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Niemand

von Auriel181
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Bofur Fili Gandalf Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
03.11.2020
13.05.2021
40
133.724
22
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Dieses Kapitel
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12.04.2021 3.794
 
Im Folgenden fettgeschriebene Zitate sind der Filmreihe Der Hobbit- Die Schlacht der fünf Heere, Jackson Peter. Warner. Bro. Pictures. Neuseeland 2014 entnommen.



Es dauerte nicht lange bis das Lager der Elben und Menschen in den Ruinen der Stadt Thal auftauchte. Zielsicher strebte Gandalf die Mitte der Stadt an, wo er das Zelt des Königs vermutete. Auf dem Weg dorthin kamen sie an den Flüchtlingen von Seestadt vorbei. Hohlwangige Menschen, ihre Gesichter gezeichnet von Grauen und Trauer. Sie warfen Gandalf misstrauische Blicke zu, die Zwergin aber sahen sie mit purem Hass in den Augen an. Niemand hielt sich dicht bei Gandalf, denn sie traute den Männern und Frauen durchaus zu, ihren Hass auf die Zwerge im Inneren des Berges an ihr auszulassen.

Du da.“ Gandalf zeigte mit dem Stab auf einen Mann ganz in Schwarz, in dem Niemand den ehemaligen Diener des Bürgermeisters erkannte. „Wo finde ich den Anführer dieser Stadt?“

Der Diener runzelte misstrauisch die Stirn. „Verschwinde alter Mann“, schnarrte er dann. „Wir haben schon zu wenig, um unsere eigenen Leute zu füttern, da können wir keine Vagabunden und Bettler brauchen.“

Gandalfs Gesicht wurde rot und er starrte mit finsterem Blick auf den Diener, der sogleich zwei Köpfe kleiner zu werden schien.

Mein Name ist Gandalf der Graue. Ich bin hier, um mit dem Anführer der Stadt zu sprechen und nicht, um mich als Vagabund oder Bettler beschimpfen zu lassen.“

In diesem Moment trat ein Mann von hinten an sie heran.

Mein Name ist Bard und wenn Ihr es so wollt, bin ich der Anführer dieser Stadt. Was verschafft uns die Ehre, von einem Zauberer besucht zu werden?“

Niemand warf einen misstrauischen Blick zu Bard, denn er war es tatsächlich, der sie angesprochen hatte. Er trug immer noch seinen Ledermantel, doch in seinem Gesicht konnte Niemand mehr Falten erkennen, als er vor dem Angriff des Drachen gehabt hatte. In der Hand trug er einen Sack mit Mehl, den er nun dem schwarzhaarigen Diener übergab, der nicht allzu zufrieden damit schien, als Laufbote eingesetzt zu werden.

Gandalf nickte gnädig. „Ich bin hier, weil ich Euch warnen muss. Euch und König Thranduil.“

Der Ernst, mit dem Gandalf diese Worte aussprach, überzeugte Bard von seinem Ziel. Er bat Gandalf, ihm zu folgen. Niemand hielt sich derweil hinter dem Zauberer, so dass Bard sie nicht gleich sehen konnte.

Der Bogenschütze führte Gandalf und Niemand zu einem großen Zelt, dessen eine Seite so weit geöffnet war, dass die drei Personen eintreten konnten. Auf der anderen Seite stand ein großer Lehnsessel, ähnlich eines Thrones, auf dem der König des Waldlandreiches saß, in der Hand einen Kelch mit Wein. Er sah auf, als er den Mensch, den Zauberer und die Zwergin eintreten hörte. Seine Augenbrauen schossen in die Höhe, als er Gandalf erkannte, doch der Ausdruck in seinem Gesicht blieb unlesbar. Seine hellblauen Augen musterten erst Gandalf, dann Niemand, die sich neben Gandalf gestellt hatte und seinen Blick trotzig erwiderte.

