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Summer Days

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
Taichi "Tai" Yagami und Agumon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
06.11.2020
24.01.2021
7
119.281
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06.11.2020 17.173
 
Summer Days
Chapter 01
-Yoga mal anders-



Yamatos Finger glitten andächtig über den glatten, festen Stoff seiner Basstasche. Es hatte sich bereits eine kleine Schicht Staub daraufgelegt und wenn der blonde Ex-Musiker einmal ehrlich war, fürchtete er fast, dass sich an den einmal wohlklingenden, tief surrenden Saiten, auch bereits ein wenig Rost abgesetzt hatte. Er sollte ihn öfter spielen, doch es fehlte die Zeit und tatsächlich auch die Motivation. Wie sollte man sich auch zu etwas motivieren, wenn es einem doch nur deutlich zeigte, was man in seinem Leben nicht geschafft hatte?

Es hatte da mal eine Zeit gegeben, in der Yamato geglaubt hatte, er könnte mit seiner Band die Bühnen dieser Welt erobern. Immer dann, wenn die Scheinwerfer in den kleinen Clubs seine Haut mit diesem wohligen, von Adrenalin herrührenden Schweiß bedeckt hatten. Immer dann wenn das Publikum ihnen zugejubelt und manchmal sogar die Songs, die er geschrieben hatte, mitgesungen hatte. Immer, wenn die Augen seiner Freunde sich auf ihn gerichtet und ihm gesagt hatten, dass er da etwas Wundervolles geschaffen hatte.
Bei jedem neuen, unausgereiften Song, den er seinem besten Freund vorgespielt und ihn um seine Meinung gefragt hatte, obwohl er wusste, dass er mit Sicherheit der Mensch war, der in Tokyo am wenigsten Ahnung von Musik hatte.

Sie sahen sich in letzter Zeit nicht oft.
Und allein dieser Gedanke bescherte dem blonden Schönling ein unangenehmes Ziehen in der Brust.
„Yamato, was ist los? Warum starrst du die ganze Zeit deinen Bass an? Möchtest du mal wieder etwas üben?“ Die sanfte Stimme seines Digimonpartners riss ihn aus seinen Gedanken und ein wenig überrumpelt drehte er sich um.
„Ähm, nein. Ist schon gut. Er ist gerade sowieso in keinem spielbaren Zustand.“ Seine Augenbrauen zogen sich begleitet von einem wehmütigen Lächeln nach oben und obwohl es nicht verzweifelt wirken sollte, war er sich sicher, dass sein blau pelziger Freund ihm sein Unbehagen deutlich ansah.

„Warum hast du aufgehört wenn es dich traurig macht?“
Eine kurze Stille trat ein und für einen Moment war nur das Surren des aufgeklappten Notebooks zu hören, auf dessen Display die Notizen der letzten Vorlesung flimmerten.
Ja, warum?
Vielleicht weil es schwer war mehrere Träume zu haben und sie zu verfolgen?
Vielleicht weil er sich irgendwann nicht mehr so viele Chancen ausgerechnet hatte, dass ein Produzent auf sie zukommen würde?
Es hatte angefangen nachdem Omegamon zu seiner bisher imposantesten Stufe digitiert war. Nachdem sie den Kampf in der Tokyo Bay gewonnen und nachdem Mochizuki wieder nach Tottori gegangen war.

Nachdem Taichi sich ein reelles Ziel vor Augen gesetzte hatte… einen reifen Wunsch, eine respektable Zukunft. Nishijima-sensei war dabei sein Wegweiser gewesen.
Und Taichi seiner.
Zugegeben, der Weg zu den Sternen war vielleicht noch immer ein ebenso 'kindischer' Traum, wie eine Musikkarriere… aber selbst wenn er es nicht bis zur NASA schaffen solle, so konnte er doch so den Sternen näherkommen, als sie nur in einer lauen Nacht von seinem Fenster aus zu beobachten.
Die Sterne, die sie seit ihrer Kindheit gemeinsam betrachteten.
„Yamato?“

Wieder schreckte er auf, realisierend, dass er Gabumons Frage nicht beantwortet hatte.
„Ich bin nicht traurig.“, log er mit einem schmalen Lächeln. „Ich musste mich nur entscheiden.“
„Das versteh ich nicht. Dann mach doch beides.“
Es war immer wieder erstaunlich, wie wenig die Digimon sich veränderten. Wie sie sich die Kindheit in ihrem Herzen erhielten, die ihnen selbst langsam immer mehr abhanden kam.
„Wolltest du dich nicht mit den anderen Digimon am Strand der File Insel treffen?“, unterbrach Yamato das Gespräch, weil er selbst keine wirkliche Antwort auf die Frage hatte. Wegschieben war da doch gerade die einfachste Alternative.
„Oh, du hast recht! Ich komme schon zu spät! Ich besuche dich morgen wieder!! Bis später, Yamato!“ Und mit einem hellen Licht verschwand sein treuer Freund durch das Notebook in die Digitale Welt.
Er sollte selbst auch einmal wieder hinüber gehen… er konnte sich kaum erinnern wann er das letzte Mal Zeit dort verbracht hatte. Doch Zeit war knapp… Zumindest redete sich der blonde Student das ein.
Aber tief in seinem Innern wusste er, dass er sich diese kostbaren Momente einfach frei räumen konnte, wenn er nur wollte… Was war nur los mit ihm?
Verlor er sich? Jetzt wo er einen klaren Weg vor Augen hatte? Wie ging es Taichi damit?
Fühlte er sich auch so? Spielte er überhaupt noch Fußball? Und warum wusste er das eigentlich nicht?

Wieder dieses unangenehme Ziehen und seine Hand wanderte wie automatisch zu seinem Handy.
Taichis Kontakt war mittlerweile sehr weit nach unten gerutscht. Warum?
Die ersten zehn Nummern gehörten Kommilitonen, und Takeru, zu dem er immer, egal was auch kommen würde, einen engen Kontakt pflegte.
Und dann irgendwann war da ein Bild des braunhaarigen Wuschelkopfs. Eins das er nicht kannte. Sein letztes Profilbild hatte, wenn Yamato sich recht erinnerte, die Rainbow Bridge gezeigt. Taichis Lieblingsmotiv, das ihn auch immer wieder an Odaibas schmalen Sandstrand zurückzog. Jetzt war es sein bester Freund selbst, zusammen mit seiner Schwester. Beide lächelten zufrieden in die Kamera und ein wohlig warmes Gefühl breitete sich im Bauch des Ex-Musikers aus als er in das ach so bekannte Gesicht blickte.

Die letzte Nachricht war Wochen her.
//Wie läuft das Studium?//, hatte Taichi ihn gefragt.
//Stressig.//, seine Antwort.
//Oh je. Dann keine Zeit sich mal zu treffen?//
//Im Moment nicht, sorry.//
//Schade! Aber melde dich doch mal, wenn du Lust hast was zu machen!//
Und auf diese Nachricht hatte Yamato nicht einmal mehr reagiert.
War er ein Idiot? Das lag über zwei Wochen zurück?!

Sofort öffnete er ein neues Textfeld.
//Hey, sorry, dass ich mich so ewig nicht gemeldet hab. Hast du Zeit was zu unternehmen?//
Yamato spürte wie sich sein Herzschlag beschleunigte, ohne dass er wusste warum.
War es das schlechte Gewissen? Hatte er Angst, dass Taichi sauer war?
Unsinn! Er würde jetzt einfach seine Antwort abwarten und Ende.

~*~

Ein lautes Fluchen entkam Taichis Lippen, während er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einem Bein zur Seite hüpfte, wobei er bei seiner fast artistisch anmutenden Showeinlage noch die gerade geöffnete Bierdose umfegte. Sprudelnd ergoss der Inhalt sich über die Tischplatte, tropfte, natürlich, wie sollte es auch anders sein, auf den Teppich und sog sich augenblicklich in das weiche Material. Perfekt. Absolut grandios. Als ob es nicht schon reichte, dass sein Apartment kaum größer als eine Schuhschachtel war, jetzt roch es hier auch noch wie in einem billigen Izakaya.

Zumindest klang der horrende Schmerz in seinem großem Zeh langsam ab, das dumpfe Pochen zwar alles andere als angenehm, aber zumindest so erträglich, dass er zum Tisch humpeln und die Dose aufheben konnte. Leise seufzend musterte er den dunklen Fleck auf dem feinmaschigen Gewebe, ehe er das alkoholische Getränk dann an seine Lippen führte und einen großen Schluck vom verbliebenen Inhalt nahm. So. Die beste Art und Weise der Schmerzbewältigung. Und um einen viel zu langen, mühsamen Tag zu beenden.

Der Montag war schlichtweg ein Horrortag. Sein Vormittag war vollgestopft mit Unikursen, der Nachmittag mit dem Versuch die zuvor gehörten Inhalte auch zu verstehen, der Abend mit seinem Aushilfsjob im Pachinko Parlor. Auch wenn der Verdienst daraus natürlich unmöglich reichte um für seine gesamten Kosten aufzukommen, seine Eltern ihm mehrmals versichert hatten, dass es weder notwendig war auszuziehen, noch selbst Geld zu verdienen, war er dennoch froh darüber diese Entscheidungen getroffen und durchgezogen zu haben. Egal wie anstrengend sein Alltag manchmal sein mochte, zumindest schaffte er es so sich ein klein wenig Selbstständigkeit anzueignen.

Noch in seiner Arbeitskluft, einem weißen Hemd, schwarzen Jacket, sowie schwarzen Hosen, ließ Taichi sich auf das ungemachte Bett fallen, stopfte dabei mit einer Hand die zerknüllte Decke unter seinen Nacken, während er mit der anderen erneut die Bierdose an seine Lippen führte. Nach dem ohrenbetäubenden Lärm in der Pachinkohalle war die Stille in dem kleinen Apartment nun schon fast zu erdrückend, sodass der Wuschelkopf fahrig nach der Fernbedienung angelte, um dafür zu sorgen, dass gleich darauf gedämpfter Ton aus den Boxen drang, irgendeine Quizshow auf dem Flachbildschirm erschien. Die Wände seines Apartments waren so dünn, dass er selbst die Toilettenspülung aus der Nachbarwohnung hören konnte, sodass er den Fernseher eigentlich nur als Geräuschkulisse laufen ließ, gar nicht wirklich in der Lage bei der geringen Lautstärke irgendetwas zu verstehen.

Ein weiteres leises Seufzen entkam seinen Lippen, während er müde die Augen schloss. Es war nicht so, dass er dem Unialltag überhaupt nichts abgewinnen konnte, ihn die Studienfächer nicht interessierten. Er hatte sich ein Ziel gesetzt, für einen Zukunftsweg entschieden, den er nun auch verbissen durchziehen würde. Es war ihm nicht sonderlich schwer gefallen Anschluss zu finden, sodass er seinen Freundeskreis um zahlreiche Bekanntschaften und vielleicht sogar neue Freunde erweitert hatte. Nein, es mangelte ihm sicher nicht an sozialen Kontakten, und dennoch… gerade in solchen Momenten vermisste er seinen besten Freund. Die Vergangenheit hatte ihre Gruppe, und vor allem ihn und Yamato zusammengeschweißt, doch der Alltag sorgte mehr und mehr dafür, dass die zuvor regelmäßigen Treffen nur noch sporadischer stattfanden. Auf seine letzten Nachrichten vor zwei Wochen hatte der Blondschopf ihm nur einsilbig geantwortet, schließlich gar nicht mehr reagiert. Er konnte es ihm nicht verdenken. Sie waren eben keine Kinder mehr, keine Schüler mit jeder Menge Freizeit.

Der dunkelhaarige Wuschelkopf blinzelte verwirrt als der Bildschirm seines Handys plötzlich aufleuchtete, das Mobiltelefon vibrierte, leerte den kläglichen verblieben Rest der Bierdose dann mit wenigen Schlucken, ehe er diese auf dem Boden neben dem Bett abstellte, und stattdessen nach dem Smartphone angelte. Mit müdem Blick entsicherte er den Bildschirm, bevor sich seine dunklen Augen dann perplex weiteten, die Müdigkeit plötzlich mit einem Mal aus seinem Gesicht verschwunden. Automatisch zuckten Taichis Mundwinkel nach oben, amüsiert über das Timing des Älteren, und hastig richtete er sich etwas auf um die Nachricht zu beantworten. Er war nach wie vor kein Technikgenie, bevorzugte eigentlich den persönlichen und vor allem deutlich einfacher zu bedienenden Weg eines Telefonats, doch dafür war es mittlerweile wohl schon zu spät. Mit vor Konzentration angespannter Mimik tippte er die Antwort auf dem Touchscreen, wobei er mehrere Anläufe benötigte, bis es ihm endlich gelang die Worte schließlich ohne automatische Autokorrekturfehler abzutippen und zu versenden.

//Kein Problem, war auch im Stress. Wann hast du Zeit? Passt Yoga?//

Ein leises Fluchen entkam seinen Lippen. Okay, fast ohne Fehler.

//Yakiniku. Nicht Yoga.//

~*~

Yamatos Mundwinkel zuckten nach oben als er noch einmal über die Nachricht auf seinem Screen las. Autokorrektur war noch niemals Taichis bester Freund gewesen, aber das machte die Sache auch fast jedes Mal so amüsant.
Sie hatten daraufhin recht schnell einen Termin gefunden und sich ein passendes Lokal ausgemacht, und vor eben diesem hatte der Blondschopf nun sein weißes Motorrad geparkt. Es war eine Weile her, dass sie zusammen Essen gewesen waren. Letztes Mal hatten sie Hikari und Takeru begleitet und dass sie einmal in der gesamten Gruppe herumgezogen waren, war noch länger her.
In den letzten Jahren hatten sie sich nicht einmal am 01. August getroffen… Früher hatte er Joe nicht verstehen können, ihn sogar dafür verurteilt, dass er seine Ausbildung über alles stellte, doch heute lag die Sache anders. Er verstand es sogar 'zu' gut.

Seufzend fuhr er mit den Fingern über den weißen Lack seiner Maschine, betrachtete die sich darin spiegelnden Lichter des Lokals und der umliegenden Straßenlaternen.
Er bereute seinen Weg nicht und trotzdem gab es Dinge die er manchmal schmerzlich vermisste. Es hinderte ihn niemand daran in die Digiwelt zu reisen, doch er tat es nicht. Irgendwie fehlten ihm die anderen. Sora hatte er, obwohl sie beide noch auf Odaiba wohnten, auch schon seit Monaten nicht mehr gesehen, ebenso Mimi oder Kôshirô… und das obwohl er der Träger des Wappens der Freundschaft war.
Eigentlich sah er nur Takeru und Gabumon regelmäßig und das Meiste was er zur Zeit über seine Freunde wusste, erfuhr der durch die beiden.

Die zwei hatten es wirklich gut. Takeru war noch in der Schule, traf Daisuke und die anderen also täglich, genau wie die Digimon sich noch immer regelmäßig sehen konnten. Niemals hatte Yamato geglaubt, dass der Weg zum Erwachsenwerden mit so vielen Verlusten gesäumt sein würde.
Noch einmal seufzte er tief, ehe er die Augen auf die Straße richtete.
Eigentlich musste der dunkelhaarige Wuschelkopf bald kommen, vorausgesetzt er hatte sich nicht wieder völlig mit seinem Zeitmanagement verzettelt.
Noch einmal prüfte er sein Smartphone, doch es war keine weitere Nachricht eingegangen.
Vielleicht sollte er einfach schon reingehen und einen Tisch organisieren…

~*~

Außer Atem zerrte der dunkelhaarige Wuschelkopf sein Suica Case aus der Tasche, berührte mit der Karte kurz das automatische Touchpanel, ehe er dann auch schon durch die Schranke stolperte. Er war spät dran, mal wieder, doch dieses Mal gänzlich fremdverschuldet. Er hatte sich extra für die Nachmittagsschicht in der Pachinko Hölle eintragen lassen, um rechtzeitig zum Abendessen mit Yamato zurück in Asagaya zu sein, doch es war einfach zu viel los gewesen um den Laden pünktlich zu verlassen. Statt seinem ursprünglichen Plan zuvor noch kurz nachhause zu laufen um sich umzuziehen, war er nun also gezwungen in seiner unfassbar prickelnden Arbeitskluft zum vereinbarten Treffpunkt zu hetzen. Glücklicherweise hatte der Ältere ihm die Auswahl überlassen, seinem Lieblingsrestaurant zugestimmt, sodass er zumindest den Weg dahin problemlos finden würde.

