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The Darkest Minds - The Fire in Your Eyes

GeschichteSci-Fi, Liebesgeschichte / P12
03.11.2020
28.11.2020
9
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21.11.2020 1.546
 
Gemeinsame Flucht

Reid wusste sich nicht mehr zu helfen. Als er und Rajiv am verabredeten Notfalltreffpunkt eingetroffen war, hatte dort nur Chloe auf sie gewartet, aber nicht Midori.
Der BLAUE hatte den verängstigten Jungen, den er gegen den Willen seines Begleiters mitgenommen hatte, ins Auto gesetzt und seinen beiden Freunden befohlen, auf diesen aufzupassen, während er selbst sich noch ein weiteres Mal dem brennenden Einkaufszentrum zuwandte.
Die Rauchsäule, die sich aus dem Dach des Gebäudes erhob, reichte bereits bis in den Himmel. Orangefarbene Flammen loderten aus den Fenstern der oberen Stockwerke und die Hitze des Feuers war bis auf den Parkplatz zu spüren, auf dem Reid stand. Kein normaler Mensch wäre auf die Idee gekommen, noch einmal dort hinein zu wollen. Doch Reid hatte keine Wahl.
Ein Mitglied seiner Gruppe fehlte, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich seine Freundin noch immer im Inneren des brennenden Gebäudes aufhielt, war ziemlich hoch.  Der einzige Umstand, der ihn davon abhielt, sofort loszustürmen, war der, dass er nicht wusste, wie er unversehrt dort hineinkommen - geschweige denn wieder hinauskommen - sollte. Schließlich konnte er nicht durchs Feuer gehen.
Das konnte nur das Mädchen mit den kurzgeschnittenen, kastanienfarbenen Haaren, welches in diesem Moment aus dem Einkaufszentrum kam. Es marschierte einfach durch die Feuerwand, als wäre es nichts als Nebel.
Reid hatte das schon einmal gesehen: ROTE die durchs Feuer liefen wie Jesus übers Wasser.
Nur hatten diese dabei keinen Teppich getragen.
Einen Teppich?
In der Tat.
In den Armen der ROTEN lag ein riesiges Bündel, das von weitem ein bisschen so aussah wie ein eingewickelter Weihnachtsbaum.
Nur, dass Fenjas Baum in eine qualmende Decke eingewickelt war, und dass er alleine stehen konnte, als sie ihn auf den Boden stellte. Einen weiteren Augenblick später warf der vermeintliche Nadelbaum die dampfende Decke von sich, um nach Luft zu schnappen. Zum Vorschein kam ein hageres Mädchen mit porzellanfarbener Haut und dunklen, schulterlangen Haaren.
Das war in etwa der Moment, in dem Reid begriff, dass die ROTE nicht einfach nur wie ein wildgewordener Drache Feuer um sich gespien hatte, mit dem Ziel, alles abzufackeln, was sich ihr in den Weg stellte. Das Kurzhaar-Mädchen hatte ihre Kräfte bewusst eingesetzt. Sie hatte diejenigen verbrannt, die sie angegriffen hatten. Diejenigen, die nicht zu ihren Feinden zählten, hatte sie verschont. Und solche, die mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun hatten, hatte sie – wie sich nun herausstellte – sogar aus den Flammen gerettet.
Das Kurzhaar-Mädchen hatte Midori in eine Decke eingewickelt, um sie vor dem Feuer und dem Rauch zu schützen, der ihm selbst nichts anhaben konnte. Die ROTE hatte eine Wildfremde aus dem Inferno hinaus in Sicherheit getragen. Ein Mädchen, welches nur anderthalb Köpfe kleiner war als sie selbst und sicherlich mehr als die Hälfte von dem wog, was sie selber auf die Waage brachte.
Es musste sie unglaublich viel Kraft gekostet haben, die kleine Japanerin zu tragen. Aber sie hatte es dennoch getan. Die ROTE hatte Midori aus dem brennenden Einkaufszentrum geholt.