„Ah…“ begann Thranduil mit melodiöser Stimme zu sprechen. „Wenn das nicht die Zwergin mit der Stimme der Götter ist. Die auf mysteriöse Weise aus meinem Palast verschwand, nachdem auch ihre Freunde geflohen waren.“ Er sah auf ihre Brust. „Und ohne deine Kette wie ich sehe.“

Niemand verengte kampfeslustig die Augen und verschränkte die Hände vor der Brust. Sie senkte das Kinn, wie um den Elb herauszufordern, doch da trat Gandalf zwischen die beiden Kontrahenten.

Wir haben wichtigeres zu besprechen als den Verbleib einer Kette. Orks sind auf dem Weg hierher, eine riesige Armee, angeführt von Azog dem Schänder. Wir müssen uns bereit machen auf eine große Schlacht, bei der nicht weniger als das Schicksal von den Menschen von Seestadt und den Elben aus dem Waldlandreich auf dem Spiel steht“, begann er warnend, zu Bard und Thranduil sehend.

Der Bogenschütze wirkte geschockt, doch der Elb lächelte nur herablassend. Er stand auf, entkorkte eine Karaffe mit Wein und schenkte ihn in zwei Kelche, von denen er einen Gandalf, einen Bard reichte. Niemand bot er nichts an.

Wie ich sehe, seid Ihr nicht vertraut mit dem Umgang mit Zauberern, mein lieber Freund“, sprach er zu Bard. „Ihr müsst wissen, dass sie immer wie aus dem Nichts auftauchen und den Untergang der Welt prophezeien, ohne dass etwas dahintersteht. Sie sind mächtig und daher glauben sie, ihr Recht zu nehmen, die Geschicke der Welt zu beeinflussen.“

Gandalfs buschige Augenbrauen zogen sich zusammen, als er die offensichtliche Beleidigung in Thranduils Worten hörte. „Ich war dort. Ich habe ihre Armeen gesehen. Sie sind auf dem Weg und sie werden bald hier sein, ob Ihr das glauben wollt oder nicht, König Thranduil.“

Ihr wart dort, Gandalf? Nun, dann bitte, erzählt mir doch, wie Ihr von dort entkommen konntet und rechtzeitig kamt, um uns zu warnen?“ meinte der Elb spöttisch und nahm wieder auf seinem Thron Platz.

Die Geschichte wie ich entkommen konnte, ist hier nicht von Belang. Ihr müsst Eure Truppen verstärken Thranduil, sonst ist alles verloren.

Bard hatte das Gespräch verfolgt, ohne sich einzumischen. Er starrte nachdenklich in seinen Kelch, so als würde er dort die Antworten finden, die er brauchte. „Wenn es stimmt was Ihr sagt, Gandalf, dann ist es umso wichtiger, dass die Zwerge ihre Türen öffnen. Im Inneren des Berges werden wir sicher sein vor den Orks.“

Ein spöttisches Lachen erklang von Thranduil. „Wenn Ihr glaubt, dass die Zwerge jemals freiwillig ihre Türen für Euch und Eure Leute öffnen, dann liegt Ihr falsch, mein Freund. Es sind Zwerge, die ihr Gold beschützen. Ihr habt selbst gehört, was sie sagten. Sie würden eher sterben, als auch nur eine einzige Münze herauszugeben.“ Der Elb warf einen Blick zu Niemand, die ihn finster anstarrte. „Zwerge sind sture Kreaturen, die nur eine einzige Sprache verstehen: Die des Schwertes. Wenn Ihr tatsächlich Zuflucht im Inneren des Berges finden wollt, dann müsst Ihr sie Euch mit Waffengewalt erkaufen.“

Bei seinen Worten zuckte Niemand zusammen, eine Geste, die dem König der Elben nicht entging. Sein spöttischer Blick ruhte auf der Zwergin, doch er sagte nichts.

