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Rock'n'Rod

von soae
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
Dirk "Bela B." Felsenheimer Rodrigo "Rod" Gonzalez
04.11.2020
19.01.2021
4
5.476
 
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Dieses Kapitel
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04.11.2020 938
 
Hallo Du!
Lang, lang ists her, dass ich das letzte Mal wirklich aktiv etwas geschrieben habe. Aber ich hoffe, ich werde hier - wenn auch in unregelmäßigen Abständen - ab und an etwas veröffentlichen.
Meine erste Geschichte hat eigentlich nicht wirklich was mit dem Song an sich zu tun, allerdings kam mir dieses Szenario beim hören in den Sinn. Ich bin selbst nicht wirklich zufrieden, aber mach Dir da gerne ein eigenes Bild davon und lass' mir bitte auf jeden Fall konstruktive Kritik da!
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POLYESTER


Ich dacht' ich hätte Haut,
und keine dünne Schicht
aus Plastiktütenmüll
und Haare aus Acryl.


Die ersten Strahlen der nicht mehr sonderlich starken Wintersonne schien durch die halb abgedunkelten Jalousien seiner Wohnung. Es war kalt, trotzdem hatte er die Decke von sich geschlagen. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Der Grund lag neben ihm. Sie war ein wenig jünger als er, hatte hellbraune Haare, helle Haut. Sie kannten sich schon lange, sehr lange. Die letzten sieben Jahre allerdings hatten sie als Paar verbracht. Doch diese Zweisamkeit, die sie gerade noch hatten, würde schon bald ein Ende finden. Eigentlich hatte sich ja schon längst ein Ende gefunden.

Sie hatten alles versucht, doch nichts hatte funktioniert. Nicht die Paarberatung, nicht die Suchtberatung und auch ihre ewig langen Gespräche, die oft bis tief in die Nacht gingen, hatten nichts gebracht.
Er drehte den Kopf zur Seite und sah sie an. Die geschlossenen  Augen, dieser friedliche Gesichtsausdruck. Tief und fest schien sie zu schlafen. Sie wusste, dass es vorbei war, ebenso gut wie er. Leider war das loslassen noch immer schwierig. Deshalb war sie auch wieder hier in seinem Bett. Eigentlich war sie ja schon ausgezogen. Eigentlich hatten es ja beide verstanden, dass diese Beziehung keinen Sinn mehr ergab. Und trotzdem konnte er sie gestern nicht gehen lassen. Auch jetzt würde er sie am liebsten für immer hier behalten. Doch es sollte einfach nicht sein.

Er hatte ihr zu viel angetan. Sie hatte ihm zu viel angetan.
Die Alkoholexzesse, die Drogen, ihr Abstieg in die Suchtspirale, den sie zu einem gewissen Teil auch ihm zu verdanken hatten.
Das Kind, welches sie verloren hatte.
Ihm wurde kalt, als er daran dachte. Wie konnte er es damals nur zulassen? Dass sie weiter trank, weiter rauchte, als ob nichts wäre? Sie waren beide nicht bereit gewesen, sie brachte eine Abtreibung allerdings nicht übers Herz.
Der ganze Stress ließ sie wieder an der Flasche hängen. Eigentlich war sie ja davon nie wirklich weg gewesen. Und auch er war davon niemals weggekommen.
Sie bereuten diesen Verlust beide so tief, gaben sich beide immer wieder die Schuld daran, nur um sich dann schluchzend in den  Armen zu liegen. Er wusste nicht, wie sein Leben ohne sie sein würde, konnte einfach noch immer nicht los lassen.
Was sollte nur aus ihm werden? Was sollte nur aus ihr werden? Immer wieder landeten sie beieinander, zogen sich an wie das Licht die Motten anzog. Und immer wieder war ihre Beziehung zum scheitern verurteilt. Immer wieder wurde ihnen schmerzlich bewusst, dass es ihnen besser ging, wenn sie keinen Kontakt mehr hatten, nicht mehr weiter an dieser für beide Seiten toxischen Beziehung arbeiten würden. Egal, wie oft sie sich das eingestanden – es hörte niemals auf weh zu tun. Nein, es tat immer noch genau so weh, wie am ersten Tag, als sie verstanden hatten, dass ihr Leben zu zweit keinen Sinn mehr machte.
Verzweifelt klammerte er sich an ihre Vergangenheit, in der sie auch gute Zeiten hatten. Überwiegend gute Zeiten. Ihr erster Urlaub, ihre erste gemeinsame Wohnung, der Hauskauf, die unzähligen Weinabende auf der Terrasse.
Ja, das waren sie. Unzählig. Wirklich unzählig. Wenn er es sich eingestand, konnte er sich gar nicht an den letzten Abend erinnern, an dem er nichts getrunken hatte. Oder nur wenig.

Nein, in dieser Hinsicht nahmen sie beide nichts. Von den härteren Sachen waren sie mittlerweile weggekommen, aber der Alkohol hielt sie noch immer in ihrem Bann und schaffte es jeden Tag aufs neue, sie in den Bann zu ziehen.
Seitdem die Beiden bemerkt hatten, dass diese Beziehung keinen Sinn mehr hatte, war der Konsum natürlich nicht weniger geworden – ganz im Gegenteil. Er wurde immer mehr und noch mehr.
Wenigstens wurden die Aussetzer weniger. In letzter Zeit hatten sie und er sich überhaupt nicht mehr im Suff angegangen. Nein, sie waren viel friedlicher als noch vor einiger Zeit.

Er wollte diese schmerzhaften Erinnerungen gar nicht vor sich haben, aber sie schoben sich immer und immer wieder vor seine eigentlichen Gedanken und hielten ihn in ihrem Bann. Wie sie ihm ins Gesicht schlug, er sie als dämliche Fotze beleidigte, er sie im Affekt die Treppen hinunter stieß. Das alles war nicht nur ein einziges Mal passiert. Zu ihren besten – oder eher gesagt zu ihren schlechtesten – Zeiten passierte dies fast tagtäglich.
Am nächsten Tag lagen sie sich wieder heulend in den Armen, versprachen sich, so etwas nie wieder zu tun. Und doch passierte es. Immer und immer wieder. Doch es fehlte den Beiden an Kraft, irgend etwas an dieser Situation zu ändern.

Er hatte schon viel Versucht. Die anonymen Alkoholiker hatte er schon mehr als einmal besucht. Dies wurde ihm nicht zuletzt von seinem Management untersagt. So anonym war er dort wirklich nicht.
Aber es war sowieso egal – geholfen hatte es alles nichts.

Rod wischte sich eine Träne aus seinem Gesicht, ehe er den Blick von ihr abwandte und auf den Digitalwecker sah, der neben ihm in grellen, roten Ziffern leuchtete. Halb acht. Bald war es Zeit für den ersten Drink des Tages.
Er sah hinauf zur Zimmerdecke.
Die Tränen verschleierten seinen Blick.

Ich starre an die Decke, durch eine Plastikschicht.
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