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Niemand

von Auriel181
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Bofur Fili Gandalf Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
03.11.2020
22.07.2021
61
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22.07.2021 6.080
 
Am nächsten Morgen erwachte Niemand in ihrem eigenen Bett mit nur einer verschwommenen Erinnerung an die Ereignisse der vorigen Nacht. Kurz blitzte die Frage auf, wie sie in ihr eigenes Bett zurückgekommen war, wo sie doch nicht hier eingeschlafen war, doch am Ende vergaß sie die Frage.

Es dauerte eine Zeit, dann kam Frár sie besuchen. Er klopfte an der Tür, um sie vorzuwarnen, dann trat ihr bester Freund auch schon ein. Er wirkte müde und sein Bart war noch zerzauster als üblich. Dennoch begrüßte er Niemand mit einem strahlenden Lächeln, das noch breiter wurde, als sie es erwiderte. Er setzte sich an ihre Bettkante. „Guten Morgen. Wie geht es dir heute?“

Niemand dachte nach, als müsse sie selbst erst herausfinden, was mit ihrem Körper alles nicht stimmte.

„Nun, ich habe eine Menge blauer Flecken, einen gebrochenen Arm, eine verletzte Handfläche und eine Kehle, die sich anfühlt, als wäre sie seit Jahren mit keinem Tropfen Wasser in Berührung gekommen, aber sonst passt alles.“

Frár lachte. „Na dann werde ich einmal schauen, wie ich dem Abhilfe verschaffen kann.“

„Etwas Wasser wäre schon einmal ein guter Anfang“, seufzte Niemand und hielt sich dramatisch hustend die Kehle. „Siehst du, der Tod durch Verdursten steht schon vor meiner Türe.“

Lachend machte sich Frár auf und füllte den Wasserkrug neben ihrem Bett wie auch den in ihrem Wohnraum mit frischem Wasser auf. Gierig trank Niemand das kühle Nass, dann ließ sie sich zufrieden summend in ihre Polster zurückfallen.

„Besser?“ fragte Frár amüsiert. Niemand nickte. „Viel besser. Du bist ein guter Freund, Frár.“

„Der beste“, stimmte der braunhaarige Zwerg ungeniert zu, was Niemand zum Lachen brachte. „Immer der bescheidene Bibliotheksgelehrte, nicht wahr?“

Frár fuhr Niemand freundschaftlich über die braunen Haare und zog spielerisch an einer losen Strähne. „Ich muss dann leider bald wieder los. Ori wartet sicher schon ganz ungeduldig. Immerhin sortieren sich die Bücher ja nicht von selbst, nicht wahr? Ich habe dir übrigens Brot, Äpfel und Käse mitgebracht.“ Er deutete auf einen Beutel, den er in der Hand hielt. „Benötigst du sonst noch etwas?“

Die Zwergin schüttelte den Kopf. „Ich habe ja bloß einen gebrochenen Arm, kein tödliches Fieber. Ich werde schon allein zurechtkommen, mach dir da keine Sorgen.“

„Aber versprich mir, dass du dich nicht überanstrengst, in Ordnung? Dein Körper braucht Ruhe. Bleib so viel wie möglich im Bett oder zumindest auf deiner Bank“, sagte er streng, so dass Niemand mit einem Unschuldsblick nickte. „Versprochen, großer Bruder.“

Frár grinste breit, dann wuschelte er ihr noch einmal über die braunen Haare. „Ich komme nach der Arbeit noch einmal vorbei, versprochen.“ Er legte den Beutel mit dem Brot und den anderen Sachen auf Niemands Nachtkästchen. Dann winkte er ihr noch einmal freundlich zu und verschwand aus ihrem Zimmer.

Als er weg war schloss Niemand müde die Augen. Es war eine kurze Nacht gewesen und es wäre sicher hilfreich, wenn sie noch etwas schlief, doch dafür waren ihre Gedanken zu aufgewühlt.

Nachdem sie sich etwa eine halbe Stunde vergeblich in ihrem Bett hin und her gewälzt hatte in dem fruchtlosen Versuch, Schlaf zu finden, stand Niemand seufzend auf. Immer noch nur mit ihrem Nachthemd bekleidet schlang sie sich ihre warme Decke um die Schultern und begab sich gähnend in ihren Wohnraum. Der Herbst war gekommen und es wurde langsam kühl im Erebor. Bald wäre die Zeit gekommen, ein Feuer im Kamin brennen zu lassen, doch für jetzt reichte Niemand die Decke. Niemands Blick fiel auf den hohen Tisch, wo aufgeschlagen das Buch über Durins Linie lag, darunter die Seiten, die sie bereits kopiert hatte. Zögernd näherte sich Niemand ihrem Arbeitsplatz. Sie setzte sich auf den Stuhl und nahm die Feder in ihre rechte Hand. Sie hob die Feder an, um sie in die Tinte zu tauchen, doch in diesem Moment durchfuhr ein stechender Schmerz ihren verletzten Arm und die Zwergin musste die Feder schmerzerfüllt sinken lassen.

„Also kein Kopieren in den nächsten Tagen“, seufzte Niemand missmutig. Sie sah sich in ihrem Zimmer um. Ihr war jetzt schon langweilig. Bis jetzt waren ihre Tage ausgefüllt gewesen von Besuchen bei ihren Freunden, Kopieren der alten Bücher, Lesen am Kamin, Lernen der alten Zwergenrunen. Doch ihre Freunde arbeiteten, kopieren konnte sie nicht und lesen und lernen erschien ihr im Moment auch nicht besonders reizvoll. Ihr Kopf schmerzte, vielleicht eine Nachwirkung von dem Sturz gestern.