„Es muss keinen Krieg zwischen Elben, Menschen und Zwergen geben. Lasst mich noch einmal mit Thorin reden. Ich kann ihn davon überzeugen, wie närrisch seine Taten sind. Er wird zuhören“, versuchte es der Zauberer nun auf eine andere Art. Dieses Mal war es Bard, der den Kopf schüttelte und knurrte: „Man kann mit ihm nicht reden, Meister Gandalf. Ich habe es versucht, doch er hörte mir kaum zu. Er ist davon überzeugt, dass der Berg und alles was sich darin befindet, sein Geburtsrecht ist. Er wird uns eher alle sterben sehen als dass er uns die Tore öffnet oder uns gibt, was uns rechtmäßig zusteht.“ Dann sah er nachdenklich zu Niemand. „Aber vielleicht können wir seine Gefährten überzeugen. Zumindest eine von ihnen scheint die Sinnlosigkeit seiner Taten zu verstehen.“

„Nein, Bard. Die Zwerge folgen ihrem König bis zum bitteren Ende. Sie würden niemals gegen seinen Willen handeln, egal wie grausam und sinnlos seine Taten auch sein mögen“, seufzte Gandalf, dann nippte er an seinem Wein.

Das war der Moment, an dem Niemand das Zelt verließ. Sie war hier nicht von Nutzen. Gandalf war ein Narr, wenn er glaubte, dass sie hier irgendetwas ausrichten konnte. Ihre Anwesenheit wurde so gut wie nicht zur Kenntnis genommen und ihre Meinung noch viel weniger. Niemand stellte sich vor das Zelt und ließ ihren Blick wandern, bis er auf dem Einsamen Berg zu ruhen begann, wo die Zwerge sie sicher schon verfluchten. Sie würden in ihr eine Verräterin sehen, eine Zwergin, die sich gegen ihr eigenes Volk stellte und floh, sobald die Sache schwierig wurde.

Sie konnte nicht wissen, dass die Zwerge genau das Gegenteil von ihr dachten.

Und hätte sie es gewusst, hätte sie es geglaubt? Hätte sie es glauben wollen? Schwer wogen ihre Taten auf ihrer Seele, obwohl sie die Zwergin, die sie einst gewesen war, in dem Berg zurückgelassen hatte.

Keiner von ihnen hatte das Schicksal verdient, das sie erwartete, wenn Thorin nicht von seinem Pfad abließ.

Gandalf kam aus dem Zelt. Seine finstere Miene verriet, dass er bei den beiden Anführern keinen Erfolg gehabt hatte.

„Narren!“ schimpfte er laut. „Alles Narren. Die Orks werden kommen und sie werden die Elben und Menschen überrennen. König Thranduil ist zu vergraben in seinem Hass auf die Zwerge, als dass er die Wahrheit sehen will. Und Bard will nur endlich das ihm versprochene Gold, auf dass sein Volk ein neues Leben anfangen kann. Eine noble Aufgabe, aber sinnlos im Angesicht dessen, was uns bevorsteht. Wenn sie nicht handeln, wird es kein Volk der Menschen mehr geben“, knurrte der Zauberer. Dann drehte er sich zu Niemand, die neben ihm stand und ihn fragend ansah. „Doch sie haben zugestimmt, mich noch einmal mit Thorin reden zu lassen. Auch wenn sie meiner Mission keinerlei Chance auf Erfolg einräumen.“ Gandalf seufzte. „Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich ihnen Recht geben, doch sind wir es ihnen nicht schuldig, es zumindest zu versuchen?“

Er begann davon zu marschieren, in ausladenden Schritten, den Stab fest in der Hand. Niemand erkannte, dass sein Stab anders aussah als vor seinem Verschwinden, doch sie sagte nichts. Niemand hatte ihre liebe Not ihm mit ihren kurzen Beinen zu folgen. Beinahe schon musste sie rennen, um mit dem Zauberer Schritt zu halten.

Es dauerte etwa eine Stunde, bis Niemand und Gandalf sich in Rufweite des Berges befanden. Beide blieben davor stehen, wobei Gandalf kopfschüttelnd auf die Mauer starrte. „Narren…“ murmelte er zu sich selbst. Niemand, die die Mauer schon kannte, suchte kurz, dann erblickte sie Bombur, der auf der Mauer auf und ab ging, den Blick immer wachsam auf die Ebene vor dem Berg gerichtet. Thorin hatte offenbar beschlossen, Wachen aufzustellen, um nicht erneut von einem Elbenheer überrascht zu werden. Er blieb stehen, als er Gandalfs und Niemands gewahr wurde.