Es war schon verblüffend wie rasch er es geschafft hatte für seinen besten Freund einen Abend freizuschaufeln, und das obwohl er sich einredete schon seit Wochen zu gestresst zu sein um seinen Eltern einen Besuch abzustatten. Es war möglich Zeit zu finden, der tatsächliche Wille dazu war nur notwendig.

Die wenigen Minuten die er zum Restaurant joggend zurücklegte, führten ihm vor Augen, dass seine Kondition eindeutig nachgelassen hatte, er bei weitem nicht mehr dieselbe Ausdauer besaß wie zu seiner Schulzeit, in der er fast täglich mehrere Stunden auf dem Fußballplatz verbracht hatte. Wann hatte er eigentlich das letzte Mal richtig gespielt? Es war so lange her, dass er sich nicht mehr richtig daran erinnern konnte. Klar, zum Teil lag es bestimmt auch an seinen unbequemen Klamotten, dem ihn einschnürenden Jacket, sowie seiner schweren Tasche, doch das alleine war mit Sicherheit nicht dafür verantwortlich, dass die paar Meter schon dafür sorgten, dass sein Puls rascher ging, es ihm zusehends schwerer fiel ruhig und gleichmäßig zu atmen.

Seine Mundwinkel verzogen sich reflexartig zu einem verlegenen Grinsen als er schließlich endlich den vereinbarten Treffpunkt erreichte, er schon von weitem den markanten Blondschopf erkannte, der auf sein Handy starrend vor dem Restaurant wartete. „Sorry, Yama, ich bin nicht früher los gekommen!“ Übertrieben zerknirscht rieb er sich den Hinterkopf, senkte für einen winzigen Moment reuevoll den Blick, wobei er in seinem Aufzug wie ein Kellner wirkte, der versehentlich eine falsche Bestellung geliefert hatte. „Wartest du schon lange? Bist du wirklich mit dem Motorrad hier in die Gasse rein? Wow, ich glaub nicht, dass das erlaubt ist. Vielleicht parkst du besser da drüber, nicht direkt vor dem Laden. Ich bezweifle, dass du willst, dass dein Baby abgeschleppt wird.“

Wie immer war es nicht sonderlich schwer seine Emotionen in seinem Gesicht zu lesen, die Freude über das Treffen nach so langer Zeit überdeutlich sichtbar. Klar, die leichten Ringe unter seinen Augen konnte er auch so nicht gänzlich verbergen, doch zumindest vorerst war die Müdigkeit aus den braunen Ovalen gänzlich verschwunden.

~*~

Die Stimme seines besten Freundes ließ ihn aufblicken und das leichte Lächeln in seinem Gesicht wandelte sich in Sekundenschnelle in Verwunderung. Taichis Erscheinung war… unerwartet.
Klar, Yamato wusste, dass der Jüngere in einer Pachinko Halle jobbte, aber er hatte ihn noch niemals in seiner Arbeitskluft gesehen, geschweige denn so völlig außer Puste vom Joggen. Er machte ja ihm selbst Konkurrenz. So war das also, wenn ein Ex-Sportler in die Jahre kam.
Doch noch ehe Yamato überhaupt zu einem 'Hi' oder etwas Ähnlichem ansetzen konnte, sprudelte sein Freund auch schon los und abwartend, dass sich der Redefluss einem Ende zuneigte, hob er skeptisch eine Braue an.
Sein Baby? Er hasste es ja, wenn man Dingen so alberne Namen gab.

Aber okay, ja. Vielleicht war es nicht die klügste Idee gewesen mit seinem Bike in diese Gasse zu fahren, aber woher hätte er wissen sollen, in was für einer Gegend sich dieses angeblich ach so tolle Lokal befand? Da hatte die Informationsquelle einfach versagt.
„Ich warte schon ein paar Minuten, aber ist kein Problem. Chic siehst du aus. Als wolltest du hier gleich deine nächste Schicht beginnen.“ Der Unterton in seiner Stimme war neckend und er versuchte in Taichis Gesicht zu lesen, ob seine Sticheleien noch immer genau so schnell fruchteten wie früher.

In den letzten Jahren stritten sie nicht mehr so häufig wie in ihrer Kindheit… oder besser, sie stritten anders. Aber das Sticheln hatte sich nie geändert und bewegte sich häufig noch auf demselben kindischen Niveau wie zu Schulzeiten.
Es tat gut ihn zu sehen.

„Ich parke dann mal eben um. Du kannst uns ja schon mal einen Tisch klarmachen.“ schloss er schließlich die Begrüßung um ihre Konversation nicht weiter auf der Straße fortzusetzen. Der Duft von gebratenem Fleisch wehte an ihnen vorüber und wenn Yamato ehrlich war, hing ihm der Magen schon fast in den Kniekehlen.

~*~

Taichis Mundwinkel zuckten leicht nach oben, als er die Reaktion auf seine kreative Namensgebung für das weiße Motorrad beobachtete, Yamatos Mimik exakt wie er es sich erwartet hatte. Es war keine Neuigkeit, dass der Ältere es hasste, dass er dazu neigte Gebrauchsgegenständen eigenartige Namen zu verpassen, umso diebischere Freude bereitete es ihm deshalb natürlich dieses „Hobby“ fortzusetzen. Wie hatte er damals während ihrer Schulzeit Yamatos Bass benannt? Ach, verdammt, er kam gerade nicht mehr darauf.

Die Retourkutsche folgte sofort, erinnerte ihn schlagartig daran, dass er seine Wechselkleidung nach wie vor in seiner Tasche herumschleppte, er seinem besten Freund mit seiner eigenwilligen Kleidungsauswahl geradezu eine Steilvorlage lieferte ihn aufzuziehen. „Haha, witzig.“, kommentierte er trocken, ehe er ein theatralisches Seufzen ausstieß, während er mit leidender Miene zumindest endlich die Knöpfe des Jackets öffnete. „Schon mal daran gedacht, dass ich vielleicht Lust auf was Neues hatte? Von sportlich zu…“ Kritisch blickte er an sich hinunter, schüttelte dann kaum merklich den Kopf. „Pinguin? Wem mach ich was vor, das Outfit ist furchtbar und unbequem. Ich weiß nur wie überaus reizend du reagierst, wenn ich dich warten lasse. Also hatte ich die Wahl zwischen diesem prickelnden Kellneroutfit, oder einem miesepetrigen Musiker.“

Ein leises Lachen entkam seinen Lippen, während er seinen Blick bereits auf das Restaurant richtete, sodass ihm entging wie sich die Mimik seines besten Freundes kurz anspannte. Auch wenn er gehört hatte, dass Yamato mit seinem Schulabschluss auch seine Band zu Gunsten seiner Unipläne vorerst auf Eis gelegt hatte, so wusste er dennoch wie wichtig die Musik dem Blondschopf immer gewesen war. Auch wenn der Ältere in letzter Zeit wenig von neuen Songs und Musik im Allgemeinen geredet hatte, so war da keine Sekunde Zweifel daran, dass Yamato weiterhin seiner Leidenschaft nachging. Ganz im Gegenteil zu ihm selbst.

„Keine Sorge, ich hab reserviert. Grade siehts noch ziemlich leer aus, aber der Laden ist ziemlich beliebt.“ Sein Blick zuckte zurück zu seiner Begleitung, die sich gerade den Motorradhelm überzog, und erneut hoben sich seine Mundwinkel an. Natürlich passte die Farbe des Helms perfekt zu Yamatos fahrbarem Untersatz.

„Ich warte trotzdem schon mal drinnen und bestell uns Bier. Hab ja keine Ahnung wie viele Protzrunden du erst um den Block drehst, bevor du wiederkommst.“ Lachend ergriff er dann auch schon die Flucht, schob noch immer in sich hinein grinsend die Türe zum Restaurant auf. Augenblicklich schallte ihm das „Herzlich Willkommen“ der Angestellten entgegen, und gleich darauf wurde er auch schon in den zweiten Stock hochgewinkt. Er streifte wie befohlen die Schuhe ab, nickte dem Kellner dann leicht zu als dieser ihm den Platz zuwies, und entließ diesen dann auch schon mit der Bestellung zweier Bier. Der Geruch von gebratenem Fleisch führte ihm augenblicklich vor Augen, dass er einmal abgesehen von einem Sandwich vor seiner Schicht nichts im Magen hatte, und hungrig wanderte sein Blick über die Speisekarte, kaum, dass er seine Beine unter die dafür vorgesehen Vertiefung unter dem Tisch befördert hatte. Er mochte dieses System, dass einem das Gefühl vermittelte traditionell am Boden zu sitzen, allerdings dennoch mit dem Komfort genug Platz für die Beine zu haben.

~*~

Miesepetriger Musiker.
Diese Worte, wenn sie auch nur stichelnd gemeint gewesen waren, hallten noch in Yamatos Ohren nach, als er sein Motorrad an einem nun wahrscheinlich sinnvolleren Platz abstellte, als vor dem Restaurant. Klar, Taichi wusste, dass er seine Band nach dem Abschluss 'aufgegeben' hatte, aber offenbar sah er noch immer den Bassisten und Songwriter in ihm.
Irgendwie schienen sie beide im Moment nicht mehr wirklich viel voneinander zu wissen, oder?
Er hatte Taichi zum Beispiel nach einem leichten Lauf noch niemals so schwer atmen sehen. Scheinbar spielte er wirklich kein Fußball mehr, oder machte noch regelmäßigen Konditionssport.
Klar, wie auch. Studium und Nebenjob kosteten eine Menge Zeit.

Im Vergleich dazu, hatte er eigentlich kaum eine Ausrede warum er seinen geliebten Bass nicht mehr anfasste. Er wohnte noch in der Wohnung seines niemals anwesenden Vaters, musste folglich also auch nicht für seinen Lebensunterhalt aufkommen. Also was hielt ihn ab?
Seine Schritte hallten auf dem dunklen Asphalt, während er den Weg zum Lokal fortsetzte. Sie hatten wirklich Redebedarf. Dabei ging es nicht mal um die paar Wochen die sie sich nun nicht gesehen hatten, sondern um allgemeine grundlegende Dinge. Wussten sie denn noch etwas voneinander? Wann hatten sie aufgehört über alles mögliche zu reden?

Yamato seufzte leise auf als er die Tür zum Gastraum aufdrückte und seine Gedanken rissen jäh ab als auch gleich eine der Bedienungen auf ihn zueilte.
„Eine Reservierung für Yagami.“ antwortete er, während er schon mit den Augen die Tische nach seinem braunhaarigen Freund absuchte, vergeblich.
„Im Obergeschoss.“ Die junge Frau lächelte ihn freundlich an, ehe sie ihn mit einer leichten Handbewegung auf die Treppen aufmerksam machte.
Okay.
„Danke.“
Mit einem leichte Nicken machte er sich auf den Weg nach oben, wo er auch nach einem kurzen Augenblick den markanten Wuschelkopf ausmachte.

Zwei Bier standen bereits am Platz und die braunen Augen seines Freundes studierten intensiv die Karte.
„Kannst du was empfehlen, wenn du den Landen hier schon ausgesucht hast? Ich verhungere.“
Yamatos Lächeln war frech als die Beine in die Vertiefung unter dem Tisch steckte und so die Aufmerksamkeit des Jüngeren auf sich zog.
Sie hatten sich eine Weile nicht gesehen, aber der blonde Schönling zweifelte nicht im Geringsten daran, dass es ein angenehmer Abend werden würde. Er hatte es vermisst. Hatte 'ihn' vermisst. Das konnte er zweifelsfrei sagen, auch wenn er diese Tatsache erst jetzt wirklich realisierte.

~*~

Die konzentriert auf die Speisekarte gerichteten dunklen Augen lösten sich von dem in Plastik eingeschweißten Papier, und für einen Moment zuckten seine Mundwinkel nach oben. Grinsend griff der Wuschelkopf nach dem feuchten Tuch zum Reinigen der Hände, hängte es sich lose über das Handgelenk, ehe er seinen irritierten Gegenüber dann mit plötzlich übertrieben seriöser Mimik fixierte. „Als Vorspeise empfehlen wir Ihnen Fleisch, feinste Stückchen vom Rind, Schwein oder Geflügel. Als Hauptgang hätten wir heute Fleisch im Angebot, und als Nachtisch… ich sehe schon, Sie platzen vor Spannung, werter Herr!“ Tja, und schon hatte das Kellneroutfit doch seinen Sinn und Zweck erfüllt.

Feixend zog er das Oshibori von seinem gebräunten Arm, ehe er Yamato dann die Speisekarte über den Tisch schob. „Hier schmeckt eigentlich alles. Wir können ja erst mal Schweinebauch, und was vom Rind nehmen? Das Kimchi hier ist auch super. Willst du Reis?“ Noch im Redefluss griff er nach seinem Bierglas, um das sich herum bereits eine kleine Wasserlache gebildet hatte. Die Gläser kamen hier direkt aus dem Gefrierfach, um so das Getränk für längere Zeit gekühlt zu halten, wobei die hohe Raumtemperatur die feine Eisschicht allerdings schnell schmelzen ließ.

„Darauf, dass wirs endlich mal wieder geschafft haben einen Termin in unseren vollen Kalendern zu finden.“ Das breite Grinsen wandelte sich in ein sanftes, beinahe melancholisch wirkendes Lächeln, und begleitet von einem dumpfen Klirren stieß er sein Glas zum Prost gegen das seines besten Freundes. Genießerisch nahm er dann auch schon mehrere Schlucke des alkoholischen Getränks, stellte dieses dann begleitet von einem wohligen Seufzen zurück auf den Tisch. „Es gibt nichts Besseres als ein kaltes Feierabendbier.“, kommentierte Taichi zufrieden, während er seinen Blick nun wieder auf seinen besten Freund richtete. Die markanten blonden Haare waren kürzer als bei ihrem letzten Treffen, doch davon abgesehen, schien der Ältere sich nicht verändert haben.

Amüsiert von seinen eigenen Gedankengängen schüttelte der Wuschelkopf kaum merklich den Kopf. Was hatte er erwartet? Sie hatten sich nur mehrere Wochen nicht gesehen. Auch wenn der Zeitraum sich für ihn trotz stressigem Alltag wie eine halbe Ewigkeit angefühlt hatte.

~*~

Yamatos Augenbrauen zogen sich bei Taichis Kellnereinlage irritiert zusammen, ehe er mit einem leichten Kopfschütteln die Karte entgegenahm. Der Jüngere würde sich nie ändern… aber irgendwie war das auch beruhigend, nicht wahr?
„Ist mir Recht.“, kommentierte er nur knapp, während er seine Augen doch noch einmal über das Menüangebot gleiten ließ. Sah alles lecker aus. War ihm wirklich egal.
„Reis ist ok und-“, stoppte er mitten im Satz, als sein Freund sein Bierglas ergriff, wobei es eher seine melancholische Stimme war, die ihn aufblicken ließ. Sofort griff auch der Blonde nach seinem Glas um dieses zum Prosten anzuheben.
Also fühlte nicht nur er sich so?
Irgendwas an Taichi zeigte ihm, dass er es auch vermisst hatte.

Das Bier schmeckte ein wenig dünn, aber dennoch angenehm herb und ebenso wie sein bester Freund nahm er gleich mehrere Schlucke, ehe er das eisige Glas zurück auf die feuchte Tischplatte stellte.
„Wie geht’s dir so, Taichi? Du siehst ziemlich müde aus.“, stellte er dann mit einem leicht besorgten, leicht neugierigen Unterton fest. Der braunhaarig Fußballer hatte dunkle Ringe unter den Augen. Wahrscheinlich eine Mischung aus Uni- und Arbeitsstress. Vermutlich war seine Woche wirklich ultimativ vollgepackt. Erneut fragte er sich, wie Taichi das alles stemmte, wenn man mal bedachte wie unbesonnen er immer wirkte… oder gewirkt hatte.
Irgendwie hatte er sich doch verändert. War reifer geworden.
Natürlich, zielstrebig war der Anführer ihrer Gruppe schon immer gewesen, aber nun wirkte er plötzlich so… erwachsen? In seiner gelockerten Arbeitskluft, mit einem Glas Bier in der Hand… und dunklen Schatten unter den immer noch strahlenden braunen Augen.