Die Zwergin beschloss, einen kurzen Spaziergang zu machen. Sie würde nur eine ganz rasche Runde vor dem Erebor machen, ein wenig frische Luft schnappen und dann sofort wieder in ihre Quartiere zurückkehren und sich ausruhen, versprach sie sich um ihr schlechtes Gewissen gegenüber Frár zu beruhigen.

Mit etwas Glück würde er nie davon erfahren.

Die Zwergin kehrte in ihr Schlafzimmer zurück und zog sich ungeschickt eines ihrer Kleider an. Es war hellbraun und hatte dunkelbraune Stickereien am Saum. Der Vorteil war, dass es kurze Ärmel hatte und nur durch wenige Knöpfe auf der Vorderseite zu schließen war.

Wie sich herausstellte war es trotzdem alles andere als einfach, ihren verletzten Arm durch den Ärmel zu bekommen. Durch den Verband und die Schiene war ihr Arm etwa doppelt so dick wie früher und dadurch, dass sie ihn nicht abwinkeln konnte, behinderte er sie noch zusätzlich. Niemand überlegte schon, einfach aufzugeben und sich in ihrem Nachthemd wieder auf ihr Bett zu legen, als der Arm wie durch ein Wunder durch ihren Ärmel glitt und sich ihr Kleid perfekt an ihren Körper schmiegte. Zufrieden nickte Niemand, dann suchte sie sich einen passenden Mantel. Sie wühlte sich durch ihre Truhe, um ihren warmen Mantel zu finden als ihre Finger auf einmal über ein weiches Stück Stoff glitten. Stirnrunzelnd zog Niemand das Kleidungsstück heraus und hielt auf einmal den alten Mantel Thorins in den Händen. Mit großen Augen fuhr Niemand über den weichen, dunklen Stoff. Sie sah die Risse, die ihre gefährliche Reise dem Mantel zugefügt hatte und die Flecken, teils Blut teils Dreck, die den Mantel zierten.

„Warum habe ich ihn denn nie reinigen lassen?“ fragte Niemand sich halblaut. „Oder ihn reparieren lassen?“ Zärtlich betrachtete Niemand den alten Mantel und erinnerte sich an einen Zwerg mit einem schwarz-grauen Bart und entschlossenen, dunklen Augen deren Blick immer auf den Erebor gerichtet war. Probeweise zog sich Niemand den Mantel über. Erinnerungen an Nächte am Lagerfeuer, lange Tage des Wanderns, einen dunklen Wald und eine alte Stadt tauchten in ihr auf. Sie hatte vollkommen vergessen, dass sie diesen Mantel besaß. Eine gemütliche Wärme hüllte sie ein und Niemand vergrub den Kopf in dem weichen Futter des Mantels. Es war so lange her…

Klopfen an ihrer Tür holte Niemand aus der Vergangenheit. Immer noch den Mantel tragend begab sie sich zur Tür und öffnete sie. Überraschung machte sich auf ihrem Gesicht breit. „Kili?“  

Der schwarzhaarige Zwerg sah Niemand schief grinsend an. „Ich dachte mir, dass du vielleicht etwas Ablenkung gebrauchen könntest, so ganz allein und einsam und verletzt.“

Niemand hob eine Augenbraue. „Wer sagt denn, dass ich allein und einsam bin?“

Der Zwerg sah sich übertrieben genau um, sah den leeren Gang und das leere Zimmer hinter Niemand. „Nur so ein Gefühl… darf ich herein kommen?“

Die Zwergin nickte und ließ ihn herein. Drinnen wies sie auf die Bank vor dem erloschenen Kamin. „Wenn du etwas trinken willst, musst du es dir selbst holen. Mein Arm erlaubt es mir nicht, mehr als einen Becher auf einmal zu tragen“, meinte Niemand entschuldigend. Kili grinste, dann ging er um zwei Becher und einen Krug mit Wasser für sich und Niemand zu holen. Er füllte die Becher, dann reichte er einen davon an Niemand weiter. Beide Zwerge nahmen auf der Bank Platz.

Auch Kili wirkte müde, stellte Niemand fest als sie den braunhaarigen Zwerg betrachtete. Was war heute nur los?

„Wie geht es dir?“ wollte Kili als Erstes wissen, auf ihren Arm deutend.

Probeweise hob Niemand den verbundenen Arm und zuckte mit den Schultern. „Nun, es ging mir schon einmal besser, aber es ging mir auch schon einmal schlechter. Was ist mit dir? Du wirkst nicht so, als hättest du diese Nacht viel geschlafen.“

„Habe ich auch nicht.“ Vergebens wartete Niemand auf eine genauere Antwort und als keine kam ließ sie das Thema fallen.

Eine Weile waren sie beide still, sahen sich an und tranken aus ihren Bechern.

„Du trägst seinen Mantel“, kommentierte Kili nach einer Weile ihr Aussehen. Niemand nickte. „Ich habe ihn heute in meiner Truhe gefunden. Ich sollte ihn beizeiten wohl einmal reinigen und reparieren lassen.“ Sie fuhr über die Stelle, wo einst ein Wargmaul den Stoff zerrissen hatte. „Klingt es merkwürdig, wenn ich sage, dass er mir so besser gefällt?“ fragte sie ihren Freund. „Ich meine, ja, er ist dreckig und kaputt, doch er birgt auch so viele Erinnerungen. Wenn er genäht und gesäubert ist, dann ist er immer noch sein Mantel, aber er ist nicht mehr der Mantel.“ Niemand griff sich an den Kopf. „Ich mache gerade keinen Sinn…“

Kili lachte. „Nein, das tust du nicht. Aber ich denke ich verstehe auch so, was du meinst.“