Reid, der gerade drauf und dran gewesen war, noch einmal zurück ins lodernde Inferno zu laufen, um nach ihrem vermissten Gruppenmitglied zu suchen, raufte sich in diesem Moment vor lauter Erleichterung die Haare. Tränen stiegen ihm in die Augen, als er sah, dass seiner Freundin nichts zugestoßen war. Nachdem, was er da drinnen gesehen hatte, hatte er bereits mit dem Schlimmsten gerechnet.
Chloe, die zusammen mit Rajiv im Auto auf ihn warten sollte, geriet in diesem Augenblick fast außer sich.
„Midori!“, rief sie, als sie sah wie ihre Freundin auf sie zugelaufen kam.
Die Gerufene war ordentlich zerzaust und rußverschmiert. Aber im Großen und Ganzen schien sie unversehrt zu sein. Zielstrebig taumelte sie auf den Jeep zu.
„Es tut mir schrecklich leid“, entschuldigte sie sich hustend. „Ich dachte, ... HUST! ... ich hätte den perfekten Fluchtweg gefunden. Aber ... RÄUSPER! ... das Feuer war im wahrsten Sinne des Wortes unberechenbar.“
„Das liegt daran, dass es kein natürliches Feuer war, sondern SIE es gemacht hat“, klärte Rajiv sie - vom Fahrersitz aus - auf.
Auf seinen Fingerzeig hin warf die zierliche Japanerin noch einmal einen Blick über ihre Schulter.
„Du meinst SIE  ist ...“, begann sie - die dunklen Augen auf ihre Retterin gerichtet und Reid vollendete seufzend: „... eine ROTE!“
Wobei er seinen Blick ebenfalls auf die besagte Person gerichtet hatte.
Nachdem diese sich einen Moment lang vornübergebeugt und sich mit den Händen auf ihren Knien abgestützt hatte, richtete diese sich nun auch wieder auf. Und als sie realisierte, wohin es das von gerettete Mädchen gegangen war, beschloss sie offensichtlich, ihm zu folgen.  
Die ROTE kam ebenfalls auf den Jeep zugelaufen und ihre Schritte wirkten dabei mindestens ebenso schwach und unkoordiniert wie Midoris.
„Habt ihr meinen kleinen Bruder gesehen?“, keuchte sie, kaum, dass sie das Auto erreicht hatte.
Die Tatsache, dass sie nicht auch noch nach ihrem anderen Begleiter fragte, legte den Schluss nahe, dass sie bereits wusste, was mit ihrem GELBEN Freund passiert war. Vermutlich, weil sie beim Rausgehen über ihn gestolpert war.
Reids Herz schlug noch immer bis zum Hals. Sonst hätte er ihr sicher schneller auf ihre Frage geantwortet. So brauchte er einen Moment länger, und als er endlich so weit war, erklang auch schon eine Stimme aus dem Inneren des Wagens.
„Fenja?“, rief die Stimme des kleinen Jungen – verzweifelt und erleichtert zugleich.
„Enjo?“, antwortete die ROTE in der gleichen Stimmlage.
Sie reckte ihren Hals, um in das Innere des Jeeps sehen zu können. Gleichzeitig streckt sie ihre Arme aus und forderte: „Bitte! Gebt ihn mir!“
Reid, der als einziger seiner Truppe noch nicht im Auto saß, verstand durchaus, was sie von ihm wollte. Sie wollte, dass er ihr ihren kleinen Bruder aushändigte. Schließlich gehörte er nicht zu ihnen.
Doch auch wenn der hochgewachsene Bursche mit den rotblonden Haaren erst vor wenigen Minuten die Verantwortung für den Knaben übernommen hatte, fiel es ihm dennoch nicht so leicht, diese jetzt schon wieder abzugeben. Zumal das geheißen hätte, dass er das Kind einer geschwächten ROTEN in die Arme hätte drücken müssen. Einer ROTEN, die soeben mehrere Menschen getötet hatte und die mit Ausnahme dieses kleinen Jungen niemanden mehr hatte.
Mal abgesehen davon, dass der GELBE ihn darum gebeten hatte, ihr zu helfen, gefiel Reid diese Lösung auch noch aus anderen Gründen nicht.
