er mit seinen Fingerspitzen dann die gerötete Haut, seine dunklen Augen dabei keine Sekunde von der Narbe weichend. „Das hier war meine Schuld. Und jetzt ist es mein Versprechen an dich, dass ich nie wieder von deiner Seite weichen werde.“ Kurz hob er seinen Blick an, ehe er dann kaum merklich etwas in die Knie ging, mit seinen Lippen dann zärtlich die sensible Haut berührte.

~*~

Taichis Worte entlockten ihm ein schmales Lächeln, doch von perfekt war dieser Anblick weit entfernt. Trotzdem war es nun ein Teil von ihm… ein Teil von ihnen.
Zögernd blickte er in die braunen Ovale, fand darin Schuldgefühle aber auch Wärme und als der Jüngere sich dann leicht nach unten neigte, die Narbe sanft mit den Lippen berührte, zog sich Yamatos Brust eng zusammen.
„Ich hoffe, dass sagst du nicht nur, weil du dich für mich verantwortlich fühlst.“ Sachte legte eine Hand an Taichis Wange, zwang ihn so den Kopf wieder zu heben, ihn anzusehen.
Kurz hielten die den Blickkontakt aufrecht, ehe der Blondschopf seinen Freund zu sich zog, seine Lippen dann mit den eigenen versiegelte.
Er liebte ihn und völlig egal was passiert war, nichts würde es schaffen das zu ändern.

Zögernd trennte er den Kontakt, zog dann die warmen Finger erneut über die neue Haut, auf der sich sofort ein leises Prickeln ausbreitete.
Die Luft zwischen ihnen begann zu knistern, doch es war schon viel zu spät… und schon am Abend musste er zurück in seine eigene Wohnung. Sie benötigten Zeit für sich, waren einfach zu verwöhnt von ihrem provisorischen Zusammenleben und Yamato vermisste es.
„Ich hasse es, dass wir keine Zeit haben...“ Sehnsüchtig blickte er in die braunen Augen, seine Finger noch immer auf Taichis ruhend. Sie würden sich daran gewöhnen müssen, nicht wahr? An das alles. An die wenige Zweisamkeit, an die Narbe auf seiner Brust, daran, dass das Leben für einen Moment einfach zu schön gewesen war, um wirklich wahr zu sein.
„Ich beeile mich. Versprochen.“ Damit trat er mit noch nassen Haaren an Taichi vorbei in die kleine Wohnung, machte vorerst dem Jüngeren Platz, damit auch er die Gelegenheit bekam sich Ausgehfertig zu machen.

~*~

Langsam löste er seine Lippen von der wunden Haut, hob seinen Kopf dann wieder an, während er sich im selben Atemzug wieder vollständig aufrichtete. „Ich bitte dich, Yama… Du müsstest mich mittlerweile gut genug kennen um zu wissen was für ein unfassbar mieser Lügner ich bin. Ich fühle mich dafür verantwortlich, ja. Du kannst nicht leugnen, dass es meine Schuld war, dass du verletzt worden bist.“ Da war Reue in seinem Blick, Schulgefühle, die er nicht in der Lage war zu unterdrücken, doch er würde lernen müssen damit klar zu kommen. Diese Narbe würde nicht wieder verschwinden, ihn damit allerdings nicht nur an diesen furchtbaren Kampf erinnern, sondern auch an all die Momente danach, in denen Yamato immer wieder verzweifelt seine Nähe gesucht hatte. Ohne dabei Rücksicht auf seinen eigenen Zustand zu nehmen… Sie gehörten zusammen.

Zärtlich zeichnete er mit den Fingerkuppen die leichte Erhebung auf der weichen Haut nach, spürte augenblicklich das Schaudern unter der sanften Berührung. Dummerweise holte Yamatos dunkle Stimme ihn dann auch schon zurück in die bittere Realität, erinnerte ihn erneut daran, dass sie unter Zeitdruck standen. Und dann trat der Ältere auch schon aus ihm vorbei in den kleinen Wohn- und Schlafraum seines Apartments, löste damit den Kontakt, brach den winzigen Moment von Intimität. Es war nicht genug. Sich nur wenige Stunden am Wochenende zu sehen reichte einfach nicht aus. Im Grunde sehnte er bereits am Montag den Samstag entgegen, quälte sich irgendwie durch die Woche nur um nach einer einzigen Nacht zusammen schon wieder von Yamato getrennt zu werden.