Er fuhr über den Saum des Mantels, der leicht angebrannt war. „Jeder Schnitt, jeder Fleck ist eine Erinnerung an ein Ereignis, an die Vergangenheit.“ Niemand nickte. „Genau. Ich kannte ihn nur so kurz, aber es dennoch mehr Vergangenheit als alles, was ich davor bei den Goblins erlebt habe.“

Kili ließ den Saum ihres Mantels los. „Du bist weit gekommen seit dem Tag, an dem du uns aus den Höhlen gefolgt bist.“

Niemand lachte. „Gefolgt? Ich habe euch geführt. Ohne mich wäre Gandalf in die komplett falsche Richtung gelaufen und ihr hättet als Goblinfutter geendet.“

„Goblinfutter?“ Kili verzog das Gesicht. „Essen Goblins tatsächlich Zwerge?“

„Goblins essen alles, was ihnen in die Finger kommt.“ Niemand erschauerte. „Vorzugsweise natürlich Tiere, aber wenn sie einmal keine Tiere bekommen können, tun es auch Gefangene. Oder Slaven.“ Niemand wurde schlecht. Eine Erinnerung kam in ihr hoch, als sie in der Küche Fleisch zubereitet hatte und auf einmal etwas in die Hand bekam, das verdächtig wie ein menschlicher Finger ausgesehen hatte. „Entschuldige“, stammelte sie, dann sprang sie auf, lief in ihr Badezimmer und übergab sich dort in ihren Abort, eine kleine Toilette halb versteckt hinter einer niedrigen Mauer. Sie hatte nichts im Magen und so kam nur bittere Galle hoch. Die Zwergin hustete einige Male und wischte sich danach erschöpft den Mund ab. Sie lehnte ihren heißen Kopf an die kühle Mauer. Ihr Magen schmerzte und in ihren Ohren ertönte ein Klingelgeräusch. Sie hörte, wie die Tür zu ihrem Badezimmer geöffnet wurde und jemand eintrat. „Niemand?“ rief Kili besorgt. Als er die Zwergin sah, die bleich vor ihrem Abort kniete, rannte er sofort zu ihr und kniete sich vor sie auf den Boden. „Niemand, was ist los? Was ist passiert?“

Die Zwergin sah ihn hilflos an. „Ich weiß es nicht… Mir ist auf einmal so schlecht geworden. Es tut mir leid.“

Doch Kili schüttelte entschieden den Kopf. „Es muss dir nicht leidtun. Wahrscheinlich waren die Erinnerungen zu stark oder es sind noch Nachwirkungen von deinem Sturz gestern.“

„Es war kein Sturz.“ Niemand linste mit einem Auge zu Kili hinüber, der immer noch neben ihr kniete und ihr beruhigend mit einer Hand über die braunen welligen Haare fuhr.

„Kein Sturz?“ hakte der Zwerg nach. „Was war es dann?“

„Jemand hat mich gestoßen. Ich war gerade dabei, wieder zu euch zurückzukehren als mich auf einmal jemand von hinten anrempelte. Ich fiel zu Boden, habe mich mit den Händen abgestützt und bevor ich mich wieder aufsetzen konnte, hat mir jemand meine Kette vom Hals gerissen und ist davongelaufen.“ Ihre gesunde Hand griff unwillkürlich zu der Stelle an ihrem Hals, wo sie gestern ihre Kette getragen hatte. Sie schenkte Kili ein trauriges Lächeln. „Ich habe sie erst zweimal getragen“, seufzte sie.  

Das war der Moment, in dem Kili Niemand in eine Umarmung zog. Zuerst wehrte sich Niemand noch schwach dagegen, sie hatte immer noch einen schlechten Geschmack im Mund und fürchtete, noch Galle im Mundwinkel zu haben, doch ihr Freund ließ sie nicht los und so entspannte sich die Zwergin langsam und ließ sich an ihn sinken. Seine Hände waren warm, wie sie auf ihrem Rücken lagen und sanft darüber streichelten und seine Gegenwart war tröstlich. Ihre Wange lag auf seiner Brust und auf dem braunen Hemd, das er heute trug. Ihren verletzten Arm hatte sie in ihren Schoß gelegt, ihr anderer spielte mit dem Saum ihres Mantels.

Erst als der Zwerg spürte, dass sie sich entspannt hatte, ließ er sie los. Er lehnte sich ein kleines Stück zurück, so dass er sie betrachten konnte. „Alles in Ordnung?“ fragte er leise. Die Zwergin nickte. „Danke schön.“

„Gerne.“ Er stand auf und hielt ihr eine Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Kili lächelte seiner Freundin sanft zu, während er mit den Fingern über ihre Wange strich. „Du bist meine Freundin Niemand und deswegen kannst du immer zu mir kommen, egal wann, egal wo, egal wie, das weißt du, oder?“

Niemand nickte. „Ich weiß.“ Abwesend strich sie über ihren Bauch, der immer noch leicht schmerzte. Die Erinnerungen an jenen Tag waren immer noch sehr stark. „Ich glaube, ich sollte mich doch noch ein wenig hinlegen“, murmelte Niemand und Kili nickte. „Soll ich bei dir bleiben?“ Niemand lächelte schwach. „Ich glaube kaum, dass das besonders spannend für dich wäre.“ Doch Kili zuckte beiläufig mit den Schultern. „Ich habe heute nichts Wichtiges mehr vor. Außerdem bin ich schon oft bei dir gesessen während du schliefst, man könnte also sagen, ich bin es gewohnt.“ Er kratzte sich am Kopf. „Ich fürchte, das klang jetzt gerade nicht so wie es klingen sollte.“ Ein Kichern entrang sich Niemands Kehle und sie tätschelte Kilis Unterarm. „Keine Sorge, ich verstehe dich. Du kannst ruhig bleiben, wenn du es wünscht.“