Er wollte ihr den Knaben nicht so einfach übergeben, weil das geheißen hätte, dass er dabei zusehen hätte müssen, wie seine große Schwester ihn vollkommen allein und womöglich auch noch zu Fuß von hier fortschaffte, und das, wo vonseiten der PSF sicher schon Verstärkung im Anmarsch war.
Gegen so viele bewaffnete Männer in Fahrzeugen hätten die beiden zu Fuß nicht die geringste Chance.
Und während Reid noch darüber nachdachte, wie er ihr IHREN Plan aus- und SEINEN einreden konnte, hörte er wie das Mädchen mit den kinnlangen Haaren ungeduldig wurde.
„Nun macht schon!“, forderte sie. „Gebt mir meinen Bruder!“
Doch statt ihr diesen Wunsch zu erfüllen, tat der BLAUE etwas vollkommen anderes.
„Komm mit uns!“, forderte er sie aus heiterem Himmel auf.
Die Angesprochene piepste daraufhin zurecht: „Wie bitte? Was?“
„Ich sagte: Komm mit uns!“, wiederholte der rotblonde Bursche rasch.
Doch anstatt seiner Aufforderung Folge zu leisten, stutzte die Angesprochene jetzt erst recht.
„Meinst du MICH?“, zweifelte sie.
Schließlich war sie eine ROTE und es war keinesfalls selbstverständlich, eine ROTE in seine Gruppe aufzunehmen.  
Reid war sich darüber auch durchaus im Klaren. Und dennoch blieb er bei dem, was er gesagt hatte.
„Natürlich meine ich DICH“, erwiderte er – vollkommen überzeugt. „Wen denn sonst?“
„Aber …“, stammelte sie, ehe sie ihren Blick noch einmal zurück zum lichterloh brennenden Einkaufszentrum schickte, als könnte das ihren Einwand erklären.  
Doch der BLAUE blieb hartnäckig.
„Nichts aber!“, konstatierte er. „Du hast uns da drinnen allen den Arsch gerettet. Ergo schulden wir dir was.“
Nach dieser Aussage war ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Gesprächspartnerin gewiss.
Doch anstatt sich von ihrem ungläubigen Starren einschüchtern zu lassen, wiederholte Reid sein Angebot gerne auch noch ein weiteres Mal.
„Jetzt steig‘ schon ein!“, verlangte er, als wäre es das einfachste der Welt.
Dass es das nicht war, zeigte ihm nicht nur Fenjas ungläubige Miene.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst!?“, zweifelte sogar sein Freund Rajiv.
Es genügte jedoch ein strafender Blick aus Reids blauen Augen, um den indischen Burschen zum Schweigen zu bringen.
„Mach‘ schon!“, forderte er das keuchende Mädchen mit den geröteten Wangen – inzwischen nicht mehr ganz so geduldig – auf, und als Erklärung lieferte er: „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn sie erst Verstärkung schicken, dann …“
Die Aufgeforderte sog an dieser Stelle scharf die Luft ein. Sie vollführte einen Rundumblick, als würde sie bereits jetzt mit weiteren Soldaten rechnen.  
Und dann bewegte sie sich.
Man konnte ihr deutlich ansehen, dass sie der Aufforderung nur nachkam, weil ihr keine andere Wahl blieb.
Die Gewissheit, mindestens ein Dutzend PSFs im Rücken zu haben und ihr kleiner Bruder, welcher aus dem Inneren des fremden Wagens ihren Namen rief, brachten sie schließlich dazu, der Bitte des fremden Burschen nachzukommen.
Ohne ein weiteres Wort der Widerrede kletterte sie durch die offene Autotür ins Wageninnere, wo ihr – kaum, dass sie saß – auch schon ihr kleiner Bruder um den Hals fiel.
In etwa zur gleichen Zeit hatte Reid auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Er und Midori hatten kaum die Seitentüren geschlossen, da drückte Rajivs Fuß auch schon das Gaspedal durch.
Mit quietschenden Reifen verließ der Jeep den Parkplatz des Einkaufszentrums.

***
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