Erneut pendelte sein Blick zu seiner Tasche, seine Mimik kurz unschlüssig, überfordert, ehe der dunkelhaarige Wuschelkopf sich doch einen Ruck gab. „Yama, lass uns zusammenziehen.“ Keine einleitenden Worte, keine Vorwarnung. Gerade heraus, so wie er eben war. Vielleicht war es zu früh, völlig überstürzt, aber weshalb sollten sie mit diesem Schritt noch länger warten? Sie hatten über mehrere Wochen hinweg bewiesen, dass sie zusammen funktionierten. Ja, klar, sie hatten ihre Gefühle zueinander erst vor kurzer Zeit realisiert, doch Yamato war seit etlichen Jahren als sein bester Freund an seiner Seite. Sie hatten früher tagtäglich zusammen verbracht, kannten all ihre Macken in und auswendig, und hatten trotzdem gelernt damit umzugehen. „Ich… hasse es dich heute schon wieder gehen lassen zu müssen. Wir haben so überhaupt keine Zeit füreinander. Wenn ich die Wochenendschicht reingedrückt bekomme, sehen wir uns zwei Wochen am Stück überhaupt nicht. Ich will das nicht.“

~*~

Abrupt hielt der blonde Schönling in der Bewegung an, stierte ein wenig überfordert auf seine Tasche, ehe er sich zu Taichi zurückdrehte. Zusammenziehen? Kurz starrte er den braunhaarigen Wuschelkopf noch mit leicht geöffneten Lippen an, der Vorschlag oder vielmehr die Forderung, kam so plötzlich und aus dem Nichts, dass er absolut nicht damit gerechnet hatte. Etwas verwirrt schüttelte er erst kurz den Kopf, ehe er seine Lippen zu einem schiefen Grinsen verzog.
„Wirklich? Einfach so?“ Noch immer etwas überfahren wandte er sich zu seiner Tasche zurück, beförderte frische Sachen zu Tage. Es regnete und im Verhältnis zu den letzten Wochen war es endlich etwas abgekühlt. Aber der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Eigentlich wohnte er nur noch aus Bequemlichkeit bei seinem Vater. So sparte er es sich, so wie Taichi, einen Job neben der Uni anzunehmen, wohnte mietfrei aber…
Nachdenklich streifte er sich langärmlige Leinenhemd über, wandte sich dann wieder zu seinem Freund um, der ihn noch immer wartend fixierte.

Er nickte schlicht, in seinen blauen Augen ein plötzlich überzeugter Ausdruck. Er wollte auch nicht nur stundenweise mit ihm zusammen sein. Sich nicht darauf verlassen, dass er an den Wochenenden frei hatte… Er wollte neben ihm einschlafen und aufwachen… jeden Tag.
„Lass uns zusammen ziehen.“ Er würde sich einen Job suchen… würde es irgendwie schaffen, das alles unter einen Hut zu bekommen. Immerhin schaffte Taichi es auch. „Ich will auch nicht mehr von dir getrennt sein.“ Seine Lippen hoben sich zu einem schmalen Lächeln an, ehe ihm ein leises Lachen entkam, weil Taichi ihn nun nur noch mehr anstarrte, offenbar nicht glauben konnte, dass er eben tatsächlich ohne weiteres eingewilligt hatte.
„Starr mich nicht so an und mach dich fertig. Wir sind jetzt schon zu spät dran.“
Damit wandte er sich wieder seinen Sachen zu, schloss das Hemd mit geschickten Fingern und brachte damit auch die Narbe zum Verschwinden.
Sie konnten im Zug reden… sich Gedanken um eine gemeinsame Zukunft machen. Aber Yamato konnte nicht leugnen, dass er diesen unausgesprochenen Plänen schon jetzt entgegen sehnte.