Ein Lächeln erschien auf Kilis Mund.  Er führte Niemand wieder zu ihrem Bett, wo sie erschöpft in die Kissen sank und beinahe sofort in einen tiefen Schlaf fiel. Kili holte sich einen Lehnstuhl aus dem Wohnzimmer, stellte ihn in eine Ecke und begann seine Wacht, wie er es auch schon früher oft getan hatte. Er mochte es tatsächlich gerne, bei Niemand zu sitzen. Schon damals, als sie in diesen seltsamen langen Schlaf gefallen war, aus dem sie keiner hatte wecken können. Es gab ihm eine Gelegenheit, ein wenig Abstand zu dem ständigen Lärm und der Hektik des Außenlebens zu bekommen. Er konnte seine Gedanken ordnen und Kraft sammeln für die nächsten Tage.

Kili hatte gar nicht bemerkt, dass auch er eingenickt war, bis das Klopfen an der Außentür ihn weckte. Er sah besorgt zu Niemand, doch die Zwergin schlief immer noch tief und fest, die gesunde Hand auf ihrer Brust, die andere neben sich auf der Matratze liegend.

Es klopfte noch einmal und Kili beeilte sich, so rasch wie möglich die Außentür zu öffnen, ehe das Klopfen Niemand weckte.

Draußen stand Kieren, der erstaunt aufsah als er Kili erkannte. „Sie schläft“, sagte Kili rasch, um Kieren nicht zu beunruhigen. „Sie ist immer noch sehr schwach von gestern. Ich habe sie heute in der Früh besucht und bin dann bei ihr geblieben, falls es ihr schlechter gehen sollte.“

Kieren nickte und sein muskulöser Schmiedekörper entspannte sich ein wenig. Er wusste, dass Niemand bei ihren Freunden sehr beliebt war und dass sie viele Zwerge zu ihrem Freundeskreis zählte, dennoch gefiel es ihm nicht, wenn er sie besuchen wollte, und ein fremder Zwerg stand in ihrem Zimmer, Frár einmal ausgeschlossen. „Würdest du ihr dann ausrichten, dass ich da war, um nach ihr zu sehen? Ich habe leider nur eine kurze Mittagspause von meinem Onkel bekommen, aber ich werde versuchen, nach dem Abendessen noch einmal zu kommen,“

Kili nickte. „Ich werde es ihr sagen, wenn sie aufwacht.“

Kieren wirkte enttäuscht, dass er sie nicht wach antraf, so dass Kili ihn schließlich fragte: „Möchtest du trotzdem hereinkommen und sie sehen?“ Das Gesicht des schwarzbärtigen Zwerges leuchtete ein wenig auf und er nickte. Kili trat zur Seite und Kieren trat ein und ging ohne zu zögern in ihr Gemach, wo er sich sofort an ihr Bett setzte allerdings so leise, dass er sie nicht aufweckte. Der Zwerg ergriff die Hand seiner Gefährtin, führte sie zu seinen Lippen und drückte einen Kuss darauf. Zärtlich legte er eine Hand auf ihre Wange und flüsterte ein leises: „Ich liebe dich, Niemand.“

Kili blieb derweil respektvoll in dem Wohnraum und brachte in der Zwischenzeit ein Feuer in Gang in ihrem Kamin. Es war zwar nicht wirklich notwendig, aber es gab ihm etwas zu tun und lenkte ihn von der Zwergin und ihrem neuen Gefährten ab, die im Nebenraum miteinander allein waren.

Für ihn war es immer noch merkwürdig, sie mit irgendeinem anderen Zwerg außer seinem Bruder zu sehen. Er verstand, dass in den letzten Monaten viel passiert war und dass sich Zwerge veränderten, sich trennten und ein neues Leben begannen, doch er hatte immer gedacht, dass das Schicksal Fili und Niemand zusammengeführt hatte. Dieses einst so starke Band jetzt getrennt zu sehen, verursachte ihm einen Stich in der Brust, obwohl er seiner Freundin das neue Glück von Herzen gönnte. Er hoffte nur, dass sein Bruder es dereinst auch schaffen würde, in die Zukunft zu blicken und sich ein neues Leben ohne sie aufzubauen, sei es allein oder mit einer anderen Zwergin.

Irgendwann öffnete sich leise knarrend die Tür und Kieren trat heraus. Er wirkte sichtlich entspannter und ruhiger als er sich bei Kili bedankte. „Es ist sehr gut von dir, dass du bei ihr bleibst und ein Auge auf sie hast, während sie schläft. Sie kann sich glücklich schätzen, solch gute Freunde zu haben.“

Kili zuckte mit den Schultern. „Sie hat es verdient“, war alles was er dazu sagen konnte.

„Das hat sie…“ murmelte Kieren als wären seine Gedanken gerade ganz woanders. Dann verabschiedete er sich von Kili und versprach noch einmal, am Abend zu Niemand zu sehen.

Der braunhaarige Prinz nickte, versicherte ihm, dass es Niemand an nichts fehlen würde, dann begleitete er Niemands Gefährten wieder zur Tür, die er sorgfältig verschloss, bevor er seine Wacht wieder aufnahm.