Irgendwie… erinnerte er ihn plötzlich an Nishijima-sensei.
Aber dieser Gedanke war doch Schwachsinn, oder? Wo kam dieser plötzlich her? Vielleicht konnte er in diesem Punkt einfach nicht mitreden… Vielleicht war er in dieser Sache einfach noch nicht so weit, weil er sich um Dinge, wie selbst Geld zu verdienen, noch nicht kümmern musste…

~*~

Während Yamato die Bestellung an den Kellner weitergab, rutschte er selbst etwas weiter zurück, zog ein Bein dabei auf die Sitzfläche, um sich dann mit dem Ellbogen am Tisch abzustützen, seinen Kopf dabei gemütlich auf seine Hand bettend. Viel besser. Auch wenn er eigentlich vorgehabt hatte, sich sofort im Restaurant umzuziehen, so siegte nun doch seine Bequemlichkeit. Der Ältere hatte ihn sowieso schon in seiner Pinguin Aufmachung gesehen, der größte Schaden war demnach ohnehin schon angerichtet.

„Wow, du weiß echt wie man Komplimente macht.“ Grinsend griff er erneut nach seinem Bierglas, genehmigte sich einen weiteren großen Schluck, ehe er dann ein leichtes Schulterzucken andeutete. „Der Job in dem Pachiko Schuppen ist grauenhaft, aber bringt Geld. Die Uni ist stressig, aber davon kannst du wahrscheinlich selbst ein Lied singen.“ Ein leichtes Seufzen entkam einen Lippen, während er mit seinem Finger langsam über die beschlagene Fläche seines Bierglases fuhr, wobei das Muster das er dabei hinterließ verdächtig nach seinem Wappen aussah.

„Ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr zuhause, meine Mum beschwert sich permanent, dass ich mich mal wieder blicken lassen soll. Natürlich über Hikari, nicht direkt bei mir.“ Er verzog leicht das Gesicht, wobei die Augenringe unter den dunklen Ovalen plötzlich noch intensiver wirkten, sein Blick müde. „Keine Ahnung wann ich das letzte Mal auf dem Sportplatz war. Wenn ich so weitermache kann ich von Fußball irgendwann auf Sumo umsteigen.“ Wie um sich hastig zu vergewissern, dass sein Körper trotz seines erhöhten Bierkonsums, und den täglichen Combini Bentos noch in Ordnung war, zog er sein Tshirt höher, musterte kurz kritisch seinen Bauch, ehe er den Stoff dann auch schon wieder einigermaßen zufrieden wieder tiefer zog. Die täglichen Situps, zu denen er sich trotz allem weiterhin zwang, erfüllten ihren Sinn und Zweck, sorgten zumindest dafür, dass er optisch nach wie vor sportlich muskulös wirkte. Was seine Kondition betraf, naja, da hatte er bei seinem kurzen Sprint zum Restaurant ja mehr als deutlich gemerkt, dass ihm Bewegung fehlte.

Klar, bei seinem Job in der Pachinko Halle hetzte er meist nur durchgehend durch die Gegend, doch diese Art und körperlicher Betätigung war dennoch in keiner Weise zu den stundenlangen Trainingseinheiten während seiner Schulzeit. „Was tut sich bei dir? Wie geht’s Gabumon? Und Takeru?“

~*~

Klar, dumme Frage. Die Antwort hatte er schon gewusst ohne sie zu stellen. Natürlich waren Uni und Arbeit schwer miteinander vereinbar. Und während der blonde Student noch dem Gedanken nachhing, dass Taichi nicht mehr oft zu Hause war, also auch vielleicht Odaiba nicht mehr oft besuchte und er wirklich sein heiliges Fußballspiel an den Nagel gehängt hatte, (was sich absolut unwirklich in seinen Ohren anhörte) stockte er.

Wohlgebräunte Haut blitzte unter dem weißen Hemd von Taichis Arbeitsoutfit hervor, nein – erschlug ihn fast. Ein wenig panisch huschten die blauen Augen zur Seite, fürchtend, dass die anderen Besucher zu ihnen herüberblicken, doch dann zog der Dunkelhaarige sein Hemd auch schon wieder nach unten. Die noch immer deutlich trainierten Muskelpartien verschwanden unter dem hellen Stoff und erst jetzt merkte Yamato, dass sich sein Puls merklich beschleunigt hatte. Nicht etwa weil es ihm peinlich war, dass Taichi sich mitten im Lokal entblätterte - er wusste immerhin, dass das Schamgefühl des Sportlers dem eines Backsteins gleichkam. Es war auch nicht, weil er diese Muskeln noch nie gesehen hatte, obwohl es schon eine Weile her war… Nein. Er war schlicht nicht darauf vorbereitet gewesen und das WAS ihn erschreckte, war die Reaktion seines Körpers, seines Kopfs!

Yamato wusste schon länger dass er… nun ja, sexuell flexibel war… wobei sein Hauptfokus sich in der letzten Zeit wirklich mehr auf Männer prägte. Die Uni bot da immerhin auch viel Abwechslungsreichtum. Aber auf Taichi 'so' zu reagieren war mehr als… irritierend. Er hatte ihn nie so gesehen, oder? Als potentiell 'interessantes Material'.
Obwohl, wenn er mal ehrlich war hatte es in der Vergangenheit oft verwirrende Momente zwischen ihnen gegeben. Zumindest was ihn selbst betraf.

Stopp! Was waren das plötzlich für Gedanken? Und ganz vielleicht sollte er der gestellten Frage antworten, bevor alles noch seltsamer wurde… aber er musste etwas sagen. Dazu!

„Äh.“
Klasse.
„Könntest du dich vielleicht wie ein normaler Mensch verhalten und die Umgebung mit deinem Narzissmus verschonen? Jetzt wissen ja alle wie sportlich du noch bist. Gut gemacht.“ Es war ein stichelnder und gleichzeitig zynischer Ton, der seine Unsicherheit überspielte, ehe Yamato das Glas ansetzte und es mit wenigen Schlucken fast bis zum Boden leerte.
Er dachte kompletten Schwachsinn! Zumal Taichi noch nichts von seiner 'neu entdeckten Sexualität' wusste. Wann hätte er es ihm auch sagen sollen? Er war sich zwar sicher, dass der Jüngere kein Problem damit hatte, ihn maximal mit ein paar dummen Sprüchen aufziehen würde… aber die Sache würde sicher anders aussehen, wenn es ihn selbst beträfe.
Hatte er eigentlich eine Freundin?
War das nicht egal?
Aber sicher nicht bei all dem Stress, oder?
Egal!
Yamato verdrehte die Augen über sich selbst, ehe er einmal tief durchatmete, wobei er sich sicher war, dass Taichi sein seltsames Verhalten nicht wirklich verstand.
Wie auch?

„Unistress.“ Setzte er an, während er der Bedienung mit einer Handbewegung deutete, dass er noch zwei Bier zu ihrer Bestellung ergänzen wollte. Wow, das fing ja gut an.
„Ich bin viel auf dem Campus… ich muss diesen ganzen Kram irgendwie im Kopf behalten.“ Er zuckte mit einem schiefen Lächeln die Schultern, weil er nicht gleich in den ersten Semestern mit so vielen Hürden gerechnet hatte.
„Vielleicht hätte ich doch bei der Musik bleiben sollen.“ Es war ein knappes Lachen, doch es erreichte seine Augen nicht. Die Musik fehlte ihm.
„Takeru geht’s gut, ist aber gerade voll mit seinem Abschluss beschäftigt und der Uni-Wahl. Er weiß noch nicht was auf ihn zukommt. Und Gabumon geht’s gut. Er hat sich letztes erst wieder mit den anderen Digimon getroffen. Sie bekommen das besser hin als wir… meinst du nicht auch?“

~*~

Die sarkastische Bemerkung seines Freundes ließ Taichi erst perplex blinzeln, ehe die Mundwinkel des Wuschelkopfs dann amüsiert nach oben zuckten. Grinsend beobachtete er wie Yamato nach dem Bierglas griff, dieses mit wenigen Schlucken leerte, wobei der Blick des Älteren erneut zum Nebentisch zuckte, wie um sich zu vergewissern, dass auch niemand seine kurze Stripteaseeinlage beobachtet hatte.

Kurz war er versucht sein Shirt gleich noch ein weiteres Mal zu lüften, die peinlich berührte Reaktion des Blonden einfach zu herrlich, doch im letzten Moment besann er sich doch eines Besseren, entschied sich stattdessen für eine verbale Retourkutsche. Mit einem provokanten Grinsen auf den Lippen griff er ebenfalls nach seinem Glas, zog dann gespielt brüskiert eine Augenbraue hoch. „Ach, sprach der Herr mit den viel zu engen weißen Hosen. Ist ja nicht so, dass du damit sonderlich viel verbirgst.“
Lachend leerte er das Bier mit wenigen Schlucken, wobei nicht nur der Alkohol seinen Körper mit Wärme durchflutete. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er seinen besten Freund tatsächlich vermisst hatte. Sinnloses Geplänkel, stundenlange Gespräche, und das obwohl es eigentlich kaum Dinge gab, die sie wirklich verbanden. Egal wie viele neue Kontakte er über die Uni und seinen Nebenjob geknüpft hatte, wie viel Zeit er mit seinen Kommilitonen verbrachte, seine Freundschaft zu Yamato, Sora, und den anderen bewegte sich auf einer anderen Ebene. Auch wenn sie sich in letzter Zeit seltener trafen, jeder beschäftigt mit seinem eigenen vollgestopften Alltag war, so würde sich das dennoch nicht für ihn ändern.

Abwesend richteten sich seine dunklen Augen auf seinen besten Freund, der gerade zwei weitere Bier bestellte, auf seinen Lippen dabei ein weiches Lächeln. Ja, er hatte das tatsächlich vermisst. Das leise Lachen des Älteren riss ihn schließlich aus seinen Gedanken, und es dauerte einen Augenblick bis Yamatos Worte seinen Kopf erreichten. Die blauen Augen wirkten seltsam melancholisch, und schlagartig wurde Taichi klar, dass nicht nur er Schwierigkeiten damit hatte sein Hobby in den stressigen neuen Alltag einzufügen.

„Du hättest bei der Musik bleiben sollen? Das… klingt als hättest du komplett damit aufgehört.“ Das konnte nicht sein, oder? Der Bass war während ihrer gemeinsamen Schulzeit ein fester Bestandteil von Yamatos täglichem Equipment gewesen, ein Stück Papier, vollgekritzelt mit verschiedensten Noten oder Songtexten sein ständiger Begleiter. Die bloße Vorstellung, dass selbst Yamato seinen Traum zu Gunsten seiner Zukunftspläne vorerst auf Eis gelegt hatte, erschien völlig undenkbar, erwischte ihn gänzlich unvorbereitet.

Auch wenn er selbst gerade kaum mehr Zeit zum Fußballspielen fand, so hatte ihm das Wissen, dass zumindest sein bester Freund an seiner Leidenschaft festhielt immer die Hoffnung gegeben, dass Dinge sich wieder ändern konnten, er eben nur vorübergehend auf den Sport verzichten musste. Die neue Erkenntnis, dass nicht nur er selbst gezwungen war seinen Lebensstil von Grund auf zu ändern, traf ihn härter als er sich wohl selbst eingestehen wollte.

~*~

Offenbar war das Thema Musik gerade das dominanteste, denn Taichi ging auf kein weiteres ein. Okay, klar, wahrscheinlich hatte er einfach etwas anders erwartet, aber ihm selbst ging es mit dem Fußball-Thema ja nicht anders.
„Hab ich auch.“ Yamato zuckte kurz die Schultern und rückte ein Stück beiseite, als die Bedienung mit ihrem neun Bier und den ersten Speisen an den Tisch kam. Kurz trat Stille ein, bis sich die junge Frau wieder freundlich verabschiedete.
Ohne erst einmal weiter auf die Teller zu achten, setzte der blonde Ex-Musiker das Bierglas an seine Lippen, nahm einen tiefen Zug.
„Ich hab keine Ahnung wann ich das letzte Mal gespielt habe. Auf der Basstasche liegt schon Staub.“ Das Glas gab einen dumpfen Laut von sich, als er es auf der Tischplatte abstellte und mit voller Absicht mied er Taichis Blick, fixierte stattdessen das schmelzende Eis.

Es war fast so, als ob er sich dafür schämte.
Musik war ihm immer so wichtig gewesen, ein gigantischer Teil seines Lebens und nun war sie einfach daraus verschwunden. Das sollte ihm wohl auch peinlich sein, oder?
„Als ich mit der Band aufgehört hab, hab ich auch ziemlich schnell komplett aufgehört. Was soll ich allein mit meinem Bass? Außerdem ist das Studium wirklich zeitintensiv, das weißt du selbst...“
Vielleicht war das zu viel Rechtfertigung für die einfache Frage, die ihm sein Freund gestellt hatte… Aber es wurmte ihn.

~*~

Yamato hatte also tatsächlich aufgehört Musik zu machen. Wow. Diese Information musste er erst einmal verdauen. Gut, ja, der Ältere hatte bei ihren letzten Treffen kein Wort über neue Songs oder ähnliches verloren, doch sein bester Freund hatte ihn nie sonderlich viel am Entstehungsprozess seiner Stücke teilhaben lassen, ihm noch seltener eine Rohversion seiner Lieder vorgespielt. Einige vereinzelte Male hatte Yamato sich von seinem Gejammer erweichen lassen und tatsächlich nur für ihn gesungen. Die Erinnerungen daran hatten einen ebenso wichtigen Platz in seinen Gedanken, wie die ruhigen Klänge der Harmonika in der Digiwelt. Wortlos fixierte er seinen Gegenüber, der gerade abwesend das Bierglas anstarrte, die feingeschnittenen Gesichtszüge dabei emotionslos.

Wieso hatte er erwartet, dass es gerade Yamato anders ging als ihm selbst? Die Zeit, die sie früher zum Ausüben ihrer Hobbies verwendet hatten, war einfach nicht mehr vorhanden, die Zukunftsträume ihrer Vergangenheit längst verblasst. Zu ihren Schulzeiten hatte er sich selbst als Profifußballer gesehen, während Yamato als Rockstar die Bühnen der Welt eroberte. So viel war passiert, so viel hatte sich verändert.

Ein bodenloses Seufzen entkam seinen Lippen, während er seinen Ellbogen vom Tisch zog, um sich stattdessen mit beiden Armen abstützend etwas nach hinten zu lehnen. „Ein Digimon müsste man sein. Agumon hat sich wirklich absolut überhaupt nicht verändert. Ich habe immer das Gefühl ich werde direkt zurück ins Sommercamp katapultiert, wenn wir zusammen sind.“ Ein leichtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Es hat schon etwas Beruhigendes an sich, dass zumindest unsere Partner für immer dieselben bleiben werden, oder?“

~*~

Yamatos Augen ruhten auf der Kohlensäure in seinem Glas und für einen Moment schweiften seine Gedanken so weit ab, dass er ein wenig den Anschluss verlor. Das Sommercamp.
Da hatte er weder von einer Musikkarriere noch von einem Studium und einem Weg zu den Sternen geträumt. Damals war Takeru seine größte Sorge gewesen und die Einsamkeit in der Wohnung seines Vaters. Es hatte sich seither viel verändert. Niemals hätte er mit zwölf geglaubt, dass er Taichi einmal so nahestehen würde. Wenn er einmal genauer darüber nachdachte, hatte er dem braunhaarigen Wirbelwind viel zu verdanken. Vor allem viele gemeinsame Stunden vor dem Fernseher, viele Gespräche, mal ernster mal alberner, wenn sein Vater sich wieder tagelang nicht hatte blicken lassen.