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Er konnte die Überraschung in den blauen Augen sehen und für einen Moment schien Yamato zu überfordert um mit mehr als sprachlosem Starren zu reagieren. Die perplexe Stille zog sich und mit jeder verstreichenden Sekunde wich seine selbstbewusste Euphorie mehr und mehr der ernüchternden Erkenntnis, dass er den Vorschlag tatsächlich überstürzt hatte. Klar, ihr Zusammenleben war eine Notlösung gewesen, keine bewusste, dauerte Entscheidung. Sich tatsächlich für ein gemeinsames Leben, eine Wohnung zu zweit zu entscheiden war etwas völlig anders. Gerade weil Yamato eigentlich bequem ohne Miete zu zahlen zuhause wohnen konnte. Hastig wollte er den Mund öffnen um seine Forderung mit einer saloppen Bemerkung zu entkräften, einen Scherz daraus zu machen, doch bevor er auch nur einen Ton sagen konnte kam ihm sein Freund zuvor.

Und dann weiteten sich seine braunen Augen, nun eindeutig er selbst an der Reihe den Älteren anzustarren, ehe seine Mimik sich von völlig perplex zu grenzenlos erleichtert und überglücklich änderte. Strahlend schlang er seine Arme um Yamato, riss den Blondschopf damit euphorisch an sich. Er konnte hören wie dieser erst überrascht auf keuchte, ehe dann amüsiertes Lachen an sein Ohr drang. Ruckartig löste er die Umarmung dann auch schon wieder, steuerte dann unter irritierten Blicken seine Tasche an um verlegen grinsend die Ausdrucke des Maklerbüros herauszuziehen. Vor Ungeduld riss er die Klarsichthülle dabei mit etwas zu viel Gewalt heraus, wobei der gesamte Inhalt herausrutschte, die einzelnen Zettel zu Boden segelten.

„Ah; sorry! Ich weiß, wir haben keine Zeit. Ich dachte nur… ich war gestern schon einmal beim Makler um nachzufragen. Sollte ja ne Wohnung zwischen unseren Unis sein. Und auch irgendwie nahe an Odaiba, oder? Du brauchst auch einen Abstellplatz für dein Motorrad. Ich dachte auch ein Sportplatz in der Nähe wäre ganz schön, vielleicht fang ich doch wieder zum Fußballspielen an.“ Ohne Punkt und Komma prasselte sein Redefluss über Yamato herein, während er hastig in die Knie ging um das ausgestreute Papier wieder aufzusammeln. „Wir können uns die verschiedenen Angebote auf der Fahrt ja schon mal ansehen, oder?“ Als er seinen Kopf wieder anhob, offenbarte seine Mimik überdeutlich wie unfassbar glücklich er war.

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Yamatos Augen weiteten sich erst überrascht, ehe sein Ausdruck deutlich sanfte Züge annahm. Taichi hatte sich bereits einige Gedanken gemacht wie es schien, der Vorschlag gar nicht so aus dem Nichts kommend, wie der Blonde zuerst angenommen hatte.
Ein Makler und viele Ideen für eine gemeinsames, bequemes Zusammensein, in der Mitte ihrer Unis. Das zugehörige, überglückliche Lächeln, ließ sich Yamatos Magen flau zusammenziehen, zeigte ihm nur einmal mehr, wie sehr er diesen Chaoten vor sich liebte.
„Klingt perfekt.“, hauchte er dann mit liebevoller Stimme, während er Taichi eine Hand hinstreckte um ihm wieder noch oben zu helfen, die Klarsichtfolie mit den verschiedenen Angeboten in dessen schlanken Fingern. „Ich kann's kaum erwarten.“ Und es war die absolute Wahrheit. Alleine die Vorstellung auf ein baldiges Zusammenleben, ließ die Schmetterlinge in seinem Innern völlig verrückt spielen. Gabumon und Agumon würden sich sicher auch freuen wenn sie nun immer zusammen sein konnten. Sie vier, als kleine Familie. Nach all dem Chaos und dem Kummer hatten sie das mehr als verdient, oder?