Zwei Wochen später saß Niemand mit ihren Freunden an ihrem üblichen Tisch in der großen Halle. Heute war es außergewöhnlich voll, denn es hatten sich sowohl alle Zwerge aus Thorins Gemeinschaft als auch Frár, Boíndil, Boéndal, Freya und Kieren versammelt. Es war eine lustige und laute Runde. Niemand saß eingezwängt zwischen Kieren und Boéndal. Ihr Gefährte hatte ihr lose einen Arm um die Schulter gelegt, während er sich mit Gloin unterhielt, der zu seiner linken saß. Boéndal unterhielt sich gerade mit Oin, Dwalin und Bofur über die geheime Zutat des Wunderbieres, was Niemand allein ließ. Das war ein Umstand, der der Zwergin nichts ausmachte, denn sie fühlte sich nicht besonders. Schon seit zwei Wochen taten ihr immer wieder der Bauch und der Magen weh. Ihr war in der Früh schlecht und heute hatte sie in der Früh Blut auf ihren Schenkeln bemerkt. Es war nicht das Monatsblut gewesen, das Frauen immer bekamen, dafür war es zu wenig und zu dunkel. Sie hatte es rasch abgewaschen und seitdem probiert, nicht mehr daran zu denken. Sie wollte nicht schon wieder zu einem Heiler gehen müssen und da seitdem kein Blut mehr gekommen war, tat sie es als einmalige Sache ab und ignorierte es. Abwesend knabberte sie an ihrem Honigring, ohne ihn wirklich zu schmecken. Unter normalen Umständen hätte sie das süße Gebäck geradezu verschlungen, doch im Moment verursachte allein der Geruch ihr Kopfschmerzen. Auch ihren Süßwein hatte sie kaum angerührt. Sie ließ ihren Blick über den Tisch wandern und erfreute sich an dem Anblick all der gut gelaunten Zwerge. Zumindest ihnen ging es gut, das war die Hauptsache. Mit sich selbst konnte sie fertig werden doch das Leid anderer zerriss ihr das Herz. Ihr Blick blieb einen Hauch zu lange auf Fili hängen, der einen Humpen mit Wunderbier in der Hand hielt und gerade einen Schluck nehmen wollte. Doch dann stellte er den Humpen wieder hin und sah, ohne den Kopf zu bewegen zu Niemand hinüber. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Sofort wurde Niemand rot. Sie ließ ihren Blick rasch weiter wandern, über Bombur, Dwalin, Balin, bis sie wieder bei ihrem Honigring angelangt war, der süßlich glänzend vor ihr auf dem Tisch lag.

„Diesen Tag müssen wir im Kalender rot anstreichen.“ Bofurs Stimme erreichte Niemands Ohr. Es dauerte eine Sekunde, bis sie verstand, dass er von ihr sprach. „Niemand verschmäht sowohl den Honigring als auch ihren Süßwein. Du wirst doch nicht etwa zur Vernunft gekommen sein und die Vorzüge von Bier entdecken?“

Erschrocken sah die Zwergin auf. Sie konnte gerade noch ein Lächeln auf ihr Gesicht zwingen, ehe die anderen Verdacht schöpften. „Ich und Bier? Vielen Dank, das überlasse ich lieber solchen Kennern wie euch. Ich bleibe bei meinem Wein.“

„Dein Verlust“, meinte Bofur beiläufig, dann machte er einen großen Schluck von seinem Wunderbier. Dann aber sah sie der braunhaarige Zwerg mit seinem alten Hut auf dem Kopf ernst an. „Nun aber ehrlich Niemand, ist alles in Ordnung? Ich habe dich noch nie Süßwein oder Honigringe verschmähen sehen.“

Niemand schüttelte rasch den Kopf. Sie nahm einen großen Bissen von ihrem Honigring und schluckte ihn zusammen mit einem Schluck Süßwein hinunter. Ihr Magen zog sich bei der Süße zusammen, doch Niemand schaffte es zu grinsen. „Ich wollte ihn mir nur aufheben, damit ich länger etwas davon habe.“

Bofur schien nicht ganz überzeugt, doch als Niemand noch einen weiteren Bissen von ihrem Honigring machte, ließ er das Thema fallen.

„Ich bin schon gespannt auf die Feierlichkeiten nächsten Monat“, lenkte Niemand von sich ab.

„Die Feier zum ersten Jahrestag der Besiedelung des Erebor?“ fragte Kieren unschuldig, der ihr Gespräch mitbekommen hatte. Gespielt empört schlug ihm Niemand mit ihrer gesunden Hand auf die Schulter. „Als ob du nicht wüsstest, was gefeiert wird. Dein Onkel lässt euch doch schuften bis tief in die Nacht damit die Statue nur ja rechtzeitig fertig wird.“

Der schwarzhaarige Schmiedelehrling lachte und drückte seiner Gefährtin einen Kuss auf die Wange.

Bofur wirkte verwirrt. „Statue?“

„Der König will anlässlich des Jahrestages eine Statue von König Thorin Eichenschild errichten lassen“, erklärte Kieren.

„Und wieso braucht er dazu Schmiede? Ist das nicht eher die Aufgabe von Steinmetzen oder Goldschmieden?“ fragte Bofur verständnislos weiter.

„Nun, diese Statue soll etwas ganz Besonderes werden. Sie soll aus purem Stahl errichtet werden, der anschließend mit Gold überzogen wird. Doch der eigentliche Grund, warum die Statue aus Metall und nicht aus Stein sein wird…“

„Wird erst verraten, wenn die Statue enthüllt wird“, schnitt Kieren seiner Gefährtin rasch das Wort ab. „Ein echter Künstler verrät seine Geheimnisse schließlich nicht jedem.“

Niemand verdrehte die Augen. „Jedenfalls hat Dain alle Schmiede des Erebor dazu verpflichtet an dieser Statue zu arbeiten. Gegen einen angemessenen Lohn versteht sich. Auch Boíndil und Freya“, meinte sie sichtbar stolz.

