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Verfluchte Zeiten (Geschichte Nr. 5)

von Atheris
GeschichteFantasy / P16
OC (Own Character)
03.11.2020
03.11.2020
12
28.187
 
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03.11.2020 1.260
 
Im Jahre 1280 – in der nördlichen Provinz Cintra des Kaiserreichs Nilfgaard
„Die Sonne – in der Älteren Rede auch feainn genannt, war schon immer ein Sinnbild für Wachstum und Leben. Die Sonne ermöglicht mit Ihrer Wärme das Leben auf dieser Welt. Dies ist nur sinnig, braucht doch alles die Sonne, um zu gedeihen. Kein Wunder also, dass viele Religionen die Sonne zu einem wichtigen Teil ihrer mythischen Auseinandersetzung gewählt haben. Angefangen bei den zuvor erwähnten Elfen – denn auch der sechste Saveaed im elfischen Kalender wird feainn genannt und beginnt mit der Midaëte – der Sommersonnenwende. Und von den Elfen haben auch die Menschen diesen Brauch mit dem Johannisfeuer übernommen. Die Sonne ist ein Geschenk – und so ist es auch Nilfgaard“
-         Aus dem Tagebuch des Atheris von Toussaint

Die Sonne schien über Cintra. Wie ein Brennglas schien sie vom Himmel und versengte die versprengten Grasbüschel am Wegesrand. Und sie schien von dem geteilten Wappen, dass immer wieder am Wegesrand der großen Straße aufgestellt worden war: Eine goldene Sonne auf schwarzem Grund auf der einen, drei goldene Löwen auf Blau auf der anderen Seite. Die Flaggen, Fähnlein und Wimpel waren ausgebleicht, die Hellebarden und Stöcke brüchig – doch sie hielten weiterhin die Fahne hoch. Niemand hatte in einem Anflug von Trotz oder fehlgelenktem Patriotismus gewagt die neuen Fahnen abzureißen.
Der Hexer wusste nicht, seit wann die Fahnen dort hingen – er konnte nur Vermutungen anstellen. Seit dem offiziellen Friedensvertrag? Seit der Heirat Emhyr var Emreis mit Cirilla von Cintra? Oder womöglich später bei irgendeinem anderen großen Fest, dass es notwendig machte eine der größten Straßen in einen Anschein von Einigkeit zu tauchen? Der Hexer wusste es nicht und es war ihm ehrlich gesagt auch egal. Seine Füße schmerzten, sein Magen knurrte und seine Geldkatze fühlte sich zu leicht an, um effektiv gegen das eine oder das andere vorgehen zu können.
Der Schultergurt drückte auf die verspannten Schultern, das dunkle Fuchsfell hatte er bereits in einem Beutel verstaut, die Riemen der Lederrüstung geöffnet. Doch diese minimalen Maßnahmen halfen nur wenig gegen die pralle Sonne, die unbarmherzig auf ihn niederbrannte und die Ringe seines Kettenhemdes aufheizte. Gabhan ließ sich auf einem Stein am Wegesrand nieder und genoss für einen kurzen Moment den Schatten, den eine der Fahnen-Sonnen warf. Er verfluchte in diesem Moment seine eigenen Mutationen und fuhr geistesabwesend über die feinen Rillen und Linien des Medaillons mit dem aufgerissenen Bärenmaul. Er war für derart heiße Temperaturen nicht geschaffen.
Wie lange er im Schatten gesessen hatte wusste der Hexer nicht, er musste eingedöst sein und erwachte nun von dem Ruck seines Medaillons. Schlagartig öffnete Gabhan die Augen – die Sonne war ein gutes Stück tiefer gesunken, verschwand nun hinter dem Horizont und hüllte die Straße, die er hinaufgekommen war, in blutrotes Licht. Blutrot war auch der Wagen, der ihm mit halsbrecherischem Tempo entgegenkam. Blutrot war der Mann, der den Wagen lenkte und bei dem er das Weiß in den Augen erkennen konnte. Blutrot war die Flanke des Pferdes, dessen Schweiß Gabhan bis hierher riechen konnte. Blutrot war das Blut.
Ein erneuter Ruck seines Hexer-Medaillons und Gabhan war auf den Füßen, das Silberschwert schnell wie ein Gedanken gezogen. Er lief dem Wagen nicht entgegen, sondern grub seine Füße fester in die Erde, kontrollierte seinen Atem – verengte die Augen zu Schlitzen, um gegen das Sonnenlicht blicken zu können.