Und als sie schließlich weitere fünfzehn Minuten später, tatsächlich bereits fertig, die Wohnung verließen (Yamatos Handgriffe waren, was seine Frisur betraf, eben komplett perfektioniert) schüttelte sich der Blondschopf etwas schaudernd, seine blauen Augen in das triste Grau gerichtet.
Dicke Regentropfen prasselten auf den Asphalt der Straßen, ließ den Tag, trotz des frühen Vormittags dunkel und drückend wirken.
Tief seufzend spannte er seinen Regenschirm auf, blickte dann knapp über seine Schulter, als Taichi nur ein paar Schritte hinter ihm den Eingangsbereich des Wohnblocks verließ. Zur Station waren es nur ein paar Blocks, doch auch wenn sie die Fahrt über an ihren gemeinsamen Plänen feilen wollten, konnte er nun doch die ersten Zeichen von leichter Anspannung in dem hübschen Gesicht seines Liebsten erkennen. Und nach allem was er mittlerweile wusste, konnte er es nun tatsächlich verstehen…

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Schwere Regentropfen perlten vom durchsichtigen Plastik seines Schirms, der Himmel grau und Wolken verhangen. Der Kiesel knirschte unter seinen Schuhen als er mit ausdrucksloser Mimik den Menschenleeren Weg entlang steuerte, das einzige Geräusch neben dem leisen, gleichmäßigen Trommeln des Regens auf der gespannten Oberfläche des Schirms. Es war beinahe gespenstisch wie ruhig es an manchen Orten außerhalb dieser riesigen Metropole sein konnte, dass es tatsächlich möglich war nur etwa zwei Stunden von Tokyo entfernt weite Reisfelder und beinahe ohrenbetäubend wirkende Stille zu finden. Er konnte in der Ferne das leise Klackern des Bambusrohres eines traditionell japanischen Brunnens hören, ein Geräusch wie aus einer längst vergangenen Zeit.
Die feuchte Nässe kroch durch seine Hosenbeine, und es roch nach Herbst. Wie in Trance steuerte er sein Ziel an, der Weg verinnerlicht in seinem Kopf. Kurz hielt er inne als seine dunklen Augen das Steinmonument am Ende des Weges fixierten, die Blumen darauf frisch. Auch noch Jahre später gab es genug Menschen, die ihm den Respekt zollten, den er verdient hatte. Selbst wenn sie alle wussten, dass die Urne im Inneren des shintoistischen Grabsteins leer, sein Körper niemals gefunden worden war.
Schweigend trat er schließlich näher, die um den prachtvollen Blumenstrauß gewickelte Cellophanfolie unter seinen Fingern leise knisternd, während er die andere Hand fester um den Griff des Regenschirms schloss. „Hey, Nishijima-sensei. Ist… schon wieder eine Weile her…“, brach er schließlich mit belegter Stimme die Stille, der Kloß in seinem Hals auch nach all der Zeit nicht kleiner als zuvor.
Das leise Knirschen des Schotters riss ihn aus seinen Gedanken, und hastig wischte er sich mit dem Handrücken über die feuchten Lider, ehe er seinen Kopf leicht zur Seite drehte. „Ich weiß, du wolltest, dass ich im Taxi warte. Ich wollte nur sichergehen, dass alles…“ Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen und tiefe Dankbarkeit erfüllte ihn als seine dunklen Augen sich auf seinen besten Freund und Partner richteten. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht so lange warten lassen.“ Für einen Moment war nur das leise Prasseln des Regens zu hören, die blauen Ovale direkt auf ihn gerichtet, doch obwohl er die Sorge darin sehen konnte, drang kein Ton über Yamatos Lippen. Der Ältere kannte ihn gut genug um zu wissen, dass er diesen Moment benötigte, dass es schlichtweg ausreichte einfach nur da zu sein.
„Vielen Dank, Sensei. Für den Mut, den ich ohne Ihre Worte nicht gefunden hätte. Für diese Chance, die ich nur Ihnen zu verdanken habe.“ Seine Stimme nicht mehr als ein leises Wispern, während er leicht in die Knie ging um den kunstvoll gebundenen Strauß Blumen auf den Marmorstein zu legen, ohne darauf zu achten, dass er bei dieser Bewegung den Schirm etwas von sich zog, die schweren Tropfen sofort seine Schultern durchnässten.
Der bunte Strauß trotzte der tristen Dunkelheit des Regentages, die intensiven Farben wie ein Anker aus Farbe in der grauen Umgebung. Ein Zeichen der Hoffnung, ein Symbol von beständiger Dankbarkeit.
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