Frárs Schwester und der Zwilling waren überrascht gewesen, als Balin sich auf Bitten des Königs auch an sie gewandt hatte. Immerhin waren sie vornehmlich Waffenschmiede und hatten nicht einmal einen festen Standort im Erebor.

Doch als Dain ihnen eine eigene Schmiede für die Dauer des Auftrags zur Verfügung gestellt hatte mit der Aussicht, dass sie ihnen gehören würde, sollten sie gute Arbeit abliefern hatten sie nicht lange überlegt. Nun arbeiteten Freya und Boíndil einträchtig tagtäglich Seite an Seite an der Vervollständigung der großen Statue.

„Ja, mein Bruder wird es noch weit bringen“, nickte Boéndal. „Und wenn wir erst einmal eine eigene Schmiede besitzen und uns nicht mehr gegen Geld eine mieten müssen, werden wir schon bald ausbauen können. Wir werden einen festen Standort auf dem Marktplatz haben und Lehrlinge, die uns beim Verkauf helfen werden. Wir werden ein eigenes Lagerhaus kaufen, damit wir nicht jeden Tag unsere Waren selbst irgendwohin transportieren müssen. Und selbstverständlich werden wir Pferde besitzen, damit wir nicht jeden Tag die Strecke hin und her laufen müssen.“

Bofur lachte. „Große Träume mein Freund. Ich wünsche euch, dass sie ihn Erfüllung gehen.“

Boéndal hob seinen Humpen und stieß lachend mit Bofur an.

Kieren lehnte sich ein Stück zu Niemand. „Und wenn wir erst einmal für diesen Auftrag bezahlt werden, werden wir genug Geld haben, unser eigenes Quartier zu haben.“ Die Zwergin nickte glücklich. Es würde schön werden, wenn sie sich nicht mehr jeden Abend trennen müssten. Das einzige Hindernis wäre jetzt nur noch Kierens Onkel, den er überzeugen musste. Es war eher unüblich, dass ein Lehrling nicht in dem Haus seines Meisters wohnte, noch dazu, wenn dieser sein Verwandter war, doch Kieren hoffte, dass sein Onkel eine Ausnahme machen würde. Das Verhältnis zwischen der Frau seines Onkels und Kieren hatte sich nichts verbessert, was ein weiterer Grund dafür war, dass Kieren so rasch wie möglich das Haus seines Onkels verlassen wollte.

Eine Welle der Übelkeit durchzog Niemands Magen, doch die Zwergin ließ sich nichts anmerken. „Die Feier wird schon seit Wochen geplant“, sprach Dwalin, der von seinem Bruder die Informationen immer vor allen anderen erhielt. „König Dain will es zu einem Ereignis machen, von dem die Lieder der Zwerge noch in hundert Jahren singen werden.“

„Zwerge aus allen Teilen Mittelerdes werden kommen. Der Erebor wird singen vor Leben. Ich habe gehört, dass es schon jetzt schwierig ist, eine Unterkunft für die Feierlichkeiten zu bekommen“, berichtete Oin.

„Angeblich hat König Dain den berühmtesten Musikern und Sängern der Zwerge aufgetragen, Lieder für diesen Anlass zu schreiben. Es wird ein Fest werden, wie es die Welt noch nie gesehen hat“, erzählte Bofur. Seine Augen ruhten dabei für einen Moment auf Niemand. Die Zwergin wusste, was er ihr sagen wollte.

Wirst du singen?

Doch sie ignorierte seine Frage. Sie hatte so lange nicht mehr gesungen, dass sie Angst hatte ihre Stimme wäre verbraucht. Mit ihr und ihrem Kind gestorben. Seit fast einem Jahr hatte sie außer Summen nichts getan und jetzt fürchtete sie sich davor, was passieren würde, wenn sie es versuchte.

Sie räusperte sich. Unbemerkt schob sie ihren Honigring und ihren Süßwein so, dass deren Geruch ihr nicht mehr in die Nase stieg. Sie wusste nicht, wie lange sie sonst die Fassade einer gesunden Zwergin aufrechterhalten konnte.

Als sich Niemand jedoch ein Stück auf ihrem Sessel hin und her bewegte, um eine angenehmere Sitzposition zu finden, spürte sie etwas Nasses an ihrem Oberschenkel.

Sie ignorierte es. Wahrscheinlich war es nur verschütteter Wein.

Das Gespräch schweifte ab von den Feierlichkeiten und hin zu anderen Dingen, die Niemand nicht betrafen. Erneut war sie allein gelassen und konnte in Ruhe ihre Schmerzen ignorieren.

Das hieß, bis auf einmal Kili auf der Kopfseite der Tische aufstand und mit einem Messer zweimal gegen einen metallenen Kelch schlug. Augenblicklich verstummten alle Gespräche an ihrem Tisch. 18 Augenpaare richteten sich gespannt auf Kili, der geheimnisvoll lächelte. „Meine Freunde, alte und neue“, begann er seine Rede. „Es ist nun schon fast ein Jahr her, dass wir diesen Berg von dem Drachen Smaug befreiten und ihn erneut zu einem Heim für die Zwerge machten.“ Rufe waren zu hören und einige Zwerge klopften entweder mit den bloßen Fäusten oder mit ihren Bierkrügen auf die Tische. Kili wartete, bis sich die Zwerge wieder soweit beruhigt hatten, dass er weitersprechen konnte. „Bevor allerdings das passierte, geschah noch etwas anderes, das für uns ebenso wichtig und lebensverändernd war wie die Rückeroberung des Erebor.“ Ein kleines Lächeln erschien auf Kilis Gesicht und sein Blick wanderte zu Niemand, die eine tiefe Falte auf der Stirn hatte.  