Irgendwann war Taichi einfach bei ihm zu Hause aufgekreuzt und hatte sich bei ihm durchgefressen, war einfach nicht mehr gegangen… und Yamato war ihm, auch wenn er es niemals zugegeben hätte, dankbar dafür gewesen. Taichi hatte immer dieses wohlig warme Gefühl von Geborgenheit in ihm ausgelöst.
Aber was dachte er da schon wieder? Was war nur los mit ihm?

Er spürte ein braunes Augenpaar auf sich ruhen, wusste, dass er auf irgendetwas eine Antwort erwartete, aber… er hatte den Faden verloren.
„Sorry, was?“
Doch noch ehe sein bester Freund zu einer Antwort ansetzen konnte, stellte die Bedienung die nächsten Teller rohen Fleisches auf dem Tisch ab und bereitete den Grill vor.
Jetzt würden sie wohl erste einmal Essen, bevor die 'tiefsinnigen' Gespräche weitergingen.

~*~

Taichi zwang ein schiefes Grinsen auf seine Lippen, schüttelte dann kaum merklich den Kopf. „Nicht so wichtig.“ Die ausgelassene Stimmung war komplett umgeschlagen, das Gerede über ihre aktuelle Alltagssituation sowie ihre Zukunftspläne ein etwas zu trockener Tobak um darüber weiterhin ausgelassen Witze zu reißen. Klar, er war froh, dass Yamato ihn auch in diesem Sinne an seinem Leben teilhaben ließ, doch sie waren beide noch nie sonderlich gut darin gewesen über ernste Themen zu reden. Meist waren lange Erklärungen und viele Worte auch unnötig. Sein bester Freund hatte nie darüber gesprochen, wie einsam er sich in der großen Wohnung oft fühlte, das war auch unnötig. Vielleicht war er nicht mit sonderlich viel Empathie gesegnet, besaß die Feinfühligkeit eines… wie hatte Yamato es immer so schön treffend ausgedrückt… ah, genau, Backsteins, doch seltsamerweise hatte er bei dem Älteren dennoch immer genau gewusst, was dieser brauchte. Zumindest früher.

Und zum Teil auch noch jetzt. Angespannte Stille, während jeder für sich seinen eigenen sentimentalen Gedanken nachhing war es mal mit Sicherheit nicht. „Endlich mal wieder richtiges Essen! Ich hatte die letzten Tage durchgehend nur Conbini Bentos, irgendwann hilft es auch nicht mehr von Family Mart zu Seven Eleven zu wechseln. Ich schwöre, ich hab schon alles durch. Selbst Mamas Essen fehlt mir manchmal. Wow. Hab ich das gerade echt laut ausgesprochen? Versprich mir, dass du das für dich behältst!“ Das rohe Fleisch zischte leise als er es auf den Grill beförderte, und hastig wich er etwas zurück um nicht womöglich spritzendes Fett auf sein weißes Hemd zu bekommen.
„Du kannst übrigens gerne bei mir schlafen.“, kommentierte er schließlich grinsend, während er mit dem Kopf ein leichtes Nicken in Richtung des neuen, schon wieder halb geleerten Bierglases andeutete. „Von hier nach Odaiba dauert es ewig. Und wenn du nicht sofort auf Wasser umsteigen willst musst du dein Baby sowieso erstmal hier parken.“ Begleitet von einem leisen Fluchen wendete er hastig eines der Fleischstücke, dessen Unterseite bereits reichlich verbrannt wirkte. „Lecker, Röstaromen. War genauso beabsichtigt.“, kommentierte er seine Unfähigkeit als Grillmeister grinsend, während er hastig dafür sorgte, dass den restlichen Stücken nicht dasselbe Schicksal widerfuhr. „Meine Wohnung ist nur zehn Minuten Fußweg von hier. Ist halt eine Schuhschachtel, Luxus darfst du nicht erwarten.“

~*~

Offenbar hatte er gehörig den Anschluss des Gesprächs verpasst, aber Taichi schien es ihm nicht weiter übel zu nehmen, ritt auch nicht weiter darauf herum.
Stattdessen wechselte er das deprimierende Thema über ihren Alltag und tauschte es zwar auch gegen alltägliches, aber gegen etwas das hundertprozentig nach Taichi klang.
„Du könntest auch kochen lernen. Aber wenn du dabei, sorry, das Talent deiner Mutter geerbt hast sehe ich da auch schwarz. Wahrscheinlich sind Bentos da der einzige Weg für dich um an einer Lebensmittelvergiftung vorbei zu kommen.“

Kritisch beäugte er mit seinen blauen Augen wie sein Freund das rohe Fleisch auf dem Grill drapierte. Immer wenn er den Jüngeren mit Nahrungsmitteln hantieren sah, stellte sich in seinem Magen ein leichtes Unwohlsein ein.
Erneut zuckten seine feingeschwungenen Augenbrauen bei dem Wort „Baby“ zusammen. Aber… ja… Er konnte jetzt entweder aufhören zu trinken, oder er würde bei dem Dunkelhaarigen übernachten müssen. Er war ohnehin noch niemals ins Taichis Wohnung gewesen… das wäre doch jetzt eine gute Gelegenheit.
Das Zischen des Fleischsaftes in den Grill und die schwarze Unterseite des ersten Stückes reichten dann endgültig aus.
„Gib das her!“
Entnervt riss er Taichi die Zange aus der Hand, stieß ein impulsives Stöhnen aus.
„Fleisch muss man scharf aber langsam anbraten. Was du da fabrizierst sind Schuhsohlen! Sicher dass du das schon mal in genießbarem Zustand gemacht hast? Das Kohlestück da kannst du selbst essen.“ Geduldige wendete er das Fleisch, drehte es, als es ein leichtes Muster des Gitterrostes aufzeigte. Banause!

„Ich erwarte keinen Luxus.“ Antwortete er dann für ihn selbst völlig verständlich, auch wenn er sich nicht sicher war, ob der Ex-Fußballer ihm jetzt nach seiner Schimpftirade noch folgen konnte.

~*~

Der dunkelhaarige Wuschelkopf zuckte perplex zusammen als Yamatos Arm über den Tisch schnellte, und verdutzt blinzelnd blickte er auf seine nun leere Hand hinunter, ehe seine Mundwinkel dann amüsiert nach oben zuckten. Augenblicklich waren da Erinnerungen an ihre Abenteuer in der Digiwelt in seinem Kopf, wobei der Ältere damals schon deutlich demonstriert hatte, dass er wesentlich mehr Ahnung vom Kochen hatte als ihre restliche Gruppe. Gut, damals hatte es sich nicht um gebratenes Fleisch in einem gemütlichen Restaurant, sondern um Fisch über einem Lagerfeuer gehandelt, doch die Reaktion seines besten Freundes unterschied sich kaum.

Nun seiner Arbeit beraubt griff Taichi nach wie vor grinsend nach seinem Bierglas, lehnte sich dann zufrieden zurück um dem Profi beim Braten zuzusehen. Jeder Handgriff des Älteren wirkte gekonnt, zeigte deutlich, dass sich zumindest manche Dinge niemals ändern würden. Er vermisste es von Yamato bekocht zu werden, die zahlreichen Abende, die er bei dem Älteren zuhause verbracht hatte. Schon in der Oberstufe waren diese Gelegenheiten weniger geworden, seit sie beide in der Uni waren, sich nicht mehr täglich in der Schule trafen, schafften sie es ohnehin nur alle Jubeljahre sich überhaupt zu treffen. Obwohl er schon vor über einem Jahr in seine eigene Wohnung gezogen war, hatte der Blonde seine vier Wände noch nie betreten.

Abwesend beobachtete er die geschickten Bewegungen seines besten Freundes, blickte dann leicht irritiert auf als Yamato seine Schimpftirade beendete, um stattdessen mit ihrer Konversation fortzufahren. Es dauerte einen Augenblick bis die schlichten Worte seinen Verstand erreichten, und schlagartig wurde das Grinsen des Wuschelkopfs noch breiter, die Freude über die schwammige Zustimmung bei ihm zu übernachten mehr als überdeutlich in den nun plötzlich strahlenden braunen Augen sichtbar. „Du kannst das Bett haben, ich schlafe auf dem Boden! Ich kann echt nicht fassen, dass du noch nie bei mir gewesen bist. Obwohl… eigentlich hab ich so gut wie nie Besuch. Hikari und meine Eltern sind die einzigen, die die Wohnung von innen kennen. Selbst Agumon hat sie noch nicht gesehen! Ich hoffe, du fühlst dich geehrt!“

Enthusiastisch leerte er etwas Soße in die dafür bereit gestellten Schälchen, verzog dann leicht das Gesicht als er das verkohlte Stück Fleisch in seinen Mund schob. "Lecker, Röstaromen.", kommentierte er den bitteren Geschmack, während er stoisch versuchte sein missglücktes Grillkunstwerk hinunterzuschlucken.

~*~

Blaue Augen hefteten sich kurzfristig auf den dunkelhaarigen Wuschelkopf. Nie Besuch?
Irgendwie passte das nicht wirklich zu dem kontaktfreudigen Idioten, den er von früher kannte. Natürlich, Yamato hatte schon in der Oberstufe bemerkt, dass Taichi ruhiger und auch etwas zurückgezogener wirkte. Dennoch war der junge Fußballer immer von Freunden umringt gewesen. Irgendwie hatte er sich eingebildet, dass sich auch auf der Uni nichts daran geändert hatte.
Aber das bedeutete dann ja wohl auch, dass Taichi keine Freundin hatte, nicht wahr? Diese würde ihn sonst sicher regelmäßig in seiner Wohnung besuchen.

Aber…
Warum dachte er schon wieder darüber nach? Stieg ihm das bisschen Alkohol jetzt doch schon zu Kopf?
„Ich fühle mich sehr geehrt, deinen heiligen Saustall betreten zu dürfen.“ Seine Mundwinkel zogen sich neckisch nach oben, während er sich selbst die ersten Stücke gut durchgebratenen Fleisches vom Grill angelte. Das würde interessant werden. Ganz sicher. Aber es war irgendwie seltsam, dass bisher nicht einmal Agumon bei seinem Freund zu Hause gewesen war. Trafen sie sich also meist nur in der Digiwelt? Gabumon stattete ihm eigentlich viele Besuche ab, auch wenn er nur still neben ihm saß und ihn beim Lernen beobachtete.


~*~

Er konnte blaue Augen kurz etwas irritiert auf sich spüren, doch glücklicherweise ließ Yamato seine Worte unkommentiert. War es tatsächlich so seltsam, dass er kaum Besuch in seiner Wohnung bekam? Das Apartment war winzig, bot nicht unbedingt viel Platz für gemütliches Zusammensein. War es da nicht normal, dass er es bevorzugte seine sozialen Kontakte besser in einem Restaurant, einem Cafe oder direkt auf der Uni zu pflegen? Einmal davon abgesehen, dass seine vier Wände gerade vielmehr nur Mittel zum Zweck waren, für ihn nicht mehr als eine notwendige Übergangslösung darstellten. Er hatte von seinen Eltern wirklich nur die wichtigsten Dinge mitgenommen, weshalb sein Schuhkarton kaum persönliche Gegenstände beinhaltete. Die spärliche Einrichtung brachte dabei den positiven Nebeneffekt mit sich, dass Yamato den erwarteten „Staustall“ nicht vorfinden würde. Okay, vielleicht hatte er wieder einmal vergessen sein Bett zu machen, doch davon abgesehen war seine Wohnung eigentlich überraschend sauber und aufgeräumt. Ohne großartige Einrichtung war es selbst für ihn unmöglich Chaos zu veranstalten.

Er schenkte dem Älteren ein schiefes Grinsen als Yamato einige der bereits durchgebratenen Fleischstücke auf seinen Teller beförderte, wobei jedes davon nun natürlich perfekt zubereitet war. „Du bist noch immer auf Odaiba, nehm ich an?“ Sein Blick richtete sich auf seinen Gegenüber, wobei Taichi erneut feststellte, dass die attraktiven Gesichtszüge sich verändert hatten, Yamato eindeutig erwachsener wirkte. Oder war es der etwas müde Ausdruck in den blauen Augen, der dafür sorgte? Der kleine Junge, der damals in der Digiwelt so panisch versucht hatte seiner großer Bruder Rolle gerecht zu werden, schien komplett verschwunden, eine schwammige Erinnerung aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit.

Schon während ihres letzten Kampfes gegen Ordinemon hatte er realisiert wie sehr Yamato sich verändert hatte. Sein bester Freund war derjenige gewesen, der ihre Gruppe während seiner Abwesenheit aufgefangen, sie alle zusammengehalten hatte. Auch nach all den Jahren hatte er nie klare Worte darüber verloren was damals in der Digiwelt geschehen war. Natürlich wussten sie alle, dass Nishijima-sensei sich geopfert hatte um ihn, Daisuke und die anderen zu retten, doch was genau passiert war, darüber hatte er nie gesprochen. Ebenso wenig wie er sich jemals bei Yamato für alles bedankt hatte. Die Vorfälle hatten ihn geprägt, ihm ein Ziel vor Augen geführt, das ihn auch in den harten Zeiten an seiner Entscheidung zu studieren festhalten ließ. Das alles hatte er seinem ehemaligen Lehrer zu verdanken. Und zu einem großen Teil auch seinem besten Freund. Erneut konnte er sehen wie der Ältere irritiert von seinem Schweigen eine Augenbraue hochzog, und leicht lächelnd schüttelte er kaum merklich den Kopf.
„War nur in Gedanken.“ Der Alkohol machte ihn eindeutig zu sentimental.

~*~

Das Fleisch schmeckte wie angepriesen köstlich und weil Yamatos knurrender Magen es ihm sicher danken würde, legte der junge Student gleich die nächsten Stücke auf den Grill.
Sein Magen und auch der Alkohol, der sich langsam in seinem Blut breitmachte. Denn wirklich eine Grundlage dafür hatte er heute noch nicht geschaffen.
„Ich hätte dir schon gesagt, wenn ich zwischenzeitlich umgezogen wäre.“, ein weiteres Grinsen legte sich auf seine Lippen, während das rohe Fleisch auf dem Gitter zischte.
„Ich hätte dich zum Möbelschleppen abkommandiert, das ist dir schon klar, oder? Aber solang mein Vater so gut wie nie zu Hause ist, kommen wir uns auch nicht in die Quere. Da passt das schon. Theoretisch wohne ich ja schon seit der Grundschule allein in dieser Wohnung.“ Er zuckte unbeeindruckt mit den Schultern und meinte es auch so. Was ihm früher einmal einen unangenehmen Stich versetzt hatte, weil das Alleinsein immer die größte Herausforderung gewesen war, störte ihn heute nicht mehr.

Nach dem stressigen Unialltag genoss er die Ruhe 'seines' Apartments. Sein Vater und er gaben sich meistens die Klinke in die Hand und sie sahen sich zeitweise nicht einmal am Wochenende. Vielleicht würde sein alter Herr irgendwann an einem Herzinfarkt sterben…. Aber auch das schon lange erwartete Burnout war bis dato ausgeblieben. Workaholic...

Doch als nach einiger Zeit keine Reaktion auf seine Antwort folgte, richtete er seine blauen Augen skeptisch auf seinen Gegenüber.
Okay… Taichi schien völlig weg gedriftet.
„Hey, hörst du zu?“ Yamato wedelte kurz mit der Grillzange vor Taichis Gesicht herum, bis dieser dann leicht zusammenschreckte.
„Naja, wie auch immer.“, lenkte er nun vom Thema ab, weil der Jüngere ohnehin nicht zugehört hatte. „Ich bestelle am besten gleich noch ein Bier. Auf den Tellern ist mehr als genug Fleisch für noch zwei Runden.“

~*~

„Du bist heute echt durstig, oder?“, kommentierte Taichi grinsend die erneute Bestellung, leerte allerdings dann folgsam mit wenigen Schlucken sein eigenes Glas um es der schon mit dem Nachschub an den Tisch eilenden Bedienung zu reichen. Obwohl sich ihr bisheriger Alkoholkonsum noch in Grenzen hielt, erinnerte sein Körper ihn dennoch sehr schnell daran, dass er sich normalerweise höchstens eine Bierdose zum Abendessen gönnte, selten in solche Geschwindigkeit über den Durst trank. Egal, gerade fühlte es sich einfach gut an bei gutem Essen Zeit mit seinem besten Freund zu verbringen, dabei eben zwei, drei Bier zu kippen.