„Es ist schön, dich bei guter Gesundheit anzutreffen, Bombur. Ich befürchtete schon das Schlimmste, als ich von dem Ende des Drachen Nachricht bekam“, rief Gandalf auf die Mauer hinauf. „Würdest du so nett sein und Thorin holen? Ich habe Neuigkeiten, die ihn vielleicht interessieren.“

Der dicke Zwerg nickte, dann ging er, so schnell er konnte die Treppen hinab, um den König unter dem Berge zu holen.

Es dauerte nicht lange, dann betrat der König unter dem Berge die Mauer. Seine Gefährten folgten ihm allesamt und stellten sich an der Brüstung auf. Niemand konnte deutliche Überraschung und auch Schmerz in ihren Gesichtern erkennen, aber weder Wut oder Ablehnung, wie sie es sich erwartet hätte. Wenn, dann stand in ihren Augen eher so etwas wie… Hoffnung?

Nur der König unter dem Berge war es, der Gandalf und Niemand abweisend, beinahe hasserfüllt ansah.

„So kommen sie also wieder, der Zauberer und die Zwergin. Verräter an ihrem eigenen Volk und an der Gemeinschaft, die sie einst schworen zu beschützen.“ Der erste Teil war offensichtlich an Niemand gerichtet, der zweite an Gandalf. Niemands Gesicht verdüsterte sich bei seinen Worten, doch Gandalf blieb hart.

„Wir sind keine Verräter, Thorin. Wir sind hier, weil wir euch warnen wollen. Ein Heer von Orks ist auf dem Weg hierher. In wenigen Tagen wird es eintreffen und euch alle überrennen, wenn ihr eure Feindschaft mit den Elben und den Menschen nicht beilegt und zusammen mit ihnen an einer Front kämpft.“

Doch der König unter dem Berge lachte nur, ein kaltes, hasserfülltes Lachen. „Lass mich raten, Gandalf. Du willst, dass wir den Elben und Menschen unsere Tore öffnen, sie in die Sicherheit des Berges lassen, damit sie sich nehmen können, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht? Meine Antwort bleibt dieselbe, die auch Bard zu hören bekam. Keine Münze wird diesen Berg verlassen und weder Elben noch Menschen werden ihn je betreten.“

„Du bist ein Narr, Thorin Eichenschild. Ein Narr, wie es dein Großvater vor dir war. Auch er war besessen von seinem Reichtum, der ihn die Wahrheit nicht mehr sehen ließ. Für ihn gab es nur das Gold. Er hätte alles getan, um es zu beschützen, sogar wenn es hieße, sein eigenes Volk dafür zu opfern. Ich bitte dich Thorin, als dein Freund, lasse ab von diesem Pfad. Verbünde dich mit den Elben und Menschen, denn nur gemeinsam habt ihr eine Chance, gegen Azog und seine Armee zu bestehen.“ Bei der Erwähnung des Todfeindes der Zwerge entstand aufgeregtes Gemurmel, das jedoch von Thorin bald unterbunden wurde.

„Und wer beweist mir, dass deine Worte der Wahrheit entsprechen? Wer sagt mir, dass deine Aussage nicht eine List ist, damit die Seestädter endlich Zugang zu dem Gold bekommen? Oder Thranduil zu seiner Kette, auf die er seit Jahren wartet? Die Kette ist übrigens zerstört, das könnt ihr ihm sagen“, fügte er noch spöttisch hinzu, einen Blick zu Niemand werfend.

Gandalfs Augenbrauen zogen sich bei den Worten des Königs unter dem Berg zusammen und er trat vor, um dem Zwerg gehörig die Meinung zu sagen, doch dieses Mal war Niemand schneller.