„Auf unserer Reise zum Erebor mussten wir uns vielen Gefahren in den Weg stellen. Wir haben Warge, Orks, Elben und Trolle bekämpft und besiegt. Einmal sogar Goblins. Denn eines Nachts begingen wir den Fehler und übernachteten in einer Höhle, die von Goblins bewohnt war. Wir sahen schon unserem sicheren Ende entgegen, doch dann passierten zwei Dinge. Der Zauberer Gandalf kam, um uns zu retten. Gemeinsam kämpften wir gegen die Goblins auf der Suche nach einem Weg nach draußen. Bis vor einiger Zeit dachte ich, dass es Gandalf gewesen wäre, der uns auf den richtigen Pfad führte, doch dann wurde mir in aller Deutlichkeit gesagt, dass dem nicht so wäre.“ Er gluckste leicht. „Eine kleine, sture Zwergin, seit ihrer Geburt Sklavin der Goblins, entschloss sich nicht länger eine Dienerin der Goblins zu sein. Sie führte uns hinaus aus den Höhlen und rettete damit unser Leben. Wir haben es damals nicht gewusst, aber das war ein Tag, der unser Leben für immer verändern würde.“ Erneut waren Rufe zu hören, doch dieses Mal waren sie leiser und verstummten bald.

„Niemand, du hast uns alles gegeben. Du hast uns gerettet, mehr als einmal. Du hast uns Mut gemacht, wenn alle Hoffnung verloren zu sein schien. Du warst für uns da, wann immer wir dich brauchten. Du hast uns alles gegeben was du hattest, ohne je etwas dafür zu verlangen. Du bist eine loyale Freundin, eine treue Gefährtin und eine starke Zwergin. Und wir haben uns nie richtig dafür bedankt.“

Niemands Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Sie kämpfte hart dagegen an, denn sie wollte nicht weinen. Nicht hier und nicht jetzt. Alle Augenpaare lagen nun auf ihr, 18 Zwerge sahen sie an, auf ihren Gesichtern nichts als Freundschaft und Liebe. Niemand musste den Kopf senken und spielte mit den Fingern ihrer gesunden Hand nervös mit dem Stoff ihres Kleides in ihrem Schoß.

Als sie wieder aufsah, stand Kili auf einmal vor ihr, auf der anderen Seite ihres Tisches. Er hielt etwas in den Händen, eine kleine Kiste, gefertigt aus dunklem Holz und mit Mustern aus feinen Silberfäden verziert. Er stellte die Box vor Niemand auf den Tisch und schob sie ihr leicht hin. „Wir werden dir niemals genug dafür danken können, was du für uns getan hast Niemand, doch lass dies einen Anfang sein.“ Kili sah Niemand auffordernd an. Diese schluckte, dann öffnete sie ungeschickt und mit zitternden Fingern die kleine Schatulle.

Im Inneren lag eine Kette, ähnlich derer, die ihr gestohlen worden war. Und doch so anders.

Die Kette war aus jenem Silber gefertigt, aus dem auch die Kette gefertigt worden war, die einst König Thranduil in Auftrag gegeben hatte. Sie glänzte hell wie der Mond und so rein wie das Licht der Sterne. Tropfenförmig waren um das Band herum Anhänger verteilt, jeder ebenso scheinend wie die Kette selbst. Eingelegt darin waren kleine Diamanten, die im Licht der Fackeln glitzerten. Die Kette sah so fein und zerbrechlich aus, dass Niemand sich erst nicht traute, sie überhaupt in die Hand zu nehmen, vor allem in ihrem derzeitigen Zustand. Stattdessen hielt sie sich nur die Hand vor den Mund und betrachtete dieses Meisterwerk der Juwelenschmiedekunst.

Kieren bemerkte Niemands Notlage und flüsterte ihr ins Ohr: „Soll ich dir helfen?“

Niemand nickte, unfähig zu sprechen. Sie drehte sich mit dem Rücken zu Kieren, damit er ihr die Kette umlegen konnte, als ihr etwas auffiel. Einer der Anhänger schien nicht ganz eben zu sein. Stirnrunzelnd berührte sie erst die Kette, dann den Anhänger. Das Metall fühlte sich kühl und glatt unter ihren Fingerspitzen an. Doch dann… Mit der Fingerkuppe ihres Zeigefingers fuhr sie unter einen der Anhänger und bemerkte zu ihrem Erstaunen, dass die Unterseite nicht so glatt war, wie sie gedacht hatte.

Niemand war vollkommen auf die Kette konzentriert, so dass sie das wissende und erwartungsvolle Lächeln auf den Gesichtern der umstehenden Zwerge nicht sehen konnte. Erst als sich Kilis Finger sanft auf ihre legten und ihr halfen, die Kette mitsamt Anhängern vorsichtig umzudrehen, wurde sie sich ihrer Umgebung wieder bewusst. Ihre Augen wurden groß als sie erkannte, was die Unebenheiten waren.

Runen.

Auf jedem der Anhänger waren auf der Rückseite Zwergenrunen eingraviert. Niemand kniff die Augen zusammen und versuchte, das erste Wort zu entziffern.

„O…i…n…“ las sie mühsam. Mit großen Augen sah sie zu Kili hinauf, der lächelte und ihr bedeutete, die anderen Anhänger zu lesen.

„O…r…i… N…o…r…i“, las Niemand langsam. Je länger sie allerdings las, desto einfacher wurde es für die Zwergin die Worte zu entziffern. „Bifur, Bofur, Bombur…“ Sie las weiter. „Dori, Gloin, Balin.“ Sie fuhr über den nächsten Anhänger. „Dwalin.“

Zwei blieben noch übrig. Mit Tränen in den Augen fuhr sie über die letzten zwei Anhänger.