Oder auch ein paar mehr. Laut lachend über seine eigene Anekdote aus der Vergangenheit mit ihren Digimonpartnern beförderte Taichi sein Bierglas zurück auf den Tisch, stellte es dabei mit so viel Kraft ab, dass ein Teil des Getränks über den Rand schwappte. „Und erinnerst du dich daran wie unfähig Joe beim Aufbauen des Zeltes gewesen ist? Wir mussten Gomamon erst einmal wieder von der Plane befreien!“ Die Erinnerung an den chaotischen Camptrip entlockte ihm einen weiteren Lachkrampf, wobei der dunkelhaarige Wuschelkopf den hohen Alkoholkonsum nun mehr als deutlich merkte. Seine Wangen fühlten sich heiß an, sein Kopf irgendwie leicht benebelt, doch es war ein angenehmes Gefühl von Leichtigkeit. Er hatte längst aufgehört mitzuzählen wie oft ein frisches Glas Bier über den Tisch gewandert war, dachte auch schon seit einigen Bestellungen nicht mehr darüber nach, dass er wohl gerade den Wochenlohn seines Teilzeitjobs verprasste.

„Es tut mir wirklich sehr leid, wir schließen in einer halben Stunde.“ Taichi blinzelte perplex als die Bedienung erneut an ihren Tisch herantrat und ihnen mit einer entschuldigenden Verbeugung die Rechnung reichte. Mit einer fahrigen Bewegung angelte er nach seinem Smartphone, wobei sich seine dunklen Augen überrascht weiteten als er realisierte, dass es bereits kurz vor Mitternacht war.

~*~

Ein unterdrücktes Kichern entwich Yamatos Kehle, während er die Stirn auf seinem angewinkelten Knie ablegte. Oh Mann. Wann hatte er das letzte Mal so viel getrunken?
Hatte er überhaupt schon mal so viel getrunken? Wahrscheinlich nicht, aber das war gerade auch völlig egal. Das warme wattige Gefühl in seinem Kopf ließ keine negativen oder vernünftigen Gedanken mehr zu.
Darum lachte der blonde Schönling auch einfach weiter, als Taichi die Anekdote fortsetzte. Die gute alte Zeit.

Seine blauen Augen wanderten etwas irritiert zu der plötzlich ertönenden weiblichen Stimme.
Wirklich? Schon?
„Ich übernehm das!“ Ein wenig überrascht von seiner eigenen Aussprache, weil sich seine Zunge so unglaublich schwer anfühlte, zog Yamato die Rechnung zu sich. Hui, vielleicht hätte er das jetzt nicht so locker flockig daher sagen sollen. Aber gesagt war gesagt und grundsätzlich bezahlte ja jetzt auch nicht er, sondern sein alter Herr.
Danke, Papi. Ein etwas, für ihn völlig unübliches, dümmliches Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er sich auch schon nach oben raffte, um den Weg zum Ausgang und somit auch zur Kasse anzutreten.

Ui… aber die Treppe war ziemlich lang und bewegte sich, oder?!
„Ist das normal?“ Deutete er mit einem Finger auf die schwankenden Dielen und versuchte dabei Taichi zu fokussieren.
Wow. Das war interessant!
Einmal tief ausatmend versuchte er also so stoisch wie möglich die Stufen hinunter zu gehen (man musste ja den Schein wahren!), schaffte es allerdings nicht ohne sich dabei am Geländer festzuhalten. Seine Beine fühlten sich wie Gummi an.
Hoffentlich war der Weg zu Taichis Apartment wirklich nicht zu weit…
Wobei sind bester Freund auch nicht mehr wirklich den nüchternsten Endruck machte.
>>Geteiltes Leid ist ein ganzes Lied!<<
War das nicht so… oder klang das nur in seinem Kopf gerade irgendwie falsch?

~*~

Aufgrund des hohen Alkoholkonsums bereits etwas eingeschränkt in seiner Motorik angelte Taichi nach seiner Tasche, richtete sich dann leicht schwankend auf. Obwohl sein Kopf sich wie in Watte gepackt anfühlte, sein Verstand ihm deutlich signalisierte, dass er den Punkt erreicht hatte, an dem es besser war mit dem Trinken aufzuhören, beugte er sich dennoch nach vor um nach seinem Bierglas zu greifen. Mit wenigen Schlucken leerte er den Rest, ehe er Yamato dann nachfolgte. Bei fast 600 Yen pro Glas würde er bestimmt nichts verschwenden!

Schwerfällig zog er seine Schuhe aus dem Regal, blinzelte irritiert als er dabei feststellte, dass neben seinem noch ein weiteres einsames verbliebenes Paar stand, bevor seine Mundwinkel dann schlagartig höher zuckten. War Yamato tatsächlich gerade ohne seine Schuhe hinunter marschiert? Da war jemand eindeutig noch betrunkener als er selbst. Sich mit einer Hand an der schmalen Theke neben dem Treppenaufgang abstützend bewerkstelligte er es irgendwie sich seine Schuhe anzuziehen ohne dabei zu Boden zu gehen. Mit deutlicher Anstrengung streifte er sich schließlich seine Tasche über den Kopf, griff dann breit grinsend nach den Schuhen seines besten Freundes, um Yamato zumindest die Peinlichkeit zu ersparen sich wieder in das Obergeschoss hochquälen zu müssen.
Sich am Treppengeländer festhaltend setzte er betont vorsichtig Schritt vor Schritt, wobei er sich instinktiv fragte, wie viele betrunkene Gäste hier schon den Abend mit einer uneleganten Stolperaktion nach unten beendet hatten. Die Stufen waren eindeutig zu schmal! Und Herrgott, befand er sich auf hoher See oder wieso schwankte die Treppe so sehr?

Erleichtert erreichte er schließlich endlich sein Ziel, blinzelte dann überrascht als er realisierte, dass sie offenbar tatsächlich die letzten verbliebenen Gäste waren. Eigentlich kein Wunder, immerhin handelte es sich um einen normalen Wochentag… Ein Gähnen unterdrückend richtete er seinen Blick auf Yamato, wobei er nur mit Mühe ein lautes Auflachen zurückhalten konnte. Der Blondschopf reichte gerade mit stoischer Miene einige Geldscheine über den Tresen, schien offenbar selbst jetzt noch nicht realisiert zu haben, dass er nur Socken trug.

Grinsend trat er näher an seinen besten Freund heran, schlang einen Arm um die schmalen Schultern, während er sich näher zu seinem Ohr beugte. „Hast du nicht etwas vergessen, Yama?“, flüsterte er verschwörerisch, wie um mit seiner gesenkten Stimme zu verhindern, dass die Kellnerin das ohnehin offensichtliche mitbekam.

~*~

Der Weg die Treppe hinunter war geschafft und die letzten Schritte zum Tresen nicht mehr weit. Bisher hatte der doch trotz der leichten Karussellfahrt in seinem Kopf eine super Figur hingelegt! Ha! Auch betrunken war er immer noch Herr der Lage, die Sinne scharf wie die eines Garurumons! Ach was, eines Weregarurumons!!
Zufrieden mit sich selbst, hob er seine Lippen zu einem kleinen Lächeln, als er der jungen Dame an der Kasse das zuvor herausgesuchte Geld reichte.
Der Weg zu Taichis Wohnung würde also auch ein Kinderspiel werden.

Yamato blinzelte allerdings etwas verwirrt zur Seite, als er plötzlich das Gewicht seines Freundes auf seinen Schultern spürte.
„Was?“, entkam es ihm völlig irritiert und irgendetwas an Taichis dümmlichem Grinsen regte ihn schlagartig auf.
Seine blauen Augen drifteten weiter, als sich ihm plötzlich die begründete Frage aufdrängte, warum Taichi seine Schuhe in der Hand hatte, statt sie anzuziehen.
Seine Ovale schweiften tiefer und zu seiner Überraschung befanden sich Taichis dunkle Arbeitsschuhe, die perfekt zu seinem Kelleroutfit passten, bereits an dessen Füßen.
Was zum?!

Doch neben den ledernen Herrenschuhen blitzen auf den dunklen Holzdielen ganz deutlich weiße Socken hervor. Seine Socken.
Socken...
Und Schuhe in Taichis Hand….
Es dauerte einen kurzen Moment bis sein benebeltes Hirn die Fakten weitestgehend kombinieren konnte, ehe ihm auch schon unkontrolliert die Hitze in die Wangen schoss.
Er hatte seine Schuhe vergessen?
War das so ein komischer Schultraum, in dem plötzlich auch seine Hose fehlte?
Nein!! Die hatte er an! Gut!

Nun hieß es, Fassung bewahren… und die Coolness. Wenn die Kassiererin es nicht sowieso schon gesehen hatte, dann spätestens dank Taichis wenig subtiler Annäherung.
„Danke.“ kommentiere er stoisch, während er sich aus der Umarmung seines Freundes wand und dabei seine Schuhe an sich nahm. Es war eine kleine Herausforderung, sie stehend an seine Füße zu bekommen, doch irgendwie, und mit einer Hand auf der Schulter des Sportlers schaffte er es in relativ kurzer Zeit.
Mist.

~*~

Konnte dieser Abend eigentlich noch irgendwie besser werden? Es war herrlich seinen sonst so coolen besten Freund dabei zu beobachten, wie er nun stoisch versuchte seinen Fauxpas zu überspielen, wobei die blassen Wangen mit Sicherheit nicht nur aufgrund des hohen Alkoholkonsums plötzlich deutlich erhitzt wirkten. Lachend folgte er dem Älteren Richtung Ausgang, wobei seine Schadenfreude allerdings gleich darauf nahtlos in ein unterdrücktes Stöhnen überging als er mit seinem wankenden Gang gleich einmal eine der Tischkanten radierte. Wie war das noch einmal mit dem Karma? Das würde mit Sicherheit einen gehörigen blauen Fleck geben…
Etwas humpelnd setzte er seinen Gang ins Freie fort, schob die Schiebetüre hinter sich zu, ehe er seine dunklen Augen gespielt drohend auf seinen besten Freund richtete. „Spar dir deinen Kommentar und lenk nicht davon ab, dass du gerade ohne Schuhe den Laden verlassen wolltest!“ Wow, klar und deutlich zu sprechen war gar nicht mehr so einfach. Der plötzliche Schmerz hatte den Nebel über seinem Verstand zumindest für einen Moment etwas gelichtet, doch die Wirkung des Alkohols war dennoch kaum abgeklungen. Die bloße Erinnerung an Yamatos Aktion im Restaurant entlockte ihm einen weiteren Lachkrampf, wobei er spüren konnte, dass ihm bereits die Tränen in die Augen schossen.

Noch immer glucksend rieb er sich über die feuchten Lider, schenkte seinem besten Freund dann ein schiefes Grinsen, ehe er erneut seinen Arm und die schlanken Schultern schlang. „Schau nicht so, Yama. Solang es nur die Schuhe sind, ist doch alles gut. Stell dir vor du hättest deine Hose vergessen.“ Ohne zu ahnen, dass er gerade exakt die Horrorvorstellung des Älteren zum Besten gab, setzte er sich lachend in Bewegung, Yamato dabei mit sich ziehend.

Die normalerweise gut besuchte Seitengasse, in der sich Restaurant an Restaurant reihte, war um diese Uhrzeit menschenleer, nur vereinzelt waren noch Mitarbeiter der Läden zu sehen, die nach übereifrigen Gästen erst jetzt in der Lage waren aufzuräumen. Taichi atmete tief die frische Luft ein, die Temperatur draußen angenehm warm. Die Regenzeit war gerade so vorüber, doch die schwüle Sommerhitze hatte noch nicht in vollem Ausmaß eingesetzt, sodass es für ihn auch mit langer Hose erträglich war.

Trotz seines intensiven Tagesprogramms und vorangeschrittener Uhrzeit fühlte er sich seltsam wach, und das obwohl Alkohol ihn normalerweise eher müde machte. Wahrscheinlich war es die Euphorie über den gelungenen Abend mit seinem besten Freund, der ihm erneut vor Augen geführt hatte, dass sich eigentlich nichts zwischen ihnen verändert hatte. Gut, sie sahen sich weitaus seltener als früher, doch davon abgesehen war alles wie immer. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen wandte er seinen Kopf etwas zur Seite um Yamato so ansehen zu können, wobei er unterschätzte, wie sehr seine Motorik bereits eingeschränkt war. Begleitet von einem überraschten Keuchen geriet er ins Straucheln, hängte sich dabei mit noch mehr Gewicht auf seinen Freund, der somit ebenfalls mit ihm nach vor gerissen wurde.

~*~

Taichis albernes Lachen verwandelte sich in Sekundenbruchteilen in einen Schmerzenslaut und obwohl es eine motorische Meisterleistung darstellte sich, während er die Schiebetür öffnete, umzudrehen, riskiere der blonde Schönling einen Blick.
Ha! Karma! Ein breites Grinsen schlich sich auf seine feingeschwungenen Lippen, als er hinaus auf die Straße stolperte. Das hatte dieser schadenfrohe Lackaffe echt verdient! Hoffentlich würde das schön blau werden!
Doch noch ehe er seine Gedanken laut aussprechen konnte, schnitt besagter Lackaffe ihm auch schon das Wort ab und fuhr damit fort sich über ihn zu amüsieren.
Idiot!

Der Weg an der frischen Luft gestaltete sich als herausfordernder als erwartet und Taichis zusätzliches Gewicht machte es Yamato nicht wirklich leichter, die Spur zu halten. Seine Beine fühlten sich wie Gummi an und sein Kopf wie in Watte gehüllt. Vielleicht war das letzte Glas doch keine so eine gute Idee gewesen.
„Verdammt, Taichi! Jetzt häng dich nicht so auf mich!“, fauchte der dann zur Seite als er auch schon Taichis warmen Atem in seinem Gesicht spürte, der dicht gefolgt von einem überraschten Stöhnen zu einer harten Bruchlandung auf dem Boden führte. Die Einzelheiten bekam der blonde ex-Sänger nicht wirklich mit, das einzige was er wahrnahm, war ein dumpfer Aufprall auf dem Asphalt und keine Sekunde später das fremde Gewicht seines besten Freundes.

„Idiot!“, blaffte er nach oben, ehe er die blauen Ovale öffnete und genau in das Gesicht des Dunkelhaarigen blickte. Er war nah… sehr nah und abgesehen von Alkohol war da noch ein anderer, sehr angenehmer Duft. Ein Duft den er noch aus Schulzeiten kannte, wenn sie auf dem Sofa gesessen hatten, oder auf dem Boden vor Taichis Bett…
Aber… wie war er auf dem Rücken und wie war der Brünette direkt über ihm gelandet?
Und was war das für ein nervöses Kribbeln das sich in ihm ausbreitete je länger der den Jüngeren anstarrte?
Er hatte zu viel getrunken!!

~*~

Ein überraschtes Keuchen entkam seinen Lippen als Yamato neben ihm ebenfalls ins Straucheln geriet, seine einzige Stütze damit schlagartig verschwand. Trotz seiner vom Alkohol deutlich verlangsamten Motorik schaffte er es irgendwie rasch genug zu reagieren um den Fall zumindest einigermaßen abzufedern, und irritiert stellte er fest, dass der plötzliche Aufprall weniger schmerzhaft als erwartet war.

Benommen blinzelnd öffnete er die reflexartig aufeinander gepressten Lider, nur um dabei schlagartig zu realisieren weshalb sein Sturz so glimpflich verlaufen war, der Boden sich überraschend warm und weich anfühlte. Durch die reflexartig auf dem Asphalt abgestützten Arme war er zumindest nicht mit seinem vollen Gewicht auf dem Älteren gelandet, doch der Sturz war für Yamato mit Sicherheit schmerzhafter gewesen als für ihn selbst.