„Wie können du es wagen!“ schrie sie hinauf, mit aller Kraft, die sie dank ihrer Wut in sich hatte. „Wie können du es wagen, Gandalf Lügner zu nennen! Ich sein vielleicht Verräterin, ja, aber Gandalf niemals lügen. Er versuchen zu helfen. Ich versuchen zu helfen. Aber du blind, so blind. Ihr alle blind. Ich nicht wollen, dass ihr sterben. Ihr sein mein Stamm, meine Familie. Doch ihr werden sterben, alle von euch. Wenn Gandalf sagen, Orks kommen, dann Orks kommen. Und Orks euch vernichten. Keine Mauer, kein Berg, nichts sicher. Ich verlassen weil ich nicht mehr kann. Ich versuchen, ich versuchen aber keiner hören zu. Mir hören nicht zu, Bard hören nicht zu, Gandalf hören nicht zu. Ich hoffen, ihr euch erfreuen an Gold, denn bald es sein das einzige, was euch noch geblieben ist.“ Niemand holte tief Luft, dann kam noch ein letzter Satz. „Ich hoffe, ihr an Gold ersticken, wenn ihr es einmal werdet essen weil es das letzte ist, das ihr noch haben.“

Gandalf an ihrer Seite seufzte schwer. Er legte Niemand, die heftig atmete und mit den Tränen rang, eine Hand auf die Schulter. „Es ist jetzt genug, Niemand. Es ist alles gesagt. Wir können hier nichts mehr tun.“

„Ich hoffe, dieses Gold war all das Leid wert, das ihr bald erfahren werdet. Es klebt Blut an jeder einzelnen Münze, das Blut von Zwergen, von Menschen und auch von Elben. Vergesst das nicht“, rief der Zauberer zu den Zwergen hinauf.

Dann drehten er und Niemand sich um und verließen die Zwerge, übergaben sie ihrem Schicksal, das sie selbst ausgewählt hatten.

Zurück in dem Lager der Menschen begab sich Gandalf sofort wieder in das Zelt von Thranduil, während sich Niemand einen Platz in einer Ecke der Ruine eines Hauses suchte. Dort war der Boden trocken und der sie war vor dem eisigen Wind geschützt, der aufgekommen war.  Niemand zog die Beine an, schlang ihre Hände darum und legte traurig ihren Kopf auf die Knie. Anschließend gab sie sich dunklen Gedanken hin.



Es wurde Abend und Niemands Magen begann leise zu knurren. Sie hatte seit zwei Tagen nichts gegessen und langsam fühlte sie die Auswirkungen ihres Hungerns. Sie hatte Gandalf seit ihrem vergeblichen Treffen mit den Zwergen nicht mehr gesehen, doch sie vermutete, dass er sich immer noch in dem großen Zelt befand. Niemand beschloss, dort nach ihm zu suchen. Sie wusste nicht, wie gastfreundlich sich die Menschen ihr gegenüber verhalten würden, aber einem Zauberer würden sie keine Bitte abschlagen.

Vor dem Zelt konnte Niemand bereits aufgeregte Stimme hören. Drei davon kannte sie, aber die vierte… Ohne Umschweife betrat sie das Zelt und musste sofort geblendet die Augen schließen.

Eine Hand als Blendschutz vor die Augen haltend betrat sie das Zelt vollständig. Sie konnte Gandalf, Thranduil und Bard ausmachen, die im Halbkreis um einen Tisch in der Mitte des Zeltes standen. Auf dem Tisch befand sich ein weißer Stein, von dem auch das Licht ausging. Es war aber kein gewöhnlicher Edelstein wie sie zu hunderten in dem Berg herum lagen. Es war ein Stein, gefüllt mit purem Mondlicht. Er strahlte eine Kraft aus, die alles andere in den Schatten stellte.

Es war der Arkenstein.

Das Herz des Berges, den Stein den die Zwerge seit Tagen vergeblich suchten. Er lag direkt hier vor ihnen und daneben stand kein anderer als der Hobbit Bilbo Beutlin. Er wirkte alles andere als glücklich als er auf den Stein starrte.