Dann war das Ding schon bei ihm – die Sonne spiegelte sich golden auf dem schwarzen Chitin-Panzer, aus dem an allen möglichen und unmöglichen Stellen Gelenke und spitze, bewegliche Dornen ragten. Gabhan zog in einem schnellen Ruck die Silberklinge nach oben, spürte den erwarteten Widerstand und stemmte sich mit ganzer Kraft dagegen. Doch die Wucht, welche das Monster in seinen Sprung gesetzt hatte riss Gabhan mit. Er schlug hart auf dem Boden auf, spürte wie die Luft drohte aus seinen Lungen gepresst zu werden, doch er hielt dem Drang des plötzlichen Ausatmens stand. Ehe er wieder auf den Beinen war sah er das hintere Ende seines Feindes an ihm vorbeiziehen und griff nach einen der aus dem Ende ragenden gegabelten Dornen, vergrub seine Füße gegen den Schotter der Straße und zog. Ein Kreischen – ein Fipsen entrang dem Ungetüm, ehe es von dem Wagen abließ und sich nun Gabhan zuwandte, mit klackerndem Kieferwerkzeug auf ihn niederstieß. Der Hexer formte mit einer Hand das Zeichen Quen, um sich unter dem tosenden Knallen des Wesens gegen seine Barriere wieder aufrichten zu können. Er wartete einen weiteren Angriff ab, löste das Zeichen auf und sprang zur Seite. Mit einem berstenden Geräusch kollidierte der Kopf des Ungetüms mit dem Boden. Gabhan griff nach seinem Silberschwert, dass noch immer zwischen einigen Segmenten der insektoiden Bestie steckte und riss dieses mit einem Ruck nach rechts, tauchte unter den wild zuckenden Beinchen hinweg und zerteilte die Bestie knapp Oberhalb dessen, was er als Rumpfmitte auszumachen glaubte. Die Bestie erschlaffte und auch Gabhan stolperte von dem Schwung nach hinten, hielt sich jedoch auf den Beinen und betrachtete den Riesentausendfüßler vor sich, dessen Kopfhälfte sich zusammengekringelt hatte wie die Zimtschnecken in den Auslagen der Zuckerbäcker.
„He, Meister!“ Gabhan erschrak über seine eigene Stimme, die noch rauer und ausgetrockneter Klang als normalerweise. „Geht es euch und den Pferden gut?“ er machte einen Schritt auf den Wagen zu, der Abseits des Weges zum Stehen gekommen war. Sein rechter Arm schmerzte, sandte ein dumpfes Pochen aus, dass der Bärenhexer noch nicht ganz einordnen konnte. Als er schließlich den Wagen erreicht hatte, saß dort der Kutscher zusammengesunken auf dem Bock. Gabhan roch das Blut, noch ehe er es sah: Eine dunkle Pfütze, die aus dem Fußtritt der Kutsche lief und im staubigen Sand des Wegrandes versickerte. Der Mann selbst war bleich wie Schnee. Seine Haut grenzte sich so nur umso stärker von dem schwarzen Rock und dem schwarzen Hemd ab, an dessen Ärmel goldene Sonnen genäht worden waren. Seine Kleidung und die Bauweise seines Wagens wiesen ihn als nilfgaardischen Boten aus – nur die groben und blutigen Striemen an Hals und an der Seite seines Brustkorbes nahmen ihm jeglichen Ausdruck edler Bestimmung. Gabhan tastete wider besseren Wissens nach einem Puls. Die Rasiermesserscharfen Füße des Monsters hatten ihn aufgeschlitzt wie eine Mandarine. „Scheiße…“ murmelte der Hexer als ihm bewusstwurde, dass kaum ein Laie diese Wunden von normalen Schwertstreichen würde unterscheiden können. Das Pferd selbst war deutlich besser weggekommen als sein Halter, das war zumindest ein kleiner Trost. Doch was nun? Weit und breit war auf der Straße niemand zu sehen, doch wenn man ihn so aufgriff würde er wohl einiges zu erklären haben. Es ergaben sich nun drei Möglichkeiten – er konnte weiterziehen und mit etwas Glück erreichte er bevor die finsterste Nacht einbrach irgendein Gasthaus, wo er sich frisch machen und seinen Arm anschauen konnte – dann war jedoch die Gefahr groß, dass jemand am Morgen des Weges kam und den aufgeschlitzten Schwarzen fand. Die zweite Möglichkeit wäre gewesen nach einer passenden Stelle im Wald zu suchen und den Nilfgaarder zu verscharren – doch was mit Pferd und Karren anstellen?
Gabhan seufzte schwer, als er den Nilfgaarder vom Bock hievte und hinten auf den Karren verfrachtete. Dann lief er zu dem zerteilten Tausendfüßler, warf sich dessen vielgliedrigen Leib über die Schulter und hievte auch diesen auf den hinteren Teil des Karrens. Er musste sein Glück versuchen. Womöglich glaubte man ihm zur Abwechslung mal die Wahrheit. Der Hexer schnaubte – er glaube selbst noch nicht ganz dran, aber das Pferd musste genauso versorgt werden wie er. Er hatte also keine Wahl. Zumindest redete er sich dies ein, während er den Wagen wieder zurück auf die Straße lenkte und den Weg in Richtung des nächsten Dorfes einschlug.
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