Zu betrunken um tatsächlich wie ein rational denkender Mensch erst einmal sinnvollerweise aufzustehen, musterte er seinen besten Freund nur besorgt, wobei ihm erst jetzt bewusst wurde wie nahe Yamato ihm war. Er konnte den warmen Atem im Gesicht spüren, die blauen Augen direkt auf ihn gerichtet, und noch ehe Taichi es verhindern konnte zuckten seine Mundwinkel nach oben, ehe ein lautes Lachen seinen Lippen entkam.
„Das… war gerade wie in einem von Hikaris schnulzigen Fernsehdramas.“, presse er schließlich noch immer lachend hervor, nach wie vor ohne dabei Anstalt zu machen aufzustehen. „Und ich hab mich immer darüber aufgeregt, wie unrealistisch das ist.“ Breit grinsend schüttelte er leicht den Kopf, verstummte dann allerdings ganz plötzlich, während er sich langsam etwas nach unten beugte, die verschwindend geringe Distanz zwischen ihnen damit überbrückend. Nur einen winzigen Moment bevor sich ihre Lippen berührten hielt er plötzlich inne, ehe seine Mundwinkel erneut nach oben zuckten, ihm ein weiteres Glucksen entkam. „Szene Ende! Die Fortsetzung gibt’s natürlich erst in der Folge nächste Woche!“

~*~

Für weitere Sekunden hafteten ihre Blicke aneinander, zwischen ihnen nur eine seltsam wohlige Stille. Taichi machte keine Anstalten aufzustehen, starrte ihm einfach nur entgegen.
Wow, er hatte wirklich schöne Augen… so warm und-
Yamatos Gedanken rissen ab, als das Lachen seines Freundes ihn aus dem Nirwana katapultierte.
Oh Mann, sie waren beide ja so was von betrunken und wahrscheinlich konnten sie dankbar sein, dass außer ihnen niemand in dieser Gasse, mitten in der Nacht unterwegs war.

Doch plötzlich war da wieder Stille und fragend zog der blonde Schönling eine Augenbraue nach oben, nur um seine blauen Ovale Sekundenbruchteile später weit aufzureißen.
WAS tat er da?
Der warme, fast heiße Atem kam immer näher, Taichis Lippen jetzt so nah, dass sie seine beinahe berührten. Fuck?!
Sein Körper spannte sich automatisch an, verkrampfte sich, doch sein Kopf gestattete ihm keine weitere Reaktion. Kein Eingreifen in die Situation. Er starrte nur nach oben, wartete.
Wartete… und irgendwie… war nicht das Schlimme, was Taichi da gerade vorhatte… nein das Warten war schlimm!

Yamatos Herz raste und seine Fingerspitzen begannen zu kribbeln.
Taichi küssen… ja, das war-
Wieder dieses schallende Lachen und mit einem Mal war sein Verstand wieder klar.
„Runter, du Vollidiot!“
Da war nicht mehr viel Kraft in seinen alkoholisierten Knochen, aber es reichte um seinen ebenfalls motorisch eingeschränkten Freund von sich zu werfen. Taichi kippte regelrecht wie ein nasser Sack zur Seite. Gut so!
Schwankend richtete sich der Ältere wieder auf, stützte sich dabei an einer Straßenlaterne ab um nicht gleich wieder das Gleichgewicht zu verlieren.
Wie weit war diese dumme Wohnung bitte noch entfernt?

~*~

Ein überraschtes Keuchen entkam seinen Lippen als Yamato ihn, anstatt seinen überaus gelungenen Witz zu würdigen, grob von sich beförderte, er nun doch noch schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Boden machte. Leise stöhnend rappelte er sich auf, wobei er wahrscheinlich verblüffend einem Käfer auf dem Rücken glich, der mehrere Anläufe benötigte, bis er es in eine aufrechte Position schaffte.

Mit reichlicher Verspätung begann sein verklärter Verstand wieder zu arbeiten, und dunklen Augen weiteten sich in plötzlicher Erkenntnis. Mit wenigen Schritten stolperte er auf seinen besten Freund zu, riss ohne Vorwarnung das Hemd des Älteren hoher, um sich dann leicht schwankend etwas vorzubeugen um besorgt den nackten Rücken seines besten Freundes zu inspizieren. „Scheiße, hast du dir weh getan?“ Der dunkelhaarige Wuschelknopf kniff seine Lider etwas zusammen, wie um auf diese Weise besser fokussieren zu können, tastete dann so sanft es ihm in seinem betrunkenen Zustand möglich war über die leicht gerötete Haut. „In diesen blöden Dramas passiert das natürlich nicht. Also doch komplett unrealistisch!“, lamentierte er anklagend, während er das Stück Stoff wieder losließ.

„Soll ich dich tragen? Ich kann dich bestimmt auf dem Rücken tragen!“ Wie um sein enthusiastisches Angebot noch zu unterstreichen ging er bereits auffordernd etwas in die Knie, wobei er schon bei dieser Bewegung bedenklich schwankte.

~*~

Es gab kaum einen Moment zum Verschnaufen, denn obwohl Taichi für einen Moment wie ein strampelnder Marienkäfer auf dem Rücken lag, dauerte es nicht lange bis er sich wieder aufraffte.
Erneut riss der Blondschopf die Augen auf, kaum in der Lage zu erfassen was gerade passierte.
Die laue Nachtluft streifte seine nun entblößte Haut, aber er war kaum in der Lage zu reagieren, starrte den Jüngeren nun fassungslos an.
Was tat dieser Trottel da?
Doch nicht genug. Ehe sich Yamato versah, ließ Taichi sein Hemd wieder los, ging stattdessen vor ihm in die Hocke. Was zum?!

Wahrscheinlich lag es am Alkohol… zumindest konnte er das Morgen voller Zuversicht behaupten, aber dieser Idiot sollte sich umsehen! Er wollte ihn tragen?! Dann sollte er doch!
Mit, in seinen Augen, leichtem Anlauf, der von Weitem betrachtet eher wie der Versuch einer sterbenden Katze wirkte, 'sprang' er auf den dargebotenen Rücken. Seine Arme schlangen sich um die Schultern seines Freundes, der wie zu erwarten sofort wieder das Gleichgewicht verlor, weil Yamato ihn mehr rammte, als auf seinem Rücken Platz zu nehmen.
Wow.
Sie waren Helden.
Wirklich.

Ein herzhaftes Lachen entfloh der Kehle des ex-Musikers, als er sich mit den Knien am Boden, aber dennoch auf Taichis Rücken wiederfand. Wahrscheinlich war der Sturz schmerzhafter gewesen, als sein Kopf es gerade verstehen konnte, aber egal.
„Ich dachte du bist Sportler. Vorhin hast du mir deinen Waschbrettbauch doch noch gezeigt.“ Entkam es ihm zwischen zwei Lachern, während er sein Gesicht leicht in Taichis Nacken drückte. Seine Haare und seine Haut waren weich und warm und kurz hatte Yamato das Bedürfnis einfach die Augen zu schließen und einzuschlafen…
Auf Taichi. Der auf der Straße lag.
Wieder begann er zu lachen.
„Komm schon, steh auf und trag mich!“
Wow. Hoffentlich würde er sich morgen an nichts erinnern.
Sie beide nicht!

~*~

Ein überraschtes Keuchen entkam seinen Lippen als der Ältere wider Erwarten seiner Aufforderung nachkam, sich schlanke Arme um seinen Hals schlangen, er spüren konnte wie Yamato offenbar noch mit Anlauf auf seinen Rücken sprang. Automatisch knickten seine Beine unter ihm ein, sodass er nach vor kippte, wobei er sich instinktiv fragte wie sein bester Freund trotz seines schlanken Körperbaus so schwer sein konnte. Glücklicherweise minderte der hohe Alkoholkonsum sein Schmerzempfinden, sodass seine Mundwinkel nach dem ersten Überraschungsmoment ebenfalls erneut nach oben zuckten. Wärme durchflutete ihn, als das amüsierte Lachen seines besten Freundes direkt an sein Ohr drang, er den warmen Atem in seinem Nacken spürte. Der Asphalt war noch erhitzt von den sommerlichen Temperaturen, fühlte sich erstaunlich bequem an.

Kurz war er versucht einfach die Augen zu schließen, einfach flach wie eine Flunder mit seinem ebenso sturzbetrunkenen Freund auf dem Rücken liegen zu bleiben, ehe sein letztes bisschen rationales Denken ihn darin erinnerte, dass seine Wohnung nur wenige Meter entfernt war, es sich selbst im sicheren Japan nicht empfahl mitten auf der Straße zu schlafen. Begleitet von einem anstrengten Stöhnen richtete er sich auf den Ellbogen auf, biss dann die Zähne zusammen um sich trotz zusätzlichem Gewicht vom Boden zu stemmen. Trotz hohem Alkoholkonsums kam ihm nun sein sportlicher Körper zu Gute, sodass er es tatsächlich mit dem Älteren auf dem Rücken schaffte aufzustehen, die Arme unter die Beine seines besten Freundes zu schieben, sodass er sich dann schwankend in Bewegung setzen konnte.

„Ha, das hast du nicht erwartet, oder?“ Triumphierend wandte er seinen Kopf etwas zur Seite, seine Lippen zu einem breiten Grinsen angehoben, wobei er für einen Moment bedenklich etwas zur Seite schwankte, ehe er mit seinem Gewicht der torkelnden Bewegung entgegensteuerte und seinen starken Seitendrall damit ausglich. Yamatos blonder Schopf kitzelte ihn am Hals, die nun deutlich kürzeren Haare weich auf seiner nackten Haut. „Ich nehms zurück, genau so enden Hikaris Kitschdramas normalerweise! Heute liefern wir den versteckten Kameras die komplette Romantikpalette!“

~*~

Ein überraschter Laut entkam Yamatos Kehle, als plötzlich ein Ruck durch Taichis und somit auch durch seinen Körper ging. Der Jüngere richtete sich wackelig auf, schlang dann die Arme unter seine Beine. Einen Moment wirkte es, als würde er wieder sofort vorn überkippen, doch weit gefehlt. Taichi stand… und setzte sich sogar auch noch mit triumphierendem Grinsen in Bewegung.
Respekt!
Das hatte er wirklich nicht erwartet.

Und irgendwie wirkten die schwankenden Bewegungen und die laue Nachtluft beinahe einschläfernd auf den ex-Sänger. Noch einmal festigt er den Griff um Taichis Brust, ehe er seinen Kopf schwer auf dessen Schulter sinken ließ, die Lippen, ohne darüber nachzudenken, gegen Taichis Halsbeuge gedreht. Sein warmer Atem streifte die gebräunte Haut, doch er bekam es gar nicht wirklich mit. Die Lider fest und entspannt geschlossen, lauschte er Taichis Stimme und quittierte das gehörte nur mit einem trägen: „Hmhm, sehr romantisch...“


Ein wenig irritiert öffnete der Blonde die Augen, fühlte, dass er etwas wackelig an einer Wand lehnte.
Moment… wo war er?! Es dauerte ein paar Sekunden, bis er Taichi genau neben sich realisierte, der gerade damit beschäftigt war, eine Tür aufzuschließen… vorausgesetzte er würde mit dem Schlüssel das Loch treffen.
„Hehe… wenn du immer so mies zielst, sehe ich schwarz für deinen Erfolg bei Frauen. Bist du deswegen Single? Triffst du nicht? Haha...“ Ein unterdrücktes Prusten, ehe dieses dann in ein leises Lachen überging. Oh je, er war heute besonders witzig, oder?

~*~

Wärme durchflutete ihn und perplex blinzelnd spürte Taichi wie die feinen Härchen in seinem Nacken sich aufstellten als der heiße Atem erneut seinen Hals streifte. Irritiert von der seltsamen Reaktion seines Körpers runzelte der dunkelhaarige Wuschelkopf die Stirn, musterte Yamato für einen kurzen Moment wortlos, ehe er dann kaum merklich mit den Schultern zuckte, seinen Blick wieder nach vorne richtete und leise summend den Weg zu seiner Wohnung fortsetzte. Er war betrunken, hatte gerade eben noch mit dem Gedanken gespielt einfach auf der Straße zu schlafen, da musste er sich darüber wohl wirklich nicht den Kopf zerbrechen.

Deutlich außer Atem und mit beschleunigtem Puls erreichte er wenig später endlich sein Apartment, wobei die Stufen hinauf in den dritten Stock ihm schließlich den Rest gaben. Sein bester Freund war offenbar tatsächlich eingenickt, zumindest kommentierte Yamato seine sportliche Meisterleistung mit keinem Wort. Keuchend erklomm er schließlich sein Stockwerk, die nächste Herausforderung darin bestehend, den Älteren irgendwie von seinem Rücken an die Wand gelehnt zu bekommen. Der Blondschopf gab einen protestierenden Laut von sich als er ihn leise fluchend absetzte, taumelte zwar etwas zur Seite, blieb aber glücklicherweise dennoch in einigermaßen aufrechter Haltung an die Mauer gestützt stehen.

Hastig angelte Taichi in seiner Tasche nach dem Schlüssel, wobei seine eingeschränkte Motorik selbst dieses Unterfangen schon als schwierig gestaltete. Erleichtert atmete er auf als er den kleinen Koromon Anhänger, den Hikari ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, endlich zu greifen bekam. Mit zusammen gekniffenen Lidern fokussierte er dann das Schlüsselloch, wobei das widerspenstige Dinge allerdings auch beim zweiten Versuch daneben zielte. „Oh, Cinderella, bist du auch wieder aufgewacht?“, kommentierte er trocken den Kommentar seines besten Freundes, ehe er kurz innehielt, die Stirn in Falten gelegt. „Halt, warte, das war die mit dem Schuh, oder?“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf, bedachte Yamato dann mit einem tödlichen Blick. Oder zumindest so tödlich wie er in seinem Zustand in der Lage war.

„Haha, witzig. Ich bin single, weil ich schweeer beschäftigt bin.“ War es schon immer so schwierig gewesen deutlich zu reden? Klares Artikulieren schien gerade nicht mehr so ganz drin zu sein. „Also schließ nicht von dir auf andere!“, schaffte er dennoch noch irgendwie zu antworten, begleitet von einem triumphierenden Laut als er den Schlüssel endlich ins Schloss beförderte, dieses sich mit einem leisen Klicken öffnete. Schwerfällig tastete er nach dem Lichtschalter, stolperte dann etwas zur Seite um Yamato die Türe aufzuhalten.

„Herzlich Willkommen in der Yagami Residenz.“ Einladend streckte er einen Arm aus, beugte sich leicht nach vorn, in seiner besten Imitation eines Butlers, wobei er bedenklich nach vorn wankte, sich allerdings gerade rechtzeitig noch fing.

~*~

„Ich treffe sehr gut...“ Nuschelte der blonde Musiker mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen, während er Taichi in die Wohnung folge. Gerade noch genug Herr seiner Sinne, schaffte er es sich die Schuhe im kleinen Eingangsbereich von den Füßen zu treten, ehe er weiter in die Räumlichkeiten wankte. Es war klein, kein Vergleich zu den geräumigen Apartments auf Odaiba, aber es schien auszureichen. Doch selbst in benebeltem Zustand fiel Yamato auf, dass dieser Raum sehr unpersönlich eingerichtet war. Die Wände kahl, ein einzelnes Regal voll mit Büchern (was für sich genommen schon sehr untypisch war), aber nichts Persönliches. Keine Fußball Poster oder etwas ähnliches.

Wie aus Reflex suchte der blonde Schönling die Ecken nach dem runden Leder ab, das der Jüngere früher permanent mit sich herumgeschleppt hatte.
„Wo ist dein Fußball?“
Die erste Frage, so unnütz sie auch schien; sie bedeutete alles.
Alles hier zeigte wie sehr sich der Dunkelhaarige offenbar verändert hatte.
„Bist du unter die Streber gegangen?“ Das Lachen war kurzzeitig völlig aus dem feingeschnittenen Gesicht verschwunden, seine Stimmlage eher kleinlaut und fast verunsichert.
Das hier war absolut nicht das, was er sich unter Taichis Wohnung vorgestellt hatte.
Wo waren das Chaos, die Poster, Manga und Fußballhefte?
Wo war ihr Foto aus der Digiwelt?
Fast ein wenig panisch suchte er weiter die wenigen Flächen ab.
Da war nur noch das Bett.