In Niemand kam ein Gedanke hoch. „Du haben Stein gehabt. Die ganze Zeit…“ murmelte sie und Bilbo nickte traurig. „Ich habe lange überlegt, was ich mit ihm machen soll. Ich weiß nun, dass er das einzige ist, das Thorin von dem Pfad abbringen kann, den er einschlägt. Wenn er sieht, dass ihr den Arkenstein besitzt, wird er euch zuhören und ihn freikaufen wollen. Er wird die Tore zum Berg öffnen und euch geben, was ihr verdient.“

Die drei Männer sahen mit großen Augen fasziniert auf den leuchtenden Stein. Niemand konnte nicht länger auf den Stein starren. Seine Helligkeit brannte in ihren Augen und ließ sie tränen. Niemand rieb sich die Augen, als sie eine kleine Berührung an ihrem Ellbogen fühlte. Sie öffnete die Augen und sah Bilbo, der sich an ihre Seite gestellt hatte, während die drei Männer berieten, wie man den Arkenstein am besten einsetzen konnte. Der Hobbit warf einen wachsamen Blick zu den drei Männern, dann wisperte er ihr etwas zu. „Verlass die Stadt. Links davon ist eine Gruppe Bäume, von denen einer in der Mitte gespalten ist. Dorthin sollst du gehen.“

Als er geendet hatte nickte der kleine Hobbit Niemand kurz zu, dann stellte er sich wieder zu Gandalf und starrte düster auf den Arkenstein. Niemand wusste, wie er sich fühlte. Er hatte das Richtige getan, aber das richtige tun hieß nicht immer, dass man es auch so fühlte. Er war ein Verräter, von dem Zeitpunkt an als er den Arkenstein zwar gefunden ihn aber nicht ausgeliefert hatte. Niemand verstand nun, warum er immer nur halbherzig gesucht hatte, warum er seinen Mantel nie außer Sichtweite gelassen hatte, warum er immer so ausgesehen hatte, als wolle er ihr ein Geheimnis anvertrauen, es aber am Ende doch nicht getan hatte. Bilbo hatte eine schwere Bürde tragen müssen und sie würde nicht leichter werden in den Tagen, die nun kommen mussten.

Niemand sah sich um, doch keiner der Anwesenden schien sie zu bemerken oder sich um sie zu kümmern. Diesen Umstand nutzt Niemand, um unbemerkt aus dem Zelt zu verschwinden. Sie wusste nicht, was sie dort erwarten würde oder was sie sich erwartete, aber ein kleiner Teil von ihr, der letzte Nachhall der Zwergin von einst, sehnte sich danach, es herauszufinden.

So folgte sie Bilbos Anweisungen. Sie verließ die Stadt und fand auch bald die Gruppe mit Bäumen, von denen einer in der Mitte gespalten war. Es war bereits finster geworden, doch der Mond war voll und beleuchtete die Gegend genug, dass Niemand die Umrisse einer Figur ausmachen konnte, die in der Nähe auf einem Stein saß und in die Ferne starrte.

Die Person stand auf, als sie Niemands Schritte hörte. Der Mond beleuchtete die blonden Haare des Zwerges. Es war Fili.

Niemand blieb stehen, als sie ihn sah. Ihr Mund wurde trocken und ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Obwohl sie die Zwergin von einst hinter sich gelassen hatte, war offenbar noch genug von ihr vorhanden, um eine Reaktion hervorzurufen, als sie ihn sah. Erinnerungen tauchten vor ihrem geistigen Auge auf, von der Nacht als er ihr die ersten Worte beigebracht hatte, von ihrem ersten Kuss, ihrer ersten Liebesnacht… Erinnerungen, die gleichzeitig so nah und doch so fern waren. Auch Fili war stehen geblieben und sah Niemand aus unergründlichen Augen an. Den Ast, mit dem er in der weißen Substanz herumgestochert hatte, ließ er achtlos neben sich fallen.