„Kili.“ Sie schluckte. „Fili.“

Ein dicker Knoten hatte sich in ihrem Bauch geformt und sie war kurz davor, hier und jetzt in Tränen auszubrechen. Sie schaffte es nicht einmal, den Kopf zu heben und den anderen Zwergen ins Gesicht zu sehen. Sie fühlte den Blick all ihrer Freunde, der alten und der neuen auf sich ruhen und es war beinahe zu viel. Ihre Hand ruhte auf dem Tisch neben der Kette.

„Dori hat die Kette gemacht“, sagte Kili leise. „Sie ist ein Geschenk von uns allen an dich, die Zwergin mit der Stimme der Götter, die uns wieder und wieder gerettet und uns bis hierher geleitet hat. Ohne dich wären wir nicht hier und dafür wollen wir dir danken.  Egal wohin uns das Schicksal auch führen mag, wir bleiben immer bei dir. Solange du diese Kette trägst, bleiben wir bei dir, egal was passiert.“

Diese letzten Worte ließen den Damm in Niemand brechen. Sie schluchzte auf und ließ die Tränen unkontrolliert über ihre Wangen fließen. Sie schob das Kästchen ein Stück von sich fort damit die Kette nicht nass wurde. Dann stand sie auf und holte tief Luft. Die Tränen rannen ihr immer noch über die Wangen und sie musste einige Male lautlos schluchzen, doch sie schaffte es, jeden ihrer alten Freunde anzusehen. Alle lächelten ihr freundschaftlich zu, in ihren Augen nichts als unerschütterliche Verbundenheit.

Sie sah zu Fili. Ich liebe dich Niemand. So, so sehr. Kurz schloss die Zwergin ihre Augen. Ich liebe dich Fili. So, so sehr. Bevor ihr Blick wieder zu Kili schweifte. „Danke“, wisperte sie, dann räusperte sie sich, damit sie alle Zwerge hören konnten.

„Nicht ich bin es, die euren Dank verdient. Ihr seid es, die meinen Dank verdienen. Bevor ihr kamt, war ich nur eine Sklavin, dazu da, um zu dienen. Dann wurde eine Gruppe Zwerge in die Hallen der Goblins geführt. Ich sah sie und mein erster Gedanke war: Sie sehen aus wie ich... Dieser Tag hat nicht nur euer Leben verändert, sondern auch meines. Ihr hättet mich einfach verlassen können auf dem Berg. Mir sagen können ich soll mich um mich selbst sorgen, ihr hättet genug andere Sorgen als euch um eine seltsame Halb-Zwergin, eine Sklavin der Goblins zu kümmern. Doch das habt ihr nicht. Ihr habt mich in euren Kreis aufgenommen, habt euer Feuer, eure Nahrung und euer Wissen mit mir geteilt. Von euch habe ich gelernt was es heißt, nicht nur eine Zwergin, sondern ich selbst zu sein. Ihr habt mir geholfen, die Sklavin hinter mir zu lassen und mich dahin geführt, wo ich jetzt stehe. Ich wünschte, ich könnte euch etwas geben, das auch nur halb so wundervoll ist wie dieses Geschenk hier.“ Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen. „Ich liebe euch, jeden einzelnen von euch. Ihr habt mir mein Leben gegeben und dafür stehe ich für immer in eurer Schuld.“

Niemand sah hinab zu Kieren, der sie mit einer Mischung aus Stolz und Liebe in den Augen ansah. „Könntest du bitte…?“

Der schwarzhaarige Zwerg nickte. Vorsichtig hob er die Kette hoch, legte sie Niemand um den Hals und verschloss sie in ihrem Nacken. Er ließ seine Hand einen Moment länger liegen als er es hätte tun müssen und die Vertrautheit dieser Geste brachte Niemand erneut Tränen in die Augen.

Die Kette schmiegte sich um ihren Hals, die Anhänger fielen wie ein Wasserfall ihr Dekolleté hinab. Das Mondsilber funkelte als sich Niemand im Kreis drehte, damit jeder die wunderschöne Kette sehen konnte.

Die Zwerge ließen bewundernde Rufe ertönte und klopften wieder mit den Fäusten oder den Bierkrügen auf die Tische. Sie waren alle tief gerührt von Niemands Rede.

Als Kili gekommen war mit der Idee, Niemands gestohlene Kette mit einer neuen zu ersetzen, waren alle hellauf begeistert gewesen. Sie alle hatten Idee gehabt, wie die neue Kette aussehen sollte, doch am Ende war es Fili gewesen, der die entscheidende Idee gebracht hatte. Er erinnerte die Zwerge an das Lied, das Niemand bei ihrer Ankunft im Erebor gesungen hatte, in dem sie jedem der Zwerge aus der Gemeinschaft eine Strophe geschenkt hatte.

„Wieso schenken wir ihr nicht auch so etwas?“, hatte er gefragt. „Eine Erinnerung an jeden von uns?“

Und so war es beschlossene Sache. Dori hatte sich erboten, die Kette anzufertigen. Jeder einzelne Zwerg hatte einen Teil der Kette bezahlt, jeder einen Anhänger. Dori war jeden Abend bis tief in die Nacht gesessen, um für Niemand die perfekte Kette herzustellen. Als die Kette heute fertig geworden hat, hatte er sich mit der guten Nachricht sofort zu Kili aufgemacht, der daraufhin beschloss diese Kette am selben Abend noch Niemand zu überreichen.

Als die Zwerge Niemand jetzt sahen, zu überwältigt von Gefühlen, um noch zu sprechen wussten sie, dass es richtig gewesen war, was sie getan hatten.
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