Ein wenig schwerfällig stolperte er darauf zu.
Da langen doch ein paar Hefte, nicht wahr?
Das musste sein, wonach er die ganze Zeit gesucht hatte. Etwas, was 'den Taichi' ausmachte, den er kannte. Nicht nur Studienlektüre und sterile Wände.
In seinem Kopf drehte es sich ein wenig, als er vor dem Bett in die Knie ging und nach dem Stapel Magazine griff und-
„Okay… ich hab andere Bälle erwartet.“

Und egal wie schwer seine Stimmung bis eben noch gewesen war, der Alkohol tat seinen Dienst, als endlich wieder ein amüsiertes Lachen seine Kehle entwich.
„Du Perverser! Hattest du zu lange keinen Sex mehr, oder was?“

~*~

Ein Gähnen unterdrückend zog Taichi die Haustüre hinter sich ins Schloss, runzelte bei der selbstbewussten Bemerkung seines besten Freundes leicht die Stirn. Klar, es war nicht überraschend, dass Yamato bei seinem Aussehen wahrscheinlich keinerlei Probleme damit hatte reihenweise Mädchen abzuschleppen, dennoch war es seltsam den Älteren so offen und arrogant damit prahlen zu hören. Hatte sie sich überhaupt schon jemals über dieses Thema unterhalten? Nicht, dass es da bei ihm sonderlich viel zu erzählen gab... Und seit der Sache mit Sora hatte Yamato eigentlich meist vermieden das Thema „Freundin“ überhaupt anzusprechen. Vielleicht aus schlechtem Gewissen heraus? Er wusste im Grunde genommen nicht einmal weshalb die beiden sich letzten Endes getrennt hatten, irgendwann war es einfach vorbei gewesen. Ohne großes Drama, ohne ein offizielles Statement. Eine Trennung ohne großartigem Tamtam.

Die irritierte Frage seines besten Freundes riss ihn schließlich aus seinen Gedanken, und er blinzelte perplex ehe die Worte seinen benebelten Verstand erreichten. „Liegt noch bei meinen Eltern. Hier ist nicht so viel Platz wie in Odaiba. Und ich komm sowieso nicht wirklich zum Trainieren.“ Er mied den Blick in Yamatos Richtung, steuerte stattdessen leicht wankend den kleinen Kühlschrank an. Die zuvor gerade noch so ausgelassene Stimmung war plötzlich seltsam melancholisch, dem musste eindeutig mit mehr Alkohol entgegengesteuert werden! „Willst du noch einen Absacker? Ich hab noch Bier…“

Amüsiertes Gelächter ließ ihn verwirrt inmitten der Bewegung innehalten, ehe er schlagartig von dem bereits geöffneten Kühlschrank herumfuhr, die dunklen Augen entsetzt geweitet. Verdammter Mist! Mit plötzlich wieder erstaunlich schneller Geschwindigkeit stolperte er auf seinen besten Freund zu um ihm die Magazine aus der Hand zu reißen, während er sein karges Zimmer panisch nach irgendeinem geeigneten Ort durchsuchte um die Schmuddelheftchen in Sicherheit zu bringen. Der hohe Alkoholkonsum tat der peinlichen Situation keinen Abbruch, und er konnte spüren wie sein Gesicht glühte, seine Wangen mit Sicherheit hochrot.

„Das…sind nicht meine. Hat ein Kumpel hier vergessen…“, versuchte er noch krampfhaft die Situation irgendwie zu retten, wobei er sein Grab allerdings gleich noch tiefer schaufelte. Selbst in seinen Ohren klang die Ausrede peinlich und absolut unglaubwürdig. „Jetzt hör schon auf zu lachen! So witzig ist das ganze jetzt auch wieder nicht! Selbst wenns ne Weile her ist, nicht jeder hat so viel Zeit!“ Konnten sie das Thema jetzt bitte beenden? Und sein dämlicher bester Freund aufhören so dämlich zu grinsen?

Mit der Intention die Heftchen in der Kommode unter dem Fernseher zu verstauen setzte er sich in Bewegung, wobei eines der Magazine von dem Stapel glitt, und auf den Boden segelte, dabei natürlich aufgeschlagen direkt vor Yamato auf dem Teppich landete.

~*~

Natürlich, ein Kumpel.
Yamatos Grinsen wurde noch breiter als er Taichis hochrotes, nahezu panisches Gesicht sah. Es war herrlich!
„Aha, hast du nicht gesagt, dass du hier nie Besuch hast? Und warum bringt ein 'Kumpel' seine Pornosammlung mit hier her? Was habt ihr denn zusammen getrieben? Das ist ja hoch interessant!“ Er hatte keine Ahnung woher diese plötzliche Präzision seiner Aussprach kam, aber es war einfach zu gut, da konnte wohl selbst der Alkohol nichts ausrichten.

Während sein Freund also hektisch versuchte seine Schmuddelsammlung von seinen Augen in Sicherheit zu bringen, bildete sich in seinem vernebelten Hirn ein interessantes Bild. Ob er wollte oder nicht, es war plötzlich da. Es war ja nicht so, dass er nicht auch ab und zu selbst Hand anlegen würde, das war völlig normal, aber darüber nachzudenken, wie Taichi es tat… schickte plötzlich einen überraschenden heißen Schauer über seinen Rücken.
Sein schadenfrohes Grinsen erstarb in dem Moment, als sich eines der Hochglanzhefte wie von selbst vor seinen Füßen aufblätterte.

Er hatte noch nie auf diese übermäßig großen Brüste gestanden. War das eine Vorliebe des Jüngeren, oder einfach Zufall?
Was machte er wohl für ein Gesicht wenn er…?
Seine blauen Augen richteten sich mit einem Mal neugierig auf seinen Gegenüber, der noch immer panisch auf das Heft am Boden starrte. Und noch ehe er sich in in Bewegung setzten konnte, um es einzusammeln, machte der blonde Student einen Schritt auf ihn zu, bliebt so knapp vor ihm stehen, dass es für den Jüngeren, mit dem Fernseher im Rücken, keine Fluchtmöglichkeit gab.
Erneut zuckten seine Lippen zu einem süffisanten Lächeln nach oben, während er sich leicht vorbeugte, sodass sich ihre Nasenspitzen fast berührten.
Allgemein war zwischen ihnen so wenig Abstand, dass Yamato Taichis Körperwärme beinahe schon spüren konnte.

„Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“, hauchte er ihm in fast schon verführerischen Ton entgegen, spürte den warmen Atem bereits auf seinen Lippen. Irgendwie heiß.
Er befand sich direkt in Taichis Fokus, sah Überforderung und noch immer Scham. Niedlich.
Da war nur noch ein winziger Abstand und Yamato reckte sein Kinn noch ein wenig weiter nach vorn, öffnete die Lippen ein Stück, streifte mit der Nasenspitze die seines besten Freundes.
Nicht nur irgendwie heiß. Definitiv heiß!

Doch dann zuckten seine Mundwinkel erneut nach oben, in den Augen ein amüsierter Ausdruck.
„Szene Ende! Die Fortsetzung gibt’s natürlich erst in der nächsten Folge!“, zitierte er seinen besten Freund, ehe er einen Schritt zurück machte und den Blick Richtung Küchennische schickte:
„Ich nehm noch einen Absacker.“
Obwohl er sich eingestehen musste, dass ihm dieses gewisse Bild des braunhaarigen Wuschelkopfs nicht mehr aus dem Sinn ging…
Heiß. Aber auch gefährlich.

~*~

Ein Kumpel, der seine Pornosammlung in sein Apartment mitbrachte, von dem er gerade noch lautstark erzählt hatte, dass es so gut wie nie Gäste zu sehen bekam. Wirklich? Er war ja schon immer ein mieser Lügner gewesen, doch diese dämliche Begründung war selbst für seine Verhältnisse eine Meisterleistung. Okay, am besten hielt er jetzt einfach den Mund, ließ die spöttischen Bemerkungen über sich ergehen, sodass Yamato möglichst rasch das Interesse daran verlor ihn damit aufzuziehen. Und hey, zumindest war keines der Heftchen mit den Katzenohren und Zimmermädchen Uniformen auf dem Boden gelandet… Sie waren beide betrunken, vielleicht erinnerte der Ältere sich am nächsten Tag ja nicht einmal mehr an den Zwischenfall. Solange er das Beweismaterial schnellstens zum Verschwinden-

Gerade als Taichi sich in Bewegung setzen wollte um das verräterische Magazin mit möglichst stoischer Miene aufzuheben, kam ihm sein bester Freund allerdings zuvor. Irritiert hob er seinen Blick an als Yamatos Füße sich plötzlich in sein Blickfeld bewegten, der Ältere sich nicht wie erwartet nach dem Heft bückte, sondern stattdessen direkt auf ihn zutrat. Reflexartig wich er einen Schritt zurück, wobei er allerdings sofort gegen die Fernsehkommode stieß. Verdammt, war seine Wohnung wirklich schon immer so winzig klein gewesen? Was sollte das überhaupt jetzt plötzlich werden? Wo blieben all die spöttischen Bemerkungen? Die Mundwinkel seines besten Freundes waren zu einem süffisanten Grinsen angehoben, der Ältere so nahe, dass es unmöglich war dem forschen Blick auszuweichen.

Die gewisperten Worte jagten einen Schauer über seinen Rücken, die leicht geöffneten Lippen so nahe, dass sie beinahe die seinen berührten. Sein Herz hämmerte hart gegen seine Rippen, die dunklen Augen gänzlich überfordert geweitet, während Taichi wie paralysiert verharrte, außer Stande auch nur ansatzweise zu reagieren. Er konnte spüren wie Yamato die verschwindend geringe Distanz noch weiter überbrückte, wie sich ihre Nasenspitzen berührten, realisierte kaum wie er langsam seine Lider schloss, er bereits darauf wartete, dass-

Perplex blinzelnd öffnete er seine Augen, spürte wie die Hitze in seinem Gesicht schlagartig erneut zunahm als die Worte des Älteren seinen Kopf erreichten, er realisierte, dass Yamato bereits einen Schritt von ihm weggemacht hatte, nun stattdessen mit dem nach wie vor offenen Kühlschrank liebäugelte. Wie betrunken war er eigentlich tatsächlich? Hatte er gerade wirklich erwartet, dass ein bester Freund ihn küssen würde? Mehr noch, wieso zum Teufel raste sein Puls nach wie vor wie verrückt?

Das leise Knistern von Papier, gefolgt von einem gedämpften Poltern riss ihn aus seiner Erstarrung, und ein unterdrücktes Fluchen entkam seinen Lippen als er realisierte, dass er unbewusst seinen Griff gelockert und damit gerade weitere Pornoheftchen auf dem Boden verteilt hatte. Hastig ging er in die Knie um den Schweinekram einzusammeln, ehe er die Magazine dann ohne auf Eselsohren oder sonstige Knicke zu achten in eine der Schubladen der Fernsehkommode beförderte.

„Ich hasse Cliffhanger…“, kommentierte er schließlich nur schief grinsend während er sich an Yamato vorbei zum Kühlschrank schob. Er würde dem Älteren mit Sicherheit nicht gleich sofort noch eine weitere Steilvorlage liefern und irgendwie auf diese dämliche Aktion eben reagieren. Ganz bestimmt nicht. Mit betont stoischer Miene beförderte er zwei Bierdosen ans Tageslicht, reichte dem Älteren erst eine, ehe er die andere schon begleitet von einem leisen Zischen öffnete. „Was hast du damit gemeint? Was hast du mir nicht zugetraut?“ Die Worte waren seinen Lippen entkommen, ehe er sie verhindern konnte. Wow. Heute war er wirklich in Höchstform, wenn es darum ging sich selbst ans Messer zu liefern, oder? Wieso war er einfach nicht in der Lage seine vorlaute Klappe zu halten? Alkohol hin oder her, so schwer konnte es doch nicht sein einfach mal zu schweigen!

~*~

Als Taichi sich an ihm vorbei, Richtung Kühlschrank schob, war da wieder dieser angenehme Duft, der ein leichtes Kribbeln in Yamatos Körper auslöste. Er war ihm eben so nah gewesen… auch wenn es nur Spaß gewesen war… irgendetwas in seinem Innern bereute fast, dass er die Aktion abgebrochen hatte. Sicher der Alkohol… alles andere wäre ja vollkommen verrückt, oder?
Taichi war keiner seiner Kommilitonen, den er einfach mal so verführen konnte. Nicht, dass er so etwas ständig tat… aber ab und zu war so eine 'kleine Nummer' ohne Verpflichtungen schon ganz nett.

„Wer weiß, vielleicht gibt’s ja bald ne Fortsetzung...“ murmelte er also mit zuckenden Schultern, während er sich in Richtung Bett bewegte und sich auf die Matratze fallen ließ.
Wie war das? Er würde das Bett bekommen und Taichi würde auf dem Boden schlafen?
Wieder hoben sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen. Taichi WOLLTE doch, dass er ihn aufzog, oder? Wie viele Steilvorlagen, wollte er ihm eigentlich noch bieten?
„Na, dass du so verdorben bist. Was treibst du mit deinem ominösen 'Kumpel', in diesem Apartment? Muss ich eifersüchtig werden?“ Moment. Was?
Wow, zu viel Bier! Was sonderte er da für einen Schwachsinn ab? Er und eifersüchtig.
Obwohl er zugeben musste, dass ihm der Gedanke wirklich nicht gefallen würde, wenn Taichi hier mit irgendeinem Kerl- STOPP! Unsinn!!

Vielleicht hatte er ja Glück und seine Freund nahm seinen letzten Satz als weiteren Blödsinn auf… Warum auch nicht?! Und während sich der Jüngere mit zwei weiteren Bier in seine Richtung bewegte, rückte Yamato ein Stück zur Seite um dem Wuschelkopf Platz zu machen, wobei seine Finger an die Fernbedienung neben dem Kissen stießen.
„Lass uns doch mal sehen was in der Glotze läuft.“, kommentierte er seinen Fund um weiter von sich abzulenken und betätigte die 'Play-Taste', womit sich allerdings auch gleich der DVD Player unter dem Fernseher in Betrieb nahm.

~*~

Eine Fortsetzung? Irritiert folgten braune Augen seinem besten Freund, ehe Taichi dann kaum merklich den Kopf schüttelte und Yamato zum Bett nachfolgte. Der Ältere war betrunken, redete gerade ebenso viel belanglosen Unsinn wie er selbst, nichts weiter sonst. Er nahm einen weiteren großen Schluck von der Bierdose um zu verhindern bei seinem schwankenden Gang womöglich noch eine Sauerei auf dem Boden anzurichten, konnte bei den nachfolgenden Worten nur mit Mühe verhindern, das alkoholische Getränk in die Luft zu prusten. Hochrot im Gesicht zwang er sich zuerst die Flüssigkeit hinunterzuwürgen, ehe er sich erlaubte mit tränenden Augen und hustend nach Luft zu schnappen.

Okay, ja, er hatte Yamato eine weitere Steilvorlage geliefert, mit seiner dämlichen Ausrede geradezu darum gebettelt, dass der Blonde ihn weiter aufzog, doch diese Art von Scherzen war eindeutig neu. „Nichts! Ich treibe hier überhaupt nichts mit niemandem!“ Genau, schön die übliche Strategie weiterführen, den Mund öffnen bevor das Hirn auch nur ansatzweise angeschaltet war. Hastig presste er seine Lippen aufeinander, spürte wie die Hitze erneut in seine Wangen kroch. Verdammt, normalerweise war er eindeutig schlagfertiger. Okay, so konnte es eindeutig nicht weitergehen, er würde Yamato bestimmt nicht den nächsten Lacher auf dem Silbertablett liefern.
„Keine Sorge, Yama, du kommst natürlich immer zuerst.“ Viel besser! Grinsend ließ er sich neben seinem besten Freund auf die Matratze fallen, angelte dabei nach einem der Kissen um es hinter seinen Rücken zu stopfen. Ein Gähnen unterdrückend machte er sich bequem, hob gerade seine Hand um die Bierdose erneut an seine Lippen zu führen, als er ruckartig inmitten der Bewegung innehielt, seine dunklen Augen sich entsetzt weiteten.