Niemand holte tief Luft, wappnete sich gegen das, was gleich passieren würde.

„Was du hier tun?“ fragte sie, so neutral wie möglich.

„Ich musste dich sehen“, antwortete Fili, ebenso neutral wie Niemand.

„Warum?“ fragte Niemand.

„Weil ich dich bitten will, nach Hause zu kommen. Der Erebor ist nicht mehr derselbe, seit du nicht mehr da bist. Alle reden nur noch vom Krieg und von ihrem Hass auf die Elben und die Menschen von Seestadt. Thorin verbringt die meiste Zeit allein in seinem Thronsaal oder in der Halle mit dem Gold. Der Erebor hat sein Leben verloren.“ Fili war ein bisschen nähergekommen, doch der Abstand war immer noch groß. Zu groß.

Traurig schüttelte Niemand den Kopf. „Erebor nicht haben Leben verloren. Erebor nie hatte Leben. Erebor nur haben Gold.“

„Umso wichtiger ist es, dass wir ihm wieder Leben geben, Niemand. Wir alle. Wir können es schaffen, wenn wir nur zusammenhalten. Wir werden meinen Onkel davon überzeugen, die Tore zu öffnen und gegen die Orks zu kämpfen. Er muss einfach die Wahrheit erkennen. Wir können es schaffen, Niemand, gemeinsam! Komm nach Hause, bitte“ flehte der blonde Zwerg Niemand an, doch diese blieb stehen, wo sie war, und kam nicht näher.

„Nein, Fili. Erebor ist nicht mein zuhause. Erebor ist krank. Er machen Thorin krank, er machen euch alle krank. Alle wissen es, aber keiner etwas tun. Ich kann nicht bleiben bei Leuten, die sich weigern zu sehen. Ich liebe euch, alle, aber ihr so blind und ich nicht können euch machen sehen. Ich habe versucht, jeden Tag, aber ich zu schwach. Ich kann nicht stehen daneben wenn ihr alle gehen in sinnlosen Krieg und sterben sinnlosen Tod.“

Nun überwand Fili die Distanz, die zwischen ihnen herrschte, doch. Mit zwei schnellen Schritten war er bei Niemand und hatte ihre Hände in seine genommen. Flehend starrte er Niemand an. „Niemand, alles, was zwischen uns war, zwischen uns ist, bedeutet dir das denn gar nichts? Fällt es dir denn so leicht, uns zu verlassen nach allem, was geschehen ist?“

„Fili…“ seufzte Niemand. „Was wir haben, hatten, so schön. Zeit bei euch schönste Zeit in meinem Leben. Zeit ohne euch ist wie Leben ohne Licht. Aber ich nicht können bleiben. Es zu viel. Thorin tot, nur noch dieses Monster aber ihr nicht sehen. Ihr bleiben in eurem Berg, versteckt hinter der Mauer. Ich wollen leben, nicht verstecken. Was ihr machen, falsch. Ich will nicht leben Lüge. Ich versuchen, es euch zu zeigen, aber ich es nicht schaffen. Deshalb ich gehen. Gehen das schwerste, was ich jemals haben getan. Aber es sein der einzige Weg.“

Tränen schimmerten in den Augen des Zwerges, als er noch einen Schritt näher an sie herantrat und seine Stirn auf ihre legte. Niemand lehnte sich in die Geste, erlaubte sich noch einen letzten Moment der Schwäche, bevor alles enden musste.

„Ich liebe dich, Niemand“, kam es geflüstert von Fili. „So, so sehr.“

„Ich euch nie vergessen. Ihr mein Stamm, meine Familie. Werden immer bleiben, egal was Zukunft bringen.“ Dann löste sich Niemand von ihrem Freund. Eine einzelne Träne rann ihre Wange herab, doch sie schaffte es, nicht zu weinen.

Fili sah sie traurig an, dann wandte er sich mit einem Ruck von ihr ab und ging langsamen Schrittes zurück zu dem Einsamen Berg.

Niemand sah ihm noch lange hinterher.
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