Nein. Nein, Nein, NEIN! „Yamato, warte, nicht den –“ Panisch warf er sich über den Älteren in dem krampfhaften Versuch ihm die Fernbedienung zu entwenden, ignorierte dabei, dass bei der ruckartigen Bewegung Bier über den Dosenrand schwappte. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen wie der Bildschirm sich bereits anstellte, der Screen für die sich aufbauende Verbindung zum DVDPlayer den Raum in bläuliches Licht tauchte, seine grauenhafte Befürchtung damit bestätigend. „Gib die Fernbedienung her! Yama!“ Erneut versuchte er seinem perplexen besten Freund das schwarze längliche Kästchen aus den Finger zu reißen, verzweifelt darum kämpfend seine Würde zu bewahren, doch zu spät. Haltloses Stöhnen drang aus dem Lautsprecher als die im Player verbliebene DVD sich genau dort abzuspielen begann, wo er sie am Vorabend abgestellt hatte.

~*~

Mit einem überraschten Keuchen entwich Yamato die Luft aus den Lungen. Hatte Taichi den Verstand verloren? Das volle Gewicht des Sportlers lastete plötzlich auf ihm, während der Jüngere krampfhaft nach der Fernbedienung angelte, die er allerdings schon aus Reflex weit nach oben in die Luft streckte. Das Zimmer mit einem Mal bläulich ausgeleuchtet, verstand der blonde Schönling auch schon Sekunden später den Grund für Taichis Panikanfall.

Das haltlose Stöhnen der jungen Frau auf dem Bildschirm, die sich offenbar nicht ganz sicher war, ob sie nun Spaß hatte, oder lieber nach der Polizei schreien sollte, zog die Aufmerksamkeit der blauen Augen für mehrere Momente auf sich.
Sie beide starrten wie paralysiert auf den Monitor, wo sich gerade die Großaufnahme einer 'sehr' eindeutigen Szenerie bot.
Wow.
Langsam wanderte der Blick des Ex-Musikers nach unten, auf den nahezu versteinerten Wuschelkopf.

Reife Leistung… das musste er schon zugeben.
„Du bist wirklich verdammt untervögelt, kann das sein?“ Yamatos Lippen hoben sich erneut zu einem schadenfrohen Grinsen, während er die Fernbedienung endlich sinken ließ.

~*~

Starr vor Entsetzen war Taichi für einen Moment lang nicht in der Lage seinen Blick vom Bildschirm loszureißen, seine geweiteten Augen von der sich ihm bietenden Szene zu wenden. Die junge Frau mit den eindeutig künstlichen Brüsten versuchte sich wie am Spieß schreiend zu befreien, wobei die schrille Stimme, sowie das völlig übertriebene Stöhnen ihm schon jetzt einen Vorgeschmack auf die Kopfschmerzen des nächsten Tages verursachte. Exakt der Grund weshalb er die DVD am Vorabend mitten in der Szene frustriert abgestellt hatte. Er war definitiv nicht die Zielgruppe für Pornofilme.

Für einen weiteren Augenblick war nur das erbärmliche Wimmern der Hauptprotagonistin zu hören, ehe er dann spüren konnte wie sich blaue Augen auf ihn richteten, sein bester Freund dann natürlich auch schon seinen ersten Kommentar abließ. Untervögelt? Okay, ja, sein Körper hatte Bedürfnisse, aber konnte man überhaupt untervögelt sein ohne jemals überhaupt Sex gehabt zu haben? Der dunkelhaarige Wuschelkopf presste seine Lippen zusammen, bekam dann endlich die Fernbedienung zu fassen um der elenden Heulerei endlich ein Ende zu bereiten.

Schlagartig verstummte die junge Frau, und damit auch jegliches Hintergrundgeräusch in dem kleinen Apartment und mit einem Mal war Taichi sich gar nicht mehr so sicher ob er nicht die Untermalung des Pornos der plötzlichen Stille vorziehen hätte sollen. Erst jetzt realisierte er, dass er nach wie vor halb auf seinem besten Freund hing, und hastig richtete er sich auf, jeglichen Blick in Yamatos Richtung dabei meidend.

„Perfekt. Einfach herrlich.“ Ein gequältes Stöhnen entkam seinen Lippen, während er krampfhaft versuchte seine glühenden Wangen vor dem Älteren zu verbergen. „Jetzt wirst du mich für immer mit diesem Mist verarschen, obwohl ichs nicht einmal geschafft habe bis zum Ende von dieser schwachsinnigen Szene durchzuhalten. Und haha, nein, nicht aus den Gründen, die du dir mit deinem dreckigen Grinsen ausmalst!“ Scheiße, wieso schaffte er echt keinen einzigen Satz, der nicht so zweideutig herauskam, dass Yamato ihm sofort die Worte im Mund verdrehte und natürlich alles missverstand. „Ich meine, was ist daran bitte anturnend? Wenns ihr nicht gefällt, soll sies lassen!“

~*~

Es vergingen nur weitere Sekunden, bis Taichi ihm die Fernbedienung aus der Hand riss und die schreiende Protagonistin damit zum Schweigen brachte. Seine Mundwinkel noch immer zu einem wissenden Grinsen angehoben, beobachtete Yamato seinen Freund dabei wie er sich hastig aufrichtete, dabei jeden Blick in seine Richtung vermied. Dennoch konnte er deutlich die geröteten Ohren erkennen, brauchte also nicht viel Fantasie um zu wissen wie der Rest des abgewandten Gesichts aussah.
Klar, es wäre ihm selbst auch peinlich, wenn das bei ihm zu Hause passiert wäre, aber das war es nun mal nicht.

Ein kurzes, amüsiertes Schnauben entkam dem blonden Schönling, als sich Taichi mit seiner Verteidigung nur noch tiefer in sein Grab schaufelte. Das Wort 'Schnellschuss' lag ihm schon auf der Zunge, doch der Jüngere kam ihm zuvor, ließ ihn interessiert innehalten.
„Warum hast du die DVD dann überhaupt gekauft oder ausgeliehen?“, fragte er immer noch mit leichtem Grinsen auf den Lippen. Der Alkohol verhinderte dabei wohl auch noch jegliches Mitleid für die peinliche Situation.
Moment. Hieß das etwa, dass das der erste Porno war, den sich Taichi besorgt hatte? Wie unglücklich konnte das Timing bitte sein?
Erneut ein knappes Lachen.
„Wer hat dir denn erzählt, dass so was anturnend ist? Ich fand diese Dinger schon immer ätzend. Genau wie deine Schmuddelheftchen.“

~*~

Der dunkelhaarige Wuschelkopf deutete ein Schulterzucken an, den Blick nach wie vor stur abgewandt, auf den nun glücklicherweise schwarzen Bildschirm des Fernsehers gerichtet. Dummerweise spiegelten sie sich beide in der glatten Oberfläche wider, sodass er selbst auf diese Weise nicht vor Yamatos amüsiertem Grinsen verschont blieb. „Wohl nicht um Kochen zu lernen.“ Was sollte die dämliche Frage überhaupt? Weshalb er den Schmuddelkram erworben hatte? Lag das nicht auf der Hand? Oder wahrscheinlich besser in der Hand… Wow. Das Wortspiel war gar nicht so mies gewesen. Schon fast schade darum, dass er es leider, leider für sich behalten musste. Zumindest wenn er dem Älteren nicht schon wieder erneuten Zündstoff liefern wollte.

Sein eigener Gedankengang signalisierte mehr als deutlich, dass der Alkohol sich nach wie vor in seinem Blut befand, er eindeutig betrunkener war als gewöhnlich. Die nachfolgenden Worte ließen ihn perplex blinzeln, und irritiert richtete er seine dunklen Augen nun doch erneut auf seinen besten Freund. Stand nicht eigentlich jeder Kerl auf Pornos? War das nicht der Grund für den wahnsinnigen Erfolg dieser Industrie? Die ganze Welt schien sich nur um Sex zu drehen, da war es doch wohl nur naheliegend, dass irgendetwas daran anziehend sein musste. „So ziemlich jeder?“, erwiderte er schließlich mit einiger Verspätung, ehe er dann kaum merklich den Kopf schüttelte. „Ich dachte schon, ich bin der einzige, bei dem sich da absolut nichts rührt. Ich meine, wieso zur Hölle schreit sie wie am Spieß? Und ihre Stimme… davon bekommt man doch Instant Migräne!“

~*~

Er konnte in Taichis Stimme die Überraschung hören und wohl auch irgendwie Erleichterung. Trotz des Alkohols in seinem Blut und der Tatsache, dass es unglaublich spaßig war, seinen Freund aufzuziehen, zuckte der blonde ex-Musiker nur leicht mit den Schultern. Seine Vorlieben lagen eben wo anders und irgendwie fühlte er sich redseliger als sonst.
"Ich brauche sowas nicht. Da gibts viel bessere Mittel und Wege."

Vielleicht war jetzt nicht der Moment den Wuschelkopf weiter zu drangsaliert, aber irgendetwas bewegte den schlanken Sänger sich vom Bett aufzurichten und Taichi erneut in Richtung Fernseher zu drängen.
Er hatte doch vorhin eine Fortsetzung versprochen, oder nicht? Die Idee schien plötzlich wirklich gut. Der Gedanke wie Taichi auf dem Bett lag und sich zu diesem Porno...-
"Vielleicht ist es ja Zeit etwas anderes auszuprobieren, denkst du nicht?" Wieder dieses süffisante Grinsen seinerseits und totale Überforderung auf Taichis.
Und da war auch wieder dieser angenehme Duft, der ihn einfach immer an die vielen gemeinsamen Stunden erinnerte und langsam völlig aus dem Konzept brachte. War das sein Deo, oder sein Duschgel? Oder bildete er es sich ein? Kam es vom vielen Bier?
Fast wie in Trance packte Yamato den Jüngeren mit einer Hand am Kragen, zog ihn näher.
Der Duft schien an seinem Hals besonders intensiv zu sein, oder nicht?

Etwas zu ruckartig beugte er sich vor, sein Gleichgewichtssinn doch mehr in Mitleidenschaft gezogen als erwartet. Und statt nur kurz den Geruch in sich aufzunehmen, streifte er mit den Lippen Taichis Halsbeuge, fing sich mit der freien Hand am Oberarm des Sportlers ab und verharrte so einen Moment.
Etwas Anderes auszuprobieren war doch vielleicht gar keine schlechte Idee, oder? Zumindest nicht in seinem unzurechnungsfähigen Kopf...
"Vielleicht sinds ja nicht schreiende Mädchen auf die du stehst. Schon mal drüber nachgedacht?" Hauchte er ihm gegen die empfindliche Haut, spürend dass sich auf dieser eine leichte Gänsehaut bildete.
Etwas schwerfällig hob er den Kopf, suchte den Blick der braunen Ovale. Taichi war wirklich attraktiv. Warum hatte er diesen Gedanken eigentlich immer abgeschmettert? Er war immer da gewesen.

Ihre Gesichter waren sich nah. So nah, dass sich ihr Atem streifte. Fast wie vorhin, als Taichi auch schon beinahe zugelassen hatte, dass Yamato ihn küsste. Hatte er das vielleicht sogar gewollt? Hatte der Wuschelkopf nicht schon auch auf dem Weg hier her erstaunlich viel Körperkontakt gesucht? Oder sprach da nur das Bier aus seinen wirren Gedanken?

~*~

Viel bessere Mittel und Wege... Klar, Yamato hatte ihm zuvor schon mehrfach unverblümt zu verstehen gegeben, dass sein Sexleben offenbar eindeutig ausgeprägter war als sein eigenes, dennoch fühlte es sich nach wie vor seltsam an den Älteren so offen darüber reden zu hören. “Da muss wohl eher ich eifersüchtig sein, wie?”, griff er den Scherz seines besten Freundes erneut auf, stolz auf sich selbst, dass er endlich doch allmählich zu seinem schlagfertigen Selbst zurückfand.

Der zufriedene Ausdruck hielt sich allerdings nur wenige Sekunden, ehe Yamato es auch schon erneut schaffte ihn komplett kalt zu erwischen. Perplex blinzelnd beobachtete er wie der Ältere sich plötzlich ebenfalls aufrichtete, blaue Augen ihn fixierten während sein bester Freund direkt vor ihm stehen blieb. Früher hatte er Yamato um einige Zentimeter überragt, doch schon seit ihrer Oberstufenzeit musste er nun mit seiner wirren Haarpracht die Tatsache verschleiern, dass sein bester Freund ihn überholt hatte. Der Größenunterschied war nicht sonderlich hoch, allerdings doch genug vorhanden um ihn dazu zu veranlassen seinen Kopf kaum merklich in den Nacken zu legen. Etwas Anderes ausprobieren? Was? Ehe sein verklärter Verstand in der Lage war überhaupt zu reagieren, sich aus Yamatos süffisantem Grinsen einen Reim zu machen, ging plötzlich ein Ruck durch seinen Körper. Ein überraschtes Keuchen entkam seinen Lippen als er am Kragen nach vorne gerissen wurde, ehe er dann schlagartig erstarrte. Weiche Lippen streiften die nackte Haut an seinem Hals, jagten einen Schauer über seinen Rücken, während sein Herzschlag für einen Moment aussetzte, ehe er dann mit doppelter Geschwindigkeit gegen seine Rippen hämmerte. Yamatos Stimme drang dunkel durch seinen benebelten Verstand, der Tonfall weniger spöttisch als vielmehr... verführerisch?

Was genau meinte der Ältere mit dieser kryptischen Frage?
Heißer Atem strich erneut über seine nackte Haut und Taichi konnte spüren wie die feinen Härchen in seinem Nacken sich aufstellten. Er stand ganz offensichtlich nicht auf schreiende Mädchen, doch welche Alternative-
Schlagartig wurde ihm klar worauf Yamato anspielte, exakt in dem Augenblick als der Ältere seinen Kopf langsam anhob, die blauen Augen sich erneut direkt auf ihn richteten, der Ausdruck darin unmöglich zu deuten. Der dunkelhaarige Wuschelkopf schluckte schwer, krampfhaft darum bemüht sich die plötzliche Nervosität nicht anmerken zu lassen. Die fremden Lippen waren so nahe, dass sie beinahe die seinen berührten, die schlanken Finger nach wie vor auf seinem Oberarm ruhend. Normalerweise war er derjenige der übermäßigen Körperkontakt initiierte, der allgemein nicht sonderlich viel Rücksicht auf Privatsphäre nahm, schon alleine deshalb überforderte ihn die plötzliche Nähe. War Yamato betrunken immer so?

„Ich hab dir schon gesagt, dass ich offene Enden hasse...“ Wenn der Ältere tatsächlich dachte, dass er den Scherz auf seine Kosten weiterführen konnte, hatte er sich echt geschnitten.

~*~

Offene Enden... achso.
Ein kleines Lächeln huschte über das feingeschnittenes Gesicht des Älteren, ehe er die Hand auf Taichi Oberarm löste.
"Okay.", flüsterte er seinem Gegenüber noch sanft entgegen, bevor er seine Finger in den warmen Nacken seines Freundes legte und die verschwindend geringe Distanz zwischen ihnen überbrückte. Das war eine offenkundige Einladung gewesen, oder nicht?

Er spüre deutlich wie Taichi sich anspannte als er ihre Lippen zusammenpresste, doch es gab keinen Widerstand. Im Gegenteil. Der dunkelhaarige Sportler schien ihm nachzugeben, zumindest bis Yamato ruckartig ihre Position änderte, den Kleineren so plötzlich zurück in Richtung des Bettes drehte, dass dieser mit einem Stolpern und einem überraschten Laut mit dem Rücken auf der Matratze aufkam.

Yamato beugte sich sofort über ihn, sah Verblüffung und Überforderung, war aber selbst viel zu betrunken um darauf einzugehen. Der Geschmack der fremden Lippen war berauschend gewesen, weshalb er auch keine Zeit verstreichen ließ und ihre Verbindung sofort wieder herstellte, fordernd mit der Zunge um Einlass bat.
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